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Aus Alt- und Neu-Wien

Eduard Bauernfeld: Aus Alt- und Neu-Wien - Kapitel 12
Quellenangabe
typeautobio
booktitleAus Alt- und Neu-Wien (Gesammelte Schriften, zwölfter Band)
authorEduard Bauernfeld
firstpub1873
year1873
publisherWilhelm Braumüller
addressWien
titleAus Alt- und Neu-Wien
created20060107
sendergerd.bouillon
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XI.

(Die Märztage.)

Osez! Voilà tout le secret des révolutions!
St. Just.  

In der zweiten Hälfte der vierziger Jahre hatte sich der Wiener Oppositionsgeist immer lebhafter zu regen und zu rühren begonnen. Das Meeting zu Ehren Friedrich List's, die Schriftsteller-Petition, die Broschüren von Andrian und Möhring, die ungarischen Gravamina, die stets drängenderen Vorstellungen der böhmischen und n. ö. Stände, der passive Widerstand im lombardisch-venetianischen Königreich, selbst gewisse Regungen in dem sonst ziemlich harmlosen »Gewerbeverein« wie im »juridisch-politischen Leseverein« waren lauter Anzeichen eines herandrohenden Sturmes. Der »liberale« Wiener entzückte sich an der wackeren parlamentarischen Haltung des preußischen Landtages, der merkwürdigen Thronrede vom 11. April 1847 gegenüber; auch der Ausgang des »Sonderbund-Krieges« rief in Wien Jubel hervor, sowie Pio nono's »consulta«; Lamartine's »histoire des Girondirs« (sogar in's Böhmische übersetzt!) wurde verschlungen, die feurigen Kammer-Reden des poetischen Historikers rissen alle Welt hin, und als er sich in der letzten Stunde für die »Reformbankette« erklärte, galt er den Wienern für den wahren politischen Messias, welcher da gekommen war, um den Segen der Freiheit über ganz Europa zu verbreiten, Rußland und die Türkei mit eingeschlossen. – Man muß aber nicht glauben, daß diese österreichische Begeisterung Hand in Hand gegangen wäre mit irgend einem greifbar-praktischen Plane oder daß man dabei ein bestimmtes politisches Ziel in's Auge gefaßt hätte. Der Wiener ist nichts weniger als revolutionär, wohl aber eine Art gemüthlicher Frondeur, der gegen Alles und Jedes Opposition zu machen bereit ist, was »Regierung« oder »Gesetz« heißt. »Es muß anders, es muß besser werden!« rief Einer dem Andren zu – um das wie fragte Niemand. Man sah die Völker ringsumher ihre Fesseln abstreifen – da wird auch für uns etwas »herausschauen!« meinte man. Damit hatte sich die Oppositions-Seligkeit beruhigt und war unser Wien ganz gemüthlich dem allgewohnten Leben und Treiben nachgegangen; man bewunderte den Virtuosen Liszt Férenz, der damals noch keine Kutte trug und für nichts weniger als für den »Peterspfenning« musicirte, man gab Festessen für Meyerbeer und seine »Vielka«, bereitete Jenni Lind wahre Triumphzüge. –

So war inzwischen das Jahr 48 heran gerückt, so kam der Februar, die französische Republik und die deutsche Revolution. Wien war in höchster Aufregung . »Metternich muß abdanken!« lautete die Losung. Damit glaubte man Alles gethan und abgethan. – Dieser Sorglosigkeit der Regierten gegenüber, wie benahmen sich die Regierenden? – Man ernannte ein neues »oberstes Censur-Collegium«, man ließ durch »Hans Jörgel« gegen die Juden schreiben und das Burgtheater durfte keine »aufregenden« Stücke wie »Tell« oder »Fiesko« bringen. Auch meinem »Großjährig« und »deutschen Krieger« wurde die Ehre angethan, vom Repertoir gestrichen zu werden. Das Merkwürdigste war aber ein Circulare an sämmtliche Behörden, worin den Beamten untersagt wurde, über – Mailand zu sprechen, welches man mit »administrativen Verbesserungen« zu beglücken gedachte. Die Leute verlangten Brod des Lebens und man gab ihnen einen Stein! –

Am 11. März 1848 war die Petition um Constitution, Preßfreiheit u. s. w (von Alexander Bach und mir entworfen und von mir redigirt), mit tausenden von Unterschriften bedeckt, dem ständischen Ausschuß durch eine Bürger-Deputation überreicht worden – am 12. März brachte die Wiener Zeitung einen salbungsvollen, von Ruhe und Ordnung triefenden Artikel – da kam der 13. März, Fischhoff, die Studenten, das Ende der Stände-Herrlichkeit, die Abdankung des Fürsten Metternich. – Der »juridisch-politische Leseverein« hatte sich wie von selbst zu einer Art improvisirten Behörde constituirt, durch bürgerliche Elemente verstärkt; die »Aula« war seit ihrem ersten Auftreten eine stolze kleine Macht für sich, die sich bald vergrößern sollte. –

Die Geschichte der Wiener Märztage ist bereits wiederholt und ausführlich erzählt worden; ich muß mich hier damit begnügen, gewisse Details und kleine Züge mitzutheilen, welche bisher nicht zur allgemeinen Kenntniß gelangt sind, wohl aber geeignet sein dürften, zur richtigen Färbung jener bewegten Tage und Stunden einige Tinten und Pinselstreiche beizutragen. –

Am 15. März wurde die ungarische Deputation erwartet, Kossuth an der Spitze, von ihrem stürmischen Landtage gesendet. Die ungarische Constitution mußte zur Wahrheit werden, war es bereits! Daß die Ungarn für uns gleichfalls gewisse politische Begünstigungen ansprechen würden, verstand sich von selbst. Welche Schmach aber für uns Deutsch-Oesterreicher, wenn wir die neue Freiheit als Gnaden- (vielleicht Danaer-) Geschenk von Buda-Pest davon tragen, uns bei den stolzen Magyaren zuletzt noch dafür bedanken müßten, daß wir staatlich weiter existiren dürfen! –

Diese und ähnliche Gedanken wälzte ich in der Seele, theilte sie auch meinem Freunde Auersperg (A. Grün), mit welchem ich in dem Menschengewoge zusammen traf, überschwellend mit. Wir kamen auf den Michaels-Platz. Es war etwa um die Mittagsstunde. Ein Redner war auf eine Tonne getreten und haranguirte das Volk, im Angesicht des Militärs, der Kanonen. Die auf dem politisch-jungfräulichen Wiener Boden bisher noch nie vernommenen Ideen der Social-Democratie schlugen an unser Ohr und fanden an der naiven Bevölkerung gläubige, ja entzückte Hörer. Ich läugne nicht, daß mich das überraschte, ja erschreckte. Wer kann berechnen, wie weit die Utopien von Aufhebung des Eigenthums, von Gütergemeinschaft und dergleichen, eine wild aufgeregte und ungebildete Masse führen mögen! Kurz, die Anarchie stand mir auf dem Michaelsplatze klar und deutlich vor Augen – meiner Empfindung nach das scheußlichste Ungeheuer, welches sich erdenken läßt! – Der Verfasser der »Genesis der Revolution« macht sich zwar über mein Entsetzen lustig, indem er meint: ein Lustspieldichter, selber von Seelenangst erfüllt, habe sich bemüht, auch dem a. h. Hofe ähnliche Aengsten einzujagen – sei's darum! Ich bin kein lederner Bureaukrat, welcher Ausflüchte sucht, abwartet und hin hält, sondern ein Mensch, der fühlt und denkt, und sich in einem bedeutenden Momente an Herzen und Geister wenden wollte, nicht an Registraturen und diplomatische Actenstücke! –

Einen Aufsatz über die gegenwärtige Sachlage in der Tasche, beschloß ich nach Hofe zu gehen. Wie aber in die militärisch verbarricadirte Hofburg gelangen? Da stieß ich auf einen Schulkameraden. Vesque von Puettlingen (Hoven), damals Staatskanzleirath im Ministerium des Aeußern, bahnte mir und Auersperg (den ich gebeten hatte, mir zur Seite zu bleiben, was er auch redlich gethan), den Weg zu einem der Vorzimmer des Staats- und Conferenz-Saals. Wir fanden dort Hofleute, Kammerherrn, darunter Graf Ottokar Czernin, auch höhere Officiere. Es war ein Ab- und Zu-Gehen, ein Flüstern, geheimes Melden – es schien etwas im Werke. – Ich nannte meinen Namen, fragte nach dem Erzherzog Franz Carl. – Mein Aussehen mochte nicht eben einladend erscheinen. Ich hatte mehrere Nächte nicht geschlafen, war unrasirt, trug über dem Leibrock eine Art grauer Blouse, dazu schmutzige Stiefel, einen Stock und einen Proletarierhut – durchaus keine Audienz-Toilette! – Die Antichambre war überaus artig, ließ sich in Gespräche mit uns ein. Nur von einem einzigen Gedanken erfüllt, sprang ich gleich medias in res. Ich schilderte die allgemeine Auflösung, sprach von Freiheit und Menschenrechten, hieb wohl in der Fieberhitze hie und da über die Schnur. – Meine Zuhörer blieben nicht unbewegt bei meiner Darstellung; Fürsten, Grafen und Generäle schüttelten mir die Hand. Die Denkschrift, die ich hervor gezogen hatte, ging von Hand zu Hand – ich weiß nicht, wer von den Herrn sie zur Erinnerung zurück behalten. – Einer der Generäle äußerte ganz unverblümt, wie sich Auersperg erinnert: »Unsere Polizei sammt ihrem Sedlnitzki sollte man hängen, da sie uns in gänzlicher Unwissenheit ließ über das, was sich im Volke längst vorbereitet hatte.« –

Inzwischen war Erzherzog Franz Carl erschienen. Ich trug ihm kurz unser Aller Begehren vor, welches eigentlich in dem Worte und Begriffe »Constitution« gipfelte. Der Erzherzog gab mir einen Zettel. Darauf stand unsers Erinnerns nichts als: »Ich gebe Preßfreiheit und Constitution« – von der Hand des Prinzen geschrieben, aber ohne Unterschrift. – »Bringen Sie das dem Volke!« sagte der gutmüthig-ängstliche Erzherzog. – Ich wendete ein, daß der Zettel ohne den Namen des Monarchen so gut wie keinen Werth habe. –

»Gut, gut! Ich will mich sogleich zu Seiner Majestät begeben«, sagte der Erzherzog. »Warten Sie, bis ich wieder komme.« – Eine Seitenthür wurde geöffnet, ich that einen kurzen Blick durch eine zweite offene Thür, sah Kaiser Ferdinand unruhig auf und ab gehen. –

Während dem war es in den Vorzimmern immer lebendiger geworden. Graf Hartig und andere Staats- und Conferenz-Minister begaben sich ohne Verweilen und ohne uns eines Blickes zu würdigen, in den Sitzungssaal. – »Wer diesen Grafen Hartig in jenem kritischen Augenblicke gesehen, wie wir«, meinte Auersperg, – »und wer dessen spätere Mission in Radetzky's Hauptquartier mit einiger Aufmerksamkeit verfolgt hat, den mußte später beim Durchlesen der Schrift: »Genesis der Revolution« der staatsmännische (recte bureaukratische) Unfehlbarkeitsdünkel, der aus jeder Zeile dieser Schrift spricht, gar sonderbar anmuthen. Jeder Leser aber mußte sich fragen: Wo war denn dieser Weise, dieser rettende Messias in den Tagen der Noth und Gefahr? Und warum hat er während der Katastrophe sein Licht unter den Scheffel gestellt?« –

Man bedeutete mir, daß mit dem Minister- zugleich ein Familienrath abgehalten werden würde. – »Wann aber endlich?« fragte ich ungeduldig, denn es ging bereits auf zwei Uhr Mittags. »In einer Stunde etwa«, hieß es, – »sobald Seine kaiserliche Hoheit Erzherzog Ludwig abgespeist haben.« – »Wie kann man jetzt an's Essen denken«, polterte ich heraus, zum Erschrecken der erstarrten Hofherrn und Hofkammerdiener. –

Plötzlich wurden die Flügelthüren weit geöffnet. Der Palatin Erzherzog Stephan trat ein. Er war eben aus Pest angekommen, als Vorläufer der Deputation und Kossuth's, welche wenige Stunden nach ihm eintreffen sollten. – Ich lief ihm entgegen. – »Kaiserliche Hoheit kommen als Rettungs-Engel!« rief ich ihm zu – »endlich ein Mann, mit dem sich ein Wort sprechen läßt, der uns verstehen wird!« –

Der Palatin sah mich erstaunt an. Auersperg, der dem Prinzen bekannt war, stellte mich ihm vor.

»Um was handelt sich's eigentlich, meine Herrn?« fragte der Erzherzog in freundlich-artiger Weise. –

»Um die Constitution!« versetzte ich kurz, – »die die Ungarn bereits haben und die uns, wie ich hoffe, nicht ausbleiben wird.« – Nach einem kurzen Pourparler ersuchte mich der Erzherzog, ich sollte unsere Wünsche und Anträge mit wenig Worten formuliren oder den Brouillon zu einer Art Manifest entwerfen. Er selbst begab sich in den Conferenzsaal. Ich setzte mich im Vorzimmer, schrieb ein paar Sätze nieder: »Um die übrigen Länder der Monarchie mit dem constitutionellen Ungarn in Einklang zu bringen, haben wir beschlossen« u. s. w. – Während ich schrieb, hatte sich eine Seitenthür leise geöffnet und man konnte die Erzherzogin Sophie für einen Moment gewahren. Auersperg machte ihr eine flehende Pantomime mit aufgehobenen Händen entgegen. – Die hohe Frau wendete sich rasch ab und die kaum geöffnete Pforte schloß sich wieder. –

Erzherzog Stephan ließ später um meinen Brouillon fragen. Ich schickte ihm den Zettel hinein. –

Während der Conferenz leerten sich die Vorzimmer. Ich harrte fest aus, da mir Erzherzog Franz Carl ausdrücklich gesagt, ich sollte ihn erwarten. Ich versprach Auersperg, bald nachzukommen, der sich, etwa um drei Uhr, mit dem Grafen Czernin fort begab. So blieb ich allein mit einem Herrn, der sich mir als Fürst ***** zu erkennen gab. Wir verharrten noch über eine Stunde im Gespräch. Endlich meinte der Fürst: »Besser wir gehen – sonst kommen wir wohl gar in Verdacht, eine Pallast-Revolution machen zu wollen.« Ich begleitete den Fürsten über den Burgplatz, wo wir händeschüttelnd, unter Versicherung gegenseitiger Achtung schieden. –

Die paar Stunden, die ich in den Hof-Antichambren zugebracht, ließen einen tiefen Einblick in die hohen und höchsten Ortes herrschende Rath- und Hilflosigkeit gewähren. Die Regierungsmaschine war plötzlich in's Stocken gerathen, der alt hergewohnte Schlendrian reichte nicht mehr aus, und da Kraft und Wille fehlten, schwankte man hin und her, fand nicht den Muth zu den Gewaltmaßregeln, welche dieser und jener anrieth, und zögerte so lange mit dem mißliebigen aber nothwendigen Nachgeben, bis jede vernünftige Concession schlechterdings als abgetrotzt erscheinen mußte. So bekam es beinahe den Anschein, als drohe eine sechshundertjährige Monarchie durch die feurigen Reden von ein paar Studenten wie ein Kartenhaus über den Haufen zu fallen. Wenn man später anfing, sich zu sammeln, und einige Ordnung in das Chaos zu bringen sich bemühte, so geschah das wieder nicht nach einem vorbedachten vernünftigen Plan, sondern man ergriff die (meist Soldaten-) Hand, die sich eben darbot und die stark genug schien, über den nächsten bösen Moment hinüber zu leiten. Auch in der s. g. »Camarilla« war kein eigentlicher Gedanke und die Reaction brauchte hübsch lange, um wenigstens mit Einmüthigkeit zu handeln. Durch eine geraume Zeit kargte man durchaus nicht mit Versprechungen und Concessionen; das geflügelte Wort: »Alles bewilligt!« erhielt in der Folge einen tragikomischen Beischmack, da die Bewilligungen nur selten in's Leben traten und man sich mit Listen und Finten über das Unangenehme leidlich hinüber zu helfen wußte, bis man die Gewalt wieder in die Hände bekam. –

Auf dem Burgplatz sah es wie in einem Kriegslager aus. Ich gewahrte den Fürsten Windischgrätz, der in der pelzverbrämten Husarenjacke mit verschränkten Armen finster und starr wie ein kleiner Alba auf und ab schritt. – Ich sah nach der Uhr. Es ging auf vier. Die Conferenz muß längst vorüber sein, dachte ich. Was schadet's, wenn du in der Kammer des E. H. Franz Carl um das Resultat nachfragst! –

Ein alter und steifer Kammerdiener wollte mich durchaus nicht anmelden. Da ich ihm aber dringend versicherte, der Erzherzog habe mich bestellt, um mir eine wichtige Nachricht mitzutheilen, so ließ sich der Mann endlich erbitten. Er kam mit der Botschaft zurück: Seine kaiserliche Hoheit geruhe mir sagen zu lassen, es stehe Alles gut und ich solle nur bei Graf Kolowrat nachfragen. –

Ich eilte beflügelten Schrittes nach dem Schweizerhof. Baron Ransonet, Protokollführer der Conferenz und gleichfalls einer meiner Schulkameraden, theilte mir nun die erfreuliche Nachricht mit, die Constitution sei bewilligt worden. Ich wollte das Manifest mit eigenen Augen sehen. – Das sei unmöglich! Das hochwichtige Schriftstück sei eben erst in die Staatsdruckerei gesendet worden, da man keine Handpresse besitze! –

Nicht einmal eine Handpresse! Und die langsame Staatsdruckerei! – Ransonet beschwichtigte mich. In ein paar Stunden, vielleicht noch früher, werde das Manifest gedruckt erscheinen. – Und wenn die Ungarn kommen, bevor es publicirt ist! – »Sie werden wohl nicht! Und wenn auch – die a. h. Entschließung Sr. Majestät sei noch zu rechter Zeit erfolgt.« – Der brave Mensch theilte mir noch den Hauptinhalt des Manifestes mit und verschwor sich hoch und theuer, daß es auf's Jota so laute, wie er es mir angegeben. –

Gegen fünf Uhr lief ich nach dem Leseverein. In einen Fiaker zu steigen lohnte nicht der Mühe – ich flog mehr als ich ging. – Ich fand die Freunde in Permanenz, ließ die Thüren schließen, verkündigte die große Neuigkeit. Ungeheurer Jubel! Ich sprang auf den Tisch, erklärte, daß unsere halbamtlichen Functionen mit dem Erscheinen des Manifestes zu Ende seien. –

Des Abends war die Stadt beleuchtet. Tausende von Menschen aller Nationen und Sprachen, Deutsche, Ungarn, Italiener, Böhmen, Polen wogten durcheinander, wie in brüderlicher Eintracht. Man sang »Gott erhalte« in allen Zungen und ließ den Kaiser hoch leben, nebenbei auch uns, wenn sich Einer von uns auf dem Balkon des »Lesevereins« zeigte, der sich übrigens am 15. März ausgelebt hatte. –

Am 16. besuchte mich Kossuth. Ich wohnte damals noch im Ständehaus, bei meinem Freunde Doblhoff. Der Agitator hatte mich nicht zu Hause getroffen. Ich ging daher in sein Hôtel, wo er mitten unter einer Schaar von reich und bunt gekleideten Magyaren eine Rede in ungarischer Sprache hielt. Jubel von allen Seiten. Ich stand lauschend an der Thür, ohne ein Wort zu verstehen. Da mir die Scene zu lange währte, schlich ich im Stillen davon, ließ nur meine Karte zurück. Ich bedaure hinterher, daß ich den merkwürdigen Mann nicht kennen gelernt. – Tags darauf kam ein Abgesandter des Volksmannes zu mir. Mitglieder der Stände, der Bürgerschaft und des Lesevereins sollten gemeinschaftlich mit der magyarischen Deputation zum Kaiser gehen, gewisse deutsch-magyarische Postulate stellen. Ich selbst sollte die Männer der deutsch-liberalen Partei zu dem gemeinschaftlichen Schritte vereinigen, verlangte Kossuth. –

Ein wunderlicher Vorschlag! Ich erwiederte dem Botschafts-Ueberbringer: der Leseverein habe aufgehört zu fungiren und sei kein politischer Körper; – wie die Stände und die Bürgerschaft über den Antrag denken, wisse ich nicht und möge man sich bei den Herren durch Anfrage selbst überzeugen. Als Private sprach ich die Meinung aus: es scheine mir nicht passend, für zwei Nationen ein besonderes Begehren zu stellen, da dieselbe Constitution bestimmt sei, alle Völker Oesterreichs zu vereinigen. Aus dem künftigen allgemeinen Reichstage (constituirend oder nicht) sei der geeignete Platz, sich über politische Separatwünsche zu verständigen. –

Ich war im Herzen voll Seligkeit, schwelgte in der neuen Gegenwart, dachte kaum an die Zukunft. – Die Ständemitglieder sahen etwas trüber d'rein. – Ob sie denn in den Reichstag kommen würden? fragten mich die Herren. – »Als Stände gewiß nicht!« erwiederte ich ihnen munter. »Aber wenn Ihr sonst tüchtige Männer seid, wird man Euch gerne wählen.« –

Mein politischer Jubel hielt nicht lange an. Die Anarchie war freundlicher worden, aber es ging noch immer hübsch toll und rathlos zu. Auch ein neues Ministerium wollte sich nicht gleich gestalten, die alten Machthaber saßen noch immer am Bret, vor Allen Erzherzog Ludwig. – In ewiger Unruhe, ohne Appetit, ohne Schlaf, entwarf ich ein Straßen-Placat mit der verrückten Aufschrift: »Provisorische Regierung.« – Es war aber nicht so schlimm gemeint! Ich verlangte nur die Entfernung aller Männer des alten Systems, die Ernennung eines neuen liberalen Ministeriums. – Ich hatte die Schrift mit meines Namens Unterschrift drucken lassen, holte die mehreren hundert Exemplare im Fiaker ab. Ein Wort des Druckers machte mich stutzen. – »Wenn Sie das auf der Straße anschlagen lassen, werden die Leute nur noch toller werden!« sagte der Mann mit einer Art Wehmuth. – Das kühlte mich ab. – Ich fuhr nun zu den Ständen, überreichte jedem der Herren ein Exemplar, drohte die Schrift zu veröffentlichen, wenn sie nicht bis morgen die Abdankung des alten Erzherzogs zu Stande brächten. Die übrigen Exemplare nahm ich mit nach Hause, wo man sie während meiner bald darauf ausgebrochenen Krankheit vertilgte. Nur wenige Sammler mögen das unterdrückte Placat besitzen – mir selbst ist nur ein einziges Exemplar übrig geblieben. –

Am 18. März hatte ich frühmorgens zu Graf Kolowrat gesendet, der freiwillig abgetreten war und von dem ich mir's versah, daß er den Erzherzog zu dem gleichen Schritte bewegen würde. – Später kamen viele Ständemitglieder, auch Alexander Bach und andere politische Freunde, die ich zum Frühstücke geladen hatte. Während einer Rede, die ich ihnen über die Ministerfrage hielt und die immer verwirrter klang, verlor ich Kraft und Bewußtsein und mußte zu Bette getragen werden. Eine heftige Gehirnhäute-Entzündung war ausgebrochen.

Ich lag drei Tage und Nächte mit der Eiskappe auf dem Kopf und Senftteig auf den Beinen, heftig phantasirend, wenn auch immer bei halbem Bewußtsein. So fragte ich die Aerzte wiederholt, ob ich verrückt geworden sei oder nicht. Auch über die Ereignisse des Tages wollte ich Aufschluß – man versicherte mich, es stünde Alles zum Besten. – Die verschiedensten Persönlichkeiten hielten abwechselnd bei mir die Nachtwache: Doblhoff, Bach, Dessauer, Alexander Baumann, Alfred Becher, der Hofschauspieler Fichtner. Auch Tausenau hatte sich zu diesem Freundschaftsdienste gemeldet, war aber nicht angenommen worden. Sonst durfte überhaupt Niemand zu dem Kranken, doch wurden durch acht Tage Bulletins ausgegeben. Ich fand später hunderte von Namen auf dem Bogen. Auch Erzherzog Johann hatte mehrmals nachfragen lassen. –

Am zehnten Tage der Krankheit war ich wieder auf den Beinen. Als ich zum erstenmal auf die Straße kam, fand ich die alte friedliche Anarchie und den alten Erzherzog Ludwig noch immer an der Spitze der Geschäfte! – Die Wahlen zum Frankfurter Vorparlament kamen in Zug. Aus Wien wurden einstimmig gewählt: A. Grün, Schuselka, Kuranda und ich, gegen den die Aerzte protestirten. Ich müsse fort auf's Land, mich durch geraume Zeit von aller Politik ferne halten, wenn die Krankheit nicht auf's Neue und weit heftiger ausbrechen sollte. So wurde Freund Endlicher mein Ersatzmann. –

Schon damals waren Aller Augen, der deutschen Sache gegenüber, auf Erzherzog Johann gerichtet. Der deutsche Kaiserthron stand ihm möglicher Weise in Aussicht. Die Artigkeit erforderte, daß ich dem Prinzen, welcher dem Kranken nachgefragt, meine Aufwartung machte. Sein gemüthlicher Secretär, Zahlbruckner, der mich angemeldet hatte, flüsterte mir zu: »Der Herr ist äußerst niedergeschlagen – suchen Sie ihn aufzuheitern.« – Das lag weder in meiner Macht, noch in der Zeit. –

Ich fand den Erzherzog allerdings gedrückt. Wir sprachen von den letzten Ereignissen, auch von der Mailänder-Revolution. Auch Tirol sei dadurch bedroht. Ich fragte den Prinzen, wohin er sich zu wenden gedächte. »Wohin mich mein kaiserlicher Herr sendet!« wurde mir erwiedert. – Ich erlaubte mir zu bemerken: wir seien in eine Zeit gelangt, wo eigene Sendung und Selbstbestimmung zu entscheiden hätten, auch wäre, bei der allgemeinen Rathlosigkeit, zuletzt jeder Mann willkommen, der im Stande sei, eine mächtige Partei zu bilden, als Führer etwas auszurichten. Auch die Dinge in Deutschland seien zu bedenken – dort gähre es mächtig, allein wer kühn zugreife, durch Stellung und Ansehen begünstigt und dazu berechtigt, dem sei es vorbehalten, dort eine große und segensreiche Rolle zu spielen. Im Laufe eines Tages, einer Stunde lasse sich jetzt eine Krone gewinnen – oder verlieren! –

Diese kühne Anspielung schien dem Erzherzog wenig zu behagen. – »Was wollen Sie?« sagte er ausweichend – »ich bin ein alter Mann, über Sechzig, ohne Ehrgeiz, und den Kämpfen, die sich vorbereiten, kaum mehr gewachsen. Ich werde übrigens mein Möglichstes thun, jedenfalls meine Pflicht erfüllen. Vermuthlich wird mich mein kaiserlicher Herr nach Tirol senden – ich will Alles aufbieten, was in meinen Kräften steht, um das theure und schöne Land zu schützen und zu wahren.« –

Die Audienz hinterließ mir einen betrübenden Eindruck. Ich fand in der That den alten, gebrochenen, ängstlichen und unsichern Mann, als welchen sich auch der künftige »Reichsverweser« in der Folge darstellen sollte. Ist das aus dem Jüngling geworden, über den sich Johannes Müller seiner Zeit mit so viel Begeisterung ausgesprochen?

Ich sollte auf's Land und aus dem Rummel fort. In den ersten Tagen des April begab ich mich über Baden und durch's Gebirge langsam nach Graz, zu einer befreundeten Familie.

Durch ein paar Tage hatte ich eine Art politische Rolle gespielt und war in ganz Wien »populär« geworden, eine Local-Celebrität. – Doch schied ich nicht ungern von dem Schauplatz meines sogenannten Wirkens – nur Eins schmerzte mich: daß ich die Frankfurter-Sendung hatte aufgeben müssen. Im Herzen segnete ich aber meine Krankheit, jetzt, und noch mehr in der Folge. Mehrere meiner Freunde wurden später erschossen, Andere wurden reactionär, noch Andere Minister – mein Kopfleiden hatte mich vor allem derlei Unheil bewahrt! So ließ ich die politischen Phasen an mir vorüber streichen und schrieb und schreibe annoch – andere Komödien. In so fern ich politischer Zuschauer bin und geblieben bin, konnten meine Freunde mit Recht von mir behaupten: ich sei im Grunde der freieste Mensch in ganz Oesterreich. Das ist, weil ich nichts bin und nichts werden will – nicht einmal Verwaltungsrath, am allerwenigsten Beamter.

En me créant, Dieu m'a dit: ne sois rien! singt Béranger.

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