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Aufzeichnungen aus Amerika

Charles Dickens: Aufzeichnungen aus Amerika - Kapitel 6
Quellenangabe
typereport
authorCharles Dickens
titleAufzeichnungen aus Amerika
publisherWinkler Verlag
editorSiegfried Schmitz
yearo.J.
translatorE. A. Moriarty
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20140926
modified20180604
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5. Kapitel

Worcester. Der Connecticut River. Hartford. New Haven. Nach New York

Wir verließen Boston am Sonnabendnachmittag, am fünften Februar, und fuhren mit einer andern Eisenbahn nach Worcester, einer hübschen neuenglischen Stadt, wo wir unter dem gastlichen Dach des Staatsgouverneurs bis zum Montagmorgen verweilen wollten.

Diese Haupt- und Landstädte Neuenglands (manche darunter würden in Altengland Dörfer heißen) geben ein ebenso vorteilhaftes Bild vom ländlichen Amerika wie ihre Bewohner von den amerikanischen Landleuten. Die zierlich umhegten grünen Wiesen und Stege Altenglands sucht man vergebens, und das Gras ist, verglichen mit unseren Anlagen und Weideplätzen, grob und wildwuchernd: aber allerliebste Abhänge, sanft anschwellende Hügel, bewaldete Täler und kleine Flüsse sind in üppiger Fülle vorhanden. Jede kleine Häuserkolonie hat ihre Kirche und ihre Schule, die zwischen den weißen Dächern und den schattigen Bäumen hervorgucken; ein Haus ist weißer als das andere; eine Jalousie grüner als die andere, und ein himmelblauer Tag hat einen blauern Himmel als der andere. Ein scharfer, trockener Wind und ein leichter Frost hatten die Wege so hart gefroren, daß die Furchen wie in Granit gehauene Gleise waren. Natürlich wirkte wieder alles funkelnagelneu. Jedes Häuschen sah aus, als wäre es denselben Morgen erst aufgebaut und angestrichen worden und als könnte man es am Montag ohne weiteres wieder wegnehmen. In der hellen Abendluft sahen die scharfen Umrisse der Gebäude noch hundertmal schärfer aus. Die saubern Kolonnaden hatten nicht mehr Perspektive als ein chinesisches Brückchen auf einer Teetasse und schienen ebensowenig für den Gebrauch berechnet. Die haarscharfen Kanten der einzeln stehenden Landhäuser schienen selbst den Wind zu schneiden, daß er mit schrillerem Pfeifen wie vor Schmerz zurückflog. Jene leicht und luftig gebauten Wohnungen, hinter denen die Sonne mit strahlendem Glanz unterging, waren so durchsichtig, daß nicht einen Augenblick daran zu denken war, es könne einer von ihren Insassen sich darin verbergen oder vor dem Zuschauer auf der Straße das geringste Geheimnis haben. Selbst wenn irgendwo ein lebendig flackerndes Feuer durch die gardinenlosen Fenster eines fernen Hauses leuchtete, sah es aus, als wäre es eben erst angezündet worden und habe nicht die Kraft zu wärmen; und statt den Gedanken an ein trauliches Gemach zu erwecken, mit warmen Tapeten ausstaffiert und voll heiterer Gesichter, die auf diesem selben Herd das erste Feuer gesehen, überkam es einen wie der Geruch von frischem Mörtel und feuchten Wänden.

So kam es mir vor, an jenem Abend wenigstens. Als jedoch den Morgen darauf die Sonne glänzend am Himmel stand und die hellen Kirchenglocken läuteten und stille, ernste Leute in ihren Sonntagskleidern den nahen Fußpfad belebten und wie zahllose Punkte auf der fernen, fadengleichen Straße anzuschauen waren, da ruhte wieder auf allem ein lieblicher, wohltuender Sabbatfrieden. Es fehlte eigentlich noch eine alte Kirche in der Umgegend, einige alte Gräber wären vielleicht noch besser gewesen, aber auch so, wie es war, beseelte eine heilsame Ruhe und Stille das Schauspiel, die nach dem stürmischen Ozean und dem rastlosen Treiben in der Stadt einen doppelt wohltätigen Einfluß auf Geist und Gemüt ausübte.

Am folgenden Morgen fuhren wir, wieder mit der Eisenbahn, nach Springfield. Von da bis Hartford, wohin wir reisen mußten, sind es nur fünfundzwanzig Meilen, aber um diese Jahreszeit waren die Wege so schlecht, daß die Fahrt wahrscheinlich zehn oder zwölf Stunden gedauert hätte. Glücklicherweise jedoch war der Winter ungewöhnlich gelinde und daher der Connecticut River »offen« oder, mit andern Worten, nicht zugefroren. Der Kapitän eines kleinen Dampfbootes wollte an diesem Tage (am zweiten Februar, wenn ich nicht irre) seinen ersten Ausflug der Saison machen und wartete nur, bis wir an Bord kämen. Wir ließen's uns natürlich nicht zweimal sagen und gingen an Bord. Der Kapitän hielt auch Wort und fuhr sogleich mit uns ab.

Das Schiff war gewiß nicht ohne Grund das »kleine Dampfboot« getauft worden. Ich fragte zwar nicht, glaube aber, es muß ungefähr eine halbe Pony-Kraft gehabt haben. Mr. Paap, der berühmte Zwerg, hätte in der Kajüte, die wie ein gewöhnliches Wohnhaus mit gewöhnlichen Schiebefenstern versehen war, ganz lustig leben und ganz selig sterben können. Diese Fenster hatten auch hellrote Gardinen, die an lockeren Schnüren über die unteren Scheiben niederhingen; man glaubte im Gastzimmer eines liliputanischen Hotels zu sein, welches bei einer Überschwemmung plötzlich flott geworden und nun auf den Wellen forttreibe, ohne zu wissen, wohin. Aber selbst in diesem Kämmerchen befand sich ein Schaukelstuhl. Ohne Schaukelstuhl, glaub ich, kommt man in Amerika nirgendwo aus.

Ich fürchte mich beinahe anzugeben, wieviel Fuß kurz und wieviel Fuß eng dieses Fahrzeug war: die Worte Länge und Breite bei einer solchen Vermessung zu gebrauchen, wäre eine contradictio in adjectis. Aber das kann ich berichten: wir hielten uns alle in der Mitte des Decks, damit das Boot nicht unerwartet umschlage, und die Maschine arbeitete, weiß Gott, durch welchen Verdichtungsprozeß, zwischen Deck und Kiel, so daß das Ganze ein warmes Sandwich von ungefähr drei Fuß Dicke bildete.

Es regnete den ganzen Tag so, wie ich sonst glaubte, daß es, außer im schottischen Hochland, nirgendwo auf Gottes Erdboden regnen könne. Der Fluß war voll von schwimmenden Eisschollen, die fortwährend unter uns krachten und barsten; und um den größeren Eismassen, welche die Strömung in der Mitte des Flusses abwärts wälzte, auszuweichen, ging unser Schifflein nicht mehr als einige Zoll tief im Wasser. Nichtsdestoweniger kamen wir hurtig vorwärts, und da wir uns gut eingemummt hatten, boten wir dem Wetter Trotz und freuten uns der Fahrt. Der Connecticut ist ein schöner Fluß, und seine Ufer sind im Sommer gewiß sehr schön; wenigstens ließ ich mir's von einer jungen Dame in der Kajüte sagen, der ein Urteil über das, was schön ist, zustehen müßte, wenn der Besitz einer Eigenschaft auch die Fähigkeit, dieselbe zu würdigen, einschließt; denn ein schöneres Geschöpf habe ich nie gesehen.

Zweieinhalb Stunden dauerte diese kuriose Wasserfahrt, wobei wir auch noch an einem Städtchen haltmachten, das uns zu Ehren einen Böller abfeuerte, der um ein beträchtliches größer als unser Schornstein war. So erreichten wir Hartford und begaben uns geradenwegs in ein Hotel, welches sehr behaglich eingerichtet war, die Schlafzimmer abgerechnet, welche fast überall wo wir hinkamen, uns zum Frühaufstehen antrieben.

Wir verweilten daselbst vier Tage. Die Stadt hat eine schöne Lage in einem von grünen Hügeln gebildeten Kessel; der Boden ist fruchtbar, waldreich und sorgfältig kultiviert. Hier haben die lokalen legislativen Behörden von Connecticut ihren Sitz, welche hochweise Körperschaft in vergangenen Tagen die berühmten Blue Laws erlassen hatte. Kraft dieser »blauen Gesetze« war – von andern erleuchteten Verfügungen gar nicht zu reden – jeder Bürger, dem man beweisen konnte, daß er am Sonntag sein Weib geküßt, straffällig und wurde, glaube ich, in den Block gelegt. Bis auf diese Stunde herrscht noch gar zu viel altpuritanischer Geist in diesen Gegenden; soviel ich aber weiß, hat er keineswegs dazu gedient, die Leute gerechter im Handel und Wandel und weniger zäh und geizig in ihren Geschäften zu machen. Da ich noch nie etwas von dergleichen Wirkungen des Puritanismus anderswo hörte, so glaube ich, daß er sie auch hier nie mehr haben wird. In der Tat pflege ich, was die frommen Mienen und salbungsvollen Worte mancher Leute betrifft, die Waren aus der andern Welt beinahe so wie die Waren dieser Erde zu beurteilen; und sooft ich einen, der mit solchen Artikeln handelt, so viel von seiner Ware am Fenster auskramen sehe, so zweifle ich ein wenig an der soliden Qualität dessen, was er drinnen hat.

In Hartford steht auch noch die berühmte Eiche, in welcher der Freibrief von König Karl verborgen war. Sie steht jetzt im Garten eines Privatmanns. Im Staatshaus befindet sich der Freibrief selbst. Die Gerichtshöfe fand ich hier wie in Boston; die öffentlichen Anstalten sind fast ebenso vortrefflich. Das Irrenhaus hat eine bewundernswerte Verwaltung, ebenso das Taubstummeninstitut.

Als ich im Irrenhaus hin und her ging, fragte ich sehr oft mich selbst, ob ich die Wärter von den Kranken hätte unterscheiden können, wenn sie nicht ein paar Worte mit dem Doktor über die ihrer Aufsicht anvertrauten Personen gewechselt hätten. Diese Bemerkung beschränkt sich natürlich nur auf ihre Blicke; denn die Gespräche der Verrückten waren wirklich verrückt.

Eine kleine alte gezierte Dame kam vom Ende einer langen Galerie auf mich zugewackelt und richtete mit einem unaussprechlich herablassenden Knix diese seltsame Frage an mich: »Blüht Pontefract noch auf englischem Boden, Sir?«

»Jawohl, Madame«, entgegnete ich.

»Als Sie ihn zuletzt sahen, war er –«

»Wohlauf, Madame«, fiel ich ein, »ganz wohlauf. Er bat mich, Ihnen sein Kompliment zu machen. Ich habe ihn nie muntrer gefunden.«

Hierüber war die alte Dame höchst erfreut. Nachdem sie mich einen Augenblick angesehen, um zu prüfen, ob es mir mit meinem ernsten Gesicht ernst sei, trat sie einige Schritte zurück, kam dann wieder vorwärts, machte einen plötzlichen Sprung (wobei ich mich eiligst ein paar Schritte zurückzog) und sagte: »Ich bin eine Antediluvianerin, Sir.«

Ich hielt es für das beste zu sagen, daß ich dies gleich von Anfang an geahnt hätte.

»Es ist etwas äußerst Erhebendes und Angenehmes, Sir, eine Antediluvianerin zu sein«, sagte die alte Dame.

»Das wollt ich meinen, Madame«, entgegnete ich.

Die alte Dame warf mir einen Handkuß zu, sprang wieder empor, lächelte, hüpfte auf die merkwürdigste Weise in der Galerie umher und spazierte mit Grazie in ihr Schlafzimmer.

In einem andern Teile des Gebäudes lag ein Patient im Bett; er war sehr aufgeregt und erhitzt. »Wohlan!« rief er, sich aufrichtend und seine Nachtmütze abnehmend. »Es ist endlich abgemacht. Ich hab's mit der Königin Victoria arrangiert.«

»Was denn?« fragte der Doktor.

»Nun jenes Geschäft«, erwiderte er, sich wie ermattet mit der Hand über das Gesicht fahrend, »das Geschäft wegen der Belagerung von New York.«

»Ah so!« sagte ich, wie einer, dem plötzlich ein Licht aufgeht; denn er sah mich fragend an.

»Ja. Auf jedes Haus, das kein Signal führt, wird von den britischen Truppen gefeuert. Den andern geschieht nichts; gar nichts. Diejenigen, welche sicher sein wollen, müssen Flaggen hissen. Das ist alles, was sie zu tun haben. Sie müssen Flaggen hissen.«

Indem er so sprach, schien er, wie ich glaube, doch eine dunkle Ahnung zu haben, daß sein Geschwätz unzusammenhängend sei. Sobald er ausgeredet hatte, legte er sich wieder hin, stöhnte und wickelte seinen brennenden Kopf in die Bettücher.

Ich sah noch einen andern jungen Mann, an dessen Irrsinn Liebe und Musik schuld waren. Nachdem dieser auf dem Akkordeon einen Marsch von eigener Komposition gespielt hatte ersuchte er mich recht dringend, in sein Zimmer zu treten, was ich denn auch sogleich tat.

Um recht gleichgültig zu scheinen und ihn in die bestmögliche Laune zu bringen, ging ich ans Fenster, von welchem aus man eine herrliche Aussicht genoß, und bemerkte mit einer Gewandtheit, auf welche ich mir viel zugute tat: »Was für eine prächtige Gegend Sie doch rings um Ihre Wohnung haben.«

»Pah!« entgegnete er, mit den Fingern nachlässig über die Tasten seines Instrumentes gleitend. »Gut genug für eine Anstalt wie diese!«

Ich glaube nicht, daß ich in meinem Leben jemals so verblüfft war.

»Ich komme nur aus Laune hierher«, fuhr er kaltblütig fort, »'s ist eine Grille von mir. Das ist alles.«

»Ah so, das ist alles!« erwiderte ich.

»Ja, das ist alles. Der Doktor ist ein lustiger Patron. Er geht ganz auf meine Grille ein; 's ist nur ein Spaß von mir. Eine Zeitlang gefällt es mir. Ich denke, ich werde nächsten Dienstag ausgehen; doch davon brauchen Sie gegen niemand etwas zu erwähnen!«

Ich versicherte ihm, daß ich unser Gespräch als vertraulich betrachten wolle, und ging wieder zum Doktor. Als wir uns durch die Galerie entfernen wollten, kam eine wohlgekleidete Dame von stillem, gesetztem Wesen uns entgegen, zog einen Streifen Papier und eine Feder hervor und bat mich um die Gefälligkeit, ihr mein Autogramm zu geben. Ich willfahrte ihr, und wir gingen weiter.

»Ich glaube, ich habe schon ähnliche Bitten von andern Damen außer diesem Hause erfüllt. Hoffentlich ist diese da nicht irrsinnig?«

»Doch.«

»Wie? Ist sie auf Autogramme versessen?«

»Nein; sie behauptet, Stimmen in der Luft zu hören.«

Nun! dachte ich; es wäre nicht übel, wenn wir einige falsche Propheten der neuern Zeit, die dasselbe behaupteten, so einsperren könnten; ich würde das Experiment mit einem oder ein paar Mormonen zuerst beginnen.

In Hartford steht das beste Gefängnis für noch nicht verhörte Verbrecher. Auch ist hier ein sehr gut eingerichtetes Staatsgefängnis, das nach denselben Prinzipien verwaltet wird wie das in Boston, nur daß hier stets eine Schildwache mit geladenem Gewehr an der Tür steht. Es waren zur Zeit ungefähr zweihundert Gefangene hier. In der Abteilung für die Schlafzimmer wurde mir eine Stelle gezeigt, wo vor einigen Jahren ein Wächter in der Stille der Nacht ermordet worden war, und zwar durch einen Gefangenen, der einen verzweifelten Versuch zur Flucht gemacht hatte. Auch wies man mir eine Frau, die der Ermordung ihres Mannes wegen bereits sechzehn Jahre gefangensaß.

»Glauben Sie«, fragte ich meinen Führer, »daß diese Frau nach so langer Gefangenschaft noch den geringsten Gedanken daran hat, ihre Freiheit wiederzuerlangen?«

»O ja, sicherlich!« lautete die Antwort.

»Vermutlich darf sie sich aber keine Hoffnung machen?«

»Nun, das weiß ich nicht.« (Dies ist, beiläufig gesagt, eine nationale Antwort.) »Ihre Freunde mißtrauen ihr.«

»Was haben ihre Freunde damit zu tun?« fragte ich natürlicherweise.

»Nun, sie wollen nicht für sie petitionieren.«

»Aber wenn sie dies auch täten, so würden sie sie, denke ich, doch nicht losbekommen?«

»Nun, das erste Mal gerade nicht, vielleicht auch das zweite Mal nicht; wenn sie aber ein paar Jahre damit fortführen, könnte es ihnen wohl gelingen.«

»Gelingt dies jemals in solchen Fällen?«

»O ja, zuweilen. Manchmal helfen auch politische Bekanntschaften dabei. Kurz auf die eine oder die andere Weise gelingt es gar oft.«

Hartford wird mir immer in angenehmer und dankbarer Erinnerung bleiben. Es ist ein freundlicher Ort, und ich hatte viele Freunde da, deren Andenken ich mir nie mit Gleichgültigkeit zurückrufen werde. Wir verließen es mit nicht geringem Bedauern am Freitag, dem 11., und gelangten noch denselben Abend mit der Eisenbahn nach New Haven. Unterwegs knüpfte ich mit dem Zugführer (wie dies bei solchen Gelegenheiten gewöhnlich der Fall war) eine förmliche Bekanntschaft an, und wir unterhielten uns über eine Menge Gegenstände von geringerer Wichtigkeit. Wir erreichten New Haven ungefähr um acht Uhr, nach einer Reise von drei Stunden, und logierten uns für die Nacht im besten Gasthaus ein.

New Haven, auch unter dem Namen »Ulmenstadt« bekannt, ist ein schöner Ort. Viele seiner Straßen, wie schon der letztern Name dartut, sind mit Reihen großer alter Ulmen bepflanzt; und dieselbe Zierde umgibt auch das Yale College, eine Anstalt von bedeutendem Rufe. Die verschiedenen Abteilungen derselben sind auf einer Art Park oder Allmende in der Mitte der Stadt errichtet, wo sie hinter den schattigen Bäumen kaum wahrzunehmen sind. Der Anblick des Ganzen gleicht fast der des Kirchhofs einer alten Kathedrale in England und muß, wenn die Bäume völlig entlaubt sind, sich sehr malerisch ausnehmen. Selbst im Winter geben diese alten Bäume den belebten Straßen ein sehr eigentümliches Aussehen, indem sie eine Art Verbrüderung zwischen Stadt und Land zu bilden scheinen, als ob diese einander auf halbem Wege getroffen und gegenseitige Freundschaft geschlossen hätten.

Am andern Morgen standen wir zeitig auf und gingen zum Kai und an Bord des Paketbootes »New York«, nach New York. Dies war das erste amerikanische Dampfboot, das ich bis jetzt gesehen hatte, und für das Auge eines Engländers sah es sicher auch weniger wie ein Dampfschiff als wie ein ungemein großes schwimmendes Bad aus. Es kam mir beinahe vor, als ob die Badeanstalt an der Westminsterbrücke, die ich als kleines Kind verlassen hatte, plötzlich zu enormer Große angewachsen, von zu Hause fortgeschwommen wäre und sich im fremden Weltteil als Dampfschiff etabliert hätte. Zumal in Amerika, welches unsre Abenteurer und Ausreißer so sehr lieben, schien es mir besonders wahrscheinlich.

Der Hauptunterschied zwischen den amerikanischen und englischen Paketbooten besteht darin, daß bei den erstern sehr viel über dem Wasser hervorragt; das Hauptdeck ist auf allen Seiten umschlossen und mit Fässern und Warenballen angefüllt, und das Promenaden- oder Sturmdeck erstreckt sich wieder über diesem. Ein Teil der Maschine befindet sich stets über diesem Deck, wo man die Verbindungsstange wie einen eisernen Säger in ununterbrochener Arbeit sieht. Selten findet man Mast oder Takelwerk; nichts befindet sich über dem Ganzen als zwei große schwarze Schornsteine. Der Mann am Steuerruder ist in einem kleinen Hause im Vorderteil des Schiffs eingeschlossen (das Rad ist mit dem Ruder durch eiserne Ketten verbunden, die sich das ganze Deck entlang hinziehen), und die Passagiere, wenn das Wetter nicht ganz schön ist, versammeln sich gewöhnlich unten. Sowie man den Kai verläßt, hört alles Leben und Regen, alle Tätigkeit des Paketbootes auf. Man wundert sich lange, wie es sich nur fortbewegen kann, denn es scheint niemand Aufsicht darüber zu führen, und wenn eine andere dieser kuriosen Maschinen vorbeiplätschert, so wird man über das plumpe, unbeholfene, unschiffartige Aussehen dieses Leviathans ordentlich unwillig und vergißt gänzlich, daß man sich an Bord des Gegenstückes dazu befindet.

Auf dem unteren Deck befinden sich stets eine Expedition, wo man das Fahrgeld bezahlt, eine Damenkajüte, Gepäckräume, das Zimmer des Maschinenmeisters, kurz so verschiedenerlei Räumlichkeiten, daß die Auffindung der Herrenkajüte ordentlich schwierig wird. Diese letztere Kajüte zieht sich oft (wie es gerade bei uns der Fall war) durch die ganze Länge des Schiffs hin und hat drei oder vier übereinander befindliche Reihen von Schlafstellen auf jeder Seite. Als ich das erste Mal in die Kajüte der »New York« hinabstieg, däuchte sie meinen ungewohnten Augen ungefähr ebenso lang wie die Burlington Arcade.

Der Sund, den man auf diesem Wege zu passieren hat, bietet nicht immer eine sehr sichere oder angenehme Schiffahrt, und es ist daselbst schon mancher Unfall vorgekommen. Es war ein feuchter und sehr nebliger Morgen, und wir verloren gar bald das Land aus der Sicht. Der Tag war jedoch ruhig und klärte sich gegen Mittag auf. Nachdem ich (mit Hilfe eines guten Freundes) meinen Speisevorrat und einige Flaschen Bier genossen hatte, legte ich mich nieder, um zu schlafen, denn ich war von den Strapazen des Vortages noch sehr ermüdet. Ich erwachte jedoch noch zeitig genug von meinem Schläfchen, um hinaufeilen und das »Höllentor«, den »Schweinsrücken«, die »Bratpfanne« und andere berühmte Örtlichkeiten, die für alle Leser der Geschichte des bekannten Diedrich KnickerbockerWashington Irving (Anmerkung des Übersetzers). anziehend sein mögen, betrachten zu können. Wir waren jetzt in einem engen Kanal, dessen Ufer zu beiden Seiten sanft emporstiegen; hie und da zeigten sich einzelne liebliche Villen, und das Auge wurde durch den Anblick von Rasen und Bäumen erquickt. Bald schossen wir schnell nacheinander vor einem Leuchtturm, einer Irrenanstalt (oh, wie da die Wahnsinnigen ihre Mützen in die Höhe warfen und in Sympathie mit der dahinbrausenden Maschine und der treibenden Flut laut aufbrüllten!), einem Gefängnis und einigen andern Gebäuden vorüber und langten endlich in einer prächtigen Bucht an, deren Wasser in dem jetzt klaren Sonnenscheine wie zum Himmel aufleuchtende Augen der Natur blitzten.

Zu unsrer Rechten dehnten sich kunterbunt durcheinander eine Menge Häuser aus, aus denen an manchen Stellen ein Turm emporstieg und mit Verachtung auf die andern Gebäude herabzublicken schien; hie und da stieg eine träge Rauchwolke gen Himmel, und im Vordergrunde drängte sich ein Wald von Masten mit klatschenden Segeln und wehenden Flaggen. Aus diesem Mastenwald hervor fuhren ununterbrochen kleine Dampfboote, beladen mit Menschen, Kutschen, Pferden, Wagen, Körben, Kisten, zum gegenüberliegenden Ufer hinüber. Unter diesen ruhelosen Insekten ragten stattlich einige große Schiffe hervor, die sich als Geschöpfe einer höheren Klasse mit stolzem majestätischem Schritt zwischen jenen hindurchbewegten, um in die offene See hinauszufahren. Weiterhin sah man heitere freundliche Anhöhen und Flußinseln und eine Fernsicht, kaum weniger blau und klar als der Himmel, in welchen sie überzufließen schien. Das summende Treiben der Stadt, das Tönen der Gangspille, das Rasseln von Rädern, das Gebell von Hunden schlug an unser lauschendes Ohr. Und all dies lebendige Treiben, über die regsamen Gewässer herüberklingend, schien durch seinen freien Verkehr mit diesen neues Leben zu gewinnen, und über ihre Oberfläche wie im Spiel dahingleitend, schloß es das Schiff ringsum ein, warf plätschernd das Wasser an seinen Seiten hoch empor, geleitete es freundlich in das Dock und flog dann fort, um andere Ankömmlinge zu begrüßen und ihnen voraus nach dem geschäftigen Hafen zu eilen.

 

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