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Augenblicke in Griechenland

Hugo von Hofmannsthal: Augenblicke in Griechenland - Kapitel 1
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authorHugo von Hofmannsthal
titleAugenblicke in Griechenland
publisherInsel Verlag
printrunErste Auflage
year2001
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Die Reise nach Griechenland ist von allen Reisen, die wir unternehmen, die geistigste. Hierher am wenigsten schickt uns halbsinnliche Neugier, die der geheime Untergrund so vieler Reisen ist und immer gewesen ist, und wir sind fast befremdet, wenn uns Griechenland, schon ehe wir es betreten haben, mit dem empfängt, woran wir hier am wenigsten gedacht hätten: einem bezaubernden, ganz orientalischen Duft, gemischt aus Orangenblüten, Akazien, Lorbeer und Thymian.

Es ist eine geistige Pilgerschaft, die wir unternommen hatten, und wir hatten vergessen, daß diese Landschaft einen anderen Duft aushauchen könnte als den der Erinnerungen. Dem, was wir sehen wollen, hebt sich zu viel geistige Ungeduld entgegen; wir tragen zu viele Seelen in uns, die ihre Aspiration nach diesen Hügeln und Tempeltrümmern mit der unseren vermischen. Wir kommen an, verloren in einem Bündel schattenhafter Gefährten. Aber wie wir den Fuß auf diesen Strand setzen, das wirkliche Gestein unter unserer Sohle fühlen, die sonnige und frische Luft einziehen, lassen sie uns alle im Stich. Wir stehen im Vorhof unserer Sehnsucht und wir fühlen, daß wir unsere Führer verloren haben. Bis vor kurzem noch, als das Schiff sizilisches, »großgriechisches« Gewässer befuhr – war Goethe mit uns. Er bleibt zurück, wie der italische Strand hinter uns zurückbleibt. Mit einem Mal fühlen wir ihn als Römer. Der große Kopf der Juno Ludovisi steht zwischen uns und ihm. Wir erinnern uns, daß er nie eine wirkliche Antike, nie ein Bildwerk des fünften Jahrhunderts gesehen hat, und die Serenität, in die er mit Winckelmann sein Altertum tauchte, ist uns die Verfassung eines bestimmten Augenblicks der deutschen Seele, nichts weiter.

Aber auch die großen Intellektuellen des letzten Jahrhunderts, die uns eine dunklere und wildere Antike enthüllt haben – auch ihre Intuition hat plötzlich nicht mehr die gleiche Leuchtkraft. Burckhardt, sein Landsmann Bachofen, Rohde, Fustel de Coulanges – unvergleichliche Interpreten des dunklen Untergrundes der griechischen Seele, starke Fackeln, die eine Gräberwelt aufleuchten ließen –, aber hier ist etwas anderes. Hier ist keine Grabhöhle, hier ist so viel Licht: und sie haben nicht in diesem Licht geatmet. Alle ihre Visionen nehmen in diesem Glanz eine Bleifarbe an; wir lassen sie zurück. – Der erste Eindruck dieser Landschaft, von wo man sie betrete, ist ein strenger. Sie lehnt alle Träumereien ab, auch die historischen. Sie ist trocken, karg, ausdrucksvoll und befremdend wie ein furchtbar abgemagertes Gesicht: aber darüber ist ein Licht, dessengleichen das Auge nie zuvor erblickt hat und in dem es sich beseligt, als erwache es heute erst zum Sinn des Sehens. Dieses Licht ist unsäglich scharf und unsäglich mild zugleich. Es bringt die feinste Einzelheit mit einer Deutlichkeit heran, einer sanften Deutlichkeit, die einem das Herz höher schlagen macht, und es umgibt das Nächste – ich kann es nur paradox sagen – mit einer verklärenden Verschleierung. Es ist mit nichts zu vergleichen als mit Geist. In einem wunderbaren Intellekt müßten die Dinge so daliegen, so wach und so besänftigt, so gesondert und so verbunden – wodurch verbunden? – nicht durch Stimmung, nichts ist hier ferner als dies schwimmende, sinnlich-seelische Traumelement – nein: durch den Geist selbst. Dies Licht ist kühn und es ist jung. Es ist das bis in den Kern der Seele dringende Sinnbild der Jugend. Bisher hielt ich das Wasser für den wunderbaren Ausdruck dessen, was nicht altert. Aber dieses Licht ist auf eine durchdringendere Weise jung.

Man sagt mir: dies ist das Licht Kleinasiens, das Licht von Palästina, von Persien, von Ägypten, und ich verstehe die Einheit der Geschichte, die seit Jahrtausenden unser inneres Schicksal bestimmt. Troja – die Zehntausend unter Xenophon – Kleopatra – und noch die byzantinische Theodora – alle diese Abenteuer werden über die Jahrtausende hinweg verständlich und einheitlich wie die Teile einer einzigen Melodie. Die Listen des Odysseus, die Ironie Platons, die Frechheit des Aristophanes: es ist eine wunderbare Identität in dem allen, und die Formel solcher Identität ist dieses Licht.

Was in diesem Licht lebt, das lebt wirklich: ohne Hoffnung, ohne Sehnsucht, ohne Grandezza: es lebt. »Im Lichte leben«, das ists. Aus diesem Lichte gehen, zum Schatten werden, das war das Furchtbare, dagegen gab es keinen Trost. »Lieber ein Knecht droben, als Achilles hier« – wer dieses Licht nicht gesehen hat, versteht nicht ein solches Wort... Ich sehe von einem Hügel aus irgendwo an einem Abhang ein paar Ziegen. Ihr Klettern, ihr Kopfheben, dies alles ist wirklich und zugleich wie vom geistreichsten Zeichner gezeichnet. Zu ihrem Animalischen haben diese Geschöpfe etwas Göttliches hinzu, aus der Luft: dieses Licht ist die unaufhörliche Hochzeit des Geistes mit der Welt. Ein steiler Gipfel, ein paar Pinien – ein kleines Weizenfeld – ein Baum, dessen alte Wurzeln das zerklüftete Gestein umklammern – eine Zisterne, ein immergrüner Strauch, eine Blume: das Einzelne hat keine Aspiration, sich mit dem Ganzen zu vermischen, es lebt für sich, aber in diesem Licht ist Für-sich-sein nicht gleichbedeutend mit Einsamkeit. Hier oder nirgend ist das Individuum geboren: aber zu einem göttlichen und geselligen Geschick. In dieser Luft ist man herrlich ausgesondert – aber man ist nicht verlassen, so wenig als einer der Götter verlassen war, wenn er wo immer auftauchte oder durch die Luft dahinfuhr. Und hier sind alle Wesen Götter. Diese Pinie, schön wie eine Säule des Phidias, ist eine Göttin. Diese Frühlingsblumen, die Duft und Glanz von einem Wiesenhang herab ausstreuen – man hat es gesagt und man hat es mit Recht gesagt: sie stehen da wie die kleinen Götter.

Hier ist der Mensch geboren worden, wie wir ihn verstehen: denn hier ist das Maß geboren worden. Die Proportionen eines Tempelüberrests, dreier Säulen mit einem Trümmer des Giebels, zu einer einzelnen Eiche, die daneben ihre laubige Krone gegen Himmel stemmt, dies ist so schön, daß es, wie die tiefsten Harmonien der Musik, fast die Seele spaltet; der Himmel selbst, die Höhe des scheinbar festen Gewölbes, ist irgendwie in die herrliche Berechnung einbezogen; tritt ein Mensch zwischen die Säulen, ein Bauer, der dort ein bißchen Schatten sucht, um aus der Faust seine Mahlzeit zu verzehren, oder ein Hirt mit seinem Hund, so wird die Herrlichkeit so vollkommen, daß sich uns die Brust überm Herzen erweitert. Nichts, was wir von ihren Kulthandlungen wissen, spricht unmittelbar zu unserer Einbildungskraft; ihre Zeremonien, soweit die Archäologie sie uns erschließt, sind uns unerquicklich wie der Anblick von Tanzenden für den, der die Musik nicht hört. Nichts von ihren Mysterien ist uns faßlich als dies eine: das Verhältnis des menschlichen Leibes zum steingebauten Heiligtum.

Der Blick von Akrokorinth umfaßt zwei Meere mit vielen Inseln, die Schneegipfel des Parnaß, die Berge von Achaia: das Licht schafft etwas aus diesem allen, eine Ordnung, die das Herz beseligt; wir haben kein besseres Wort dafür als Musik: aber es ist mehr als Musik. – Welche Lektion gibt dieses Licht dem denkenden Betrachter! Keine Übertreibung, keine Mischung – erblicke jedes für sich, aber erblicke es in seiner ursprünglichen Reinheit. Sondere nicht, dränge nicht eins zum andern: es ist alles gesondert, alles verbunden; bleibe gelassen; atme, genieße und sei.

Nichts ist schwerer, als in dieser Landschaft zu erraten, ob eine Gestalt nahe oder ferne sei. Das Licht macht sie deutlich und vergeistigt sie zugleich, macht sie zu einem Hauch. Aber die Kraft einer Gebärde auf hundertfünfzig Schritt ist groß; ein Handwink des Agogiaten ruft aus seiner fernen Felsenspalte den Hirten mit seinem Wasserschlauch herbei. Wunderbar zu denken, wie in diesem Licht die Schiffskapitäne in der Schlacht von Salamis von ihren bunten hölzernen Kommandobrücken herab die Befehle gaben, die man im Brüllen und Krachen der Schlacht von keiner menschlichen Stimme hätte empfangen können, und wie griechische Augen, in dieser Atmosphäre von vibrierendem Silber die ausgereckte Hand des Themistokles suchend, gegen Abend das Geschick der Welt entschieden.

Die homerischen Götter und Göttinnen treten fortwährend aus der hellen Luft hervor; nichts erscheint natürlicher, sobald man dieses Licht kennt. Wir sind aus dem Norden, und das Halbdunkel des Nordens hat unsere Einbildungskraft geformt. Wir ahnten das Mysterium des Raumes, aber wir hielten keine andere Art, diese zu verherrlichen, für möglich, als die Rembrandts: aus Licht und Finsternis. Aber hier erkennen wir: es gibt ein Mysterium im vollen Licht. Dieses Licht umfängt Gestalten mit Geheimnis und mit Vertraulichkeit zugleich. Es sind nur Bäume und Säulen, die unser Blick in diesem Licht umarmt: zuhöchst die stummen Leiber der Trägerinnen am Erechtheion, die halb Jungfrauen sind, halb noch Säulen, und doch ist ihre leibliche Schönheit in diesem Licht von bezwingender Gewalt. Aber die Götter und Göttinnen waren Statuen aus Fleisch und Blut, aus ihren Augen unter der schweren, beinahe harten Stirn loderte das Feuer des Blutes, und in dieser Luft, die um jede Gestalt, und wäre es die eines blühenden Zweiges, einen Schleier legt von Ehrfurcht und von Begehren zugleich, erahnen wir den Blick, mit dem Paris, der einsame Hirt, die drei Göttinnen maß, als sie aus der blitzenden Luft auf ihn zutraten, geschwellt von Stolz und Eifersucht aufeinander und willens, alles zu bieten, um den Siegespreis zu gewinnen.

Welche Situation! – und trägt sie nicht, wie ein Diamant, den keine daraufgelegte Last zermalmt, das ganze ungeheure, finstere Geschehen der Ilias? – Ja, diese Mythen sind noch in einer anderen Weise wahr, als wir ahnten. Wir liebten sie als die Erzeugnisse der harmonischsten Einbildungskraft: aber es ist mehr, als wir wußten, von der Magie in ihnen, die unmittelbar aus dem Wirklichen auf den Menschen eindringt. Bevor den Parnaß der erste Strahl der Sonne trifft, legt sich wirklich ein Etwas von der Farbe der Rose auf seinen höchsten Gipfel – genau die Farbe vom lebendigen Fleisch der Rose, zwei Finger von der Hand einer Frau, die sich auf einen Schiffsbord legen, und ebenso leicht wie die Bewegung einer Frauenhand, und es kostet hier weniger Anstrengung der Phantasie, die Eos mit Fingern aus Rosen jenseits gegen Westen fortfliegen zu sehen, schnell wie eine Taube – als sich im Halbdunkel unserer ewigen Winternachmittage eine blühende Hecke vorzustellen.

*

Aber es ist keine Reise nach dem Pittoresken, die wir unternommen haben. Wir suchen hier einen höchsten Moment der Menschheit. Wir wollen Feste mitfeiern, die in ihrer Strenge und Schönheit an das Erhabene streifen. Was wir mehr erraten als erfahren haben, wenn wir unseren Äschylus entzifferten – wir wollen unmittelbar, ja leiblich daran teilhaben. Ungeduld regt sich in uns, unbezähmbar, ein geistiges Höchstes in Gestalten gewahr zu werden; eine Ungeduld, darin sich der Drang von wie vielen Geschlechtern verdichtet – und ist es nicht Schillers kühne und große Seele vor allem, die in uns aufsteht? – Seine Visionen der Antike, diese immer sich wiederholende stürmische Forderung, irgendwo auf Erden die Idee des Schönen, die zu erfassen sein inneres Auge so stark war, verkörpert zu finden – nichts darf weniger als diese Dinge verwechselt werden mit dem verantwortungslosen »Geschriebenen« des durchschnittlichen Literaten: Schiller glaubte, was er schrieb, und er warf sein ganzes Ich wie eine Fahne weit vor sich hin ins Getümmel einer ewigen geistigen Schlacht, worin Zukunft und Vergangenheit sich vermischt und in der an irgendeiner Stelle auch wir stehen.

Ein geistiges Höchstes an leiblichen Spuren zu erkennen – hier auf griechischem Boden verliert die Forderung ihr Übermäßiges, beinahe Unverschämtes. Unter diesem Licht ist ja wirklich das Geistige leiblicher und das Leibliche geistiger als irgend sonst auf der Welt. Eine Ode des Pindar, die den Faustkampf verherrlicht, wenn man sie unter diesem Himmel aufblättert, so rückt der Kampf selber, das gewaltige Ringen und Schlagen Leib gegen Leib wie von selbst in die wahre Mitte dieses silbernen Feuers von Poesie. Durch den olympischen Festplatz, wo sie einander trafen, rücken Athen, von dem wir so viel zu wissen glauben, und Sparta, von dem wir so wenig wissen, näher aneinander. Wir ahnen, daß sie beide Griechen waren und daß es im höchsten Sinne griechisches Leben war, wie sie einander umschlangen und bis zum beiderseitigen Tod gegeneinander rangen. – Unsere abgeblaßte Winckelmannsche Vision, die das Schöne zu nahe an ein Anmutiges, und an ein entnervtes Anmutiges, herangebracht hatte zu nahe an Canova! – und die noch immer irgendwo in uns lauert, hatte uns vergessen machen, wie eng die Schönheit mit der Kraft verschwistert ist und die Kraft mit allem Furchtbaren und Drohenden des Lebens – wie könnte sie sonst das Leben auf die Knie zwingen!

Hier aber vor diesen gewaltigen Resten erinnern wir uns, daß Kastor und Pollux die Brüder Helenas und daß sie Gasträuber, Frauendiebe und gewaltige Faustkämpfer waren. Wenn wir hier die Antigone denken, so schwören wir: sie war eine Schwester des Achill, und der Trotz, mit dem sie sich ihrem König gegenüberstellt, ist nicht von geringerer Urkraft als der, welcher den Sohn der Thetis in seinem Zelt verharren ließ, dem Oberfeldherrn und hundert Fürsten in die Zähne. Diese Epheben ohne Namen, diese »Tauschwestern« von der Akropolis, diese Korai, junge mannbare Priesterinnen, hervorgegraben aus dem Schutt der persischen Zerstörung – es sind herrliche Wesen, gewaltige vor allem. Es ist etwas Unerreichbareres an ihnen, etwas Unfaßlicheres als an den schönsten gotischen Figuren, aber auch etwas Kompletteres: wir begreifen sie kaum – aber nie zuvor wurde durch einen leiblichen Anblick das Geistige und Leibliche in uns in der tiefsten Wurzel, dort wo sie eins sind, so erschüttert. Diese Komplettheit ist das letzte Wort der Kultur, in der wir wurzeln: hier ist weder Okzident allein, noch Orient allein; und wir gehören beiden Welten an.

Vielleicht erfassen wir eine ganze Gestalt, die in Marmor vor uns aufsteht, noch immer mit einem romantischen Blick. Vielleicht leihen wir ihr zuviel von unserer Bewußtheit, von unserer »Seele«. Wir wollen uns in acht nehmen, die unendlich verschiedenen Welten nicht zu vermischen. Aber auch ein nüchterner, nur sehr aufmerksamer Blick, geheftet auf eines dieser Trümmer: einen Arm mit der Hand, eine halbentblößte Schulter, das eine Knie einer Göttin unter dem fließenden Gewand: auch dieser nüchterne, jedes Mitschwingen ablehnende Blick füllt sich nach wenigen Sekunden mit dem Gefühl dieser Komplettheit, an der Geist und Sinne den gleichen wunderbar ausgeglichenen Anteil haben. Diese Hände, so schön als stark, und so ohne Ostentation der Kraft oder der Schönheit, wie berechtigen sie das Wort des Anaxagoras: der Mensch sei das klügste der Tiere darum: weil er Hände besitze. Wie spielt in diesen wunderbaren Organen des Körpers derνουχ des Anaxagoras sein freies Spiel. Organe, Werkzeuge, sie sinds, aber keine dumpferen, keine ungeistigeren als die Worte. Beim Anblick dieser wendsamen, mit Kraft trächtigen, klugen fürstlichen Glieder enthüllt sich uns, wie eine Kette von Berggipfeln aufblitzend, die philosophische Gedankenwelt der Griechen. Wahrlich, hier führen die geistigen und die leiblichen Spuren einen Weg: und sie alle führen in die Höhle des Löwen.

*

Die griechische Landschaft, wie sie heute ist, kann den ersten Blick enttäuschen, aber nur den ersten. Das heutige Griechenland ist ein entwaldetes Land, und daher eine gewisse Härte der Konturen, die freilich das Licht mit seinem geistreichen zarten Leben umspielt. Aber vergeblich suchen wir die »schwellenden Hügel«, die Fallmerayer vom Meeresstrand landeinwärts bezauberten, oder das Dickicht von Edelkastanien, Platanen und Eichen, tausend Sträucher dazwischen, in das er von einer Bergklippe sich herunterließ. Aber die schwellenden Hügel waren in der Umgebung von Trapezunt; in das Baumdickicht blickte er vom Athoskamm herab; noch heute hat die Halbinsel Volo, das geschonte Reservat der Sultanin-Mutter durch Jahrhunderte, ihre berühmten Kastanienwälder; dies alles liegt außerhalb des eigentlichen Griechenland. Attika aber hatte nur mehr einen einzigen kleinen Wald, und diesen hat man während des Krieges angezündet, um den König, dessen Landhaus in der Mitte stand, zu beseitigen; das einstige »laubreiche Böotien« ist eine steinige Mulde, mit einem Weizenfeld, einem Olivenhain da und dort. Aber diese harte und dürre Landschaft trägt Elemente von Schönheit in sich, deren Erinnerung sich nie verwischt. –

Ich habe den Boden von Sparta nicht betreten und nur vom weiten die Gipfel des Taygetos durch die Luft blitzen sehen, aber ich habe mehr als einmal im Abstand von Jahren die Seiten gelesen, die Maurice Barrès darüber geschrieben hat und die die schönsten sind in dem schönen Buch, das er »Reise nach Sparta« nennt. Sie sind das vollkommene Beispiel einer Beschreibung, die enthusiastisch und zugleich beherrscht ist. Sie malen zugleich ein Gebirge und die Seele eines nicht gewöhnlichen Menschen, der dieses Gebirge betrachtet; die Zacken und Schlünde des Taygetos sprachen zu diesem Politiker, diesem Zerebralen und Visionär, eine Sprache, die völlig aufzufassen seine Seele organisiert ist. Nichts ist weniger vag oder sentimental als der Stoß, den er vom ersten Anblick dieser Bergkette empfängt: der Taygetos rührt ihn an, wie den jungen Achill, der unter den Frauen von Skyros versteckt war, der plötzliche Anblick von Schwert und Lanze. Seine Beschreibung ist, wie jedes Werk eines wahren Autors, einmalig und unübersetzbar. Ich fühle, wie ich sie verderbe, und kann doch nicht umhin, um des Gegenstandes willen, den einen entscheidenden Absatz hier herzusetzen.

»Die Talbreite von Lakedämon, darin in zu weitem Kieselbette als ein geringer Fluß der Eurotas hinstreicht, wird gegen Osten vom Menelaiongebirge, gegen Westen vom Taygetos abgeschlossen; sie mißt in der Breite ein paar Kilometer; sie wirft sich in Windungen hin; zwischen harte Hügel legen sich seitlich kleine lachende Täler; dies Biegsame, die Seele Rufende, dies Dahinflüchtende wiederum, verbindet sich gut mit dem rötlichen Menelaion, der in pathetischen Terrassen aufsteigt; aber all diese Romantik weicht zurück vor der geruhigen Erhabenheit des Taygetos.

Der Taygetos lagert auf einem machtvollen Sockel, der dem Auge Falten von Dunkelheit bietet; in seinen unteren Bereich graben sich tiefe Schlünde, angefüllt mit bläulicher Finsternis und mit Wäldern und aufragende Klippen und starke Bastionen waffnen ihn. Diese gewaltigen Vorwerke treten, gleichwie im Angriff, in die Ebene vor, und wie sterbende Heroen sieht man an den Hängen einzelne Dörfer kriegerisch hinsinken. Über solchem Fundament heben sich furchtbare Schroffen, über diesen, als ein dritter Bereich, türmt sich die Region der Gletscher und der Lawinen, und darüber noch, zuhöchst, ordnet sich die Kette der Steilgipfel, bewundernswert in der Mannigfaltigkeit der Formen ... Welch eine Kraft und welch eine Größe im Aufsteigen dieses Berges, wie gelassen drückt er seine Wucht auf die Ebene, die wollustflüsternd seinen Fuß umschlingt, und wie wirft er sich in sieben schneeigen Spitzen gegen Himmel! Nie wird die Kühnheit eines Schriftstellers genugsam diesen Glanz und diese Kraft im Wuchtenden zu geben vermögen, nie diese entschiedenen, ganztönigen, jeden Mischton verschmähenden Farben, nie die großartigen wesenhaften Unterschiedenheiten, die sich mit Gelassenheit vom Wohnbezirk der blühenden Orange bis zur funkelnden Eiswand aufeinander stufen ...«

Ich will nicht unternehmen, den Versuch einer zweiten Beschreibung, die das Heroische der griechischen Landschaft zum Gegenstand hätte, neben diese Zeilen zu setzen, die alles sagen, was man, ohne ins Romantische abzuschweifen, von dieser Landschaft sagen kann; und es sind ja die Hänge des Taygetos, an die unsere Phantasie – und auch die Goethes – die Hochzeit Fausts und Helenas hinlegt. Aber ich habe einmal versucht, ein sanfteres Element dieser Landschaft zu beschreiben, und ein solches, das sich öfter wiederholt, so daß, wer in Griechenland gereist ist, an diese oder jene der Landschaften sich möchte erinnert fühlen: ich meine das abendliche Annahen an ein einsam gelegenes Mönchskloster, und ich will mir und denen, die diese Zeilen lesen, jene noch dem zarten Erlebnis nahe Beschreibung heraufrufen.

»... Wir waren an diesem Tage neun oder zehn Stunden geritten, und nichts war uns begegnet in der flachen steinigen Mulde des bergan ziehenden Hochtales als ein Hirt dann und wann, mit seinen Schafen, oder zwischen kleinen duftenden Sträuchern eine Schildkröte, die sich übern Weg zog. Gegen Abend zeigte sich in der Ferne ein Dorf, aber wir ließen es zur Seite. Jetzt kam Geläute von Herden aus der Ferne und Nähe, die Maultiere gingen lebhafter und sogen den Duft ein, der aus dem enger werdenden Tal entgegenkam: von Akazien, von Erdbeeren und Thymian. Man fühlte, wie die bläulichen Berge sich schlossen und wie dieses Tal das Ende des ganzen Weges war. Wir ritten lange zwischen zwei Hecken aus wilden Rosen, dann zwischen niedrigen Mauern; dahinter waren Fruchtgärten; ein alter Mann, mit einem Gartenmesser in der Hand, watete bis an die Brust in blühenden Heckenrosen. Das Kloster mußte ganz nahe sein, und man wunderte sich, es nicht zu sehen: da öffnete sich in der Mauer zur Linken eine kleine Tür, in der Tür lehnte ein Mönch. Er war jung, hatte einen blonden Bart, von einem Schnitt, der an byzantinische Bildnisse erinnerte, eine Adlernase, ein unruhiges blaues Auge; er begrüßte uns, indem er sich neigte und beide Arme ausbreitete. Wir saßen ab, und er ging uns voran. Wir traten in einen Gang, in ein Zimmer, traten auf den Balkon des Zimmers und sahen, daß wir mitten im Kloster waren: das Kloster war in den Berg hineingebaut, und unser Zimmer, das, vom Garten aus betreten, zu ebener Erde war, lag hier zwei Stock hoch im Klosterhof. Die alte Kirche, mit dem Glanz des Abends auf ihren tausendjährigen rötlichen Mauern und Kuppeln, schloß eine Seite ab, und die drei anderen waren von solchen Häusern gebildet, wie wir in einem standen, und die kleinen Balkone waren hellblau oder gelblich oder blaßgrün. Alles atmete Frieden und eine von Duft durchsüßte Freudigkeit. Unten rauschte ein Brunnen. Mönche, in schwarzen langen Gewändern, die hohe schwarze Kopfbedeckung über den schönen Gesichtern, die ein ebenholzschwarzer Bart umrahmte, gingen über den Hof, verschwanden in der Kirchentür, lehnten am Balkon, schritten eine offene Treppe herab. In der Kirche fingen halblaute Stimmen an, Psalmen zu singen, nach einer uralten Melodik. Die Stimmen hoben und senkten sich, es war etwas Endloses, gleich weit von Klage und von Lust, etwas Feierliches, das von Ewigkeit her und weit in die Ewigkeit so forttönen mochte; über den Hof aus einem offenen Fenster sangen Knabenstimmen die Melodie nach ... Wir waren mitten in der Gegenwart; was uns umgab, waren die heiligen Bräuche der morgenländischen christlichen Kirche. Aber die Gebärde, die Hoheit, der Sprachlaut, der Rhythmus noch der Verbeugung: der Proskynese – dies ist Byzanz und ist älter als Byzanz. Die Käuzchen riefen draußen im Garten; die Zikaden wurden laut; wo der Abendstern stand, dort glänzte unsichtbar hinter dunklen Bergen der Parnaß, und dort – in der Flanke des Berges – lag Delphi. Nirgend waren wir zum Schein jener versunkenen heidnischen Welt entrückter und niemals in der Tat ihr so fühlbar nahe; und als an einem Fenster der Kopf eines Klosterknaben erschien, eines recht schönen, anmutig selbstbewußten, des gleichen, der vordem die heilige Melodie nachgesungen hatte, da lag nichts näher, als diesen Priesterschüler mit einem anderen zu vertauschen, und mit diesen Bräuchen hier, die uns geheimnisvoll und doch faßlich waren, eine andere Gestalt zu umkleiden, und nie war uns ein Phantom wenigstens des hohen Altertumes so zum Greifen nahe, als da wir in diesem phokäischen Tempelvorhof den Knaben Ion des Sophokles für einen Augenblick leibhaft vor uns zu sehen und eine Luft mit ihm zu atmen glaubten.« Augenblicke in Griechenland

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