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Aus dänischer Zeit

Charlotte Niese: Aus dänischer Zeit - Kapitel 1
Quellenangabe
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typenarrative
authorCharlotte Niese
titleAus dänischer Zeit
publisherVerlag von Fr. Wilh. Grunow
seriesGrunows Bücher für frohe und ernste Stunden
volumeI. Band
printrun13.?22. Tausend
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Unsere kleine Stadt

Fremde werden heute die kleine weltvergessene Stadt wahrscheinlich sehr langweilig finden, wenn sie durch irgendeinen Zufall dorthin verschlagen werden sollten. Wir Kinder aber fanden an unserem Wohnorte nichts auszusetzen. Wohl waren die Häuser krumm gebaut, mit verzogenen Giebeln und windschiefen Schornsteinen; aber wir wußten von jedem, der darin wohnte. Wir kannten den Besitzer, seine Frau, seine Kinder, wir wußten, wo ein Kleines geboren, wo eins gestorben war, und an allem nahmen wir teil. Wir wußten sehr gut, wie es war, wenn man auf den Zehen in ein halbdunkles Zimmer trat, um in eine verhängte Wiege zu blicken. In dieser Beziehung bildeten wir uns auf unser sachverständiges Urteil etwas ein; denn auch bei uns kam der Storch aller zwei Jahre, und wir wußten genau, wieviel »es« wiegen mußte. Dafür sorgte mein ältester Bruder, der jedesmal, sobald ihm das Familienereignis bekannt geworden war, mit einer altmodischen Wage, einem sogenannten »Besemer«, in die Wohnstube huschte und zur Verzweiflung der Wärterin nicht eher fortging, bis »de oll Lütt«, so hieß das Jüngste immer, gewogen war. Unser Ältester begründete seine Forderung damit, daß die Jungen in der Schule doch wissen müßten, wieviel der kleine Bruder an Gewicht mitgebracht hätte. Bei uns kamen nämlich meistens Jungen, und als einer meiner Brüder einmal gefragt wurde, wieviele Kinder sie wären, antwortete er: Acht Jungens; einer davon ist ein Mädchen!

Aber wenn wir die Freude über einen neuen Bruder gut kannten und auch mit anderen über ihre neugeborenen Geschwister uns freuen konnten, so wußten wir doch auch, wie es war, wenn ein ernsthafter Gast in ein Haus einkehrte. Fahl brannten die Lichter in dem verhängten Gemach, und der Schläfer lag so merkwürdig still und unerweckbar vor uns. Früher hatte er vielleicht mit uns gespielt, oder wenn es ein erwachsener Mensch war, hatte er uns vielleicht einmal ausgescholten oder aus seinem Garten gejagt; oder er war gut gegen uns gewesen. Und nun war er so weit von uns fortgegangen, so unheimlich weit, und wir sahen ihn voller Staunen, aber auch voller Interesse an, um nachher wieder leichten Herzens in den hellen Sonnenschein hinauszulaufen und darüber zu sprechen, ob es wohl einen Leichenschmaus oder zwölf Sorten Kuchen geben würde. Denn es war in unserem Städtchen wie in den umliegenden Landgemeinden Sitte, eine Beerdigung als eine Festlichkeit anzusehen, bei der die Überlebenden das Andenken des Gestorbenen durch eine großartige Magenüberladung feierten. Je wohlhabender das Haus war, worin einer gestorben war, desto mehr Kuchen wurden gebacken, und desto mehr Menschen mußten dann beschenkt werden. Der Arzt, der den Kranken glücklich zu Tode kuriert hatte, bekam mehrere Torten ins Haus geschickt; aber auch der Pastor und der Justizbeamte erhielten ihr Teil. Eine große Beerdigung wurde also in weiteren Kreisen gefeiert, und die Kuchen, die man dazu buk, wurden von vielen Leuten gegessen. Da war es kein Wunder, wenn manche ehrgeizige Hausfrau noch auf dem Totenbette seufzte: Kinners, Kinneis, lat de Rosinen doch jo nich in de Halfmahn Halbmond, eine Art Stollen. vergeten warrn!, und daß der sterbende Ehemann, der nach seiner Frau schickte, um von ihr Abschied zu nehmen, die Antwort erhielt, sie könne unmöglich kommen, sie habe zu viel mit dem Backen zu tun. Und wie lustig sangen die Schulknaben ihren Choral, wenn sie paarweise vor dem Sarge herschritten! Sie wußten, daß es nachher Wein und Kuchen für sie gab, oft auch noch Geld, wenn es eine besonders »große« Leiche gewesen war! Einen Leichenwagen gab es bei uns nicht; auf einer Bahre oder an großen Gurten wurde der Sarg getragen, und die Träger wechselten mehrere Male. Da nun der Kirchhof mitten in der Stadt lag, und der Leichenzug, woher er auch kam, immer einige Straßen durchwandern mußte, so war es sehr interessant, zu beobachten, vor welchen Häusern der Sarg hingesetzt wurde, um die Träger zu wechseln. Denn, so sagten alle Dienstmädchen, in dem Hause, vor dem der Sarg ausruhte, würde die nächste Leiche sein. Nun war aber die Straße sehr breit, und dann befanden sich an beiden Seiten Häuser, so daß es nicht allein sehr schwer war, genau den Platz zu bestimmen, wo die verhängnisvolle Last hingesetzt wurde, sondern es blieb auch immer noch die Wahl zwischen zwei sich gegenüberliegenden Häusern. Da war also der Vermutung und der Phantasie reichlicher Spielraum gegeben, und wir Kinder benutzten das eifrig, unterstützt von dem Geschwätz der Dienstmägde.

Es herrschte überhaupt ein ungeheurer Aberglaube in den niederen Kreisen der Bevölkerung, und selbst die Gebildeten konnten sich dem Einfluß dieser oder jener wahnwitzigen Behauptung nicht immer entziehen. Und doch sah die Stadt mit ihren breiten Straßen, ihrer hochgelegenen Kirche, die der Friedhof umgab, so ungemein prosaisch aus! Da waren keine dunkeln Winkel, keine Häuser, denen man ihre Geschichte am Giebel hätte ablesen können. Dennoch täuschte auch hier das Äußere; denn obgleich es nur häßliche Backsteinbauten waren, so wohnten doch viele gebildete Leute darin. Vor der sogenannten »preußischen« Zeit gab es in der kleinen Stadt viel mehr studierte Beamte als jetzt. Da war der Amtmann, der Justiz und Verwaltung in einer Person vereinigte, ein Beamter mit sehr hohem Range. Dann der Aktuar, gleichfalls ein älterer Jurist, der Amtsverwalter, der Bürgermeister, manchmal auch noch der Stadtsekretär, alles Juristen, denen der dänische König allmählich die Titel Justiz-, Etats- oder Konferenzrat verlieh, unter der Voraussetzung allerdings, daß sie keine politischen Sünden auf dem Gewissen hatten. Dann blieben sie beim Justizrat stehen. Die leidige Politik! Wie viel haben wir Kinder von ihr hören müssen; ein wie unnötiger Haß wurde in unseren jungen Herzen großgezogen! Reichte doch die Beschuldigung: Du bist ein Däne! manchmal hin, uns mit Verachtung von einem Spielgefährten zu wenden, der nichts weiter getan, als uns in aller Harmlosigkeit berichtet hatte, daß sein Vater den Danebrogorden erhalten habe. Es war uns verboten, mit anderen Kindern von Politik zu sprechen; wir taten es aber doch immer, wenn wir Geschwister unter uns waren. Dann erzählte uns unser ältester Bruder von dem Studentenonkel, der gegen die Dänen gekämpft und in Jütland den Soldatentod gefunden hatte. Wir hatten ihn alle nicht mehr gekannt, aber sein Gedächtnis lebte in uns fort wie das eines Heiligen. Er ist für Schleswig-Holstein gestorben; er hat's gut! sagte mein ältester Bruder geheimnisvoll, und wir nickten, ehrfurchtsvoll die kleine schwarze Silhouette mit dem bunten Cerevis betrachtend, die das einzige Bildnis des Heimgegangenen war. Damals ahnten wir noch nicht, daß auch unser ältester Bruder auf Frankreichs Erde nicht allein für Schleswig-Holstein, sondern für das große deutsche Vaterland den Tod der Tapfern finden sollte.

Schleswig-Holstein – das Wort durften wir gar nicht aussprechen. In der Schule hieß es Sleswig und Holstein: der gutmütige Jütländer, bei dem ich deutsche Aufsatzstunde hatte, drohte mir mit dem Finger, als ich einmal das verpönte Wort aussprach. Du mußt in der Ecke stehen, wenn du noch einmal so was Verkehrtes sagst! Ich lachte übermütig. Oh, Herr Sörensen, ich meinte man bloß! Seien Sie nur nicht gleich böse! Herr Sörensen tat uns ja nie etwas, obgleich er ein patriotischer Däne war und ganz genau die politischen Ansichten unserer Familie kannte. Er war ein sehr guter, gewissenhafter Elementarlehrer, wie es denn überhaupt verkehrt ist, anzunehmen, daß alle dänischen Beamten und Lehrer, die damals Schleswig-Holstein überschwemmten, schlechte, intrigante Menschen gewesen seien. In unserer Stadt wenigstens war das dänische Element nicht das schlechteste: und wenn wir Deutschen auch wenig mit ihnen verkehrten, so würde es doch keinem Menschen eingefallen sein, Böses von ihnen zu sagen. Schlimmer waren die geborenen Schleswiger, die in der Hoffnung, Karriere zu machen, mit fliegenden Fahnen zu den Dänen übergegangen waren, die von Schleswig als Südjütland sprachen, die eine servile Bewunderung für den volkstümlichen Kong Frederik zur Schau trugen und von seiner morganatischen Gemahlin wie von einer Heiligen sprachen. Diese Renegaten waren die Schoßkinder der dänischen Regierung, sie wurden mit Orden und Ehren überhäuft und mußten darin für sich und ihre Kinder einen Ersatz für die Achtung finden, der sie weder bei ihren Landsleuten noch bei den Dänen begegneten.

So war es denn nur die göttliche Gerechtigkeit, die einen großen Teil dieser Leute 1864 Amt und Stellung verlieren und das Brot der Verbannung in Dänemark essen ließ, während viele Dänen ihre Stellung behalten und unangefochten in Schleswig-Holstein weiter leben durften. Abgesehen aber von dem Unbehagen, daß die politischen Verhältnisse mit sich brachten, hatten es die Bewohner von Schleswig-Holstein nicht schlecht. Die Beamtengehalte waren bedeutend größer, das ganze Leben viel behaglicher und gemütlicher. Man kannte weder preußische Sparsamkeit noch preußisches Strebertum, ihr Leben lang blieben die Beamten auf ihren Posten und verwuchsen dadurch viel fester mit ihren Mitbürgern. Und wir Kinder brauchten nicht allzuviel zu lernen, und lernten doch genug, um nachher die berüchtigten preußischen Examina bequem mit leisem Erstaunen darüber, daß nicht mehr verlangt würde, bestehen zu können.

Wie gemütlich waren die Privatstunden bei Herrn Sörensen, die nachmittags nach Schluß der öffentlichen Schule in denselben Räumen stattfanden, wo Mädchen und Knaben zusammen unterrichtet und mit leiser Hand in die Geheimnisse des Rechnens und der Weltgeschichte eingefühlt wurden. Jedes Kind mußte ein Licht im blanken Messingleuchter mitbringen, sobald die Tage anfingen, abzunehmen. Meistens waren es selbstgegossene Talglichter, nur ich besaß ein Stearinlicht, das mir viel Vergnügen machte, weil die Tropfen des Stearins, in und auf die Hand geträufelt, kleine, feste, weiße Kügelchen gaben, die ich als Pfefferminzbonbons anbot. Immer waren dumme Kinder da, die auf diesen Witz hineinfielen, und des heimlichen Kicherns gab es kein Ende, bis Herr Sörensen ein lautes Na na! ertönen ließ oder einen dicken Strick, Bakel genannt, in der Luft schwenkte. Er schlug aber höchst selten in der Privatstunde, und dann nur die Jungen, die es auch immer verdient hatten.

Ein Hauptfesttag war sein Geburtstag. Dann wurde in der Schule gesammelt, und aus den Erträgnissen dieser Sammlung ein Korblehnstuhl angeschafft, der ihm von einer Deputation feierlich überreicht wurde. Ich wüßte mich nicht zu erinnern, daß er jemals etwas anderes als einen Korblehnstuhl erhalten hätte; aber er freute sich immer außerordentlich und traktierte seine große Klasse im Schulsaal mit Glühwein und Teekuchen. Selbstverständlich hatten an seinem Geburtstage alle Kinder frei; deswegen freuten wir uns immer, wenn der sechzehnte März kam. Wir, die wir Privatstunde bei ihm hatten, schenkten ihm etwas Besonderes. Dann kamen wir in seine Privatwohnung, tranken dort Schokolade, und er war immer ganz unglücklich, wenn wir nach seiner Meinung zu wenig Kuchen gegessen hatten. Er war Junggeselle, und seine Schwester, ein stilles älteres Mädchen, führte ihm den Hausstand. Wir aber nannten sie immer Frau Sörensen und konnten es nicht begreifen, daß sie keine Kinder bekam. An ihres Bruders Geburtstag mußte sie stets, während sie uns mit Kuchen überfütterte, ein Kreuzfeuer vorwurfsvoller Fragen über sich ergehen lassen, und noch heute rechne ich es ihr hoch an, daß sie dabei stets geduldig und gutgelaunt blieb.

Ja, wir Kinder hatten es gut. Trotz der dunkeln Wolke, die über unserem Lande hing, und unter der mein Vater besonders zu leiden hatte, genossen wir unsere Kindheit in einer Freiheit und Ungezwungenheit, die jetzt selbst in einer Kleinstadt nicht mehr möglich ist. Hängt doch über allen jetzt das Damoklesschwert irgendeines Examens, von dem die Eltern schon von der Geburt ihres Kindes an sprechen. Damals wußte man gar nicht, daß solche unangenehme Sachen existierten. Man lernte, weil man gern etwas lernen wollte, weil es eine schöne Abwechslung war, und weil man eine reine Freude empfand, wenn unser Vater uns freundlich zunickte und sagte: Sieh, das weißt du schon; das ist ja schön! Das war ein Lob, an dem wir lange zehrten, und das uns zu neuem Fleiß anspornte.

In den klassischen Sprachen unterrichtete mein Vater seine Kinder selbst und nahm auch wohl noch fremde dazu. Er war freudig überrascht, als sein ältester Sohn nach der Konfirmation mit fünfzehn Jahren in die Prima des Gymnasiums zu A. aufgenommen wurde, er hatte ihn weder getrieben noch gedrängt. Mit den anderen Söhnen erging es ähnlich; der eine hatte sogar in einem Examen einen hervorragenden Erfolg, und doch war er weder überarbeitet noch überbürdet gewesen.

So verlief unsere Kindheit wie der Sommer unseres nordischen Landes. An trüben und Regentagen fehlte es natürlich nicht; mit der Schule aber hatte das schlechte Wetter ganz gewiß nichts zu tun, alle Dunkelheit kam aus den politischen Verhältnissen, und die warme Sonne des Elternhauses, die Güte des Großvaters war doch der Grundton von allem. Daher mag es wohl kommen, daß selbst in reiferen Jahren der Zauber nicht erloschen ist, der in meiner Erinnerung über der kleinen Stadt liegt. Weltvergessen ist sie noch heute, und es wird wohl noch etliche Jahre dauern, ehe das Pfeifen der Lokomotive in ihrer Nähe gehört wird. Dann aber wird auch viel von ihrer Absonderlichkeit verschwinden, und ich möchte sie festhalten, wie sie gewesen ist.

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