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Aufzeichnungen aus einem toten Hause

Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Aufzeichnungen aus einem toten Hause - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorFjodr Michailowitsch Dostojewski
titleAufzeichnungen aus einem toten Hause
publisherVolksverband der Bücherfreunde Wegweiser-Verlag, G.m.b.H.
printrun3. Auflage
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
projectiddfe4ee1a
created20061203
modified20170607
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II

Fortsetzung

Die Ärzte machten in den Morgenstunden eine Runde durch die Krankensäle; gegen elf erschienen sie alle zugleich bei uns mit dem Oberarzt; eineinhalb Stunden vorher besuchte uns aber unser Assistenzarzt. Um jene Zeit war es ein junger Arzt, der seine Sache verstand, freundlich und gutmütig war, und den die Arrestanten sehr gerne mochten, obwohl sie an ihm einen Fehler fanden: »Er ist schon gar zu still.« Er war in der Tat sehr schweigsam, schien sich vor uns fast zu genieren, errötete beinahe, veränderte die Speiserationen gleich auf die erste Bitte der Patienten und schien sogar bereit, ihnen auch die Arzneien nach ihren Wünschen zu verschreiben, übrigens war er ein vortrefflicher junger Mann. Es ist zu bemerken, daß in Rußland viele Ärzte die Liebe und Achtung des einfachen Volkes genießen; dies ist, soviel ich bemerken konnte, wirklich wahr. Ich weiß, daß meine Worte paradox erscheinen können, besonders wenn man das allgemeine Mißtrauen des ganzen einfachen russischen Volkes gegen die Medizin und die ausländischen Arzneien in Betracht zieht. Ein Mann aus dem Volke, der an einer schweren Krankheit leidet, wird sich in der Tat eher mehrere Jahre hintereinander von einer weisen Frau behandeln lassen oder sich selbst mit seinen volkstümlichen Hausmitteln (die übrigens durchaus nicht zu verachten sind) kurieren, als zum Arzt gehen oder sich in ein Hospital begeben. Außerdem ist hier auch noch ein anderer, äußerst wichtiger Umstand im Spiele, der mit der Medizin nichts zu tun hat: das allgemeine Mißtrauen des ganzen einfachen Volkes gegen alles, was einen behördlichen und formellen Anstrich hat; außerdem ist das Volk durch allerlei Märchengeschichten, die oft sehr unsinnig sind, manchmal aber auch ihren Grund haben, gegen die Hospitäler voreingenommen und eingeschüchtert. Die größte Angst machen ihm aber die deutsche Ordnung im Hospital, die ihn während seiner ganzen Krankheit umgebenden fremden Menschen, die strengen Diätvorschriften, die Berichte über die Unerbittlichkeit der Feldschere und Ärzte, über das Zerstückeln und Ausweiden der Leichen usw. Außerdem urteilt das Volk, daß man im Hospital in die Behandlung von vornehmen Herren komme, denn die Ärzte seien immerhin vornehme Herren. Aber bei der näheren Bekanntschaft mit den Ärzten verschwinden alle diese Ängste (nicht immer, aber doch in den meisten Fällen) vollkommen, was nach meiner Meinung unseren Ärzten, vorwiegend den jüngeren zur Ehre gereicht. Die meisten von ihnen verstehen die Achtung und sogar die Liebe des einfachen Volkes zu erwerben. Ich schreibe jedenfalls nur über Dinge, die ich selbst mehr als einmal an verschiedenen Orten gesehen und erlebt habe, und ich kann mir nicht denken, daß es sich an anderen Orten allzu oft anders verhalten sollte. Natürlich gibt es in manchen versteckten Winkeln Ärzte, die sich bestechen lassen, aus ihren Krankenhäusern zu großen Nutzen ziehen, die Kranken fast vernachlässigen und sogar die Medizin gänzlich vergessen. Das kommt noch vor; aber ich spreche von der Mehrheit oder, genauer gesagt, von dem Geist, von der Richtung, die heutzutage in der Medizin zum Ausdruck kommt. Jene Verräter an der allgemeinen Sache, jene Wölfe unter Schafen, womit sie sich auch verteidigen und was sie auch zu ihrer Rechtfertigung vorbringen mögen, wie z. B. das »Milieu«, das sie anstecke, bleiben immer im Unrecht, besonders wenn sie dabei auch jede Menschenliebe verloren haben. Menschenliebe, Freundlichkeit, brüderliches Mitleid mit den Kranken sind aber zuweilen wichtiger als alle Arzneien. Es wäre schon wirklich Zeit, aufzuhören, sich apathisch über das Milieu zu beklagen, das uns hereingezogen habe. Es ist allerdings wahr, daß es viele von uns hereinzieht, vieles in uns erstickt, aber doch nicht alles, und mancher schlaue und erfahrene Schuft rechtfertigt oft mit dem Einfluß des Milieus nicht nur seine Schwäche, sondern seine Gemeinheiten, besonders wenn er schön zu reden oder zu schreiben versteht. Ich bin übrigens wieder vom Thema abgekommen; ich wollte nur sagen, daß unser einfaches Volk nur gegen die medizinischen Behörden, aber nicht gegen die Ärzte selbst mißtrauisch und feindselig ist. Wenn es erfährt, wie sie in Wirklichkeit sind, gibt es schnell viele seiner Vorurteile auf. Die Einrichtung unserer Krankenhäuser entspricht übrigens auch heute noch nicht dem Geiste unseres Volkes, ist den Gewohnheiten dieses Volkes feindselig und kann daher volles Vertrauen und Achtung des Volkes nicht erwerben. Diesen Eindruck habe ich wenigstens auf Grund einiger eigener Beobachtungen.

Unser Assistenzarzt blieb gewöhnlich bei jedem Kranken stehen, untersuchte ihn ernst und außerordentlich aufmerksam, fragte ihn aus und bestimmte dann die Arzneien und die Diät. Manchmal merkte er auch selbst, daß dem Kranken gar nichts fehlte; da aber so ein Arrestant ins Hospital gekommen war, um von der Arbeit auszuruhen und auf einer Matratze statt auf bloßen Brettern zu liegen, in einem immerhin warmen Zimmer statt des feuchten Arrestlokals, wo Mengen von blassen und abgezehrten Untersuchungsgefangenen zusammengepfercht sind (bei uns in Rußland sind die Untersuchungsgefangenen fast immer blaß und abgezehrt – ein Beweis dafür, daß sie körperlich und seelisch viel mehr zu leiden haben als die verurteilten Verbrecher), so schrieb unser Assistenzarzt in solchen Fällen ruhig ein »febris catarrhalis« in die Liste und ließ den Scheinkranken zuweilen eine ganze Woche liegen. Über dieses »febris catarrhalis« lachten wir alle. Wir wußten sehr gut, daß es eine im gegenseitigen Einverständnis zwischen dem Arzt und den Kranken angenommene Formel zur Bezeichnung einer simulierten Krankheit war; die Arrestanten selbst übersetzten das »febris catarrhalis« mit »Reserve-Leibschmerzen«. Manchmal mißbrauchte so ein Kranker das Mitleid des Arztes und blieb so lange liegen, bis er mit Gewalt hinausgeworfen wurde. Dann mußte man unsern Assistenzarzt sehen: er schien sich zu schämen, dem Kranken geradeaus zu sagen, daß er schneller gesund werden und um seine Entlassung aus dem Hospital bitten solle, obwohl er das volle Recht hatte, ihm ohne alle Auseinandersetzungen und Bitten einfach »sanatus est« in den Krankheitsbericht zu schreiben. Anfangs machte er ihm Andeutungen, dann bat er ihn gleichsam: »Ist noch nicht Zeit? Du bist ja schon fast gesund, im Krankensaal ist so wenig Platz« usw., bis der Kranke sich schämte und schließlich selbst um Entlassung bat. Der Oberarzt war zwar ein humaner und ehrlicher Mensch (den die Kranken gleichfalls sehr liebten), aber unvergleichlich strenger und energischer als der Assistenzarzt; in manchen Fällen zeigte er sogar eine Härte, und deswegen achtete man ihn ganz besonders. Er erschien in Begleitung sämtlicher Hospitalärzte gleich nach dem Assistenzarzt, untersuchte ebenfalls jeden einzeln, hielt sich besonders bei den Schwerkranken auf, verstand ihnen immer ein gutes, ermutigendes, oft sogar herzliches Wort zu sagen und machte überhaupt einen guten Eindruck. Die mit den »Reserve-Leibschmerzen« schickte er niemals weg; wenn aber der Kranke widerspenstig war, strich er ihn einfach als geheilt aus der Liste: »Nun hast du lange genug gelegen, Bruder, hast ausgeruht, jetzt ist's genug.« Widerspenstig waren gewöhnlich die Faulen, besonders in der arbeitsreichen Sommerzeit, oder die Untersuchungsgefangenen, die eine Strafe erwarteten. Ich erinnere mich, wie gegen einen von diesen besondere Strenge, sogar Grausamkeit angewandt wurde, um ihn zu zwingen, um Entlassung zu bitten. Er trat mit einem Augenleiden ein; seine Augen waren rot, und er beklagte sich über ein heftiges Stechen in den Augen. Man behandelte ihn mit spanischen Fliegen, Blutegeln, Einträufeln einer beißenden Flüssigkeit in die Augen usw., aber die Krankheit wollte nicht weichen, und die Augen wurden nicht klar. Die Ärzte kamen allmählich dahinter, daß es eine simulierte Krankheit war: die Entzündung blieb immer nicht zu stark, wurde nicht schlimmer, verging aber auch nicht und blieb immer gleich. Der Fall war verdächtig. Alle Arrestanten wußten schon längst, daß er simulierte und die Leute anführte, obwohl er es selbst nicht eingestand. Er war ein junger, sogar hübscher Bursche, der aber auf uns alle einen eigentümlich unangenehmen Eindruck machte; er war verschlossen, mißtrauisch, mürrisch, sprach mit niemand ein Wort, blickte finster drein und hielt sich von allen zurück, als mißtraute er allen. Ich erinnere mich noch, daß vielen der Gedanke kam, daß er uns irgendeinen Streich spielen könne. Er war ein Soldat, der einen Diebstahl begangen hatte, erwischt worden war und dem tausend Spießruten und die Einreihung in die Arrestantenkompagnie drohte. Um die Strafe hinauszuschieben, entschließen sich die Verurteilten, wie ich schon früher erwähnt habe, zuweilen zu schrecklichen Dingen: so einer stürzt sich am Vorabend der Exekution mit einem Messer auf einen der Vorgesetzten oder sogar auf einen seiner Kameraden; er kommt aufs neue vors Gericht, die Exekution wird auf weitere zwei Monate hinausgeschoben, und so hat er sein Ziel erreicht. Er denkt nicht daran, daß er nach den zwei Monaten doppelt und dreimal so streng bestraft werden wird; er will den schrecklichen Augenblick wenigstens für einige Tage hinausschieben, und dann komme, was kommen mag: so tief entmutigt sind zuweilen diese Unglücklichen. Man tuschelte bei uns, daß man sich nachts vor ihm hüten müsse: er sei imstande, jemand zu erstechen. Man beschränkte sich übrigens aufs Tuscheln, ergriff aber keinerlei Vorsichtsmaßregeln; auch diejenigen, deren Bett sich in seiner Nachbarschaft befand, ergriffen keine Maßregeln. Man sah übrigens, daß er sich nachts die Augen mit dem von der Wand heruntergekratzten Kalk und mit noch irgend etwas einrieb, damit sie des Morgens wieder rot seien. Schließlich drohte ihm der Oberarzt selbst mit dem »Haarseil«. Bei hartnäckigen Augenkrankheiten, die lange dauern und allen ärztlichen Mitteln trotzen, entschließen sich die Ärzte, um das Augenlicht zu retten, zu einem sehr energischen und qualvollen Mittel: man zieht dem Kranken wie einem Pferde ein Haarseil ein. Der Ärmste wollte aber noch immer nicht gesund werden. Entweder war er zu trotzig oder zu feig: das Haarseil tat zwar nicht so weh wie die Stockstrafe, war aber qualvoll genug. Man zieht dem Kranken hinten im Nacken soviel Haut mit der Hand zusammen, als man fassen kann, durchbohrt das ganze erfaßte Fleisch mit einem Messer, so daß eine lange und breite Wunde längs des ganzen Nackens entsteht, und zieht durch diese Wunde ein ziemlich breites, fast fingerdickes Leinenband. Dieses Band wird dann täglich zu einer bestimmten Stunde durch die Wunde durchgezogen, so daß diese gleichsam immer wieder aufgeschnitten wird, damit sie ewig eitere und nicht verheile. Der Ärmste ertrug übrigens diese Folter, wenn auch unter entsetzlichen Qualen, hartnäckig mehrere Tage, ehe er sich entschloß, um Entlassung zu bitten. Seine Augen waren in einem Tage vollkommen gesund geworden, und sobald sein Hals geheilt war, begab er sich auf die Hauptwache, um gleich am nächsten Tage die tausend Spießruten zu empfangen.

Natürlich ist der Augenblick vor der Strafe schwer, so schwer, daß ich vielleicht unrecht habe, wenn ich diese Furcht Kleinmut und Feigheit nenne. Er ist wohl sehr schwer, wenn einer die doppelte und dreifache Strafe riskiert, nur um die Exekution etwas hinauszuschieben. Ich erwähnte übrigens auch solche, die selbst um Entlassung baten, obwohl ihre Rücken nach den ersten Schlägen noch nicht zugeheilt waren, um den Rest der Strafe schneller abzubüßen und endgültig aus dem Anklagezustand herauszukommen; die Haft auf der Hauptwache im Anklagezustand war aber natürlich unvergleichlich schlimmer als im Zuchthause. Abgesehen vom Unterschied in den Temperamenten hängt die Entschlossenheit und Furchtlosigkeit bei vielen in bedeutendem Maße von der eingewurzelten Gewöhnung an die Schläge und Strafen ab. Der oft Geschlagene ist an Geist und Rücken gefestigt und betrachtet schließlich die Strafe skeptisch, fast als eine geringe Unannehmlichkeit und fürchtet sie nicht mehr. Im allgemeinen ist das richtig. Ein Arrestant aus unserer Besonderen Abteilung, der getaufte Kalmücke Alexander, oder Alexandra, wie man ihn bei uns nannte, ein sonderbarer, durchtriebener und furchtloser, zugleich sehr gutmütiger Bursche, erzählte mir, wie er seine viertausend Spießruten ertragen hatte; er erzählte es mir lachend und scherzend, schwor aber zugleich sehr ernsthaft, daß, wenn er nicht schon von der frühesten, zartesten Kindheit an unter der Knute aufgewachsen wäre, von der die Narben auf seinem Rücken während seines ganzen Lebens unter seinen Volksgenossen nie verschwanden, er diese viertausend Hiebe nicht ausgehalten hätte. Als er mir das erzählte, segnete er gleichsam diese Erziehung durch die Knute. »Man hat mich für alles geschlagen, Alexander Petrowitsch!« sagte er mir einmal gegen Abend, bevor Licht gemacht wurde, auf meinem Bette sitzend, »für alles; man schlug mich fünfzehn Jahre hintereinander, vom ersten Tage an, dessen ich mich erinnere, und jeden Tag einige Male; nur solche, die gar keine Lust dazu hatten, schlugen mich nicht; so habe ich mich schließlich ganz daran gewöhnt.« Wie er unter die Soldaten geraten war, weiß ich nicht; ich erinnere mich dessen nicht, vielleicht hat er mir darüber etwas erzählt; er war ein gewohnheitsmäßiger Ausreißer und Vagabund. Ich besinne mich nur auf seine Erzählung, wie schrecklich er sich gefürchtet hatte, als er zu viertausend Spießruten wegen der Ermordung eines Vorgesetzten verurteilt worden war. »Ich wußte, daß man mich streng bestrafen und vielleicht nicht mehr lebendig entlassen würde; ich bin zwar an die Knute gewöhnt, aber viertausend Spießruten sind kein Spaß! Dazu war die Obrigkeit sehr erbittert! Ich wußte, ich wußte es ganz sicher, daß es nicht so einfach abgehen würde, daß ich es nicht ertragen werde; daß ich nicht mit dem Leben davonkomme. Zuerst versuchte ich, mich taufen zu lassen; ich dachte mir, daß man mir vielleicht die Strafe erlassen würde, obwohl man mir sagte, ich hätte darauf nicht zu hoffen, man würde mir nicht vergeben. Aber ich dachte mir: ich will es doch versuchen, sie werden mit einem Getauften doch mehr Mitleid haben. So wurde ich denn auch wirklich getauft, und erhielt bei der heiligen Taufe den Namen Alexander; aber Spießruten blieben Spießruten, keine einzige haben sie mir erlassen; das kränkte mich sogar. So dachte ich mir: Wartet, ich werde euch alle anführen. Und was glauben Sie, Alexander Petrowitsch, ich habe sie wirklich angeführt! Ich verstand vortrefflich, mich tot zu stellen, d. h. nicht ganz tot, aber so als wolle die Seele gerade den Körper verlassen. Man führte mich durch die Gasse; wie ich das erste Tausend passiere, brennt es wie Feuer, und ich schreie; beim zweiten Tausend denke ich mir, es sei mein Ende, ich bin nicht mehr bei Sinnen, die Beine knicken unter mir ein; ich falle zu Boden; meine Augen wurden tot, das Gesicht blau, ich atme nicht mehr und habe Schaum vor den Lippen. Der Arzt trat heran und sagte: ›Er wird gleich sterben.‹ Man trug mich ins Hospital, und da wurde ich gleich lebendig. So führten sie mich noch zweimal hinaus, sie ärgerten sich furchtbar über mich, aber ich führte sie noch zweimal an; nach dem dritten Tausend wurde ich ohnmächtig, und beim vierten Tausend drang mir jeder Hieb wie ein Messer ins Herz, jeder Hieb war wie drei, so furchtbar schlugen sie mich! Sie waren schon wütend geworden. Dieses letzte verdammte Tausend (hol es der Teufel! . . .) war soviel wert wie die ersten drei, und wäre ich nicht kurz vor dem Ende gestorben (es blieben nur noch zweihundert Hiebe), so hätten sie mich totgeschlagen, aber ich ließ es nicht zu und stellte mich wieder tot; sie glaubten es mir wieder, und wie sollten sie es mir auch nicht glauben, wenn es auch der Arzt glaubte; bei den letzten Zweihundert schlugen sie mich aus Wut so, daß es schrecklicher war als gewöhnliche Zweitausend Spießruten, – aber es gelang ihnen doch nicht, mich totzuschlagen. Und warum gelang es ihnen nicht? Immer aus dem gleichen Grunde, weil ich von Kind auf unter der Knute aufgewachsen bin. Darum bin ich auch heute noch am Leben. Ach, wieviel Schläge habe ich schon in meinem Leben bekommen!« bemerkte er am Schlusse seiner Erzählung, gleichsam in traurige Erinnerungen versunken, als wollte er alle die Schlage zählen, die er schon bekommen hatte. »Aber nein,« fügte er nach einer minutenlangen Pause hinzu, »man kann es gar nicht zählen! Es gibt keine solchen Zahlen.« Er sah mich an und lachte auf, aber so gutmütig, daß ich selbst nicht umhin konnte, ihm zuzulächeln. »Wissen Sie, Alexander Petrowitsch, wenn ich jetzt nachts etwas träume, so nur, daß ich geschlagen werde; andere Träume habe ich überhaupt nicht.« Er pflegte nachts wirklich aus voller Kehle zu schreien, so daß ihn die anderen Arrestanten mit Püffen weckten: »Was schreist du Teufel!« Er war ein kräftiger Bursch, klein gewachsen, lebhaft und heiter, an die fünfundvierzig Jahre alt und lebte mit allen in Frieden, obwohl er gern stahl und deswegen oft verprügelt wurde, aber wer bei uns stahl nicht und bekam dafür keine Prügel?

Ich will noch eines hinzufügen: ich wunderte mich immer über die ungewöhnliche Gutmütigkeit und den Mangel an Gehässigkeit, mit dem alle diese Geschlagenen davon sprachen, wie und von wem sie geschlagen worden waren. In ihren Erzählungen, bei denen mir selbst manchmal das Herz erzitterte und zu klopfen anfing, war oft nicht der geringste Ton von Bosheit oder Haß zu hören. Sie aber lachten dabei wie die Kinder. So erzählte mir z. B. M–cki von seiner Strafe; er war kein Adliger und hatte vierhundert Spießruten laufen müssen. Ich erfuhr es von den anderen und fragte ihn selbst, ob es wahr sei und wie das gewesen wäre. Er antwortete mir eigentümlich kurz, gleichsam mit einem inneren Schmerz, wollte mich dabei nicht anschauen, und sein Gesicht war rot geworden; als er mich nach einer halben Minute ansah, brannten seine Augen vor Haß, und seine Lippen zitterten vor Empörung. Ich fühlte, daß er dieses Kapitel aus seiner Vergangenheit niemals vergessen würde. Aber die unsrigen, fast alle (ich bürge nicht, daß es keine Ausnahmen gegeben hat), sahen die Sache ganz anders an. Es kann doch nicht sein, dachte ich mir zuweilen, daß sie sich als vollkommen schuldig und der Bestrafung wert hielten, besonders wenn sie sich nicht gegen ihre Genossen, sondern gegen die Vorgesetzten vergangen haben. Die meisten von ihnen klagten sich auch gar nicht an. Ich sagte schon, daß ich nie etwas von Gewissensbissen gemerkt hätte, selbst wenn das Verbrechen gegen die eigenen Standesgenossen gerichtet war. Von den Vergehen gegen die Obrigkeit spreche ich schon gar nicht. Mir kam zuweilen vor, als ob in diesem letzteren Falle eine eigentümliche, sozusagen praktische oder, genauer gesagt, faktische Anschauung vorläge. Man zog das Schicksal und die Unanwendbarkeit der Tatsache in Betracht, und zwar nicht irgendwie überlegt, sondern unbewußt, als wäre es eine Glaubenssache. Der Arrestant ist z. B. immer geneigt, sich bei den Vergehen gegen die Obrigkeit im Rechte zu fühlen, und so ist für ihn diese Frage gar nicht denkbar; aber praktisch ist er sich immer bewußt, daß die Vorgesetzten seine Vergehen ganz anders anschauen, und daß er folglich bestraft werden müsse, um die Rechnung zu begleichen. Der Kampf ist hier beiderseitig. Der Verbrecher weiß dabei und zweifelt nicht, daß er vom Gericht seiner Genossen, der einfachen Menschen, gerechtfertigt wird, welche, wie er es wiederum weiß, ihn niemals verurteilen und in den meisten Fällen sogar völlig freisprechen werden, wenn er nur keine Sünde gegen seine Brüder, gegen das ihm verwandte niedere Volk begangen hat. Sein Gewissen ist ruhig, im Gewissen liegt aber seine Kraft, sein sittliches Gefühl ist nicht verletzt, und das ist die Hauptsache. Er fühlt gleichsam, daß er etwas hat, worauf er sich stützen kann, und darum haßt er nicht, sondern nimmt das Geschehene als eine unvermeidliche Tatsache hin, die weder mit ihm begonnen hat, noch mit ihm enden und noch sehr lange unter dem einmal angefangenen passiven, doch hartnäckigen Kampfe fortdauern wird. Welcher Soldat haßt persönlich den Türken, gegen den er Krieg führt? Aber der Türke sticht und schießt doch nach ihm. Übrigens waren nicht alle Erzählungen so ganz kaltblütig und gleichgültig. Über den Leutnant Sherebjatnikow z. B. sprach man mit einiger, wenn auch nicht sehr großen Empörung. Diesen Leutnant Sherebjatnikow lernte ich schon während der ersten Zeit meines Aufenthalts im Hospital kennen, natürlich nur aus den Berichten der anderen Arrestanten. Dann sah ich ihn einmal in natura, als er bei uns die Wache hatte. Er war ein etwa dreißigjähriger Mann, groß gewachsen, dick, fett, mit roten, aufgedunsenen Wangen, weißen Zähnen und dem schallenden Lachen eines Nosdrjow.Person aus Gogols »Toten Seelen«. Anm. d. Ü. Seinem Gesicht konnte man ansehen, daß er der gedankenloseste Mensch auf der Welt war. Er liebte es leidenschaftlich, die Spießruten- und Stockstrafe zu leiten, wenn man ihn zum Vollstrecker bestellte. Ich muß aber hier gleich hinzufügen, daß ich den Leutnant Sherebjatnikow schon damals als ein Ungeheuer unter seinesgleichen ansah; auch die anderen Arrestanten sahen ihn ebenso an. Es gab außer ihm auch noch andere Strafvollstrecker, natürlich nur in der alten Zeit, in der erst kürzlich vergangenen alten Zeit, – »es ist nicht lange her, allein man glaubt es kaum!«, Vollstrecker, die ihre Sache mit großer Gründlichkeit und Gewissenhaftigkeit machten. In den meisten Fällen wurde es aber naiv und ohne besondere Begeisterung gemacht. Doch der Leutnant war beim Strafvollzuge eine Art raffiniertester Feinschmecker. Er hatte für seine Vollstreckungskunst eine leidenschaftliche Liebe, er liebte sie der Kunst wegen. Sie war für ihn ein hoher Genuß, und er erfand wie ein gegen alle Genüsse abgestumpfter, degenerierter Patrizier der römischen Kaiserzeit allerlei Raffinements, allerlei Perversitäten, um seine verfettete Seele einigermaßen aufzurütteln und angenehm zu kitzeln. Da wird ein Arrestant zur Exekution geführt; Sherebjatnikow ist der Vollstrecker; schon ein Blick auf die lange Reihe der mit dicken Stöcken bewaffneten Soldaten versetzt ihn in Begeisterung. Er geht mit selbstzufriedener Miene durch die Reihen und schärft allen energisch ein, daß jeder seine Pflicht eifrig und gewissenhaft tun solle, oder . . . Aber die Soldaten wußten schon, was dieses »oder« bedeutete. Nun wird auch der Verbrecher selbst gebracht, und wenn er Sherebjatnikow noch nicht kennt und noch nicht alles über ihn gehört hat, so pflegt sich dieser mit ihm z. B. folgenden Spaß zu leisten. (Es ist natürlich nur einer von hundert Späßen; der Leutnant war unerschöpflich in seinen Erfindungen). Ein jeder Arrestant beginnt in dem Augenblick, wo man ihn entkleidet und seine Hände an die Gewehrkolben bindet, an denen ihn dann die Unteroffiziere durch die grüne Gasse führen, – ein jeder Arrestant beginnt, der allgemeinen Sitte folgend, in diesem Augenblick den Vollstrecker mit weinerlicher Stimme anzuflehen, ihn möglichst mild zu strafen und die Strafe nicht durch übermäßige Strenge zu vergrößern. »Euer Wohlgeboren,« schreit so ein Unglücklicher, »erbarmen Sie sich meiner, seien Sie mir wie ein Vater, damit ich mein Leben lang für Sie zu Gott bete! Bringen Sie mich nicht um, haben Sie Mitleid!« Sherebjatnikow wartet nur darauf; er läßt sofort innehalten und beginnt mit der gefühlvollsten Miene folgendes Gespräch mit dem Arrestanten:

»Mein Freund,« sagt er, »was soll ich denn mit dir anfangen? Nicht ich strafe dich, sondern das Gesetz!«

»Euer Wohlgeboren, alles liegt in Ihrer Gewalt, haben Sie Erbarmen!«

»Du glaubst wohl, ich hätte kein Mitleid mit dir? Du glaubst, es sei mir ein Vergnügen, zu sehen, wie man dich schlägt? Ich bin doch auch ein Mensch! Was glaubst du: bin ich ein Mensch oder nicht?«

»Man weiß es ja, Euer Wohlgeboren, man weiß es ja: Sie sind unser Vater, und wir sind die Kinder. Seien Sie mir wie ein Vater!« schreit der Arrestant, der schon zu hoffen beginnt.

»Aber urteile doch selbst, mein Freund! Du bist doch vernünftig genug, um darüber zu urteilen: ich weiß selbst, daß ich aus Menschlichkeit dich, den Sünder, nachsichtig und barmherzig behandeln muß.«

»Euer Wohlgeboren sprechen die reinste Wahrheit!«

»Ja, ich muß dich mit Mitleid anschauen, wie sündig du auch seist. Aber hier hast du nicht mit mir zu tun, sondern mit dem Gesetz! Bedenk es doch! Ich diene ja Gott und dem Vaterlande; ich nehme doch eine schwere Sünde auf mich, wenn ich das Gesetz umgehe, bedenk es doch!«

»Euer Wohlgeboren!«

»Aber was soll ich machen! Deinetwillen will ich es doch tun! Ich weiß, daß ich sündige, aber es sei . . . Ich will diesmal mit dir Mitleid haben und dich mild bestrafen. Aber was, wenn ich damit dich selbst schädige? Wenn ich mit dir Mitleid habe und dich mild bestrafe, so wirst du dir sagen, daß es auch das nächste Mal ebenso sein wird, wirst wieder ein Verbrechen begehen, – was dann? Die Verantwortung ruht dann doch auf meiner Seele . . .«

»Euer Wohlgeboren! Jeden Freund und jeden Feind werde ich davor warnen! Ich schwöre es wie vor dem Throne des himmlischen Schöpfers . . .«

»Ist schon gut, ist schon gut! Willst du mir aber schwören, daß du dich in Zukunft gut aufführen wirst?«

»Der Herr möge mich mit seinem Donner treffen, möge ich auf dieser Welt . . .«

»Schwöre nicht, es ist Sünde. Ich will einfach deinem Wort glauben. Gibst du mir dein Wort?«

»Euer Wohlgeboren!!!«

»Also höre: ich begnadige dich nur deiner Waisentränen wegen. Du bist doch eine Waise?«

»Ich bin eine Waise, Euer Wohlgeboren, bin einsam auf der Welt, habe weder Vater noch Mutter . . .«

»Nun, also deiner Waisentränen wegen; aber paß auf, es ist das letzte Mal . . . Führt ihn!« fügt er mit einer so milden Stimme hinzu, daß der Arrestant gar nicht weiß, mit welchen Gebeten er für diesen Wohltäter zu Gott beten soll.

Die grausame Prozession hat sich aber schon in Bewegung gesetzt, man führt ihn durch die Gasse; die Trommel dröhnt, die ersten Stöcke schwirren durch die Luft . . .

»Haut zu!« schreit Sherebjatnikow aus voller Kehle. »Schlagt zu! Ordentlich! Brennt ihm das Fell! Noch mehr, noch mehr! Haut ihn, diesen Gauner, diesen Waisenknaben! Ordentlich!«

Die Soldaten hauen aus aller Kraft, dem Ärmsten sprühen Funken aus den Augen, er fängt zu schreien an, aber Sherebjatnikow läuft ihm die Front entlang nach und lacht, lacht, hält sich mit den Händen die Seiten, kann sich gar nicht aufrichten, so leid tut ihm schließlich der Arme. Er ist so froh und lustig, und nur ab und zu unterbricht er sein schallendes, rollendes Lachen und ruft wieder:

»Haut ihn, haut! Heizt ihm ein, dem Gauner, heizt ihm ein, dem Waisenknaben! . . .«

Manchmal erfand er noch andere Variationen: man führt den Arrestanten zur Exekution, und er fängt wieder zu flehen an. Sherebjatnikow macht diesmal keine langen Geschichten, schneidet keine Grimassen, sondern erklärt ganz aufrichtig:

»Siehst du, mein Lieber,« sagt er, »ich werde dich bestrafen, wie es sich gehört, denn du verdienst es. Aber für dich will ich vielleicht folgendes tun: ich lasse dich nicht an den Kolben anbinden. Du wirst von selbst gehen, aber auf eine neue Manier. Lauf, so schnell du kannst, durch die ganze Front! Dich wird zwar jeder Stock treffen, aber die Sache ist schneller erledigt, wie glaubst du? Willst du es probieren?«

Der Arrestant hört es mit Erstaunen und Mißtrauen an und wird nachdenklich. »Nun,« denkt er sich, »vielleicht wird es so wirklich leichter sein; ich will laufen, so schnell ich kann, die Qual wird fünfmal kürzer dauern, vielleicht wird mich auch nicht jeder Stock treffen.«

»Gut, Euer Wohlgeboren, ich bin einverstanden.«

»Nun, auch ich bin einverstanden, also los! Aber paßt auf, schlaft nicht!« ruft er den Soldaten zu, obwohl er schon im voraus weiß, daß kein einziger Stock den schuldigen Rücken verfehlen wird: ein Soldat, der vorbeigehauen hat, weiß ebenfalls sehr gut, was er riskiert.

Der Arrestant rennt nun, so schnell er kann, durch die »grüne Gasse«, kommt aber natürlich nicht weiter als fünfzehn Schritt: die Stöcke fallen wie Trommelwirbel, wie Blitze, sie treffen alle zugleich seinen Rücken, und der Ärmste stürzt mit einem Schrei, wie ein Grashalm unter einer Sense, wie von einer Kugel getroffen, zu Boden.

»Nein, Euer Wohlgeboren, dann schon lieber nach dem Gesetz,« sagt er, sich langsam vom Boden erhebend, blaß und erschrocken.

Aber Sherebjatnikow, der schon im voraus wußte, wie dieser Spaß enden würde, schüttelt sich vor Lachen. Doch ich kann hier alle seine Späße und alles, was man sich bei uns über ihn erzählte, gar nicht beschreiben!

In einer etwas anderen Weise, in einem anderen Ton und Geist sprach man bei uns über einen Leutnant Smjekalow, der in unserem Zuchthause das Amt des Kommandeurs versehen hatte, bevor unser Platzmajor zu uns kam. Über Sherebjatnikow sprach man zwar ziemlich gleichgültig, ohne besondere Gehässigkeit, aber auch ohne Bewunderung für seine Heldentaten; man lobte ihn nicht und verabscheute ihn wohl. Man hatte für ihn sogar eine hochmütige Verachtung. Aber des Leutnants Smjekalow gedachte man mit Freude und Genuß. Er war nämlich durchaus kein besonderer Liebhaber von Exekutionen, das Sherebjatnikowsche Element war ihm fremd. Aber er war auch gar nicht abgeneigt, eine Exekution zu leiten; an seine Ruten dachte man bei uns sogar mit Liebe zurück – so gut gefiel dieser Mensch den Arrestanten! Weshalb eigentlich? Womit hatte er diese Popularität verdient? Unsere Arrestanten sind freilich, wie wohl das ganze russische Volk, imstande, eines einzigen freundlichen Wortes wegen alle Qualen zu vergessen; ich erwähne dies als eine Tatsache, ohne es diesmal von der einen oder anderen Seite zu untersuchen. Es war nicht schwer, diesen Leuten zu gefallen und sich bei ihnen populär zu machen. Aber Leutnant Smjekalow hatte sich eine ganz besondere Popularität erworben, so daß man sich seiner Exekutionen sogar fast mit Rührung erinnerte. »Er war besser als ein Vater«, sagten die Arrestanten zuweilen von ihm und seufzten sogar, wenn sie ihren früheren provisorischen Vorgesetzten Smjekalow in der Erinnerung mit dem jetzigen Platzmajor verglichen. »Eine Seele von einem Menschen!« – Er war ein einfacher, in seiner Art vielleicht auch gutmütiger Mensch. Nicht nur gute, sondern auch großmütige Menschen kamen unter den Vorgesetzten wohl vor, aber man liebte sie nicht, über manche von ihnen lachte man sogar. Smjekalow verstand es aber so einzurichten, daß ihn alle bei uns für einen Menschen ihresgleichen hielten, und das ist eine große Kunst, oder, genauer gesagt, eine angeborene Fähigkeit. Es ist wirklich merkwürdig: unter diesen Menschen gibt es auch solche, die gar nicht gutmütig sind, und doch erwerben sie zuweilen eine große Popularität. Sie ekeln sich nicht vor ihren Untergebenen, – das scheint mir der Grund zu sein! Sie zeigen nichts von einem verwöhnten Herrn, lassen nichts vom herrschaftlichen Geruch spüren, sondern haben einen eigenen angeborenen volkstümlichen Geruch, und, mein Gott, was für eine feine Nase hat dafür unser Volk! Was gibt es nicht alles dafür her! Es ist sogar imstande, den mitleidvollsten Menschen für einen sehr strengen herzugeben, wenn nur dieser letztere ihren eigenen volkstümlichen Geruch hat. Und wenn dieser so duftende Mensch außerdem noch gutmütig ist, wenn auch nur in seiner Art, – dann wird er über alles geschätzt! Der Leutnant Smjekalow pflegte, wie ich schon sagte, manchmal recht empfindlich zu strafen, aber er verstand es so zu machen, daß man ihm nicht nur nicht böse war, sondern auch später, in meiner Zeit, als alles schon in der Vergangenheit lag, seiner »Späße« bei den Exekutionen mit Lachen und Freude gedachte. Er kannte übrigens nicht viele Späße: dazu fehlte es ihm an künstlerischer Phantasie. Eigentlich verfügte er nur über ein einziges Späßchen, von dem er bei uns fast ein ganzes Jahr lebte; vielleicht gefiel es aber gerade aus dem Grunde, weil es das einzige war. Es steckte in ihm viel Naivität. Da wird der zu einer Strafe verurteilte Arrestant gebracht. Smjekalow kommt selbst zur Exekution, er kommt mit einem Lächeln, mit einem Scherz, fragt den Delinquenten nach etwas Abseitsliegendem, nach seinen persönlichen, häuslichen oder Arrestantenangelegenheiten, und zwar nicht mit irgendeiner versteckten Absicht, nicht zum Spaß, sondern ganz einfach, weil er von diesen Dingen wirklich gern hören will. Man bringt die Ruten und einen Stuhl für Smjekalow; er setzt sich auf den Stuhl und steckt sich sogar eine Pfeife an. Er hatte eine lange Pfeife. Der Arrestant beginnt zu flehen . . . »Nein, Bruder, leg dich nur, ist nichts zu machen . . .« sagt Smjekalow; der Arrestant seufzt und legt sich hin. »Nun, mein Lieber, kennst du den und den Bibelvers auswendig?« – »Wie sollte ich ihn nicht kennen, Euer Wohlgeboren: ich bin ja getauft und habe von Kind auf gelernt:« – »Nun, dann sag ihn auf.« Der Arrestant weiß schon, was er aufsagen soll, und er weiß auch im voraus, was bei diesem Aufsagen geschehen wird, denn dieser Spaß ist schon dreißigmal mit anderen wiederholt worden. Auch Smjekalow selbst weiß, daß der Arrestant es weiß; auch die Soldaten, die mit erhobenen Ruten über dem liegenden Opfer stehen, sind über diesen Scherz längst unterrichtet, und dennoch wiederholt er ihn wieder, – so sehr gefällt er ihm, vielleicht aus literarischem Ehrgeiz, weil er ihn selbst erfunden hat. Der Arrestant beginnt den Vers aufzusagen, die Soldaten mit den Ruten warten, Smjekalow sitzt gebückt da, hebt die Hand, hört zu rauchen auf und wartet auf ein bestimmtes Wort. Endlich kommt der Arrestant zu dem Wort »im Himmel«. Smjekalow wartet nur darauf. »Halt!« schreit plötzlich der Leutnant, ganz Feuer und Flamme, und wendet sich sofort mit begeisterter Geste zu dem Soldaten mit der erhobenen Rute und ruft: »Gib's dem Lümmel!«

Und er fängt zu lachen an. Auch die ringsum stehenden Soldaten grinsen; der Schlagende grinst, auch der Geschlagene grinst, obwohl die Rute auf das Kommando »Gib's dem Lümmel« durch die Luft saust, um im nächsten Augenblick scharf wie ein Rasiermesser seinen sündhaften Körper zu treffen. Auch Smjekalow freut sich, er freut sich, weil er es so schön erfunden, weil er es selbst erdacht hat: »im Himmel« – »gib's dem Lümmel«, das reimt sich so schön. Smjekalow geht von der Exekution fort, vollkommen mit sich zufrieden, auch der Geschlagene ist fast zufrieden mit sich und auch mit Smjekalow, und schon nach einer halben Stunde erzählt er im Zuchthause, wie dieser schon dreißigmal wiederholte Scherz nun zum einunddreißigsten Mal wiederholt worden ist. »Mit einem Worte: eine Seele von einem Menschen und solch ein Spaßvogel!«

Die Erinnerungen an den gutmütigen Leutnant hatten zuweilen einen idyllischen Charakter.

»Man geht mal vorbei, Brüder,« erzählt ein Arrestant, und sein ganzes Gesicht lächelt bei dieser Erinnerung, »man geht vorbei, er aber sitzt schon in seinem Schlafrock am Fenster, trinkt Tee und raucht die Pfeife. Man zieht vor ihm die Mütze. ›Wohin gehst du denn, Aksjonow?‹«

»›Zur Arbeit, Michail Wassiljitsch, zuerst muß ich in die Werkstatt.‹ Da lacht er . . . Eine Seele von einem Menschen! Mit einem Worte, eine Seele von einem Menschen!«

»Einen zweiten solchen erlebt man nicht!« fügt jemand von den Zuhörern hinzu.

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