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August Kopisch: Gedichte

August Kopisch: August Kopisch: Gedichte - Der Schneiderjunge von Krippstedt
Quellenangabe
typeballad
booktitleDeutsche Balladen
authorAugust Kopisch
year1995
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008501-2
titleDer Schneiderjunge von Krippstedt
pages267-268
created19990703
sendergerd.bouillon@t-online.de
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August Kopisch

Der Schneiderjunge von Krippstedt

(Nach alter handschriftlicher Notiz)

                In Krippstedt wies ein Schneiderjunge
Dem Bürgermeister einst die Zunge:
Es war im Jahr Eintausendsiebenhundert.
Der Bürgermeister sehr sich wundert
Und findt es wider den Respekt,
Weshalb er in den Turm ihn steckt.
Es war nach der Nachmittagspredigt,
Die Kirche noch nicht ganz erledigt,
Am heilgen Trinitatistag,
Da geschah auf einmal ein großer Schlag!
Es schlug, mit Gedonner, im Wettersturm
Der Blitz in denselben Sankt Niclasturm.
Der Schreck durchfährt die ganze Stadt,
Die kaum sich vom Brand erhoben hat.
Was innen ist im Gotteshaus,
Das dringt mit aller Gewalt heraus:
Was außen ist, das will hinein! –
Da sieht man auf einmal Flammenschein
Von außen an des Turmes Spitze:
Da rief man: »Feuer! Wasser! Wo ist die Spritze?«
– Die Spritze, ja, die ist dicht dabei;
Doch Kasten und Röhren sind entzwei! –
Wie saure Milch läuft alles zusammen:
Man schreit und blickt auf die Feuerflammen.
Dazwischen – es war ein böser Tag –
Hallt mancher Donner- und Wetterschlag! –
Nun sammelt sich der Magistrat,
Und jeder weiß etwas und keiner weiß Rat!
Der Bürgermeister, ein weiser Mann,
Sieht sich das Ding bedenklich an
Und spricht: »Hört mich, wir zwingen's nicht!
Der Turm brennt nieder wie ein Licht,
Es kommt, wer hätte das gedacht sich,
Wie Anno sechzehnhundertachtzig!
Erst brennt der Turm, die Kirche, die Stadt sodann;
Drum ist mein Rat: rett jeder, was er kann!« –
Da laufen die Bürger; mit aller Kraft
Ein jeder das Seine zusammenrafft.
Das ist ein Gerenne, wie fliegen die Zöpfe,
Wie stoßen zusammen die Puderköpfe!
Auf einmal – was krabbelt dort aus dem Loch
Am Turm? – Der Junge! – Nein! – Und doch!
Er ist's, er klettert zu Turmes Spitze –
Der Schlingel! Er nimmt vom Kopf die Mütze,
Er schlägt auf das Feuer und – daß dich der Daus! –
Er löscht es mit seiner Mütze aus!
Er tupft am ganzen Turm umher,
Man sieht nicht eine Flamme mehr!
Und während alle jubelnd schrein,
Schlüpft er von neuem ins Loch hinein.
Er scheut des Magistrates Wesen
Und sitzt, als wär gar nichts gewesen.
Das mehrt den Jubel, die Bürger alle
Rufen ihm Vivat! mit großem Schalle;
Der Bürgermeister aber spricht,
Indem sein großer Zorn sich bricht:
Holt ihn heraus, ich erzeig ihm Ehr,
Und tu für ihn zeitlebens mehr! –
Da kommt er ganz rußig, der Knirps, der Zwerg!
»Hoch lebe der kleine Liewenberg!« –
Der Bürgermeister sprach: »Komm, Junge,
Streck noch einmal heraus die Zunge!
Ich leg dir lauter Dukaten drauf!
So, sperr den Mund recht angelweit auf!
Nur immer mehr herausgereckt!
Wir haben alle vor dir Respekt!
Und morgen wird, daß nichts manquiert,
Die große Spritze hier probiert
Und was entzwei ist, repariert!« –
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