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Aufzeichnungen aus Amerika

Charles Dickens: Aufzeichnungen aus Amerika - Kapitel 19
Quellenangabe
typereport
authorCharles Dickens
titleAufzeichnungen aus Amerika
publisherWinkler Verlag
editorSiegfried Schmitz
yearo.J.
translatorE. A. Moriarty
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20140926
modified20180604
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18. Kapitel

Schlußbemerkungen

Manche Stellen sind in diesem Buch, bei denen ich mit einiger Mühe der Versuchung widerstanden habe, meine Leser mit meinen Folgerungen und Schlüssen zu belästigen; aber ich zog vor, ihnen die einfachen Tatsachen vorzulegen und sie selbst urteilen zu lassen. Mein alleiniger Zweck war, sie treulich dahin zu führen, wo ich hinging, und diesen habe ich erreicht.

Aber man wird mir verzeihen, wenn ich über den Eindruck, den der allgemeine Charakter des amerikanischen Volkes und der ihres gesellschaftlichen Systems auf das Gemüt des Fremden machen, meine Meinung in wenigen Worten auszusprechen wünsche, ehe ich dies Buch schließe.

Die Amerikaner sind von offenem, tapferem, herzlichem, gastfreiem und liebenswertem Charakter. Die Bildung ihrer Gesinnung scheint die Wärme ihres Herzens und die Begeisterung für alles Schöne nur zu erhöhen, und diese letztern Eigenschaften, welche die Amerikaner in höherem Grade besitzen, machen einen gebildeten Amerikaner zum herzlichsten und edelsten Freund. Mir sind noch nie so einnehmende Menschen erschienen wie diese Klasse; ich habe nie mein volles Vertrauen und meine volle Achtung so bereitwillig hingegeben wie an diese; und ich werde gewiß nie wieder in der Zeit eines halben Jahres so viele Freunde gewinnen, für die ich die Achtung eines halben Lebens zu fühlen scheine.

Die Eigenschaften sind, wie ich unbedingt glaube, dem ganzen Volke angeboren. Daß sie aber unter dem großen Haufen sehr in ihrem Wachstum verkümmern und daß Einflüsse tätig sind, welche sie noch weit mehr gefährden und nur wenig Hoffnung zu ihrem vollkommnen Gedeihen lassen, ist eine Wahrheit, die nicht verhehlt werden darf.

Jedem Nationalcharakter ist es eigen, sich gewaltig viel auf seine Fehler zugute zu tun und die Übertreibung derselben als Zeichen seiner Tugend und Weisheit anzuführen. Ein großer Makel des amerikanischen Volkscharakters und die fruchtbare Quelle zahlloser Übel ist der allgemein herrschende Geist des Mißtrauens. Und doch ist der Amerikaner imstande, sich dieses Geistes zu rühmen, selbst wenn er leidenschaftslos genug ist, um die Verwüstungen, die er anrichtet, einzusehen; und oft wird er ihn, seiner eigenen Vernunft zum Trotz, als einen Beweis von der Schlauheit, dem Scharfsinn und dem überlegenen, selbständigen Charakter seines Volkes anführen.

»Ihr übertragt diesen Geist des Argwohns und der Eifersucht«, sagte ihnen der Fremde, »auf jede Handlung des öffentlichen Lebens. Indem die Würdigeren von euren gesetzgebenden Versammlungen zurückgeschreckt werden, ist eine Klasse von Wahlkandidaten entstanden, die in jeder Handlung eure Institutionen und die Wahl des Volkes schändet. Es hat euch so flatterhaft und veränderlich gemacht, daß eure Unbeständigkeit zum Sprichwort geworden ist, denn kaum habt ihr euch einen Götzen eingesetzt, so reißt ihr ihn nieder und zerschmettert ihn in tausend Stücke, und zwar, weil ihr jedem Wohltäter oder Staatsdiener, sobald ihr ihn belohnt, zu mißtrauen anfangt, bloß weil er belohnt ist; und gleich bemüht ihr euch selbst herauszufinden, daß ihr entweder in eurer Anerkennung zu wohlwollend oder er in seinen Verdiensten zu schwach gewesen sei. Wer immer unter euch eine hohe Stellung erlangt, vom Präsidenten bis zum niedrigsten Schreiber herab, kann von dem Augenblick an seinen Sturz datieren; denn jede gedruckte Lüge, aus der Feder des anerkanntesten Schurken geflossen, kann mit Sicherheit auf euer Mißtrauen spekulieren und findet Glauben, wenn sie auch direkt gegen den Charakter und den guten Ruf eines ganzen Lebens streitet. Ihr sucht nach jedem Stäubchen eines Vorwurfs, wenn ihr jemand sein wohlverdientes Vertrauen schenken sollt, und seht die unschuldigste Mücke, die euch in den Weg kommt, mit scheelen Augen an; aber ganze Karawanenzüge von Kamelen werdet ihr herunterschlingen, wenn sie nur mit unwürdigen Zweifeln und niedrigem Verdacht beladen sind. Glaubt ihr, das sei gut oder diene dazu, den Charakter des Regierenden wie der Regierten zu heben?«

Die Antwort darauf ist immer dieselbe: »Hier sind alle Meinungen frei, wissen Sie. Jeder denkt für sich, und wir lassen uns nicht leicht herumkriegen. Deshalb sind wir so argwöhnisch.«

Ein anderer Hauptcharakterzug ist die Lust am »smarten« Handel, die manche Schwindelei und manchen groben Treubruch beschönigt, manchem Schurken die Macht gibt, sein Haupt höher zu tragen als ein ehrlicher Mann, obgleich er den Galgen verdient – aber diese »Smartness« hat ihre Früchte getragen, denn sie hat in wenigen Jahren dem öffentlichen Ansehen mehr geschadet, als die einfältigste, unbesonnenste Ehrlichkeit in einem Jahrhundert vermocht hätte. Mutwillige Bankrotteure und glückliche Schwindler werden nicht nach der goldenen Regel »Handle so, wie du behandelt werden möchtest«, sondern nur nach ihrer »Smartness« beurteilt. Ich entsinne mich, daß man mir beide Male, als ich an jenem unseligen Cairo am Mississippi vorbeifuhr und von den schlimmen Folgen sprach, die solche grobe Betrügereien haben müßten, wenn sie ans Tageslicht kämen, erwiderte, es sei doch ein »smartes« Unternehmen gewesen, mit dem ein gutes Stück Geld verdient worden sei: und das »Smarteste« sei gewesen, daß man im Ausland die ganze Geschichte gar bald vergessen und wieder zu spekulieren angefangen habe wie früher. Folgenden Dialog führte ich mehr als hundertmal mit Amerikanern: »Ist es nicht eine Schande, daß der Soundso durch die infamsten und abscheulichsten Mittel zu einem großen Vermögen kommt und trotz all seiner Verbrechen unter euch Bürgern geduldet wird? Ist er nicht ein öffentliches Ärgernis? Wie?« – »Ja, Sir.« – »Ein überführter Lügner?« – »Ja, Sir.« – »Er hat schon Fußtritte bekommen und Stockschläge?« – »Ja, Sir.« – »Er ist ein ganz ehrloses, niedriges und verworfenes Subjekt?« – »Ja, Sir.« – »Nun denn, um Gottes willen, worin besteht sein Verdienst?« – »Ja, Sir, es ist doch ein smarter Kerl.«

Auf ähnliche Weise werden alle Fehler und Schwächen mit der nationalen Liebe zum Handel beschönigt, obgleich es, seltsam genug, der schwerste Vorwurf ist, der dem Fremden gemacht werden kann, wenn man sagt, er halte die Amerikaner für ein Handelsvolk. Die Liebe zum Handel wird als Grund angeführt, warum in Landstädten selbst Ehepaare in Hotels leben, keinen eigenen Herd haben und vom frühen Morgen bis zum späten Abend selten anderswo zusammenkommen als beim hastigen Essen im Wirtshaus. Aus Liebe zum Handel findet die amerikanische Literatur keinen Schutz und keine Gönner in ihrer Heimat: »Denn wir sind ein handeltreibendes Volk und kümmern uns nicht um die Poesie«, obgleich wir, beiläufig gesagt, selbst sagen, daß wir auf unsere Dichter stolz sind; und heilsame Vergnügungen, gemütliche Erholungen und wohltuende Geistesspiele können bei den ernsten utilitarischen Freunden des Handels nicht aufkommen.

Diese drei Charakterzüge treten dem Blick des Fremden bei jedem Schritt scharf entgegen. Aber die Saat des Bösen hat in Amerika eine noch tiefere und verzweigtere Wurzel in seiner Presse.

Man mag Schulen errichten, im Osten, Westen, Norden und Süden; man mag Zöglinge und Meister zu Abertausenden erziehen; die Colleges mögen gedeihen, die Kirchen voll sein, die Mäßigkeit mag ihre Herrschaft ausbreiten und die Kenntnis in allen andern Formen mit Riesenschritten durch das Land schreiten: solange die amerikanische Presse in ihrem jetzigen verworfenen Zustand bleibt, ist kein sittlicher Fortschritt zu erhoffen. Ein Jahr um das andere muß die öffentliche Meinung tiefer sinken, müssen Kongreß und Senat in den Augen aller Anständigen an Achtung verlieren, muß das Andenken der großen Väter der Revolution durch das arge Treiben ihrer entarteten Söhne mehr geschändet werden.

Unter den zahllosen Zeitungen Nordamerikas gibt es einige von Charakter und Ansehen. Der persönliche Umgang mit den dabei beschäftigten Gentlemen hat mir viel Belehrung und Vergnügen verschafft. Aber deren sind wenige, und die anderen sind Legion; und der Einfluß des Guten ist machtlos gegen das tödliche Gift der Bösen.

In der gebildeten Mittelklasse, unter den Gemäßigten und Wohlunterrichteten, in den höheren Städten, in den Kanzleien und Gerichten herrscht über den Charakter jener boshaften Journale nur eine Meinung. Man hat zuweilen behauptet – es ist natürlich, daß man für solch eine Schande einen Deckmantel sucht –, daß ihr Einfluß nicht so groß sei, wie der Fremde glaube. Ich muß um Verzeihung bitten, wenn ich sage, daß sich dafür kein Beweis liefern läßt und daß alles für das Gegenteil spricht.

Wenn ein Mann von Charakter oder Verstand irgendeine öffentliche Auszeichnung in Amerika erlangen kann, ohne erst zu kriechen und das Knie zu beugen vor dem Ungeheuer der schlechten Presse; wenn die einzige persönliche Tugend sicher ist vor ihren Angriffen, wenn ein geselliges Vertrauen von ihr unverletzt bleibt oder ein Band der Ehre und des Anstandes von ihr geachtet wird; wenn ein einziger in diesem Lande der Freiheit seine freie Meinung hat und zu sprechen und zu denken wagt, ohne sich einer Zensur zu unterwerfen, die er ihrer niedrigen Unwissenheit und gemeinen Schurkerei wegen im tiefsten Herzen haßt und verachtet; wenn diejenigen, welche die Schande, die sie für die Nation ist, am bittersten fühlen und am meisten untereinander darüber klagen – wenn diese Männer es wagen, vor aller Welt ihr mit der Ferse auf den Kopf zu treten, dann will ich glauben, daß ihr Einfluß abnimmt und die Amerikaner wieder zum gesunden Menschenverstand zurückkehren. Allein, solange ihr böser Blick auf jedem Hause ruht und bei jeder Ernennung im Staat, vom Präsidenten bis zum Postboten, ihre schwarze Hand im Spiel ist, solange sie die Musterliteratur einer zahllosen Menschenklasse ist, die ihre Lektüre in der Zeitung oder nirgends sucht: so lange fällt auch ihre Schmach dem Lande zur Last, und so lange werden ihre verderblichen Folgen in der Republik zu sehen sein.

Wer an die führenden englischen Blätter oder an die ehrenwerten Zeitungen auf dem europäischen Festland gewöhnt ist, kann sich unmöglich, ohne eine Masse von Auszügen, die ich hier anzuführen weder Raum noch Lust habe, einen richtigen Begriff von der fürchterlichen Wirksamkeit dieses Apparates in Amerika machen. Aber wenn sich jemand von der Richtigkeit meines Urteils überzeugen will, gehe er an irgendeinen öffentlichen Ort in London, wo man einzelne Nummern jener Journale vorfindet, und dann urteile er selbst.Man findet auch in der Foreign Quarterly Review vom Monat Oktober, die mir unter die Hände kam, als sich diese Bogen bereits unter der Presse befanden, einen gründlichen und vollkommen wahren Artikel, welcher einige Proben gibt – keineswegs erstaunlich für den, der Amerika besucht hat, aber hinreichend aufschlußreich für jeden andern.

Es wäre gewiß für die Amerikaner im ganzen besser, wenn sie das Reale etwas weniger und das Ideale etwas mehr liebten; wenn bei ihnen der Frohsinn des Herzens eine Aufmunterung und das Schöne, welches nicht auch unmittelbar Nutzen bringt, mehr Pflege fände. Aber hier, denke ich, ist die allgemeine Entgegnung: »Wir sind ein neues Land«, womit man oft nicht zu rechtfertigende Schwächen entschuldigt, nicht unvernünftig; und noch hoffe ich dereinst zu hören, daß es in Amerika andere Nationalunterhaltungen gibt als die Zeitungspolitik.

Die Amerikaner sind gewiß keine humorvollen Menschen, und ihr Temperament schien mir stets düster und eintönig. In der schlauen, scharfen Auffassungsweise und in einer gewissen gußeisernen Akkuratesse stehen die Yankees oder Neuengländer ohne Zweifel den übrigen voran, wie sie ihnen in allen andern Dingen des Verstandes und der Bildung vorangehen. Aber auf der Reise, außerhalb der großen Städte, wurde ich ganz niedergeschlagen von dem vorherrschend melancholischen und ernsthaften Wesen der Leute; in jeder neuen Stadt, die ich sah, glaubte ich dieselben Menschen wiederzusehen, die ich in der vorigen verlassen hatte. Die meisten Mängel, die in den Nationalsitten zu merken sind, scheinen mir großenteils von jenem Temperament herzurühren: so hat sich ein gewisses verdrossenes, grämliches Beharren auf groben Manieren gebildet, und die mildern Reize des Lebens werden für etwas Nebensächliches gehalten. Es besteht kein Zweifel, daß Washington, der in Fragen des Zeremoniells stets höchst gewissenhaft und genau war, die Tendenz zu dieser Schwäche schon in seiner Zeit erkannte und sein Bestes tat, sie zu korrigieren.

Ich kann nicht der Meinung anderer Autoren sein, welche das Vorherrschen dissentierender Bekenntnisse für die Ursache des Nichtbestehens einer herrschenden Kirche halten. Im Gegenteil glaube ich, daß der Volkscharakter, wenn er überhaupt die Gründung einer solchen Institution zuließe, ihr schon deswegen abhold sein müßte, weil sie herrschend wäre. Aber selbst wenn sie bestände, zweifle ich sehr, ob sie Gewalt haben würde, die verirrten Schafe zu einer großen Herde zu sammeln, weil in England bei aller kirchlichen Gewalt so viele dissentierende Sekten vorhanden sind und weil ich in Amerika keine einzige Glaubensform gefunden habe, die man in Europa und selbst in England nicht ebenfalls kennt. Dissenter wandern in großer Anzahl nach Amerika aus, weil überhaupt viele hierher auswandern; und sie gründen große Niederlassungen, weil man sich hier ankaufen und Städte und Dörfer anlegen kann, wo noch keine waren. Selbst die Shakers wanderten von England ein; mein Vaterland ist Mr. Joseph Smith, dem Apostel der Mormonen, nicht fremd; ich selbst habe in einigen unserer volkreichsten Städte Szenen bei religiösen Zusammenkünften gesehen, die den amerikanischen Campmeetings schwerlich etwas nachgeben, und ich glaube, daß in Amerika kein Beispiel von abergläubischem Trug auf der einen und Leichtgläubigkeit auf der andern Seite vorkommt, zu dem wir nicht bei uns die Parallelen in den berüchtigten Affären um Mrs. Southcote, Mary Tofts, die Kaninchenmutter, und selbst Mr. Thom von Canterbury (letzteres Ereignis fand einige Zeit nach dem Aufhören des »finsteren« Mittelalters statt) finden könnten.

Die republikanischen Institutionen Amerikas führen das Volk ohne Zweifel zur festen Aufrechterhaltung der Gleichheit und Selbstachtung; und ein Reisender muß sich jener Institutionen erinnern und nicht gleich vor der vertraulichen Annäherung einer Menschenklasse zurückweichen, die bei uns in England sich von ihm fernhalten würde. Dieser Charakterzug, wenn er nicht in törichten Hochmut überging und nicht vor einer ehrbaren Dienstleistung zurückschrak, hat mich nie beleidigt; und sehr selten zeigte er sich mir in seiner rohen, häßlicheren Gestalt. Ein- oder zweimal äußerte er sich mir gegenüber recht komisch; dies war aber ein einzelner ergötzlicher Fall und nicht die allgemeine Regel.

Ich brauchte in einer Stadt ein Paar Stiefel, denn ich hatte keine anderen zur Reise als jene mit den denkwürdigen Korksohlen, die für das feurige Deck eines Dampfbootes viel zu heiß waren. Ich sandte daher zu einem Stiefelkünstler, ließ ihm mit meinem Kompliment sagen, ich würde mich glücklich schätzen, wenn er die Gewogenheit haben wollte, zu mir zu kommen. Er antwortete mir sehr gütig und wollte gegen sechs Uhr abends »vorbeischauen«.

Ich lag um diese Stunde auf dem Sofa, mit einem Glas Wein neben mir und einem Buch in der Hand, als die Tür aufging und ein Gentleman mit einer steifen Krawatte, ein bis zwei Jahre über oder unter dreißig, in Hut und Handschuhen eintrat, vor den Spiegel ging, sein Haar ordnete, die Handschuhe auszog und langsam aus den tiefsten Tiefen seiner Rocktasche ein Maß hervorzog, worauf er mich in pomadigem Ton ersuchte, ich solle meine Schuhbänder lösen. Das tat ich, sah aber etwas neugierig seinen Hut an, den er noch immer auf dem Kopf behielt. War es nun das, oder war es die Hitze – er nahm ihn ab. Dann setzte er sich mir gegenüber auf einen Stuhl, stützte beide Arme auf die Knie auf und hob, mit großer Anstrengung sich vorwärts lehnend, vom Boden das Meisterstück hauptstädtischer Kunstfertigkeit in die Höhe, welches ich eben ausgezogen hatte – wobei er behaglich pfiff. Er drehte die Stiefel nach allen Seiten, besah sie mit unaussprechlicher Verachtung und fragte, ob ich wünschte, er solle mir einen solchen Stiefel »fixieren«. Ich entgegnete ihm höflich und sagte, wenn die Stiefel nur groß genug und bequem wären, so dürften sie meinetwegen den vorigen gleichen oder nicht, ich wolle mich ganz seiner Ansicht und seinem Urteil fügen. »Es liegt Ihnen nicht viel an dieser Höhlung in der Ferse?« sagte er. »Wir machen's hier nicht so.« Ich wiederholte meine letzte Bemerkung. Er besah sich wieder im Spiegel, trat näher zu ihm, um sich etwas Staub aus den Augenwinkeln zu reiben, und brachte seine Krawatte in Ordnung. Mein Bein und mein Fuß schwebten dabei immer noch in der Luft. »Bald fertig, Sir?« fragte ich. »Nun, ziemlich bald«, sagte er; »bleiben Sie ruhig.« Ich blieb so ruhig, wie ich konnte, mit Fuß und Gesicht; und da er inzwischen den Staub sich aus den Augen gewischt und seinen Bleistift gefunden hatte, nahm er mir das Maß und machte sich die nötigen Notizen. Als er fertig war, nahm er wieder die frühere Stellung ein, hob noch einmal den Stiefel vom Boden auf und blieb einige Zeit sinnend stehen. »Und das«, sagte er endlich, »ist ein englischer Stiefel, wie? Das ist ein Londoner Stiefel, he?« – »Das, Sir«, erwiderte ich, »ist ein Londoner Stiefel.« Er sah ihn wieder sinnend an, wie Hamlet Yoricks Schädel, nickte mit dem Kopfe, als wollte er sagen: »Ich bedaure das Land, dessen Institutionen zur Verfertigung dieses Stiefels führten«, stand auf, nahm seinen Bleistift, seine Notizen und sein Papier – sah dabei immer in den Spiegel – setzte den Hut auf, zog sich sehr langsam die Handschuhe an und ging endlich zur Tür hinaus. Nach einer Minute ging diese wieder auf, und sein Hut und sein Kopf zeigten sich noch einmal. Er sah sich in der Stube um und guckte nach dem Stiefel, der noch immer am Fußboden lag, schien einen Augenblick in Gedanken versunken und sagte dann: »Nun, guten Nachmittag.« – »Guten Nachmittag, Sir«, sagte ich, und damit war die Zusammenkunft beendet.

Nur über einen Gegenstand hätte ich noch eine Bemerkung zu machen, die sich auf den öffentlichen Gesundheitszustand bezieht. In einem so großen Lande, wo Tausende Millionen Morgen Landes noch nicht urbar gemacht und angebaut sind und wo jährlich überall eine große Zersetzung von Vegetabilien stattfindet, wo es so viele große Ströme und so entgegengesetzte Klimate gibt, da kann es zu gewissen Jahreszeiten nicht an vielen Krankheiten fehlen. Aber nachdem ich mit vielen amerikanischen Ärzten gesprochen habe, wage ich zu behaupten, daß einem großen Teil der herrschenden Krankheiten durch Beobachtung nur einiger gewöhnlicher Vorsichtsmaßregeln vorgebeugt werden könnte. Mehr persönliche Reinlichkeit ist unerläßlich; die Sitte muß aufhören, daß man dreimal des Tages so große Massen Fleischspeisen hinunterschlingt und dann gleich wieder lange sitzt; das schöne Geschlecht muß vernünftiger gekleidet gehen und sich mehr gesunde Bewegung machen; letztere Warnung betrifft auch die Männer. Vor allem bedarf in allen großen und kleinen Städten und in allen öffentlichen Anstalten das Lüftungs-, Trocknungs- und Reinigungssystem einer vollständigen Reform. Es gibt keine Lokalgesetzgebung in Amerika, die nicht aus Mr. Chadwicks ausgezeichnetem Bericht über den Gesundheitszustand der arbeitenden Klassen sehr viel lernen könnte.

Ich bin am Schluß dieses Buches angelangt. Nach gewissen Mitteilungen, die mir seit meiner Rückkehr nach England zugekommen sind, habe ich keinen Grund anzunehmen, daß es vom amerikanischen Volk freundlich oder günstig aufgenommen werden wird; doch da ich die Wahrheit geschrieben habe, auch über diejenigen, welche sich ein Urteil bilden und es öffentlich aussprechen, wird man wohl erkennen, daß ich kein Verlangen trage, durch falsche Mittel um den Beifall des Volkes zu buhlen.

Mir genügt das Bewußtsein, daß der Inhalt dieser Blätter mich nicht einen einzigen Freund auf der andern Seite des Ozeans kosten kann, der dieses Namens wirklich würdig ist. Im übrigen setze ich mein Vertrauen auf den Geist, in dem sie abgefaßt und niedergeschrieben wurden; und ich kann's abwarten.

Ich habe die mir zuteil gewordene Aufnahme nicht erwähnt, sowenig wie ich von ihr mich in der geringsten Äußerung bestimmen ließ; denn in beiden Fällen wäre dies eine erbärmliche Dankbarkeit gewesen im Vergleich zu der, die ich gegen jene wohlwollenden überseeischen Leser meiner früheren Schriften im Herzen trage, die mir mit offener Hand entgegenkamen und nicht mit einer, die sich um einen eisernen Flintenlauf legte.

 


 

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