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Aufzeichnungen aus einem toten Hause

Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Aufzeichnungen aus einem toten Hause - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorFjodr Michailowitsch Dostojewski
titleAufzeichnungen aus einem toten Hause
publisherVolksverband der Bücherfreunde Wegweiser-Verlag, G.m.b.H.
printrun3. Auflage
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
projectiddfe4ee1a
created20061203
modified20170607
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IX

Eine Flucht

Bald nach der Absetzung unseres Platzmajors gingen in unserem Zuchthause wichtige Veränderungen vor sich. Das Zivilzuchthaus wurde aufgehoben und an seiner Statt eine Strafkompagnie des Militärressorts nach dem Muster der Strafkompagnien im Europäischen Rußland gegründet. Dies bedeutete, daß in unser Zuchthaus keine Verbannten der zweiten Kategorie mehr kamen. Von nun an wurde das Zuchthaus ausschließlich mit militärischen Arrestanten bevölkert, also mit Leuten, die ihre Standesrechte noch nicht verloren hatten und sich von den andern Soldaten nur dadurch unterschieden, daß sie eine Strafe abbüßten; sie kamen für kurze Fristen (höchstens für sechs Jahre) ins Zuchthaus und kehrten nach dem Austritt aus dem Zuchthause in ihre Bataillone als die gleichen Soldaten zurück, wie sie früher waren. Übrigens bekamen diejenigen, die wegen eines neuen Vergehens ins Zuchthaus zurückkehrten, genau wie früher eine zwanzigjährige Strafzeit zudiktiert. Wir hatten übrigens auch schon vor dieser Veränderung eine eigene Abteilung von Militärarrestanten gehabt, aber diese lebten mit uns zusammen, da für sie kein eigener Raum da war. Nun wurde das ganze Zuchthaus in eine einzige Militärabteilung verwandelt. Selbstverständlich blieben die schon vorhandenen Zivilarrestanten, die aller Bürgerrechte beraubten, gebrandmarkten, echten Zuchthäusler mit den zur Hälfte rasierten Köpfen, auch noch weiter im Zuchthause, bis zur Abbüßung ihrer vollen Straffristen; neue kamen nicht, die Verbliebenen absolvierten aber einer nach dem andern ihre Strafzeiten und wurden entlassen, so daß nach etwa zehn Jahren in unserem Zuchthause kein einziger Zivilarrestant mehr bleiben konnte. Auch die Besondere Abteilung am Zuchthause blieb bestehen, und in diese kamen von Zeit zu Zeit die schwersten militärischen Verbrecher, »bis zur Einführung der schwersten Zwangsarbeit in Sibirien«, wie es im Gesetz hieß. So ging unser Leben eigentlich seinen früheren Gang: dieselbe Ordnung, dieselbe Verpflegung, dieselbe Arbeit, nur war die Aufsichtsbehörde eine andere und kompliziertere geworden. Es wurde ein Stabsoffizier als Kommandeur der ganzen Strafkompagnie ernannt, und neben ihm vier Offiziere, die abwechselnd den Dienst im Zuchthause versahen. Die Invaliden wurden abgeschafft und statt ihrer zwölf Unteroffiziere und ein Oberaufseher angestellt. Der ganze Bestand an Arrestanten wurde in Gruppen von je zehn Mann eingeteilt; es wurden Gefreite aus der Zahl der Arrestanten selbst ernannt, natürlich nur nominell; selbstverständlich wurde Akim Akimytsch sofort Gefreiter. Diese ganze neue Einrichtung und das ganze Zuchthaus mit allen seinen Beamten und Arrestanten blieb nach wie vor unter dem Oberbefehl des Kommandanten. Das ist alles, was geschah. Die Arrestanten regten sich anfangs natürlich sehr auf; sie besprachen die Veränderungen und stellten Vermutungen über die neuen Vorgesetzten an; als sie aber sahen, daß alles eigentlich beim alten blieb, so beruhigten sie sich sofort, und unser Leben nahm seinen alten Gang. Das wichtigste aber war, daß alle nun von dem früheren Major erlöst waren; alle atmeten erleichtert auf und faßten neuen Mut. Das verängstigte Wesen verschwand; ein jeder wußte jetzt, daß er sich im Notfalle mit seinem Vorgesetzten auseinandersetzen durfte und daß ein Unschuldiger höchstens nur aus Versehen statt eines Schuldigen bestraft werden konnte. Selbst der Branntweinhandel wurde bei uns in der alten Form weiter betrieben, obwohl statt der früheren Invaliden Unteroffiziere eingesetzt waren. Diese Unteroffiziere erwiesen sich in den meisten Fällen als anständige, vernünftige Menschen, die für ihre Stellung volles Verständnis hatten. Einige von ihnen versuchten übrigens in der ersten Zeit, sich wichtig zu machen und die Arrestanten, natürlich aus Unerfahrenheit, wie Soldaten zu behandeln. Aber auch sie begriffen bald die Sachlage. Die andern, die sie lange nicht begreifen wollten, wurden aber von den Arrestanten selbst aufgeklärt. Es gab ziemlich heftige Zusammenstöße: man verführte z. B. so einen Unteroffizier, machte ihn betrunken und meldete hinterher ihm selbst, natürlich in der entsprechenden Form, daß er mit den Arrestanten getrunken hätte und folglich . . . Schließlich sahen die Unteroffiziere gleichgültig zu oder sahen, richtiger gesagt, überhaupt nicht, wie man die Därme einschmuggelte und den Branntwein verkaufte. Noch mehr als das: sie gingen wie die früheren Invaliden auf den Markt und kauften für die Arrestanten Semmeln, Fleisch und alles übrige, d. h. solche Dinge, die sie ohne großes Risiko ins Zuchthaus bringen konnten. Welchen Zweck alle diese Veränderungen hatten, wozu die Arrestantenkompagnie eingeführt wurde, weiß ich nicht zu sagen. Dies geschah in den letzten Jahren meines Zuchthauslebens. Aber zwei Jahre mußte ich noch unter diesen neuen Verhältnissen leben . . .

Soll ich dieses ganze Leben, alle meine Zuchthausjahre schildern? Ich glaube nicht. Wenn ich der Reihe nach alles beschreiben wollte, was in diesen Jahren geschah, was ich sah und erlebte, so könnte ich natürlich damit drei- und viermal mehr Kapitel füllen, als ich bis jetzt geschrieben habe. Aber eine solche Schilderung muß auf die Dauer allzu eintönig werden. Alle Erlebnisse erscheinen auf den gleichen Ton gestimmt, besonders für den Leser, der schon aus den niedergeschriebenen Kapiteln ein einigermaßen genügendes Bild vom Leben eines Zuchthäuslers der zweiten Kategorie gewonnen hat. Ich wollte nur unser ganzes Zuchthaus und alles, was ich in diesen Jahren erlebt habe, in einem anschaulichen und farbenreichen Bilde schildern. Ob ich dies erreicht habe, weiß ich nicht. Ich bin auch wohl nicht berufen, darüber zu urteilen. Aber ich bin überzeugt, daß ich hier aufhören kann. Außerdem überkommt mich selbst bei diesen Erinnerungen zuweilen eine trübe Stimmung. Ich kann mich auch nicht auf alles besinnen. Die späteren Jahre sind irgendwie meinem Gedächtnisse entschwunden. Ich bin überzeugt, daß ich viele Umstände vollständig vergessen habe. Ich erinnere mich nur, daß alle diese Jahre, die einander so ähnlich waren, matt und traurig dahingingen. Diese langen, langweiligen Tage waren so eintönig, wie wenn Regenwasser vom Dach tropft. Ich weiß nur noch, daß nur das leidenschaftliche Verlangen nach einer Auferstehung, nach einer Erneuerung, nach einem neuen Leben mir die Kraft gab, zu warten und zu hoffen. Und ich fand schließlich diese Kraft: ich wartete, ich zählte jeden Tag, und obwohl mir ihrer noch tausend blieben, strich ich jeden einzelnen aus der Gesamtzahl, trug ihn zu Grabe und freute mich beim Anbruch eines neuen Tages, daß ihrer nicht mehr tausend, sondern nur neunhundertneunundneunzig blieben. Ich erinnere mich, daß ich mich während dieser ganzen Zeit, trotz der Hunderte von Genossen, furchtbar vereinsamt fühlte und diese Vereinsamung zuletzt lieb gewann. Seelisch vereinsamt, unterzog ich mein ganzes bisheriges Leben einer Revision, nahm alles, bis zum geringsten Detail darin durch, versenkte mich in meine Vergangenheit, hielt über mich ein unbarmherziges und strenges Gericht und segnete sogar zuweilen mein Schicksal dafür, daß es mir diese Vereinsamung gesandt hatte, ohne die weder dieses strenge Gericht über mich selbst, noch die strenge Durchsicht meines früheren Lebens möglich gewesen wäre. Was für Hoffnungen füllten damals mein Herz! Ich glaubte, ich hatte beschlossen und mir den Eid abgenommen, daß es in meinem künftigen Leben keine solche Fehler und Verirrungen mehr geben solle, die dann früher waren. Ich stellte mir ein Programm für die ganze Zukunft auf und nahm mir vor, es streng zu befolgen. In mir erwachte von neuem der blinde Glaube, daß ich dies alles erfüllen würde und auch erfüllen könne . . . Ich wartete auf die Freiheit und rief sie so schnell wie möglich herbei; ich wollte mich wieder in einem neuen Kampf erproben. Zuweilen bemächtigte sich meiner eine krampfhafte Ungeduld . . . Aber es ist mir jetzt schmerzhaft, an meine damalige Stimmung zurückzudenken. Natürlich geht dies alles nur mich allein an . . . Aber darum habe ich auch dies alles aufgezeichnet, weil ich glaube, daß jeder es begreifen wird und es einem jeden ebenso gehen wird, wenn er in der Blüte seiner Jahre und Kräfte für eine bestimmte Zeit ins Gefängnis kommt.

Aber was soll ich darüber reden! . . . Ich will lieber noch etwas berichten, um meine Schilderung nicht allzu gewaltsam abzubrechen.

Es ist mir eingefallen, daß vielleicht jemand fragen wird, ob es denn ganz unmöglich gewesen sei, aus dem Zuchthause zu fliehen, und ob bei uns während dieser ganzen Jahre niemand entflohen wäre. Ich sagte schon, daß ein Arrestant, der zwei oder drei Jahre im Zuchthause zugebracht hat, diese Jahre zu schätzen anfängt und unwillkürlich zur Einsicht gelangt, daß es besser sei, den Rest ohne Sorgen und Gefahren zu absolvieren, um dann auf gesetzliche Weise als Ansiedler entlassen zu werden. Dieser Einsicht ist aber nur ein Arrestant zugänglich, der für eine nicht allzu lange Frist verschickt worden ist. Ein für viele Jahre Verurteilter ist mitunter bereit, zu riskieren . . . Aber es kam bei uns im allgemeinen nicht vor. Ich weiß nicht, ob sie zu feige waren, oder ob die Aufsicht allzu streng oder die Lage unserer Stadt (in der offenen Steppe) allzu ungünstig gewesen ist. Ich glaube, alle diese Ursachen wirkten zusammen. Es war tatsächlich recht schwer zu entfliehen. Und doch ereignete sich zu meiner Zeit ein solcher Fall: zwei Arrestanten riskierten es, dazu noch zwei von den schwersten Verbrechern . . .

Nach der Absetzung des Majors blieb A–w (derjenige, der ihm als Spion im Zuchthause diente) ganz allein, ohne jede Protektion. Er war noch sehr jung, aber sein Charakter hatte sich mit den Jahren gefestigt. Er war überhaupt ein frecher, entschlossener und sogar sehr intelligenter Mensch. Wenn er die Freiheit erlangt hätte, so wäre er wohl imstande gewesen, noch weiter zu spionieren und sich durch ähnliche gemeine Dienste zu ernähren, aber er wäre doch nicht so dumm und unvernünftig hereingefallen wie bei seinen ersten Versuchen, als er seine Dummheit mit der Verschickung hatte büßen müssen. Er übte sich unter anderem auch in der Anfertigung von falschen Pässen. Dieses will ich jedoch nicht positiv behaupten. Ich habe es nur von unseren Arrestanten gehört. Man erzählte sich, daß er sich auf diesem Gebiete schon früher betätigt habe, als er noch zum Platzmajor in die Küche ging, und daß er davon entsprechende Einnahmen gehabt hätte. Mit einem Worte, er wäre wohl zu allem fähig gewesen, um sein Schicksal zu verändern. Ich hatte einmal die Gelegenheit, in seine Seele hineinzublicken: sein Zynismus ging bis zu einer empörenden Frechheit, bis zur kältesten Verhöhnung und erregte einen unüberwindlichen Ekel. Mir scheint, wenn er große Lust gehabt hätte, ein Gläschen Branntwein zu trinken und dieses Gläschen auf keine andere Weise hätte bekommen können, als daß er dazu einen Menschen ermorden müßte, so hätte er unbedingt den Menschen ermordet, wenn es nur möglich gewesen wäre, es in aller Heimlichkeit zu machen. Im Zuchthause hatte er Vorsicht gelernt. Auf diesen Menschen richtete nun seine Aufmerksamkeit der Arrestant Kulikow aus der Besonderen Abteilung.

Von Kulikow habe ich schon gesprochen. Er war nicht mehr jung, aber leidenschaftlich, zäh, stark, mit außerordentlichen und mannigfaltigen Fähigkeiten begabt. In ihm steckte eine ungebrochene Kraft, und er wollte sich noch ausleben; solche Menschen haben bis ins hohe Alter das Bedürfnis, sich auszuleben. Wenn ich mich darüber gewundert hätte, daß bei uns keine Fluchtversuche unternommen wurden, so würde ich mich natürlich zu allererst über diesen Kulikow gewundert haben. Aber Kulikow entschloß sich dazu. Wer von den beiden den größeren Einfluß auf den andern hatte, ob A–w auf Kulikow oder Kulikow auf A–w, weiß ich nicht, aber beide waren einander wert und ergänzten sich bei diesem Unternehmen in der besten Weise. Sie schlossen Freundschaft. Mir scheint, Kulikow rechnete darauf, daß A–w die nötigen Pässe herstellen würde. A–w war adliger Abstammung, aus guten Gesellschaftskreisen – dieses versprach eine reiche Abwechslung in den künftigen Abenteuern, wenn sie nur erst Rußland erreicht haben würden. Wer weiß, was für Verabredungen sie unter sich trafen und was für Hoffnungen sie hatten; wahrscheinlich gingen aber ihre Hoffnungen über die gewöhnliche Routine der sibirischen Landstreicher hinaus. Kulikow war von Natur ein Schauspieler und konnte sich im Leben viele verschiedene Rollen wählen; er durfte auf vieles hoffen, jedenfalls auf Abwechslung. Auf solchen Leuten lastet das Zuchthausleben besonders schwer. Sie verabredeten zu fliehen.

Aber ohne Mitwirkung des Begleitsoldaten konnte man nicht fliehen. Man mußte auch diesen zur Flucht überreden. In einem der Bataillone, die in der Festung lagen, diente ein Pole, ein energischer Mensch, der vielleicht ein besseres Schicksal verdiente, ein schon bejahrter, tapferer und ernster Mann. In seinen jungen Jahren war er, gleich nachdem er als Soldat nach Sibirien gekommen war, aus tiefem Heimweh geflohen. Er wurde eingefangen, gezüchtigt und für zwei Jahre in die Strafkompagnie eingereiht. Als er dann wieder ins Regiment kam, besann er sich eines Besseren, tat seinen Dienst gewissenhaft und eifrig und wurde zur Belohnung zum Gefreiten befördert. Er war ein Mensch mit Ehrgeiz und Selbstvertrauen. Er blickte und sprach immer wie ein Mensch, der sich seines Wertes bewußt ist. Ich hatte ihn während dieser Jahre einige Male unter unseren Begleitsoldaten getroffen. Auch unsere Polen hatten mir einiges über ihn erzählt. Ich hatte den Eindruck, daß sein früheres Heimweh sich in ihm in einen ständigen, dumpfen, versteckten Haß verwandelt habe. Dieser Mensch war zu allem fähig, und Kulikow hatte sich nicht getäuscht, als er ihn sich zum Genossen wählte. Sein Name war Koller. Sie einigten sich und setzten den Tag fest. Es war im Juni, in der heißesten Jahreszeit. Das Klima in dieser Stadt ist ziemlich gleichmäßig; im Sommer herrscht beständiges warmes Wetter, und das ist für einen Landstreicher sehr vorteilhaft. Natürlich konnten sie die Flucht nicht direkt von der Festung aus unternehmen; die ganze Stadt lag frei und von allen Seiten offen. Ringsum gab es ziemlich weit keine Wälder. Man mußte sich also bürgerliche Kleidung verschaffen und zu diesem Zweck in die Vorstadt kommen, wo Kulikow von früher her einen Unterschlupf hatte. Ich weiß nicht, ob seine Freunde in der Vorstadt in das Geheimnis eingeweiht waren. Es ist anzunehmen, daß es wohl der Fall war, obwohl sich dies später bei der Untersuchung nicht völlig aufklären ließ. In jenem Jahre begann in einem Winkel dieser Vorstadt ein junges, recht hübsches Mädchen, mit dem Spitznamen Wanjka-Tanjka ihre Laufbahn; sie berechtigte damals zu großen Hoffnungen, die sie später zum Teil auch erfüllte. Man nannte sie auch »Feuer«. Auch sie scheint an der Sache beteiligt gewesen zu sein. Kulikow hatte sich ihr zuliebe schon seit einem ganzen Jahr ruiniert. Die Gesellschaft richtete es des Morgens beim Abmarsch zur Arbeit so ein, daß man sie mit dem Arrestanten Schilkin, einem Ofensetzer und Maurer, schickte, um die leeren Bataillonskasernen, aus denen die Soldaten für den Sommer in ein Zeltlager gezogen waren, neu zu tünchen. A–w und Kulikow wurden ihm als Handlanger mitgegeben. Koller ließ sich ihnen als Begleitsoldat beigeben, da aber drei Arrestanten nach den Vorschriften zwei Wachsoldaten erfordern, so gab man dem Koller als einem alten Soldaten und Gefreiten einen jungen Rekruten mit, damit er ihn im Wachdienste unterweise. Unsere Flüchtlinge haben also einen außerordentlich starken Einfluß auf Koller haben müssen, wenn dieser kluge, solide und berechnende Mann sich nach einer so langjährigen und in der letzten Zeit so erfolgreichen Dienstkarriere entschlossen hatte, ihnen zu folgen.

Sie kamen in die Kaserne. Es war sechs Uhr früh. Außer ihnen war niemand da. Nachdem sie etwa eine Stunde gearbeitet hatten, sagten Kulikow und A–w zu Schilkin, daß sie nach der Werkstätte gehen wollten, erstens um jemand zu sprechen, und zweitens, um bei dieser Gelegenheit einige fehlende Werkzeuge mitzunehmen. Mit Schilkin mußten sie es sehr schlau anfangen, d. h. möglichst natürlich. Er war ein Moskauer Kleinbürger, ein Ofensetzer vom Fach, ein schlauer, durchtriebener, kluger und wortkarger Mensch. Von Aussehen war er schwächlich und hager. Er hätte wohl sein Lebtag eine Weste und einen Hausrock, die Tracht eines Moskauer Handwerkers tragen sollen, aber das Schicksal hatte es anders gewollt, und er kam nach langen Irrfahrten zu uns auf Lebenszeit in die Besondere Abteilung, d. h. in die Klasse der schwersten militärischen Verbrecher. Womit er diese Karriere verdient hatte, weiß ich nicht; aber eine besondere Unzufriedenheit war an ihm niemals wahrzunehmen; er benahm sich friedlich und gleichmäßig, betrank sich nur ab und zu wie ein Schuster, betrug sich aber auch im Rausche anständig. Ins Geheimnis war er natürlich nicht eingeweiht, aber er hatte scharfe Augen. Kulikow machte ihm natürlich eine Andeutung, daß sie den Branntwein abholen wollten, den sie in der Werkstätte schon einen Tag vorher vorbereitet hatten. Dies machte auf Schilkin Eindruck; er ließ sie ohne Argwohn gehen und blieb mit dem jungen Rekruten zurück, während Kulikow, A–w und Koller sich in die Vorstadt begaben.

Es verging eine halbe Stunde; sie kamen noch immer nicht zurück, und das fiel Schilkin auf. Er selbst war ja mit allen Wassern gewaschen. Er begann sich zu besinnen: Kulikow hatte eine eigentümliche Stimmung gezeigt, A–w hatte mit ihm zweimal geflüstert oder ihm mindestens zugeblinzelt, das hatte er gesehen; nun konnte er sich auf alles besinnen. Auch Koller war ihm aufgefallen; er hatte vor dem Weggehen dem Rekruten einen Vortrag gehalten, wie er sich in seiner Abwesenheit zu benehmen habe, und dies war bei Koller nicht recht natürlich. Mit einem Worte, je mehr Schilkin über die Sache nachdachte, um so verdächtiger erschien sie ihm. Es wurde indessen immer später, sie kehrten nicht zurück, und seine Unruhe erreichte den höchsten Grad. Er wußte sehr gut, was er dabei selbst riskierte: der Verdacht der Obrigkeit mußte ja auch auf ihn fallen. Man konnte ja annehmen, daß er die Genossen in Kenntnis ihrer Absicht und im Einverständnis mit ihnen habe fortgehen lassen, und wenn er noch länger wartete und keine Anzeige erstattete, müßte dieser Verdacht eine noch größere Wahrscheinlichkeit gewinnen. Er durfte also keine Zeit verlieren. Jetzt erinnerte er sich auch, daß Kulikow und A–w in der letzten Zeit besonders intim mit einander waren, oft getuschelt hatten und häufig hinter den Kasernen, fern von allen Augen, herumgegangen waren. Es fiel ihm ein, daß er sich auch schon damals Gedanken über sie gemacht hatte . . . Er blickte seinen Bewacher prüfend an; dieser gähnte, auf das Gewehr gestützt, und putzte sich auf die unschuldigste Weise mit dem Finger die Nase; Schilkin erwies ihm daher nicht einmal die Ehre, ihn in seinen Verdacht einzuweihen, sondern sagte ihm ganz einfach, er solle ihn in die Ingenieurwerkstätte begleiten. In der Werkstätte wollte er fragen, ob sie dort angekommen seien. Es erwies sich aber, daß sie dort niemand gesehen hatte. Nun bestanden für Schilkin keine Zweifel mehr: Selbst daß sie sich einfach in die Vorstadt begeben haben, um da zu trinken und zu bummeln, was Kulikow manchmal zu tun pflegte, dachte sich Schilkin, ist unwahrscheinlich. Dann würden sie es ihm gesagt haben, denn so etwas würden sie vor ihm nicht verheimlichen. Schilkin brach seine Arbeit ab und begab sich, ohne erst nach der Kaserne zurückzukehren, direkt ins Zuchthaus.

Es war schon fast neun Uhr, als er zum Feldwebel kam und ihm meldete, was geschehen war. Der Feldwebel bekam natürlich große Angst und wollte es anfangs gar nicht glauben. Schilkin teilte ihm dies alles natürlich nur als einen Verdacht mit. Der Feldwebel stürzte sofort zum Major. Der Major begab sich unverzüglich zum Kommandanten. Nach einer Viertelstunde hatte man schon alle notwendigen Maßregeln ergriffen. Man meldete es sofort dem Generalgouverneur. Es waren ja besonders wichtige Verbrecher, und ihretwegen konnte aus Petersburg eine heftige Rüge kommen. A–w wurde, ob mit Recht oder Unrecht, zu den politischen Verbrechern gerechnet; Kulikow aber gehörte der »Besonderen Abteilung« an, war also ein Erzverbrecher und dazu noch ein militärischer. Es war bisher noch nie vorgekommen, daß jemand aus der Besonderen Abteilung entwichen wäre. Bei dieser Gelegenheit erinnerte man sich, daß die Vorschrift für jeden Arrestanten aus der Besonderen Abteilung bei der Arbeit zwei oder wenigstens einen Wachsoldaten verlangte. Diese Vorschrift war also hier verletzt worden. Die Sache konnte also recht unangenehm werden. Es wurden Extraboten nach allen Dorfgemeinden, nach allen Flecken in der Umgegend geschickt, um die Nachricht von der Flucht zu verbreiten und überall das Signalement der Flüchtlinge zu hinterlassen. Man sandte Kosaken aus, um sie einzuholen und einzufangen; man schrieb nach allen benachbarten Landkreisen und Gouvernements . . . Mit einem Worte, man bekam ordentlich Angst.

Indessen begann bei uns im Zuchthause eine Aufregung anderer Art. Die Arrestanten erfuhren, als sie von den Arbeiten zurückkehrten, von der Sache. Die Nachricht hatte bald alle erreicht. Alle nahmen sie mit einer außerordentlichen, heimlichen Freude auf. Einem jeden erzitterte das Herz . . . Außerdem hatte dieses Ereignis die Eintönigkeit des Zuchthauslebens unterbrochen und den Ameisenhaufen aufgewühlt; eine Flucht, noch dazu eine solche Flucht weckte in jeder Seele einen Widerhall und brachte längst vergessene Saiten zum Klingen; in allen Herzen regte sich etwas wie Hoffnung, Unternehmungslust, der Gedanke an die Möglichkeit, sein Schicksal zu ändern. »Da sind sie wirklich entflohen; warum sollten wir es nicht auch? . . .« Und ein jeder faßte bei diesem Gedanken neuen Mut und sah die andern herausfordernd an. Jedenfalls fingen plötzlich alle an, die Unteroffiziere stolz und von oben herab anzusehen. Selbstverständlich eilten die Vorgesetzten sofort ins Zuchthaus. Auch der Kommandant selbst kam gefahren. Unsere Arrestanten blickten kühn, sogar etwas verächtlich, mit einem eigentümlichen stummen und strengen Ernst, als wollten sie sagen: »Ja, wir verstehen wohl, so eine Sache zu deichseln!« Natürlich hatte man bei uns das Erscheinen sämtlicher Vorgesetzter schon vorhergesehen. Man hatte auch mit Durchsuchungen gerechnet und alles rechtzeitig versteckt. Man wußte, daß die Vorgesetzten in solchen Fällen eine verspätete Voraussicht zu zeigen pflegen. So kam es auch: es gab ein großes Durcheinander, alles wurde durchsucht und durchwühlt, aber natürlich nichts gefunden. Zur Nachmittagsarbeit wurden die Arrestanten unter verstärkter Bewachung geschickt. Abends sahen die Wachsoldaten jeden Augenblick ins Zuchthaus hinein und zählten die Leute einmal mehr als sonst. Dabei verrechneten sie sich zweimal mehr als sonst. Es gab daher ein neues Durcheinander: man trieb alle auf den Hof hinaus und zählte sie noch einmal durch. Dann zählte man noch einmal in den Kasernen nach . . . Mit einem Worte, die Obrigkeit hatte alle Hände voll zu tun.

Aber die Arrestanten machten sich nichts daraus. Alle blickten äußerst selbstbewußt drein und benahmen sich wie immer in solchen Fällen den ganzen Abend ungewöhnlich solid. »Es ist an unserem Benehmen nichts auszusetzen.« Die Vorgesetzten dachten sich natürlich, ob im Zuchthause nicht Helfershelfer der Flüchtlinge zurückgeblieben seien, und gaben den Befehl, bei den Arrestanten herumzuhorchen. Aber die Arrestanten lachten nur darüber. »Bei einem solchen Unternehmen läßt man doch keine Helfershelfer zurück!« – »So eine Sache wird mit unhörbaren Schritten gemacht.« – »Sind denn Kulikow und A–w solche Menschen, daß sie dabei irgendwelche Spuren hinterlassen könnten? Sie haben es meisterhaft, in aller Stille gemacht. Die Leute sind eben mit allen Wassern gewaschen und können durch verschlossene Türen gehen!« Mit einem Worte, der Ruhm Kulikows und A–ws war gewachsen; alle waren auf sie stolz. Man fühlte, daß der Bericht von ihrer Heldentat die entfernteste Generation der Arrestanten erreichen und das Zuchthaus überleben würde.

»Geschickte Burschen!« sagten die einen.

»Man glaubte, bei uns könne niemand davonlaufen. Nun sind diese doch davongelaufen! . . .« fügten andere hinzu.

»Ja, davongelaufen!« meldete sich ein dritter und sah sich mit Überlegenheit um. »Wer ist aber davongelaufen? . . . Etwa so ein Mensch wie du?«

Zu einer andern Zeit hätte der Arrestant, an den diese Worte gerichtet waren, sicher auf die Herausforderung reagiert und seine Ehre verteidigt. Jetzt aber ließ er sich das schweigend gefallen. »Nicht alle sind doch so wie Kulikow und A–w; man muß erst zeigen, was man kann . . .«

»Warum leben wir noch hier, Brüder?« unterbricht das Schweigen ein vierter, der bescheiden am Küchenfenster sitzt und die Backe mit der Hand stützt. Vor lauter Rührung und Selbstzufriedenheit spricht er in einem singenden Tone. »Was sind wir hier? Solange wir hier leben, sind wir keine Menschen, und wenn wir gestorben sind, sind wir keine Leichen. Ach!«

»Das Zuchthausleben ist kein Stiefel: du kannst es nicht vom Fuße werfen. Brauchst nicht zu ächzen!«

»Aber Kulikow . . .« mischte sich ein Gelbschnabel, ein junger, hitziger Bursche ein.

»Ja, Kulikow!« fiel ihm sofort ein anderer ins Wort, ihn voller Verachtung anschielend. »Kulikow!«

Das sollte bedeuten: Gibt es viele Kulikows?

»Aber auch A–w ist ein tüchtiger Kerl, Brüder!«

»Und ob! Dieser wickelt sich auch den Kulikow um die Finger. Wenn der etwas macht, so läßt er keine Spur zurück!«

»Es wäre doch interessant zu wissen, Brüder, ob sie wohl schon weit weg sind . . .«

Sofort begann ein Gespräch darüber, wie weit sie schon sein mögen. Nach welcher Richtung sie wohl gegangen seien? Welche Dorfgemeinde die nächste sei? Es fanden sich Leute, die die Umgegend kannten. Man hörte ihnen mit Interesse zu. Man sprach von den Bewohnern der nächsten Dörfer und stellte fest, daß diese ungeeignet seien: in der Nähe der Stadt wohnen doch lauter geriebene Leute! Die werden den Arrestanten nicht helfen, sondern sie einfangen und ausliefern.

»Da wohnen böse Bauern, Brüder! Sehr böse Bauern!«

»Unverläßliche Bauern.«

»So ein Sibirier hat gesalzene Ohren. Man komme ihm nicht in die Quere, er schlägt einen tot.«

»Aber die unsrigen sind doch auch nicht auf den Kopf gefallen . . .«

»Selbstverständlich, man kann nicht wissen, es hängt davon ab, wer wen unterkriegt. Die unsrigen sind auch nicht so dumm.«

»Wenn wir nicht sterben, so hören wir noch, wie die Sache ausgegangen ist.«

»Was denkst du dir? Daß man sie einfängt?«

»Ich glaube, daß man sie nie und nimmer einfängt!« ruft einer von den Hitzigen, mit der Faust auf den Tisch hauend.

»Hm! Es kommt darauf an, wie die Sache geht.«

»Ich denke mir aber Brüder,« ergreift plötzlich Skuratow das Wort: »Wenn ich Landstreicher wäre, würden sie mich niemals einfangen!«

»Ja, dich!«

Die einen beginnen zu lachen; die andern tun so, als wollten sie überhaupt nicht mehr zuhören. Aber Skuratow ist schon in Schwung gekommen.

»Nie im Leben werden sie mich fangen!« wiederholt er mit aller Energie. »Ich denke oft darüber nach, Brüder, und muß mich über mich selbst wundern: ich glaube, ich würde durch jede Ritze kriechen, aber fangen würden sie mich nicht.«

»Wenn du Hunger kriegst, gehst du zum Bauern und bittest um Brot.«

Alle lachen.

»Um Brot? Unsinn!«

»Was schwatzt du überhaupt? Du und Onkel Wassja habt eine Dorfhexe erschlagen und seid deswegen hergekommen.«

Das Lachen wird noch stärker. Die Ernsten blicken noch entrüsteter.

»Es ist gelogen!« schreit Skuratow: »Das hat Mikitka erfunden, und auch gar nicht über mich, sondern über Wassja; mich hat man dann in das Märchen hineingezogen. Ich bin Moskauer und von Kind auf in der Landstreicherei erfahren. Als mich der Küster lesen lehrte, pflegte er mich am Ohr zu ziehen und zu sagen: ›Sprich mir nach: Erbarme dich meiner, Herr, und verzeih! . . .‹ Ich sprach aber: ›Gendarm, führe mich auf die Polizei . . .‹ So habe ich es schon als Kind getrieben.«

Alle lachten wieder. Das war aber alles, was Skuratow wollte. Es war ihm unmöglich, keine Dummheiten zu machen. Bald hörte man nicht mehr auf ihn und vertiefte sich wieder in ernste Gespräche. Es waren vorwiegend die Alten und Erfahrenen, die sich am Gespräch beteiligten. Die Jüngeren und Bescheideneren freuten sich nur beim Zuhören und steckten ihre Köpfe vor; in der Küche hatte sich eine große Menge angesammelt. Die Unteroffiziere waren natürlich nicht dabei. Unter denen, die sich besonders freuten, fiel mir der Tatare Mahmetka auf, ein kleingewachsener Kerl mit breiten Backenknochen, eine außergewöhnlich komische Figur. Er sprach fast kein Wort Russisch und verstand fast nichts davon, was die andern sprachen, aber er streckte auch seinen Kopf vor und hörte mit Genuß zu.

»Nun, Mahmetka, jakschi?« wandte sich an ihn vor lauter Langweile der von allen verschmähte Skuratow.

»Jakschi! Ach, jakschi!« murmelte ganz aufgeregt Mahmetka, wobei er Skuratow mit seinem drolligen Kopfe zunickte: »Jakschi!«

»Man wird sie doch nicht einfangen? Jok?«

»Jok, jok!« Mahmetka begann wieder zu nicken und diesmal auch mit den Armen zu fuchteln.

»Also sind wir uns einig, was?«

»Ja, ja, jakschi!« bestätigte Mahmetka, mit dem Kopfe nickend.

»Na, also jakschi!«

Skuratow schlug ihn auf die Mütze, stülpte sie ihm über die Augen und ging in der lustigsten Stimmung aus der Küche, den Tataren in einigem Erstaunen zurücklassend.

Eine ganze Woche dauerte die strenge Ordnung im Zuchthause und die angestrengteste Suche in der Umgegend. Ich weiß nicht, auf welche Weise, aber die Arrestanten waren stets über alle Manöver der Obrigkeit außerhalb des Zuchthauses aufs genaueste unterrichtet. In den ersten Tagen lauteten die Nachrichten für die Flüchtlinge günstig: es war von ihnen nichts zu sehen und zu hören, sie waren spurlos verschwunden. Die Arrestanten lächelten nur. Jede Sorge über das Schicksal der Flüchtlinge war verschwunden. »Man wird nichts finden und niemand einfangen!« sagte man bei uns mit Befriedigung.

»Die sind wie in die Erde versunken!«

»Leben Sie wohl, essen Sie Kohl!«

Man wußte bei uns, daß man alle Bauern der ganzen Gegend auf die Beine gebracht hatte und alle verdächtigen Orte, alle Wälder und Schluchten bewachen ließ.

»Das nützt alles nichts!« sagten die Unsrigen lächelnd. »Die haben sicher einen Helfer, bei dem sie sich jetzt aufhalten.«

»Sicher haben sie einen!« sagten die andern. »Die sind nicht so dumm, haben sich alles vorher überlegt.«

Man ging in den Mutmaßungen noch weiter: man sagte sich, die Flüchtlinge hielten sich vielleicht noch immer in der Vorstadt auf und warteten in irgendeinem Keller ab, bis die Aufregung sich gelegt habe und ihnen die Haare gewachsen seien. So würden sie ein halbes oder ein ganzes Jahr warten und sich dann auf die Beine machen . . .

Mit einem Worte, alle fühlten sich wie an einem Roman beteiligt. Plötzlich kam aber acht Tage nach der Flucht das Gerücht, daß man ihnen auf der Spur sei. Das unsinnige Gerücht wurde natürlich sofort mit Verachtung zurückgewiesen. Aber am gleichen Abend wurde es von neuem bestätigt. Die Arrestanten wurden unruhig. Am nächsten Morgen verbreitete sich in der Stadt die Nachricht, man hätte sie bereits eingefangen und sei mit ihnen unterwegs. Am Nachmittag erfuhr man noch mehr Einzelheiten: man hätte sie in einer Entfernung von siebzig Werst im Dorfe so und so eingefangen. Endlich kamen ganz zuverlässige Nachrichten. Als der Feldwebel vom Major zurückkam, erklärte er auf das bestimmteste, daß man sie gegen Abend auf die Hauptwache am Zuchthaus bringen würde. Nun durfte man nicht länger zweifeln. Der Eindruck, den diese Nachricht auf die Arrestanten machte, läßt sich schwer wiedergeben. Anfangs gerieten alle in Wut, darauf wurden sie traurig. Dann machte sich eine Art Spottlust bemerkbar. Man begann zu spotten, aber nicht mehr über die Verfolger, sondern über die Gefangenen; zuerst spotteten nur wenige, dann fast alle, mit Ausnahme einiger ernster und solider Leute, die selbständig dachten und sich durch die Spöttereien nicht aus dem Konzept bringen ließen. Sie blickten mit Verachtung auf den Leichtsinn der Masse und schwiegen.

Mit einem Worte, Kulikow und A–w wurden jetzt im gleichen Maße herabgesetzt, sogar mit Genuß herabgesetzt, in dem man sie früher gerühmt hatte. Es war, wie wenn sich alle durch irgend etwas gekränkt fühlten. Die Arrestanten erzählten sich voller Verachtung, daß die Flüchtlinge Hunger bekommen hätten; sie hätten ihn nicht ertragen können und seien ins Dorf zu den Bauern gegangen, um Brot zu bitten. Dies war aber schon die tiefste Stufe der Erniedrigung für einen Landstreicher. Diese Berichte erwiesen sich übrigens als unwahr. Man hatte die Flüchtlinge aufgespürt; sie hatten sich in einem Walde versteckt, und man hatte diesen von allen Seiten umstellt. Als sie nun keine Möglichkeit sahen, zu entkommen, ergaben sie sich selbst. Es blieb ihnen auch nichts anderes übrig.

Als man sie aber am Abend wirklich brachte, an Händen und Füßen gebunden, von Gendarmen bewacht, lief das ganze Zuchthaus zu den Palisaden hinaus, um zu sehen, was man mit ihnen tun würde. Natürlich bekam man außer den Equipagen des Majors und des Kommandanten vor der Hauptwache nichts zu sehen. Die Flüchtlinge wurden in eine sogenannte »geheime« Zelle gesperrt, in Fesseln geschmiedet und gleich am nächsten Tage vors Gericht gestellt. Die Spöttereien und die Verachtung der Arrestanten schwanden bald von selbst. Man erfuhr den Sachverhalt genauer und stellte fest, daß den Flüchtlingen nichts anderes geblieben war, als sich zu ergeben. Nun verfolgten alle mit Teilnahme den Gang der Sache vor Gericht.

»Tausend Spießruten werden sie wohl kriegen,« sagten die einen.

»Ach, was, tausend!« meinten andere. »Man wird ihnen einfach den Garaus machen. A–w wird vielleicht wirklich mit einem Tausend davonkommen, den andern wird man aber totschlagen, denn er ist doch von der Besonderen Abteilung, Brüder.«

Die Vermutungen erwiesen sich jedoch als unrichtig. A–w bekam bloß fünfhundert; man zog nämlich sein bisheriges befriedigendes Betragen in Betracht und auch, daß die Flucht sein erstes Vergehen war. Kulikow bekam, glaube ich, fünfzehnhundert Spießruten. Die Exekution wurde ziemlich gnädig durchgeführt. Als kluge Menschen verwickelten sie vor Gericht niemand anderen in die Sache, machten ihre Aussagen klar und genau und behaupteten, daß sie direkt aus der Festung, ohne sich vorher irgendwo aufzuhalten, geflohen seien. Am meisten tat mir Koller leid: er verlor alles, seine letzten Hoffnungen, bekam mehr als die andern, ich glaube zweitausend Spießruten, und wurde in irgendein anderes Zuchthaus als Arrestant verschickt. A–w wurde mild, mit Mitleid bestraft; die Ärzte hatten sich seiner angenommen. Er aber prahlte und redete im Hospital laut, daß er jetzt alles riskieren werde, zu allem bereit sei und noch etwas ganz anderes unternehmen wolle. Kulikow benahm sich wie immer, d. h. solid und anständig, und sah, als er nach der Exekution ins Zuchthaus zurückkehrte, so aus, als ob er es niemals verlassen hätte. Die Arrestanten sahen ihn aber doch mit anderen Augen an: obwohl Kulikow immer und überall für sich einzutreten verstand, hörten die Arrestanten in der Tiefe ihres Herzens ihn zu achten auf und behandelten ihn von nun an mehr wie ihresgleichen. Mit einem Worte, nach diesem Fluchtversuch war der Ruhm Kulikows erheblich verblaßt. Der Erfolg hat ja bei den Menschen so viel zu bedeuten!

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