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Aus Alt- und Neu-Wien

Eduard Bauernfeld: Aus Alt- und Neu-Wien - Kapitel 2
Quellenangabe
typeautobio
booktitleAus Alt- und Neu-Wien (Gesammelte Schriften, zwölfter Band)
authorEduard Bauernfeld
firstpub1873
year1873
publisherWilhelm Braumüller
addressWien
titleAus Alt- und Neu-Wien
created20060107
sendergerd.bouillon
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II.

(Jugenderinnerungen. – Theatromanie. – Literarische und soziale Anfänge. – Eine Studentenverschwörung. – Die Evangelisten und die Kartenkönige.)

– Nichts
Hat, wer nicht Jugend hat!
Immermann.
 

Wien ist bekanntermaßen im Jahre 1848 von dem kriegerischen Fürsten Windischgrätz bombardirt worden – neununddreißig Jahre vorher aber von dem großen Napoleon. In der Nacht vom 11. zum 12. Mai 1809 zündete eine der ersten Bomben in dem Hause (zwischen Steinl- und Ofenlochgasse), welches meine Angehörigen mit mir bewohnten. Sie flüchteten sich, mich und unsere Habe in die Keller, während man von oben bemüht war, dem Feuer Einhalt zu thun. Wien kapitulirte am nächsten Morgen und die Franzosen mit ihren deutschen Verbündeten, den Württembergern und Nassauern, besetzten die Residenz. In der Phisiognomie der Stadt mochte sich wohl noch der Schrecken der letzten Nacht ausprägen, doch hatte Wien durch die Bomben und Granaten nicht beträchtlich gelitten. Nicht viel über ein Dutzend Häuser lagen in Schutt. In unserem Wohnhause war nur der Dachstuhl abgebrannt und eine Dach- zugleich Rumpelkammer gähnte halb offen. Bei dem Durcheinander der nächsten Tage, bei alle dem Einquartiren und Requiriren der fremden Truppen wurde auf uns Kinder wenig geachtet, auch die Lehrstunden waren eingestellt. So schlich ich, mir selbst überlassen, in die einsame Kammer, die voll Hausrath lag. Durch die scheibenlosen Fenster lachte der blaue Himmel herein und eine goldene Maiensonne blitzte munter auf Schutt und geschwärzte Balkentrümmer. Meine forschenden Blicke fielen bald auf einen Wandschrank, welcher die Hausbibliothek enthielt und sonst sorgfältig verschlossen gehalten wurde. Nun war aber der Schrank gleichfalls angebrannt, die Thüren weit klaffend aufgesprungen und die Bücher standen offen und frei in anlockender Reihe. Da gab es köstliche Speise, die damals so beliebten Ritter- und Geisterromane von Spies und Konsorten! Aber auch Theaterstücke! Es waren die Lustspiele von Kotzebue nebst dem elenden Geistinger'schen Nachdruck von Goethe's Werken mit den miserabeln Radirungen. Ich saß auf einem der brandigen Balken und las – »Götz«, »Egmont«, »Clavigo«, »Stella« – las Tage lang bis zum Abenddunkel. So hatte ich, noch nicht acht Jahre alt, bereits von dem Baume der Erkenntniß genascht und verdanke meine erste Bekanntschaft mit dem größten deutschen Dichter niemand Geringerem als dem ersten Feldherrn des Jahrhunderts.

Den hatte ich leibhaftig gesehen, in Schönbrunn, als er Revue hielt. Mein Pflegevater hob mich auf den Armen empor und flüsterte: »Der ist's!« – Es herrschte Todtenstille, nur ein paar Kommandoworte ertönten. Die Soldaten präsentirten, schlugen an, drückten los, ohne Ladung, nur die Hähne knackten – darauf nahm der Imperator eine Prise und kehrte in das Lust- und Schmerzensschloß der Habsburger zurück. Wenige Wochen später hatte Friedrich Staps, nur um zehn Jahre älter als ich, die Welt von dem Tyrannen befreien wollen und sich selber nutzlos geopfert, wie zehn Jahre später der Theologe Sand, welcher einen Lustspieldichter erdolchte, weil dieser nebstbei Spion war. Warum machte er sich nicht an diejenigen, welche die Spione senden und benutzen? Diese Tyrannenmörder sind meist ungeschickte Leute! Entweder sie verfehlen ihren Mann oder sie treffen nicht den Rechten.

Als Knabe war ich ein paar Mal in's Theater mitgenommen worden. Die Lekture Kotzebue's und Goethe's mahnte mich an jene seltenen und seligen Stunden, deren Erneuerung mir immer mehr am Herzen lag.

Welcher Knabe, welcher junge Mensch nährt nicht eine mehr oder minder heftige Leidenschaft für die Bühne! So auch ich und meine Schulfreunde im Gymnasium. Alles und Jedes wurde angewendet, um die unbezwingliche Lust zu befriedigen, und jeder ersparte Groschen wanderte in die Casse des Burgtheaters, gelegentlich wohl auch in die der Vorstadtbühnen.

Auf dem Josephstädter Theater waren damals eine Gattung Ritter- auch Geisterstücke gang und gäbe, in denen sich Romantik und Komik, freilich in etwas roh ursprünglicher Weise, die Hand reichten – so der »rothe Thurm in Wien«, »die eiserne Jungfrau«, »der Graf von Gleichen«, »der Teufelsstein in Mödlingen«, »die Teufelsmühle auf dem Wienerberge« u. s. w.. In allen diesen und ähnlichen Stücken spielte der, erst später berühmt gewordene Ferdinand Raimund die komischen Knappen, und die reizende Louise Gleich (in der Folge Madame Raimund) als Gräfin oder Ritterfräulein war ein Lockvogel für die Habitués jener Bühne, der auch auf uns Knaben-Jünglinge einen bezaubernden Reiz auszuüben nicht verfehlte. Kurz, so oft Mademoiselle Gleich spielte, mußten wir dabei sein! Nebstbei waren mir die Stücke selbst, mit ihren phantastischen, romantisch-burlesken, theilweise auch historischen Elementen völlig an's Herz gewachsen, und schon damals keimte der Gedanke in mir auf, etwas dem Aehnliches, nur in höherem Styl zu versuchen, wie ich's denn auch mit einem »Fortunat« etwa zwanzig Jahre später gewagt und leider nichts Gutes dabei erfahren. – Die deutsche Bühne hat sich von jeher, dem Phantastischen und Märchenhaften gegenüber, ungläubig und ablehnend erwiesen; auch eine große historisch-politische Weltanschauung, wie sie Shakespeare seinen Insulanern in dem gewaltigen Dramen-Cyklus eröffnet, wird von unserem Publikum mehr mit Respect als mit Antheil aufgenommen, und nur Schiller hat es verstanden, das historische Element mit so viel Idealismus, edler Sentimentalität, auch in erhabener Sprache vorgetragenen Pracht-Sentenzen auszuschmücken, daß Logen, Parterre und Galerien ihrem Lieblingsdichter die »Marotte« verzeihen, seinen Stoff aus der Geschichte gegriffen zu haben. Schon Goethe hat, das Zustandekommen einer Nationalbühne wiederholt bezweifelnd, dem deutschen Theater das bürgerliche Element als seine eigentliche Sphäre angewiesen – und so war es, ist es noch! Leider sind Iffland und Kotzebue, der Trost und die Wonne unserer Väter, längst veraltet, auch der fruchtbare Raupach ist verschwunden, und die Birch-Pfeiffer allein reichte lange nicht aus, um die Thränendrüsen und Lachmuskel der Enkel in Bewegung zu setzen – so war nun unser Publikum in letzterer Zeit gezwungen, über ausländische Schmerzen in »supplice d'une femme« und dergleichen zu weinen, und über eine ihm wildfremde Familie »Benoiton« und deren raffinirte Pariser Narrheiten zu lachen. – Auch eine feinere ironische Behandlung des Lustspiels, etwa in der Art und Weise von Tieck, Grabbe und Platen, selbst mit mehr theatralischem Geschick, würde auf der prüden deutschen Bühne nicht durchgreifen, und nur die Volkskomödie durfte sich von jeher einige kühnere Bockssprünge erlauben. – Die Geschichte der komischen Bühne ist so mit dem Wiener Boden verquickt, daß man mir vielleicht nicht ungern gestatten wird, durch ein kleines Intermezzo über Entstehung und Fortbildung der Wiener Volkskomödie den Lauf der Erzählung später zu unterbrechen.

Jede Zeit hat ihre Jugend, jede Jugend hat ihre Zeit! Und so lebt denn auch ein jeder Mensch in einer doppelten Atmosphäre: in der seines Alters und seiner Zeit. Nun ist die Jugend zwar immer jung, allein die Jugend der alten Zeit, der Restaurations-Epoche, war doch himmelweit verschieden von der der neuen Zeit, der Revolutions-Periode. Man lebt jetzt rasch; Demokratie und Naturwissenschaften drängen vorwärts – gesicherte Legitimität und staatliche Bevormundung hielten mit einander still, waren eigentlich der Stillstand selber. Das berüchtigte österreichische System mit seiner Devise: »abwarten« bremste auch die Staatsmaschine so lange, bis sie zuletzt völlig in's Stocken gerieth, wenn gleich die gedankenarme und kraftlose Gerontokratie, welche in der Folge an's Ruder gelangte, im schläferigen Regierungs-Dusel und in unnützer Geschäftigkeit inzwischen ihre Actenstücke rastlos weiter erledigte.

Gegen Ausgang der zwanziger Jahre herrschte in Oesterreich noch der vollkommenste Geistesschlummer und erst nach den Julitagen fing es sich hier allmälig zu regen und zu rühren an. Bei diesem holländischen Stillleben, in welches kein Geräusch der Welt, kein Licht des Tages drang, bei dieser hermetischen Abgeschlossenheit von allen äußeren und öffentlichen Dingen, wie konnt' es anders kommen, als daß wir damals jungen Leute uns in das Innere versenkten, uns vertieften in das Gemüthsleben! Freundschaft, Liebe, Humanität und Literatur gaben unseren grünen Tagen ihre Färbung und die Kunst wurde nicht mit Raffinement und Reclame betrieben, sondern um ihrer selbstwillen, aus innerem Trieb und Drang.

Mit J. G. Seidl, dem frühreifen und frühzeitig geschiedenen Ludwig Halirsch, Franz von Hermannsthal, Eduard von Badenfeld und anderen Schriftstellern »en herbe« stand ich bereits zu Anfang der Zwanziger-Jahre in freundlichem Verkehr; so auch mit dem weit jüngeren und weit bedeutenderen Ernest Feuchtersleben, der in der Folge einer meiner treuesten Freunde wurde und bis an sein Lebensende verblieb. In den Entwicklungsjahren war der junge Mensch in sich gekehrt, verschlossen, zum Grübeln geneigt, voll Zweifel an sich selbst – erst im Mannesalter klärte sich die innige, sinnige, wahrhaft edle Natur, die sich langsam entwickelte, um sich, gereift, rasch wieder zu verzehren. – Seidl hatte bereits seine »Lieder der Nacht« gedichtet, Halirsch seinen »Morgen auf Capri« auf das Burgtheater gebracht. Beide Freunde waren jünger als ich, der ich zwar insgeheim eine Menge geschrieben, jedoch ohne es an Mann bringen zu können. Das fing mich zu wurmen an. Da ertheilte mir ein Vorstadtschauspieler, welchen ich zufällig kennen gelernt, den höchst ehrenvollen Auftrag, ihm zu seiner Benefizvorstellung einen »Epilog«zu schreiben. Ich vollbrachte das Werk mittelst einiger Dutzend pompöser Verse, die ich mit eigenen Ohren beklatschen hörte; der dankbare Benefiziant nannte mich dafür ein Genie, machte mich auch mit anderen »Mimen« bekannt, so mit Stegmeyer, Regisseur des Theaters an der Wien und Verfasser des »Rochus Pumpernikel«.

Der Mann versammelte in seinem Vorstadtgarten einen munteren Kreis von Schauspielern, Musikern, Poeten, auch an jungen Priesterinnen der Kunst fehlte es nicht; da wurde deklamirt, gesungen, musizirt, auch sonst allerlei Kurzweil getrieben. Wer war nun glücklicher als ich, auf diesen »Parnaß« (so nannten wir den Gartenhügel, den Produktionen geweiht) mit einem Male Zutritt zu bekommen! Ich lernte dort Heurteur kennen, Friedrich Demmer, Küstner – lauter gefeite Wesen! Unter den jungen und hübschen Kunsteleven aus Stegmeyer's Parnaß befand sich auch die reizende Wilhelmine Schröder mit den himmlisch-blonden Haaren. Ihre große Mutter hatte sie anfangs dem Schauspiel gewidmet. Wilhelmine, kaum fünfzehn Jahre alt, machte ihren ersten Versuch als Aricia in der »Phädra« (am 14. Oktober 1819). Sie wurde gerufen. Die Mutter führte sie an der Hand. –»Seien Sie ferner nachsichtig und freundlich, aber auch – strenge!« – So wurde das Publikum von der tragischen Mama interpellirt, die es selber an Strenge nicht fehlen ließ – wenigstens ihren Töchtern gegenüber. – In der Folge der Oper zugewendet, wurde die göttlich-blonde Wilhelmine die große dramatische Sängerin, welche als Schröder-Devrient den Kulminationspunkt ihrer Kunst erreichte. Zur Zeit, als sie ein reifes Mädchen ward, hatte sich das Verhältniß zwischen Mutter und Tochter nicht zum Besten gestaltet. Die Schuld lag an »Phaon« Daffinger, der nicht übel gewillt schien, seine hehre »Sappho« um der reizenden »Melitta« willen laufen zu lassen. – Als ich Minchen kennen lernte, war sie noch eine Melitta – ohne Phaon. Wir declamirten mit einander (ich Schiller's Hoffnung!!), spielten Pfänder und tanzten. Wir waren eben Kinder von siebzehn und fünfzehn Jahren! Ein Jahr später war Manches anders geworden.

Als junger Mensch macht man rasch Bekanntschaften, wird auf Bälle geladen, zu Landpartien und dergleichen. So trieb ich mich bald in den verschiedensten Kreisen herum, abwechselnd in guter wie in schlechter Gesellschaft. Auch an vorübergehenden Liebschaften fehlte es natürlich nicht, oder an kleinen »metaphysischen« Verhältnissen. Mein Klavierspielen kam mir bei manchen derselben zugute, Dank meinem wackeren Musiklehrer, dem Compositeur des »Dorfbarbier«, Johann Schenk, der mich in meinen Knabenjahren tüchtig einexerzirt hatte. So las ich ziemlich fertig vom Blatt – doch in den Quattromanis mit der hübschen Haustochter traten bisweilen bedenkliche Kunstpausen ein, besonders wenn die Mama zeitweise die Stube verließ, da gab es feurig zugeflüsterte Worte, Händedrücke, Küsse, auch Briefchen wurden gegenseitig zugesteckt. Diese kindischen Liebesspiele wichen bald einer ernsthafteren Neigung, die sich durch mehrere Jahre meines jungen Lebens fortspann und mich so durch geraume Zeit von aller schlechten Gesellschaft abzog. Das Mädchen war mir auf das Innigste zugethan. In den ersten Tagen der neuen Leidenschaft vertiefte ich mich zugleich in ein romantisches Schauspiel, dessen Heldin (die bekannte »Clemence d'Isaure«) ich mit allen Vortrefflichkeiten auszuschmücken bemüht war, die ich bei meiner Angebeteten entdeckt oder vorausgesetzt hatte.

Mitten in dieses poetisch-erotische Treiben fiel eine ernste Geschichte. Eine Studentenverschwörung sei entdeckt worden, hieß es – ganz Wien war in Aufruhr! Die jungen Verbrecher kämen insgeheim in einem Bierhause zusammen, erzählte man sich, und sprächen und sängen dort ganz entsetzliche und verruchte Dinge. Mir fiel es auf's Herz. Der junge Karl Stegmeyer hatte mich unlängst zu einem vertrauten »Kommers« eingeladen, doch unter dem Siegel der Verschwiegenheit; ich weiß nicht mehr, was mich abhielt, an dem verabredeten Abend die mir bezeichnete Kneipe zu besuchen. Aber das mußte es wohl sein – mein Freund ist bedroht, ist in Gefahr –ich eilte zu Stegmeyer. Es war wie ich geahnt – der Kommers war verrathen worden! Eine Hausuntersuchung im Parnaßhause ward eingeleitet, Stegmeyer verhört, ihm ein Burschenlied und – horribile dictu! – ein »Ziegenhainer« abgenommen. Die Herren Studenten hatten Stöcke getragen und ein paar zahme Freiheitslieder gesungen – das war das Verbrechen! Wien und Europa beruhigten sich bald – auch sonst hatte die Geschichte vorderhand keine schlimmen Folgen, nur daß der arme junge Mensch von nun an im »schwarzen Buche« stand, wie bald darauf auch ich. Und so eine »gravis notae macula« vergißt sich nicht! Stegmeyer, der sich später den Bergstudien gewidmet, hatte alle Mühe als Praktikant unterzukommen und rückte nur äußerst langsam vor – warum mußte er auch vor mehr als zwanzig Jahren schlechte Verse gemacht und sich mit dem Ziegenhainer bewaffnet haben! Im Jahre 1848 gehörte er natürlich zur liberalen Partei, wie wir Alle – später als die Reaktion siegte, wurde ihm als Beamten der Prozeß gemacht, das schwarze Buch von Anno 1820 über ihn nachgeschlagen. Sein Frau – denn er war längst Gatte und Vater – klagte mir, daß sie beim Minister Dr. Alexander Bach gewesen: »ihr Mann habe nur im Sinne des Ministers gehandelt« – erklärte sie ihm – »und der Herr Minister habe sich ja selbst an die Spitze der Bewegung gestellt!« – Sehr naiv! Ich gab der guten Frau die Gegenerklärung: wenn mein Freund Bach sich bewegt habe, so war das vor dem Portefeuille; mit einem derlei in der Hand bewege man sich nicht mehr, sondern halte es fest und bleibe selber fest sitzen, lasse allenfalls die Andern fest setzen. – Die Frau beharrte aber auf ihrer Meinung! Sie verstand eben nichts von Politik und vom österreichischen »System«.

Die Freundschaft spielte bei uns Jünglingen kaum eine geringere Rolle als die Liebe. So wohnte ich in den Jahren 1823 und 1824 mit zwei Freunden zusammen, Beide etwas älter als ich und mir an Geist und Kenntnissen weit überlegen. Besonders der Eine, Joseph Fick (in der Folge einer der Lehrer des Erzherzogs Franz Joseph und Professor der Geschichte in Olmütz) war ein ausgezeichnetes, ja außerordentliches philologisches Talent, aber ein krankes, schon in frühester Jugend von Religionszweifeln und Selbstquälereien schwer heimgesuchtes Gemüth. Dem Jahre langen Umgange mit ihm verdanke ich Vieles; er war auch mein erster Lehrer im Englischen und las Terenz und Plautus mit mir. Der andere Freund, Karl Spina aus Brünn, hatte mehr eine philosophische Richtung, der ich mich nach Kräften anbequemte. Aber außer den philosophischen, historischen und philologischen Studien sollte noch ein anderes, ganz eigenes Werk in Angriff genommen werden, in welches die Freunde mich einweihten. Man dachte nämlich an nichts Geringeres, als sich aus den Quellen selbst von der Wahrheit der Offenbarung die gehörige Ueberzeugung zu verschaffen. Eine Ausgabe des neuen Testamentes in griechischer Sprache diente uns zur Grundlage. Wir verglichen die Evangelisten, ihre verschiedene Auffassung und Darstellung, ihre anscheinenden Widersprüche unter einander. – Niemand wußte um unsere geheimen Studien, und wenn uns junge Freunde und Kollegen des Abends besuchen kamen, wurden die Evangelien flugs bei Seite geschoben, dafür die Whistkarten zur Hand genommen. Wenn die Gesellen fort waren, oft erst nach Mitternacht, begann die religiöse Unterhaltung auf's Neue. – Spina vertraute mir in der Folge, daß unser gemeinschaftlicher Freund durch Lekture und gesprächliche Mittheilung nur immer unruhiger geworden, und daß er nicht selten im Stillen an meinen skeptischen (gelegentlich ironischen) Bemerkungen und Einwürfen ein wahres Aergerniß genommen habe. Kurz die Theologie gerieth in's Stocken und die vier Kartenkönige wurden immer häufiger zu Hilfe gerufen, um die vier Evangelisten zu ersetzen. Insgeheim aber hatten sich die beiden Freunde den Vorschriften der Kirche angeschlossen, fasteten und gingen zur Beichte, wie ich wohl gewahren konnte, ohne daß es mich besonders angefochten hätte. Doch blieb ich den Freunden, wie sie mir, treu gesinnt, wenn auch unser eigentliches Verhältniß gelockert war. Spina, seit lange kränkelnd, verhauchte übrigens sein junges Leben frühzeitig; Fick nahm eine Hofmeisterstelle an. So war die fromme Trias aufgelöst und ich bezog eine stille Klause auf der Landstraße für mich allein. – Schon während unserer exegetischen Studien, die im Grunde meiner Natur zuwider waren, hatte ich mich ab und zu in's Theater, wohl auch in die italienische Oper geflüchtet; der nie unterbrochene Umgang mit meinen jungen poetischen Genossen so wie mit Freund Schwind und den Malern frischte mich gelegentlich auf, und die oben erwähnte Herzensneigung führte mich bald auf Wege und Gedanken, die dem Grübeln und Spintisiren ziemlich ferne lagen. Kurz, ich war und blieb ein Weltkind. Zuletzt mußt' ich mir bekennen, was Gentz dem frömmelnden Renegaten Adam Müller schrieb, der ihn bekehren wollte: »Mir fehlt das Talent des Glaubens!«

An einer früheren Stelle dieser Memoiren hatte ich meiner humanistischen und anderen Studien erwähnt, denen ich bis in mein Alter treu geblieben; so hatt' ich denn auch damals, in den Tagen der jugendlichen Religionsschwärmerei, an Goethe, Lessing, Kant und dem »kategorischen Imperativ« fest gehalten – oder ich war in des »Teufels Klauen gerathen«, wie man das nehmen und nennen will!

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