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Aufzeichnungen aus einem toten Hause

Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Aufzeichnungen aus einem toten Hause - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorFjodr Michailowitsch Dostojewski
titleAufzeichnungen aus einem toten Hause
publisherVolksverband der Bücherfreunde Wegweiser-Verlag, G.m.b.H.
printrun3. Auflage
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
projectiddfe4ee1a
created20061203
modified20170607
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VIII

Entschlossene Menschen – Lutschka

Was die entschlossenen Menschen betrifft, so ist es schwer, über sie etwas zu sagen; im Zuchthause gab es ihrer wie überall ziemlich wenige. Mancher schien von außen besehen wirklich schrecklich; wenn man sich bloß alles in Erinnerung rief, was man über ihn erzählte, so ging man ihm sogar aus dem Wege. Ein eigentümliches Gefühl, das ich mir nicht recht erklären konnte, zwang mich in der ersten Zeit, solche Menschen nach Möglichkeit zu meiden. Später änderten sich meine Ansichten selbst über die schrecklichsten Mörder. Mancher, der gar keinen Mord begangen hatte, war viel schrecklicher als einer der wegen sechs Mordtaten hergeraten war. Über manche Verbrechen konnte man sich schwer auch nur eine oberflächliche Vorstellung machen: so sonderbar waren sie in ihrer Ausführung. Ich sage das, weil bei unserem einfachen Volke manche Morde aus den merkwürdigsten Ursachen verübt werden. So kommt z. B. ziemlich oft folgender Mördertypus vor: der Mensch ist still und friedlich; sein Leben ist bitter, aber er trägt es. Er ist beispielsweise ein Bauer, ein Leibeigener, ein Kleinbürger oder Soldat. Plötzlich reißt etwas in ihm; er kann sich nicht mehr beherrschen und sticht mit einem Messer nach seinem Feind und Bedrücker. Hier beginnt eben das Seltsame: der Mensch gerät plötzlich für einige Zeit ganz aus Rand und Band. Zuerst hat er seinen Feind und Bedrücker erstochen; dies ist zwar ein Verbrechen, aber begreiflich; hier lag ein Grund vor; dann ersticht er aber auch andere Menschen, die nicht seine Feinde sind, er mordet den ersten besten, er tut es zum Vergnügen, wegen eines groben Wortes, wegen eines Blickes, wegen einer Dummheit, oder einfach: »Aus dem Wege, tritt mir nicht entgegen, wenn ich gehe!« Der Mensch ist wie im Fieber. Er hat die für ihn sonst heilige Grenzlinie überschritten, er findet schon Gefallen daran, daß es für ihn nichts Heiliges mehr gibt; etwas reizt ihn, sich mit einem Sprung über alle Gesetze und jede Gewalt hinwegzusetzen, sich an einer grenzenlosen und zügellosen Freiheit zu berauschen, dieses herzbeklemmende Grauen zu genießen, das er doch unbedingt empfinden muß. Außerdem weiß er, daß ihn eine schreckliche Strafe erwartet. Dies alles gleicht vielleicht dem Gefühl, das den Menschen, der auf einem hohen Turm steht, in die Tiefe zieht, die unter seinen Füßen ist, so daß er sogar froh wäre, sich hinunterzustürzen, damit die Sache schneller ein Ende nähme! Dies passiert sogar mit den friedlichsten und bis dahin unauffälligsten Menschen. Manche renommieren sogar in diesem Rausch. Je eingeschüchterter so einer früher gewesen ist, um so stärker drängt es ihn jetzt, sich hervorzutun und den andern Angst einzujagen. Er hat Freude an dieser Angst, er ergötzt sich am Abscheu, den er den andern einflößt. Er spielt den Tollkühnen, und so ein »Tollkühner« wartet zuweilen selbst mit Ungeduld auf die Strafe, damit man ihm ein Ende gebiete, weil es ihm zuletzt selbst schwer fällt, diese »Tollkühnheit« noch weiter zu spielen. Es ist interessant, daß diese ganze Stimmung, diese gespielte Unnatur nur bis zum Schafott anhält und dann sofort aufhört, als wäre es eine in aller Form vorgeschriebene Frist. Dann wird der Mensch plötzlich still und sanft und verwandelt sich in einen Waschlappen. Auf dem Schafott greint er und bittet das Volk um Verzeihung. Und wenn er dann ins Zuchthaus kommt, so ist er so kläglich, jämmerlich und sogar verängstigt, daß man sich über ihn sogar wundert: »Ist es wirklich derselbe, der fünf oder sechs Menschen abgeschlachtet hat?«

Natürlich gibt es auch solche, die sich auch im Zuchthause nicht beruhigen. Sie behalten noch immer eine gewisse Schneidigkeit, eine eigentümliche Ruhmsucht, als wollten sie immer betonen, daß sie nicht wegen einer Bagatelle, sondern wegen sechs Mordtaten hergeraten seien. Zuletzt beruhigen sich aber auch diese. Mancher von ihnen ruft sich nur zum eigenen Vergnügen die große Tat, die er einmal im Leben verübt hat, in Erinnerung, als er »tollkühn« gewesen ist, und hat es sehr gern, wenn er einen Einfältigen findet, vor dem er prahlen und dem er alle seine Heldentaten erzählen kann, ohne übrigens durch eine Miene zu verraten, daß er selbst große Lust hat, von diesen Dingen zu sprechen. »So ein Mensch bin ich einmal gewesen!«

Wie raffiniert ist manchmal diese ehrgeizige Vorsicht, und wie nachlässig trägt er seine Geschichte vor! Welch eine gut einstudierte Geckenhaftigkeit spricht aus jedem Ton, aus jedem Wort des Erzählers. Wo mag es das einfache Volk bloß gelernt haben?

In dieser ersten Zeit bekam ich an einem langen Abend, als ich müßig und traurig auf meiner Pritsche lag, eine solcher Erzählungen zu hören und hielt den Erzähler infolge meiner Unerfahrenheit für einen schrecklichen, ungeheuerlichen Verbrecher, für einen unerhört starken, eisernen Charakter, während ich mich zu dieser selben Zeit über Petrow fast lustig machte. Das Thema dieser Erzählung war, wie er, Luka Kusmitsch, zu seinem bloßen Vergnügen einen Major »kalt gemacht« hatte. Dieser Luka Kusmitsch war der kleine, schmächtige, junge Arrestant aus unserer Kaserne, der Kleinrusse mit dem spitzen Näschen, den ich schon einmal erwähnt habe. Eigentlich war er Großrusse, aber im Süden geboren, ich glaube als Leibeigener. Es war in ihm wirklich etwas Scharfes und Herausforderndes: »Ein kleiner Vogel mit scharfen Krallen.« Die Arrestanten durchschauen aber instinktiv jeden Menschen. Man achtete ihn sehr wenig im Zuchthause. Er war furchtbar eingebildet. An diesem Abend saß er auf der Pritsche und nähte an einem Hemde. Das Nähen von Wäsche war sein Beruf. Neben ihm saß ein stumpfsinniger und beschränkter, aber gutmütiger und freundlicher Bursche, sein Nachbar auf der Pritsche, der großgewachsene und stämmige Arrestant Kobylin. Lutschka zankte sich oft mit ihm, wie es ja überhaupt zwischen Nachbarn oft zu Reibungen kommt, und behandelte ihn von oben herab, spöttisch und despotisch, was Kobylin infolge seiner Einfalt zum Teil gar nicht merkte. Er strickte einen wollenen Strumpf und hörte Lutschka gleichgültig zu. Dieser erzählte ziemlich laut und vernehmbar. Er wollte, daß alle ihm zuhören, obwohl er so tat, als erzählte er es Kobylin allein.

»Sie schickten mich also aus unserer Gegend, Bruder,« begann er, mit der Nadel hantierend, »nach Tsch–w wegen Vagabundage.«

»Wann ist es gewesen? Ist es schon lange her?« fragte Kobylin.

»Wenn die Erbsen reif werden, werden es zwei Jahre sein. Wie wir nach K–w kamen, setzte man mich dort für kurze Zeit ins Zuchthaus. Ich sehe: mit mir sitzen an die zwölf Mann, lauter Kleinrussen, große, kräftige, starke Menschen wie die Stiere. Sind aber so friedlich und lassen sich das schlechte Essen gefallen, und ihr Major behandelt sie, wie es ihm gerade paßt. Ich sitze einen Tag, ich sitze zwei Tage und sehe, es ist eine feige Gesellschaft. Warum laßt ihr euch von diesem Dummkopf soviel gefallen?

›Geh und rede einmal mit ihm selbst!‹ sagen sie mir und grinsen. Da war auch ein sehr spaßiger Kleinrusse dabei, Brüder,« fügte er plötzlich hinzu, sich nicht mehr an Kobylin, sondern an alle wendend. »Er erzählte, wie er vom Gericht verurteilt wurde und was er zu dem Richter gesagt hatte, dabei schwimmt er in Tränen: Ich habe zu Haus ein Weib und Kinder, sagte er ihm. War ein kräftiger Mann, mit grauen Haaren und dick. ›Ich schaue ihn an,‹ sagt er, ›er zuckt keine Wimper! Der Teufelssohn schreibt in einem fort. Da sage ich mir: Verrecken sollst du, damit ich eine Freude habe! Er aber schreibt und schreibt! . . . So war mein Ende besiegelt!‹ Waßja, gib mir mal einen Faden, das Zuchthausgarn ist ganz faul.«

»Dieser da ist vom Markte,« antwortete Waßja, ihm einen Faden reichend.

»Unser Garn in der Nähstube ist besser. Neulich schickten wir den Invaliden hin, Garn einzukaufen, er kauft es aber bei irgendeinem gemeinen Frauenzimmer!« fuhr Lutschka fort, indem er die Nadel gegen das Licht hielt und einfädelte.

»Wohl bei einer Gevatterin.«

»Wie war es nun mit dem Major?« fragte der ganz vergessene Kobylin.

Lutschka hatte nur darauf gewartet. Aber er fuhr in seiner Erzählung nicht sogleich fort und schenkte Kobylin scheinbar keine Beachtung. Er ordnete ruhig den Faden, wechselte ruhig und träge die Beinstellung und begann endlich zu sprechen:

»Schließlich brachte ich meine Kleinrussen doch in Aufruhr, sie verlangten nach dem Major. Ich hatte mir aber schon des Morgens von meinem Nachbarn ein Messer geben lassen und es für jeden Fall versteckt. Der Major ist in Wut geraten und kommt gefahren. ›Jetzt,‹ sage ich, ›nur nicht feig sein, ihr Kleinrussen!‹ Ihnen ist aber schon das Herz in die Hosen gefallen, sie zittern nur so! der Major kommt hereingestürzt, ist ganz betrunken. ›Wer will was?! Was ist los?! Ich bin euer Zar und Gott!‹

»Wie er das sagt: ›Ich bin euer Zar und Gott,‹ da trete ich vor,« fuhr Lutschka fort, »dabei habe ich das Messer im Ärmel.

›Nein‹ sage ich, ›Euer Hochwohlgeboren,‹ rücke aber dabei immer näher heran, ›wie ist es bloß möglich,‹ sage ich, ›Euer Hochwohlgeboren, daß Sie unser Zar und Gott seien?‹

›Ach so, du bist also der Aufrührer!‹ schrie der Major auf.

›Nein,‹ sage ich (rücke aber dabei immer näher heran), ›nein,‹ sage ich, ›Euer Hochwohlgeboren, es gibt, wie es Ihnen selbst vielleicht bekannt ist, nur einen allmächtigen und allgegenwärtigen Gott,‹ sage ich. ›Auch haben wir nur einen Zaren, den Gott selbst über alle gesetzt hat. Er ist, Euer Hochwohlgeboren,‹ sage ich ihm, ›Monarch. Sie aber, Euer Hochwohlgeboren,‹ sage ich ihm, ›sind erst Major, unser Vorgesetzter, Euer Hochwohlgeboren, durch die Gnade des Zaren,‹ sage ich, ›und wegen Ihrer Verdienste.‹

›Wie, wie, wie, wie!‹ gackert er; er kann gar nicht reden, er kocht nur so. So erstaunt war er.

›Ja, es ist so,‹ sage ich ihm und stürze mich plötzlich auf ihn und stoße ihm das ganze Messer in den Bauch. Ich hatte gut gezielt. Er rollte zu Boden und zappelte mit den Beinen. Ich warf das Messer weg.

›Paßt auf,‹ sage ich, ›ihr Kleinrussen, hebt ihn jetzt auf!‹«

Hier muß ich eine Bemerkung einschalten. Leider waren solche Ausdrücke wie »Ich bin Zar und Gott« und viele ähnliche in früheren Zeiten bei vielen Vorgesetzten in großem Gebrauch. Ich muß bemerken, daß von diesen Vorgesetzten nur sehr wenige übriggeblieben sind, vielleicht gibt es sie überhaupt nicht mehr. Ich muß ferner sagen, daß mit derartigen Ausdrücken vorwiegend solche Offiziere zu prahlen liebten, die sich von dem niedersten Range hinaufgedient hatten. Der Offiziersrang drehte gleichsam ihr ganzes Inneres um und zugleich den Kopf. Nachdem sie selbst lange genug gedient und alle Stufen der Abhängigkeit durchgemacht hatten, sahen sie sich plötzlich als Offiziere, Vorgesetzte und Adlige und übertrieben daher im ersten Rausche jede Vorstellung von ihrer Gewalt und Bedeutung; natürlich nur im Verkehr mit den ihnen Untergebenen. Den Höheren gegenüber benahmen sie sich aber nach wie vor unterwürfig, was vollkommen überflüssig und vielen Vorgesetzten sogar widerlich war. Manche von diesen Unterwürfigen erklärten sogar ihren höheren Vorgesetzten mit besonderer Rührung, daß sie ehemalige Gemeine seien; nun seien sie zwar Offiziere, würden aber »immer an die ihnen gebührende Stellung denken«. Aber gegen die Untergebenen benahmen sie sich wie unbeschränkte Herrscher. Natürlich wird man jetzt kaum noch einen finden, der schrie: »Ich bin Zar und Gott.« Ich muß aber trotzdem bemerken, daß die Arrestanten wie überhaupt die Niedrigstehenden durch nichts so sehr aufgebracht werden wie durch solche Ausdrücke aus dem Munde der Vorgesetzten. Diese freche Selbstüberhebung, diese übertriebene Vorstellung von seiner Straflosigkeit erzeugt selbst im gehorsamsten Menschen Haß und bringt seine Geduld zum Reißen. Glücklicherweise wurde dieses Benehmen, das heute nicht mehr vorkommt, selbst in alten Zeiten von der Obrigkeit streng geahndet. Ich weiß einige Beispiele dafür.

Überhaupt werden die Untergebenen durch jede hochmütige Nachlässigkeit im Benehmen gegen sie gereizt. Viele glauben z. B., daß es genüge, den Arrestanten gut zu verpflegen und alle diesbezüglichen Vorschriften zu erfüllen. Diese Ansichten sind irrig. Ein jeder, wer und wie tief erniedrigt er auch sei, verlangt, wenn auch instinktiv und unbewußt, Achtung vor seiner Menschenwürde. Der Arrestant weiß ja selbst, daß er ein Arrestant und ein Ausgestoßener ist, und kennt seine Stellung den Vorgesetzten gegenüber; man kann ihn aber durch keinerlei Brandmale, durch keinerlei Ketten zwingen, zu vergessen, daß er ein Mensch ist. Da er aber wirklich ein Mensch ist, so soll man ihn auch menschlich behandeln. Mein Gott! Die menschliche Behandlung kann sogar einen solchen zum Menschen machen, in dem das Ebenbild Gottes schon längst getrübt ist. Diese »Unglücklichen« soll man eben am menschlichsten behandeln. Das ist für sie eine Freude und eine Rettung. Ich traf schon solche gutherzigen, edlen Vorgesetzten. Ich sah auch den Einfluß, den sie auf diese Erniedrigten hatten. Es genügten einige freundliche Worte, um die Arrestanten moralisch zu einem neuen Leben zu erwecken. Sie freuten sich dann wie die Kinder und begannen wie Kinder zu lieben. Ich will noch eine Eigentümlichkeit erwähnen: die Arrestanten selbst mögen keine allzu familiäre und allzu gutmütige Behandlung durch die Vorgesetzten. Sie wollen vor dem Vorgesetzten Respekt haben, so hört aber jeder Respekt auf. Der Arrestant sieht es z. B. gern, wenn sein Vorgesetzter Orden hat, wenn er stattlich ausschaut und sich der Gunst eines höheren Vorgesetzten erfreut; er muß streng, wichtig und gerecht sein und seine Würde wahren. Solche Vorgesetzten werden von den Arrestanten bevorzugt; so einer wahrt seine eigene Würde, tut dabei ihnen nichts zu Leide, also ist alles schön und gut.


»Dafür hat man dir wohl ordentlich eingeheizt?« fragte Kobylin ruhig.

»Hm, eingeheizt hat man mir wohl gehörig. Alej, gib mal die Schere her! Warum gibt es heute keinen Maidan, Brüder?«

»Wir haben neulich alles vertrunken,« erwiderte Wassja. »Hätten wir nicht alles vertrunken, so gäbe es wohl den Maidan.«

»Wenn! Für das Wenn zahlt man in Moskau hundert Rubel,« bemerkte Lutschka.

»Was hast du nun für das Ganze gekriegt?« fragte Kobylin wieder.

»Hundertundfünf, lieber Freund. Aber das will ich euch sagen, Brüder: um ein Haar hätten sie mich totgeschlagen,« antwortete Lutschka, sich wieder von Kobylin an alle wegwendend. »Als sie mir diese hundertundfünf zudiktiert hatten, führte man mich in voller Parade hinaus. Ich hatte aber bis dahin noch nie die Knute gekostet. Eine Menge Volk lief zusammen, die ganze Stadt war dabei: es hieß, man werde einen schweren Verbrecher, einen Mörder knuten. So dumm ist dieses Volk, daß ich es gar nicht sagen kann. Der Henker zog mich aus, legte mich hin und sagte: ›Obacht, es brennt!‹ Ich warte, was wohl kommen wird. Wie er mir den ersten Hieb gab, schrie ich nicht mal, ich riß wohl den Mund auf, konnte aber nicht schreien. Die Stimme versagte mir eben. Beim zweiten Hieb, ob ihr es mir glaubt oder nicht, hörte ich nicht mal, wie er ›zwei‹ zählte. Wie ich zu mir kam, hörte ich ihn ›siebzehn‹ zählen. Vier mal nahmen sie mich vom Bock, ließen mich eine halbe Stunde verschnaufen und begossen mich mit Wasser. Ich glotze alle an und denke mir: ›Gleich sterbe ich!‹«

»Bist aber nicht gestorben?« fragte Kobylin naiv.

Lutschka musterte ihn mit einem äußerst verächtlichen Blick. Alle lachten.

»Ist das ein Klotz!«

»Bei ihm ist's im Oberstübchen nicht richtig,« bemerkte Lutschka, als bereute er, daß er sich mit einem solchen Menschen ins Gespräch eingelassen hatte.

»Es fehlt ihm eben an Verstand,« bestätigte Wassja.

Lutschka hatte zwar sechs Menschen ermordet, aber im Zuchthause fürchtete ihn niemand, obwohl er vielleicht vom ganzen Herzen wünschte, als ein schrecklicher Mensch zu gelten.

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