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Aufzeichnungen aus Amerika

Charles Dickens: Aufzeichnungen aus Amerika - Kapitel 12
Quellenangabe
typereport
authorCharles Dickens
titleAufzeichnungen aus Amerika
publisherWinkler Verlag
editorSiegfried Schmitz
yearo.J.
translatorE. A. Moriarty
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20140926
modified20180604
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11. Kapitel

Von Pittsburgh nach Cincinnati auf einem Dampfboot aus dem Westen. Cincinnati

Die »Messenger« lag unter einem Haufen von Hochdruck-Dampfbooten am Kai, die, von dem aufsteigenden Landungsplatz oder vom hohen Ufer auf der andern Seite des Stromes aus gesehen, nicht größer zu sein schienen als Schiffsmodelle. Sie selbst hatte gegen vierzig Passagiere an Bord, ohne die armem Leute auf dem unteren Deck; und nach einer halben Stunde oder noch früher machte sie sich auf den Weg.

Wir hatten eine winzige Kabine mit zwei Kojen darin, in die man aus der Damenkajüte trat. Diese »Lokation« hatte ohne Zweifel etwas Angenehmes und Beruhigendes, da sie im Heck lag und man uns mehr als einmal dringend empfohlen hatte, uns so weit wie möglich hinten zu halten, »weil die Dampfschiffe gewöhnlich nach vorn in die Luft fliegen«. Diese Vorsicht war auch keineswegs überflüssig, wie mehr als ein Unglück der Art während unseres Aufenthaltes uns bewies. Davon abgesehen, war es ein unaussprechlicher Trost, einen, wenn auch noch so beschränkten Raum zu besitzen, wo man allein sein konnte; alle diese Kammern, zu denen auch unsere gehörte, hatten jede eine zweite Glastüre außer der in der Damenkajüte, die auf eine schmale Galerie auf der Außenseite des Fahrzeuges führte, wo die anderen Passagiere selten hinkamen, so daß man da in Ruhe sitzen und die vorüberfliegende Landschaft betrachten konnte. Wir nahmen daher mit großem Vergnügen Besitz von unserer neuen Wohnung.

Wenn die amerikanischen Paketboote, die ich schon beschrieben habe, keinem Fahrzeug, das wir auf dem Wasser zu sehen gewohnt sind, ähnlich sehen, so entsprechen diese Schiffe im Westen noch weit weniger allen unseren Begriffen von einem Boot oder Schiff überhaupt.

Vor allem haben sie keinen Mast, kein Tau- und Takelwerk oder sonstiges Schiffsgerät; ihr ganzer Bau hat nichts, was an Bug, Heck, Kiel oder Seitenwand eines Bootes erinnern könnte. Wenn sie nicht im Wasser wären und ein Paar Radkästen hätten, könnte man ebensogut glauben, sie seien zu irgendeiner unbekannten Arbeit hoch auf einem trockenen Berggipfel bestimmt. Sie haben nicht einmal ein sichtbares Deck: nichts als ein langes, schwarzes, häßliches Dach, welches mit ausgebrannten Kohlenstäubchen bedeckt ist; darüber ragen zwei eiserne Schornsteine hervor, ein heiseres Sicherheitsventil und ein gläsernes Steuerhaus. Dann sieht man, abwärts nach dem Wasser zu blickend, die Seiten, Türen und Fenster der Kabinen, so kunterbunt durcheinandergeworfen, als bildeten sie eine kleine Gasse, die nach dem verschiedenen Geschmack von einem Dutzend Menschen aufgebaut worden; das Ganze aber wird von Balken und Säulen getragen, die auf einer schmutzigen Barke, nur ein paar Zoll über dem Wasser, stehen, und in dem schmalen Raum zwischen diesem oberen Gebäude und dem Deck der Barke befinden sich Maschine und brennende Öfen, von allen Seiten gegen Wind und Regen frei und offen.

Wenn man bei Nacht ein solches Boot sieht und die große Feuermasse, die in freier Luft, wie ich eben sagte, unter dem schwachen Gebäude von übertünchtem und bemaltem Holz emporbraust und knistert; wenn man die Maschine sieht, die, durch nichts geschützt oder abgesondert, mitten unter einem Haufen von Müßiggängern, Auswanderern und Kindern, die sich auf dem untern Verdeck zusammendrängen, ihre Arbeit verrichtet und unter der Leitung von verwegenen und unachtsamen Menschen steht, die vielleicht nicht länger als ein halbes Jahr mit ihren Geheimnissen vertraut sind: dann muß man sagen, das Wunder ist nicht, daß so viele Unfälle passieren, sondern daß nicht jede Fahrt unglücklich verläuft.

Drin, der ganzen Länge des Bootes entlang, befindet sich eine lange, schmale Kajüte, von wo auf beiden Seiten die Eingänge zu den verschiedenen Kabinen führen. Ein kleiner Teil derselben, am Heck des Schiffes, ist für die Damen abgeteilt; am entgegengesetzten Ende derselben befindet sich die Bar. Durch die Mitte hin geht ein langer Tisch, und an jedem Ende steht ein Ofen. Der Waschapparat ist auf dem Deck. Er ist etwas, aber nicht viel besser als auf dem Kanalboot. Man reise in Amerika, wie man will, zu Land oder zu Wasser, so wird man finden, daß für die körperliche Reinlichkeit und Sauberkeit der Passagiere auf die nachlässigste Weise gesorgt ist; und ich bin sehr geneigt, diesem Umstand viele Krankheiten der Amerikaner zuzuschreiben.

An Bord der »Messenger« sollen wir drei Tage zubringen und in Cincinnati (wenn alles gut abläuft) Montag früh ankommen. Wir haben täglich drei Mahlzeiten. Um sieben Uhr Frühstück, um halb eins Diner und um sechs Uhr etwas Souper. Jedesmal stehen unzählige kleine Teller und Schüsseln auf dem Tisch, aber es ist sehr wenig drin, außer für solche Gourmands, die eine Vorliebe für gelbe Rüben, getrocknete Rindfleischschnitten, komplizierte Knäuel von spanischen Pfefferschoten, Mais, Apfelsoße und Kürbisse haben.

Manche Leute mischen alle diese kleinen Leckerbissen (mit süßem Kompott außerdem) durcheinander und verzehren sie zu ihrem Schweinebraten. Das sind gewöhnlich jene dyspeptischen Herren und Damen, die das heiße Maisbrot (welches ebenso leicht verdaulich ist wie ein geknetetes Nadelkissen) zum Frühstück und zum Abendessen in unerhörten Massen hinunterschlingen. Wer dazu nicht imstande ist und statt dessen mehrmals etwas genießt, der sitzt dann freilich da und saugt nachdenklich an seiner Gabel oder seinem Messer, bis er sich entschieden hat, was er zunächst nehmen will; dann zieht er die Gabel aus dem Maul, stößt zweifelnd in eine oder die andere kleine Schüssel und fängt wieder zu essen an. Beim Diner steht nichts zum Trinken auf dem Tisch, einige Krüge mit kaltem Wasser ausgenommen. Bei keiner Mahlzeit wird eine Silbe gesprochen. Die Reisenden machen alle finstere und trübe Gesichter, als hätten sie fürchterliche Geheimnisse auf dem Herzen. Kein Gespräch, kein heiteres Lachen, keine Geselligkeit; nur ausgespien wird in Gesellschaft, in schweigender Gemeinsamkeit, rings um den Ofen, wenn das Essen vorüber ist. Jeder setzt sich mürrisch und verdrossen nieder, schlingt seine Portion hinunter, als ob Frühstück, Diner und Souper Naturnotwendigkeiten wären, mit denen sich weder ein Genuß noch ein Gefühl der Befriedigung jemals verbände; und wenn er sein Futter in düsterem Schweigen hinabgewürgt hat, setzt er sich ebenso schweigsam wieder hin. Wäre nicht wenigstens jene rein tierische Tätigkeit bei Tische, so könnte man die Männer der Gesellschaft für die traurigen Schatten abgeschiedener Buchhalter ansehen, die vor ihrem Schreibpult der Tod überraschte: so langweilig ist ihr still kalkulierendes, in Geschäfte versunkenes Wesen. Leichenbesorger, in ihrer Amtstätigkeit, würden sich neben ihnen wie lustige Lebemänner ausnehmen; und der Abhub von einem Leichenschmaus wäre, im Vergleich mit diesen Mahlzeiten, ein glänzendes Festessen.

Auch sind die Leute einer wie der andere. Da ist keine Verschiedenheit des Charakters. Sie reisen in denselben Geschäften, sie reden und tun dieselben Worte und Dinge ganz auf dieselbe Weise und treiben sich ganz in demselben langweiligen, ungemütlichen Einerlei im Kreise herum. An der ganzen Tafel ist kaum ein einziger, der sich im geringsten von seinem Nachbarn unterscheidet. Es ist noch ein wahrer Trost, daß mir gegenüber jenes kleine fünfzehnjährige Mädchen mit dem gesprächigen Kinn sitzt: ich muß ihr Gerechtigkeit widerfahren lassen und gestehen, daß sie die Handschrift der Natur auf ihrem Gesicht durchaus nicht Lügen straft, denn sie ist die erste und ausgezeichnetste aller kleinen Plaudertaschen, die jemals die Ruhe einer schläfrigen Damenkajüte störten. Das schöne Kind, welches ein wenig weiter unten an der Tafel sitzt, hat jenen jungen Mann mit dem braunen Schnurrbart, der noch weiter unten neben ihr sitzt, vor einem Monat erst geheiratet. Sie wollen sich weit hinten im freien Westen niederlassen, wo er vier Jahre gelebt hat, sie aber noch nie gewesen ist. Vor kurzem sind beide in einer Landkutsche umgeworfen worden (was in jedem andern Lande, wo das nicht so häufig der Fall ist, ein böses Omen wäre), er trägt den Kopf, an dem noch die Spuren der Verwundung zu sehen sind, umbunden. Auch sie wurde dabei verletzt und lag einige Tage fast besinnungslos danieder, so hell auch ihre Augen jetzt wieder glänzen.

Noch weiter unten am Tische sitzt ein Mann, der einige Meilen weiter als diese beiden reist, um eine neu entdeckte Kupfermine zu »bearbeiten«. Er führt das ganze – künftige – Dorf mit sich: ein paar gezimmerte Hütten und einen Apparat zum Kupferschmelzen. Auch die künftigen Dorfbewohner führt er mit sich. Es sind teils Amerikaner, teils Iren, und sie hocken auf dem untern Deck zusammen, wo sie vorigen Abend bis in die späte Nacht sich mit Pistolenschießen und Hymnensingen unterhielten.

Sie und die wenigen, die noch zwanzig Minuten nach dem Mahle sitzen geblieben sind, stehen jetzt auf und gehen fort. Wir folgen ihrem Beispiel und gehen durch unsere Kabine hinaus, um uns auf der stillen Galerie draußen niederzusetzen.

Es ist ein schöner breiter Strom, der jedoch an manchen Stellen weiter ist als an andern und gewöhnlich durch ein grünes, mit Bäumen bedecktes Eiland in zwei Arme geteilt wird. Dann und wann halten wir einige Minuten an, entweder um Holz oder neue Passagiere vor irgendeinem kleinen Dorf oder Marktflecken (ich sollte eigentlich sagen, vor einer Stadt, denn jeder Ort hier ist eine Stadt) einzunehmen; aber die Ufer sind größtenteils tief einsam, mit Bäumen bewachsen, die hier bereits voll belaubt und sehr grün sind. Meilenweit unterbricht die Stille dieser Einöden kein Zeichen menschlichen Lebens, keine Spur eines menschlichen Fußtrittes; noch sieht man rings sich etwas regen als den Blauhäher, der eine so glänzende, aber zarte Farbe hat, daß man eine fliegende Blume zu sehen glaubt. In langen Zwischenräumen stößt man auf eine Blockhütte, die mit ihrem kleinen Stück urbar gemachten Land sich unter einer Anhöhe geborgen hält und den blauen Rauch wie einen gekräuselten Faden gen Himmel sendet. Sie steht in einem Winkel des ärmlichen Weizenfeldes, das noch voll großer, häßlicher Baumstümpfe ist, die rohen Fleischerblöcken gleichen. Zuweilen findet man den Boden eben erst gesäubert: die gefällten Bäume liegen noch auf der Erde umher, und das Blockhaus ist diesen Morgen erst angefangen worden. Wie wir an dieser Lichtung vorüberfahren, steht der Ansiedler da, auf seine Axt oder seinen Hammer sich lehnend, und sieht neugierig die Fremdlinge aus der weiten Welt an. Die Kinder kommen aus der provisorischen Hütte hervorgekrochen, die wie ein Zigeunerzelt in die Erde hineingebaut ist, und klatschen mit den Händen und schreien. Der Hund sieht uns nur flüchtig an, dann blickt er wieder zu seinem Herrn auf, als würde er unruhig über jede Unterbrechung des gewöhnlichen Tagewerks und wüßte nicht mehr, was Erholung sei. Dabei immer ewig derselbe Vordergrund, der Strom hat die Ufer unterhöhlt und weggespült, und stattliche Bäume sind ins Wasser niedergesunken. Einige haben so lange im Wasser gelegen, daß sie nur noch dürre, graue Gerippe sind. Einige sind eben Hals über Kopf hineingestürzt, die Erde hängt noch an ihren Wurzeln; sie baden ihre grünen Häupter im Strom und setzen neue Schößlinge und Zweige an. Andere sinken beinahe um, wie man sie ansieht. Und noch andere sind vor so langer Zeit schon hier untergegangen, daß sie mitten im Strom ihre gebleichten Arme aus dem Wasser emporstrecken, als wollten sie nach dem Boot greifen und es zu sich hinunterziehen.

Durch solche Gegenden verfolgt die schwerfällige Maschine mit heiserem Schnauben ihren einsamen Pfad: bei jedem Umschwung der Räder läßt sie ein lautes, schrilles Pfeifen erschallen, laut genug, sollte man denken, um die ganze Indianerschar, die dort in dem großen Rasenhügel begraben liegt, von den Toten zu erwecken. Diese Gruft ist so alt, daß mächtige Eichen und andere Waldbäume auf ihr Wurzel geschlagen haben, und so hoch, daß sie selbst unter den Höhen, welche die Hand der Natur rings um sie gepflanzt hat, einen stattlichen Hügel vorstellt. Selbst der Strom, als teilte er des Wanderers Wehmut um die untergegangenen Stämme, die vor Jahrhunderten in glücklicher Unkenntnis der weißen Rasse hier so fröhlich lebten, selbst der Strom schleicht aus seinem Bett heran, um die Rasengruft zu bespülen; und nur an wenig Orten funkelt der Ohio so hell und lieblich wie im Big Grave Creek.

Alles das sehe ich von meinem Sitz auf der schon erwähnten Heckgalerie aus. Der Abend kommt langsam über die Landschaft geschlichen und verwandelt sie vor meinen Augen, während wir haltmachen, um einige Auswanderer ans Ufer zu setzen.

Es sind fünf Männer, fünf Frauen und ein kleines Mädchen. Ihr ganzes Hab und Gut besteht in einem Sack, einer großen Kiste und einem alten Stuhl, einem einzigen, alten hochlehnigen Strohstuhl, der selbst ein einsamer Ansiedler ist. Sie werden in einem Nachen ans Ufer gerudert, während unser Fahrzeug eine kleine Strecke davon anhält und auf seine Rückkehr wartet, denn der Strom ist hier seicht. Sie landen am Fuße einer Uferhöhe, auf deren Gipfel einige Blockhütten stehen, zu denen man nur auf einem langen, gewundenen Pfade gelangen kann. Es wird dunkel, aber die Sonne ist rotglühend und leuchtet wie Feuer auf dem Wasser und einigen Baumgipfeln.

Die Männer treten zuerst aus dem Boot ans Land, helfen den Frauen heraus, nehmen den Sack, die Kiste, den Stuhl, sagen den Ruderern Lebewohl und stoßen ihnen den Kahn ins Wasser. Beim ersten Ruderschlag setzt sich die älteste unter den Frauen in den alten Stuhl, hart am Rande des Wassers, ohne ein Wort zu sprechen. Keiner von den andern setzt sich, obgleich die Kiste noch für mehrere Platz hat. Sie alle bleiben, wo sie gelandet sind, wie versteinert stehen und sehen dem Boote nach. In dieser Stellung bleiben sie, die alte Frau auf ihrem alten Stuhl in der Mitte, der Sack und die Kiste am Ufer, ohne daß sich einer darum kümmert: aller Augen auf den Kahn gerichtet. Der Kahn kommt an die Seite des Dampfbootes, wird festgebunden, die Männer springen an Bord, die Maschine setzt sich in Bewegung, und fort geht es wieder mit heiserem Schnauben. Noch stehen sie dort, ohne eine Hand zu rühren. Noch in weiter Ferne und in der Dämmerung kann ich sie mit dem Augenglas erkennen, wie sie am Wasser stehen; die alte Frau auf ihrem alten Stuhl und die übrigen rings um sie, ohne ein Glied zu rühren. So verliere ich sie endlich langsam aus den Augen.

Die Nacht wird finster, und wir fahren im Schatten eines bewaldeten Ufers, was die Dunkelheit noch größer macht. Nachdem wir lang an dem düstern Labyrinth von Gestrüpp und Ästen vorübergeglitten sind, kommen wir auf einen offenen Platz, wo die hohen Baumstämme lichterloh brennen. In der hochroten Glut sieht man deutlich die Gestalt aller Äste und Zweige; und wie der leichte Wind schürend hineinweht, scheinen sie gleichsam selbst aus lebendigem Feuer gewoben. Es ist ein Schauspiel, wie es in den Sagen von verzauberten Wäldern vorkommt, nur daß es traurig ist, diese stolzen Naturkinder in ihrer Einsamkeit so grausam sterben zu sehen. Wie viele Jahre müssen kommen und schwinden, bevor die Zauberkraft, welche sie geschaffen, ihresgleichen wieder auf diesem Boden hervorruft. Aber die Zeit wird kommen; und wenn in ihrer Asche, nach tausend Metamorphosen, die Sprößlinge noch ungeborener Jahrhunderte Wurzel geschlagen haben, dann werden die rast- und ruhelosen Menschen ferner Zeitalter wieder in diese noch einmal unbevölkerten Einöden fliehen; und ihre Mitbrüder in weit entlegenen Städten, die vielleicht jetzt noch auf dem Meeresgrunde schlummern, lesen dann in seltsam fremd klingender Sprache von Urwäldern, wo man nie die Axt erklingen hörte und deren wild bewachsenen Boden noch kein menschlicher Fuß betrat.

Die Mitternacht und der Schlaf verwischen diese Bilder und Gedanken aus meiner Seele, und als der Morgen wieder aufgeht, fällt sein Schimmer auf die Giebel einer volkreichen, lebendigen Stadt, vor deren breitem, gepflastertem Kai unser Dampfboot vor Anker liegt; ringsum andere Boote, Flaggen und brausende Räder und das Lärmen und Summen der Menge, als gäbe es tausend Meilen in die Runde nicht eine Elle wüstes und unbebautes Land.

Cincinnati ist eine schöne, muntere, belebte und aufblühende Stadt. Nicht oft sieht man einen Ort, der sich gleich auf den ersten Blick dem Fremden so vorteilhaft empfiehlt wie Cincinnati mit seinen saubern roten und weißen Häusern, seinen gut gepflasterten Straßen und hellen Trottoirs. Auch wird dieser angenehme Eindruck durch eine nähere Bekanntschaft nicht geschwächt. Die Straßen sind breit und luftig, die Kaufläden vom besten Aussehen und die Privatwohnungen von merkwürdiger Eleganz und Reinlichkeit. Die mannigfach wechselnde Bauart der letzteren zeugt von Phantasie und Erfindung, was nach dem eintönigen Wesen und Treiben der Dampfbootgesellschaft einen entzückenden Eindruck macht, da es einen gleichsam versichert, daß jene beiden Eigenschaften noch nicht ganz aus der Welt verschwunden sind. Das Streben, diese hübschen Villen so viel wie möglich zu verzieren und anziehend zu machen, führt zur Kultur der Bäume und Blumen, zum Anlegen gepflegter Gärten, was dem Wanderer in den Straßen einen erfrischenden Anblick verschafft. Ich war ganz entzückt von der Schönheit der Stadt und der anstoßenden Vorstadt Mount Auburn, von wo aus die Stadt, die in einem von Hügeln gebildeten Amphitheater liegt, sich wie ein wunderschönes Gemälde ausnimmt.

Einen Tag nach unserer Ankunft wurde gerade eine große Mäßigkeitsversammlung gehalten, und da der Zug unter den Fenstern unseres Hotels vorüberging, hatte ich, als er am Morgen ausrückte, die beste Gelegenheit und den besten Platz zum Sehen. Er bestand aus mehreren tausend Menschen, welche Mitglieder der verschiedenen »Washington Auxiliary Temperance Societies« waren, und wurde von Beamten zu Pferde angeführt, die munter die Reihen hinauf und herunter trabten, daß ihre farbigen Bänder und Schärpen lustig im Winde flatterten. Auch Musikkapellen und zahllose Banner waren da; und es war überhaupt ein frisches, festtägliches Leben unter der Menge.

Besonders freuten mich die Iren, die eine eigene Gesellschaft für sich bildeten und mit ihren grünen Schärpen recht stolz taten; sie trugen die Nationalharfe und das Porträt von Vater Mathew hoch über die Köpfe des Volkes. Sie sahen so wohlgemut und lustig wie immer drein; bei der härtesten Arbeit um ihr liebes Brot waren sie hier die unabhängigsten Menschen von der Welt geworden.

Die Banner waren sehr hübsch gemalt und wehten ganz prächtig die Straße entlang. Da sah man den Stab an den Felsen in der Wüste schlagen und das klare Wasser hervorsprudeln; da war der Enthaltsame, der mit gewaltiger Axt zu einem tödlichen Streich ausholte gegen eine Schlange, die von einem Branntweinfaß auf ihn niederschießen wollte. Das Hauptbild aber war eine ungeheure allegorische Devise, welche die Schiffszimmerleute trugen; auf der einen Seite des Banners sah man das Dampfboot »Alkohol«, welches mit einem fürchterlichen Knall (einem gemalten) und gesprungenem Kessel in die Luft flog, während das gute Schiff »Mäßigkeit« mit günstigem Winde dahinfuhr, zur herzlichen Freude von Kapitän, Mannschaft und Passagieren.

Nachdem der Zug rings um die Stadt marschiert war, begab er sich zu einem Sammelplatz, um da, wie das gedruckte Programm verkündet hatte, von den Kindern der verschiedenen Freischulen mit »Mäßigkeitsgesängen« begrüßt zu werden. Ich kam nicht zeitig genug, um diese kleinen Sänger zu hören oder etwas über diese – wenigstens für mich – neue Art von Vokalunterhaltung zu berichten: aber auf einem großen freien Platz fand ich die verschiedenen Gesellschaften, jede um ihr Banner geschart, mit aufmerksamem Schweigen ihrem Redner zuhörend. Die Reden waren – nach dem wenigen zu urteilen, was ich davon vernehmen konnte – dem Zweck angemessen, da sie eine große Verwandtschaft mit einer kalten Dusche aufwiesen; allein die Hauptsache blieb doch das Benehmen der Zuhörer während des Tages, und das war allerdings bewundernswert und verhieß nur Gutes.

Cincinnati hat einen ehrenvollen Ruf wegen seiner Freischulen, deren so viele sind, daß es auch dem ärmsten Kinde nicht an Unterricht und Erziehung fehlen kann; die Mittel dazu reichen im Durchschnitt für viertausend Zöglinge jährlich aus. Ich war nur in einer dieser Anstalten während der Unterrichtsstunde. In der Knabenschule, die voll kleiner Jungen zwischen sechs und zehn oder zwölf Jahren war, wollte der Lehrer mir zuliebe eine Prüfung in Algebra improvisieren; ein Anerbieten, das ich bei meinem Mißtrauen in meine Fähigkeit, die etwaigen Fehler der Zöglinge zu bemerken, gewissermaßen erschrocken ablehnte. In der Mädchenschule wurde eine Leseprobe vorgeschlagen, und da ich mich in dieser Kunst leidlich beschlagen fühlte, erklärte ich mich gern bereit, eine Klasse lesen zu hören. Es wurden also Bücher herumgegeben, und ein halb Dutzend Mädchen etwa lasen nacheinander einige Stellen aus einer Geschichte Englands. Das Buch war jedoch nur eine trockene Kompilation, die noch dazu unendlich über die Fassungskraft der armen Kinder ging; und nachdem sie drei oder vier schreckliche Stellen über den Frieden von Amiens und andere erschütternde Geschichten der Art (offenbar, ohne zehn Worte zu verstehen) durchgestottert hatten, erklärte ich mich vollkommen befriedigt. Es ist wohl möglich, daß sie bloß dem Gaste zu Ehren, der in Erstaunen gesetzt werden sollte, sich so hoch verstiegen auf der Leiter der Wissenschaft und daß sie sonst sich auf einer bescheidenern Höhe niederlassen dürfen; aber es hätte mir Vergnügen gemacht, sie ihre einfachern Lektionen, die sie verstehen konnten, einüben zu hören.

Wie in allen andern Städten, die ich besuchte, so waren auch hier die Richter Gentlemen von Bildung und edlem Charakter. Ich war in einem der hiesigen Gerichtshöfe einige Minuten und fand ihn ganz so wie die schon oft beschriebenen. Ein geringfügiges Vergehen wurde verhandelt; es waren nicht viele Zuschauer da, und die Zeugen, Geschworenen und der Rechtsbeistand bildeten eine Art von traulichem Familienzirkel.

Die Gesellschaft, soweit ich sie kennenlernte, war intelligent, angenehm und artig im Umgange. Die Einwohner von Cincinnati sind auf ihre Vaterstadt als einen der interessantesten Orte in Amerika mit Recht stolz: denn so schön und blühend jetzt Cincinnati mit seiner Bevölkerung von fünfzigtausend Seelen ist, so sind es doch noch kaum zweiundfünfzig Jahre her, daß der Boden, auf dem es steht (und der damals für einige Dollar angekauft wurde) ein wilder Wald war und seine Bürger einen Haufen zerstreuter Blockhütten am Flußufer bewohnten.

 

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