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Aus dem Geschlecht der Byge - Erster Band

Laurids Bruun: Aus dem Geschlecht der Byge - Erster Band - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleAus dem Geschlecht der Byge - Erster Band
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
printrunErstes bis sechstes Tausend
year1918
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070809
projectida05ba561
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11

Die Witwe Severine Jensen war eine kugelrunde, gutmütige Dame aus der Provinz. Sie verdiente Miete und Kost für sich und ihren siebzehnjährigen Sohn, der Lehrling war, indem sie Pensionäre hielt. Der Mann war Beamter gewesen und hatte ihr nichts weiter als die spärliche Witwenpension und dann den Jungen hinterlassen.

Frau Jensen trug meistens ein bekümmertes Gesicht zur Schau und sprach immer vom Geld und Preisen. Nur wenn sie im Kreise ihrer jungen Pensionäre saß und zu einer extra Tasse Kaffee eingeladen war, die Agnete Grönvold von eigenen Kaffeebohnen braute, dann taute sie schnell auf und war bald die Heiterste von allen.

Wenn sie am Abend ihren Sohn zu Bett geschickt hatte, den sie mit mütterlicher Strenge erzog, kam es vor, daß sie kleine gewagte Geschichten aus ihrem Provinzleben zum besten gab, von den heimlichen Umtrieben der Garnisonleutnants und von anderen Dingen, wobei sie mit einem Seitenblick auf Agnete, die augenblicklich die einzige Dame im Pensionat war, prüfte, wie weit sie in ihrem Bestreben, die jungen Leute zu amüsieren, wohl gehen könne.

Svend machte einen sehr günstigen Eindruck auf Frau Jensen. Das Zimmer wurde besehen – es war geräumig und lag nach der Straße hinaus. Einige überflüssige Möbel wurden entfernt und ein wackliger Schreibtisch an ihre Stelle gesetzt. Der Preis wurde vereinbart – er wurde sogar etwas herabgesetzt, als Svend eine bedenkliche Miene machte, und die Sache war in weniger als zehn Minuten geordnet.

Svend konnte gleich einziehen. So viel Interesse hatte Svend für die neue Bekanntschaft des Abends gefaßt, an die er die ganze Nacht hatte denken müssen, daß er den halben Monat, den er schon für sein Dachstübchen bezahlt hatte, fahren ließ. Svend hatte Agnete nicht zu Gesicht bekommen, als er mit Frau Jensen verhandelte; und er hatte nicht nach ihr fragen wollen, um sie nicht in ein falsches Licht zu bringen, obgleich er vor Neugierde brannte.

Als er aber nach einigen Stunden mit einem Dienstmann, der sein ganzes Hab und Gut auf einer Karre brachte, zurückkehrte, erzählte Frau Jensen unaufgefordert, daß er eine entzückende junge Dame als Nachbarin habe, die mit einem schlechten Menschen verheiratet gewesen, jetzt aber, Gott sei Dank, geschieden sei.

»Es geht überhaupt so gemütlich und lustig bei uns zu,« fügte sie hinzu, indem sie ihre Schürze in anständige Falten strich.

Erst beim Mittagessen traf er Frau Agnete.

Sie saß zwischen einem dunkelhaarigen, flotten, Kneifer tragenden Herrn – stud. med. Graulund – und einem kleinen, schmalschultrigen, blassen, glattrasierten Jüngling, der sehr nervös war; beim geringsten Geräusch zuckte es über seinen feingezeichneten Augenbrauen. Das war der »Philosoph«, wie Frau Agnete ihn getauft hatte, Franz Erichsen, angehender Philologe und Politiker.

Dann war da noch ein theologischer Kandidat und ein Assistent im Ministerium.

Svend bekam seinen Platz Agnete gegenüber angewiesen. Sie war heute in einem einfachen Tuchkleid, das ihre runden Schultern und die feste Brust stramm umschloß.

Während des Essens war sie viel zurückhaltender gegen Svend als am vorhergehenden Abend; und Svend hätte glauben können, daß sie ihre Offenherzigkeit bereits bereue, wenn nicht hin und wieder ein verstohlener Blick in den dunklen Augen ihr Interesse verraten hätte.

Nachdem die Herren ihn eine Weile unter zurückhaltendem Schweigen betrachtet und zu ergründen versucht hatten, welcher Art die Bekanntschaft zwischen ihm und Agnete sei, forderte die Jugend ihr Recht.

Unter Necken und Scherzen wurde dem neuen Mann mit der stolzen Haltung, dem blonden, hochgekämmten Haar und den großen jugendlichen Augen auf den Zahn gefühlt; er gab schnell und keck Bescheid, so daß der Kontakt bald zustande kam.

Als man sich nach beendigter Mahlzeit erhob, wurde er mit den anderen auf Graulunds Zimmer gebeten, wo es zur Feier des Tages einen Kognak zum Kaffee gab.

Agnete war jetzt munter und ungeniert, ganz wie gestern abend. Sie saß auf dem Sofa, rauchte Zigaretten und trank Kognak.

Es war ein richtiges radikales Nest, in das Svend hereingeplumpst war.

Sowohl Graulund wie der Philosoph betrachteten es als eine selbstverständliche Pflicht, jeder Parole, die von dem Generalkommando des heimatlichen Radikalismus ausging, zu folgen, ebenso wie mehrere von Svends Kameraden aus den reaktionären Kreisen es als eine Ehrensache ansahen, sich jede neue Weste, die ihr erstklassiger Schneider ihnen vorlegte, anzuschaffen.

Sie hatten einen wachen und kritischen Blick für die Schwächen ihrer Mitmenschen, die beim Kaffee mit beißendem Witz verhandelt wurden.

Wenn sie aber auch über die führenden Personen herzogen, und über Eitelkeit, Kleinlichkeit und gegenseitigen Brotneid spöttelten – die Dogmen verhöhnten sie nicht, auf die müsse man schwören, wenn man nicht für einen Obskuranten, Ignoranten oder Reaktionär gehalten werden wollte.

Zu Anfang verteidigte Svend seine Ansichten; er verfocht politischen Konservatismus, den Dreiklang in der Kunst: die begründete Harmonie des Guten, des Schönen und des Wahren, und was der Konstruktionen mehr waren, deren Gründlichkeit er nie persönlich untersucht, sondern als Überlieferung auf Treu und Glauben hingenommen hatte.

Svends Konservatismus erweckte eine ungeheure Heiterkeit, einen sprudelnden Hohn, besonders bei dem Philosophen, der hinter seinem schmächtigen Äußeren eine spitze und blitzende Intelligenz verbarg.

Svend schämte sich, in diesen Scharmützeln hinter seiner Zeit zurückzustehen; was den allmählichen Umschlag in seinem Gemüt aber mehr als alles andere beschleunigte, war der lebhafte Anteil, den Agnete an den Diskussionen nahm und ihre unbedingte Parteinahme für die Ansichten der anderen. Oft wenn er sie eifrig und mit rotem Kopf auf seine Seite zu ziehen versuchte, begegnete ihm ein ärgerlicher Blick aus ihren dunklen Augen, der ohne Umschweife ganz weiblich sagte:

»Tun Sie doch nicht so alt und vernünftig! – Wenn man jung ist, muß man auch auf Seite der Jugend sein. Dort gehöre ich hin. Dort gibt es Freiheit und Lebensfreude; und wollen Sie mir gefallen, dann müssen Sie jung, das heißt radikal wie wir anderen sein.«

 

Svend hatte noch keine vierzehn Tage bei Frau Severine Jensen gewohnt, als er bis über beide Ohren in Agnete Grönvold verliebt war.

Wenn er in seinem Zimmer saß, lauschte er auf ihre Schritte. Sein Herz klopfte heftig, wenn er sie des Abends zu Bett gehen hörte.

Er erwartete sie, wenn sie in Gesellschaft gewesen war, um das Vergnügen zu haben, ihr die Tür aufzuschließen und ihre Augen strahlend auf sich gerichtet zu sehen, während sie ihm kameradschaftlich die Hand drückte.

Er vermied seine frühere Geselligkeit, um immer in ihrer Nähe zu sein und keine der gemeinsamen Mahlzeiten zu versäumen. Nur wenn er wußte, daß sie nicht zu Hause war, ging er aus.

Und doch war etwas in ihrem Wesen, das ihn im tiefsten Innern abstieß. Er wußte nicht, was es war, leugnete es vor sich selbst, und das Bemühen, es zu betäuben, machte das Verlangen nach ihr nur noch heftiger.

Lange schien sein Werben hoffnungslos zu sein. Wenn er ehrlich sein wollte, konnte er sich keiner Bevorzugung in ihrer Gunst vor den anderen rühmen. Eher schien es, als zöge sie Graulund vor, den sie am längsten gekannt hatte und dessen keckes, schlagfertiges Wesen sie oft ausgelassen heiter machte.

Eines Tages in der Dämmerung war es so still in ihrem Zimmer, daß er glaubte, sie sei ausgegangen. Als er von dem Gedanken an sie erfüllt im Zimmer hin und her schritt und vielleicht ihren Namen laut vor sich hin gesagt hatte – da klopfte es an seine Tür und sie stand im Halbdunkel plötzlich vor ihm. Die Hand auf dem Drücker, bat sie ihn um ein Buch, von dem er gesprochen hatte.

Sein Herz schlug heftig in einer unerklärlichen Angst und einem unerklärlichen Jubel.

Mit zwei Schritten war er an ihrer Seite. Er hatte keine Zeit, ihre Frage zu beantworten; denn indem er auf sie zuging und ihre glühenden Wangen sah – als er ihrem Blick begegnete, der glänzender war als sonst und doch so seltsam fern und dunkel, da war mit einem Mal jeder Gedanke aus seinem Gehirn wie fortgeblasen.

Er wußte später nicht, wie es zugegangen war; aber im nächsten Augenblick lagen seine Arme ihr um Taille und Nacken. Mit geschlossenen Augen, deren Lider in Selbstvergessenheit zitterten, preßte sie ihren heißen Mund so voll und fest auf seinen, daß es war, als hinge sie mit ihrem ganzen Körper an seinen Lippen.

Sie wurden durch ein Geräusch an der Flurtür geweckt und verstanden beide, daß es Frau Jensen sei, die nach Hause kam, um das Abendessen herzurichten.

Er zog sie hastig tiefer ins Zimmer hinein und schloß die Tür ab. Dann vergaßen sie Mund auf Mund Zeit und Stunde.

Svend hatte nur geringe Erfahrung in erotischen Dingen; was er wußte, verdankte er nächtlichen Abenteuern, deren er sich Tags darauf schämte.

Darum kam dieser erste, echte Liebeskuß wie eine Offenbarung zu ihm. Er berührte den Naturboden in ihm, er fühlte sich plötzlich viel erwachsener und trotzdem so froh wie ein Kind. Alle wohlbekannten Dinge um ihn her wurden plötzlich viel wirklicher, viel persönlicher.

Da sie älter war als er, und die aus der Ehe Erfahrene, so führte ihr Verhältnis gleich zu voller Hingabe.

Schon am nächsten Abend, als er bebend wach lag und auf ihre Atemzüge hinter der Tür, die sie trennte, horchte, da hörte er, nachdem jeder Laut im Hause verstummt war, ein leises Klirren am Schlüsselloch. Ein Schlüssel wurde vorsichtig ins Schloß gesteckt und umgedreht; die Tür wurde langsam geöffnet und im Halbdunkel stand sie in ihrem langen, weißen Nachthemd da.

Jubelnd und berauscht streckte er die Arme nach ihr aus, doch wagte er es nicht, ihren Namen zu rufen. Sie nahm sich noch die Zeit, die Tür sorgsam zu schließen und die Portiere, die sie verdeckte, zurechtzuziehen, dann schlüpfte sie zu ihm über den Teppich.

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