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Aufzeichnungen aus einem toten Hause

Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Aufzeichnungen aus einem toten Hause - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorFjodr Michailowitsch Dostojewski
titleAufzeichnungen aus einem toten Hause
publisherVolksverband der Bücherfreunde Wegweiser-Verlag, G.m.b.H.
printrun3. Auflage
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
projectiddfe4ee1a
created20061203
modified20170607
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IV

Akuljkas Mann

(Eine Erzählung)

Es war recht spät in der Nacht, wohl gegen zwölf. Ich war schon einmal eingeschlafen, wachte aber plötzlich auf. Der Krankensaal war von der trüben, kleinen Flamme eines fernen Nachtlichts kaum erleuchtet . . . Fast alle schliefen schon. Selbst Ustjanzew schlief, und ich konnte in der Stille hören, wie schwer er atmete und wie in seinem Halse bei jedem Atemzuge der Schleim schäumte. Im fernen Flur erklangen plötzlich die schweren Schritte der Nachtrunde. Ein Gewehrkolben schlug am Boden auf. Die Türe zu unserm Saal wurde aufgemacht: der Gefreite ging auf den Fußspitzen von Bett zu Bett und zählte die Kranken. Nach einer Minute wurde der Saal wieder geschlossen, ein neuer Wachtposten trat vor die Türe, die Ablösung entfernte sich, und alles war wieder still. Jetzt erst merkte ich, daß zwei Sträflinge links in meiner Nähe nicht schliefen und miteinander zu tuscheln schienen. Es kam in den Krankensälen nicht selten vor, daß zwei monatelang nebeneinander lagen, ohne auch nur ein Wort zu sagen und plötzlich in einer so herausfordernden Nachtstunde ins Gespräch kamen, in dem sie ihre ganze Vergangenheit auskramten.

Ihr Gespräch hatte offenbar schon seit langem begonnen. Der Anfang war mir unbekannt, und ich konnte auch jetzt nicht alles hören. Allmählich gewöhnte ich mich aber an den Tonfall und begann jedes Wort zu verstehen. Ich lag schlaflos da, – was sollte ich denn anders tun, als zuhören? . . . Der eine erzählte mit großem Eifer, auf seinem Bette halb liegend, den Kopf erhoben und den Hals in der Richtung nach seinem Freunde vorgestreckt. Er war offenbar erhitzt und erregt und hatte das Bedürfnis, zu erzählen. Der andere saß aber mürrisch und durchaus gleichgültig mit ausgestreckten Beinen auf seinem Bett, brummte ab und zu etwas als Antwort oder als Zeichen der Teilnahme, eher aber nur des Anstandes wegen und stopfte sich jeden Augenblick eine neue Portion Tabak in die Nase. Es war der Soldat der Strafkompagnie Tscherewin, ein Mann von etwa fünfzig Jahren, ein mürrischer Pedant, kalter Raisonneur und eingebildeter Narr. Der Erzähler Schischkow war ein noch junger Bursche von etwa dreißig Jahren, ein Zivilsträfling von den unsrigen und arbeitete in der Nähstube. Ich hatte ihm bisher wenig Beachtung geschenkt und spürte auch während meines ferneren Zuchthauslebens wenig Lust, mich mit ihm abzugeben. Er war ein hohler, etwas verdrehter Kerl. Manchmal schwieg er, hielt sich abseits von allen, war unfreundlich und sprach wochenlang kein Wort. Manchmal mischte er sich aber in irgendeine Geschichte ein, begann zu intrigieren, fuhr wegen irgendeines Unsinns aus der Haut, rannte aus der einen Kaserne in die andere, verbreitete allerlei Klatschgeschichten und tat furchtbar aufgeregt. Wenn man ihn verprügelte, wurde er wieder still. Er war ein feiger und charakterloser Mensch. Alle behandelten ihn mit einer gewissen Geringschätzung. Er war klein gewachsen, ziemlich hager und hatte unruhige Augen, die aber manchmal auch blöde und versonnen blickten. Wenn er etwas erzählen wollte, begann er immer mit großem Feuer und lebhaften Handbewegungen, brach aber die Erzählung entweder plötzlich ab oder kam unvermittelt auf andere Dinge zu sprechen, ließ sich von neuen Einzelheiten hinreißen und vergaß, wovon er hatte sprechen wollen. Er fluchte oft, und wenn er fluchte, so warf er dem andern immer irgendein Vergehen vor und sprach dabei mit großem Gefühl, beinahe mit Tränen . . . Er spielte gern und recht gut die Balalaika und pflegte an Feiertagen sogar zu tanzen. Er tanzte gar nicht schlecht, wenn man ihn dazu zwang . . . Man konnte ihn sehr leicht bewegen, irgendetwas zu tun . . . Er tat es weniger aus Gehorsam als aus dem Bestreben, sich den andern anzufreunden und aus Freundschaft gefällig zu sein.

Ich konnte lange nicht verstehen, wovon er erzählte. Anfangs hatte ich auch den Eindruck, als ob er sein Thema immer wechselte und sich von Nebensächlichkeiten hinreißen ließe. Vielleicht sah er auch, daß Tscherewin sich für seine Erzählung gar nicht interessierte; er schien sich aber selbst einreden zu wollen, daß sein Zuhörer ganz Ohr sei, und es täte ihm vielleicht sehr weh, wenn er sich vom Gegenteil überzeugt hätte.

». . . Und wenn er mal auf den Markt kam,« sagte er fortfahrend, »so verneigten sich alle vor ihm, und alle fühlten, daß er ein reicher Mann ist.«

»Du sagst, er hätte einen Handel gehabt?«

»Na ja, einen Handel. Sonst sind die Kleinbürger bei uns lauter Bettler. Die Weiber schleppen das Wasser vom Fluß das steile Ufer Gott weiß wie weit hinauf, um die Gemüsegärten zu begießen; sie rackern sich furchtbar ab und haben im Herbst doch kaum soviel, daß sie sich eine Kohlsuppe kochen können. Er hatte aber große Äcker, hielt sich drei Ackerknechte, hatte auch eine eigene Imkerei, handelte mit Honig und Vieh, genoß also bei unseren Verhältnissen das größte Ansehen. War schon recht alt, an die siebzig, hatte schwere Knochen, war ganz schwer und grau. Wenn er in seinem Fuchspelz auf den Markt kam, erwiesen ihm alle große Ehren. ›Guten Tag, Väterchen, Ankudim Trofimytsch!‹ – ›Und wie geht es dir?‹ fragte er drauf. ›Schlecht wie immer, und Euch, Väterchen?‹ – ›Es geht,‹ sagte er, ›soweit es unsere Sünden erlauben, auch wir machen den Himmel russig.‹ – ›Gott gebe Euch ein langes Leben, Ankudim Trofimytsch!‹ Niemand war ihm zu gering, wenn er aber etwas sagte, so galt jedes seiner Worte einen Rubel. War ein Schriftgelehrter, konnte lesen und las immer in göttlichen Büchern. Pflegte seine Alte vor sich hinzusetzen und zu sagen: ›Frau, hör zu!‹ Und begann ihr die Schrift zu erklären. Die Frau war aber gar nicht so alt: sie war seine zweite Frau, er hatte sie geheiratet, um Kinder zu kriegen, denn von der ersten Frau hatte er keine. Von der zweiten, von Marja Stepanowna hatte er aber zwei minderjährige Söhne; den Jüngsten, Wassja, kriegte er, als er schon in den Sechzigern war, die Älteste aber, Akuljka, war achtzehn.«

»War das deine Frau?«

»Wart einmal, zuerst hatte Filjka Morosow sie angeschwärmt. Dieser Filjka sagte einmal zu Ankudim: ›Du mußt mit mir ehrlich teilen und die ganzen vierhundert Rubel hergeben. Bin ich etwa dein Knecht? Ich will mit dir weder handeln noch deine Akuljka nehmen. Ich will mich jetzt‹, sagte er, ›meines Lebens freuen. Meine Eltern‹, sagte er, ›sind gestorben, also will ich das ganze Geld verputzen, dann mich für jemand andern als Soldat anwerben lassen und nach zehn Jahren als Feldmarschall zurückkehren.‹ Ankudim gab ihm das Geld und rechnete mit ihm alles ab: er hatte ja mit seinem Alten gemeinsame Geschäfte gehabt. ›Ein verlorener Mensch bist du!‹ sagte er ihm. Und jener drauf: ›Ob ich ein verlorener Mensch bin oder nicht, aber bei dir, du grauer Bart, kann man schon lernen, Milch mit einer Schusterahle zu löffeln. An jedem Pfennig‹, sagt er, ›willst du was verdienen und hebst dir jeden Dreck auf, ob du ihn nicht in deinen Brei tun kannst. Ich spucke‹, sagt er, ›drauf. Du sparst und sparst und kaufst dir schließlich den Teufel. Ich aber habe‹, sagt er, ›einen Charakter. Deine Akuljka nehme ich doch nicht: habe auch so schon mit ihr geschlafen . . .‹

›Wie wagst du es,‹ sagt Ankudim, ›die ehrliche Tochter eines ehrlichen Vaters so zu beschimpfen? Wann hast du mit ihr geschlafen, du Schlangentalg, du Hechtblut?‹ Und dabei zittert er am ganzen Leibe. So erzählte es Filjka selbst.

›Und nicht nur, daß ich selbst sie nicht nehme,‹ sagt er ihm, ›ich will es auch so einrichten, daß kein Mensch deine Akuljka nimmt, auch Mikita Grigorjitsch nicht, denn sie ist jetzt ein entehrtes Mädel. Ich hab mit ihr schon im Herbst zusammengelebt. Und jetzt gehe ich auch für hundert Krebse nicht darauf ein. Versuch's nur: gib mir hundert Krebse, – ich nehme sie nicht!‹

»Der Bursche fing also zu saufen an! So, daß die Erde stöhnte, daß die ganze Stadt dröhnte. Er warb sich ein Rudel Freunde an, hatte einen Haufen Geld, trieb es drei Monate so und versoff alles bis auf den letzten Heller. ›Wenn ich das ganze Geld versoffen habe,‹ pflegte er zu sagen, ›so versaufe ich auch noch das Haus, versaufe alles und geh dann entweder unter die Soldaten oder werde Landstreicher!‹ Den ganzen Tag vom Morgen bis zum Abend war er besoffen und fuhr zweispännig mit Schellengeläute herum. Und wie ihn erst die Mädels liebten, gar nicht zu sagen! Er verstand gut den Dudelsack zu spielen.«

»Er hat also mit der Akuljka auch vorher schon zu schaffen gehabt?«

»Wart'. Auch ich hatte damals meinen Vater beerdigt. Meine Mutter buk Kuchen, wir arbeiteten für den Ankudim und lebten davon. Das Leben war gar nicht gut. Wir hatten zwar hinter dem Walde einen Acker und säten Korn, verloren aber bald nach dem Tode des Vaters alles, denn auch ich fing um jene Zeit zu saufen an, mein Lieber. Von der Mutter erpreßte ich Geld mit Schlägen . . .«

»Das ist nicht schön, mit Schlägen; es ist eine große Sünde.«

»Oft war ich vom Morgen bis zum Abend besoffen, Bruder. Das Haus, das wir hatten, war gar nicht schlecht, und wenn auch durchfault, doch unser. Doch im Hause war es so leer, daß man darin Hasen jagen konnte. Manchmal hungerten wir ganze Wochen lang und hatten nichts als Lumpen zu kauen. Die Mutter schimpfte manchmal ordentlich, aber das rührte mich nicht. Damals war ich immer mit Filjka Morosow. Vom Morgen bis zum Abend war ich mit ihm. ›Spiel,‹ sagt er, ›mir auf der Gitarre auf und tanz', und ich werde liegen und mit Geldstücken nach dir werfen, denn ich bin jetzt der reichste Mann.‹ Was er nicht alles anstellte! Aber gestohlenes Gut nahm er nicht an: ›Ich bin‹, sagte er, ›ein ehrlicher Mensch und kein Dieb.‹ – ›Kommt‹, sagt er einmal, ›wir wollen der Akuljka das Tor mit Pech beschmieren,In russischen Dörfern pflegt man das Tor am Hause eines Mädchens, das gefehlt hat, mit Pech zu beschmieren. Anm. d. Ü. denn ich will nicht, daß Mikita Grigorjitsch sie kriegt. Das ist mir wichtiger als Haferbrei.‹ Der Alte wollte nämlich das Mädel schon vorher mit Mikita Grigorjitsch verheiraten. Mikita war auch ein alter Mann, Witwer, trug eine Brille und trieb Handel. Als er hörte, daß man von der Akuljka zu munkeln anfing, wollte er gleich zurücktreten: ›Das wird‹, sagte er, ›eine große Unehre für mich sein, Ankudim Trofimytsch, und ich will meines Alters wegen gar nicht heiraten.‹ Da beschmierten wir ihr das Tor mit Pech. Nun fing man sie deswegen zu prügeln an . . . Marja Stepanowna schrie: ›Ich mach ihr den Garaus!‹ Und der Alte: ›In alten Zeiten, unter den Patriarchen, würde ich,‹ sagte er, ›eine solche Tochter auf dem Scheiterhaufen in Stücke hauen; heute ist aber in der Welt nichts als Finsternis und Moder.‹ Die Nachbarn hörten Akuljka oft tagelang schreien: man schlug sie mit Ruten vom Morgen bis zum Abend. Filjka schreit aber auf dem Markte, daß es alle hören: ›Eine feine Dirne ist diese Akuljka, eine gute Saufschwester! Hält sich sauber, hält sich rein, trinkt mit jedem Bier und Wein! Ich hab den Leuten‹, sagt er, ›einen Brei eingebrockt, daß sie meiner lange denken werden.‹ Um jene Zeit traf ich einmal Akuljka, wie sie mit den Eimern zum Wasserholen ging, und rief ihr zu: ›Guten Tag, Akulina Kudimowna! Meine Hochachtung! Bist so sauber, bist so nett, sag, mit wem du gehst zu Bett!‹ Nun dieses sagte ich ihr. Sie blickte mich aber an und hatte so große Augen, war dabei mager wie ein Span. Sie sah mich nur an, aber ihre Mutter glaubte, daß sie mit mir scherzte, und schrie ihr aus dem Tore zu: ›Was grinst du wieder, du Schamlose?‹ Und sie fing sie wieder zu schlagen an. Eine ganze Stunde prügelte sie sie. ›Ich schlage sie tot,‹ schrie sie dabei, ›denn sie ist mir keine Tochter mehr!‹«

»War also eine liederliche Dirne?«

»Hör' nur weiter, Onkelchen. Wie ich so mit dem Filjka saufe, kommt einmal meine Mutter zu mir. Ich liege aber besoffen da. ›Was liegst du herum, du Räuber?‹ sagt sie zu mir und fängt wieder zu schimpfen an. ›Heirate doch‹, sagt sie zu mir, ›die Akuljka. Die Leute werden jetzt froh sein, wenn du sie nimmst. Ganze dreihundert Rubel will man dir geben.‹ Ich sage ihr darauf: ›Sie ist ja vor der ganzen Welt entehrt!‹ – ›Bist ein Narr,‹ sagte sie, ›die Haube deckt alles zu. Und für dich ist es auch besser, wenn sie sich ihr Leben lang vor dir schuldig fühlt. Mit dem Gelde können wir aber wieder auf die Beine kommen. Ich hab' auch schon mit Marja Stepanowna gesprochen. Sie ist einverstanden.‹ – ›Wenn man mir gleich zwanzig Rubel auf den Tisch legt,‹ sage ich, ›so heirate ich.‹ Und nun war ich, du magst es mir glauben oder nicht, bis zur Hochzeit immerzu besoffen. Filjka Morosow drohte mir aber: ›Ich werde dir, du Akuljkas Mann, alle Rippen entzwei schlagen und mit deinem Weib, wenn's mir paßt, jede Nacht schlafen.‹ Ich ihm darauf: ›Du lügst, Hundeblut!‹ Da tat er mir auf offener Straße Schande an. Ich kam nach Hause gelaufen und sagte: ›Ich heirate nicht, wenn man mir nicht sofort noch fünfzig Rubel auf den Tisch legt.'«

»Wollte man sie dir denn hergeben?«

»Mir? Warum denn nicht? Wir waren doch nicht ehrlos! Mein Vater hatte ja erst kurz vor dem Tode sein Hab und Gut bei einer Feuersbrunst verloren, vorher waren wir aber reicher als Akuljkas Eltern. Ankudim sagt uns also: ›Ihr seid elende Bettler!‹ Und ich ihm drauf: ›Hat man bei euch etwa das Tor nicht mit Pech beschmiert?‹ – ›Tu nicht so stolz, beweise zuerst, daß sie wirklich ehrlos ist. Man kann doch nicht jedes Lästermaul verstopfen. Hier ist die Türe, kannst gehen. Brauchst sie nicht zu nehmen. Aber das Geld, das du schon bekommen hast, mußt du mir wieder herausgeben.‹ Da beschloß ich mit Filjka Morosow, dem Ankudim durch Mitjka Bykow anzusagen, daß ich ihm nun vor der ganzen Welt Schande antun werde. Und dann war ich bis zum Hochzeitstage besoffen. Erst kurz vor der Trauung wurde ich nüchtern. Als wir aus der Kirche heimkamen und uns hinsetzten, sagte Mitrofan Stepanytsch – das war ihr Onkel: ›Die Sache ist, wenn auch nicht in allen Ehren, aber fest und endgültig abgemacht.‹ Auch der alte Ankudim war besoffen und weinte; er saß da, und die Tränen liefen ihm den Bart herunter. Ich machte es aber so, Bruder: ich steckte mir eine Peitsche in die Tasche; die hatte ich mir noch vor der Trauung angeschafft und beschlossen, an Akuljka mein Mütchen zu kühlen, weil sie mich auf diese ehrlose Weise heiratete: Sollen nur die Leute wissen, daß ich nicht so dumm bin und mich nicht anschwindeln lasse . . .«

»Das war vernünftig! Sie sollte es also gleich von Anfang an zu spüren bekommen . . .«

»Nein, Onkelchen, schweig' und hör' zu. Bei uns ist es Sitte, daß die Neuvermählten gleich nach der Trauung in die Kammer gesperrt werden. Die Gäste bleiben aber da und trinken. So brachte man mich also mit der Akulina in die Kammer. Ganz blaß sitzt sie da, hat keinen Tropfen Blut im Gesicht. War wohl furchtbar erschrocken. Ihre Haare waren weiß wie Flachs. Große Augen hatte sie. Und sie schwieg immer, nie hörte man ihre Stimme: es war, wie wenn eine Stumme im Hause lebte. War auch sonst so eigen. Nun stelle es dir vor, Bruder: ich hatte die Peitsche angeschafft und neben dem Bett bereitgelegt, und sie . . . sie zeigte sich ohne jede Schuld vor mir!«

»Was du nicht sagst!«

»Ohne jede Schuld! Wie die ehrliche Tochter aus einem ehrlichen Hause. Und warum mußte sie all die Pein über sich ergehen lassen? Warum hatte sie Filjka Morosow vor der ganzen Welt entehrt?!«

»Ja, ja!«

»Ich springe also aus dem Bett, knie gleich vor ihr nieder und lege die Hände wie im Gebet zusammen. ›Mütterchen,‹ sag' ich ihr, ›Akulina Kudimowna, verzeih' mir, dem Dummen, daß auch ich dich für so eine hielt! Verzeih' mir,‹ sag' ich, ›dem gemeinen Kerl!‹ Sie aber sitzt vor mir auf dem Bett, schaut mich an, hat mir beide Hände auf die Schultern gelegt und lacht . . . Und dabei laufen ihr die Tränen die Wangen herunter, sie weint und sie lacht . . . Ich ging aber zu den Gästen hinaus und sagte: ›Wenn ich jetzt den Filjka Morosow erwische, so gnade ihm Gott!‹ Die Alten wußten vor Freude gar nicht, zu wem sie beten sollten. Die Mutter heulte und fiel vor ihr beinahe in die Knie. Der Alte aber sagte: ›Wenn wir es wüßten, so hätten wir dir einen ganz andern Mann gegeben, geliebte Tochter!‹ Am ersten Sonntag nach der Hochzeit ging ich aber mit ihr in die Kirche: ich habe eine Lammfellmütze auf und einen Kaftan vom feinsten Tuch und plüschene Pluderhosen an; und sie einen Pelz aus Hasenfellen und ein seidenes Kopftuch, – mit einem Worte – ich bin ihrer wert, und sie ist meiner wert! Ja, nobel sahen wir aus! Die Leute schauen und haben ihre Freude an uns. Ich bin eben ich, und was die Akulina betrifft, so kann ich sie doch vor den andern weder loben, noch tadeln: sie ist halt wie sie ist!..«

»Also gut.«

»Nun hör' weiter. Am andern Morgen nach der Hochzeit lief ich besoffen, wie ich war, aus dem Hause. Ich renne durch die Stadt und schreie: ›Gebt mir den Filjka Morosow her, zeigt mir mal den Schurken!‹ So schreie ich durch den Markt. Man fing mich erst vor dem Wlassowschen Hause ein, und drei Männer brachten mich mit Gewalt nach Hause. In der Stadt spricht man aber schon über die Sache. Die Mädchen auf dem Markte sagen zu einander: ›Wißt ihr, Mädels, das Neueste? Die Akuljka ist ja ehrlich gewesen!‹ Filjka sagt mir aber bald darauf vor anderen Leuten: ›Verkauf' mir dein Weib, dann kannst du immer besoffen sein. Bei uns,‹ sagt er, ›hat es den Soldaten Jaschka gegeben, der hat nur dazu geheiratet: hat mit seinem Weibe kein einziges Mal geschlafen, war aber dafür drei Jahre lang besoffen.‹ – ›Bist ein Schuft!‹ sage ich ihm. – ›Und du bist ein Narr!‹ antwortet er mir: ›Du warst ja besoffen, als man dich traute. Was konntest du in deinem Rausche sehen, ob sie ehrlich war oder nicht?‹ Ich kam nach Hause und schrie: ›Ihr habt mich im Rausche verheiratet!‹ Meine Mutter wollte für die Akulina eintreten, ich sagte ihr aber: ›Du hast dir die Ohren mit Gold verhängen lassen, Mütterchen. Gebt mir die Akuljka her!‹ Und nun fing ich sie zu prügeln an. Und ich prügelte sie, Bruder! Zwei Stunden lang prügelte ich sie, bis ich vor Müdigkeit umfiel; drei Wochen lang lag sie dann zu Bett.«

»Gewiß,« bemerkte Tscherewin phlegmatisch, »wenn man so ein Weibsbild nicht schlägt, so . . . Hast du sie denn mit einem Liebhaber erwischt?«

»Nein, das nicht,« erwiderte Schischkow nach einer Pause mit einiger Anstrengung. »Aber ich konnte es mir nicht gefallen lassen: auf Schritt und Tritt neckten mich die Leute, und Filjka stiftete alle dazu an. ›Du hast zur Frau einen Affen, damit die Leute gaffen!‹ sagte er mir. Einmal lud er uns alle zu Gast ein und hielt so eine Rede: ›Seine Gemahlin‹, sagte er, ›ist eine barmherzige Seele, edel und höflich, freundlich und zu jedermann gut, – so hoch schätzt er sie jetzt! Der Bursche hat wohl ganz vergessen, wie er ihr das Tor mit Pech beschmiert hat!‹ Ich saß besoffen da; er packte mich aber an den Haaren und drückte mir den Kopf hinunter. ›Tanz',‹ sagte er, ›Akuljkas Mann, tanz': ich werde dich bei den Haaren halten, du aber sollst tanzen und mein Herz erfreuen!‹ – ›Gemeiner Kerl!‹ schreie ich. Und er drauf: ›Ich will mit der ganzen Gesellschaft zu dir ins Haus kommen und deine Frau Akuljka vor deinen Augen mit Ruten peitschen, soviel es mir beliebt!‹ Du magst mir glauben oder nicht: ich fürchtete nachher einen ganzen Monat, aus dem Hause zu gehen, denn ich dachte mir, er könnte wirklich kommen und mir diese Schande antun. Dafür fing ich sie eben zu schlagen an . . .«

»Was nützt das Schlagen? Man kann dem Menschen wohl die Hände binden, aber nicht die Zunge. Viel schlagen ist unvernünftig. Bestrafe die Frau, bring' ihr Respekt bei und sei dann wieder lieb zu ihr. Dafür ist sie ja dein Weib!«

Schischkow schwieg eine Weile.

»Es wurmte mich zu sehr,« begann er wieder, »und dann war es mir schon zur Gewohnheit geworden: manchmal schlug ich sie den ganzen Tag vom Morgen bis zum Abend. Es paßte mir nicht, wie sie stand, und es paßte mir nicht, wie sie ging. Wenn ich sie nicht schlug, langweilte ich mich. Sie sitzt meistens schweigend da, blickt zum Fenster hinaus und weint . . . Sie weint immerzu, es tut mir weh, zu sehen, wie sie weint, ich schlage sie aber doch. Meine Mutter schimpft mich zuweilen deswegen. ›Ein Schuft bist du,‹ sagt sie mir, ›ein Zuchthausbraten!‹ – ›Ich bringe sie um!‹ schreie ich darauf: ›Niemand darf mir was sagen, denn man hat mich mit ihr betrogen.‹ Anfangs nahm sich der alte Ankudim seiner Tochter an. Er kam selbst zu mir und sagte: ›Du bist doch nicht Gott weiß wer: gegen dich kann man schon einen Richter finden!‹ Dann gab er es auf. Marja Stepanowna wurde aber ganz kleinlaut. Einmal kommt sie zu mir und bittet unter Tränen: ›Verzeih die Belästigung, Iwan Sjemjonytsch, die Bitte ist nicht groß,‹ sagt sie und verbeugt sich vor mir: ›Laß mich wieder aufleben, beruhige dich und verzeihe ihr! Böse Menschen haben unsere Tochter verleumdet: du weißt ja selbst, daß sie ehrlich war, als du sie bekamst . . .‹ Sie verneigt sich vor mir bis zum Boden und weint. Ich aber schreie sie an: ›Ich will auf euch gar nicht hören! Jetzt tue ich, was mir paßt, denn ich habe keine Gewalt mehr über mich. Filjka Morosow‹ sage ich, ›ist aber mein bester Freund und Kumpan . . .‹«

»Ihr habt wohl wieder zusammen gesoffen?«

»Ach wo, mit ihm war nichts mehr anzufangen. Er war schon ganz heruntergekommen. Hatte seine ganze Habe verputzt und sich von einem Kleinbürger an Stelle seines ältesten Sohnes unter die Soldaten anwerben lassen. Bei uns ist es aber Sitte, daß einer, der sich an Stelle eines andern anwerben läßt, bis zu dem Tag, wo man ihn in die Kaserne abführt, der Herr im Hause ist und alle vor ihm auf dem Bauche liegen. Das ausbedungene Geld kriegt er erst in dem Augenblick, wo er einrückt; bis dahin lebt er aber oft ein halbes Jahr im Hause des Betreffenden und treibt es so, daß man einfach die Heiligenbilder hinaustragen kann! Es heißt eben: ›Ich gehe ja an Stelle eures Sohnes unter die Soldaten, also bin ich euer Wohltäter, und ihr müßt mir alle Ehren erweisen; sonst trete ich noch zurück!‹ So trieb es auch Filjka bei dem Kleinbürger: er schläft mit der Tochter, zerrt den Vater jeden Nachmittag am Barte herum und tut alles, was ihm einfällt. Jeden Tag muß man ihm das Dampfbad einheizen, statt Wasser Schnaps auf die glühenden Steine gießen, und die Weiber müssen ihn auf Händen in die Badestube tragen. Wie er von irgendeiner Sauferei heimkommt, bleibt er auf der Straße stehen und sagt: ›Durchs Tor gehe ich nicht: brecht mir den Zaun auf!‹ Und man bricht ihm wirklich den Zaun neben dem Tore auf, damit er passieren kann, Schließlich war diese Herrlichkeit zu Ende. Man machte Filjka nüchtern und setzte ihn in einen Wagen, um ihn in die Stadt zu bringen. Das Volk drängt sich auf den Straßen: Filjka Morosow wird abgeführt! Er verbeugt sich nach allen Seiten. Akuljka geht aber gerade vom Gemüsegarten heim. Wie Filjka sie vor unserem Hofe sieht, schreit er: ›Halt!‹, springt vom Wagen und verbeugt sich vor ihr bis zur Erde. ›Meine Seele,‹ sagt er ihr, ›liebster Schatz, zwei Jahre lang hab ich dich geliebt, und jetzt bringt man mich mit Musik unter die Soldaten. Vergib mir,‹ sagt er, ›du ehrliche Tochter eines ehrlichen Vaters, denn ich bin ein gemeiner Kerl und tief in deiner Schuld!‹ Und er verbeugte sich vor ihr wieder bis zur Erde. Akuljka blieb stehen, war anfangs wohl erschrocken, verbeugte sich aber dann vor ihm und sagte: ›Vergib auch du mir, du kühner Bursche, ich aber habe dir nichts vorzuwerfen.‹ Und sie geht ins Haus. Ich ihr nach. ›Was hast du ihm gesagt, du Hundefleisch?‹ Sie blickte mich aber an und sagte: ›Du magst mir glauben oder nicht: Ich liebe ihn ja jetzt mehr als das Leben!‹

»Das ist gut!«

»Den ganzen Tag sagte ich ihr kein Wort. Am Abend aber: ›Akuljka, jetzt bringe ich dich um.‹ Nachts kann ich nicht einschlafen. Wie ich in den Flur gehe, um etwas Kwas zu trinken, geht gerade die Sonne auf. Ich komme in die Stube zurück und sage: ›Akuljka, steh auf, wir fahren ins Feld.‹ Ich sprach aber auch schon vorher davon, daß ich am Morgen ins Feld fahren will, und meine Mutter wußte es. ›Das ist vernünftig,‹ hatte sie gesagt, ›denn es ist just die Erntezeit, der Knecht aber liegt seit drei Tagen krank und hat Bauchweh.‹ Ich spanne den Wagen an und sage kein Wort. Gleich vor unserer Stadt beginnt der Wald; er zieht sich fünfzehn Werst weit hin, und dann kommt auch unser Acker. Als wir drei Werst durch den Wald gefahren waren, ließ ich das Pferd halten. ›Akuljka‹, sage ich, ›steig aus: nun ist dein Ende gekommen.‹ Sie schaut mich erschrocken an, steht vor mir und schweigt, ›Ich habe dich satt,‹ sage ich ihr, ›sprich dein Gebet!‹ Und ich packe sie an den Zöpfen – sie hatte so lange, dicke Zöpfe –, wickele sie mir um die Hand, presse sie von hinten mit beiden Knien fest zusammen, hole mein Messer aus dem Busen, biege ihr den Hals zurück und fahre ihr mit dem Messer über die Kehle . . . Sie schreit auf, das Blut spritzt empor, ich werfe das Messer fort, umfasse sie vorne mit den Armen, falle nieder, halte sie umarmt und schreie, auf ihr liegend, was ich schreien kann . . . Sie schreit und ich schreie. Sie zappelt und will sich aus meinen Armen befreien, das Blut aber fließt und fließt mir aufs Gesicht und auf die Hände. Ich ließ sie liegen – so eine Angst kam über mich – ließ auch das Pferd stehen und fing zu laufen an. Ich lief und lief und kam schließlich nach Haus und verkroch mich in die Badestube. Wir hatten so eine alte Badestube, die man nicht mehr gebrauchte, im Hofe stehen. Ich versteckte mich unter eine Bank und liege da. Bis zum Abend lag ich unter der Bank.«

»Und Akuljka?«

»Sie stand wohl gleich nach mir auf und wollte auch nach Hause. Man fand sie später hundert Schritte von jener Stelle liegen.«

»Hast sie also nicht fertig geschlachtet?«

»Ja . . .« Schischkow schwieg eine Weile.

»Es gibt so eine Ader,« bemerkte Tscherewin, »wenn man die nicht sofort durchschneidet, so wird der Mensch lange zappeln und kann, so viel Blut er auch verliert, niemals sterben.«

»Sie starb aber doch. Abends fand man sie tot liegen. Man zeigte es gleich an, begann mich zu suchen und fand mich in derselben Nacht in der Badestube! . . . So lebe ich hier schon fast vier Jahre,« fügte er nach kurzem Schweigen hinzu.

»Hm . . . Gewiß, wenn man sein Weib nicht prügelt, erlebt man nichts Gutes,« bemerkte Tscherewin kühl und belehrend, seine Schnupftabakdose hervorholend. Er schnupfte lange und umständlich. »Du aber, Bursche,« sagte er fortfahrend, »bist einfach dumm, wie ich sehe. Ich habe auch einmal mein Weib mit einem Liebhaber erwischt. Ich ließ sie in die Scheune kommen, legte eine Pferdeleine doppelt zusammen und fragte: ›Wem willst du Treue schwören? Wem willst du Treue schwören?‹ Und ich schlug sie und schlug sie mit der Pferdeleine; an die anderthalb Stunden schlug ich sie. ›Die Füße werde ich dir waschen‹, schrie sie, ›und das Wasser trinken!‹ Awdotja hat sie geheißen.«

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