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Aufzeichnungen aus einem toten Hause

Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Aufzeichnungen aus einem toten Hause - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorFjodr Michailowitsch Dostojewski
titleAufzeichnungen aus einem toten Hause
publisherVolksverband der Bücherfreunde Wegweiser-Verlag, G.m.b.H.
printrun3. Auflage
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
projectiddfe4ee1a
created20061203
modified20170607
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V

Der erste Monat

Drei Tage nach meiner Ankunft im Zuchthause wurde mir befohlen, zur Arbeit zu gehen. Dieser erste Arbeitstag ist mir sehr denkwürdig, obwohl an ihm mit mir nichts Besonderes passierte, jedenfalls nichts, was mir in meiner auch ohnehin ungewöhnlichen Lage als etwas Besonderes erscheinen könnte. Aber auch dieser Tag gehörte zu meinen ersten Eindrücken, und ich nahm noch immer gierig alles in mich auf. Die ganzen ersten drei Tage hatte ich unter den schwersten Empfindungen zu leiden. »Das ist nun das Ziel meiner Wanderschaft: ich bin im Zuchthause!« wiederholte ich mir jeden Augenblick: »Das ist nun mein Port für viele Jahre, mein Heim, das ich mit einem so mißtrauischen und schmerzvollen Gefühl betrete . . . Aber wer weiß? Vielleicht wird es mir nach vielen Jahren schwer fallen, es zu verlassen! . . .« fügte ich nicht ohne die gewisse Schadenfreude hinzu, die zuweilen an das Bedürfnis, in seiner eigenen Wunde zu wühlen, grenzt, als genieße man diesen Schmerz, und als liege im Bewußtsein des großen Unglücks eine wirkliche Freude. Der Gedanke, daß ich mich dereinst nur schwer von dieser Stätte trennen werde, versetzte mich selbst in Entsetzen: ich ahnte schon damals, wie erschreckend leicht sich der Mensch überall einlebt. Das stand mir aber erst bevor, indessen war mir meine ganze Umgebung feindselig und schrecklich . . . natürlich nicht alles, aber es kam mir natürlich so vor. Diese wilde Neugier, mit der mich meine neuen Genossen musterten, ihre betonte Unfreundlichkeit gegen einen Neuling adliger Abstammung, der plötzlich in ihrer Gemeinschaft auftaucht, die Unfreundlichkeit, die zuweilen an Haß grenzt, – dies alles quälte mich dermaßen, daß ich selbst nach Arbeit lechzte, um nur so schnell wie möglich das ganze Maß meines Unglücks kennenzulernen, um das gleiche Leben, wie es die andern führten, zu beginnen und so schnell wie möglich ins gleiche Gleis mit den andern zu kommen. Natürlich merkte und ahnte ich damals vieles nicht, was ich direkt vor der Nase hatte: unter dem Feindlichen übersah ich das Erfreuliche. Übrigens ermutigten mich zunächst außerordentlich die einigen freundlichen, angenehmen Gesichter, die ich schon in diesen drei Tagen sah. Am freundlichsten behandelte mich Akim Akimytsch. Unter den mürrischen und gehässigen Gesichtern der übrigen Zuchthäusler konnten mir einige gutmütige und heitere nicht entgehen. »Es gibt doch überall schlechte Menschen und unter den Schlechten Gute,« tröstete ich mich eilig in Gedanken. »Wer weiß? Vielleicht sind diese Menschen gar nicht so sehr schlechter als die übrigen, die dort, außerhalb des Zuchthauses geblieben sind.« Das dachte ich mir und schüttelte selbst den Kopf über meinen Gedanken; mein Gott, wenn ich damals bloß gewußt hätte, wie richtig dieser Gedanke war!

Da war z. B. ein Mann dabei, den ich erst nach vielen, vielen Jahren vollständig kennenlernte; indessen hatte ich ihn während meiner ganzen Zuchthauszeit dicht in meiner Nähe. Es war der Arrestant Ssuschilow. Als ich eben von den Zuchthäuslern sprach, die nicht schlechter als die andern seien, mußte ich unwillkürlich an ihn denken. Er bediente mich. Ich hatte auch noch einen andern Diener. Akim Akymitsch hatte mir gleich in den ersten Tagen einen der Arrestanten namens Ossip empfohlen, von dem er mir sagte, daß er mir für dreißig Kopeken im Monat täglich eigene Speisen zubereiten würde, wenn mir die Kommißkost widerlich sei und ich die Mittel hätte, mich selbst zu beköstigen. Ossip war einer von den vier Köchen, die die Arrestanten selbst für unsere beiden Küchen wählten, wobei es ihnen freistand, die Wahl anzunehmen oder auch nicht; und wenn sie sie angenommen hatten, durften sie das Amt schon am nächsten Tage niederlegen. Die Köche gingen nicht zur Arbeit, und ihre ganze Tätigkeit bestand im Backen von Brot und im Kochen der Kohlsuppe. Man nannte sie nicht Köche, sondern Köchinnen (also weiblich), übrigens nicht aus Verachtung, um so weniger, als für dieses Amt vernünftige und möglichst ehrliche Leute gewählt wurden, sondern nur aus Scherz, was unsere Köche durchaus nicht übelnahmen. Ossip wurde fast immer wieder gewählt und versah mehrere Jahre hintereinander das Amt einer Köchin, das er nur zeitweise niederlegte, wenn ihm die Sache zu langweilig wurde und ihn zugleich das Verlangen überkam, sich dem Branntweinschmuggel zu widmen. Er war ein Mann von seltener Ehrlichkeit und großer Sanftmut, obwohl er wegen Schmuggels ins Zuchthaus geraten war. Er war eben jener großgewachsene, kräftige Schmuggler, den ich schon einmal erwähnt habe; ein ungewöhnlicher Feigling, besonders in bezug auf die Rutenstrafe, ein stiller, gutmütiger Mensch, der gegen alle freundlich war und sich nie mit jemand zankte, dem es aber, trotz seiner ganzen Feigheit, einfach unmöglich war, keinen Schnaps ins Zuchthaus einzuschmuggeln: so groß war seine Leidenschaft für diese Tätigkeit. Er trieb mit den andern Köchen Branntweinhandel, aber natürlich nicht in dem Maße wie z. B. Gasin, weil er nicht den Mut hatte, viel zu riskieren. Mit diesem Ossip kam ich immer sehr gut aus. Was aber die für die eigene Beköstigung notwendigen Mittel betrifft, so brauchte man dazu auffallend wenig. Ich irre mich nicht, wenn ich sage, daß mich meine ganze Beköstigung im Monat nur einen Silberrubel kostete, natürlich außer dem Kommißbrot und manchmal der Kommißsuppe, die ich, wenn ich schon gar zu großen Hunger hatte, aß, trotz meines Widerwillens, welcher übrigens mit der Zeit gänzlich verschwand. Gewöhnlich ließ ich mir täglich ein Stück Rindfleisch kaufen. Das Rindfleisch kostete bei uns im Winter eine halbe Kopeke. Das Fleisch kaufte auf dem Markt einer von den Invaliden, von denen in jeder Kaserne einer zur Beaufsichtigung der Ordnung lebte und die freiwillig das Amt übernommen hatten, täglich auf den Markt zu gehen, um für die Arrestanten Einkäufe zu machen, wofür sie gar keine Vergütung, höchstens gelegentlich ein kleines Trinkgeld bekamen. Sie machten es nur der eigenen Ruhe wegen, denn sonst hätten sie sich mit den Zuchthäuslern gar nicht vertragen können. So brachten sie uns Tabak, Backsteintee, Fleisch, Brezeln usw., kurz alles, mit Ausnahme von Branntwein. Um die Besorgung von Branntwein bat man sie nie, traktierte sie aber zuweilen mit solchem. Ossip kochte für mich einige Jahre hintereinander, und zwar immer das gleiche Stück gebratenes Rindfleisch. Wie es gebraten war, ist eine andere Frage, aber das kümmerte mich wenig. Es ist auffallend, daß ich mit diesem Ossip mehrere Jahre hintereinander kein einziges Wort wechselte. Ich versuchte oft mit ihm ein Gespräch zu beginnen, er hatte aber keine Fähigkeit, eine Unterhaltung zu führen: er lächelte nur, sagte »ja« oder »nein«, und das war alles. Es war wirklich seltsam, diesen Herkules mit dem Verstand eines siebenjährigen Kindes anzusehen.

Außer Ossip leistete mir auch Ssuschilow Dienste. Ich hatte ihn dazu weder aufgefordert noch berufen. Er kam irgendwie ganz von selbst auf mich und attachierte sich mir; ich erinnere mich sogar nicht, wie es kam. Er begann meine Wäsche zu waschen. Zu diesem Zweck befand sich hinter den Kasernen eine eigene große Abfallgrube. Über dieser Grube wusch man in Trögen, die dem Zuchthause gehörten, die Arrestantenwäsche. Außerdem erfand Ssuschilow selbst tausend verschiedene Obliegenheiten, um mir gefällig zu sein: er stellte meine Teekanne aufs Feuer, lief in meinen Aufträgen herum, um für mich dies oder jenes zu suchen, trug meine Jacke zum Ausbessern und schmierte mir die Stiefel viermal im Monat; dies alles tat er eifrig und geschäftig, als erfüllte er eine Gott weiß was für eine wichtige Pflicht; mit einem Worte, er knüpfte sein Schicksal gänzlich an das meinige und übernahm alle meine Angelegenheiten. Er sagte z. B. niemals: »Sie haben soundsoviel Hemden, Ihre Jacke ist zerrissen« usw., sondern immer: »Wir haben jetzt soundsoviel Hemden, unsere Jacke ist zerrissen.« Er blickte mir immer in die Augen und hielt es anscheinend für seinen wichtigsten Lebenszweck. Er hatte kein Handwerk und verdiente sich anscheinend nur von mir ab und zu ein paar Kopeken. Ich zahlte ihm, soviel ich konnte, d. h. einige Kupfermünzen, und er war immer widerspruchslos zufrieden. Es war ihm einfach unmöglich, nicht zu dienen, und er hatte mich wohl aus dem Grunde gewählt, weil ich umgänglicher als die andern und anständiger im Zahlen war. Er gehörte zu denen, die niemals reich werden oder in die Höhe kommen konnten und die als Wächter der Maidans ganze Nächte hindurch im Flur im Froste standen und auf jedes Geräusch auf dem Hofe horchten, für den Fall, daß der Platzmajor erscheinen sollte; sie bekamen dafür fünf Silberkopeken pro Nacht und verloren, im Falle sie nicht scharf genug aufpaßten, alles und mußten es obendrein mit ihrem Rücken büßen. Ich sprach bereits von diesen Leuten. Charakteristisch ist an ihnen, daß sie ihre Persönlichkeit immer, in allen Fällen und fast vor jedem Menschen erniedrigen, in den gemeinsamen Angelegenheiten aber nicht mal eine zweite, sondern höchstens eine dritte Rolle spielen. So sind sie einmal von der Natur beschaffen. Ssuschilow war ein unglücklicher, demütiger und eingeschüchterter Bursche; niemand schlug ihn bei uns, aber er war schon von der Natur geschlagen. Er tat mir aus irgendeinem Grunde immer leid. Ich konnte ihn ohne dieses Gefühl gar nicht ansehen, warum er mir aber so leid tat, vermochte ich nicht zu sagen. Ich konnte mich mit ihm auch nicht unterhalten; auch er verstand nicht mit einem Menschen zu sprechen; das bedeutete für ihn offensichtlich die größte Mühe, und er wurde erst dann wieder lebendig, wenn man ihm, um das Gespräch abzubrechen, irgendeine Arbeit gab oder ihn bat, irgendwohin zu gehen oder etwas zu besorgen. Zuletzt gewann ich sogar die Überzeugung, daß ich ihm damit ein Vergnügen bereitete. Er war weder groß noch klein gewachsen, weder hübsch noch häßlich, weder klug noch dumm, weder jung noch alt, ein wenig pockennarbig und ziemlich blond. Etwas Bestimmtes konnte man über ihn niemals sagen. Bloß das eine: er gehörte, soweit ich vermutete, zu der gleichen Gesellschaft wie Ssirotkin, und zwar ausschließlich infolge seiner Demut und Willenlosigkeit. Die Arrestanten machten sich über ihn zuweilen lustig, hauptsächlich deswegen, weil er auf dem Wege nach Sibirien »getauscht« hatte, und zwar für ein rotes Hemd und einen Silberrubel bar. Wegen dieses lächerlichen Preises, für den er sich verkauft hatte, lachten ihn die Arrestanten aus. »Tauschen« heißt mit jemand den Namen und folglich auch das Schicksal tauschen. Wie wunderlich dieser Vorgang auch erscheinen mag, er kommt dennoch wirklich vor und wurde zu meiner Zeit von den nach Sibirien verschickten Arrestanten, von Überlieferungen geheiligt und in gewisse Formen gekleidet, tatsächlich geübt. Anfangs kam es mir unglaublich vor, aber schließlich mußte ich daran, vom Augenscheine überzeugt, glauben.

Das wird auf folgende Weise gemacht. Da wird nach Sibirien eine Partie Arrestanten transportiert. Es sind allerlei Leute darunter, solche die zur Zwangsarbeit, auf ein Bergwerk oder zur Ansiedlung verschickt werden; sie gehen alle zusammen. Unterwegs, sagen wir im Permschen Gouvernement, will einer mit einem andern tauschen. Irgendein Michailow, der wegen eines Mordes oder eines andern kapitalen Verbrechens verschickt wird, hält es für unvorteilhaft, auf viele Jahre ins Zuchthaus zu kommen. Nehmen wir an, daß er ein schlauer, geriebener Kerl ist und die Sache kennt; nun sucht er in der gleichen Partie einen möglichst einfachen, schüchternen, widerstandslosen Menschen, der zu einer verhältnismäßig geringen Strafe verurteilt ist: zu wenigen Jahren Bergwerk, oder zur Ansiedlung oder sogar zum Zuchthaus; aber für eine kurze Frist. Endlich findet er einen Ssuschilow. Dieser Ssuschilow ist ein leibeigener Bauer und wird einfach zur Ansiedlung verschickt. Er ist schon fünfzehnhundert Werst gegangen, natürlich ohne eine Kopeke Geld, denn so ein Ssuschilow kann niemals eine Kopeke besitzen; er ist müde, erschöpft, lebt ausschließlich vom Kommiß ohne irgendwelche Extrazulagen, trägt nur Kommißkleider und dient allen andern für ein paar elende Kupfermünzen. Michailow kommt mit dem Ssuschilow ins Gespräch, schließt mit ihm sogar Freundschaft und traktiert ihn auf irgendeiner Etappe mit Branntwein. Schließlich macht er ihm den Vorschlag, zu tauschen: »Ich bin Michailow, mit mir steht es so und so, ich gehe eigentlich nicht ins Zuchthaus, sondern in die sogenannte ›Besondere Abteilung‹. Es ist zwar auch ein Zuchthaus, aber ein besonderes, also ein besseres.« Von dieser ›Besonderen Abteilung‹ wußten selbst zu der Zeit, als sie noch existierte, auch unter den Vorgesetzten, z. B. in Petersburg, nur sehr wenige. Das war ein entlegenes, isoliertes Winkelchen in einem der Winkelchen Sibiriens und dazu noch von so wenigen Menschen besetzt (in meiner Zeit befanden sich da nicht mehr als siebzig Mann), daß es schwer war, auf seine Spur zu kommen. Ich traf später Menschen, die in Sibirien gedient hatten und es kannten, aber erst von mir zum erstenmal von der Existenz der »Besonderen Abteilung« hörten. Im Gesetzbuche handeln von ihr nur sechs Zeilen: »Bei dem und dem Zuchthause wird für die allerwichtigsten Verbrecher, bis zur Einführung der allerschwersten Zwangsarbeit in Sibirien, eine ›Besondere Abteilung‹ gegründet.« Selbst die in dieser »Abteilung« befindlichen Arrestanten wußten nicht, ob sie sich da für eine bestimmte Frist oder für ihr ganzes Leben befanden. Eine Frist war ja gar nicht angesetzt, es hieß bloß: »bis zur Einrichtung der allerschwersten Zwangsarbeit« und kein Wort mehr. Es ist daher kein Wunder, daß es weder Ssuschilow, noch sonst jemand in der Partie wußte, sogar der betreffende Michailow selbst wußte es nicht und hatte höchstens eine dunkle Ahnung von der »Besonderen Abteilung«, in Anbetracht seines besonders schweren Verbrechens, für das er bereits drei- oder viertausend Spießruten laufen mußte. Er konnte sich also denken, daß man ihn an keinen guten Ort schickte. Ssuschilow wird dagegen zur Ansiedlung verschickt; was kann sich Michailow besseres wünschen? »Willst du nicht tauschen?« Ssuschilow ist angeheitert, er ist einfältig, von Dankbarkeit gegen Michailow, der ihn so freundlich behandelt hat, erfüllt und kann ihm daher nicht nein sagen. Außerdem hat er schon in der Partie gehört, daß so etwas üblich ist, daß die andern »tauschen« und daß folglich nichts Ungewöhnliches und Unerhörtes dabei ist. Sie einigen sich. Der gewissenlose Michailow nützt die ungewöhnliche Einfalt Ssuschilows aus und kauft sich seinen Namen für ein rotes Hemd und für einen Silberrubel, die er ihm vor Zeugen übergibt. Am nächsten Tage ist Ssuschilow nüchtern, aber man macht ihn wieder betrunken, er kann sich auch nicht gut weigern; der Silberrubel, den er bekommen hat, ist schon vertrunken, das rote Hemd folgt bald darauf nach. Wenn du nicht willst, so gib das Geld zurück. Wo soll aber so ein Ssuschilow einen Silberrubel hernehmen? Und wenn er ihn nicht zurückgibt, so zwingt ihn die ganze Genossenschaft der Arrestanten dazu: die Genossenschaft paßt ja scharf auf. Außerdem muß er ein gegebenes Versprechen halten, – auch darauf sieht die Genossenschaft. Tut er es nicht, so fressen sie ihn bei lebendigem Leibe auf. Sie verprügeln ihn oder ermorden ihn sogar, jedenfalls machen sie ihm große Angst.

Und in der Tat: wollte die Genossenschaft in einer solchen Sache auch nur ein einziges Mal Nachsicht üben, so würde die ganze Einrichtung des Namentausches ein Ende nehmen. Wenn man sein Versprechen auch nicht halten und das Geschäft, nachdem man das Geld angenommen, rückgängig machen kann, wer wird dann noch seine Verpflichtung erfüllen? Es steht, mit einem Worte, das Interesse der ganzen Genossenschaft auf dem Spiele, und darum ist der Trupp in solchen Dingen sehr streng. Ssuschilow sieht endlich ein, daß er sich nicht mehr losbeten kann, und entschließt sich, auf alles einzugehen. Dies wird dem ganzen Trupp mitgeteilt; wenn es notwendig ist, wird noch mancher andere Arrestant beschenkt und traktiert. Dem andern ist es natürlich ganz gleich, ob Ssuschilow oder Michailow zum Teufel geht; außerdem ist der Branntwein ausgetrunken, also wird er schweigen. Auf der nächsten Etappe wird ein Namensappell vorgenommen; die Reihe kommt auf Michailow: »Michailow!« Ssuschilow antwortet: »Hier!« – »Ssuschilow!« Michailow schreit: »Hier!«, und sie wandern weiter. Niemand spricht mehr darüber. In Tobolsk werden die zur Ansiedlung Verschickten abgesondert. Der »Michailow« kommt zur Ansiedlung, und »Ssuschilow« wird unter verstärkter Eskorte nach der »Besonderen Abteilung« transportiert. Jetzt ist keinerlei Protest mehr möglich; wie sollte man es auch beweisen? Wieviel Jahre wird sich so eine Sache hinziehen? Was für eine Strafe riskiert man dafür? Und wo sind schließlich die Zeugen? Selbst wenn solche vorhanden sind, werden sie alles leugnen. Und so bleibt als Resultat, daß Ssuschilow für einen Silberrubel und ein rotes Hemd in die »Besondere Abteilung« gekommen ist.

Die Arrestanten machten sich über Ssuschilow lustig, nicht weil er getauscht hatte (obwohl man diejenigen, die eine leichtere Arbeit für eine schwerere eingetauscht haben, im allgemeinen als hereingefallene Dummköpfe verachtete), sondern weil er sich mit einem roten Hemd und einem Silberrubel, also einen allzu geringen Lohn, begnügt hatte. Gewöhnlich wird solch ein Tausch für hohe, natürlich nur eine verhältnismäßig hohe Bezahlung vorgenommen. Es werden dafür sogar zwanzig und mehr Rubel bezahlt. Aber Ssuschilow war so widerstandlos, so unpersönlich und in aller Augen so unbedeutend, daß man über ihn eigentlich nicht einmal lachen sollte.

Schon lange, seit mehreren Jahren, lebte ich mit Ssuschilow zusammen. Er schloß sich mir allmählich außerordentlich an; ich mußte es sehen, da auch ich mich an ihn gewöhnt hatte. Aber einmal, – ich werde es mir niemals verzeihen – traf es sich, daß er einen meiner Aufträge, für den er schon das Geld bekommen hatte, nicht ausführte und ich die Grausamkeit hatte, ihm zu sagen: »Sehen Sie, Ssuschilow, Sie nehmen das Geld, tun aber Ihre Pflicht nicht.« Ssuschilow erwiderte darauf nichts, besorgte schnell meinen Auftrag, wurde aber plötzlich auffallend traurig. Es vergingen zwei Tage. Ich dachte mir: es kann doch nicht sein, daß meine Worte auf ihn solchen Eindruck gemacht haben. Ich wußte, daß ein anderer Arrestant, ein gewisser Anton Wassiljew von ihm mit großer Hartnäckigkeit eine Schuld von wenigen Kopeken mahnte. Also hat er wohl kein Geld und traut sich nicht, mich um welches zu bitten. Am dritten Tage sage ich zu ihm: »Ssuschilow, ich glaube, Sie wollten mich um Geld für Anton Wassiljew bitten? Hier haben Sie es.« Ich saß auf der Pritsche; Ssuschilow stand vor mir. Er war wohl sehr verblüfft, daß ich ihm selbst Geld anbot und an seine schwierige Lage dachte, um so mehr, als er in der letzten Zeit, wie er glaubte, gar zu viel Geld von mir genommen hatte und folglich gar nicht zu hoffen wagte, daß ich ihm noch mehr gebe. Er sah erst das Geld, dann mich an, wandte sich um und ging hinaus. Dies versetzte mich in Erstaunen. Ich folgte ihm und fand ihn hinter den Kasernen. Er stand am Palisadenzaune, das Gesicht zum Zaune gewandt und sich mit der Hand gegen die Palisaden stützend. »Ssuschilow, was haben Sie?« fragte ich ihn. Er sah mich nicht an, und ich merkte zu meinem größten Erstaunen, daß er nahe daran war, in Tränen auszubrechen. »Alexander Petrowitsch . . . Sie glauben . . .« begann er mit stockender Stimme und bemühte sich, zur Seite zu blicken, »daß ich Ihnen . . . des Geldes wegen . . . aber ich . . . ich . . . ach!« Er wandte sich wieder zum Palisadenzaun um, so daß er sogar mit der Stirn an ihn stieß, und fing plötzlich zu schluchzen an! . . . Es war das erstemal, daß ich im Zuchthause einen Menschen weinen sah. Ich tröstete ihn mit großer Mühe, aber obwohl er mir von nun an womöglich noch eifriger diente und um mich sorgte, sah ich ihm doch an einigen, kaum merklichen Anzeichen an, daß sein Herz mir meinen Vorwurf niemals zu verzeihen vermochte. Die andern machten sich aber über ihn lustig, kränkten ihn bei jeder Gelegenheit, schimpften auf ihn zuweilen kräftig, und doch lebte er mit ihnen in Freundschaft und nahm ihnen nichts übel. Ja, es ist zuweilen sehr schwer, einen Menschen genau kennenzulernen, selbst wenn man schon viele Jahre mit ihm verkehrt!

Darum konnte ich auch nicht auf den ersten Blick den wahren Eindruck vom Zuchthause bekommen, den ich erst später gewann. Darum sagte ich auch, daß ich, obwohl ich alles mit einer so gierigen und intensiven Aufmerksamkeit beobachtete, dennoch vieles nicht sehen konnte, was ich dicht vor meiner Nase hatte. Natürlich frappierten mich zuerst die besonders auffallenden Erscheinungen, aber auch diese faßte ich vielleicht falsch auf, so daß sie in meiner Seele nur einen schweren, trostlos traurigen Eindruck hinterließen. Sehr viel trug dazu meine Begegnung mit dem Arrestanten A–ow bei, der kurz vor mir ins Zuchthaus gekommen war und der auf mich gleich in den ersten Tagen einen besonders qualvollen Eindruck machte. Ich hatte übrigens schon vor meiner Ankunft im Zuchthause gewußt, daß ich da den A–ow treffen würde. Er vergiftete mir die erste schwere Zeit und vergrößerte meine Seelenqualen. Ich kann ihn nicht mit Schweigen übergehen.

Er stellte das abstoßendste Beispiel dafür dar, bis zu welchem Grade ein Mensch sinken und herunterkommen und in sich jedes sittliche Gefühl ohne Mühe und ohne Reue ertöten kann. A–ow war der junge Mann adliger Abstammung, von dem ich schon sagte, daß er unserm Platzmajor alles hinterbrachte, was im Zuchthause geschah, und mit dessen Burschen Fedjka befreundet war. Hier ist seine kurze Geschichte. Ohne irgendeine Schule absolviert zu haben, kam er nach einem Zank mit seinen Angehörigen in Moskau, die er durch seinen lasterhaften Lebenswandel erschreckt hatte, nach Petersburg und ließ sich hier, um Geld zu beschaffen, zu einer gemeinen Denunziation herbei, d. h. er entschloß sich, das Blut von zehn Menschen zu verkaufen, um seinen unstillbaren Durst nach den rohesten und gemeinsten Genüssen sofort befriedigen zu können; Petersburg hatte ihn mit seinen Konditoreien und verrufenen Straßen dermaßen verdorben und in ihm eine solche Gier nach derartigen Genüssen geweckt, daß er, obwohl er sonst gar nicht dumm war, eine wahnsinnige Sache riskierte. Er wurde bald überführt; er verwickelte in seine Denunziation völlig unschuldige Menschen, betrog die andern und wurde deswegen für zehn Jahre nach Sibirien in unser Zuchthaus geschickt. Er war noch sehr jung, sein Leben fing erst eben an. Man sollte doch annehmen, daß diese schreckliche Wendung in seinem Schicksale auf ihn einen starken Eindruck machen und in seiner Natur irgendeine Reaktion wecken müßte. Er nahm aber sein neues Schicksal ohne jede Erschütterung, sogar ohne jeden Abscheu hin, empfand vor ihm keinerlei sittliche Empörung und erschrak vor nichts, höchstens vor der Notwendigkeit, zu arbeiten und den Konditoreien und den verrufenen Straßen Lebewohl sagen zu müssen. Es schien ihm sogar, daß seine Stellung eines Zuchthäuslers ihm die Freiheit gab, noch größere Gemeinheiten zu begehen. »Ein Zuchthäusler ist eben ein Zuchthäusler; und wenn man ein Zuchthäusler ist, so darf man jede Gemeinheit tun und braucht sich nicht zu schämen.« Das war buchstäblich seine Ansicht. Ich denke an dieses widerliche Geschöpf als an ein seltenes Phänomen zurück. Ich habe mehrere Jahre unter Mördern, Wüstlingen und den schlimmsten Verbrechern zugebracht, behaupte aber mit aller Entschiedenheit, noch nie im Leben eine so völlige sittliche Verkommenheit und eine so freche Niedrigkeit gesehen zu haben wie bei diesem A–ow. Wir hatten einen andern Adligen, der seinen Vater ermordet hatte; ich habe ihn schon erwähnt; aber viele Züge und Tatsachen überzeugten mich, daß sogar er unvergleichlich edler und menschlicher war als dieser A–ow. Während meines ganzen Aufenthaltes im Zuchthause war A–ow für mein Gefühl nur ein Stück Fleisch mit Zähnen und einem Magen und einem unstillbaren Durst nach den rohesten, tierischsten körperlichen Genüssen; um sich auch den geringsten dieser Genüsse zu verschaffen, war er imstande, vollkommen kaltblütig einen Mord und jedes Verbrechen zu begehen, wenn nur die Sache verborgen bliebe. Ich übertreibe nicht; ich habe diesen A–ow gut kennengelernt. Er lieferte ein Beispiel dafür, welches Übergewicht das Fleischliche am Menschen erhalten kann, wenn es durch keinerlei Norm oder Gesetz gebunden ist. So ekelhaft war mir sein ewiges spöttisches Lächeln. Er war ein Monstrum, ein moralischer Quasimodo. Man stelle sich dabei vor, daß er verschlagen und klug, auch hübsch war und sogar über einige Bildung und gute Fähigkeiten verfügte. Nein, besser ist schon eine Feuersbrunst, eine Seuche und eine Hungersnot als solch ein Mensch in der Gesellschaft. Ich sagte schon, daß im Zuchthause alle so tief gesunken waren, daß Spionage und Denunziation in hoher Blüte standen und keinen Protest erregten. Im Gegenteil, alle verkehrten mit A–ow sehr freundschaftlich und behandelten ihn viel freundlicher als uns. Die Gunst, die ihm unser versoffener Major erwies, verlieh ihm in den Augen der andern eine besondere Bedeutung und ein hohes Gewicht. Unter anderem redete er dem Major ein, daß er Porträts zu malen verstünde (den Arrestanten erzählte er dagegen, daß er ein Gardeleutnant gewesen sei), und der Major befahl, daß man ihn zur Arbeit zu ihm ins Haus schicke, natürlich, um ein Porträt des Majors selbst zu malen. Bei dieser Gelegenheit lernte A–ow den Burschen Fedjka kennen, der auf seinen Herrn und folglich auf alles und alle im Zuchthause einen außerordentlichen Einfluß hatte. A–ow spionierte auf Befehl des Majors bei uns, aber dieser ohrfeigte ihn, wenn er betrunken war, oder schimpfte ihn einen Spion und einen Angeber. Es kam vor, und sogar sehr oft, daß der Major, nachdem er ihn verprügelt, sich sofort auf einen Stuhl setzte und dem A–ow befahl, an seinem Porträt weiter zu malen. Unser Major glaubte anscheinend wirklich, daß A–ow ein hervorragender Künstler sei, fast ein Brjullow, von dem er gehört hatte; aber er hielt sich dennoch für berechtigt, ihn mit Ohrfeigen zu traktieren: »Du bist zwar ein Künstler, aber doch ein Zuchthäusler, und wenn du auch ein Erzbrjullow bist, so bin ich jedenfalls dein Vorgesetzter und kann mit dir alles tun, was mir paßt.« Unter anderm zwang er A–ow, ihm die Stiefel auszuziehen und aus seinem Schlafzimmer gewisse Gefäße hinauszutragen, konnte aber dabei doch lange nicht den Gedanken loswerden, daß A–ow ein großer Künstler sei. Das Malen des Porträts dauerte unendlich lange, fast ein ganzes Jahr. Der Major kam endlich dahinter, daß man ihn zum besten hielt und daß das Porträt nicht nur nicht vollendet, sondern von Tag zu Tag unähnlicher wurde. Er geriet in Wut, verprügelte den Künstler und schickte ihn zur Strafe ins Zuchthaus zu der schmutzigsten Arbeit. A–ow bedauerte sichtbar diese Wendung, und es war ihm schwer, auf die arbeitsfreien Tage, auf die Bissen vom Tische des Majors, auf die Freundschaft mit Fedjka und auf alle die Genüsse zu verzichten, die er mit dem letzteren in der Küche des Majors zu erfinden pflegte. Nach der Absetzung des A–ow hörte der Major jedenfalls auf, den Arrestanten M. zu verfolgen, den A–ow bei ihm fortwährend denunzierte, und zwar aus folgendem Grunde: Als A–ow ins Zuchthaus kam, war M. ganz allein, litt sehr unter der Einsamkeit, hatte keinen Verkehr mit den übrigen Arrestanten, blickte auf sie mit Entsetzen und Abscheu und übersah an ihnen das, was ihn mit ihnen hätte versöhnen können. Sie zahlten es ihm mit ihrem Haß. Überhaupt ist die Lage solcher Menschen wie M. im Zuchthause entsetzlich. Der Grund, weshalb man A–ow ins Zuchthaus verschickt hatte, war dem M. unbekannt. Als aber A–ow sah, was für einen Menschen er vor sich hatte, redete er ihm ein, daß man ihn wegen einer Sache verschickt habe, die einer Denunziation gerade entgegengesetzt sei, fast wegen des gleichen Vergehens wie den M. selbst, und M. war froh, einen Freund und Genossen gefunden zu haben. Er bemutterte und tröstete ihn in den ersten Tagen seines Zuchthauslebens, da er annahm, daß er entsetzlich leiden müsse, gab ihm sein letztes Geld, gab ihm zu essen und teilte mit ihm seine notwendigsten Sachen. Aber A–ow fing ihn gleich zu hassen an, nur weil M. ein anständiger Mensch war, weil er sich über jede Gemeinheit so entsetzte, weil er eben ganz anders war als er, A–ow; alles, was ihm M. in den früheren Gesprächen über das Zuchthaus und den Major gesagt hatte, hinterbrachte A–ow bei der ersten passenden Gelegenheit diesem letzteren. Der Major bekam eine entsetzliche Wut auf M., verfolgte ihn grausam und hätte ihn, wenn der Einfluß des Kommandanten nicht wäre, sicher zugrunde gerichtet. Als M. später von dieser Gemeinheit erfuhr, machte es auf A–ow nicht nur keinen Eindruck, sondern es freute ihn sogar, ihm spöttisch ins Gesicht zu schauen. Das verschaffte ihm sichtbaren Genuß. M. selbst machte mich darauf einigemal aufmerksam. Diese niederträchtige Kreatur entfloh später mit einem anderen Arrestanten und einem Begleitsoldaten, aber von dieser Flucht will ich ein anderes Mal erzählen. Anfangs umschmeichelte er auch mich, da er glaubte, daß ich von seiner Geschichte nichts wisse. Ich sage es noch einmal: er vergiftete mir die ersten Tage meines Zuchthauslebens und verschärfte meine seelischen Qualen. Ich entsetzte mich vor dieser schrecklichen Niedertracht und Gemeinheit, in die ich hineingeraten war. Ich glaubte, daß hier alles so niederträchtig und gemein sei. Aber ich irrte mich, denn ich hatte alle nach diesem A–ow beurteilt.

Diese ersten drei Tage trieb ich mich tief niedergeschlagen im Zuchthause herum, lag auf meiner Pritsche, ließ mir von einem zuverlässigen Arrestanten, den mir Akim Akimytsch empfohlen hatte, aus der mir ausgefolgten Kommißleinwand Hemden nähen, natürlich gegen Bezahlung (für einige Kopeken pro Stück), und schaffte mir auf dringenden Rat Akim Akymitschs eine zusammenlegbare Matratze (aus Filz mit Leinenüberzug), so dünn wie ein Pfannkuchen, und ein mit Wolle gefülltes Kissen an, das mir, bevor ich mich daran gewöhnte, furchtbar hart vorkam. Akim Akymitsch war um die Anschaffung aller dieser Gegenstände sehr besorgt und beteiligte sich auch selbst daran. Er nähte mir eigenhändig eine Bettdecke aus Fetzen alten Kommißtuches, die von abgetragenen Hosen und Jacken herrührten und die ich bei den anderen Arrestanten gekauft hatte. Die Kommißsachen gingen nach einer festgesetzten Frist in den Besitz der Arrestanten über und wurden sofort im Zuchthause selbst verkauft; wie abgetragen ein Gegenstand auch war, hatte er doch Aussicht, für einen gewissen Preis verkauft zu werden. Über dies alles mußte ich mich anfangs sehr wundern. Es war überhaupt die Zeit meiner ersten Berührung mit dem einfachen Volke. Plötzlich war ich selbst ein Mann aus dem Volke, der gleiche Arrestant geworden wie sie. Ihre Gewohnheiten, Begriffe, Ansichten und Sitten wurden gleichsam auch die meinigen, jedenfalls der Form und dem Gesetze nach, obwohl ich sie, im Grunde genommen, nicht teilte. Ich war erstaunt und verblüfft, als hätte ich früher nichts davon geahnt oder gehört, obwohl ich es in Wirklichkeit wohl gehört und gewußt hatte. Aber die Wirklichkeit wirkt immer ganz anders als das Wissen und Hören. Hätte ich mir z. B. früher vorstellen können, daß solche Gegenstände wie alte abgetragene Lumpen überhaupt noch als Gegenstände gelten können? Nun ließ ich mir aber aus diesen Lumpen eine Bettdecke nähen! Man konnte sich auch schwer vorstellen, aus was für einer Sorte Tuch die Arrestantenkleider gemacht wurden. Von außen sah es wirklich wie Tuch, sogar wie dickes Soldatentuch aus; kaum hatte man es aber eine Weile getragen, so verwandelte es sich in ein netzartiges Gewebe und zerriß auf die gemeinste Weise. Die Tuchkleider wurden übrigens nur für ein Jahr geliefert, aber es war schwer, mit ihnen auch diese Frist auszukommen. Der Arrestant arbeitet ja und trägt Lasten, darum wetzt sich seine Kleidung schnell ab. Die Schafpelze wurden dagegen für drei Jahre geliefert und dienten gewöhnlich während dieser Zeit als Bekleidung sowohl als auch als Bettdecken und Schlafunterlagen. Aber die Pelze waren dauerhaft, obwohl man gar nicht selten am Ende des dritten Jahres, also vor Ablauf der Frist, solche Schafpelze, mit Flicken aus einfacher Leinwand sehen konnte. Trotzdem wurden sie, wie abgetragen sie auch waren, nach Ablauf der festgesetzten Frist für etwa vierzig Silberkopeken verkauft. Für solche, die besser erhalten waren, bekam man sogar sechzig und siebzig Silberkopeken. Im Zuchthause ist das aber viel Geld.

Das Geld hatte, wie ich schon sagte, im Zuchthause eine große Bedeutung und stellte eine Macht dar. Man darf positiv sagen, daß ein Arrestant, der im Zuchthause auch nur etwas Geld besaß, zehnmal weniger zu leiden hatte, als einer, der nichts besaß, obwohl der letztere ja auch mit Kommißsachen versorgt wurde. Was braucht er also Geld? – sagten sich unsere Vorgesetzten. Ich aber sage wieder, daß die Arrestanten, wenn sie keine Möglichkeit hätten, eigenes Geld zu besitzen, entweder verrückt geworden oder wie die Fliegen gestorben wären (obwohl sie mit allem Notwendigen versorgt waren) oder schließlich unerhörte Verbrechen begangen hätten, – die einen einfach aus Langeweile, die andern, um so schnell wie möglich hingerichtet und vernichtet zu werden oder irgendwie »sein Schicksal zu verändern« (so lautete der technische Ausdruck). Daß der Arrestant, der mit blutigem Schweiße jede Kopeke verdient oder sich des Gelderwerbes wegen auf allerlei Listen einläßt, die oft mit Diebstahl und Betrug verbunden sind, dieses Geld mit einem so kindlichen Leichtsinn ausgibt, ist gar kein Beweis dafür, daß er das Geld nicht schätzt, selbst wenn es auf den ersten Blick so erscheinen mag. Die Geldgier eines Arrestanten ist direkt krankhaft und grenzt an Wahnsinn, und selbst wenn er es wie Hobelspäne um sich wirft, so gibt er es doch für etwas aus, was er um eine Stufe höher stellt als das Geld. Was ist aber für den Arrestanten höher als Geld? Die Freiheit oder der Traum von der Freiheit. Die Arrestanten sind große Träumer. Darüber werde ich noch später sprechen, jetzt will ich aber nur noch eines erwähnen: wird es mir jemand glauben wollen, daß ich unter den für zwanzig Jahre Verschickten solche sah, die mir vollkommen ruhig sagten: »Warte nur, so Gott will, sitze ich meine Zeit ab, und dann . . .« Das Wort »Arrestant« bedeutet ja einen Menschen ohne Willen, wenn er aber Geld ausgibt, handelt er schon nach eigenem Willen. Trotz aller Brandmale, Ketten und der verhaßten Palisaden des Zuchthauses, die vor ihm die Welt Gottes verdecken und ihn wie ein wildes Tier im Käfig einschließen, kann er sich doch Branntwein kaufen, der einen streng verbotenen Genuß bedeutet, er kann sich auch mit dem schönen Geschlecht einlassen, kann sogar manchmal (wenn auch nicht immer) seine unmittelbaren Vorgesetzten, die Invaliden und selbst den Unteroffizier bestechen, die dann ein Auge zudrücken, wenn er die Vorschriften und die Disziplin verletzt; er kann sogar obendrein so tun, als fürchte er sie nicht: das tut aber ein Arrestant furchtbar gern, d. h. er kann vor seinen Kameraden damit prahlen und es sogar sich selbst, wenigstens für einige Zeit, einreden, daß er unvergleichlich mehr eigenen Willen und Macht habe, als es scheine; mit einem Worte, er kann prassen, Skandal machen, einen andern auf die gemeinste Weise behandeln und ihm beweisen, daß er dies alles dürfe, daß er die Gewalt dazu habe, d. h. sich selbst etwas einzureden, woran der arme Teufel nicht mal zu denken wagt. Das ist übrigens vielleicht der Grund dafür, daß die Arrestanten, selbst wenn sie nüchtern sind, allgemein eine Neigung zum Prahlen und zu einer komischen und naiven, völlig unbegründeten Selbstüberhebung zeigen. Schließlich ist jede Ausschweifung immer mit einem Risiko verbunden, also erinnert das alles wenigstens entfernt an das freie Leben. Was gibt aber der Mensch für seine Freiheit nicht alles her? Welcher Millionär, dem man die Kehle mit einer Schlinge zuschnürte, würde nicht alle seine Millionen für einen einzigen Atemzug hergeben?

Die Vorgesetzten wundern sich manchmal, daß ein Arrestant, der einige Jahre so friedlich und musterhaft gelebt und den man wegen seines guten Betragens zu einem Aufseher gemacht hat, plötzlich so mir nichts, dir nichts, als wäre in ihn der Teufel gefahren, über die Schnur haut, Radau macht, um sich schlägt und zuweilen sogar ein Kriminalverbrechen riskiert: entweder sich offen der Obrigkeit widersetzt, oder jemand ermordet oder vergewaltigt usw. Sie wundern sich alle darüber. Dabei ist aber dieser plötzliche Ausbruch in dem Menschen, von dem man es am allerwenigsten erwartet hätte, nur eine krampfhafte Behauptung seiner Persönlichkeit, eine instinktive Sehnsucht nach einem eigenen Ich, der Wunsch, sich irgendwie zu äußern und seine unterdrückte Individualität zu zeigen, ein Drang, der sich bis zur Wut, bis zur Raserei, bis zum Wahnsinn, bis zu einem Krampfe steigern kann. So klopft vielleicht ein lebendig Begrabener, wenn er im Sarge erwacht, gegen den Sargdeckel und bemüht sich, ihn aufzuheben, obwohl die Vernunft ihm sagen müßte, daß alle seine Bemühungen vergeblich sein würden. Aber das ist es eben, daß die Vernunft hier nicht mitzureden hat: es ist ein krampfhafter Anfall. Wir müssen ferner bedenken, daß fast jede willkürliche Äußerung seiner Persönlichkeit bei einem Arrestanten als ein Verbrechen angesehen wird; darum macht er natürlich keinen Unterschied zwischen einer großen oder kleinen Äußerung. Wenn er schon prassen will, dann auch ordentlich, wenn er etwas riskiert, dann gleich alles, selbst einen Mord. Es genügt ja schon der Anfang: der Mensch gerät dann in einen Rausch und läßt sich nicht mehr zurückhalten! Darum wäre es unbedingt besser, ihn nicht soweit kommen zu lassen. Dann hätten alle mehr Ruhe.

Ja, aber wie das machen?

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