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Aufzeichnungen aus einem toten Hause

Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Aufzeichnungen aus einem toten Hause - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorFjodr Michailowitsch Dostojewski
titleAufzeichnungen aus einem toten Hause
publisherVolksverband der Bücherfreunde Wegweiser-Verlag, G.m.b.H.
printrun3. Auflage
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
projectiddfe4ee1a
created20061203
modified20170607
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Der Austritt aus dem Zuchthause

Dies alles begab sich schon im letzten Jahre meines Zuchthauslebens. Dieses letzte Jahr habe ich fast ebenso lebhaft in Erinnerung wie das erste, besonders die allerletzte Zeit im Zuchthause. Aber was soll ich von Einzelheiten reden? Ich erinnere mich nur, daß mir in diesem letzten Jahre trotz meiner ganzen Ungeduld, meine Frist möglichst schnell zu absolvieren, das Leben viel leichter fiel als in allen vorhergehenden Jahren meiner Verbannung. Erstens hatte ich schon unter den Arrestanten viele Bekannte und Freunde, die endgültig eingesehen hatten, daß ich ein guter Mensch sei. Viele von ihnen waren mir ergeben und hingen an mir mit aufrichtiger Liebe. Der »Pionier« weinte beinahe, als er mich und meinen Genossen aus dem Zuchthause hinausbegleitete, und als wir später, nach dem Austritt aus dem Zuchthause noch einen ganzen Monat in dieser Stadt in einem ärarischen Gebäude lebten, kam er fast jeden Tag zu uns, nur um uns zu sehen. Es gab aber auch einige Menschen, die bis ans Ende mürrisch und unfreundlich blieben, denen es wohl schwer fiel, mit mir ein Wort zu sprechen, – Gott weiß warum. Es war, als ob zwischen uns eine Mauer stünde.

In der letzten Zeit genoß ich überhaupt mehr Vergünstigungen als während meines ganzen vorhergehenden Zuchthauslebens. Unter den in dieser Stadt dienenden Militärs fanden sich Bekannte von mir, sogar alte Schulkameraden. Ich nahm meine Beziehungen zu ihnen wieder auf. Durch ihre Vermittlung konnte ich mir mehr Geld verschaffen, nach der Heimat schreiben und sogar Bücher bekommen. Ich hatte schon seit mehreren Jahren kein einziges Buch mehr gelesen, und ich kann nur schwer den seltsamen und aufregenden Eindruck wiedergeben, den auf mich das erste Buch machte, das ich im Zuchthause las. Ich erinnere mich, daß ich am Abend, als die Kaserne geschlossen wurde, mit dem Lesen begann und die ganze Nacht bis zum Tagesanbruch las. Es war das Heft irgendeiner Zeitschrift. Mir war es, als hätte mich eine Nachricht aus einer anderen Welt erreicht; mein ganzes früheres Leben erstand grell und leuchtend vor meinen Augen, und ich bemühte mich mit Hilfe dessen, was ich las, zu erraten, wie weit ich hinter jenem Leben zurückgeblieben war. Ob sie dort ohne mich viel erlebt hätten, was sie jetzt aufrege, was für Fragen sie beschäftigten? Ich klammerte mich an jedes Wort, ich las zwischen den Zeilen, bemüht, einen geheimnisvollen Sinn, Andeutungen über das Frühere herauszulesen; ich suchte Spuren dessen, was früher, zu meiner Zeit, die Menschen erregt hatte, und es war mir nun in der Tat furchtbar traurig, zu erkennen, wie fremd ich diesem neuen Leben gegenüberstand: ich war zu einem vom Brotlaibe abgeschnittenen Stück geworden. Nun mußte ich mich an das Neue gewöhnen, Bekanntschaft mit der neuen Generation machen. Mit besonderer Spannung las ich den Artikel, unter dem ich die Unterschrift eines mir einst bekannten und nahen Menschen fand . . . Aber es tönten auch schon neue Namen: es waren neue Menschen aufgetreten, und ich beeilte mich voller Ungeduld, sie kennen zu lernen, und ärgerte mich, daß ich mir so wenig Bücher verschaffen konnte. Vorher, unter dem früheren Platzmajor war es sogar gefährlich gewesen, Bücher ins Zuchthaus zu bringen. Im Falle einer Durchsuchung wurde man totsicher gefragt: »Woher sind diese Bücher? Wo hast du sie her? Du unterhältst also Beziehungen mit der Außenwelt? . . .« Was hätte ich aber auf solche Fragen antworten können? Darum vertiefte ich mich, ohne die Bücher lebend, unwillkürlich in mich selbst, stellte mir Fragen, bemühte mich, sie zu lösen, und quälte mich zuweilen mit ihnen . . . Aber alles läßt sich doch nicht so einfach wiedergeben! . . .

Ich war ins Zuchthaus im Winter eingetreten und mußte daher auch im Winter in die Freiheit kommen, an demselben Datum, an dem ich eingetreten war. Mit welcher Ungeduld wartete ich auf den Winter, mit welchem Genuß sah ich am Ende des Sommers, wie das Laub an den Bäumen welkte und das Gras in der Steppe verblich. Da war auch schon der Sommer vorbei, die Herbstwinde heulten; da wirbelte auch schon der erste Schnee . . . Endlich war dieser längst erwartete Winter angebrochen! Mein Herz klopfte nun zuweilen dumpf und heftig im großen Vorgefühl der Freiheit. Aber seltsam: je mehr Zeit verstrich und je näher die Frist herankam, um so geduldiger wurde ich. In den allerletzten Tagen wunderte ich mich sogar darüber und machte mir Vorwürfe: es kam mir vor, als ob ich völlig kaltblütig und gleichgültig geworden wäre. Viele Arrestanten, die mir in der arbeitsfreien Zeit im Hofe begegneten, sprachen mich an und gratulierten mir:

»Nun kommen Sie bald in die Freiheit, Väterchen, Alexander Petrowitsch, bald, bald! Und uns lassen Sie hier allein.«

»Haben Sie denn noch lange zu sitzen, Martynow?« fragte ich.

»Ich, was soll ich von mir reden! Noch an die sieben Jahre werde ich mich hier quälen . . .«

Er seufzte, blieb stehen und blickte zerstreut vor sich hin, als versuchte er, in die Zukunft einzudringen . . . Ja, viele beglückwünschten mich aufrichtig und freudig. Es kam mir vor, als hätten alle angefangen, mich freundlicher zu behandeln. Sie sahen mich offenbar schon als einen Fremden an und nahmen von mir Abschied. K–cinski, ein polnischer Adliger, ein stiller und sanfter junger Mann, pflegte genau wie ich in der arbeitsfreien Zeit viel auf dem Hofe umherzugehen. Er wollte sich durch die reine Luft und die Bewegung seine Gesundheit erhalten und die schädliche Wirkung der stickigen Nächte in der Kaserne wettmachen.

»Ich warte ungeduldig auf Ihren Austritt,« sagte er mir mit einem Lächeln, als er mir einmal beim Spazierengehen begegnete. »Wenn Sie herauskommen, werde ich schon wissen, daß ich noch genau ein Jahr zu warten habe.«

Ich möchte hier nebenbei bemerken, daß die Freiheit, infolge der ewigen Träumereien und der langen Entwöhnung, uns im Zuchthause irgendwie freier erschien als die echte Freiheit, d. h. als diejenige, die es in Wirklichkeit gab. Die Arrestanten übertrieben den Begriff der wirklichen Freiheit, und das ist bei jedem Arrestanten so natürlich und begreiflich. Irgendein abgerissener Offiziersbursche wurde bei uns beinahe als ein König, als das Ideal eines freien Menschen im Vergleich mit den Arrestanten angesehen, weil er mit unrasiertem Kopf, ohne Fesseln und ohne Bewachung umherging.

Am Vorabend des letzten Tages ging ich in der Dämmerung zum letztenmal längs der Palisaden um unser ganzes Zuchthaus herum. Wie viel tausend Mal hatte ich in diesen Jahren die Runde längs des Zaunes gemacht! Hier hinter den Kasernen hatte ich mich im ersten Jahre meines Zuchthauslebens verwaist und niedergeschlagen herumgetrieben. Ich erinnere mich noch, wie ich damals zählte, wie viel tausend Tage mir noch blieben. Mein Gott, wie lange war das her! Hier in dieser Ecke hatte unser Adler in der Gefangenschaft gelebt; hier pflegte mich oft Petrow zu treffen. Er ließ auch jetzt nicht von mir ab. Er kam oft, als erriete er meine Gedanken, zu mir gelaufen, ging schweigend neben mir her und schien sich über etwas zu wundern. In Gedanken verabschiedete ich mich von diesen schwarzgewordenen Balkenwänden unserer Kasernen. Wie unfreundlich waren sie mir damals, in der ersten Zeit vorgekommen. Nun waren sie wohl noch viel älter geworden; aber ich konnte es nicht merken. Wieviel Jugend war hier in diesen Wänden nutzlos begraben, wieviel große Kräfte gingen hier zwecklos zugrunde! Ich muß doch die Wahrheit sagen: diese Leute waren keine gewöhnlichen Leute. Es waren vielleicht die begabtesten und kräftigsten Vertreter unseres ganzen Volkes. Aber die mäch *** [*** Druckfarbe fehlt auf der Buchseite. Anm. d. Buchverlages]

*** hier unnormal, widernatürlich, *** Und wer hat die Schuld?

*** Schuld?

*** gleich bei Tagesanbruch, machte ich, noch *** Arbeit abmarschiert war, eine Runde durch alle *** mich von allen Arrestanten zu verabschieden. Viele *** kräftige Hände streckten sich mir freundlich entgegen. *** drückten mir die Hand ausgesprochen kameradschaftlich, aber Solche waren nur wenige. Die anderen sahen allzu gut ein, daß ich nun ein ganz anderer Mensch werden würde als sie. Sie wußten, daß ich in der Stadt Bekannte hatte, daß ich mich aus dem Zuchthause zu den Herrschaften begeben und neben ihnen als gleicher sitzen würde. Sie begriffen es und verabschiedeten sich von mir zwar höflich und freundlich, aber doch nicht wie von einem Kameraden, sondern wie von einem Herrn. Andere wandten sich sogar mürrisch weg und reagierten überhaupt nicht auf meine Abschiedsworte. Einige sahen mich sogar mit einem eigentümlichen Haß an.

Die Trommel schlug, alle begaben sich zur Arbeit, aber ich blieb daheim. Ssuschilow war an diesem Morgen früher als alle aufgestanden und tat sehr geschäftig, um mir Tee zu kochen. Der arme Ssuschilow! Er weinte, als ich ihm meine abgetragenen Arrestantenkleider, Hemden, Unterfesseln und etwas Geld schenkte. »Ich brauche nicht das, nicht das!« sprach er, mit Mühe das Zittern seiner Lippen bemeisternd. »Aber wie ist es mir, Sie zu verlieren, Alexander Petrowitsch? Wer bleibt mir dann hier noch?« Zuletzt nahm ich auch von Akim Akimytsch Abschied.

»Nun haben Sie auch nicht mehr lange zu warten!« sagte ich ihm.

»Ich bleibe noch lange, sehr lange hier,« murmelte er, mir die Hand drückend. Ich fiel ihm um den Hals, und wir küßten uns.

Etwa zehn Minuten nach dem Abmarsche der Arrestanten verließen auch wir das Zuchthaus, um nie mehr dahin zurückzukehren, – ich und mein Genosse, mit dem ich einst angekommen war. Wir mußten nun nach der Schmiede gehen, um uns unsere Fesseln abnehmen zu lassen. Uns begleitete aber kein Wachsoldat mit geladenem Gewehr mehr: wir gingen mit dem Unteroffizier. Die Fesseln wurden uns von unseren eigenen Arrestanten in der Ingenieurwerkstätte abgenommen. Ich wartete, bis sie meinen Genossen von ihnen befreit hatten, und trat erst dann an den Amboß. Die Schmiede stellten mich mit dem Rücken zu sich auf, hoben von hinten meinen Fuß und legten ihn auf den Amboß . . . Sie taten sehr geschäftig und wollten es möglichst geschickt und gut machen.

»Die Niete, dreh zuerst die Niete herum! . . .« kommandierte der Älteste. »Stelle sie so hin, ja, so . . . Jetzt schlag mit dem Hammer los . . .«

Die Fesseln fielen. Ich hob sie auf . . . Ich wollte sie in der Hand halten, sie zum letztenmal sehen. Ich wunderte mich fast, daß sie eben erst an meinen Beinen gewesen waren.

»Nun, mit Gott! Mit Gott!« sprachen die Arrestanten mit rauhen, abgerissenen Stimmen, in denen aber doch etwas wie Zufriedenheit klang.

Ja, mit Gott! Freiheit, neues Leben, Auferstehung von den Toten . . . Welch ein herrlicher Augenblick!

 


 

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