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Aufzeichnungen aus Amerika

Charles Dickens: Aufzeichnungen aus Amerika - Kapitel 17
Quellenangabe
typereport
authorCharles Dickens
titleAufzeichnungen aus Amerika
publisherWinkler Verlag
editorSiegfried Schmitz
yearo.J.
translatorE. A. Moriarty
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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modified20180604
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16. Kapitel

Die Heimfahrt

Ich habe nie so viel Anteil an der Richtung des Windes genommen wie an dem langersehnten Morgen des siebenten Juni, eines Dienstags. Eine nautische Autorität hatte mir vor einigen Tagen versichert: »Ein Wind, der nur ein wenig nach Westen umschlüge, würde es tun«; und wie ich mit Tagesanbruch aus dem Bett sprang und das Fenster öffnete und ein frischer Wind aus Nordwesten grüßte, wehte er mich so frisch an und flüsterte mir so viel schöne Erinnerungen und Hoffnungen zu, daß ich auf der Stelle eine ganz besondere Achtung vor allen Lüften und Winden aus diesem Strich des Kompasses bekam, die ich gewiß behalten werde, bis mein eigner Atem den letzten schwachen Zug getan hat.

Der Lotse hatte nicht gesäumt, den günstigen Wind zu benutzen, und das Schiff, das gestern noch in einem so gedrängt vollen Dock gelegen hatte, daß es wenig Aussicht zu haben schien, in See zu gehen, war jetzt schon 16 Meilen weg. Ein schöner Anblick war es, als wir in einem Dampfboot näher und näher kamen, wie es in der Ferne vor Anker lag, wobei die schlanken Masten in schönen Linien gen Himmel ragten und jedes Tau und jede Spiere in zartem Umriß sich von dem Himmel abhoben; schön war es, als, nachdem wir alle an Bord waren, der Anker mit dem kräftigen Chor: »Cheerily men, oh cheerily!« aufgewunden wurde und das Schiff stolz dem bugsierenden Dampfboot folgte; aber am schönsten, als das Schlepptau losgemacht war, die Leinwand an den Masten herabflatterte und das Schiff seine weißen Fittiche ausbreitete und frei und einsam seinen Weg antrat.

In der Hinterkajüte waren wir in allem fünfzehn Passagiere, der größte Teil aus Kanada, wo sich einige von uns schon gekannt hatten. Die Nacht und die beiden folgenden Tage herrschte rauhe Witterung, mit häufigen Windstößen, aber sie vergingen schnell, und wir waren bald eine so trauliche und fröhliche Gesellschaft mit einem ehrlichen, männlichen Kapitän als Präsident, wie sie je zu Land oder Wasser entschlossen war, sich das Leben gegenseitig angenehm zu machen.

Wir frühstückten um acht, aßen Luncheon um zwölf, dinierten um drei und tranken Tee um halb acht Uhr. Wir hatten Überfluß an Vergnügungen, worunter das Diner nicht das geringste war. Erstens schon um seiner selbst und zweitens um seiner langen Dauer willen, denn wir standen selten eher als nach zweieinhalb Stunden auf. Um die Langeweile bei diesen Gelagen zu vertreiben, wurde am untern Ende der Tafel, unter dem Mast, eine gewählte Gesellschaft gebildet, deren ausgezeichneten Präsidenten mir die Bescheidenheit zu nennen verbietet und welche wegen ihrer Jovialität und ihres Humors (ohne Schmeichelei) bei der übrigen Schiffsgesellschaft und vor allem bei dem schwarzen Steward, der drei Wochen lang über den Scherzen dieses Erwählten nicht dazu kam, die Zähne mit den Lippen zu bedecken, sehr gut stand.

Dann wurde Schach gespielt oder Whist, Cribbage Tricktrack und ähnliche Spiele, oder es wurde gelesen. Bei schönem und schlechtem, bei ruhigem und windigem Wetter, immer waren wir auf dem Deck, paarweise auf und ab schreitend, in den Booten liegend, über die Reling lehnend oder in traulichen Gruppen miteinander plaudernd. Auch an Musik fehlte es nicht, denn einer spielte das Akkordeon, ein andrer die Violine und ein dritter (er fing immer um sechs Uhr früh an) das Signalhorn. Der Totaleffekt dieser Instrumente, wenn sie alle zu gleicher Zeit in verschiedenen Tonarten und in verschiedenen Teilen des Schiffes, doch nahe genug, um einander zu hören (wobei natürlich jeder Virtuose mit seiner eignen Leistung höchst zufrieden war), gespielt wurden, war gräßlich schön.

Wenn alle diese Mittel zur Unterhaltung nicht mehr anschlagen wollten, zeigte sich manchmal ein Segel, in unbestimmten Umrissen im Nebel der Ferne dämmernd, wie das Gespenst eines Schiffes, oder so nahe an uns vorüberfahrend, daß wir mit Hilfe des Fernrohrs die Leute auf dem Deck und den Namen des Schiffes erkennen konnten. Stundenlang sahen wir den Delphinen und Tümmlern zu, wie sie das Schiff springend und tauchend umspielten, oder den nimmer ruhenden Sturmvögeln, die uns seit unsrer Abfahrt Gesellschaft leisteten und vierzehn Tage lang das Heck des Schiffes umflatterten. Einige Tage lang hatten wir vollkommene Windstille oder sehr schwachen Wind, während welcher Zeit sich das Schiffsvolk mit Angeln unterhielt und einen unglücklichen Delphin fing, der in allen Regenbogenfarben spielend auf dem Decke verschied: ein Ergebnis, welches uns in unserem Einerlei so wichtig war, daß wir später vom Delphin datierten und den Tag, an dem er starb, zu einer Ära machten.

Als wir fünf oder sechs Tage auf offner See waren, fing man an, von Eisbergen zu sprechen, welche von einigen Schiffen, die wenige Tage vor unserer Abreise in New York angekommen waren, in ungewöhnlicher Menge gesehen worden waren und deren gefährliche Nachbarschaft uns das kältere Wetter und das Sinken des Barometers verkündigten. Solange diese Anzeichen uns warnten, wurde doppelt sorgfältig Wache gehalten und nach Sonnenuntergang manche schreckliche Geschichte erzählt, von Schiffen, die auf einen Eisberg gelaufen und in der Nacht untergegangen waren. Doch der Wind zwang uns, einen südlichen Kurs zu nehmen, wir bekamen keine Eisberge zu Gesicht, und das Wetter wurde bald wieder hell und warm.

Das tägliche Berechnen der Breite war natürlich einer der wichtigsten Momente unseres Lebens; und es fehlten auch nicht wie gewöhnlich hochweise Zweifler an den Berechnungen des Kapitäns, die, sobald er den Rücken gewandt hatte, bei dem Mangel an Zirkeln die Entfernungen auf der Karte mit Bindfadenstückchen oder Tischtuchzipfeln oder Lichtscheren maßen und ihm einen Irrtum von ungefähr 1000 Meilen nachwiesen. Es war wirklich erbaulich, diese Ungläubigen die Stirn runzeln und den Kopf schütteln zu sehen und ihren Vorlesungen über Schiffahrtkunst zuzuhören; nicht, daß sie etwas davon verstanden hätten, aber sie hatten nun einmal kein Zutrauen zum Kapitän, wenn stiller oder widriger Wind war. Überhaupt ist das Quecksilber nicht so veränderlich wie diese Art Passagiere, die, sobald das Schiff vor einem frischen Winde die Wogen teilt, bleich vor Bewunderung dastehen und beteuern, daß der Kapitän alle andern in der Welt übertrifft, ja selbst auf eine Subskription, um ihm ein Ehrengeschenk zu machen, hindeuten. Aber wenn am andern Morgen der Wind sich gelegt hat und die Segel schlaff an den Masten hängen, schütteln sie wieder niedergeschlagen den Kopf und flüstern mit besorglich geheimnisvollem Blick, daß sie hofften, der Kapitän wäre ein guter Seemann, aber sie bezweifelten es sehr, gar sehr.

Es wurde sogar eine Lieblingsbeschäftigung während der Windstille, sich in Vermutungen zu erschöpfen, wann der Wind eigentlich sich auf dem günstigen Strich erheben würde, wo er nach allen Regeln schon längst hätte herwehen sollen. Der erste Maat, der eifrig danach pfiff, wurde wegen seiner Ausdauer sehr gelobt, und selbst die Ungläubigen erkannten ihn für einen Seemann erster Klasse an. Manche trübe Blicke wendeten sich während des Mittagessens durch die Kajütenluken nach den matt herabhängenden Segeln, und einige, kühn geworden aus Verzweiflung, prophezeiten schon, daß wir ungefähr Mitte Juli England erreichen würden. An Bord eines Schiffes gibt es immer einen Sanguiniker und einen Verzweifelnden. Der letztere war bei uns während dieser Periode der Reise Hahn im Korbe und triumphierte jedesmal von neuem über den Sanguiniker, indem er ihn fragte, wo er wohl meine, daß die »Great Western« (die New York eine Woche später als wir verließ) jetzt sei; und wo er meine, daß das Dampfboot »Cunard« jetzt sei; und was er jetzt von den respektiven Verdiensten der Dampf- und Segelschiffe denke; und machte ihm mit solchen und ähnlichen Fragen das Leben so sauer, daß er am Ende auch Hoffnungslosigkeit heucheln mußte, nur um des lieben Friedens willen.

Dies waren Zuschüsse zu unserm Unterhaltungsfonds, aber nicht die einzigen Quellen der Unterhaltung. Wir hatten im Zwischendeck noch ungefähr hundert Passagiere: eine kleine Welt von Armut; und wie wir einzelne von ihnen von Angesicht kennenlernten, denn wir konnten sie den ganzen Tag auf ihrem Zwischendeck Luft schöpfen und ihr Essen kochen und es oft selbst dort genießen sehen, wurden wir begierig, ihre Schicksale zu erfahren und zu wissen, mit welchen Erwartungen sie nach Amerika gegangen waren, was sie wieder nach Hause führe und wie ihre Umstände wären. Was wir darüber von dem Zimmermann, der die Aufsicht über sie hatte, erfuhren, war oft von der seltsamsten Art. Einige von ihnen waren nur drei Tage in Amerika gewesen, andre drei Monate, und einige hatten mit demselben Schiff, das sie jetzt nach ihrer Heimat zurückführte, die Hinreise gemacht. Andere hatten ihre Kleider verkauft, um das Geld zur Überfahrt zu bekommen, und hatten kaum Lumpen, um ihre Blöße zu bedecken; andere hatten keine Lebensmittel und lebten von der Barmherzigkeit ihrer Reisegefährten; ja einer, wie man erst gegen Ende der Reise erfuhr – denn er bewahrte sein Geheimnis gut und machte keine Ansprüche auf Mitleid –, hatte von nichts gelebt als von den Knochen und Fleischüberbleibseln, die er von den Tellern aus der hintern Kajüte nahm, wenn sie zum Waschen auf das Zwischendeck gebracht wurden.

Das ganze System, welches bei dem Transport dieser Unglücklichen beobachtet wird, bedarf einer gründlichen Reform. Wenn irgendeine Klasse Menschen des Schutzes und des Beistandes der Regierung bedarf, so sind es diese Armen, die sich aus der Heimat verbannen, um in der Fremde das nackte Leben fristen zu können. Alles, was von dem Kapitän und den Offizieren für diese Leute getan werden konnte, geschah, aber ihr Zustand verlangt noch viel mehr. Das Gesetz sollte wenigstens in England dafür sorgen, daß die Schiffe nicht zu sehr mit Auswanderern vollgepfropft, daß sie anständig und nicht in demoralisierender Kargheit des Raumes untergebracht werden. Es sollte schon aus bloßer Menschlichkeit bestimmen, daß keiner an Bord genommen werde, ehe nicht sein Vorrat an Lebensmitteln von einem Offizier des Schiffes besichtigt und als hinreichend für die mögliche Dauer der Reise erklärt sei. Es sollte dafür sorgen, daß auf jedem dieser Schiffe ein Arzt sei; denn Erkrankung von Erwachsenen und Sterben von Kindern während der Überfahrt sind Vorfälle, die alltäglich sind. Vor allem aber ist es Pflicht jeder Regierung, sie sei republikanisch oder monarchisch, dem Brauch ein Ende zu machen, daß ein Handelshaus von den Reedern die Zwischendecks ganzer Schiffe mietet und so viel unglückliche Opfer seiner Gewinnsucht an Bord schickt, wie es nur bekommen kann, ohne die geringste Rücksicht auf die Größe der Räumlichkeiten, die Zahl der Kojen, auf die Trennung der Geschlechter oder auf irgend etwas anderes als ihren Gewinn zu nehmen. Und das ist nicht einmal das Schlimmste dieses verdammenswerten Systems. Agenten, die für jeden Verlockten eine Prämie bekommen, durchziehen die Gegenden, wo Armut und Unzufriedenheit herrschen, und locken die Leichtgläubigen in größeres Elend, indem sie ihnen in der Fremde die Befriedigung der ausschweifendsten Hoffnungen vorspiegeln, die sich nie erfüllen können.

Die Geschichte aller Familien, die wir an Bord hatten, war so ziemlich dieselbe. Nachdem sie gespart und geborgt und gebettelt und alles verkauft hatten, um das Passagegeld zusammenzubringen, waren sie nach New York gekommen mit der Hoffnung, die Straßen mit Geld gepflastert zu finden, und hatten nichts als sehr harte Steine gefunden. Der Verkehr stockte; Arbeiter wurden nicht gebraucht; Arbeit war zwar zu haben, aber kein Lohn dafür. Sie kehrten zurück, ärmer, als sie hinübergereist waren. Einer von ihnen hatte einen offenen Brief eines jungen englischen Handwerkers bei sich, der vierzehn Tage in New York gewesen war. Er war an einen Freund in der Nähe von Manchester gerichtet und munterte diesen auf nachzukommen. Einer der Offiziere zeigte mir den Brief als eine Merkwürdigkeit. »Das ist ein Land, Jem«, schrieb der Absender. »Mir gefällt Amerika. Es gibt keine Tyrannei hier, das ist die Hauptsache. Arbeit aller Art kannst du auf der Straße finden, und der Lohn ist ausgezeichnet. Du brauchst nur ein Handwerk zu wählen, Jem, und Du treibst es. Ich habe noch nicht gewählt, werde es bald tun. Bis jetzt weiß ich noch nicht recht, ob ich Zimmermann werden soll – oder Schneider

Noch einen andern Passagier hatten wir, der fortwährend, wenn wir uns auf dem Deck befanden, der Inhalt unserer Gespräche und der Gegenstand unserer Beobachtung war. Es war eine englische Teerjacke, von Kopf bis zu den Füßen von der echten, unverfälschten Rasse der englischen Kriegsschiffmatrosen, der in der amerikanischen Marine diente und auf Urlaub nach Hause zu seinen Verwandten reiste. Als er sich zur Überfahrt einschreiben ließ, hatte man ihm vorgestellt, daß er als gedienter Seemann das Geld ersparen und dafür Schiffsdienste leisten könne. Aber er verwarf diesen Rat mit großer Entrüstung und sagte, er wolle verdammt sein, wenn er nicht einmal als Gentleman an Bord eines Schiffs sein wolle. So nahmen sie sein Geld, aber kaum hatte er das Schiff betreten, so brachte er sein Gepäck auf dem Vorderkastell unter, aß mit dem Schiffsvolk, und bei der ersten Gelegenheit, wo alle Hände erforderlich waren, kletterte er als erster die Taue hinauf wie eine Katze. Und so war er während der ganzen Überfahrt stets der erste an den Brassen, der letzte auf den Rahen, allerwärts behilflich, aber immer mit einer gesetzten Würde des Benehmens und einem gesetzten Lächeln auf dem Gesicht, als wollte er sagen: »Ich tue es als Gentleman. Zu meinem eigenen Vergnügen, das merkt euch!«

Endlich kam der lange versprochene Wind doch, und von ihm getrieben, flog das Schiff mit vollen Segeln durch die Wogen. Es war etwas Großartiges in der Bewegung des Fahrzeuges, wie es von der Masse Segel überschattet wurde und in rasender Eile die Wellen durchpflügte, was mich mit einem unaussprechlichen Gefühl des Stolzes und der Freude erfüllte. Wenn es in ein schäumendes Tal hinabtauchte, wie da die grünen, weißgekrönten Wellen hinten angerollt kamen und es wieder in die Höhe hoben und umwirbelten und umschäumten, wie es sich wieder neigte, aber sie es immer als ihren stolzen Herrn anerkannten! Immer vorwärts, vorwärts zog unser Lauf, und wechselnde Lichter spielten auf dem Wasser, denn wir waren wieder in dem gesegneten Reich, wo leichte, wollige Wolken die Einöde des Himmels unterbrachen; die Sonne leuchtete uns am Tag, und der Mond bei Nacht, und die Windfahne wies immer gerade nach der Heimat, wo unsere Herzen schon weilten, bis an einem schönen Montagmorgen, gerade als die Sonne aufging – es war der siebenundzwanzigste Juli, ich werde den Tag nie vergessen –, vor uns aus dem Frühnebel wie eine ferne Wolke das Kap Clear stieg, für uns die schönste und ersehnteste Wolke, welche je das Antlitz der gefallenen Schwester des Himmels – der Heimat – verhüllte.

Und dieser verdämmernde Punkt auf der weiten Fläche gab doch dem Sonnenaufgang etwas mehr Erheiterndes, gab ihm etwas dem Menschen Nähertretendes, was ihm auf dem offenen Meere fehlt. Dort, wie allerwärts, ist die Wiederkehr des Tages unzertrennlich von einem Gefühl der Heiterkeit und erneuter Hoffnung, aber das Licht, wie es die traurige grenzenlose Einöde des Meeres dem Auge enthüllt, gibt ihm etwas Feierliches und Schauererregendes, was selbst die Nacht mit ihren verhüllenden Schleiern kaum hat. Das Aufgehen des Mondes paßt besser zu dem einsamen Meere und gibt ihm eine melancholische Erhabenheit, die mit ihrem milden Einfluß zugleich zu trösten scheint, während sie traurig macht. Ich erinnere mich noch aus meiner frühesten Jugend, den Glauben gehegt zu haben, der Widerschein des Mondes im Wasser sei ein Pfad gen Himmel, auf dem gute Menschen zu Gott gingen; und dieses vertraute Gefühl überkam mich oft, wenn ich in stiller Mondnacht auf die ruhige See blickte.

Wir hatten an diesem Montagmorgen nur leichten Wind, der aber immer noch heimwärts wehte, und so ließen wir nach und nach Kap Clear hinter uns und segelten längs der Küste von Irland hin. Und wie heiter wir waren und wie voll Lobes für die »George Washington« und wie freudig wir einander Glück wünschten und wie kühn wir die Stunde unserer Ankunft in Liverpool prophezeiten, kann man sich leicht denken. Und wie warm und herzlich wir heute bei Tische auf des Kapitäns Gesundheit tranken; und wie unruhig wir wegen des Einpackens wurden, und wie zwei oder drei der Sanguinischsten durchaus heut nacht nicht zu Bett gehen wollten, denn es sei doch bei der Nähe der Küste gar nicht der Mühe wert, aber doch gingen und sehr gut schliefen; und wie der Gedanke, so nahe an dem Ende unserer Reise zu sein, fast wie ein schöner Traum war, aus dem man zu erwachen fürchtete.

Der günstige Wind wurde am nächsten Morgen schärfer, und wieder eilten wir im Fluge vorwärts. Dann und wann begegneten wir einem englischen Schiff, das mit gerefften Segeln heimkehrte, während wir, mit jedem Fleckchen Segel an den Masten, vorüberflogen und es weit, weit hinter uns ließen. Gegen Abend wurde es neblig, und es regnete leise; bald aber wurde der Nebel so dick, daß wir wie in einer Wolke segelten. Aber immer glitten wir vorwärts wie ein gespenstisches Schiff, und manches erwartende Auge blickte hinauf nach dem Mast, wo der Toppsgast sich nach Holyhead umschaute.

Endlich vernahm man den lange erwarteten Ruf, und in demselben Augenblick brach aus dem dichten Nebel vor uns ein schimmerndes Licht, welches sogleich wieder verschwand, dann wieder leuchtete und wieder verschwunden war. Jedesmal, wenn es sichtbar wurde, leuchteten die Augen aller Schiffsgenossen wie das Licht selbst; und da standen wir alle und schauten nach dem Licht auf dem Felsen von Holyhead und lobten seinen warnenden Schimmer und erhoben es weit über alle Signalfeuer, die je den Schiffen geschienen hatten, bis es noch einmal weit hinter uns durch den Nebel blinkte.

Jetzt war es Zeit, einen Signalschuß zu tun, um den Lotsen zu rufen, und fast ehe der Rauch verschwunden war, eilte ein kleines Boot mit einem Licht an der Mastspitze uns durch die Nacht entgegen. In einem Nu waren die Segel backgebraßt, und das Boot kam längsseits, und der Lotse, bis an die wettergebräunte Nasenspitze in seine wasserdichte Jacke und Schals gehüllt, stand auf dem Deck. Und wenn derselbe Lotse in diesem Augenblick fünfzig Pfund auf unbestimmte Zeit und ohne die geringste Sicherheit hätte geliehen haben wollen, würden wir sie ihm gegeben haben, ehe sein Boot hinten angehängt war oder (was dasselbe ist) ehe die Neuigkeiten in der Zeitung, die er mitgebracht hatte, bis auf die letzte Gemeingut geworden waren.

Wir gingen diese Nacht ziemlich spät zu Bett und standen am andern Morgen ziemlich früh auf. Um sechs Uhr versammelten wir uns auf dem Deck, bereit, an Land zu gehen, und blickten auf die Türme und Dächer und den Rauch Liverpools. Um acht Uhr saßen wir alle in einem Hotel der Stadt, um das letzte gemeinschaftliche Mahl einzunehmen. Und um neun Uhr hatten wir uns alle die Hände gedrückt und uns für immer getrennt.

Die Gegend erschien uns, wie wir mit der Eisenbahn hindurchstoben, wie ein blühender Garten. Die Schönheit der Felder (wie klein sie aussahen!), der Hecken und der Bäume; die netten Häuschen, die Blumenbeete, die alten Kirchhöfe, die malerischen Häuser und jeder wohlbekannte Gegenstand: alle diese ausgesuchten Reize der einen Reise, die in den Raum eines Sommertags die Freuden vieler Jahre zusammendrängte, und zum Schlußstein das heimische Haus mit allem, was es uns teuer macht, kann keine Zunge aussprechen, keine Feder beschreiben.

 

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