Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Fjodr Michailowitsch Dostojewski >

Aufzeichnungen aus einem toten Hause

Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Aufzeichnungen aus einem toten Hause - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorFjodr Michailowitsch Dostojewski
titleAufzeichnungen aus einem toten Hause
publisherVolksverband der Bücherfreunde Wegweiser-Verlag, G.m.b.H.
printrun3. Auflage
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
projectiddfe4ee1a
created20061203
modified20170607
Schließen

Navigation:

VIII

Die Kameraden

Ich fühlte mich natürlich mehr zu meinesgleichen, d. h. zu den »Adligen«, hingezogen, namentlich in der ersten Zeit. Aber von den drei ehemaligen russischen Adligen, die sich bei uns im Zuchthause befanden (es waren dies: Akim Akimytsch, der Spion A–w und derjenige, der als Vatermörder galt), verkehrte ich nur mit Akim Akimytsch. Offen gestanden, verkehrte ich mit Akim Akimytsch nur aus Verzweiflung, in Augenblicken der äußersten Langeweile, wenn ich keine Möglichkeit sah, mit jemand anderem außer ihm zu sprechen. Im vorigen Kapitel hatte ich versucht, alle unsere Leute in Kategorien einzuteilen, aber wenn ich mich jetzt an Akim Akimytsch erinnere, glaube ich noch eine Kategorie hinzufügen zu können. Diese bestand allerdings aus ihm allein. Es ist die Kategorie der völlig gleichgültigen Zuchthäusler. Völlig gleichgültige Menschen, d. h. solche, denen es gleich gewesen wäre, in der Freiheit oder im Zuchthause zu leben, gab es bei uns natürlich nicht und konnte es auch nicht geben, aber Akim Akimytsch bildete, glaube ich, eine Ausnahme. Er hatte sich im Zuchthause sogar so eingerichtet, als hätte er die Absicht, lebenslänglich da zu bleiben: alles, was er um sich hatte, mit den Kissen, der Matratze und sonstigem Hausrat angefangen, war so fest, stabil und dauerhaft. Vom Biwakmäßigen, Provisorischen war nicht die Spur zu merken. Er hatte allerdings noch viele Jahre im Zuchthaus zuzubringen, aber er dachte wohl kaum je an den Tag seiner Entlassung. Wenn er sich mit der Wirklichkeit abgefunden hatte, so nicht aus Herzensneigung, sondern nur aus Subordination, was für ihn übrigens dasselbe war. Er war ein guter Mensch und half mir sogar in der ersten Zeit mit seinen Ratschlägen und einigen Dienstleistungen, aber ich muß gestehen, daß er mich, besonders in der ersten Zeit, ungeheuer trübsinnig machte und meine schon ohnehin drückende Melancholie noch vergrößerte. Es war aber gerade diese melancholische Stimmung, die mich trieb, mit ihm zu sprechen. Ich erwartete von ihm zuweilen ein lebendiges Wort, wenn auch ein erbittertes, unduldsames, sogar gehässiges: dann würden wir uns wenigstens zusammen über unser Schicksal ärgern; er aber schwieg, klebte seine Laternchen oder erzählte, was für eine Truppenparade sie in dem und dem Jahre gehabt hätten, wer der Divisionskommandeur gewesen sei, wie dieser mit seinem Namen und Vatersnamen geheißen habe, ob die Truppenparade ihn befriedigt hätte oder nicht, wie die Plänklersignale einmal abgeändert worden seien usw. Dies alles erzählte er mit einer so gleichmäßigen Stimme, wie wenn Wasser Tropfen auf Tropfen herunterfiele. Er äußerte sogar fast keine Begeisterung, als er mir erzählte, wie er wegen Teilnahme an der und der Schlacht im Kaukasus mit dem Orden der heiligen Anna und dem Ehrendegen ausgezeichnet worden sei. Nur klang seine Stimme in solchen Augenblicken ungewöhnlich wichtig und solid; er dämpfte sie ein wenig, so daß es sogar irgendwie geheimnisvoll klang, als er das Wort »heilige Anna« aussprach, und dann blieb er an die drei Minuten besonders schweigsam und gesetzt . . . In diesem ersten Jahre hatte ich manchmal dumme Augenblicke, wo ich (und zwar immer ganz unvermittelt) Akim Akimytsch, ich weiß selbst nicht warum, zu hassen anfing und stumm mein Schicksal verfluchte, weil es mich auf der Pritsche Kopf an Kopf mit ihm untergebracht hatte. Gewöhnlich machte ich mir deswegen schon nach einer Stunde Vorwürfe. Aber das kam nur im ersten Jahre vor; später versöhnte ich mich in meinem Herzen gänzlich mit Akim Akimytsch und schämte mich meiner früheren dummen Anwandlungen. Äußerlich haben wir uns aber, wie ich mich erinnere, niemals gezankt.

Außer diesen drei Russen waren zu meiner Zeit bei uns acht polnische politische Verbrecher. Mit einigen von ihnen verkehrte ich freundschaftlich, sogar mit Vergnügen, aber nicht mit allen. Sogar die besten von ihnen waren krankhafte, exklusive und im höchsten Grade unduldsame Charaktere. Mit zwei von ihnen hörte ich später einfach zu sprechen auf. Gebildete gab es unter ihnen nur drei: B–ki, M–cki und den alten Z–ki, der früher einmal irgendwo Professor der Mathematik gewesen war. Er war ein gutmütiger, prächtiger Alter, ein großer Sonderling und, trotz seiner Bildung, anscheinend äußerst beschränkt. Ganz anders waren M–cki und B–ki. Mit M–cki knüpfte ich sofort gute Beziehungen an; ich stritt mich mit ihm niemals, achtete ihn, brachte es aber niemals fertig, ihn wirklich lieb zu gewinnen und mich ihm mit ganzem Herzen anzuschließen. Er war ein äußerst mißtrauischer und verbissener Mensch, der sich aber vorzüglich zu beherrschen verstand. Diese allzu große Selbstbeherrschung mißfiel mir eben an ihm: man hatte immer den Eindruck, daß er niemals und vor niemand sein Herz ganz ausschütten würde. Vielleicht irre ich mich auch. Er war eine starke und im höchsten Grade vornehme Natur. Seine außerordentliche und sogar etwas jesuitische Geschicklichkeit und Vorsicht im Umgange mit den Menschen ließ auf einen heimlichen, tiefen Skeptizismus schließen. Dabei litt seine Seele gerade unter diesem Zwiespalte: zwischen dem Skeptizismus und dem tiefen, unerschütterlichen Glauben an gewisse Überzeugungen und Hoffnungen. Aber trotz aller seiner Lebenserfahrung stand er in unversöhnlicher Feindschaft zu B–ki und zu dessen Freund T–wski. B–ki war ein kranker, zur Schwindsucht geneigter, reizbarer und nervöser, aber im Grunde genommen herzensguter und sogar großmütiger Mensch. Seine Reizbarkeit grenzte zuweilen an äußerste Unduldsamkeit und Launenhaftigkeit. Ich konnte diesen Charakter nicht vertragen und brach später den Verkehr mit B–ki ab, hörte ihn aber nie zu lieben auf; mit M–cki stritt ich mich dagegen niemals, liebte ihn aber auch nicht. Als ich mit B–ki brach, mußte ich sofort auch mit T–wski brechen, dem jungen Mann, den ich im vorigen Kapitel, als ich von unserer Beschwerde erzählte, erwähnt habe. Dies tat mir sehr leid. T–wski war zwar ungebildet, aber ein guter, mannhafter, mit einem Worte prächtiger junger Mann. Er liebte und achtete den B–ki nämlich so sehr und betete ihn dermaßen an, daß er einen jeden, der es nur irgendwie mit B–ki verdarb, sofort als seinen Feind ansah. Ich glaube, er hat später auch mit M–cki wegen des gleichen B–ki gebrochen, wie sehr er sich dagegen auch gewehrt hatte. Übrigens waren sie alle moralisch krankhafte, gallige, reizbare und mißtrauische Menschen. Das ist begreiflich: sie hatten es sehr schwer, viel schwerer als wir. Sie waren so fern von ihrer Heimat. Einige von ihnen waren für lange Zeit, für zehn und zwölf Jahre verschickt; vor allem betrachteten sie aber ihre ganze Umgebung mit einem tief eingewurzelten Vorurteile; sie sahen in den Zuchthäuslern nur das Tierische und hatten weder die Fähigkeit noch den Willen, in ihnen auch nur einen guten Zug, auch nur etwas Menschliches zu erkennen, und auch das war sehr begreiflich: auf diesen unglückseligen Standpunkt waren sie durch die Macht der Ereignisse und des Schicksals getrieben worden. Darum ist es klar, daß sie im Zuchthause schwer unter Trübsinn litten. Gegen die Kaukasier, die Tataren und Issai Fomitsch waren sie freundlich und höflich, gingen aber allen andern Zuchthäuslern voller Ekel aus dem Wege. Nur der Altgläubige aus Starodub hatte ihre volle Achtung erworben. Es ist übrigens bemerkenswert, daß während meiner ganzen Zuchthauszeit keiner der Zuchthäusler ihnen ihre Nationalität, ihren Glauben oder ihre Denkweise vorgeworfen hatte, was doch in unserem einfachen Volke den Ausländern, vorwiegend den Deutschen gegenüber wohl passiert, wenn auch nur selten. Die Deutschen übrigens werden höchstens nur ausgelacht: der Deutsche stellt für den einfachen Russen etwas außerordentlich Komisches dar. Unsere polnischen Adligen wurden aber von den Zuchthäuslern sogar mit viel größerem Respekt behandelt als wir Russen, und man krümmte ihnen kein Haar. Aber die Polen wollten es anscheinend gar nicht merken und in Betracht ziehen. Ich sprach eben von T–wski. Es war derselbe, der auf dem Transport vom ursprünglichen Verbannungsort nach unserer Festung den B–ki fast den ganzen Weg auf den Armen getragen hatte, da dieser, der von schwacher Gesundheit und Konstitution war, fast immer schon nach der Hälfte einer Etappe vor Müdigkeit nicht weiter gehen konnte. Ursprünglich waren sie nach U–gorsk verschickt worden. Sie erzählten, daß sie es dort sehr gut gehabt hätten, d. h. viel besser als in unserer Festung. Aber sie hatten dort eine, übrigens harmlose Korrespondenz mit anderen Verbannten in einer anderen Stadt angeknüpft, und man hielt es deswegen für nötig, diese drei nach unserer Festung zu versetzen, damit sie sich näher unter der Aufsicht der höchsten Behörde befänden. Ihr dritter Kamerad war Z–ki. Vor ihrer Ankunft war M–cki der einzige polnische Adlige im Zuchthause. Wie schwer ist ihm wohl das erste Jahr seiner Verbannung gewesen!

Dieser Z–ki war eben jener ewig zu Gott betende alte Mann, den ich schon einmal erwähnt habe. Alle unsere politischen Verbrecher waren junge Leute, einige sogar sehr jung; nur Z–ki war schon über fünfzig Jahre alt. Er war ein zwar anständiger, aber doch etwas sonderbarer Mensch. Seine Genossen B–ki und T–wski mochten ihn nicht sehr leiden, sie sprachen sogar nicht mit ihm und sagten von ihm, er sei trotzig und dumm. Ich weiß nicht, inwiefern sie in diesem Falle recht hatten. Im Zuchthause wie in jedem anderen Orte, wo Menschen nicht nach freiem Willen, sondern unter einem Zwange zu einem Haufen versammelt sind, kann man sich, glaube ich, viel leichter verzanken und sogar einander hassen als in der Freiheit. Viele Umstände tragen dazu bei. Z–ki war in der Tat ein ziemlich bornierter und vielleicht auch unangenehmer Mensch. Auch alle seine übrigen Genossen vertrugen sich nicht mit ihm. Ich stritt mich niemals mit ihm, schloß mich ihm aber auch niemals an. Sein Fach, die Mathematik, schien er gut zu können. Ich erinnere mich noch, wie er sich bemühte, mir in seiner halb-russischen Sprache ein eigenes, von ihm selbst erfundenes astronomisches System zu erklären. Man erzählte mir, er hätte es einmal auch gedruckt, die gelehrte Welt hätte ihn aber nur ausgelacht. Ich glaube, er war nicht ganz normal. Tagelang betete er kniend zu Gott, wodurch er sich die Achtung des ganzen Zuchthauses erwarb, die er dann bis zu seinem Tode genoß. Er starb in unserem Hospital nach schwerer Krankheit vor meinen Augen. Die Achtung der Zuchthäusler hatte er übrigens gleich bei seinem Eintritt ins Zuchthaus, nach seinem Zusammenstoß mit unserem Major erworben. Auf dem Transport aus U–gorsk nach unserer Festung waren sie alle nicht rasiert worden und hatten Bärte bekommen; als man sie nun zu unserem Platzmajor führte, geriet er in höchste Wut wegen einer solchen Verletzung der Disziplin, an der sie gänzlich unschuldig waren.

»Wie sehen die aus!« brüllte er. »Es sind doch Landstreicher und Räuber!«

Z–ki, der damals noch schlecht russisch verstand und glaubte, man frage sie, wer sie seien, ob Landstreicher oder Räuber, antwortete:

»Wir sind keine Landstreicher, sondern politische Verbrecher.«

»Wa–a–as! Du bist noch grob?« brüllte der Major. »Auf die Hauptwache! Hundert Rutenhiebe, sofort, augenblicklich!«

Der alte Mann bekam die Strafe. Er legte sich ohne ein Wort der Widerrede auf die Bank, biß die Zähne in den Arm und empfing die Züchtigung ohne den leisesten Schrei oder Seufzer, ohne die leiseste Bewegung. B–ki und T–wski waren indessen ins Zuchthaus gegangen, wo sie am Tore von M–cki erwartet worden waren, der ihnen sofort um den Hals fiel, obwohl er sie vorher nie gesehen hatte. Durch den Empfang beim Platzmajor aufgeregt, erzählten sie ihm alles über Z–ki. Ich erinnere mich noch, wie M–cki mir darüber berichtete: »Ich war ganz außer mir. Ich wußte gar nicht, was mit mir geschah, und zitterte wie im Fieber. Ich erwartete Z–ki am Tore. Er mußte direkt von der Hauptwache kommen, wo er seine Rutenstrafe bekommen hatte. Plötzlich ging das Pförtchen auf: Z–ki schritt, ohne jemand anzusehen, mit blassem Gesicht und zitternden blassen Lippen zwischen den auf dem Hofe versammelten Arrestanten, die schon wußten, daß ein Adliger eine körperliche Strafe bekäme, trat in die Kaserne, ging direkt auf seinen Platz zu, kniete, ohne ein Wort zu sagen, nieder und begann zu beten. Die Zuchthäusler waren frappiert und sogar gerührt. »Als ich diesen Greis erblickte,« erzählte M–cki, »mit den grauen Haaren, der in seiner Heimat Frau und Kinder zurückgelassen hatte, als ich ihn auf den Knien liegen sah, wie er nach der schmählichen Züchtigung betete, rannte ich hinter die Kaserne und war zwei Stunden lang wie bewußtlos; ich war rasend . . .« Die Zuchthäusler begannen den Z–ki seit jener Zeit außerordentlich zu achten und behandelten ihn immer mit Respekt. Am meisten hatte ihnen gefallen; daß er unter den Ruten nicht geschrien hatte.

Ich muß aber doch die ganze Wahrheit sagen: nach diesem einen Beispiele darf man keineswegs über die Behandlung der verbannten Adligen, ganz gleich, ob Russen oder Polen, durch die Behörden urteilen. Dieses Beispiel beweist nur, daß man auf einen bösen Menschen stoßen kann, und wenn dieser böse Mensch irgendwo die Stelle eines unabhängigen und höchsten Vorgesetzten bekleidet, so ist es um das Schicksal eines Verbannten, falls er diesem Vorgesetzten mißfällt, schlecht bestellt. Aber es darf nicht verschwiegen werden, daß die höchste Behörde in Sibirien, von der der Ton und die Stimmung sämtlicher Vorgesetzten abhängen, in bezug auf die verbannten Adligen sehr rücksichtsvoll ist und in manchen Fällen sogar dazu neigt, ihnen gewisse Begünstigungen den einfachen Zuchthäuslern gegenüber einzuräumen. Die Gründe sind ja klar: erstens sind diese höchsten Vorgesetzten selbst Adlige, zweitens kam es früher vor, daß manche Adlige sich der körperlichen Züchtigung nicht unterziehen wollten und sich auf die Vollstrecker stürzten, was zu schrecklichen Auftritten führte; drittens, und das scheint mir das Wichtigste, hat die große Masse der verbannten Adligen, die vor fünfunddreißig Jahren auf einmal nach Sibirien kam,Gemeint sind die zahlreichen Dekabristen, die 1826 auf einmal nach Sibirien verbannt worden sind. Anm. d. Übers. sich während dieser Zeit in ganz Sibirien eine solche Stellung und ein solches Renommee verschafft, daß die Obrigkeit in meiner Zeit die adligen Verbrecher von der gewissen Kategorie schon gewohnheitsmäßig und aus Tradition mit anderen Augen ansah als alle anderen Verbannten. Diesen Standpunkt übernahmen dann auch die niederen Vorgesetzten, die sich den höheren fügten. Viele von diesen niederen Vorgesetzten waren übrigens sehr beschränkt, kritisierten im stillen die Anordnungen von oben und wären außerordentlich froh, wenn sie nach eigenem Ermessen verfahren dürften. Aber das wurde ihnen doch nicht ganz gestattet. Ich darf dies positiv behaupten, und zwar aus folgendem Grunde. Die zweite Kategorie der Zuchthäusler, zu der ich gehörte und die aus zur Zwangsarbeit verurteilten Arrestanten unter militärischer Oberaufsicht bestand, hatte es unvergleichlich schwerer als die beiden anderen Kategorien, d. h. als die dritte (die in den Fabriken arbeitete) und als die erste (in den Bergwerken). Sie war nicht nur für die Adligen, sondern auch für alle anderen Arrestanten schwerer, gerade aus dem Grunde, weil die Oberaufsicht und die ganze Einrichtung dieser Kategorie militärisch war und an die Strafkompagnien im europäischen Rußland erinnerte. Die militärische Obrigkeit ist strenger, die Disziplin ist straffer, man ist immer in Ketten, immer unter Bewachung, immer hinter Schloß und Riegel; dies wird aber in den beiden anderen Kategorien nicht so streng gehandhabt. Das behaupteten wenigstens alle unsere Arrestanten, unter denen es sehr sachverständige Leute gab. Sie alle wären mit Freude in die erste Kategorie gegangen, die nach dem Gesetze als die schwerste gilt, und gaben sich oft diesbezüglichen Träumereien hin. Von den Strafkompagnien im europäischen Rußland sprachen aber alle unsere Arrestanten, die in denselben gewesen waren, mit Grauen und behaupteten, daß es in ganz Rußland keinen schlimmeren Ort gäbe als die Strafkompagnien in den Festungen und daß das Leben in Sibirien im Vergleich mit dem dortigen ein Paradies sei. Wenn also bei einem so strengen Regime wie in unserem Zuchthause, unter der militärischen Oberleitung, unter den Augen des Generalgouverneurs und schließlich angesichts solcher Fälle, die zuweilen vorkamen, daß gewisse abseitsstehende, aber beamtete Menschen aus Bosheit oder aus übertriebenem Eifer heimlich an die höhere Stelle meldeten, daß die und die unzuverlässigen Vorgesetzten den Verbrechern der und der Kategorie Begünstigungen gewährten, – ich sage also, wenn an einem solchen Ort die verschickten Adligen doch mit etwas anderen Augen angesehen wurden als die übrigen Zuchthäusler, so war das doch sicher in der ersten und in der dritten Kategorie in einem weit größeren Maße der Fall. Ich glaube also nach dem Orte, an dem ich mich befunden hatte, über die entsprechenden Zustände in ganz Sibirien urteilen zu dürfen. Alle Gerüchte und Erzählungen, die ich darüber von den Verbannten der ersten und der dritten Kategorie hörte, bestätigten meine Annahme. In unserem Zuchthause behandelten die Vorgesetzten uns, die Adligen, in der Tat aufmerksamer und vorsichtiger. Begünstigungen in bezug auf die Arbeit und die Beköstigung genossen wir nicht: wir mußten dieselbe Arbeit tun, dieselben Fesseln tragen und hinter denselben Riegeln sitzen, – mit einem Worte, alles war genau so wie bei den anderen Arrestanten. Erleichterungen waren ja überhaupt unmöglich. Ich weiß, daß es in jener Stadt, in jener noch nicht weit zurückliegenden, aber längst vergangenen Zeit soviele Denunzianten und Intriganten gab, die einander eine Grube gruben, daß die Vorgesetzten natürlich stets Denunziationen fürchteten. Was konnte es aber in jener Zeit Schrecklicheres geben als eine Denunziation, daß die Verbrecher einer gewissen Kategorie Begünstigungen genießen! So hatte jeder Angst, und wir lebten unter dem gleichen Regime wie die übrigen Zuchthäusler; aber in bezug auf die Körperstrafe gab es für uns doch gewisse Ausnahmen. Freilich hätte man uns mit dem größten Vergnügen durchpeitschen lassen, wenn wir es verdient, d. h. uns wirklich irgendwie vergangen hätten. Dies erforderten doch der Diensteid und die Gleichheit aller vor der Körperstrafe. Aber so ganz ohne jeden Grund, aus leichtsinniger Laune wurden wir doch nicht gepeitscht; diese leichtsinnige Behandlung wurde jedoch den einfachen Arrestanten oft zuteil, besonders seitens gewisser subalterner Vorgesetzter, welche es liebten, bei jeder Gelegenheit Ordnung zu schaffen und ein Exempel zu statuieren. Es war uns bekannt, daß der Kommandant, als er die Geschichte mit dem alten Z–ki erfuhr, über unseren Major sehr empört war und ihm eingeschärft hatte, sich in Zukunft zu mäßigen. So berichteten mir alle. Man wußte bei uns auch, daß der Generalgouverneur selbst, der unserem Major vertraute und ihn als Vollstrecker und einen Menschen mit gewissen Fähigkeiten zum Teil auch schätzte, als er von dieser Geschichte gehört, ihm ebenfalls eine Rüge erteilt hatte. Unser Major nahm dies auch zur Kenntnis. Wie gern hätte er doch mal den M–cki durchpeitschen lassen, den er infolge der Denunziation des A–w haßte, aber er konnte es doch unmöglich fertigbringen, wie eifrig er auch nach einem Vorwande suchte, ihn stets verfolgte und belauerte. Von der Geschichte mit Z–ki erfuhr bald die ganze Stadt, und die allgemeine Meinung war gegen den Major; viele machten ihm Vorwürfe, manche sogar auf eine höchst unangenehme Weise. Ich erinnere mich jetzt auch meiner ersten Begegnung mit dem Platzmajor. Man hatte uns, d. h. mir und dem anderen Verbannten adliger Abstammung, mit dem ich gleichzeitig die Strafe antrat, schon in Tobolsk durch Berichte über den unangenehmen Charakter dieses Menschen Angst gemacht. Die alten verbannten Adligen, die schon eine fünfundzwanzigjährige Strafzeit hinter sich hatten und die sich damals dort befanden, empfingen uns mit der größten Sympathie und verkehrten mit uns während der ganzen Zeit unseres Aufenthaltes im Etappengefängnis: sie warnten uns vor unserem zukünftigen Kommandeur und versprachen uns, durch ihre Bekannten alles zu tun, um uns vor seinen Verfolgungen zu schützen. Und in der Tat: die drei Töchter des Generalgouverneurs, die aus dem europäischen Rußland gekommen waren und bei ihrem Vater zu Besuch weilten, erhielten von ihnen Briefe und verwendeten sich, wie es scheint, für uns. Was konnte er aber tun? Er sagte bloß dem Major, er solle in der Zukunft etwas vorsichtiger sein. Gegen drei Uhr nachmittags trafen wir, d. h. ich und mein Genosse, in dieser Stadt ein, und die Wachsoldaten führten uns direkt zu unserem Gebieter. Wir standen im Vorzimmer und warteten auf sein Erscheinen. Indessen hatte man schon nach dem Zuchthausunteroffizier geschickt. Sobald dieser gekommen war, erschien auch der Platzmajor. Sein blaurotes, von Finnen übersätes, böses Gesicht machte auf uns einen höchst bedrückenden Eindruck: es war, als ob eine böse Spinne auf eine arme Fliege losginge, die in ihr Nest geraten war.

»Wie heißt du?« fragte er meinen Genossen. Er sprach schnell, scharf, abrupt und wollte uns offenbar imponieren.

»So und so.«

»Und du?« fuhr er fort, sich an mich wendend und mich durch seine Brille anschauend.

»So und so.«

»Unteroffizier! Die Beiden kommen sofort ins Zuchthaus, werden auf der Hauptwache unverzüglich nach der Zivilvorschrift rasiert, den halben Kopf; die Fesseln sind gleich morgen umzuschmieden. Was sind das für Mäntel? Wo habt ihr sie bekommen?« fragte er uns plötzlich, seine Aufmerksamkeit auf die uns in Tobolsk ausgefolgten grauen Mäntel mit den gelben Kreisen auf den Rücken richtend, in denen wir vor seine lichten Augen getreten waren. »Das ist doch eine neue Uniform! Ist sicher eine neue Uniform . . . Wird wohl erst projektiert . . . in Petersburg, . . .« sprach er, indem er uns einen nach dem andern umdrehte. »Haben sie nichts bei sich?« fragte er plötzlich den uns eskortierenden Gendarmen.

»Sie haben ihre eigene Kleidung bei sich, Euer Hochwohlgeboren,« antwortete der Gendarm, sich plötzlich aufrichtend und sogar zusammenfahrend. Alle kannten den Major, alle hatten von ihm gehört, alle hatten vor ihm Angst.

»Alles wegnehmen! Sie behalten nur ihre Wäsche und zwar nur die weiße; aber die farbige, falls sie welche haben, ist ihnen wegzunehmen. Alles übrige öffentlich versteigern und den Erlös für die Staatskasse einziehen. Ein Arrestant darf kein Eigentum haben!« fuhr er fort mit einem strengen Blick auf uns. »Paßt auf, führt euch gut auf! Daß mir nichts zu Ohren kommt! Sonst gibt's kör-per-liche Züch-ti-gung! Für das geringste Vergehen – Rrruten! . . .«

Nach diesem ganz ungewohnten Empfang war ich den ganzen ersten Abend fast krank. Der schwere Eindruck wurde übrigens auch noch durch alles, was ich im Zuchthause zu sehen bekam, verstärkt; aber von meinem Eintritt ins Zuchthaus habe ich schon berichtet.

Ich erwähnte soeben, daß man uns keinerlei Vergünstigungen oder Erleichterungen bei der Arbeit den anderen Arrestanten gegenüber zu gewähren wagte. Aber einmal wurde es doch versucht: ich und B–ki wurden ganze drei Monate auf der Ingenieurkanzlei als Schreiber beschäftigt. Dies wurde jedoch in aller Heimlichkeit, und zwar von der Ingenieurbehörde gemacht. Die übrigen, die es wissen mußten, wußten es wahrscheinlich, taten aber so, als wüßten sie es nicht. Dies geschah unter dem Kommandeur G–kow. Der Oberstleutnant G–kow war zu uns wie vom Himmel gefallen, blieb aber nur eine sehr kurze Zeit, – wenn ich nicht irre, nicht länger als ein halbes Jahr – und zog dann wieder ins europäische Rußland, einen ungewöhnlichen Eindruck bei allen Arrestanten hinterlassend. Die Arrestanten liebten ihn nicht nur, sie vergötterten ihn förmlich, wenn man dieses Wort hier überhaupt anwenden darf. Wie er das machte, weiß ich nicht, aber er eroberte ihre Sympathie gleich im ersten Augenblick. »Er ist unser Vater, unser Vater! Besser als ein Vater!« sagten die Arrestanten jeden Augenblick, solange er an der Spitze des Ingenieurressorts stand. Ich glaube, er war ein furchtbarer Trinker. Er war nicht groß von Wuchs und hatte einen frechen und selbstbewußten Blick. Dabei war er aber gegen die Arrestanten freundlich, beinahe zärtlich und liebte sie buchstäblich wie ein Vater. Weshalb er die Arrestanten so sehr liebte, weiß ich nicht zu sagen, aber er konnte einfach keinen Arrestanten sehen, ohne ihm ein freundliches, lustiges Wort zu sagen, mit ihm zu scherzen und zu lachen; vor allem lag aber darin keine Spur vom Tone eines Vorgesetzten, nichts, was auf die Ungleichheit der Stellungen hinweisen konnte. Er behandelte sie wie ein Kamerad, ganz wie seinesgleichen. Aber trotz dieses seines ganzen instinktiven Demokratismus ließen sich die Arrestanten in ihrem Benehmen ihm gegenüber niemals zu einer Respektlosigkeit oder Familiarität herbei. Im Gegenteil. Das ganze Gesicht des Arrestanten erstrahlte, wenn er diesem Kommandeur begegnete; er zog die Mütze und blickte lächelnd, wenn er auf ihn zuging. Wenn er aber einen ansprach, so war es, wie wenn er ihm einen Rubel schenkte. Es gibt eben solche populären Menschen. Er hatte ein schneidiges Auftreten und einen aufrechten, munteren Gang. »Ein Adler!« pflegten die Arrestanten von ihm zu sagen. Ihre Lage konnte er natürlich nicht erleichtern, da er nur die Ingenieurarbeiten unter sich hatte, die wie bei allen anderen Kommandeuren in einer gleichen, ein für alle Mal eingeführten, gesetzlichen Ordnung vor sich gingen. Es kam höchstens vor, daß, wenn er zufällig eine Partie bei der Arbeit traf und sah, daß die Arbeit erledigt war, sie nicht länger aufhielt und vor dem Trommelschlag heimgehen ließ. Den Leuten gefiel sein Vertrauen zu den Arrestanten, der Mangel an jeder Kleinlichkeit und Reizbarkeit, das vollkommene Fehlen gewisser verletzender Formen in seinem Auftreten als Vorgesetzter. Hätte er tausend Rubel verloren, so hätte sie ihm selbst der schlimmste Dieb aus unserem Zuchthause, falls er sie fände, zurückgegeben. Ich bin davon überzeugt. Die Arrestanten waren aufs tiefste betrübt, als sie einmal erfuhren, daß ihr adlergleicher Kommandeur sich mit dem verhaßten Major tödlich verzankt hatte. Dies geschah gleich im ersten Monat nach seiner Ankunft. Unser Major war früher einmal sein Regimentskamerad gewesen. Nach der langen Trennung trafen sie sich wie Freunde und begannen zusammen zu trinken. Aber plötzlich kam es zu einem Bruch zwischen ihnen. Sie verzankten sich, und G–kow wurde zu einem Todfeinde des Majors. Man erzählte sich sogar, daß sie sich bei dieser Gelegenheit in die Haare geraten waren, was mit unserem Major sehr leicht passieren konnte: er pflegte oft handgreiflich zu werden. Als die Arrestanten es hörten, kannte ihre Freude keine Grenzen: »Wie kann der Achtäugige neben einem solchen Menschen bestehen! Dieser ist ein Adler, der unsrige aber ist ein . . .« und hier folgte gewöhnlich ein Wort, das man im Druck nicht gut wiedergeben kann. Man interessierte sich bei uns furchtbar dafür, wer den andern verprügelt hatte. Wenn das Gerücht von ihrer Prügelei sich als unwahr herausgestellt hätte (was wahrscheinlich der Fall war), so hätte es unseren Arrestanten wohl sehr leid getan. »Nein,« sagten sie, »sicher blieb unser Kommandeur der Sieger: er ist zwar klein, doch tapfer, der Major soll sich aber vor ihm unter das Bett verkrochen haben.« Aber G–kow kam bald von uns weg, und die Arrestanten versanken wieder in Trauer. Übrigens waren alle unsere Ingenieurkommandeure gut: zu meiner Zeit hatte es ihrer drei oder vier gegeben. »Aber einen solchen erleben wir nicht mehr,« sagten die Arrestanten: »er war ein Adler, ein Adler und Fürsprecher.« Dieser G–kow mochte uns Adlige besonders gern leiden und befahl schließlich mir und B–ki, ab und zu in seine Kanzlei zu kommen. Nach seiner Abreise nahm diese Tätigkeit eine regelmäßigere Formen an. Unter den Ingenieuren gab es Leute (besonders einen), die mit uns sympathisierten. Wir gingen in die Kanzlei, schrieben die Akten ab, und unsere Handschrift fing sich sogar zu vervollkommnen an, als plötzlich von der höchsten Behörde der Befehl kam, uns sofort zu unseren früheren Arbeiten zurückzuschicken: jemand hatte es bereits denunziert! Das war übrigens gut: die Kanzlei war uns beiden schon langweilig geworden! Die folgenden zwei Jahre ging ich fast immer unzertrennlich mit B–ki zu derselben Arbeit, am häufigsten in die Werkstätte. Wir plauderten miteinander und sprachen von unseren Hoffnungen und Anschauungen. Er war ein prachtvoller Mensch, aber von sonderbaren, exklusiven Überzeugungen. Eine gewisse Abart sehr kluger Menschen eignet sich oft durchaus paradoxe Anschauungen an. Aber man hat wegen dieser Anschauungen schon so viel gelitten, man hat sie um einen so teueren Preis gewonnen, daß es allzu schmerzhaft und sogar unmöglich wäre, sich von ihnen loszureißen. B–ki nahm jeden meiner Einwände mit tiefem Schmerz auf und antwortete mir bissig. In vielen Dingen hatte er vielleicht übrigens mehr recht als ich, ich weiß es nicht; aber schließlich gingen wir ganz auseinander, und dies tat mir sehr weh: wir hatten schon so vieles zusammen erlebt.

Indessen wurde M–cki mit den Jahren immer trauriger und düsterer. Der Gram erdrückte ihn. Früher, in der ersten Zeit meines Aufenthaltes im Zuchthause, war er mitteilsamer gewesen und hatte sein Herz viel häufiger ausgeschüttet. Als ich ins Zuchthaus eintrat, war er schon das dritte Jahr da. Anfangs interessierte er sich für vieles davon, was während dieser zwei Jahre in der Welt geschehen war und wovon er im Zuchthause keine Ahnung gehabt hatte; er fragte mich aus, hörte mir zu und regte sich auf. Aber später, mit den Jahren, zog sich alles in sein Innerstes zurück. Die Kohlenglut verschwand unter der Asche. Seine Gehässigkeit wuchs immer mehr. »Je haïs ces brigands,« sagte er mir immer öfter, mit Haß auf die Zuchthäusler blickend, die ich indessen näher kennengelernt hatte, und was ich auch zu ihren Gunsten sagte, machte auf ihn nicht den geringsten Eindruck. Er verstand einfach nicht, was ich ihm sagte; zuweilen stimmte er mir übrigens zerstreut zu, sagte aber schon am nächsten Tage wieder: »Je haïs ces brigands.« Wir sprachen übrigens oft französisch miteinander, und ein Arbeitsaufseher, der Geniesoldat Dranischnikow, nannte uns aus diesem Grunde »Feldschere«; ich weiß nicht, was er sich dabei dachte. M–cki geriet nur dann in Feuer, wenn er von seiner Mutter sprach. »Sie ist alt, sie ist krank,« sagte er mir, »sie liebt mich über alles in der Welt, und ich weiß nicht mal, ob sie noch am Leben ist. Es ist schon viel, daß sie weiß, daß ich habe Spießruten laufen müssen . . .« M–cki war kein Adliger und hatte vor der Verschickung eine Körperstrafe bekommen. Wenn er davon sprach, biß er die Zähne aufeinander und blickte zur Seite. In der letzten Zeit ging er immer öfter allein. Eines Morgens gegen zwölf wurde er zum Kommandanten berufen. Der Kommandant empfing ihn mit einem lustigen Lächeln.

»Nun, M–cki, was hat dir heute geträumt?« fragte er ihn.

»Ich fuhr zusammen,« berichtete M–cki, als er zu uns zurückkehrte. »Seine Worte durchbohrten mir das Herz.«

»Es träumte mir, ich hätte einen Brief von meiner Mutter bekommen,« antwortete er.

»Noch etwas Schöneres!« entgegnete der Kommandant. »Du bist frei! Deine Mutter hat sich für dich verwendet . . . ihre Bitte fand Gehör. Hier ist ein Brief von ihr und hier ein Befehl über dich. Du wirst sofort das Zuchthaus verlassen!«

Er kam blaß und noch nicht ganz zum Bewußtsein gekommen zurück. Wir gratulierten ihm. Er drückte uns die Hände mit seinen zitternden, kalt gewordenen Händen. Auch viele andere Arrestanten beglückwünschten ihn und freuten sich über sein Glück.

Er wurde nun Ansiedler und blieb in unserer Stadt. Bald darauf bekam er eine Stellung. In der ersten Zeit kam er häufig vor unser Zuchthaustor, um uns verschiedene Neuigkeiten mitzuteilen. Die politischen interessierten ihn ganz besonders.

Von den übrigen vier, d. h. außer M–cki, T–wski, B–ki und Z–ki waren zwei noch sehr junge Leute, die für kurze Zeit verschickt worden waren, wenig gebildete, aber ehrliche, aufrichtige und einfache Menschen. Der dritte, A–cukowski, war schon gar zu einfältig und stellte nichts Besonderes dar; dafür machte der vierte, B–m, ein schon bejahrter Mensch, auf uns alle den schlechtesten Eindruck. Ich weiß nicht, wie er in diese Verbrecherkategorie hineingeraten war; auch leugnete er selbst seine Beteiligung an den entsprechenden Vergehen. Es war eine rohe Spießbürgerseele mit den Gewohnheiten und Anschauungen eines Krämers, der sich durch kleine Schwindelgeschäfte bereichert hat. Er besaß nicht die geringste Bildung und interessierte sich für nichts als für sein Handwerk. Er war Zimmermaler, aber ein ganz hervorragender Meister in diesem Fach. Die Obrigkeit erfuhr bald von seinen Talenten, und die ganze Stadt verlangte nach B–m zur Ausmalung der Wände und Decken. In zwei Jahren hatte er fast alle Amtswohnungen ausgemalt. Die Inhaber dieser Wohnungen bezahlten ihn aus eigener Tasche, und er lebte in guten Verhältnissen. Das beste aber war, daß man auch andere seiner Kameraden mit ihm zur Arbeit schickte. Von denen, die ihn ständig begleiteten, erlernten zwei sein Handwerk, und einer von ihnen, T–wski, malte bald nicht schlechter als er. Unser Platzmajor, der ein ganzes Amtsgebäude bewohnte, berief auch B–m zu sich und befahl ihm, alle Wände und Decken auszumalen. B–m gab sich dabei besondere Mühe: selbst die Wohnung des Generalsgouverneurs war nicht so schön ausgemalt. Es war ein hölzernes, einstöckiges, ziemlich baufälliges und von außen unansehnliches Haus; innen war es aber ausgemalt wie ein Palast, und der Major war entzückt . . . Er rieb sich die Hände und sagte immer wieder, daß er jetzt unbedingt heiraten werde: »Wenn man eine solche Wohnung hat, ist es einfach unmöglich, nicht zu heiraten,« fügte er vollkommen ernst hinzu. Mit B–m war er immer mehr zufrieden und dann auch mit den andern, die ihm bei der Arbeit halfen. Die Arbeit dauerte einen ganzen Monat. In diesem Monat änderte der Major seine Meinung über die Leute unserer Klasse vollständig und begann sie zu protegieren. Das ging so weit, daß er eines Tages den Z–ki aus dem Zuchthause zu sich berief.

»Z–ki,« sagte er, »ich habe dich schwer gekränkt. Ich habe dich ohne Grund mit Ruten bestrafen lassen, ich weiß es. Ich bereue es. Begreifst du es? Ich, ich, ich bereue es!?«

Z–ki antwortete, daß er es begreife.

»Begreifst du, daß ich, dein Vorgesetzter, dich hergerufen habe, um dich um Verzeihung zu bitten? Fühlst du es? Was bist du vor mir? Ein Wurm! Weniger als ein Wurm: ein Arrestant! Ich aber bin von Gottes Gnaden Major.Er äußerte sich buchstäblich so; diesen Ausdruck gebrauchten übrigens zu meiner Zeit außer unserem Major viele niedere Vorgesetzte, vorwiegend solche, die sich aus dem Soldatenstande hinaufgedient hatten. Anmerkung Dostojewskis. Ein Major! Begreifst du das?«

Z–ki antwortete, daß er auch das begreife.

»Nun, jetzt will ich mich mit dir versöhnen. Fühlst du es aber auch richtig, in vollem Umfange? Bist du fähig, es zu begreifen und zu fühlen? Bedenke bloß: ich, der Major! . . .« usw.

Z–ki erzählte mir selbst diese ganze Szene. Also wohnte auch in diesem versoffenen, dummen und unordentlichen Menschen ein menschliches Gefühl. Wenn man seine Anschauungen und seinen Bildungsgrad berücksichtigt, muß man eine solche Handlung fast edelmütig nennen. Übrigens hatte vielleicht auch sein betrunkener Zustand viel dazu beigetragen.

Sein Traum ging jedoch nicht in Erfüllung: er heiratete nicht, obwohl er sich dazu fest entschlossen hatte, als seine Wohnung neu ausgemalt war. Statt zu heiraten, kam er vors Gericht und mußte seinen Abschied nehmen. Bei dieser Gelegenheit kamen auch alle seine alten Sünden heraus. Vorher war er, wie ich glaube, in dieser selben Stadt Stadthauptmann gewesen . . . Der Schlag traf ihn ganz unerwartet. Im Zuchthause rief diese Nachricht eine maßlose Freude hervor. Es war ein Fest, ein Triumph! Man erzählte sich, der Major hätte wie ein altes Weib geheult und geweint. Es war aber nichts zu machen. Er nahm seinen Abschied, verkaufte erst sein Paar Graue, dann auch seinen übrigen Besitz und verfiel sogar in Armut. Wir trafen ihn später öfters in einem abgetragenen Zivilrock, mit einer Kokarde auf der Mütze. Er blickte die Arrestanten bei solchen Begegnungen boshaft an. Aber sein ganzer Zauber war dahin, sobald er die Uniform abgelegt hatte. In der Uniform war er ein Ungewitter, eine Gottheit gewesen. Im Zivilrock war er plötzlich nichts und erinnerte an einen Lakaien. Es ist merkwürdig, wieviel bei diesen Leuten die Uniform bedeutet.

 << Kapitel 20  Kapitel 22 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.