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Aufzeichnungen aus einem toten Hause

Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Aufzeichnungen aus einem toten Hause - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorFjodr Michailowitsch Dostojewski
titleAufzeichnungen aus einem toten Hause
publisherVolksverband der Bücherfreunde Wegweiser-Verlag, G.m.b.H.
printrun3. Auflage
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
projectiddfe4ee1a
created20061203
modified20170607
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V

Die Sommerzeit

Nun haben wir schon Anfang April, und die Osterwoche naht heran. Allmählich beginnen auch die Sommerarbeiten. Die Sonne scheint von Tag zu Tag wärmer und heller; die Luft duftet nach Frühling und reizt den ganzen Organismus. Die nahenden schönen Tage regen auch den in Fesseln geschmiedeten Menschen auf und wecken in ihm irgendwelche Wünsche, ein Drängen, eine Sehnsucht. Ich glaube, daß man unter hellen Sonnenstrahlen noch stärker um die Freiheit trauert als an einem trüben Winter- oder Herbsttage, und das kann man allen Arrestanten ansehen. Sie scheinen sich über die heiteren Tage zu freuen, zugleich steigert sich aber in ihnen eine gewisse Ungeduld und Unruhe. Ich glaube wirklich bemerkt zu haben, daß es im Frühjahre im Zuchthause mehr Streit gab. Man hörte öfter Lärm, Geschrei und Radau, alle machten Geschichten; zugleich fiel mir aber manchmal während der Arbeit mancher nachdenkliche Blick auf, der unverwandt in die blaue Ferne, auf das andere Irtyschufer gerichtet war, wo die freie kirgisische Steppe begann, die sich in unermeßlicher Ausdehnung, vielleicht anderthalbtausend Werst weit hinzog; ich hörte manchen tiefen Seufzer aus voller Brust, als wollte der Mensch diese ferne, freie Luft einatmen und mit ihr seine erdrückte, gefesselte Seele erleichtern. »Ach ja!« sagt schließlich der Arrestant und packt plötzlich, als hätte er sich von seinen Träumen und Gedanken losgerissen, ungeduldig und mürrisch das Grabscheit oder die Tracht Ziegelsteine, die er von einem Ort nach einem anderen schleppen muß. Nach einer Minute hat er diese plötzliche Empfindung schon vergessen und beginnt zu lachen oder zu schimpfen, je nach seinem Charakter; oder aber er macht sich mit einem ungewöhnlichen, der Notwendigkeit gar nicht entsprechenden Eifer an das ihm aufgegebene Pensum und beginnt zu arbeiten, aus aller Kraft, als wollte er durch die Last der Arbeit etwas erdrücken, was ihn in seinem Innern bedrückt und bedrängt. Es sind ja lauter kräftige Leute, zum größten Teil in der Blüte der Jahre und der Kraft . . . Schwer sind die Fesseln um diese Zeit! Ich sage das nicht als Poet und bin von der Richtigkeit meiner Wahrnehmung vollkommen überzeugt. Außerdem kommen einem in der Wärme, bei hellem Sonnenschein, wenn man mit seinem ganzen Wesen die ringsum mit unbändiger Kraft wiedererwachende Natur fühlt, das zugesperrte Gefängnis, die Bewachung und der fremde Wille noch schwerer vor; zudem beginnt um diese Frühlingszeit, zugleich mit dem ersten Lerchengesang, in ganz Sibirien und in ganz Rußland die Landstreicherei: die Menschen Gottes fliehen aus den Zuchthäusern und retten sich in die Wälder. Nach dem schwülen Loch, nach den Gerichtsverhandlungen, Fesseln und Spießruten wandern sie nach ihrem freien Willen, wo sie nur wollen, wo es ihnen schöner und freier erscheint; sie trinken und essen was sich gerade trifft, was ihnen Gott schickt, und schlafen nachts friedlich irgendwo im Walde, ohne große Sorgen, ohne die Schwermut des Zuchthauses, wie die Vögel des Waldes, vor dem Einschlafen unter dem Auge Gottes nur den Sternen des Himmels gute Nacht sagend. Wer wird es bestreiten: manchmal ist dieser »Dienst beim General Kuckuck« schwer, hungrig und erschöpfend. Manchmal bekommt man tagelang kein Stück Brot zu sehen; man muß sich vor allen in acht nehmen und verstecken, man muß auch stehlen und rauben, zuweilen auch morden. »Ein Ansiedler ist wie ein kleines Kind: was er auch sieht, muß er sofort haben,« sagt man in Sibirien von den Ansiedlern. Dieses Sprichwort kann in seinem ganzen Umfange und sogar in noch höherem Grade auf die Landstreicher angewandt werden. Der Landstreicher ist nur in seltenen Fällen kein Räuber und fast immer ein Dieb, natürlich mehr aus Not als aus Beruf. Es gibt eingefleischte Landstreicher. Manche werden es sogar nach Absolvierung der Zwangsarbeit, nachdem sie aus dem Zuchthause entlassen worden und Ansiedler geworden sind. Man sollte doch meinen, der Mensch könne als Ansiedler froh sein und sich versorgt fühlen. Aber nein! Etwas lockt ihn immer irgendwohin. Das Leben in den Wäldern, dieses dürftige, schreckliche, aber freie und an Abenteuern reiche Leben hat etwas Verführerisches und übt einen geheimnisvollen Zauber auf alle aus, die es schon einmal gekostet haben. So flieht manchmal ein bescheidener, zuverlässiger Mensch, der ein guter, seßhafter Ansiedler und ein tüchtiger Landwirt zu werden versprach, und wird Landstreicher. Mancher hat sogar geheiratet und Kinder gezeugt, hat schon fünf Jahre an einem Platze gelebt und ist plötzlich an einem schönen Morgen verschwunden, zum Erstaunen seiner Frau und seiner Kinder und der ganzen Landgemeinde, der er zugeteilt ist. Man zeigte mir bei uns im Zuchthause einmal so einen eingefleischten Ausreißer. Er hatte keinerlei besondere Verbrechen begangen, man hatte jedenfalls nichts davon gehört, floh aber immerzu und verbrachte sein ganzes Leben auf der Flucht. Er war schon an der Südrussischen Grenze jenseits der Donau gewesen, in der Kirgisischen Steppe, in Ostsibirien, im Kaukasus, überall. Wer weiß, vielleicht wäre aus ihm unter anderen Umständen bei seiner leidenschaftlichen Wanderlust ein zweiter Robinson Crusoe geworden. Dies alles habe ich übrigens von anderen gehört, er selbst sprach im Zuchthause sehr wenig und nur das Allernotwendigste. Er war ein kleines Männchen, schon an die fünfzig Jahre alt, außerordentlich friedlich mit einem ungewöhnlich ruhigen, sogar stumpfen Gesichtsausdruck, dessen Ruhe schon an Idiotie grenzte. Im Sommer saß er gern in der Sonne und summte dabei irgendein Liedchen vor sich hin, doch so leise, daß man es fünf Schritte weit nicht mehr hörte. Seine Gesichtszüge waren irgendwie starr; er aß wenig, hauptsächlich Brot; noch niemals hatte er sich eine Semmel oder ein Gläschen Branntwein gekauft, er besaß wohl auch kaum jemals Geld, ich bezweifele sogar, ob er zu zählen verstand. Er nahm alles vollkommen gleichgültig hin. Die Zuchthaushunde fütterte er manchmal aus eigener Hand, was bei uns sonst niemand tat. Wie auch der Russe überhaupt nicht gern Hunde füttert. Man erzählte sich, er sei verheiratet gewesen, sogar zweimal, und habe irgendwo Kinder . . . Aus welchem Grunde er ins Zuchthaus geraten war, ist mir gänzlich unbekannt. Wir alle erwarteten, daß er aus dem Hospital durchbrennen würde, aber entweder war seine Zeit noch nicht gekommen, oder er war schon zu alt dazu geworden; er lebte friedlich dahin und nahm die ganze seltsame Umgebung beschaulich auf. Garantieren konnte man für ihn übrigens nicht, obwohl man meinen sollte, daß er keinen Grund zum Durchbrennen hätte und auch keinen Vorteil davon haben würde. Im großen Ganzen ist aber das Landstreicherleben im Walde ein Paradies im Vergleich zum Zuchthausleben. Das ist ja sehr begreiflich, und ein Vergleich ist überhaupt nicht möglich. Das Landstreicherleben ist zwar schwer, aber frei. Darum überkommt jeden Arrestanten in Rußland, wo er auch sitzen mag, im Frühjahr, zugleich mit den ersten freundlichen Strahlen der Frühlingssonne eine eigentümliche Unruhe. Obwohl bei weitem nicht jeder Fluchtabsichten hat: man darf positiv behaupten, daß dazu sich infolge der großen Schauerigkeiten und des Risikos nur einer von hundert Arrestanten entschließt; dafür geben sich aber die übrigen neunundneunzig wenigstens Träumen darüber hin, wie und wohin sie fliehen könnten, und verschafften sich durch den bloßen Wunsch, durch die bloße Vorstellung der Flucht einen gewissen Trost. Mancher erinnert sich dabei, wie er früher einmal geflohen ist . . . Ich spreche jetzt nur von den endgültig Verurteilten. Natürlich entschließen sich aber zur Flucht viel häufiger solche, die sich im Anklagezustand befinden. Die für eine bestimmte Frist Verurteilten fliehen höchstens nur ganz am Anfang ihres Zuchthauslebens. Nachdem ein Arrestant zwei oder drei Jahre Zuchthaus absolviert hat, fängt er an, diese Jahre zu schätzen, und entschließt sich allmählich, lieber die ihm zudiktierte Zeit der Zwangsarbeit auf eine gesetzliche Weise zu absolvieren und dann Ansiedler zu werden, als ein so böses Ende im Falle eines Mißerfolges zu riskieren. Ein Mißerfolg ist aber so sehr möglich. Höchstens einem von zehn gelingt es, »sein Los zu verändern«. Von den Verurteilten entschließen sich zur Flucht am häufigsten solche, die eine lange Strafzeit vor sich haben. Fünfzehn oder zwanzig Jahre erscheinen als eine Unendlichkeit, und ein zu dieser Frist Verurteilter ist immer geneigt, an die Veränderung seines Loses zu denken, selbst wenn er schon zehn Jahre im Zuchthause verbracht hat. Schließlich bilden auch die Brandmale ein gewisses Hindernis für die Flucht. »Sein Los verändern« ist ein technischer Ausdruck. So antwortet auch ein Arrestant bei gerichtlicher Vernehmung, wenn er bei einem Fluchtversuch erwischt worden ist, daß er »sein Los habe verändern wollen«. Dieser etwas literarisch klingende Ausdruck ist für die Sache im buchstäblichen Sinne bezeichnend. Jeder Ausreißer hat weniger die Absicht, vollkommene Freiheit zu erlangen, – er weiß, daß dies fast unmöglich ist, – sondern entweder das Zuchthaus zu wechseln oder Ansiedler zu werden oder unter einer neuen Anklage wegen eines Verbrechens, das er bereits als Landstreicher begangen hat, vors Gericht zu kommen, mit einem Worte, an einen beliebigen Ort zu geraten, nur nicht in das alte, verhaßte Zuchthaus. Alle diese Ausreißer, wenn sie im Laufe des Sommers keinen zufälligen, ungewöhnlichen Ort gefunden haben, wo sie überwintern könnten, wenn sie z. B. nicht auf einen Hehler von Flüchtlingen gestoßen sind, der daraus ein Geschäft macht; oder wenn sie sich nicht durch einen Mord einen Paß verschafft haben, mit dem sie überall leben können, – so kommen sie alle im Herbst, wenn man sie nicht schon vorher eingefangen hat, haufenweise in die Städte, um als Landstreicher in den Zuchthäusern zu überwintern, natürlich nicht ohne Hoffnung, im Sommer wieder zu fliehen.

Auch ich empfand den Einfluß des Frühlings. Ich erinnere mich noch, mit welcher Gier ich zuweilen durch die Spalten in den Palisaden hinausspähte und lange, mit dem Kopf an unsern Zaun gelehnt, dastand, unverwandt und unersättlich hinausblickend, wie auf unserem Festungswalle das Gras sproßte und wie der ferne Himmel immer blauer wurde. Meine Unruhe und meine Sehnsucht wuchsen von Tag zu Tag an, und das Zuchthaus wurde mir immer verhaßter. Der Haß, den ich als Adliger im Laufe der ersten Jahre seitens der anderen Arrestanten zu spüren bekam, wurde mir unerträglich und vergiftete mein ganzes Leben. In diesen ersten Jahren begab ich mich oft, ohne krank zu sein, ins Hospital, nur um nicht im Zuchthause zu bleiben und mich von diesem allgemeinen hartnäckigen, durch nichts zu besänftigenden Haß zu befreien. »Ihr seid eiserne Schnäbel, ihr habt uns totgepickt!« sagten uns die Arrestanten. Wie beneidete ich da oft die einfachen Leute, die ins Zuchthaus kamen! Diese wurden sofort Kameraden der übrigen. Darum rief auch der Frühling, das Gespenst der Freiheit, der allgemeine Jubel in der Natur auch in mir eine traurige Stimmung und Gereiztheit hervor. Gegen Ende der großen Fasten, ich glaube in der sechsten Woche, hatte ich mich durch Beichte und Kirchenbesuch auf den Empfang des Abendmahles vorzubereiten. Unser ganzes Zuchthaus war schon in der ersten Fastenwoche vom ältesten Unteroffizier in sieben Gruppen, der Zahl der Fastenwochen entsprechend, eingeteilt worden. In jeder Gruppe waren an die dreißig Mann. Diese Woche des täglichen Kirchenbesuches gefiel mir sehr gut. Die sich auf das Abendmahl Vorbereitenden waren von aller Arbeit befreit. Wir gingen zwei- und dreimal täglich in die Kirche, die sich nicht weit vom Zuchthause befand. Ich war lange nicht mehr in der Kirche gewesen. Der Fastengottesdienst, der mir aus meiner fernen Kindheit im Elternhause so gut vertraut war, die feierlichen Gebete, die tiefen Verbeugungen, – dies alles weckte in meiner Seele längst Vergangenes und rief mir die Eindrücke meiner Kinderjahre in Erinnerung, und ich besinne mich noch, wie angenehm es war, wenn wir morgens über den im Laufe der Nacht leicht gefrorenen Erdboden, unter Bewachung von Soldaten mit geladenen Gewehren ins Gotteshaus geführt wurden. Die Wachen betraten die Kirche übrigens nicht. In der Kirche stellten wir uns in einem dichten Haufen am Eingang auf dem allerletzten Platze auf, so daß wir höchstens die laute Stimme des Diakons hören und ab und zu durch die Volksmenge den schwarzen Ornat und die Glatze des Geistlichen sehen konnten. Ich erinnerte mich, wie ich als Kind in der Kirche zuweilen das einfache Volk betrachtete, das sich an der Tür drängte und jedem Träger von dicken Epauletten, jedem dicken Herrn und jeder reichgeputzten, aber außerordentlich frommen Dame, die unbedingt zu den vordersten Plätzen gingen und bereit waren, sich um diese ersten Plätze zu streiten, den Weg freigab. Ich hatte damals den Eindruck, daß dort am Eingange anders gebetet wurde als bei uns; demütig, andächtig, mit tiefen Verbeugungen und mit vollem Bewußtsein der eigenen Erniedrigung.

Nun mußte auch ich auf denselben Plätzen stehen, sogar auf einer tieferen Stufe: wir waren ja in Fesseln geschlagen und gebrandmarkt; alle wichen vor uns aus, man schien uns sogar zu fürchten; man gab uns jedesmal Almosen, und ich erinnere mich, wie angenehm es mir war und was für ein eigentümliches, raffiniertes Gefühl darin lag. »Wenn schon, denn schon!« dachte ich mir. Die Arrestanten beteten mit großer Andacht, und jeder von ihnen brachte jedesmal seine armselige Kopeke für die Kerzen oder für den Opferstock mit. »Auch ich bin ein Mensch,« dachte und fühlte er vielleicht, indem er sein Scherflein gab, »vor Gott sind wir ja alle gleich . . .« Wir empfingen das Abendmahl bei der Frühmesse. Als der Geistliche mit dem Kelch in der Hand die Worte sprach: ». . . aber nimm mich wie einen Schacher an,« – da fielen wir fast alle, mit den Fesseln klirrend, zu Boden, als bezöge jeder diese Worte auf sich selbst.

Nun kam auch schon die Osterwoche. Von der Behörde erhielten wir je ein Ei und je eine Scheibe feines Weizenbrot. Aus der Stadt wurde das Zuchthaus wieder mit Gaben überschüttet. Wieder kam der Geistliche mit dem Kreuz, wieder erschienen die Vorgesetzten, wir bekamen wieder fette Kohlsuppe, es gab wieder Sauferei und müßiges Umherschlendern, genau wie zu Weihnachten, bloß mit dem Unterschiede, daß man jetzt schon auf dem Zuchthaushofe herumspazieren und sich in der Sonne wärmen konnte. Es war irgendwie heller und nicht so eng wie im Winter, zugleich aber auch trauriger. So ein langer, nicht endenwollender Feiertag war besonders unerträglich. An Wochentagen wurde die Zeit wenigstens durch die Arbeit verkürzt.

Die Sommerarbeiten erwiesen sich wirklich als viel schwerer als die Winterarbeiten. Wir wurden vorwiegend mit Bauarbeiten beschäftigt. Die Arrestanten bauten, gruben die Erde und mauerten; andere machten die Schlosser-, Tischler- oder Malerarbeiten bei den Reparaturen der staatlichen Gebäude. Andere wieder gingen nach der Ziegelei, um Ziegel zu streichen. Diese letztere Arbeit galt bei uns als besonders schwer. Die Ziegelei lag drei oder vier Werst von der Festung entfernt. Im Laufe des ganzen Sommers wurde jeden Morgen gegen sechs Uhr eine ganze Partie von etwa fünfzig Arrestanten hingeschickt, um Ziegel zu streichen. Zu dieser Arbeit wurden die ungelernten Arbeiter ausgesucht, d. h. solche, die kein bestimmtes Handwerk ausübten. Sie nahmen Brot mit, da es infolge der weiten Entfernung unvorteilhaft war, zum Mittagessen ins Zuchthaus zurückzukehren und so unnötigerweise noch etwa acht Werst zurückzulegen, und aßen erst am Abend, nach der Rückkehr ins Zuchthaus. Das Pensum wurde für den ganzen Tag aufgegeben und war so groß, daß ein Arrestant nur bei ununterbrochener Arbeit es an einem Tage bewältigen konnte. Er mußte erst den Lehm graben und herbeischaffen, selbst das Wasser bringen, selbst den Lehm in der Grube stampfen und schließlich daraus eine große Menge von Ziegelsteinen herstellen, ich glaube an die zweihundert oder sogar zweiundeinhalbhundert. Ich bin nur zweimal auf der Ziegelei gewesen. Die Ziegelarbeiter kehrten erst am Abend müde und erschöpft heim und hielten es den ganzen Sommer allen anderen vor, daß sie die schwerste Arbeit machten. Dies schien ihnen ein Trost zu sein. Trotzdem gingen manche sogar mit einer gewissen Lust hin: erstens befand sich die Arbeitsstätte hinter der Stadt, an einem freien, offenen Platz, am Ufer des Irtysch. Man sah erfreulichere Bilder vor sich, etwas anderes als das ewige Festungseinerlei! Man durfte auch frei rauchen und sogar eine halbe Stunde mit großem Genusse liegen. Ich aber ging nach wie vor in die Werkstätte oder zum Alabasterbrennen, oder wurde schließlich als Ziegelträger bei den Bauarbeiten verwendet. Bei der letzteren Arbeit hatte ich einmal Ziegel vom Irtyschufer zu einer im Bau befindlichen Kaserne, etwa siebzig Klafter weit, über den Festungswall zu schleppen, und diese Arbeit dauerte an die zwei Monate hintereinander. Mir gefiel sie sogar gut, obwohl ich mir ständig mit dem Strick, an dem ich die Ziegel schleppte, die Schultern wundrieb. Mir gefiel daran, daß diese Arbeit meine Kräfte fühlbar steigerte. Anfangs konnte ich nur je acht Ziegel im Gewichte von je zwölf Pfund tragen. Dann gelangte ich aber auf zwölf und fünfzehn Ziegel, und das machte mir große Freude. Die physische Kraft ist im Zuchthause nicht weniger nötig als die moralische, um alle die materiellen Beschwerden dieses verfluchten Lebens tragen zu können.

Ich aber wollte auch nach der Entlassung aus dem Zuchthause noch leben . . .

Ich schleppte die Ziegel so gern übrigens nicht nur aus dem Grunde, weil diese Arbeit meinen Körper stärkte, sondern auch, weil sie am Ufer des Irtysch vor sich ging. Ich spreche so oft von diesem Ufer, weil es die einzige Stelle war, von der aus ich die Welt Gottes sehen konnte, die reine, klare Ferne und die freien, unbewohnten Steppen, deren Öde auf mich einen seltsamen Eindruck machte. Nur auf diesem Ufer hatte man die Möglichkeit, der Festung den Rücken zu kehren und sie nicht zu sehen. Alle unsere übrigen Arbeitsstätten befanden sich in der Festung oder neben ihr. Gleich in den ersten Tagen haßte ich diese Festung und besonders gewisse Gebäude. Das Haus unseres Platzmajors erschien mir als ein verfluchter, abscheulicher Ort, und ich sah es voller Haß an, sooft ich vorüberging. Am Ufer konnte man aber Vergessenheit finden: man blickte in diese grenzenlose, öde Weite hinaus, wie ein Gefangener aus dem Kerkerfenster in die Freiheit. Alles war mir dort lieb und wert: die helle, heiße Sonne im abgrundtiefen, blauen Himmel und das ferne Lied eines Kirgisen, das vom kirgisischen Ufer herüberklang. Wenn man lange hinsah, entdeckte man ein armseliges, verräuchertes Zelt eines Nomaden; man unterschied neben dem Zelte ein Rauchwölkchen und ein Kirgisenweib, das sich dort irgendwie bei ihren zwei Hammeln zu schaffen machte. Dies alles war armselig und wild, aber frei. Man unterschied in der durchsichtigen blauen Luft irgendeinen Vogel und verfolgte lange und hartnäckig seinen Flug: da blitzt er über dem Wasser auf, da verschwindet er in der Bläue und da erscheint er wieder als ein kaum sichtbarer Punkt . . . Selbst die armselige, kümmerliche Blume, die ich einmal im Vorfrühling in einer Spalte des steinigen Ufers fand, fesselte irgendwie krankhaft meine Aufmerksamkeit. Die traurige Stimmung dieses ersten Jahres meines Zuchthauslebens war unerträglich und wirkte auf mich aufreizend und erbitternd. In diesem ersten Jahre hatte ich infolge dieser Stimmung vieles von dem, was mich umgab, gar nicht bemerkt. Ich hielt die Augen geschlossen und wollte gar nicht hinschauen. Unter den bösen, verhaßten Zuchthausgenossen übersah ich die guten Menschen, die, trotz der abscheulichen Rinde, die sie von außen bedeckte, die Fähigkeit hatten, zu denken und zu fühlen. Unter den verletzenden Worten überhörte ich manches freundliche und liebevolle Wort, das um so wertvoller war, als es ohne jede besondere Absicht gesprochen wurde und aus dem Herzen kam, das vielleicht noch mehr als das meine gelitten und getragen hatte. Aber warum soll ich mich darüber verbreiten? Ich war sehr froh, wenn ich ordentlich müde wurde: wenn ich heimkomme, werde ich vielleicht einschlafen können!! Denn das Schlafen war bei uns im Sommer eine Qual, fast noch schlimmer als im Winter. Die Abende waren allerdings manchmal sehr schön. Die Sonne, die den ganzen Tag über nicht vom Zuchthaushofe gewichen war, ging endlich unter. Es kam die Abendkühle, und dieser folgte die fast kalte (verhältnismäßig kalte) Steppennacht. Die Arrestanten trieben sich in Erwartung, daß man sie einsperre, haufenweise auf dem Hofe herum. Die Hauptmasse drängte sich allerdings vorzugsweise in der Küche. Dort stand immer irgendeine brennende Zuchthausfrage zur Diskussion, man sprach von diesem und jenem und erörterte irgendein Gerücht, das oft unsinnig war, aber bei diesen von der Welt abgeschlossenen Menschen ein ungewöhnliches Interesse erweckte; z. B. daß die Nachricht eingetroffen sei, unser Platzmajor werde abgesetzt. Die Arrestanten sind leichtgläubig wie die Kinder; sie wissen selbst, daß die Nachricht absurd ist, daß sie von einem bekannten Schwätzer und »unsinnigen« Menschen, dem Arrestanten Kwassow gebracht worden ist, dem nicht zu glauben man schon längst beschlossen hatte und dessen jedes Wort Lüge war; trotzdem klammerten sich alle an diese Nachricht, erörterten und besprachen sie, fanden ihren Trost darin und ärgerten sich schließlich über sich selbst, daß sie dem Kwassow geglaubt hatten.

»Wer wird ihn denn absetzen!« schreit einer. »Er hat einen dicken Hals und läßt sich nicht so leicht unterkriegen!«

»Er hat doch auch seine Vorgesetzten über sich,« entgegnet ein anderer, ein temperamentvoller und gar nicht dummer Bursche, der schon manches erlebt hat, aber so streitsüchtig ist, wie niemand anderes auf der Welt.

»Ein Rabe hackt dem andern Raben nie die Augen aus!« versetzt mürrisch und wie vor sich hin ein Dritter, ein grauhaariger Mann, der in der Ecke einsam seine Kohlsuppe zu Ende ißt.

»Die Vorgesetzten werden wohl dich fragen, ob sie ihn absetzen sollen oder nicht?« fügt gleichgültig ein Vierter hinzu, leise auf seiner Balalaika klimpernd.

»Warum auch nicht mich?« entgegnete der Zweite voller Wut. »Wenn man uns alle befragt, müssen wir alle gegen ihn aussagen. Sonst aber schreien wir nur, und wenn es zur Sache kommt, tritt jeder zurück!«

»Wie stellst du es dir denn vor?« spricht der Balalaikaspieler. »Dafür ist es auch ein Zuchthaus.«

»Neulich,« fährt, ohne auf die andern zu hören, erregt der Streithammel fort, »war uns etwas Mehl übriggeblieben. Wir kratzten die letzten Reste zusammen und schickten sie zum Verkauf. Er aber erfuhr es: der Lagerverwalter hatte es angezeigt; man nahm uns das Mehl weg: es muß halt gespart werden. Ist das gerecht oder nicht?«

»Bei wem willst du dich denn beschweren?«

»Bei wem? Bei dem Revisor, der gefahren kommt.«

»Bei welchem Revisor?«

»Es stimmt, Brüder, daß ein Revisor herkommt,« sagt der junge, aufgeweckte, des Lesens und Schreibens kundige Bursche, der ehemalige Schreiber, der die »Herzogin Lavallière« oder etwas Ähnliches gelesen hat. Er ist immer lustig und zu Späßen aufgelegt, genießt aber wegen einer gewissen Sachkenntnis und Geriebenheit Achtung. Ohne der allgemeinen Neugier wegen des in Aussicht stehenden Revisors Beachtung zu schenken, geht er direkt zur »Köchin«, d. h. zum Koch, und verlangt von ihm ein Stück Leber. Unsere Köchinnen trieben oft mit solchen Dingen Handel. Sie kauften beispielsweise für eigenes Geld ein großes Stück Leber, brieten es und verkauften es im Ausschnitt an die Arrestanten.

»Für eine halbe oder eine ganze Kopeke?« fragt die Köchin.

»Schneide mir für eine ganze Kopeke herunter: sollen mich die Leute beneiden,« antwortet der Arrestant. »Es kommt so ein General aus Petersburg gefahren, Brüder, er wird ganz Sibirien revidieren. Das stimmt. Ich habe es von den Leuten des Kommandanten gehört.«

Die Nachricht bringt eine ungewöhnliche Aufregung hervor. Etwa eine Viertelstunde lang wird gefragt: wer ist der General, in welchem Range, und ob er höher steht als die hiesigen Generale? Die Arrestanten reden furchtbar gern von den verschiedenen Rangstufen, Vorgesetzten; wer im Range höher stehe, wer wen unterkriegen könne und wer sich selbst unterkriegen lasse; sie zanken sich und prügeln sich fast sogar wegen der Generale. Man sollte meinen: was haben sie davon? Aber die genaue Kenntnis der Generale und der Obrigkeit überhaupt dient als Kriterium für den Grad des Wissens, der Erfahrenheit und der früheren Bedeutung des Menschen in der Gesellschaft vor seinem Eintritt ins Zuchthaus. Überhaupt gilt ein Gespräch über die höchste Obrigkeit als das vornehmste und wichtigste von allen Zuchthausgesprächen.

»Es sieht wirklich so aus, Brüder, daß jemand gefahren kommt, um den Major abzusetzen,« bemerkt Kwassow, ein kleines, hitziges und äußerst unsolides Männchen mit rotem Gesicht. Er hat ja auch die erste Nachricht von der Absetzung des Majors gebracht.

»Er wird ihn schon bestechen!« entgegnet kurz der düstere, grauhaarige Arrestant, der inzwischen mit seiner Kohlsuppe fertig geworden ist.

»Er wird ihn wirklich bestechen,« sagt ein anderer. »Hat er denn wenig Geld zusammengestohlen? Bevor er zu uns kam, war er Bataillonskommandeur. Neulich hat er die Tochter des Protopopen heiraten wollen.«

»Hat sie aber doch nicht geheiratet. Man hat ihm die Türe gewiesen: ist zu arm. Was ist er auch für ein Freier! Sein ganzer Besitz ist, was er am Leibe trägt. In der Osterwoche hat er alles im Kartenspiel verloren. Fedjka hat es mir erzählt.«

»Ja, ist kein Verschwender, aber das Geld bleibt bei ihm halt nicht!«

»Ach, Bruder, ich bin ja auch verheiratet gewesen. Heiraten ist nichts für einen armen Menschen: kaum hast du geheiratet, ist die Freude schon aus!« bemerkt Skuratow, der sich nun auch ins Gespräch einmischt.

»Gewiß: man redet doch nur von dir,« sagt der freche ehemalige Schreiber. »Du bist einfach dumm, Kwassow, das muß ich dir sagen. Glaubst du wirklich, daß der Major einen solchen General bestechen kann, und daß so ein General absichtlich aus Petersburg gefahren kommt, um den Major zu revidieren? Bist ein dummer Kerl, das sage ich dir.«

»Warum denn nicht? Nimmt ein General etwa nicht?« ruft jemand skeptisch aus der Menge.

»Natürlich nimmt er nicht, und wenn er schon was nimmt, dann viel.«

»Versteht sich, viel: seinem Range entsprechend.«

»Hast mal selbst einem etwas gegeben?« sagt mit Verachtung der plötzlich eintretende Bakluschin. »Hast du überhaupt je einen General gesehen?«

»Gewiß habe ich einen gesehen!«

»Du lügst.«

»Nein, du lügst.«

»Kinder, wenn er mal einen gesehen hat, so soll er gleich allen sagen, was für einen General er kennt. Na, sag's, denn ich kenne alle Generäle.«

»Ich habe den General Siebert gesehen,« antwortete Kwassow etwas unsicher.

»Siebert? Einen solchen General gibt's ja gar nicht. Er hat wohl nur deinen Rücken gesehen, dieser Siebert, und damals war er nur Oberstleutnant, dir kam es aber vor Angst vor, er sei ein General.«

»Nein, hört mal auf mich,« schreit Skuratow, »denn ich bin ein verheirateter Mensch. Einen solchen General hat es wirklich in Moskau gegeben, Siebert hat er geheißen, war deutscher Abstammung, aber Russe. Jedes Jahr beichtete er in den Fasten vor Mariä Himmelfahrt beim russischen Popen und trank immer Wasser, Brüder, wie ein Enterich. Jeden Tag trank er vierzig Glas Moskwawasser. Man sagte, daß er sich mit diesem Wasser von irgendeiner Krankheit kurierte; ich habe es von seinem Kammerdiener selbst gehört.«

»In seinem Bauche haben sich wohl von diesem Wasser Karauschen angesiedelt,« bemerkt der Arrestant mit der Balalaika.

»Na, genug! Hier ist die Rede von so wichtigen Dingen, und ihr . . . Was ist es nun für ein Revisor, Brüder?« fragt besorgt der ewig unruhige Arrestant Martynow, ein alter ehemaliger Husar.

»Was die Leute nicht alles zusammenlügen!« bemerkt einer der Skeptiker. »Wo nehmen sie es bloß her? Ist ja lauter Unsinn!«

»Nein, es ist kein Unsinn,« erwidert dogmatisch Kulikow, der bisher stolz geschwiegen hat. Er ist ein Mann von ziemlichem Gewicht, etwa fünfzig Jahre alt, mit einem außerordentlich wohlgestalteten Gesicht und herablassend hochmütigen Manieren. Er weiß es und ist stolz darauf. Er ist ein halber Zigeuner, übt das Handwerk eines Roßarztes aus, verdient sich in der Stadt Geld durch Kurieren von Pferden und treibt bei uns im Zuchthause Branntweinhandel. Ist ein kluger Kerl und hat manches erlebt. Er geizt mit den Worten, als ob jedes seiner Worte einen Rubel wert wäre.

»Er hat recht, Brüder,« fährt er ruhig fort, »ich hab es schon in der vorigen Woche gehört; ein General kommt gefahren, einer von den höchsten, wird ganz Sibirien revidieren. Natürlich werden sie auch ihn bestechen, aber unser Achtäugiger nicht: der wird es nicht mal wagen, an ihn heranzutreten. Ein General ist nicht wie der andere, Brüder. Es gibt verschiedene Generale. Aber eines sage ich euch: unser Major bleibt in jedem Falle auf seinem jetzigen Posten. Das stimmt. Wir sind doch ein Volk ohne Zunge, und von den Vorgesetzten wird doch niemand einen der ihrigen angeben. Der Revisor wird ins Zuchthaus hineinschauen, dann wieder abreisen und melden, er habe alles in bester Ordnung gefunden . . .«

»Darum hat ja der Major solche Angst bekommen: ist vom frühen Morgen an betrunken.«

»Am Abend kommt dann seine zweite Ladung. Fedjka hat es erzählt.«

»Einen schwarzen Hund kann man nicht weiß waschen. Ist er denn zum ersten Mal betrunken?«

»Nein, das gibt's doch nicht, daß auch der General nichts ausrichten kann! Es ist genug, zu allen ihren Streichen zu schweigen!« sprechen die Arrestanten gekränkt untereinander.

Die Nachricht von dem Revisor verbreitete sich im Nu durch das ganze Zuchthaus. Auf dem Hofe treiben sich die Leute umher und teilen einander erregt die Nachricht mit. Andere schweigen absichtlich und bewahren ihre Kaltblütigkeit, um sich auf diese Weise mehr Würde zu verleihen. Andere wieder bleiben gleichgültig. Auf den Stufen vor den Kasernen setzen sich die Arrestanten mit den Balalaikas. Manche schwatzen noch weiter. Andere stimmen Lieder an, aber im ganzen befinden sich alle an diesem Abend in einer außergewöhnlichen Aufregung.

Um die zehnte Stunde pflegte man uns alle zu zählen, in die Kasernen zu treiben und für die Nacht einzusperren. Die Nächte waren kurz; man weckte uns gegen fünf Uhr früh, wir schliefen aber niemals vor elf ein. Bis zu dieser Stunde gab es noch immer ein Getue und Gerede; manchmal taten sich auch, wie im Winter, Maidans auf. In der Nacht war es unerträglich heiß und schwül. Durch das offene Fenster drang zwar die nächtliche Kühle ein, aber die Arrestanten wälzten sich die ganze Nacht auf ihren Pritschen wie im Fieber. Die Flöhe wimmelten myriadenweise herum. Wir hatten sie auch im Winter in genügender Anzahl, aber vom Frühjahr an vermehrten sie sich in solchen Mengen, von denen ich zwar früher schon gehört hatte, an die ich aber nicht glauben wollte, ehe ich es nicht am eigenen Leibe erfahren. Je weiter wir in den Sommer kamen, um so wütender wurden sie. An die Flöhe kann man sich allerdings gewöhnen, ich habe es selbst erfahren, aber man hat von ihnen doch schwer zu leiden. Manchmal plagen sie einen so entsetzlich, daß man wie im Fieber daliegt und selbst fühlt, daß man nicht schläft, sondern nur phantasiert. Wenn endlich kurz vor Tagesanbruch auch die Flöhe zur Ruhe kommen und gleichsam erstarren und man in der Morgenkühle wirklich süß einschläft, ertönt plötzlich vor dem Zuchthaustore der erbarmungslose Trommelwirbel: es ist der Morgenzapfenstreich. Man hört, fluchend in seinen Halbpelz gehüllt, die lauten, scharfen Töne, und zählt sie gleichsam, während einem durch den Schlaf hindurch der unerträgliche Gedanke in den Kopf dringt, daß es auch morgen so sein werde, auch übermorgen, mehrere Jahre hintereinander, bis zur Befreiung. Wann kommt denn diese Befreiung, fragt man sich, und wo ist sie? Indessen muß man aber aufstehen; es beginnt das alltägliche Laufen und Drängen . . . Die Leute ziehen sich an und eilen zur Arbeit. Allerdings konnte man noch eine Stunde gegen Nachmittag schlafen.

Die Nachricht über den Revisor erwies sich als wahr. Die Gerüchte klangen von Tag zu Tag bestimmter, und schließlich wußten alle schon ganz sicher, daß ein hochstehender General unterwegs sei, um ganz Sibirien zu revidieren; daß er schon eingetroffen sei und sich in Tobolsk befinde. Jeden Tag kamen neue Gerüchte ins Zuchthaus. Man hörte auch aus der Stadt, daß dort alle in großer Angst seien, sehr geschäftig täten und sich von der besten Seite zeigen wollten. Man erzählte sich, daß die höchsten Vorgesetzten Empfänge, Bälle und Festlichkeiten vorbereiteten. Man schickte die Arrestanten in ganzen Trupps, um die Straßen in der Festung zu ebnen, Erdbuckel zu entfernen, die Zäune und Pfähle anzustreichen, die Gebäude nachzutünchen und zu reparieren; mit einem Worte, man wollte in einem Nu alles ausbessern, was von der besten Seite gezeigt werden sollte. Unsere Arrestanten verstanden den Sachverhalt sehr gut und sprachen immer eifriger und erregter miteinander. Ihre Phantasie verstieg sich zu kolossalen Vorstellungen. Man beabsichtigte sogar, »eine Beschwerde vorzubringen«, wenn der General fragen würde, ob man zufrieden sei. Indessen aber stritt und zankte man sich untereinander. Der Platzmajor war in großer Aufregung. Er kam häufiger als sonst ins Zuchthaus, schrie häufiger, stürzte sich häufiger über die Leute, schickte sie häufiger auf die Hauptwache und sah mit großem Eifer auf Reinlichkeit und Ordnung. Um diese Zeit passierte im Zuchthaus wie gerufen eine kleine Geschichte, die den Major, entgegen allen Erwartungen, gar nicht aufregte, sondern ihm im Gegenteil Freude machte. Ein Arrestant stach bei einem Handgemenge einen andern mit einer Ahle in die Brust, ganz nahe am Herzen.

Der Arrestant, der dieses Verbrechen begangen hatte, hieß Lomow: der Verletzte wurde bei uns Gawrilka genannt; er gehörte zu den eingefleischten Landstreichern. Ich kann mich nicht erinnern, ob er einen Zunamen besaß; bei uns hieß er einfach Gawrilka.

Lomow stammte von bemittelten Bauern des K–schen Kreises im T–schen Gouvernement ab. Alle Lomows hatten als eine Familie zusammengelebt: der alte Vater, drei Söhne und deren Onkel, Lomow. Sie waren reiche Bauern. Man erzählte sich im ganzen Gouvernement, daß sie ein Vermögen von fast dreihunderttausend Rubeln in Assignaten besäßen. Sie trieben Ackerbau, gerbten Häute, handelten, befaßten sich aber vorzugsweise mit Wucher, mit Verbergen von Landstreichern, mit Hehlen von gestohlenem Gut und ähnlichen Künsten. Die Bauern des halben Landkreises waren bei ihnen verschuldet und hingen von ihrer Gnade ab. Sie galten als kluge und schlaue Leute, wurden aber schließlich doch zu stolz, besonders nachdem eine sehr hochstehende Persönlichkeit der dortigen Gegend bei ihnen auf ihren Reisen abzusteigen anfing, den Alten persönlich kennenlernte und ihn wegen seines Verstandes und seiner Geschäftstüchtigkeit liebgewann. Sie bildeten sich plötzlich ein, daß niemand gegen sie etwas unternehmen könne, und riskierten immer mehr gesetzwidrige Unternehmungen. Alle murrten über sie; alle wünschten ihnen, sie mögen in die Erde versinken; aber sie taten immer stolzer. Vor den Isprawniks und niederen Beamten hatten sie überhaupt keinen Respekt mehr. Zuletzt brachen sie sich doch den Hals, aber nicht wegen eines wirklichen geheimen Verbrechens, sondern infolge einer Verleumdung. Sie besaßen etwa zehn Werst vom Dorfe entfernt ein großes Vorwerk. Dort lebten einmal im Herbst sechs kirgisische Arbeiter, die sie schon seit längerer Zeit gedungen hatten. In einer Nacht wurden diese Kirgisen sämtlich ermordet. Es begann eine Untersuchung. Sie dauerte lange. Bei dieser Gelegenheit kamen viele andere üble Dinge an den Tag. Die Lomows wurden angeklagt, ihre Arbeiter ermordet zu haben. Sie selbst erzählten es, und das ganze Zuchthaus wußte es; man hatte gegen sie den Verdacht, sie wären den Arbeitern den Lohn für längere Zeit schuldig geblieben; da sie aber trotz ihres großen Vermögens geizig und geldgierig gewesen seien, hätten sie die Kirgisen ermordet, um ihnen die Schuld nicht bezahlen zu müssen. Während der Untersuchung und der Gerichtsverhandlungen ging ihr ganzer Besitz zugrunde. Der Alte starb. Die Kinder wurden nach verschiedenen Orten verschickt. Einer der Söhne und sein Onkel kamen für zwölf Jahre in unser Zuchthaus. Nun waren sie aber am Tode der Kirgisen völlig unschuldig. Im gleichen Zuchthause tauchte später Gawrilka auf, ein bekannter Gauner und Landstreicher, ein lustiger und aufgeweckter Bursche, der diese ganze Sache begangen haben sollte. Ich habe übrigens nicht gehört, ob er es selbst eingestanden hatte, aber das ganze Zuchthaus war tief davon überzeugt, daß er die Kirgisen auf dem Gewissen hatte. Gawrilka hatte mit den Lomows schon als Landstreicher zu tun gehabt. Er war ins Zuchthaus für eine kurze Frist als Deserteur und Landstreicher gekommen. Die Kirgisen hatte er gemeinsam mit drei andern Landstreichern abgeschlachtet; sie hatten geglaubt, daß es auf dem Vorwerke viel zu stehlen und zu plündern geben würde.

Die Lomows waren bei uns unbeliebt, ich weiß nicht weshalb. Der eine von ihnen, der Neffe, war ein tüchtiger, gescheiter Bursch von verträglichem Charakter; aber sein Onkel, der nach Gawrilka mit der Ahle gestochen hatte, war ein unsolider und dummer Kerl. Er hatte sich schon vorher mit vielen gezankt und war mehr als einmal verprügelt worden. Gawrilka war bei allen wegen seines lustigen und verträglichen Charakters beliebt. Die Lomows wußten zwar, daß er der eigentliche Verbrecher war und daß sie wegen seines Verbrechens ins Zuchthaus gekommen waren, aber sie zankten sich mit ihm nicht; sie kamen übrigens auch nie mit ihm zusammen; auch er schenkte ihnen gar keine Aufmerksamkeit. Plötzlich verzankte er sich mit dem Onkel wegen einer abscheulichen Dirne. Gawrilka hatte mit ihrer Gunst geprahlt; der andere wurde eifersüchtig und stach an einem schönen Nachmittag nach ihm mit der Ahle.

Die Lomows hatten zwar während des Prozesses ihr ganzes Vermögen verloren, lebten aber im Zuchthause wie reiche Leute. Offenbar besaßen sie Geld. Sie hielten sich einen Samowar und tranken Tee. Unser Major wußte es und haßte die beiden Lomows bis zum äußersten. Er schikanierte sie ganz offensichtlich und hatte es überhaupt auf sie abgesehen. Die Lomows erklärten es mit dem Wunsche des Majors, sich von ihnen bestechen zu lassen. Aber sie gaben ihm nichts.

Hätte Lomow die Ahle etwas tiefer hineingestoßen, so hätte er Gawrilka natürlich getötet. Gawrilka kam aber mit einer unbedeutenden Kratzwunde davon. Man meldete es dem Major. Ich erinnere mich, wie er atemlos und sichtlich zufrieden gelaufen kam. Er behandelte Gawrilka ungewöhnlich freundlich, wie einen leiblichen Sohn.

»Nun, Freund, kannst du zu Fuß ins Hospital gehen oder nicht? Nein, man soll für ihn lieber einen Wagen anspannen lassen. Sofort einen Wagen anspannen!« schrie er hastig dem Unteroffizier zu.

»Ich spüre ja nichts, Euer Hochwohlgeboren. Er hat mich ja nur ein wenig gekratzt, Euer Hochwohlgeboren.«

»Du weißt es nicht, du weißt es nicht, mein Lieber; nun wirst du es sehen . . . Es ist ja eine gefährliche Stelle; alles hängt von der Stelle ab; dicht am Herzen hat er dich getroffen, der Räuber! Aber dir werde ich es schon zeigen!« brüllte er, sich an Lomow wendend: »Auf die Hauptwache!«

Und er zeigte es ihm wirklich. Lomow kam vors Gericht, und obwohl die Wunde sich als eine leichte Stichwunde herausstellte, war die Absicht dennoch erwiesen. Der Verbrecher bekam eine Verlängerung der Strafzeit und tausend Spießruten. Der Major war vollkommen zufrieden.

Endlich kam auch der Revisor.

Gleich am nächsten Tage nach seiner Ankunft kam er zu uns ins Zuchthaus. Es war ein Feiertag. Schon einige Tage vorher war bei uns alles gewaschen, geputzt und gereinigt worden. Alle Arrestanten waren frisch rasiert. Alle hatten saubere weiße Anzüge an. Im Sommer trugen alle nach der Vorschrift weiße leinene Jacken und Hosen. Ein jeder hatte auf dem Rücken einen schwarzen Kreis von etwa zwei Werschok im Durchmesser aufgenäht. Man richtete die Arrestanten eine ganze Stunde ab, wie sie zu antworten hätten, falls die hochstehende Persönlichkeit sie begrüßen sollte. Es wurden Proben veranstaltet. Der Major lief wie verrückt umher. Eine Stunde vor Erscheinen des Generals stand jeder auf seinem Platz, unbeweglich wie eine Bildsäule, und hielt die Hände an der Hosennaht. Endlich, gegen ein Uhr nachmittags, erschien der General. Es war ein so wichtiger General, daß wohl alle Vorgesetztenherzen in ganz Westsibirien bei seinem Erscheinen erzitterten. Er trat mit strenger und majestätischer Miene ein. Ihm folgte eine große Suite aus Vertretern der lokalen Behörden: mehrere Generale und Obersten. Es war auch ein Zivilist dabei, ein schlanker, hübscher Herr in Frack und Schnallenschuhen, der gleichfalls aus Petersburg mitgekommen war und sich äußerst ungeniert und unabhängig benahm. Der General wandte sich oft an ihn, und zwar mit auffallender Höflichkeit. Dieser Umstand erregte bei den Arrestanten ungewöhnliches Interesse: bloß ein Zivilist, genießt aber solches Ansehen und dazu noch von einem solchen General! Später erfuhr man seinen Namen und wer er war, indessen wurde darüber furchtbar viel geredet. Unser Major, in seine Uniform gepreßt, mit orangegelbem Rockkragen, den blutunterlaufenen Augen und dem blauroten, von Finnen besäten Gesicht, schien auf den General keinen besonders angenehmen Eindruck gemacht zu haben. Aus besonderer Achtung gegen den hohen Gast trug er diesmal keine Brille. Er stand abseits, stramm, und sein ganzes Wesen drückte die fieberhafte Erwartung des Augenblicks aus, wo man ihn zu irgendetwas brauchen würde und er hinfliegen könnte, um den Wunsch seiner Exzellenz zu erfüllen. Aber man brauchte ihn zu nichts. Der General machte schweigend eine Runde durch die Kaserne, sah in die Küche hinein und kostete, wie ich glaube, von der Kohlsuppe. Man machte ihn auf mich aufmerksam: so und so, ich sei adliger Abstammung.

»Ah!« antwortete der General. »Und wie führt er sich jetzt auf?«

»Vorläufig befriedigend, Exzellenz,« antwortete man ihm.

Der General nickte mit dem Kopf und verließ nach zwei Minuten das Zuchthaus. Die Arrestanten waren natürlich geblendet und verblüfft, aber doch irgendwie unbefriedigt. Von irgendeiner Beschwerde gegen den Major war natürlich nicht die Rede. Der Major war davon natürlich auch schon im voraus überzeugt gewesen.

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