Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Charles Dickens >

Aufzeichnungen aus Amerika

Charles Dickens: Aufzeichnungen aus Amerika - Kapitel 2
Quellenangabe
typereport
authorCharles Dickens
titleAufzeichnungen aus Amerika
publisherWinkler Verlag
editorSiegfried Schmitz
yearo.J.
translatorE. A. Moriarty
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20140926
modified20180604
projectid252c7a82
Schließen

Navigation:

1. Kapitel

Die Abreise

Nie vergesse ich das einviertel ernste und dreiviertel komische Erstaunen, mit dem ich am Morgen des dritten Januar achtzehnhundertzweiundvierzig den Kopf durch die Türe eines »Staatszimmers« an Bord der »Britannia« steckte, eines Dampfpaketbootes von zwölfhundert Registertonnen, das Ihrer Majestät Post beförderte und nach Halifax und Boston bestimmt war.

Daß dieses Prunk- und Staatsgemach ausdrücklich für »Charles Dickens, Esquire, nebst Gemahlin« gemietet worden, wurde in diesem Augenblick selbst meinem verblüfften Verstande hinlänglich klar durch ein gar kleines Zettelchen, welches auf einem gar flachen Polsterchen über einer gar dünnen Matratze steckte, die gleich einem Wundpflaster über ein höchst unnahbares Kojengesims gelegt war. Also dies sollte das Staatsgemach sein, über welches Charles Dickens, Esquire, und dessen Frau Gemahlin wenigstens vier Monate lang vorher miteinander Tag und Nacht verhandelt hatten: dies konnte wirklich jenes kleine, trauliche Zimmer sein, von dem Charles Dickens, da der prophetische Geist über ihn kam, stets vorausgesagt hatte, es werde wenigstens ein kleines Sofa enthalten, und von dem Frau Dickens zwar bescheidene, aber doch so großartige Begriffe hatte, daß sie anfangs meinte, es würden sich nicht mehr als zwei sehr große Mantelsäcke in einer versteckten Ecke unterbringen lassen (Mantelsäcke, die sich jetzt ebenso leicht durch die Tür zwängen ließen wie ein Kamel durch ein Nadelöhr oder eine Giraffe in einen Blumentopf): und dieses völlig unerträgliche, ganz trostlose, unselige Loch sollte die entfernteste Ähnlichkeit, Verwandtschaft oder Verbindung mit jenen zierlichen, sauberen, ja sogar prächtigen kleinen Gemächern haben, die eine Meisterhand auf den gleißenden lithographierten Plan hingezaubert hatte, der in dem Kontor des Schiffsagenten in der Londoner City hing? Kurz, dieses Staatsgemach sollte nicht bloß eine hübsche Erdichtung, ein launiger Scherz des Kapitäns sein, erfunden, um die Freude an dem wirklichen, sogleich mit eleganten Flügeltüren aufgehenden Staatsgemach desto mehr zu erhöhen? Es wollte mir nicht in den Kopf, und doch war es so, es war die lautere, nackte Wahrheit. Und ich setzte mich nieder auf eine Art von roßhaarenem Polstersitz – es waren zwei solche Sitze vorhanden – und sah, mit völlig nichtssagender Miene, wie ich selbst fühlte, einige Freunde an, die mit uns an Bord gekommen waren und ihre Gesichter auf jede mögliche Weise zusammenfalteten, um sie durch die kleine, schmale Türe zu bringen.

Wir hatten, ehe wir herunterkamen, einen ziemlich heftigen Schock empfunden, der uns, wären wir nicht die sanguinischsten Menschen von der Welt, auf das Schlimmste hätte gefaßt machen können. Der bereits erwähnte phantasiereiche Künstler hat in demselben großen Werk einen Saal mit einer beinahe endlosen Fernsicht abgebildet, der, wie Mr. Robins sagen würde, mit mehr als orientalischer Bilderpracht möbliert und mit außerordentlich fröhlichen und lebhaften Gruppen von Herren und Damen (ganz bequem) angefüllt erschien. Ehe wir nun in die Eingeweide des Schiffes hinunterstiegen, waren wir vom Deck aus in ein langes, schmales Zimmer gelangt, das beinahe einem gigantischen, mit Seitenfenstern versehenen Leichenwagen glich; am oberen Ende befand sich ein melancholischer Ofen, an dem sich drei oder vier frierende Stewards die Hände wärmten, während auf beiden Seiten, der ganzen fürchterlichen Länge nach, eine lange, lange Tafel stand, und darüber, an die niedrige Decke befestigt, ein raufenartiger Sims hing, vollgestopft mit Trinkgläsern und Öl- und Essigständern, welche durch die Sorgsamkeit, mit der sie festgehalten waren, schauerlich genug auf stürmische Wogen und grimmiges Seewetter deuteten. Damals hatte ich die ideale Abbildung dieses Zimmers, welche mir seitdem so viel Vergnügen gemacht hat, noch nicht zu sehen bekommen, allein ich bemerkte, daß einer von meinen Freunden, der uns bei den Vorbereitungen zur Reise geholfen hatte, beim Eintreten ganz blaß wurde, sich zu einem andern Freunde hinter ihm zurückzog, diesem unwillkürlich mit dem Kopf an die Stirn schlug und »Unmöglich! Es kann nicht sein!« oder etwas Ähnliches zwischen den Zähnen brummte. Er erholte sich indessen mit einiger Anstrengung wieder, hustete erst ein- oder zweimal und rief mit einem geisterhaften Lächeln, das mir noch immer vor Augen schwebt, indem er zugleich alle vier Wände ansah: »Ha! das Frühstückszimmer, Steward – he?« Wir sahen alle die Antwort voraus: wir sahen sein schmerzliches Seelenleiden. Er hatte oft von dem »Salon« gesprochen, hatte sich ganz in das gemalte Zimmer hineingelebt und uns zu Hause zu verstehen gegeben, daß man, um sich einen richtigen Begriff davon zu machen, die Größe und Möblierung eines gewöhnlichen Salons mit sieben multiplizieren müsse – und da werde man seine Erwartungen in der Wirklichkeit noch weit übertroffen finden. Als nun der Steward die Wahrheit gestand, die nackte, lautere, schonungslose Wahrheit: »Ja, dies ist der Salon, Sir«, da taumelte er, im buchstäblichen Sinn des Wortes, wie von einem Schlag des Schicksals getroffen, zurück.

Bei Menschen, die so bald voneinander gehen und ihren sonst täglichen Verkehr durch die furchtbare Kluft von vielen tausend Meilen stürmischen Raumes unterbrechen sollten und die deshalb nicht einmal durch den vorübergehenden Schatten einer augenblicklichen Enttäuschung oder Unbehaglichkeit die kurze Frist, die ihnen noch zu glücklichem Beisammensein blieb, trüben wollten – bei Menschen in solcher Lage war der Übergang von der ersten Überraschung zu einem herzlichen Gelächter höchst natürlich; und ich meinesteils kann versichern, daß ich, noch auf dem roßhaarenen Polster sitzend, dermaßen zu lachen anfing, daß es im ganzen Schiff widerhallte. So kamen wir in weniger als zwei Minuten alle zur Überzeugung, daß dieses Staatszimmer das angenehmste, niedlichste und kostbarste Ding von der Welt sei und daß es ein höchst beklagenswerter, trauriger Stand der Dinge sein würde, wenn es nur um einen Zoll größer wäre. Nun stellten wir Experimente an – machten die Türe beinahe ganz zu und wanden uns wie die Schlangen aus und ein; und indem wir den kleinen Waschplatz als Stehraum rechneten, überzeugten wir uns, daß vier Personen auf einmal in dem Zimmer Platz hätten; dann ersuchten wir einer den andern zu bemerken, wie hübsch luftig es sei (natürlich auf dem Deck) und wie schön es sei, daß man die Stückpforte den ganzen Tag offenlassen könne (wenn es nämlich das Wetter erlaubte), und wie sich ein großes Bullauge über dem Spiegel befinde, vor dem man sich mit der größten Bequemlichkeit und Wonne werde rasieren können (falls nämlich das Schiff nicht zu sehr stampfte); und so kamen wir endlich zu der einstimmigen Überzeugung, daß das Zimmer eigentlich sehr geräumig sei; obwohl ich glaube, daß, die zwei Kojen übereinander abgerechnet – nächst Särgen die kleinsten Schlafbehälter, die es gibt –, die ganze Stube nicht größer war als eines jener Mietkabrioletts, bei denen die einzige Türe sich hinten befindet und die ihre lebendige Ladung wie einen Sack mit Kohlen auf das Straßenpflaster ausschütten.

Nachdem wir diesen Punkt zur allgemeinen Zufriedenheit sämtlicher Anwesenden, der Beteiligten wie Unbeteiligten, erledigt hatten, setzten wir uns in der Damenkajüte rund um das Kaminfeuer – nur um zu sehen, wie es sich machen würde. Es war etwas dunkel, allerdings; aber einer meinte: »Auf See wird es natürlich hell sein«, eine Voraussetzung, der wir alle beistimmten, mit dem allgemeinen Echo: »Natürlich, natürlich«; obgleich es uns schwergefallen wäre zu sagen, warum. Ich erinnere mich auch, als wir einen andern tröstenden Umstand entdeckt und besprochen hatten – daß nämlich diese Damenkajüte an unser Staatszimmer stieß und daß wir daher zu jeder Tages- und Jahreszeit dort würden sitzen können –, wie wir in ein momentanes Stillschweigen versanken, den Kopf in die Hand gestützt und ins Feuer starrend, und wie einer von uns mit der feierlichen Miene eines Philosophen, der eben eine große Wahrheit entdeckt hat, ausrief: »Wie herrlich wird hier unten ein Glas Glühwein schmecken!« Und uns allen leuchtete die Wahrheit dieser Worte plötzlich so überraschend ein, als müßte in dergleichen Kajüten an und für sich schon etwas besonders Würziges und Duftiges sein, was jenes Getränk wesentlich verbessere und versüße, so daß man es an keinem andern Orte der Welt in solcher Vollkommenheit bekommen könne.

Auch eine Aufwärterin war da, die mit emsiger Geschäftigkeit saubere, weiße Servietten und Tischtücher geradezu aus den Eingeweiden der Sofas und aus unvermuteten Schubfächern hervorzog, die so künstlich angebracht waren, daß man Kopfweh bekam, wenn man sah, wie sie eins nach dem andern öffnete. Ja, es war wirklich beunruhigend, ihr Treiben zu beobachten und zu bemerken, wie jede Ecke, jeder Winkel, jedes Möbel außer seiner ursprünglichen und angeblichen Bestimmung noch eine andere hatte, ein Versteck war, dessen scheinbarer Zweck sein geringster und am wenigsten brauchbarer war.

Gott lohne es jener Aufwärterin! Wie zärtlich trügerisch war ihre Ausmalung einer Januarreise! Gott lohn ihr die deutliche Erinnerung an ihre vorjährige Überfahrt, wo, wie sie sagte, niemand unwohl ward und alles tanzte vom Morgen bis zum Abend und die ganze Reise eine Spazierfahrt von zwölf Tagen, ein wahrer Spaß, eine Lust und Wonne war! Der Himmel segne sie für ihr heiteres Gesicht und ihren freundlichen schottischen Dialekt, der so viel altheimatliche Klänge für meine liebe Gefährtin hatte; für ihre Prophezeiung günstiger Winde und schönen Wetters (was alles nicht eintraf, sonst hätte ich sie ja nicht halb so lieb); für die zehntausend kleinen Züge echt weiblichen Taktes, mit denen sie, ohne weitläufige methodische Ausarbeitung und künstliche Beredsamkeit, so deutlich bewies, daß alle jungen Mütter auf der einen Seite des Ozeans ihren kleinen Kindern, die sie auf der andern zurückgelassen, ganz nahe und bei der Hand wären und daß, was den Uneingeweihten als eine ernste und bedenkliche Reise erscheine, für die, welche im Geheimnis wären, eine bloße Lustbarkeit zum Singen und Jubeln sei! Leicht sei ihr das Herz und heiter blinkend ihre hell lachenden Augen noch jahrelang!

Das Staatszimmer war sehr schnell gewachsen; aber jetzt hatte es sich gar zu einem großartigen Saal ausgedehnt und prahlte gleichsam mit einem prachtvollen Bogenfenster, mit der Aussicht auf die See. Wir kehrten daher in der fröhlichsten Laune auf das Deck zurück. Da war alles in so geräuschvoller Tätigkeit und Reisefertigkeit begriffen, daß einem das Blut an diesem klaren, frostigen Morgen vor unwillkürlicher Freude rascher durch die Adern wirbelte. Denn alle die stattlichen Schiffe ritten langsam auf und nieder, und die kleinen Boote plätscherten mit Gelärm in den Wellen; einzelne Gruppen standen auf der Werft und blickten mit einer Art von »schaurigem Entzücken« auf den weitberühmten schnellen amerikanischen Dampfer; einige Seeleute »nahmen die Milch«, das heißt die Kuh an Bord; andere füllten die Eiskeller bis an den Schlund mit frischem Vorrat, mit frischem Fleisch und Gemüse, weißen Ferkeln, Kalbsköpfen zu zwanzigen, Rind-, Kalb-, Schweinefleisch und einer unverhältnismäßigen Menge Geflügel; wieder andere wickelten Taue ein und machten sich mit aufgedrehtem Tauwerk zu schaffen; noch andere ließen schweres Gepäck in den Schiffsraum hinab; und der Kopf des Proviantmeisters war kaum zu sehen, wie er mit außerordentlich verdutztem Gesicht aus einem ungeheuern Stoß von Passagierbagage hervorguckte; niemand schien an etwas anderes zu denken als an die Vorbereitungen zu dieser gewaltigen Seefahrt. Dabei die kalte, hellstrahlende Sonne, die stärkende Luft, die kräuselnden Wasser und die dünne weiße Eiskruste auf den Decks, die mit scharfem, munterem Klang unter dem leichtesten Fußtritt knisterte – es war unwiderstehlich. Und als wir, ans Ufer zurückgekehrt, uns umblickten und vom Mastbaum den Namen des Schiffes auf lustigen Wimpeln herabwinken sahen und daneben flatternd das schöne amerikanische Banner mit seinen Sternen und Streifen, da schrumpften die langen dreitausend und mehr Meilen und die ganzen sechs Monde Abwesenheit so zu nichts zusammen, als ob das Schiff fort- und wieder zurückgefahren und es wieder heller Frühling wäre in den Coburg-Docks zu Liverpool.

Ich habe mich bei meinen ärztlichen Bekannten nicht einmal erkundigt, ob Schildkrötensuppe und kalter Punsch mit Rheinwein, Champagner und Burgunder und alle die kleinen Etceteras, die gewöhnlich in unbegrenzter Aufeinanderfolge zu einem guten Diner gehören – vor allem wenn seine Zusammenstellung der großzügigen Gesinnung meines ehrenwerten Freundes Mr. Radley vom Adelphi-Hotel überlassen ist –, vor einer Seereise empfehlenswert sind oder ob vielleicht eine schlichte Hammelkeule und ein oder zwei Gläser Sherry weniger in einen fremdartigen und beunruhigenden Magenballast sich zu verwandeln drohen. Meiner Meinung nach ist es, am Abend vor einer Seereise, sehr gleichgültig, ob einer mit diesen Artikeln mäßig und vorsichtig umgeht oder nicht, weil es bei dem einen wie beim andern zuletzt dasselbe Ende nimmt. Dem sei jedoch wie ihm wolle, ich weiß nur so viel zu sagen, daß an jenem Tage das Diner unbedingt vortrefflich war; daß es alle diese Dittos und noch eine Masse mehr enthielt und daß wir alle ihm wacker zugesprochen haben. Auch weiß ich, daß wir – abgesehen von einem gewissen Stillschweigen über alles, was den kommenden Tag betraf, so wie es zwischen einem zartfühlenden Kerkermeister und einem empfindsamen Delinquenten herrschen mag, der am nächsten Morgen gehenkt werden soll – im ganzen recht munter und fröhlich waren.

Als der Morgen kam und wir uns beim Frühstück trafen, da war es merkwürdig, wie eifrig wir uns alle bemühten, das Gespräch nicht einen Augenblick pausieren zu lassen, und wie erstaunlich lustig jedermann war; diese forcierte gute Laune eines jeden in unserer kleinen Gesellschaft verhielt sich zu seiner natürlichen gewöhnlichen Stimmung, wie Treibhauserbsen, die das Quart fünf Guineen kosten, sich in Geschmack und Duft zu den Kindern der freien Luft, des Taues und Regens verhalten. Aber als ein Uhr, die zum Einschiffen festgesetzte Stunde, näher kam, schwand dieser geschwätzige Leichtmut trotz des hartnäckigsten Widerstandes nach und nach hin, bis wir zuletzt, wo die Sache verzweifelt ernst zu werden anfing, alle Verstellung fahren ließen. Nun dachten wir laut und offen darüber nach, wo wir morgen um diese Zeit, übermorgen, überübermorgen usw. sein würden; dann beeilten wir uns, den Freunden, die noch diesen Abend nach London zurückkehren wollten, eine Menge Aufträge und Bestellungen mitzugeben, die zu Hause und anderswo gewiß und ja so bald als möglich nach der Ankunft des Dampfwagens in Euston Square ausgerichtet werden sollten. Und die Erinnerungen, Botschaften und Grüße häufen sich in solchen Augenblicken dermaßen, daß wir noch auf diese Weise beschäftigt waren, als wir uns plötzlich, gleichsam in einen dichten Haufen von Passagieren, Passagierfreunden und Bagage zusammengeballt, alle durcheinander auf das Verdeck eines kleinen Dampfers geworfen sahen und mit diesem auf die »Britannia« zu keuchten und schnoben, die gestern nachmittag aus den Docks abgegangen war und jetzt im Strom vor Anker lag.

Und siehe da! Alle Augen blicken hin nach ihr, nach der »Britannia«, die nur trüb durch die aufsteigenden Nebel des frühen Winternachmittags zu erkennen ist; alle Finger deuten auf sie, und alle Lippen murmeln teilnehmend und bewundernd: »Wie schön sie aussieht!« – »Wie niedlich sie ist!« Selbst der träge Herr, mit dem Hut auf einem Ohr und den Händen in den Seitentaschen des Rockes, er, der so viel Trost verbreitet hatte durch die Frage, die er gähnend an einen andern stellte, »ob er auch hinüber« wolle – als ob von der Fähre über einen Fluß die Rede sei –, selbst er läßt sich herab, dahin zu blicken und mit dem Kopf zu nicken, als wollte er sagen: »Ganz richtig«, und selbst der weiße Lord Burleigh, berühmt als Kopfnicker, sagte nicht halb soviel, wenn er nickte, wie unser träger Herr, der die Überfahrt – jedes Kind an Bord hat's bereits erraten, weiß der Himmel, wieso dreizehnmal ohne den geringsten Unfall gemacht hat! Noch ein Passagier ist da, bis über die Ohren eingemummt und eingewickelt, den die übrigen in den Tod verachtet und moralisch mit Füßen getreten haben; denn er hatte sich herausgenommen, mit einem an Furchtsamkeit grenzenden Interesse zu fragen, wie lang es her sei, daß die arme »President« untergegangen. Er steht dicht neben dem trägen Herrn und sagt mit einem zaghaften Lächeln, er glaube, die »Britannia« sei ein sehr starkes Schiff; der träge Herr sieht erst den Fragenden an, dann späht er sehr scharf nach dem Wind und erwidert unerwarteter- und ominöserweise, das sei auch vonnöten. Augenblicklich sinkt der träge Herr sehr tief in der öffentlichen Meinung, und die Passagiere flüstern, verhöhnende Blicke gegen ihn schleudernd, einander ins Ohr, er sei ein Brummbär, ein Betrüger und verstehe soviel davon wie der Esel vom Lautenschlagen.

Aber rasch werden wir dem Dampfpaketboot näher gebracht, dessen ungeheurer roter Schornstein bereits wacker raucht und die ernsthaftesten Absichten verrät. Kisten, Koffer, Seesäcke und Schachteln wandern schon mit atemloser Geschwindigkeit von Hand zu Hand an Bord des Schiffes. Die Offiziere, hübsch aufgedonnert, stehen am Eingang, helfen den Passagieren hinauf und treiben die Mannschaft zur Eile an. In fünf Minuten ist der kleine Dampfer gänzlich verlassen und das Paketboot dafür überfüllt von den Ankömmlingen, die sogleich das ganze Fahrzeug auf und nieder rennen und zu Dutzenden in jedem Winkel und jeder Ecke anzutreffen sind. Sie stürzen erst mit ihrem Gepäck hinunter und stolpern über die Bagage anderer Leute; dann machen sie sich's, jeder in der unrechten Kajüte, bequem und richten die heilloseste Verwirrung an, indem sie wieder herausmüssen; sie sind wie versessen darauf, verschlossene Türen aufzumachen und überall, wo sie nicht hingehören oder wo gar kein Durchgang ist, sich Bahn zu brechen; endlich jagen sie die scheu gewordenen Kellner und Proviantmeister mit ihren gespenstisch flatternden Haaren hin und her über die windigen Decks, um ihnen die unverständlichsten und unausführbarsten Bestellungen auszurichten: kurz sie bringen den unerhörtesten Tumult hervor. Mitten in diesem Wirrwarr spaziert der träge Herr, der gar kein Gepäck – nicht einmal einen Freund – mitzuhaben scheint, auf dem Sturmdeck hin und her und raucht gemächlich seine Zigarre; und da dieses ruhige Wesen ihn in der Meinung derjenigen, welche Muße haben, ihm zuzusehen, wieder sehr hoch stellt, so folgen sie jedem seiner Blicke mit ängstlicher Neugier; sieht er nach dem Mast hinauf oder aufs Deck hinab oder über die Seitenplanken hinaus, so tun sie desgleichen, als meinten sie, er müsse irgendwo einen Fehler bemerken, und hoffen, er werde die Güte haben, es ihnen gegebenenfalls zu sagen.

Was gibt's da? Das Boot des Kapitäns! Und da ist er schon selbst. Nun, bei allen unsern Hoffnungen und Wünschen, das ist ganz unser Mann, ganz unser Kapitän, wie er sein soll! Ein hübscher, strammer, flinker kleiner Mann; rotwangig und mit einem Gesicht, das einen einlädt, ihm gleich beide Hände auf einmal zu schütteln; mit ehrlichen, hellblauen Augen, daß es einem wohltut, sein eigenes Konterfei drin abgespiegelt zu sehen. »Läutet einmal!« – Kling, kling, kling! sogar die Glocke beeilt sich. »Nun, wer gehört noch an Land – wer geht an Land zurück?« – »Diese Herren da müssen zurück, es tut mir leid.« – Sie sind fort und sagten nicht einmal Ade! Ach! jetzt winken wir uns ein Ade zu aus dem kleinen Boot. »Lebt wohl! Lebt wohl!« Dreimaliger Gruß von ihrer, dreimaliger von unserer Seite, dreimaliger von ihrer, und fort sind sie.

So geht es noch hundertmal her und hin und hin und her! Dieses Warten auf den letzten Postsack ist schlimmer als alles. Hätten wir mitten in diesem letzten Getöse und Wirrwarr abfahren können, so wär's ein Triumph gewesen; aber noch über zwei Stunden dazuliegen, in dem feuchten Nebel, weder zu Hause zu bleiben noch zu reisen, das heißt einen nach und nach in die tiefsten Abgründe der Langeweile und der Niedergeschlagenheit hinabsenken. Endlich zeigt sich ein dunkler Fleck durch den Nebel! Da kommt was! Es ist das erwartete Boot! Das läßt sich hören. Der Kapitän erscheint mit seinem Sprachrohr auf dem Räderkasten; die Offiziere sind flugs auf ihren Posten; alle Hände sind in Bewegung; die schwankenden Hoffnungen der Passagiere erheben sich wieder; die Köche feiern ein Weilchen in ihrem geschmackvollen Tagewerk und gucken mit teilnehmender Miene heraus. Das Boot kommt längsseits, die Säcke werden ohne Umstände hereingezerrt und für den Augenblick in den ersten besten Winkel geworfen. Wieder drei Cheers: und wie das erste uns in den Ohren klingt, bebt und hebt sich pochend das Schiff wie ein mächtiger Riese, der just den Lebensodem bekommen hat; die zwei großen Räder drehen sich zum erstenmal mit Blitzesschnelle, und die edle »Britannia«, Wind und Flut hinter sich, bricht stolz durch die aufgepeitschten, schäumenden Wogen hindurch.

 

 << Kapitel 1  Kapitel 3 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.