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Aufzeichnungen aus Amerika

Charles Dickens: Aufzeichnungen aus Amerika - Kapitel 13
Quellenangabe
typereport
authorCharles Dickens
titleAufzeichnungen aus Amerika
publisherWinkler Verlag
editorSiegfried Schmitz
yearo.J.
translatorE. A. Moriarty
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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12. Kapitel

Von Cincinnati nach Louisville per Dampfboot; von Louisville nach St. Louis ebenso. St. Louis

Wir verließen Cincinnati am Vormittag um elf Uhr und schifften uns nach Louisville auf dem Dampfboot »Pike« ein, welches, weil Postschiff, weit besser war als das, welches uns von Pittsburgh hierhergebracht hatte. Da diese Fahrt nicht mehr als zwölf oder dreizehn Stunden dauert, richteten wir es so ein, daß wir zur Nacht an Land gingen; denn wir sehnten uns nicht gar sehr nach der Auszeichnung, in einer Kabine zu schlafen, wenn es uns woanders möglich war.

Außer dem gewöhnlichen schrecklichen Passagiervolk befand sich ein gewisser Pitchlynn an Bord, ein Häuptling vom Stamm der Choctaw-Indianer, der mir seine Karte schickte und mit dem ich das Vergnügen hatte, ein langes Gespräch zu führen.

Er sprach ein einwandfreies Englisch, obgleich er es, wie er mir erzählte, erst als junger Mann zu lernen angefangen hatte. Er hatte viele Bücher gelesen, und Walter Scotts Poesie schien auf seine Phantasie einen starken Eindruck gemacht zu haben; besonders der Eingang zum »Fräulein vom See« und die große Schlachtszene in Marmion, die ihn ohne Zweifel wegen der innern Verwandtschaft des Gegenstandes mit seinem ursprünglichen Beruf und Lieblingstreiben so sehr interessierte und entzückte. Er schien alles, was er gelesen hatte, sehr wohl zu verstehen, und jede Dichtung, die seine Sympathie und seinen Glauben daran rege machte, hatte einen tiefen, ich möchte sagen, heftigen Eindruck auf sein Gemüt gemacht. Er ging in unserer gewöhnlichen Alltagstracht, die ihm aber nicht gut stand und nachlässig um seine schönen Glieder hing. Als ich bedauerte, ihn nicht in seiner Nationaltracht sehen zu können, hob er einen Augenblick stürmisch den rechten Arm, als wollte er eine schwere Waffe schwingen, und sagte, indem er ihn wieder sinken ließ, daß seine Rasse noch manches andere außer ihrer Tracht verliere und bald von der Erde verschwinden werde: aber zu Hause gehe er indianisch gekleidet, fügte er stolz hinzu.

Er sagte mir, daß er von seiner Heimat, westlich vom Mississippi, siebzehn Monate weg gewesen sei und jetzt dahin zurückkehre. Er hatte diese Zeit größtenteils in Washington zugebracht wegen einiger zwischen seinem Stamme und der Regierung schwebenden Verhandlungen, die noch nicht erledigt waren (wie er in traurigem Tone bemerkte) und wohl auch nie erledigt werden würden; denn was vermöchte eine Handvoll armer Indianer gegen so geschäftskundige Leute wie die Weißen? Er liebe Washington nicht, sagte er, sei der großen und kleinen Städte bald überdrüssig und sehne sich nach den Wäldern und der Steppe.

Ich fragte ihn, was er von dem Kongreß halte? Er antwortete mit einem Lächeln, daß es ihm in den Augen eines Indianers an Würde fehle.

Er meinte, er möchte gern einmal England sehen, ehe er sterbe, und sprach mit vielem Interesse von den großen Dingen, die dort zu sehen wären. Als ich ihm von dem Saal im Britischen Museum erzählte, worin man noch Hausgeräte von einem vor Jahrtausenden untergegangen Volke zum Andenken aufbewahrt sieht, horchte er sehr gespannt, und es war leicht zu sehen, daß er dabei lebhaft an das allmähliche Verschwinden seines eigenen Geschlechts dachte.

Dies brachte uns auf Mr. Catlins Galerie, die er sehr lobte, indem er bemerkte, daß auch sein Porträt sich in der Sammlung befinde und daß die Bilder alle recht »elegant« seien. Mr. Cooper, sagte er, habe den roten Mann gut gezeichnet, und ich, sagte er, würde es gewiß auch können, wenn ich mit ihm in seine Heimat gehen und mit ihm Büffel jagen wollte, wozu er mich sehr angelegentlich zu bereden suchte. Als ich bemerkte, ich würde, wenn ich auch mitginge, doch wahrscheinlich den Büffeln nicht sehr gefährlich werden, lachte er von ganzem Herzen.

Es war ein merkwürdig schöner Mann, etwas über vierzig Jahr alt, wie ich glaube, hatte langes schwarzes Haar, eine Adlernase, breite Backenknochen, ein sonnengebräuntes Antlitz und ein scharfes, durchdringendes schwarzes Auge. Es existieren nur noch 20 000 Choctaws, sagte er, und ihre Zahl schwindet mit jedem Tage. Einige seiner Brüder-Häuptlinge waren gezwungen, sich zu zivilisieren und mit dem, was die Weißen wissen, bekannt zu machen, denn das allein gebe ihnen noch einige Hoffnung, ihre Existenz zu fristen. Doch das hätten nicht viele getan, und die übrigen seien die alten geblieben. Er verweilte lange bei diesem Thema und wiederholte mehrmals, daß sie vor dem Fortschritt der zivilisierten Gesellschaft spurlos verschwinden müßten, wenn sie es nicht versuchten, sich von ihren Siegern assimilieren zu lassen.

Als wir beim Scheiden uns die Hände drückten, sagte ich, er solle doch nach England kommen, da er sich so sehr nach diesem Lande sehne, ich würde mich sehr freuen, ihm eines Tages dort zu begegnen, und könne ihm versprechen, daß er gut aufgenommen und freundlich behandelt werden würde. Diese Versicherung machte ihm offenbar Freude, obwohl er mit gutmütigem Lächeln und ungläubigem Kopfschütteln entgegnete, die Engländer hätten die roten Männer recht lieb gehabt, als sie noch ihren Beistand brauchten, seitdem aber kümmerten sie sich nicht mehr um sie.

Er schied: ein so stattlicher und vollkommener Gentleman aus der Hand der Natur hervorgegangen, wie ich nur je einen sah, und als er durch das Volk im Boot dahinschritt, kam er mir wie ein anderes höheres Wesen vor. Er schickte mir bald nachher sein lithographiertes Porträt, das ziemlich getroffen, obwohl nicht hübsch genug war. Ich habe es zum Andenken an unsere kurze Bekanntschaft sorgfältig aufbewahrt.

Die Gegend, durch die wir an diesem Tage fuhren, bot nichts besonders Interessantes, und um Mitternacht kamen wir nach Louisville. Wir übernachteten im Galt House, einem prachtvollen Hotel, und wohnten da so hübsch, als ob wir in Paris und nicht Hunderte von Meilen jenseits des Alleghany-Gebirges wären.

Da die Stadt nicht interessant genug war, um uns zu einem Aufenthalt zu veranlassen, beschlossen wir, am kommenden Morgen auf einem andern Dampfschiffe, der »Fulton«, weiterzureisen und um Mittag in der Vorstadt Portland einzusteigen, wo es, eines zu passierenden Kanals wegen, eine Weile anhalten mußte.

Nach dem Frühstück fuhren wir zum Zeitvertreib in der Stadt umher; sie ist regelmäßig gebaut und nimmt sich recht heiter aus, die Straßen durchschneiden sich in rechten Winkeln und sind mit jungen Bäumen bepflanzt. Die Häuser sind alle – weil man hier Pechkohlen brennt – vom Rauch geschwärzt, doch ein Engländer ist daran gewöhnt und findet durchaus nichts Anstößiges darin. Es war nicht viel Leben zu sehen, die Geschäfte mußten flau sein; einige unvollendete Gebäude und Reparaturen schienen anzudeuten, daß die Stadt im Eifer des Fortschritts sich im Bauen etwas übernommen haben und nun unter den auf solche fieberische Anspannung folgenden Reaktionen leiden mußte.

Als wir nach Portland gingen, kamen wir an einem Magistratsbüro vorüber, das mehr wie eine Mädchenschule denn wie ein Polizeiamt aussah; denn das ehrfurchtgebietende Institut war nichts als ein trübseliges, stilles Vorderzimmer, das auf die Straße ging und worin zwei oder drei Gestalten (vermutlich der Richter und seine Myrmidonen) sich in Behaglichkeit und Ruhe sonnten. Es war ein vollkommenes Bild der Gerechtigkeit, die aus Mangel an Kunden sich vom Geschäft zurückgezogen, Schwert und Waage verkauft und sich bequem in ihren Sorgenstuhl gelehnt hat, um ein Schläfchen zu machen.

Hier wie überall in diesen Gegenden lebte und webte die ganze Straße von Schweinen jeden Alters; in allen Ecken lagen sie entweder in tiefem Schlafe oder liefen sie grunzend umher, um verborgene Leckerbissen zu suchen. Ich habe von jeher große Vorliebe für diese kuriosen Tiere, und wenn ich keine andere Unterhaltung hatte, sah ich stets mit Vergnügen ihrem Treiben zu. Bei unserer Morgenfahrt beobachtete ich einen kleinen Vorfall zwischen zwei jugendlichen Schweinen, der mir zur Zeit so menschlich, so höchst komisch und grotesk vorkam und doch vielleicht in der Erzählung sich sehr zahm und nüchtern ausnimmt.

Ein junger Gentleman (ein sehr delikates Ferkel mit mehreren Strohhalmen um die Nase, die auf kürzlich vorgenommene Visitationen eines Misthaufens hindeuteten) ging in tiefen Gedanken langsam vor sich hin, als sein Bruder, der ungesehen von ihm in einem Dreckloch lag, sich plötzlich dicht vor seinem erschreckten Blick erhob, wie ein Gespenst im nassen Kot. Das Blut in seinen Adern gerann ihm. Es fuhr wenigstens drei Schritt zurück, starrte einen Augenblick das Schreckbild an und schoß dann fort, so schnell es konnte, wobei sein außerordentlich kleines Schwänzchen vor Hast und Schrecken zitterte wie ein aus dem Takt geratenes Pendel. Allein ehe es noch gar weit gelaufen war, begann es in seinem Innern über die Natur dieser schrecklichen Erscheinung nachzudenken und ließ allmählich in seiner Eile nach, bis es endlich stehenblieb und sich umdrehte. Und da war sein Bruder wieder, kotglänzend und in der Sonne strahlend am ganzen Leibe, noch immer glotzte er aus demselben Loch hervor, ganz erstaunt, wie sein Bruderschwein sich gebärdete! Kaum war dieses seiner Sache gewiß – und es stellte seine Untersuchung so sorgfältig an, daß man sagen könnte, es hielt sich die Hand vor die Augen, um besser zu sehen –, kehrte es im Trott um, stürzte auf den Bruder los und bestrafte ihn summarisch, indem es ihm ein Stück Schwanz abbiß – zur Warnung für die Zukunft, auf daß er sich künftig nicht wieder erlaube, einem Glied seiner Familie einen Streich zu spielen.

Wir fanden das Dampfboot im Kanal, wo es erst langsam durch die Schleuse fahren mußte, und gingen an Bord. Es dauerte nicht lange, so hatten wir schon wieder Besuch, diesmal von einem Kentucky-Riesen namens Porter, der in den Strümpfen nicht mehr als sieben Fuß acht Zoll groß ist.

Keine Menschenrasse ist von den Chronisten so lügnerisch und grausam verleumdet worden wie das Geschlecht der Riesen. Statt durch die Welt zu rasen, wie es in den alten Sagen heißt, und ihre Speisekammer auf kannibalische Weise zu füllen, sind sie die sanftesten Menschen, die man nur kennt: sie ertragen alles, wenn man sie nur in Frieden läßt, und leben gern von Milch und Vegetabilien. Freundlichkeit und Milde sind so entschieden ihre hervorstechenden Eigenschaften, daß ich, offen gestanden, jenen Heldenjüngling, der sich durch die Ausrottung dieser harmlosen Menschen auszeichnete, nur als einen falschherzigen Straßenräuber ansehen kann, der unter philanthropischer Maske focht und im Herzen nur die Schätze in den Schlössern der Riesen zu erbeuten dachte. Ich bin um so mehr dieser Ansicht, als ich finde, daß selbst der Geschichtsschreiber jener Heldentaten bei aller Parteilichkeit für seinen Helden gerne zugibt, daß die hingeschlachteten Ungeheuer eigentlich ganz unschuldige und einfältige Geschöpfe waren, außerordentlich arglose, leichtgläubige Menschen, die den unwahrscheinlichsten Erzählungen ein geneigtes Ohr liehen, leicht in die Falle gingen und selbst (wie jener walisische Riese) in ihrer übermäßigen Gastfreundlichkeit sich lieber den Bauch hätten aufschneiden lassen, als daß sie geglaubt hätten, ihre Gäste könnten Betrüger sein und mit ihnen ihren Hokuspokus treiben.

Der Kentucky-Riese war nur ein neuer Beleg für die Wahrheit dieser Ansicht. Er war etwas schwach in den Knien, und in seinem langen Gesicht lag etwas so Gutmütiges, Zutrauliches, daß man wohl sah, er verschmähte auch den moralischen und physischen Beistand eines bloß fünf Fuß neun Zoll hohen Menschen nicht. Er war nicht älter als fünfundzwanzig Jahre, wie er sagte, und war erst vor kurzem ausgewachsen, denn an den Beinen seiner Hosen hatte man etwas ansetzen müssen. Mit fünfzehn Jahren war er noch ein kleiner Junge und mußte sich von seinem englischen Vater und seiner irischen Mutter oft anschnauzen lassen, weil er zu klein von Natur war, um das Ansehen der Familie aufrechtzuerhalten. Er sagte auch, daß er früher nicht sehr gesund gewesen, doch jetzt gehe es damit besser; hingegen fehlte es nicht an kleinen Leuten, die da sagten, daß er zu tief ins Glas gucke.

Er ist ein Lohnkutscher, soviel ich hörte, obwohl ich nicht einsehe, wie er's anfängt, wenn er sich nicht etwa hinten auf den Tritt stellt, mit der Brust über das Dach der Kutsche legt und das Kinn auf den Bock aufstemmt. Er hatte als Rarität sein Schießgewehr mit, »die kleine Büchse« getauft; im Fenster eines Kaufladens in Holborn ausgestellt, könnte diese kleine Flinte das Glück eines jeden Krämers machen. Nachdem er eine Weile geplaudert und sich sattsam hatte sehen lassen, entfernte er sich mit seinem Taschengewehr und wackelte in die Kajüte hinab, wo er unter den Kerlen von sechs Fuß und mehr Höhe wie ein Leuchtturm unter Laternenpfählen wandelte.

Einige Minuten später waren wir aus dem Kanal heraus und wieder auf dem Ohio.

Das Boot war im Innern geradeso wie die »Messenger« eingerichtet, und die Passagiere waren dieselbe Sorte Menschen. Wir aßen um dieselbe Zeit, in derselben langweiligen Gesellschaft und hatten dieselben Speisen. Die Leute schienen dasselbe furchtbare Geheimnis auf dem Herzen zu haben und ebensowenig der geringsten Heiterkeit fähig zu sein. Ich habe in meinem Leben keine so dumpfe und stumpfe, trübe Langeweile erlebt wie bei diesen Mahlzeiten; die bloße Erinnerung daran drückt mich nieder und macht mich für den Augenblick unglücklich. Ich saß gewöhnlich in meiner Kajüte, lesend oder schreibend, mit dem Buch auf den Knien, und die Stunde, die uns zu Tische rief, sah ich wirklich mit Furcht und Schrecken nahen; ich war so froh, wenn die Mahlzeit überstanden war, als wäre sie eine Bußübung oder Strafe. Gern will ich mit Le Gages wanderndem Schauspieler die trockene Brotrinde in die Quelle tauchen, wenn nur Frohsinn und Heiterkeit das Mahl würzen; aber mit so vielen Mit-Tieren mich hinzusetzen, um die Stillung von Durst und Hunger wie ein Geschäft abzumachen, um den Yahoo-Trog so schnell als möglich zu leeren und sich dann mürrisch fortzuschleichen und dieses gesellige Sakrament, die Mahlzeit, so entheiligt, so zur bloßen Befriedigung der gierigen Notdurft herabgewürdigt zu sehen, ist so gegen meine Natur, daß ich wirklich glaube, die Erinnerung an diese Leichenfeierschmausereien wird mein ganzes Leben lang mich wie ein Alp drücken.

Einen Trost hatten wir auf diesem Boot, den wir auf dem früheren entbehrten; dies war die hübsche Frau des Kapitäns (eines derben, gutmütigen Mannes), die mit uns reiste und sich gern aufgeweckt und munter gab; noch einige andere ebenfalls liebenswürdige Damen waren an Bord, die immer neben uns am Ende der Tafel saßen. Aber gegen den niederdrückenden Einfluß der ganzen Gesellschaft konnte nichts aufkommen. Es lag in der Langweiligkeit dieser Leute eine eigentümlich magnetische Kraft, die den lebhaftesten und besten Gesellschafter von der Welt zu Boden drücken mußte. Ein Scherz wäre ein Verbrechen gewesen, und ein Lächeln hätte sich in grinsendes Entsetzen verwandelt. Solch bleiern schwerfälliges Volk, solch ein systematisch, unerträglich ärgerliches Menschenpack, solch eine für allen freien, geselligen, herzlichen, jovialen Verkehr unempfängliche Masse ist, seit die Welt steht, nirgends zusammengekommen.

Auch die Gegend hatte durchaus nichts Erheiterndes, als wir uns endlich dem Zusammenfluß des Ohio und des Mississippi nahten. Die Bäume waren von verkrüppeltem Wuchs, die Ufer niedrig und flach, die Ansiedlungen und Blockhütten wurden seltener; ihre Bewohner elender und blasser als alle, die wir bis jetzt getroffen hatten. Kein Vogelsang in den Lüften, keine lieblichen Düfte, keine wechselnden Lichter und Schatten von rasch vorübereilenden Wolken. Eine Stunde wie die andere brannte derselbe heiße, eherne Himmel auf dasselbe eintönige Einerlei herab. Eine Stunde wie die andere wälzte der Strom sich so verdrossen und langsam wie die Zeit selbst dahin.

Endlich, am dritten Morgen, erreichten wir einen so öden und wüsten Punkt, daß die eintönigsten Gegenden, durch die wir gekommen waren, in Vergleich mit diesem voll Reiz und Interesse waren. Am Zusammenfluß der beiden Ströme, auf einem so niedrigen und flachen Sumpfboden, daß zu gewissen Jahreszeiten die Überschwemmung bis an die Dachgiebel reicht, liegt eine Stadt, wo Fieber, Elend und Tod wachsen; ein Ort, der, in England als Goldmine gepriesen, viele, die den Lügenberichten von hier aus glauben, zu verderblichen Spekulationen verleitet. Ein entsetzlicher Sumpf, auf dem die halb fertigen Häuser hinfaulen: hie und da ein paar Ellen weit ausgetrocknet, und mit einer üppigen Giftvegetation bewachsen, in deren todbringendem Schatten der arme, hierher verlockte Auswanderer bald verschmachten und sein Gebein in die Grube legen muß, bespült vom verhaßten Mississippi, der sich dann gegen Süden wie ein schleimiges Ungeheuer, scheußlich anzusehen, hinwegwendet; ein Mistbeet, in dem das Siechtum reift, eine häßliche, trostlose Gruft: ein Ort, wo weder Erde noch Luft, noch Wasser sich durch die geringste Eigenschaft empfehlen, das ist dieses schreckliche Cairo.

Aber mit welchen Worten soll man den Mississippi selbst schildern, den großen Vater der Ströme, der (Dank sei dem Himmel) keine Kinder hat, die ihm gleichen! Ein ungeheurer Graben, manchmal zwei oder drei Meilen breit, voll flüssigem Schlamm, mit der Geschwindigkeit von sechs Meilen die Stunde rinnend; seine starke, schäumende Strömung wird überall von riesigen Stämmen und ganzen Bäumen gehemmt, die sich bald zu einem Gebälk verflechten, aus dessen Zwischenräumen ein träger, schilfiger Schaum aufbrodelt, bald wie Ungetüme mit Wurzeln, wie verworrenes Haar, hinschießen, bald einzeln vorüberfliegen, wie Riesen-Blutegel, und bald sich im Schlund eines Wasserwirbels herumdrehen und ringeln wie verwundete Schlangen. Die Ufer niedrig, die Bäume zwerghaft, die Moräste voll von Fröschen, die elenden Hütten weit auseinander zerstreut, ihre Bewohner hohlwangig und blaß, das Wetter entsetzlich heiß, Moskitos in allen Winkeln und Spalten des Bootes, Kot und Schlamm überall und auf allem; nichts Schönes zu sehen, als etwa das harmlose Wetterleuchten und Blitzen jeden Abend am dunklen Horizont.

Zwei Tage lang arbeiteten wir uns auf diesem unheimlichen Strome fort, beständig gegen das schwimmende Gebälk anstoßend oder haltmachend, um jene noch gefährlicheren Hindernisse, die »snags« oder »sawyers«, zu vermeiden: das sind die Stämme von Bäumen, deren Wurzeln unter dem Wasser verborgen sind. Wenn die Nächte sehr dunkel sind, erkennt die Wache im Bug des Schiffes die Gefahr am Kräuseln und Wirbeln des Wassers und läutet mit einer Glocke, zum Zeichen, daß die Maschine stillstehen soll; aber keine Nacht vergeht, wo diese Glocke nicht zu tun hätte, und nach jedem Läuten erfolgt ein Stoß, der einen nicht leicht im Bette läßt.

Der Sonnenuntergang bot hier einen prachtvollen, großartigen Anblick; das ganze Firmament bis zum Zenit über unsern Häuptern färbte sich in Rot und Gold. Wie die Sonne hinter dem Ufer unterging, schienen die kleinsten Grashalme darauf so deutlich und sichtbar wie das Geäder im Skelett eines Baumblattes; und als nun beim langsamen Sinken des Gestirns die roten und goldenen Stämme auf dem Wasser dunkler und immer dunkler wurden, als ob sie auch sänken; und als all die glühenden Farben des scheidenden Tages allmählich vor der Dunkelheit der Nacht erblaßten, da wurde die Szene noch tausendmal einsamer und schauriger als zuvor, und ihr Eindruck verdüsterte sich mit dem Himmel.

Wir tranken das schlammige Wasser dieses Stromes, solang wir auf demselben fuhren. Die Eingeborenen halten es für gesund; es ist etwas weniger durchsichtig als Hafergrütze. Außer in der Filtriermaschine habe ich solches Wasser nie wieder gesehen.

In der vierten Nacht, nachdem wir Louisville verlassen hatten, erreichten wir St. Louis, und hier erlebte ich den Ausgang einer an sich unbedeutenden, aber ergötzlichen Geschichte, die mich während der ganzen Fahrt interessiert hatte.

Auf unserm Schiff befand sich eine hübsche kleine Dame mit einem kleinen Kind; beide schauten mit heitern, klaren Augen in die Welt und waren wohlauf und guter Dinge, allen Menschen eine Freude. Die kleine Dame war lange Zeit bei ihrer kranken Mutter in New York gewesen und hatte ihren Wohnort, St. Louis, in gesegneten Umständen verlassen. Das Kind wurde im Hause der Mutter geboren, und sie hatte ihren Gatten, zu dem sie jetzt zurückkehrte, seit zwölf Monaten nicht gesehen. Schon im ersten oder zweiten Monat ihrer Ehe hatte sie ihre Reise angetreten.

Und gewiß hat es nie eine kleine Dame so voller Hoffnung und Zärtlichkeit und Liebe und Besorgnis gegeben wie diese. Den ganzen Tag lang fragte sie sich, ob er wohl auf dem Kai warten werde; ob er wohl ihren Brief erhalten habe; ob, wenn sie das Kind mit jemand anders an das Land schickte, er es wohl erkennen würde, was, da er es nie mit Augen gesehen, freilich nicht sehr wahrscheinlich, der jungen Mutter aber vollkommene Gewißheit war. Sie war ein so kunstloses Wesen, war in einer so rosenfarbenen, hoffnungsreichen Stimmung und verriet so himmlisch naiv alles, was ihrem Herzen am nächsten lag, daß auch die andern Damen an Bord in die Sache eingingen gleich ihr. Der Kapitän, der alles von seiner Frau erfahren hatte, fragte jederzeit bei Tische, als ob er es vergessen, ob sie in St. Louis jemand zu treffen erwarte, ob sie noch am Abend unserer Ankunft an Land gehen wolle, was er nicht glaube, und machte ähnliche Scherze. Eine ausgetrocknete, alte Dame war unter uns, die diese Gelegenheit stets ergriff, um die Treue so verlassener Männer stark zu bezweifeln; und eine andere Dame (mit einem Schoßhund) war da, alt genug, um über die Wandelbarkeit ehelicher Liebe zu moralisieren, aber doch noch nicht so alt, um nicht das Kind dann und wann zu liebkosen oder mit den übrigen zu lachen, wenn die kleine Dame das Kind bei seines Vaters Namen rief und ihm in der Freude ihres Herzens allerlei närrische Fragen über ihn vorlegte.

Ein großer Schreck war es für die kleine Dame, als es ungefähr zwanzig Meilen vor unserem Reiseziel notwendig wurde, das Kind zu Bett zu bringen. Aber sie überwand auch das mit derselben guten Laune, band sich ein Tuch um den Kopf und kam auf die kleine Galerie zu den übrigen. Welch ein Orakel war sie jetzt wieder in allem, was die Umgebung betraf! und wie launig und neckisch die verheirateten Damen, und wie teilnehmend und mitfühlend die unverheirateten wurden! und wie laut und herzlich die kleine Dame (die ebenso leicht geweint haben würde) jeden Scherz belachte!

Endlich zeigten sich die Lichter von St. Louis, und dann der Kai und die Treppe; und die kleine Dame verhüllte ihr Gesicht mit den Händen und lachte (oder schien zu lachen) mehr als je und lief in ihre Kajüte und schloß sich ein. Ich zweifle nicht, daß sie in der lieblichen Inkonsequenz solcher Aufregung sich die Ohren zuhielt, damit sie ihn nicht nach der Gattin fragen höre; aber ich habe es nicht gesehen.

Und jetzt drängten sich eine Menge Leute an Bord, obgleich das Boot noch nicht festgemacht war, sondern unter den andern Fahrzeugen herumirrte, um einen Anlegeplatz zu suchen; und alle sahen sich nach dem Gatten um, und niemand sah ihn. Plötzlich aber erblickten wir mitten unter uns die kleine Dame – und der Himmel weiß, wie sie dahin kam – an der Brust eines hübschen, kräftigen jungen Mannes; in einem Augenblick darauf zog sie ihn, vor Freude in die Hände klatschend, in ihre kleine Kajüte, wo das Kind schlummernd lag.

*

Wir verfügten uns in das Planter's House, ein großes Hotel, gebaut wie ein englisches Hospital, mit langen Gängen und nackten Wänden und runden Fenstern über der Zimmertür, um die Zirkulation der Luft zu befördern. Es war stark von Gästen besetzt, und so viele Lichter glänzten von den Fenstern in die Straße herunter, als wir vorfuhren, daß es aussah, als ob es festlich erleuchtet sei. Es ist ein vortreffliches Haus, und die Eigentümer haben ganz verständige Begriffe von den guten Dingen dieser Erde. Als ich eines Tages mit meiner Frau allein auf dem Zimmer speiste, zählte ich vierzehn Gerichte auf einmal auf der Tafel.

In dem alten französischen Teil der Stadt sind die Straßen eng und krumm und viele der Häuser von sehr malerischem Äußeren. Sie sind ganz aus Holz gebaut und haben lange, weit überragende Galerien vor den Fenstern, zu denen man von der Straße aus auf Treppen oder vielmehr Leitern hinaufsteigt. Auch seltsam altertümliche kleine Barbierstuben und Schenken finden sich in diesem Viertel und eine Menge baufälliger alter Hütten mit blanken Fenstern, wie man sie in den flandrischen Städten sieht. Manche von diesen alten Gebäuden, mit hohen Giebeln, die in die Dächer hineinragen, haben eine Art von französischem Achselzucken an sich; und vor Alter gichtbrüchig und schief, neigen sie höchst weise das Haupt, als wenn sie Grimassen der Verwunderung über die amerikanischen Verbesserungen schnitten.

Es ist kaum notwendig zu sagen, daß diese Fortschritte in Werften und Speichern und neuen Gebäuden jeder Art und einer Anzahl großer Pläne, die immer noch in »lebhaftester Entwicklung« sind, bestehen. Bereits sind jedoch einige sehr hübsche Häuser, breite Straßen und Läden mit marmornem Vorbau so weit fortgeschritten, daß sie nahezu fertig sind; und die Stadt hat im ganzen Aussicht, in wenigen Jahren sich sehr gehoben zu haben, obgleich sie schwerlich, was Schönheit und Eleganz betrifft, je mit Cincinnati wird wetteifern können.

Die römisch-katholische Konfession, von den ersten französischen Ansiedlern hierhergebracht, herrscht noch immer sehr vor. Unter den öffentlichen Anstalten befinden sich ein Jesuitenkollegium, ein Kloster der Frauen vom heiligen Herzen und eine große Kapelle bei dem Kollegium, welche während meines Dortseins im Bau begriffen war und am zweiten Dezember eingeweiht werden sollte. Der Baumeister dieser Kapelle ist einer der ehrwürdigen Väter des Kollegiums, und der Bau steht unter seiner alleinigen Leitung. Die Orgel wird aus Belgien hergesandt werden.

Außerdem befinden sich hier noch eine katholische Kathedrale, dem heiligen Franz Xaver geweiht, und ein Hospital, die Stiftung eines Mitgliedes dieser Kirche. Sie sendet auch von hier Missionare zu den Indianerstämmen.

Die unitarische Kirche wird in dieser entlegenen Stadt, wie in den meisten andern Teilen Nordamerikas, durch einen vortrefflichen und hochgebildeten Geistlichen vertreten. Die Armen haben Ursache, ihrer mit Segen zu gedenken; denn sie ist ihr stets hilfsbereiter Freund und unterstützt die Sache vernunftgemäßer Erziehung ohne sektiererische und selbstische Nebenabsichten. Sie ist wohlwollend in ihrer Tätigkeit, freisinnig in ihrer Verfassung und von weithin wirkender Wohltätigkeit.

Drei Freischulen bestehen in der Stadt und sind in lebendiger Wirksamkeit. Eine vierte wird eben gebaut und steht vor ihrer Eröffnung.

Kein Mensch gibt die Ungesundheit seines Wohnorts zu, er müßte ihn denn eben verlassen wollen, und ich würde daher ohne Zweifel die Bewohner von St. Louis beleidigen, wenn ich die vollkommene Gesundheit ihres Klimas in Frage stellen und der Meinung sein wollte, im Sommer und Herbst müsse Fieberluft in der Umgegend herrschen. Wenn ich noch hinzufüge, daß es sehr heiß ist und zwischen großen Flüssen und weitausgedehnten, unangebauten Sumpfstrecken liegt, so kann ich es dem Leser selbst überlassen, sich seine Meinung zu bilden.

Da ich große Lust hatte, noch eine Prärie zu sehen, ehe ich mich von dem Endpunkt meiner Wanderungen heimwärts wendete, und da einige hier wohnende Herren in ihrer gastfreundlichen Bereitwilligkeit ein ebenso großes Verlangen trugen, mir zu willfahren, so wurde ein Tag zu einem Abstecher in die Looking-Glass Prairie, ungefähr dreißig Meilen von der Stadt, festgesetzt. In der Hoffnung, daß meine Leser wünschen möchten, zu wissen, wie eine solche Zigeunerfahrt, so entfernt von der Heimat, beschaffen sei und in welcher Umgebung sie sich bewege, werde ich dieser kleinen Reise ein neues Kapitel widmen.

 

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