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Aufzeichnungen aus Amerika

Charles Dickens: Aufzeichnungen aus Amerika - Kapitel 11
Quellenangabe
typereport
authorCharles Dickens
titleAufzeichnungen aus Amerika
publisherWinkler Verlag
editorSiegfried Schmitz
yearo.J.
translatorE. A. Moriarty
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20140926
modified20180604
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10. Kapitel

Fernere Schilderung des Kanalboots, seine innere Einrichtung und seine Passagiere. Reise nach Pittsburgh über das Alleghany-Gebirge. Pittsburgh

Da es hartnäckig zu regnen fortfuhr, blieben wir alle unten. Die nassen Gentlemen um den Ofen tauten nach und nach auf, und die trockenen Gentlemen lagen entweder der Länge nach ausgestreckt auf ihren Plätzen oder schlummerten unruhig, mit dem Gesicht auf dem Tisch, oder sie gingen in der Kajüte auf und ab, was jedoch nur für Leute von mittlerer Statur gut möglich war, denn jeder Größere mußte sich unfehlbar an der Decke eine Glatze scheuern. Ungefähr um sechs Uhr wurden alle die kleinen Tische zusammengestellt, so daß sie eine lange Tafel bildeten, und jeder setzte sich nieder, um Tee, Kaffee, Brot und Butter, Lachs, Leber, Beefsteaks, Kartoffeln, Pökelfleisch, Schinken, Koteletts, schwarzen Pudding und Wurst zu genießen.

»Wollen Sie sich«, sagte mein Nachbar gegenüber, indem er mir eine Schüssel mit Kartoffeln in Milch und Butter reichte, »wollen Sie sich da nicht fixieren?«

Es gibt wohl wenig Worte von so vielfacher und verschiedener Bedeutung wie dies Wort »fixieren«. Es ist das Caleb Quotem des amerikanischen Wörterbuchs. Ihr besucht einen Gentleman in einer Landstadt, und seine Dienerin benachrichtigt euch, daß er »sich just fixiert«, aber gleich wieder da sein wird, worunter zu verstehen, daß er im Ankleiden begriffen ist. Ihr fragt an Bord eines Dampfschiffes einen Mitreisenden, ob das Frühstück bald fertig sein wird, und dieser antwortet euch, er glaube ja, denn als er vorhin unten gewesen, sei eben »der Tisch fixiert worden«; mit andern Worten, man habe den Tisch gedeckt. Ihr bittet einen Kofferträger, euer Gepäck zusammenzusuchen, und er sagt, ihr möchtet euch keine Sorge darüber machen, er wolle es »gleich fixieren«; und beklagt ihr euch über Unwohlsein, so rät man euch, zu dem und dem Doktor zu schicken, der euch im Nu »fixieren« werde. In einem Gasthause bestellte ich eines Abends eine Flasche Glühwein und mußte lange darauf warten; endlich wurde er jedoch auf den Tisch gestellt, und zugleich ließ der Wirt um Entschuldigung bitten, denn er fürchte, der Wein sei nicht »gehörig fixiert«. Und bei einem Landkutschen-Diner erinnere ich mich gehört zu haben, wie ein sehr finsterer Gentleman den Aufwärter, der ihm ein nicht gehörig zubereitetes Beefsteak brachte, mit der Frage anfuhr, ob er das Gott des Allmächtigen Gaben »fixieren« nenne?

Die Mahlzeit im Kanalboot, bei welcher mir die freundliche Einladung widerfuhr, die mich zu dieser Abschweifung verleitet hat, ward ohne Zweifel etwas gierig verschlungen; die Gentlemen steckten ihre breiten Messer und zweizinkigen Gabeln tiefer in ihren Schlund, als ich es bisher, außer von einem geschickten Taschenspieler, mit diesen Waffen hatte ausführen sehen; doch setzte sich keiner nieder, bevor die Damen ihre Plätze eingenommen hatten, und keine der kleinen Höflichkeiten, die den letzteren angenehm sein konnten, wurde vergessen. Überhaupt sah ich auf meinen Streifzügen durch Amerika niemals eine Frau der geringsten Roheit, Unhöflichkeit oder nur Unaufmerksamkeit ausgesetzt.

Als die Mahlzeit vorüber war, hatte der Regen, der sich durch das schnelle Herabströmen erschöpft zu haben schien, gleichfalls ein Ende, und nun durfte man sich getrauen, aufs Deck zu gehen. Dies gewährte eine recht wohltuende Erholung, obwohl das sehr schmale Deck durch das in der Mitte aufgehäufte Gepäck noch schmäler wurde; der gangbare Pfad zu beiden Seiten war in der Tat so eng, daß es ein Kunststück war, beim Hinundhergehen nicht über Bord zu stürzen. Es war übrigens etwas störend, sich alle fünf Minuten ducken zu müssen, jedesmal wenn der Mann am Steuer »Brücke!« rief, oder sich fast ganz platt niederzulegen, wenn es hieß »niedrige Brücke!« Allein die Gewohnheit wird ja zur andern Natur, und es gab so viele Brücken hier, daß man in kurzer Zeit daran gewöhnt sein mußte.

Als der Abend heranrückte und wir die ersten Hügelreihen, die Vorposten des Alleghany-Gebirges, zu Gesicht bekamen, wurde die bisher so uninteressante Landschaft kühner und imponierender. Der feuchte Erdboden dampfte und rauchte nach dem heftigen Regen, und das Gequake der Frösche (welche in diesen Gegenden einen beinahe unglaublichen Lärm machen) klang, als ob eine Million Feenwagen, mit Glocken behangen, in gleichem Schritt mit uns durch die Luft segelten. Die Nacht war noch wolkig, aber wir hatten auch Mondschein: und als wir den Susquehannah River passierten – über den eine merkwürdige hölzerne Brücke mit zwei Galerien, eine über der andern, geht, so daß selbst zwei einander begegnende Bootsmannschaften ohne Schwierigkeit und Verwirrung hinüber können –, war das Schauspiel großartig und wild.

Ich habe schon erwähnt, daß ich anfangs in bezug auf das Schlafen an Bord dieses Bootes in einiger Ungewißheit schwebte. In diesem unruhigen Zustand blieb ich bis ungefähr um zehn Uhr, als ich hinunterging und auf beiden Seiten der Kajüte drei lange Reihen hängender Bücherschränke entdeckte, die offenbar für Kleinoktavbände eingerichtet waren. Als ich mir die Sache etwas genauer ansah (denn ich wunderte mich nicht wenig, dergleichen literarische Möbelstücke an einem solchen Ort zu finden), bemerkte ich auf jedem der Bretter ein mikroskopisch kleines Bett; nun erst fing ich zu begreifen an, daß die Passagiere die Bibliothek bilden und wie die Bücher auf diese Bretter bis zum Morgen eingeschachtelt werden sollten.

In dieser Meinung wurde ich bestärkt, als ich mehrere Passagiere an einem der Tische um den Kapitän des Bootes sitzen und, mit all der Leidenschaft und Spannung von Spielern im Gesichte, Lose ziehen sah, während andere, mit kleinen Stücken Kartenpapier in der Hand, unter den Fächern nach den Nummern herumsuchten, die den von ihnen gezogenen entsprachen. Sobald ein Gentleman seine Nummer gefunden hatte, nahm er augenblicklich Besitz von ihr, indem er sich auskleidete und zu Bette kroch. Die Schnelligkeit, mit der aus einem unruhigen Spieler ein schnarchender Schläfer wurde, gehört zu den überraschendsten Effektszenen, die mir je vorgekommen sind. Die Damen hatten sich bereits zu Bett gelegt, hinter der roten Gardine, die sorgfältig zugezogen und in der Mitte mit Stecknadeln verschlossen worden war; obwohl uns jedes Husten, Niesen oder Flüstern hinter dieser Gardine, welches deutlich zu hören war, ihrer angenehmen Nähe und Gesellschaft versicherte.

Die Artigkeit unseres Schlafkammerkommandanten hatte mir ein Bett in einem Winkel nah an der roten Gardine verschafft, wo ich von dem großen Haufen der Schläfer einigermaßen entfernt war; dahin begab ich mich nun, nachdem ich meinem Wohltäter für seine Aufmerksamkeit meinen Dank gesagt hatte. Als ich meine Schlafstätte noch einmal maß, fand ich, daß sie gerade so breit und lang war wie ein gewöhnlicher Briefbogen von Bath-Postpapier; und ich war anfangs in großer Verlegenheit, wie ich da hineinkommen sollte. Doch da mein Bett das unterste war, beschloß ich endlich, mich flach auf den Fußboden zu legen, dann mich sachte hineinzurollen, sobald ich auf der Matratze wäre, haltzumachen und so die Nacht über liegen zu bleiben, und zwar auf der Seite meines Leibes, die gerade nach oben zu liegen käme. Glücklicherweise kam ich noch zur rechten Zeit auf den Rücken. Wie ich aber aufblickte – man denke sich meinen Schrecken –, sah ich, an der Gestalt eines Bettlakens (welches nur eine halbe Elle groß war und durch das Gewicht seines Inhalts sich zu einem ganz engen und festgespannten Sack abgerundet hatte), daß über mir ein sehr schwerer, korpulenter Gentleman lag, den die schwachen Bettschnüre gar nicht tragen zu können schienen. Ich konnte nicht umhin, an den Schmerz und die Betrübnis meiner Frau und meiner ganzen Familie zu denken, falls dieser Herr in der Nacht herunterfiele und mich, wie natürlich, erdrückte. Da es jedoch unmöglich war, ohne die fürchterlichsten und lautesten Anstrengungen mich wieder emporzuarbeiten, was jedenfalls die Damen in Alarm gesetzt hätte; und da ich auch nicht gewußt hätte, wohin ich mich sonst legen sollte, schloß ich meine Augen vor der Gefahr und blieb liegen.

Was die Menschen betrifft, die gewöhnlich in diesen Booten fahren, so ist eins von beiden eine unbestreitbare Tatsache: entweder sie sind so unruhig und rastlos, daß sie gar nicht schlafen, oder sie müssen ihrer Unruhe in Träumen Luft machen, die aber dann freilich ein seltsames Gemisch von Wahrheit und Dichtung sind. Denn jede Nacht und die ganze Nacht raste auf diesem Kanal ein vollkommener Spei- und Spucksturm; und einmal befand sich mein Rock gerade im Mittelpunkt eines von fünf Gentlemen hervorgebrachten Orkans (der sich vertikal bewegte und sich somit genau nach Reids Theorie über die Gesetze des Sturms richtete), so daß ich ihn am andern Morgen aufs Deck hängen und mit reinem Wasser auswaschen lassen mußte, ehe ich ihn wieder anziehen konnte.

Zwischen fünf und sechs Uhr morgens standen wir auf, und manche von uns stiegen auf das Deck, um den Leuten Gelegenheit zum Wegräumen der »Bücherschränke« zu geben; während andere, weil es so kalt war, sich um den alten Ofen setzten, das eben angezündete Feuer schürend und den Rost mit jenen freiwilligen Kontributionen begrüßend, mit denen sie die ganze Nacht so freigebig gewesen waren. Der Waschapparat war von patriarchalischer Einfachheit. Ein blecherner Löffel war an der Decke angekettet, mit welchem jeder Gentleman, der es für gut befand, sich zu reinigen (einige waren über diese Schwachheit erhaben), das schmutzige Wasser aus dem Kanal fischte und in eine ebenfalls angekettete Blechschüssel goß. Auch ein Rollhandtuch war vorhanden. Vor einem Spiegel in der Bar, in der unmittelbaren Nachbarschaft von Schiffszwieback, Butter und Käse, hingen der allgemeine Kamm und die Haarbürste.

Um acht Uhr, nachdem die Schlafbretter weggeräumt und die Tische zusammengerückt waren, setzte sich jeder wieder zu Tee, Kaffee, Brot, Butter, Lachs, Alse, Leber, Beefsteak, Kartoffeln, Pökelfleisch, Schinken, Koteletts, schwarzem Pudding und Wurst zu Tische. Manche fanden ein Vergnügen daran, alle diese verschiedenen Speisen untereinander zu mengen und auf einmal auf ihren Teller zu schütten. Nachdem alle Gentlemen ihre Portion Tee, Kaffee, Brot, Butter usw. zu sich genommen hatten, standen sie auf und gingen fort. Als nun endlich alle fertig waren, wurden die Überreste von der Tafel geräumt, und einer von den Aufwärtern erschien wieder, als Barbier, um die Herren, die es wünschten, zu rasieren, während die übrigen zusahen oder über ihren Zeitungen saßen und gähnten. Das Diner war wie das Frühstück, nur ohne Tee und Kaffee; Souper und Frühstück waren ebenfalls identisch.

An Bord dieses Bootes war ein Kerl mit einem hellen, rotbackigen Gesicht und einem pfeffer- und salzfarbenen Rock, der neugierigste Frager, den man sich denken kann. Er sprach nie anders als fragend. Er war ein personifiziertes Fragezeichen. Man mochte sitzen oder stehen, auf dem Deck spazieren oder essen, man mochte machen, was man wollte, gleich war er bei der Hand, mit einem großen Fragezeichen in jedem Auge, zweien in seinen gespitzten Ohren, zweien in seiner aufgestülpten Nase und seinem vorgeschobenen Kinn, einem halben Dutzend wenigstens in den Mundwinkeln und dem größten Fragezeichen unter allen in seinen Haaren, die recht vorwitzig von der Stirn wie ein Flachsbündel in die Höhe gebürstet waren. Jeder Knopf an seinem Rock schien zu fragen: »He? Was gibt's da! Haben Sie was gesagt? Wollen Sie mir das noch einmal sagen, ja?« Er war stets gespannt, wie die verzauberte Braut, die mit ihren immer offenen Augen ihren Mann zum Wahnsinn trieb; stets unruhig, nach Antwort dürstend; stets suchend und niemals findend. Solch einen neugierigen Menschen hat es noch nie gegeben.

Ich trug damals einen Pelzrock, und ehe wir noch vom Kai los waren, fragte er mich schon aus, was der Rock koste und wo ich ihn gekauft hätte und wann, und was es für ein Pelz sei und was er wiege. Dann bemerkte er meine Uhr und fragte, was die koste und ob es eine französische Uhr sei und wo ich sie gekriegt und wie ich sie gekriegt und ob ich sie gekauft oder zum Geschenk bekommen hätte und wie sie gehe und wo das Schlüsselloch sei und wann ich sie aufzöge, ob jeden Abend oder jeden Morgen, und ob ich es nie vergäße, sie aufzuziehen und wenn ich es vergäße, was dann? Wo ich zuletzt gewesen sei und wo ich zunächst hinginge und wohin nachher und ob ich den Präsidenten gesehen und was er gesagt und was ich gesagt hätte und was er wieder auf das gesagt habe, was ich gesagt hatte? He? Um Gottes willen! Sagen Sie!

Da ich sah, daß ihm keine Antwort genügte, wich ich nach den ersten zwanzig oder vierzig Fragen aus und schützte besonders vor, den Namen des Pelzes, aus dem mein Rock war, nicht zu wissen. Ich weiß nicht, was der Grund eigentlich war, aber dieser Rock wirkte auf ihn mit wahrer Zauberkraft, die ganze Fahrt hindurch; er hielt sich gewöhnlich dicht hinter mir, wenn ich ging, und richtete sich genau nach jeder meiner Bewegungen, um den Pelz besser ansehen zu können; und häufig sprang er mir unter Lebensgefahr in die schmälsten Winkel nach, nur um das Vergnügen zu haben, mir mit der Hand sachte über den Rücken zu fahren und dann auch wider das Haar streichen zu können.

Wir hatten noch eine Kuriosität an Bord, aber von anderer Art. Es war ein schmalwangiges, dünnes Männchen von mittlern Jahren und mittlerer Statur und mit einem staubigen, graufarbenen Anzug, wie ich noch nie einen gesehen habe. Während des ersten Teils der Fahrt verhielt er sich ganz still; in der Tat kann ich mich nicht erinnern, ihn nur gesehen zu haben, bis ihn gewisse Umstände, wie das gewöhnlich bei großen Männern der Fall ist, ans Licht der Öffentlichkeit zogen. Die Ereignisse, welche ihn berühmt machten, waren in kurzem folgende:

Der Kanal geht bis zum Fuß des Gebirges, und da natürlich hört er auf; die Passagiere werden zu Lande über das Gebirge geschafft und dann von einem anderen Kanalboot aufgenommen, dem Gegenstück des vorigen, welches sie an der anderen Seite erwartete. Es sind zwei Kanalzüge mit Passagierbooten da; der eine heißt der »Expreß« und der andere (der wohlfeilere) der »Pionier«. Der »Pionier« kommt früher an den Berg und wartet, bis die Leute vom »Expreß« angelangt sind, weil beide Passagiergesellschaften auf einmal über das Gebirge gefahren werden. Wir waren vom »Expreß«; aber als wir auf der andern Seite des Berges und beim zweiten Boot angekommen waren, setzten sich die Eigentümer in den Kopf, auch alle Pionierpassagiere in ihr Boot zu stopfen, so daß wir wenigstens fünfundvierzig Mann ausmachten. Dieser Zuwachs war gar nicht geeignet, unsere Aussichten auf ein bequemes Nachtlager zu verbessern. Unsere Leute brummten darüber, wie natürlich, duldeten aber nichtsdestoweniger, daß das Boot mit seiner ganzen Ladung vom Lande stieß; und so ging's den Kanal hinab. Zu Hause hätte ich laut dagegen protestiert; hier, wo ich ein Fremder war, blieb ich still. Nicht so jener Passagier. Er brach sich einen Weg durch die Leute auf dem Deck (und wir waren fast alle oben) und hielt, ohne jemand anzureden, folgenden Monolog: »Das mag euch recht sein, ja, meinetwegen, aber nicht mir. So mag man umspringen mit Leuten aus dem Osten und aus Boston, bei mir geht das nicht so, das sag ich euch. Na! ich bin aus den braunen Wäldern am Mississippi, ich, und wenn die Sonne auf mich scheint, so scheint sie – ein klein wenig. Bei mir blinzelt sie nicht nur so. Nein. Ich bin ein brauner Waldbewohner, jawohl. Ich bin kein Hansnarr. Nein. Bei mir gibt's keine Glattgesichter. Nein. Wir sind rauhe Kerle, ja. Ich wollt's meinen. Wenn das denen aus dem Osten und aus Boston recht ist, meinetwegen, aber ich bin keiner von daher. Nein. Diese Gesellschaft muß ein bißchen fixiert werden, ja. Bei mir sind sie an den Rechten gekommen, mit mir werden sie nicht anbinden, nein. Das heißt, die Sache ein bißchen gar zu weit treiben, ja.« Sooft er mit einem dieser kurzen Sätze fertig war, drehte er sich um und ging ein paar Schritte; nach dem nächsten kurzen Satz drehte er sich wieder um und ging nach der andern Seite.

Ich kann wirklich nicht sagen, was für ein schrecklicher Sinn in den Worten des braunen Waldbewohners versteckt lag; ich weiß nur, daß die übrigen Passagiere mit Bewunderung und Entsetzen dreinsahen, daß das Boot sogleich nach dem Kai zurückfuhr und daß wir so viel Passagiere, wie sich wegschmeicheln oder wegdrohen ließen, loswurden.

Als wir wieder vom Lande abstießen, wagten es einige der Kühnsten an Bord, zu dem offenbaren Gründer unseres Glückes zu sagen: »Wir sind Ihnen sehr verbunden, Sir«, worauf der braune Waldbewohner (mit der Hand winkend und noch immer auf und ab spazierend) erwiderte: »Ihr seid's nicht, nein. Ihr seid nicht von meiner Sorte. Ihr könnt für euch selbst handeln, ja. Ich hab ihnen den Weg gezeigt. Die Leute aus dem Osten und die Hansnarren können nun nachgehn, wenn's ihnen beliebt. Ich bin kein Hansnarr, nein. Ich bin aus den braunen Wäldern am Mississippi, ich –« und so weiter wie vorher. Einstimmig erkannte man ihm einen von den Tischen zu, um darauf zu schlafen bei Nacht – um die Tische reißt man sich auf diesen Booten –, in Anbetracht seiner öffentlichen Dienste; auch räumte man ihm auf der ganzen übrigen Fahrt den wärmsten Platz am Ofen ein. Aber ich sah ihn nie etwas anderes tun als eben dasitzen; noch hörte ich ihn wieder sprechen, bis ich mitten im Getümmel beim Landen des Gepäcks in Pittsburgh im Finstern über ihn stolperte, während er, seine Zigarre rauchend, auf der Kajütentreppe saß; da hörte ich, wie er, mit einem kurzen, höhnischen Gelächter in seinen Bart brummte: »Ich bin kein Hansnarr, nein. Ich bin aus den braunen Wäldern am Mississippi, ich, verdamm mich –«. Ich bin daher fast geneigt, daraus zu schließen, daß er bis dahin gar nicht aufgehört hatte, jene Worte zu murmeln, obgleich ich auf diesen Teil der Geschichte auch nicht schwören möchte.

Da wir jedoch, in der Erzählung, noch nicht bis Pittsburgh gekommen sind, so will ich ferner bemerken, daß das Frühstück nicht zu den appetitlichsten Mahlzeiten des Tages gehörte, da außer den mannigfachen würzigen Gerüchen, welche die schon erwähnten Speisen verbreiteten, aus der benachbarten kleinen Bar die Düfte von Gin, Whisky, Branntwein und Rum nebst einem übernächtigen Tabaksqualm sich deutlich verspüren ließen. Viele von den Gentlemen waren auch nichts weniger als übertrieben fein in ihrer Leibwäsche, die in manchen Fällen so gelb war wie die Bächlein, die von ihren Mundwinkeln beim Kauen niedertröpfelten und da trockneten. Auch war die Atmosphäre nicht ganz frei von gewissen Zephyrhauchen, welche aus den eben weggeräumten schmutzigen Betten kommen mochten und an die wir später noch eindringlicher erinnert wurden, als zufällig auf dem Tischtuch eine Sorte Wildbret erschien, die auf dem Speisezettel gar nicht erwähnt war.

Und doch, trotz dieser Kuriositäten – und auch diese hatten, wenigstens für mich, etwas Humoristisches – machte mir diese Art zu reisen viel Spaß, so daß ich jetzt mit Vergnügen daran zurückdenke. Früh um fünf Uhr mit bloßer Brust aus der schmutzigen Kajüte auf das schmutzige Deck zu laufen, das eisige Wasser sich selbst zu schöpfen, den Kopf drein zu tauchen und wieder herauszuziehen, glühend und frisch vor Kälte – wie gut bekam einem das! Der schnelle, erfrischende Spaziergang auf dem Treidelpfad vor dem Frühstück, wenn einem alle Adern vor Lust und Gesundheit zu pochen scheinen; der wunderschöne Tagesanbruch, wenn das Licht von allem widerstrahlte; die langsame Bewegung des Bootes, während man müßig auf dem Deck lag und mehr durch als auf den tiefblauen Himmel lugte; dann bei Nacht das geräuschlose Vorübergleiten an düsteren, mit dunklen Bäumen besetzten Hügeln, die zuweilen hoch oben rotglühend aussahen, wo Männer, die man nicht sehen konnte, um ein Feuer gelagert waren; das Hervortreten der glänzenden Sterne in der Stille, die kein Rädergerassel und kein Dampfmaschinenpochen, höchstens das sanfte Rieseln und Plätschern des Wassers unterbricht: das waren alles reine Genüsse.

Dann sah man neue Ansiedlungen und einzeln stehende Blockhütten und gezimmerte Häuser, die höchst interessant für den Fremdling aus einem alten Lande sind: Hütten mit einfachen Lehmöfen, die draußen vor der Wohnung standen; und Schweineställe, die beinahe so gut wie die Behausung der Menschen waren; zerbrochene Fenster, mit Hutfetzen, alten Kleidern, Brettern, Papier und Leinwandstücken verklebt; und selbstfabrizierte Tische, die im Freien vor der Türe standen und auf denen der leicht zu zählende Vorrat an Hausgeräten und Geschirren, irdenen Töpfen und Krügen aufgestellt war. Dem Auge tat es beinahe weh, die Stümpfe von großen Bäumen in jedem Weizenfeld dick gesät und die ewigen Sümpfe und Moräste zu sehen, mit hundert verfaulten Baumstämmen und Ästen, die sich in das faulige Wasser tauchten. Traurig und drückend aber war der Anblick großer Landstrecken, wo die Ansiedler die Bäume niedergebrannt hatten und die versengten Leiber derselben umherlagen wie gemordete Kreaturen, während hie und da ein verkohlter und geschwärzter Riese zwei verbrannte Arme in die Luft streckte, als wollte er den Fluch des Himmels auf seine Feinde herabrufen. Zuweilen, bei Nacht, wand sich der Weg durch eine einsame Schlucht, die einem schottischen Gebirgspaß glich und, im Mondlicht glitzernd, ringsum von steilen Abhängen so eingeschlossen war, daß kein anderer Ausgang möglich schien als auf dem engeren Pfad, auf dem wir gekommen waren, bis plötzlich ein rauher Berghang sich zu spalten schien und, den Mondschein auslöschend, während wir in seinen dunklen Schlund hineinfuhren, unsern neuen Weg in Nacht und Schatten hüllte.

Wir hatten Harrisburgh am Freitag verlassen. Am Sonntagmorgen kamen wir am Fuß des Gebirges an, über welches die Eisenbahn führt. Es hat zehn schiefe Flächen, fünf auf- und fünf absteigende; auf den erstern werden die Wagen hinaufgezogen, auf den letzteren durch feststehende Maschinen sachte hinabgelassen; die dazwischenliegenden verhältnismäßig ebenen Strecken legt man teils mit Pferdekraft, teils per Dampf zurück, wie es eben nötig ist. Zuweilen sind die Schienen am äußersten Rand eines schwindligen Abgrundes verlegt, und der Reisende, wenn er zum Wagenfenster hinausschaut, sieht, durch keinen Stein oder nur ein Stückchen Geländer geschützt, gerade hinab in die tiefen Schluchten des Gebirges. Doch reist man mit großer Vorsicht; nur zwei Wagen fahren zugleich ab; und da auch sonst alle nötigen Sicherheitsvorkehrungen getroffen sind, so hat man keine Gefahr zu fürchten.

Es war sehr hübsch, über die Gebirgshöhen bei scharfem Wind in raschem Lauf dahinzubrausen und in die lichten, sanften Täler hinabzuschauen; zwischen den Baumwipfeln hindurch im Fluge die zerstreuten Hütten zu sehen; Kinder, die vor die Türe liefen; Hunde, die bellend heraussprangen und die wir sehen, aber nicht hören konnten; aufgeschreckte Schweine, die nach Hause trabten; ganze Familien, in ihren kunstlosen Gärten sitzend; Kühe, die stumm und gleichgültig emporsahen; Männer in Hemdsärmeln, in Betrachtung ihrer halb fertigen Häuser und in Gedanken an ihr morgiges Tagewerk vertieft; und dabei fuhren wir, hoch über ihnen, wie der Wirbelwind hin. Und wenn wir nach dem Essen einen steilen Paß hinabrasselten, ohne andere bewegende Kraft als das Gewicht der Wagen selbst, wie ergötzlich war es da, die losgemachte Maschine, lange nach uns, summend und allein herabfahren zu sehen, wie ein großes Insekt, dessen Rücken im Sonnenschein goldgrün glänzt, so daß, wenn sie plötzlich ein Paar Flügel bekommen hätte und in die Luft emporgeflogen wäre, niemand sich hätte wundern können. Aber ehe wir den Kanal erreichten, machte sie nicht weit von uns halt; und ehe wir den Kai verließen, fuhr sie schon wieder schnaubend und keuchend dieselbe Anhöhe hinauf, mit den Passagieren, die nur auf unsere Ankunft gewartet hatten, um ihrerseits die Gebirgsstraße zu passieren.

Am Montagabend verkündeten uns dröhnende Hammerschläge und glühende Öfen an den Ufern des Kanals, daß wir uns dem Ende dieses Teils unserer Reise näherten. Nachdem wir wieder einen träumerischen Ort passiert hatten – eine lange Wasserleitung über den Alleghany River, die noch seltsamer als die Harrisburgher Brücke war, da sie aus einem niedrigen, aber ungeheuer großen hölzernen und mit Wasser angefüllten Raum bestand –, kamen wir bei jenen häßlichen Haufen von Hintergebäuden, morschen Galerien und Treppen heraus, den man an jedem Wasser, sei es ein Strom, See, Kanal oder Graben, findet: wir waren in Pittsburgh.

Pittsburgh ist das amerikanische Birmingham; wenigstens sagen es seine Einwohner. Die Straßen, die Kaufläden, die Häuser, die Wagen, die Fabriken, die öffentlichen Gebäude und die Bevölkerung ausgenommen, sieht vielleicht wirklich alles wie in Birmingham aus. Jedenfalls hängen ungeheure Rauchwolken über der Stadt, und sie ist berühmt wegen ihrer Eisenwerke. Außer dem Gefängnis, das ich schon einmal erwähnte, hat Pittsburgh ein hübsches Arsenal und noch andere öffentliche Anstalten. Es liegt sehr schön am Alleghany River, über welchen zwei Brücken führen, und die Villen der reicheren Bürger, die auf den Anhöhen der Umgegend verstreut sind, nehmen sich recht anmutig aus. Wir kehrten in einem ausgezeichneten Hotel ein, wo man uns vortrefflich bediente; wie gewöhnlich war es voll von Dauergästen, war daher sehr groß, und jedes Stockwerk hatte eine breite Kolonnade.

Wir verweilten drei Tage hier. Unser nächstes Ziel war Cincinnati; da wir aber dahin per Dampf reisen mußten und im Westen gewöhnlich ein- oder zweimal die Woche ein Dampfschiff in die Luft fliegt, hielten wir es für geraten, erst über die vergleichsweise Sicherheit der Dampfschiffe, die eben im Strom lagen und nach Cincinnati gingen, einige Erkundigungen einzuziehen. Eines, »The Messenger« genannt, wurde uns als das beste empfohlen. Nach der Annonce sollte es seit vierzehn Tagen jeden Tag bestimmt abgehen, trotzdem lag es noch immer da, und der Kapitän schien auch über die Abfahrt noch immer keinen bestimmten Entschluß gefaßt zu haben. Doch das ist so die allgemeine Manier, denn wenn das Gesetz einen freien und unabhängigen Bürger zwingen dürfte, dem Publikum sein Wort zu halten, was sollte da aus der Freiheit werden? Außerdem ist das eine geschäftliche Angelegenheit. Und wenn die Passagiere auf Geschäftsmanier geködert und die Leute dem Geschäft zulieb kujoniert werden, wer, wenn er selbst ein pfiffiger Geschäftsmann ist, wird dann sagen: »Wir müssen der Wirtschaft ein Ende machen?«

Angefeuert durch den feierlichen und zuversichtlichen Ton der Annonce, wollte ich (der ich diesen Stil nicht kannte) sogleich außer Atem an Bord eilen; da man mir jedoch im Vertrauen mitteilte, daß das Boot gewiß nicht vor Freitag, dem ersten April, abgehen werde, so machten wir's uns in der Zwischenzeit bequem und gingen erst am Freitagmittag an Bord.

 

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