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Aufstieg der Begabten

Max Barthel: Aufstieg der Begabten - Kapitel 9
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pfad/barthel/aufstieg/aufstieg.xml
typefiction
authorMax Barthel
titleAufstieg der Begabten
publisherDER BÜCHERKREIS
year1929
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderAlexander Barthel
created20111110
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BESCHWÖRUNG UND MAGIE

Eugen Hull war nun sieben Tage in Berlin und jeder Tag schien ihm ein Schöpfungstag zu sein. Die Welt flog jetzt in anderer Richtung durch den Raum wie damals vor zwanzig Jahren, als er noch die vielen Meere befuhr. Sie rollte in Berlin in anderem Tempo als in der kleinen Stadt, wo er in den letzten zehn Jahren gesessen und Geschichten und Abenteuer erzählt hatte, bis das große Abenteuer kam: Mariannes Flucht. Die Welt hatte sich gedreht, und wenn der alte Seemann zum Beispiel über den Kurfürstendamm spazierte, begriff er diese Drehung nicht mehr.

Jetzt saß er in der Uhlandstraße in der Pension und überdachte die letzten Tage. Der Vertrag mit der »Lux« war unterschrieben, Marianne war für ein Jahr gesichert, Daniel Kreß war ein freundlicher Herr, Lyssander ein höflicher Mensch, über den verrückten Glaß mußte man oft lachen, der Film: Maria und ihr Glück hatte ihm gut gefallen, wenn er auch in manchen Bildern und Szenen seine Tochter nicht wiedererkannte. Das sollte Marianne sein, die Traurige über der Straße und dann die Abenteuerliche im Spiel mit dem Grafen? Zum erstenmal entdeckte er, daß seine Tochter mehr als Kind und Tochter war, er entdeckte ihr Geschlecht, ihre Bestimmung. Und da flatterte Angst in sein Herz.

Auch in Staaken war Hull gewesen und hatte eine Aufnahme gesehen. Die Lichtgeschütze der Beleuchter, die geschminkte Reihe der Komparserie, die irrsinnige Scheinwelt der Kulissen, das chaotische Revier, in dem der Befehl des Regisseurs Ordnung schuf: alles das interessierte ihn sehr, und als dann Bencke einige Meter Film von ihm drehte, war er glücklich wie jeder Mensch glücklich ist, der zum erstenmal gefilmt wird. Aber nun war alles vorbei, der Koffer stand gepackt da, die Stunde des Abschieds kam. Er betrachtete seine Tochter, die am Fenster saß und auf die Straße blickte.

»Kindle,« sagte er, »es war schön in Berlin, und ich verstehe, warum du damals abgereist bist. Berlin ist groß und schön, aber ich habe doch ein wenig Angst um dich.«

Marianne rührte sich und wandte ihren Blick dem Vater zu.

»Angst, du hast Angst um mich? Aber mir geht es doch gut, Vater,« sagte sie.

»Ja, dir geht es gut. Die Herren sagen: Gnädigste zu dir, sie küssen deine Hand, und du wohnst wie eine feine Dame. Bist noch kein Jahr in der großen Stadt und lebst im Glück. Aber ich habe immer noch Angst.«

»Aber Vater!«

Sie verließ das Fenster und kam näher.

»Vater,« sagte sie, »lieber, lieber Vater, wie hat dir mein erster Film gefallen?«

»Er hat mir gut gefallen, wenn du auch manchmal fremd warst im Film oder so, daß ich dich beinahe nicht mehr erkannte. Die Leute werden schon die Augen aufreißen, wenn der Film in unsere Stadt kommt. Ich höre sie schon sagen: »Das ist die Marianne Hull, die wo von zu Hause davongelaufen ist. Na, sie war ja schon immer narret.« Und ich werde antworten: »Narret oder nicht narret, sie ist doch ein schönes Mädle.« Und da müssen sie sagen: »Ja, sie ist ein schönes Mädle ...«

»Das höre ich schon jetzt. Kindle, bist du auch glücklich in Berlin?«

Sie stand vor dem Vater und tiefe Zärtlichkeit füllte ihr Herz aus. Da saß nun der verarbeitete Mann in der schönen Stube und glich beinahe einer von den geschnitzten Figuren, die er aus der Südsee mitgebracht hatte. Der Vater! In jener Nacht, als Lyssander sie heimbrachte, war der Vater da, die Rettung da. Sie hatten bis in den hellen Tag zusammengesessen und sich viel erzählt. Ja, er war über ihre Flucht bestürzt gewesen, aber er wußte, daß sie nicht untergehen würde. Und an den folgenden Tagen, als er mit ihren Bekannten vom Film zusammenkam, hatte er nur mit Hochachtung von den Herren gesprochen. Manchmal war er mit seinem hoffärtigen Stolz auf Marianne ein wenig lächerlich geworden, wie eben Liebende anderen Leuten lächerlich vorkommen. Und nun saß er da und erzählte, daß er Angst um sie hatte, nun fragte er, ob sie glücklich sei.

Glücklich? Sie wußte es selber nicht.

»Vater,« antwortete sie leise, »lieber, lieber Vater, ich habe Arbeit und bin glücklich. Ich stehe ja noch ganz am Anfang und habe viel Mut. Angst? Nein, ich habe keine Angst.«

»Weißt, Kindle, Angst ist vielleicht zu viel gesagt,« begann der Vater, »aber ich muß jetzt an die Geschichte von der kleinen Lampert denken. Die Geschichte ist vor zwanzig Jahren passiert, ich hatte sie vergessen. Damals fuhr ich auf der »Mauritania«. Soll ich sie erzählen?«

»Erzählen,« bat Marianne und holte sich einen kleinen Hocker und ließ sich zu den Füßen des Vaters nieder, wie damals, als sie noch Kind war. »Erzähle die Geschichte von der kleinen Lampert. Ist es eine traurige Geschichte, eine Geschichte zum weinen, Vater?«

»Eine Geschichte von einer Reise, Kindle... Vor zwanzig Jahren war ich Steward auf der »Mauritania«, einem großen Passagierdampfer,« erzählte der alte Hüll. »Wir fuhren die große Route von Hamburg nach Ostasien, über Indien, und auf so einem großen Schiff passieren mehr Geschichten als auf dem festen Lande. Aber vielleicht stimmt das gar nicht, vielleicht kann man auf einem großen Schiff die Menschen nur leichter überblicken als in einer Stadt, wo sie sich in den Straßen und Häusern verlaufen ...

Das war meine letzte Reise, Kindle, und in Hamburg kamen viele Passagiere an Bord. Ich hatte mit andern Stewards Dienst in der Ersten Klasse. Und in der Ersten Klasse reiste auch ein Herr Monckel, ein junger Mensch in den zwanziger Jahren. Er reiste nach Java, wo sein Vater eine Kaffeeplantage besaß. Auch eine alte Dame, ich habe ihren Namen vergessen, kam in Hamburg an Bord, sie reiste mit einer jungen Gesellschafterin nach Indien. Die Gesellschafterin hieß Gertrud Lampert, war neunzehn Jahre alt und sehr hübsch. Sie lachte gern, und ihr Lachen klang so, wie wenn geschliffene Gläser zusammenklingen. Es gab noch viele andere Passagiere in der Ersten Klasse, ich habe ihre Namen vergessen. Sie spielen auch keine Rolle in meiner Erzählung.

Ein großes Schiff ist eine Welt für sich und in dieser Welt geht das Leben der Menschen heftiger als auf dem Lande. Sie sind ja nur kurze Zeit zusammen, und es ist, als ob das Meer oder die Sterne oder die glühende Sonne die Menschen auf dem Schiff verzaubert. Die in der Ersten Klasse, meine ich. Wir Stewards wurden nicht verzaubert. Wir hatten viel Dienst. Hinter Neapel wurde auch Herr Monckel verzaubert, er bemühte sich sehr um das Fräulein Lampert, und noch ehe wir die afrikanische Küste erreichten, waren die beiden im schönsten Spiel: Herr Monckel küßte die kleine Gertrud. Das habe ich mit angesehen, ich hatte eine Ruhestunde, und es war zwischen Abenddämmerung und Dunkelheit. Sie bemerkten mich nicht. Weißt, auf so einem großen Schiff gibt es immer Leute, die alles sehen und die niemals gesehen werden...

Wir fuhren weiter und kamen durch das brüllheiße Rote Meer, dann hatten wir die arabische Küste hinter uns, die Passagiere atmeten auf und lechzten nach den erfrischenden Winden, auch wir atmeten auf, und als ich Nachtdienst hatte, sah ich, wir schwammen auf dem Indischen Ozean, den Herrn Monckel einmal morgens aus der Kabine des Fräulein Lampert kommen...«

Er zögerte und unterbrach seine Erzählung. Es war, als schämte er sich vor seiner Tochter, davon zu sprechen, daß junge Männer manchmal morgens aus den Zimmern von jungen Mädchen kommen. Als Marianne nicht rot wurde und auch nicht seufzte, erzählte er weiter und beeilte sich sehr.

»Das Fräulein Lampert blieb einige Tage unsichtbar, weißt du. Wir dachten, sie hätte die Seekrankheit, aber als sie dann wieder erschien, war sie blaß und ihre Augen sahen verweint aus. Der Herr Monckel tat, als sähe er sie überhaupt nicht. Und als sie mit ihm sprach, tat er so entsetzlich gleichgültig, daß sie davonlief. Bald darauf erschien die alte Dame und stellte Monckel. Sie schloß sich mit ihm ein. Es gab einen Skandal. Die alte Dame wollte, er solle die Gesellschafterin heiraten. Aber Monckel sagte: Danke schön, nein, ich bin schon verlobt. Die alte Dame erklärte darauf, er sei ein Schuft. Aber er zuckte nur mit der Schulter und murmelte etwas, von mit Rat und Tat immer zur Verfügung stehen und ließ sich dann nicht mehr sehen.

Auch die kleine Lampert ließ sich nicht mehr sehen. Sie sei sehr krank, sagte der Schiffsarzt. Und sie war auch krank. Hatte Veronal genommen. Aber zu wenig. Und als wir uns der indischen Küste näherten, am nächsten Tag sollten wir Bombay anlaufen, da ist das kleine Fräulein Gertrud Lampert über Bord gesprungen... Wir setzten schnell zwei Boote aus, aber wir kamen zu spät. Sie war schnell untergegangen. Wir fanden sie nicht mehr. Und dann gab es auch Haifische in dem Gewässer. Die alte Dame wurde ohnmächtig... Der Herr Monckel verließ in Bombay unser Schiff... Monckel war ein netter Mensch, wenn man ihn sah und hörte, mußte man ihn lieb gewinnen... Aber man kann ja keinen Menschen ins Herz blicken... Ich habe gefunden, daß schöne Menschen viel aalglatter und schlechter sind als sogenannte häßliche Menschen... Aber das ist kein Gesetz, sonst müßtest du, Liebes, ein Teufel sein!«

Sie lachte.

Mitten im Lachen sah sie den Herrn Monckel vor sich, einen gepflegten jungen Menschen mit angenehmen Manieren. Sie hörte auch das Gelächter der schönen Gertrud, aber dann verschwanden die Erscheinungen. Der Vater saß vor ihr, schweigsam und nachdenklich.

An wen dachte er? An Herrn Monckel? An Herrn Lyssander?

Marianne lachte nicht mehr. Sie machte sich Mut und sagte:

»Arme, kleine Gertrud! Aber um mich brauchst du keine Angst haben, Vater! Ich springe niemals ins Wasser, und wenn ich einmal ins Wasser springe, da brauchst du erst recht keine Angst zu haben: ich kann sehr gut schwimmen! Und warum hast du gerade heute an die alte Geschichte denken müssen?«

»Weil eine große Stadt doch manchmal wie ein großes Schiff ist, und weil du jetzt auch in einer Ersten Klasse fährst... Und wenn du schon schwimmen kannst, nimm dich vor den Haifischen in acht. Und denke daran, daß es immer einen Menschen gibt, der dich sieht, auch wenn du ihn nicht sehen solltest.«

Marianne erhob sich.

Sie beugte sich über den Vater und küßte ihn. In ihren Augen standen Tränen. Auf der Straße schrie die Hupe eines Autos. Lyssander meldete sich an.

Lyssander kam und brachte Herrn Hull nach dem Bahnhof. Auf der Fahrt wurde wenig gesprochen. Marianne legte ihre Hand in die Klaue des Vaters. Die schmalen Schluchten der Stadt waren bald durchfahren, die Brandung des Verkehrs am Potsdamer Platz rasch überwunden. Die gleißende Lichtfassade des Europahauses glitzerte. Dann kam der Anhalter Bahnhof mit allem Lärm und Betrieb. Das Auto wurde verlassen, der Schnellzug wartete schon. Marianne brachte den Vater nach dem Coupé. Nach einigen Minuten kam auch Lyssander.

»Leb wohl, Liebes,« sagte Hull, »und im Frühling komme ich wieder nach Berlin. Freust du dich?«

»Ja, und dann bleibst du da. Dann kommst du für immer nach Berlin. Das wird herrlich sein, Vater!«

Der Alte lächelte und nahm sie beiseite und flüsterte, damit es Lyssander nicht hörte:

»Du bist nun erwachsen, Marianne, und wenn dich einer liebt, mußt du ihm nicht aufs erste Wort hin glauben, wenn auch das erste Wort sehr oft das schönste ist. Der Herr Lyssander ist ein angenehmer Mensch, er gefällt mir gut, ich glaube, du kannst ihm vertrauen, wenn dich etwas quält.«

»Herr Lyssander!« sagte er und hob seine Stimme, »Herr Lyssander, ich empfehle Ihnen meine Tochter. Passen Sie auf mein Kind gut auf!«

Nun kam der Schaffner und drängte zum Einsteigen. Hull kletterte in den Wagen und öffnete das Fenster seines Abteils. Die letzten Worte wurden gewechselt, um die letzten Sekunden auszufüllen, die letzten Worte, die wie rieselnder Sand sind und doch die letzten Sekunden nicht ausfüllen können. Ein letzter Gruß, ein letzter Händedruck, die Lokomotive zog dampfend und fauchend an, die Räder rollten, viele weiße Tücher wehten, kleine Fahnen eines schmerzlichen Festes, und auch Marianne ließ ihr Tüchlein flattern. Der Zug entschwand, eine biegsame Flucht immer kleiner werdender Wagen, von denen nichts übrig blieb als ein rollender Punkt, über dem weißer Rauch wehte.

Die Zurückbleibenden verliefen sich. Die Schienenstränge lagen blank im bleichen und gedämpften Lichte da und warteten auf die neuen Eisenbahnzüge der Ankunft und der Abfahrt, auf die Schnellzüge, auf die Personenzüge, die eisern durch Deutschland klirrten. Rote und grüne Lichtsignale glühten. Der Ozean der Millionenstadt schwemmte sein Strandgut in die Vorhallen des Bahnhofs: Missionsdamen, Geheimpolizisten, Gepäckträger, Taschendiebe, Obdachlose, Zeitungsverkäufer, Schuhputzer, Spitzel, Dienstleute. Dann ratterte ein neuer Eisenbahnzug an und spie seine Passagiere durch die Sperren in die uferlose Stadt.

Lyssander hatte Marianne nach dem Auto gebracht und fuhr mit ihr nach dem Westen. Nun kam seine Stunde. Nun stand kein Mensch mehr zwischen ihnen. Der Vater war abgereist. Der Wagen huschte über den glatten Asphalt, rutschte und lief ruhiger. Die Lichter Berlins leuchteten. Es war ein Abend wie damals, als Marianne mit Lyssander zusammen kam. Und nun legte er seinen Arm um ihre Hüften, sein Mund suchte ihren Mund. Er küßte sie, und sie küßte wieder. Nein, sie wehrte sich nicht, die grellen Lichter der Stadt waren abgeblendet, sie lag still in seinen Armen und war auch keine Schauspielerin mehr. Sie war nichts als eine junge Frau, die ihren Preis bezahlt und mehr gibt, als jemals bezahlt werden könnte.

»Marianne,« begann Lyssander leise, »liebe, liebe Marianne, ich habe mich so sehr auf diese Stunde gefreut!«

Sie antwortete nichts.

»Marianne,« begann er von neuem, »es ist heute ein großer Tag.«

»Weil mein Vater abgereist ist?« fragte sie und wurde plötzlich verbittert. Sie ließ die Vorhänge an den Fenstern des Autos wieder aufrollen, »weil mein Vater abgefahren ist?«

»Nein. Es ist heute noch jemand abgereist... Vor vier Tagen hatte ich Besuch. Da kam ein junger Mensch zu mir. Sie kennen ihn auch, und er hat mir alles erzählt. Ich bin kein kleines Kind mehr, aber ich habe mich über den Besuch gefreut, Marianne...« »Georg war bei Ihnen?« hauchte sie.

,,,Er nannte sich Henry Marteau,« erwiderte Lyssander. »Ja, er war bei mir und wollte Arbeit haben. Aber das hat er wohl nur so gesagt, um von Ihnen zu erzählen. Ich kenne jetzt die ganze Geschichte von dem Fernrohr und dem Morgen auf dem Bahnhof, ich weiß auch, daß er Sie geschlagen hat, er heulte, als er das erzählte. Und ich weiß auch, daß er der junge Mann bei der Premiere war, auch das weiß ich, Marianne.«

»Ja,« sagte sie trotzig, »es war der junge Mann bei der Premiere. Und ich habe Sie belogen, Herr Lyssander.«

»Sie sind ein Kind, Marianne! Ich freue mich ja, daß Sie endlich mit ihm Schluß gemacht haben. Es mußte so kommen. Die Marianne Hull darf keinen andern Freund haben außer mir.«

»Warum?« fragte sie und wollte rebellieren.

»Warum? Weil ich Sie liebe!«

Sie senkte den Kopf.

»Und wo ist der Georg jetzt?«

»Er wollte Arbeit haben und ich vermittelte ihm Arbeit bei einer Filmexpedition, die heute früh nach Hamburg gefahren ist und morgen Deutschland verläßt. Die Reise geht auf ein ganzes Jahr nach Afrika. Georg, oder der Herr Marteau, wie er sich jetzt nennt, war sehr zufrieden.«

»Ich habe ihn fortgetrieben!« jammerte sie. »Nach Afrika! Zu den wilden Tieren!«

»Überall sind wilde Tiere,« antwortete Lyssander, »überall sind wilde Tiere. Ich soll Ihnen einen Brief geben. Bitte.«

Sie nahm den Brief.

Georg schrieb ganz kurz, daß er auf ein Jahr ins Ausland gehe. Er müsse Herrn Lyssander dankbar sein, daß er diese Reise vermittelt habe. Dann bat er um Entschuldigung wegen des Vorfalls bei der Premiere, versprach, Marianne immer in Freundschaft zu gedenken und sagte, daß er ihren weiteren Lebensweg mit großem Interesse verfolge. Zum Schluß wurde er poetisch und schrieb einige Worte vom wechselnden Glück unter dem wechselnden Mond. Aber auch diese Poesie war wie der ganze Brief von einer so kühlen Zurückhaltung, daß die Verachtung hindurchschimmerte und der Leserin heiß und kalt zu gleicher Zeit wurde. Sie las mit gerunzelten Brauen und zerriß dann das Papier. Die kleinen Fetzen warf sie aus dem Wagen in den Tumult der Straße. Dann wandte sie sich Lyssander zu und fragte mit einer so fremden Stimme, daß er überrascht aufblickte:

»Lieber Freund, was sind Ihre Pläne für heute Abend?«

»Ist Ihnen die »Loge zu den mutigen Sternen« bekannt, Marianne?«

»Nein. Was sind das für mutige Sterne?« »Eine Sensation für Berlin.«

»Ich bin für Sensationen. Das Leben ist so kurz, und die Jugend geht viel zu schnell vorbei. Ich bin für die mutigen Sterne.«

Lyssander lachte.

»Das Leben ist so kurz? Da muß man was dagegen tun! Ist es Ihnen unangenehm, wenn wir in der Loge die King treffen würden?«

»Wieso? Ich habe nichts gegen Dolora. Aber sagen Sie, mein Freund, was will die Loge? Bitte, erzählen Sie von den Sternen!«

»Ich weiß wenig,« gestand er, »aber der Doktor Wendel wird schon klären und aufklären. Doktor Wendel ist Meister der Magie. Es gibt einen Stern, der heißt Demut, ein anderer Wehmut, es gibt sechs oder sieben Sterne und jeder ist eine Verzückung und Beglückung, wie Wendel doziert.« – »Ist das alles?«

»Nein, das ist nur die Beleuchtung, Marianne. Sie selber werden heute noch alles mit eigenen Augen sehen und erleben. Wir speisen erst zu Nacht und gehen dann in die Gieselhardstraße, in die Loge.«

Marianne war einverstanden.

Das Auto wurde in die Garage gebracht, dann saßen die beiden in einem Weinrestaurant, waren gemessene Leute und spazierten in später Stunde über den Kurfürstendamm nach der Gieselhardstraße. In dieser Straße, bei den ersten Häusern schon, blieb Lyssander stehen, drückte dreimal auf eine versteckte Klingel, ein Fenster schien zu antworten, in ihm blitzten sieben kurze Lichtsignale auf, und dann öffnete sich die Tür. Ein junges, blasses Mädchen bat die Herrschaften, einzutreten. Die Herrschaften traten ein, das Mädchen tänzelte ihnen schüchtern voraus bis zum Fahrstuhl. Die erste Etage war schnell erreicht, dort oben wurden sie von einem Diener empfangen. Der Diener trug eine schwarze Livree, die mit silbernen Sternen bestickt war.

Nun standen sie in einem schimmernden Vorzimmer, in dem sich viele Lichter in vielen Spiegeln betrachteten. In einem kleinen, hellblauen Kabinett wurden die Kleider abgelegt, der Diener riß dann eine schwarze Portiere auseinander: vor den Besuchern öffnete sich ein schöner Raum in goldnen Farben, der Teezimmer oder Musikzimmer sein konnte und doch nur Vorhof war zu dem Alabastersalon, in dem sich die Mysterien der Sterne zeigten. In dem Vorzimmer in Gold waren ungefähr ein Dutzend Gäste versammelt. Sie tranken Tee oder standen in kleinen Gruppen beisammen. Die Damen zeigten sich in großen Toiletten, die Herren in schwarzer Abendkleidung. Auf den Tischen, in roten Vasen, standen weiße Chrysanthemen, und als Marianne mit Lyssander dieses Zimmer betrat, legte sich der gelinde Lärm der Unterhaltung für einige Sekunden, wie sich manchmal eine kleine Sommerwolke für Sekunden auf einem Hügel ausruht, um bald wieder fortzuflattern.

Unter den Gästen bemerkte Lyssander viele Bekannte, und er stellte sie seiner Dame vor. Da war die Lena Sperber, die grazile Tänzerin aus dem »Odeon«, und, bitte sehr, das hier ist die Gina Roselli, die berühmte Sängerin. Natürlich, Leonie Hübsch ist überall zu finden, Leonie Hübsch, der Star der »Domino«. Leonie machte die Neuangekommenen mit Lola Lopez bekannt. Und so wandelte Marianne, selbst so sicher wie ein Stern, durch den schönen Raum und strahlte. Leonie erzählte leise von der Lopez, die erst einige Tage in Berlin weilte und das Nachtleben studieren wollte. Die Lola Lopez war die unscheinbare Tochter eines reichen Argentiniers und wurde niemals übersehen. Die Gloriole des Reichtums flammte um sie. Sie hatte ein kluges Gesicht und konnte lachen wie ein unschuldiges Kind. Neben ihr stand ein junger Mensch von jener wächsernen Blässe und zerbrechlichen Schönheit, die als mondän galt. Der junge Herr war Mister Guerra, ein Gentleman aus New York, der Lola auf ihrer Europareise begleitete. Dolora King war nicht zu sehen. Sie kam erst später.

Nun begann eine tiefe Glocke zu läuten und ruhte fest in dem lebhaften silbernen Getöse vieler Glocken. Die schwarze Portiere öffnete sich, die Unterhaltung verstummte: ins Zimmer trat der Doktor Wendel, ein Mann zwischen vierzig und fünfzig Jahren mit fanatischem Gesicht und beharrlichen Augen. Er nickte hochmütig und zeichnete diesen und jenen Besucher durch einen Händedruck aus. Die tiefe Glocke läutete immer noch, die kleinen Glocken verstummten, dann ging Wendel langsam durch das Zimmer. Und plötzlich teilte sich die hintere Wand des Raums, der Doktor drehte sich langsam um und winkte seinen Gästen. Die Lampen verlöschten. Aus der breiten Öffnung, die zum Alabastersalon führte, stürzte Licht, zischendes Licht, und aus der Dunkelheit stürzten die Besucher diesem Lichtquell entgegen. Sie betraten den neuen Raum wie ein Heiligtum. Hinter ihnen schloß sich lautlos die Wand. Nun konnten die mutigen Sterne strahlen!

Der Alabastersalon war ein großer, kahler Raum. In seiner Stirnseite stand ein ebenholzschwarzes Pult. Vor dem Pult schwellte und wölbte sich ein breiter, dunkelroter und wollüstiger Diwan. Rund um den Diwan standen in entsprechender Entfernung hohe, schwarze Stühle. Die Wände des Raums waren mit Alabaster verkleidet. Von der ebenfalls alabasternen Decke strömte Licht. Lyssander führte Marianne nach einem hohen Stuhl, und als ihn das Mädchen! nach dem Sinn der immer noch dunkel schwingenden Glocke befragen wollte, legte er die Finger lauf den Mund und schwieg. Alle schwiegen, nur die Glocke klang und schwang, und dann stand der Doktor Wendel plötzlich auf dem Pult und begann zu reden.

Das Licht fiel auf ein bleiches Asketengesicht über dem schwarzen Pult. Er begann mit leiser, aber doch dröhnender Stimme, die den ganzen Raum füllte und keinen Platz ließ für andere Gedanken oder Worte, er dröhnte selber wie eine dunkle Glocke, die keine Antwort gibt auf alle Fragen, die selbst Frage ist und Antwort und wühlendes Gefühl.

»Schwestern und Brüder,« begann der Doktor, »die Stunde der Sterne ist da. Die Sterne sind über uns, die Sterne sind in uns und beginnen zu musizieren. Es erfülle sich das Gesetz.«

Die dunkle Glocke verstummte.

Eine neue Glocke begann zu schwingen und klagte verzweifelt durch den Raum. Doktor Wendel lauschte und sagte dann feierlich:

»Menschheit, dir leuchtet ein neuer Stern!«

Und als sei das ein Stichwort gewesen, verstummte schon das klagende Geläut. Das Licht erlosch auch, aber hinter dem ebenholzschwarzem Pult blühte ein grünfunkelnder Stern auf. Sein Licht zuckte um den Doktor, um das Pult, und schoß dann in das Zimmer. Die Damen wurden unruhig, die Herren mutig. Die kleine Lola Lopez fragte in ihrem harten Deutsch:

»Was soll das sein, Mister Guerra?«

»Still!«

»Ruhe! Ruhe!«

Viele Stimmen zischelten.

»Das Licht sucht seine Gestalt!« schrie die ekstatische Stimme der Lena Sperber.

Und das Licht des Sternes suchte seine Gestalt.

Der grünfunkelnde Stern fiel auf das Ruhebett, auf den wollüstigen Diwan, ruhte eine kleine Weile und erhob sich, wanderte durch das Alabasterzimmer, berührte die Leonie Hübsch, verweilte bei der Lena Sperber und bei der Roselli, zögerte eine Sekunde bei der Marianne Hull und blieb endlich auf dem glatten, klugen Gesicht der Lola Lopez stehen. Lola blinzelte in das Licht und wurde unruhig, sie versuchte, dem Licht zu entweichen, aber es folgte ihr nach. Dann begann der Doktor Wendel zu deklamieren.

»Der Stern findet seine Gestalt! Lola Lopez ist das heilige Gefäß, in dem der Stern leuchtet. Der Stern ist da, der Stern Demut leuchtet der Welt!«

»Demut! Demut! Demut!« flüsterten die Frauen und auch Marianne, die von all den Dingen nichts verstand, flüsterte im Chor der anderen: »Demut! Demut! Demut!« Dann aber beugte sie sich beschämt zu Lyssander und flüsterte:

»Was ist das für ein Zauber? Das scheint ein fauler Zauber zu sein!«

Aber sie verstummte und erschrak. Sie hatte Lyssander die Frage nur ins Ohr geflüstert, Wendel konnte sie unmöglich verstanden haben, aber das Licht auf Lolas Gesicht zuckte und sprang mit einem ungeheuren Satz durch den Raum und ließ sich auf Mariannes Gesicht nieder. Sie schloß die Augen und schrie leise auf. Sie saß in einer Gloriole von Licht und Gefunkel da, aber es war nicht mehr das grüne Licht, das zuerst im Raum verweilte, jetzt flammte blaues Licht auf und Lena Sperber kreischte: »Ein Wunder!«

Die Frauen und Mädchen schrien durcheinander. Sie mußten auch schreien, denn diese heftigen Lichtkegel waren wie Messer, die durch die Dunkelheit geschleudert wurden und verwundeten. Und mitten in der Aufregung begann der Doktor Wendel zu brüllen:

»Hochmut, vergeh! Demut, ersteh!«

Der unsichtbare Beleuchter dieses ganzen Theaters wechselte die farbigen Gläser und Linsen und lenkte seinen blendenden Strahl wieder auf das Gesicht der Lola Lopez, die zusammenfuhr und nicht mehr fragte: »Was soll das sein, Mister Guerra?«, sie fühlte mystische Schauer und war bereit. Sie erhob sich aus dem schwarzen Stuhl und näherte sich dem Pult. Immer wanderte das Licht mit ihr und sammelte sich noch einmal zur Ruhe auf dem breiten Diwan. Lola Lopez schloß die Augen und legte sich auf den Diwan in die Fülle des Lichts. Man hörte die Lena Sperber seufzen und die Leonie Hübsch tiefer atmen. Marianne hatte Angst und wagte kaum zu atmen. Doktor Wendel auf seinen Pult hängte den Kopf in den Strom des Lichtes. Es sah aus, als wolle er trinken.

Die Gäste schwiegen, seufzten, fieberten oder waren gelassen und warteten der Dinge. Der Doktor stand immer noch auf dem Pult. Man sah seine hohe, schmale Stirn und auf der Pultlehne die unruhigen, vergeistigten Hände. Auf dem Diwan, der wie Feuer flammte, lag Lola Lopez unbeweglich im taubengrauen Kleid. Ihr Gesicht schimmerte wie das einer Marmorstatue. Und dann war es, als verasche das Kleid, es war, als würde das Mädchen von dem unbarmherzigen Licht entkleidet, es war, als läge sie nackt da. Aber das schien nur wenige Sekunden so, dann war es, wie wenn das Licht in Lola eindringe, tief, immer tiefer, und als das Licht erlosch, stieg ein neues Leuchten empor. Es schien aus Lola zu quellen, aus dem roten Diwan zu brechen, aus dem Diwan, der nun wie eine Bank aus einem phantastischen und ungeheuren Rubin war.

Doktor Wendel verließ das Pult.

Er näherte sich der feurigen Bank, auf der Lola Lopez verklärt wurde.

Lola fühlte ein angenehmes Grausen, als sich der Mann näherte.

Sie hatte die schwarzen Augen weit aufgerissen und starrte nach der mattschimmernden Decke des Zimmers. Der junge Mensch mit der mondänen Blässe, der Mister Guerra, erhob sich und wollte seine exzentrische Freundin besuchen, aber Lena Sperber, die vorher laut »Ein Wunder« gerufen hatte, hielt ihn zurück. Lena Sperber wußte, was sie tat. Sie war mit Doktor Wendel gut befreundet. Kein Laut war zu hören, nur die Atemzüge der Menschen in dem verdunkelten Raum hoben und senkten sich und waren wie die Atemzüge eines einzigen großen Wesens.

Doktor Wendel stand nun vor dem Diwan. Er hatte die Hände frei gemacht und beugte sich über Lola Lopez. Man sah einen brutalen Nacken und starke, sehr behaarte Handgelenke. Um das linke Gelenk lag eine dünne, goldene Kette. Die Kette klirrte leise.

Wendel starrte Lola mit seinen beharrlichen Augen an. Sie konnte seinen Blick nicht ertragen und mußte ihre Augen schließen. Wendel strich ihr über die Schläfe, über die Stirn und über die Hüften, er berührte auch ihre kleine, spitze Brust und lähmte ihren Leib durch magnetische Kreise. Der feurige Diwan verfärbte sich und wurde beinahe grau. Die kleine Goldkette klirrte vernehmlich. Lola seufzte. Der Doktor ließ sie seufzen und befahl, sie solle die Augen öffnen. Sie öffnete schwarze, strahlende Augen. Dann schlug er über den offenen Augen okkulte Zeichen, die Lider schlossen sich, die Brust des Mädchens hob sich: das argentinische Fräulein seufzte noch einmal, aber es war ein seliges Seufzen. Lola war nicht mehr auf dieser Welt. Sie schwebte unter den Sternen.

Es waren aufgeklärte Menschen in diesem Raum – Unter ihnen gab es Männer, die von Hypnose und Beleuchtungstechnik allerhand verstanden, aber auch diese Männer versagten in der entscheidenden Minute. Sie versagten, als die Glocken klangen, als der Stern strahlte und sein Gefäß suchte, sein heiliges Gefäß, die unheilige Lopez, die Männer versagten, als Lola auf dem Diwan lag und beinahe entkleidet wurde. Sie versagten, als der Diwan wie ein Rubin aufflammte und der Doktor seine magischen Zeichen schlug. Vielleicht gehörten diese Männer zu dem kleinen Kreis der Eingeweihten, die von den Sensationen hinter den okkulten Sitzungen wußten und, wie die Lena Sperber, über den pompösen Tamtam im Alabastersalon nur lächelten. Hinter dem Salon gab es noch einen Raum, der namenlos war, aber ganz gut Eden, Vorhölle, Paradies, Fegefeuer oder Eldorado hätte heißen können.

Wendel stand noch immer vor der erstarrten Lopez.

»Stehen Sie auf,« befahl er leise, »stehen Sie auf, besuchen Sie unsere Erde wieder.«

Sie erhob sich ohne Mühe und ging behutsam und wie aus Glas auf den blassen Jüngling Guerra zu, der angstvoll zurückwich. Sie folgte ihm, und als sie ihre Hand auf seinen Arm legen wollte, befahl der tückische Doktor:

»Basta. Genug. Zurück!«

Sie kam behutsam zurück und blieb vor Wendel stehen.

»Demut ist die erste Stufe zum Licht. Schritte zum Licht, das ist der Tanz. Tanzen Sie, Lola Lopez.« Sie tanzte.

Sie tanzte und blieb doch wie aus Glas dabei. Sie tanzte den Tanz der Demut, wie Lena Sperber leise verkündete, einen Tanz, der wie das ängstliche Flattern eines Vogels mit zerbrochenen Flügeln wirkte. Schön und tragisch war der Tanz und voll behutsamer Trauer.

Dann klatschte Wendel in die Hände.

Der rote Diwan erlosch.

Jeder Schimmer Licht erlosch.

Dunkelheit füllte den Raum aus.

Aber dann stürzte wie ein Wasserfall, wie eine Springflut das Licht in das Zimmer, daß die Besucher zusammenzuckten. Lola schrie laut auf, stürzte und wäre gefallen, wenn Mister Guerra sie nicht aufgehalten hätte. Sie erwachte in seinen Armen und befreite sich resolut.

Der Doktor war verschwunden.

Der Alabastersalon war nun ein Raum wie es viele Räume im westlichen Berlin gibt, pompöse Gemächer, in denen junge Leute zusammen sind und nach Sensationen jagen. Das drückende Schweigen war zersprungen. Leonie Hübsch lächelte Marianne an und Lena Sperber lief auf Lola zu, die verwirrt dastand und sich mit der Hand über die noch leise betäubte Stirn strich.

»Es war fabelhaft!« sagte die Sperber, »fabelhaft, Liebste, wie Sie getanzt haben. Sie müssen in Berlin auftreten. Es wird eine Sensation. Fabelhaft, unerhört war der Tanz!«

»Ich haben getanzt?« fragte Lola Lopez erstaunt. »Oh, ich haben eine schlechte Tanzbein!« Sie lachte ihr wohlklingendes Lachen. »Der Herr Doktor sein ein große Zauberer. Ich tanzen sonst niemals.«

»Unerhört war der Tanz,« behauptete Lena Sperber und fand bei den Umstehenden viel Beifall. »Darf ich Sie bald besuchen, Liebste?« fragte sie weiter, »Berlin bei Nacht: kennen Sie Berlin bei Nacht?«

»Oh, ich will es gern kennenlernen, und wenn Sie wollen kommen auf Besuch, werde ich mich freuen sehr,« versicherte Lola Lopez. »Aber die Nacht soll nicht sein so mystisch wie heute. Ich will sehen eine Nacht von Fleisch und Blut!«

Lena Sperber versprach, ihr eine Nacht mit Fleisch und Blut vorzuführen. Der kleine Guerra bekam ganz erschreckte Augen, als er von dem Plan hörte. Aber er fügte sich Lolas Launen.

Lola kam auf Marianne zu.

»Oh, Sie sein das hübsche Fräulein im Film,« zwitscherte sie, »oh, ich fahre bald nach Paris, wann kann ich Sie sehen im Atelier? Oh nein, ich will machen keine Konkurrenz, ich will nur sehen den Betrieb in Berliner Glashaus. In Paris ist nicht viel los. Oh, es sein viel viel Betrieb in Hollywood!«

Sie hatte nun die Betäubung ganz abgeschüttelt und stand fest auf der Erde. Sie hatte schon viele Filme gesehen, das kleine Spiel mit Marianne, das sie vor einigen Tagen sah, hatte ihr gefallen. Ein Star war das kleine Mädchen noch nicht, aber sie spielte leicht und unbeschwert und das war viel in dem schwerblütigen Deutschland.

»Nächste Woche wird bei uns gefilmt,« antwortete Marianne. »Und wir werden uns« (jetzt spricht sie schon im Namen der Firma, dachte Lyssander) »wir werden uns freuen, Sie zu sehen, Herr Lyssander wird das Vergnügen haben, Sie im Wagen abzuholen.«

»Lyssander, der schönste Mann in Germania. Ich habe gesehen eine gute Film mit Mister Lyssander in Buenos Aires. Mister Lyssander sein so schön wie Ramon Novarro.«

Sie lachte über diese Behauptung.

Auch Marianne und Lyssander lachten.

Dann verstummten die Gespräche.

Das kleine Gelächter erstarb.

Herr Professor Bleischwert, der Macher der Berliner okkulten Gesellschaften erschien mit einigen feierlichen Herren. Auch Doktor Wendel tauchte plötzlich wieder auf und machte die Herrschaften untereinander bekannt. Bleischwert schüttelte allen auf eine burschikose Art die Hand, er riß die Hände so heftig an sich, als wolle er sie aus den Gelenken reißen. Sein Griff war irdisch und durchaus nicht vergeistigt. Dann bestieg er das Pult, das Licht flammte, auch der Professor ließ sein Licht leuchten: er hielt eine nebulose Rede über den Astralleib, über die Inkarnation, über die Seelenwanderung, über Sternenstaub und Weltgewissen. Er sprach eine halbe Stunde mürrisch und verdrossen, und als er endete, waren die Zuhörer mehr aus Furcht vor dem schrecklichen Mann als aus Überzeugung für den Okkultismus.

Bleischwert wußte nichts von dem Raum hinter dem Alabastersalon, in dem es für die Eingeweihten alle Narkotien gab, Koffein, Kokain, Opium, Haschisch, alle Abenteuer der Seelen und der Leiber, der Männer und der Weiber. Professor Bleischwert war ein verschrobener Herr und nahm den Unsinn mit dem Sternenzauber furchtbar ernst, wie eben nur ein richtiger deutscher Professor auch den Bluff ernst nehmen und ihn sogar wissenschaftlich begründen kann.

Er hatte an diesem späten Abend noch einige Logen zu besuchen und mit mürrischem Pathos zu »versorgen, er verabschiedete sich bald und kurz nach seinem Weggang begann Doktor Wendel die zweite Sitzung. Neue Gäste waren gekommen, noch einige Herren und Damen vom Film und vom Theater, aber auch die Großfinanz hatte einen Vertreter geschickt, der sich in dem alabasternen Salon so benahm, als könne er die Kurse an der Börse steigern. Auch Dolora King kam mit einem Schwärm junger Damen. Sie ließ sich neben Marianne nieder, Lyssander beachtete sie kaum, und erzählte Atelierklatsch.

Dann zerbrachen wiederum wie auf einen Schlag alle Gespräche, das Licht erlosch, der Doktor Wendel stand wieder auf dem ebenholzschwarzen Pult und hinter ihm Flammte das Licht eines neuen Sternes auf. Dieses Licht nun war rosenfarbig und sanft blühend und wanderte langsam durch die Dunkelheit.

»Das Licht sucht seine Gestalt!« schrie wiederum eine hysterische Stimme. Lena Sperber schrie. Und das Licht des Sternes wanderte ruhig und gelassen über die Gesichter der Männer und Frauen. Auf dem Gesicht von Marianne blieb es haften. Sie schloß geblendet die Augen.

Das Licht aber stieß glühend in die Dunkelheit und riß das Mädchen von ihrem Stuhl. Sie mußte sich erheben, ob sie nun wollte oder nicht wollte, sie mußte sich erheben, das Licht wanderte vor ihr und führte sie nach dem Diwan, auf dem vor einer Stunde die Lola Lopez geruht hatte. Der Diwan glühte und schlug wie eine rosige Flamme über ihr zusammen. Dann erlosch das Licht wie vorher, nur Marianne glühte, nur der Diwan glühte. Alles war dunkel und man hörte wieder die gleichen Seufzer und Atemzüge gehen und sich zu einem einzigen Seufzer und Atemzug vereinigen. Dann sang und klang auch die dunkle Glocke wieder, der Doktor stand auf seinem Pult und begann zu sprechen. Durch eine besondere Akustik bekam seine Stimme die Gewalt einer donnernden Lawine.

»Sterne, Sterne, seid ihr da?« dröhnte der Doktor. Er beantwortete seine Frage selbst:

»Die Sterne sind da!
Das Licht ist da!
Der Stern aller Sterne ist da,
Der Stern Venus,
Der Stern Venus ist da.
Venus flammt!«
Das alles sagte er dunkel und singend wie eine Messe her.
»Der Stern ist da,
Der Stern Venus ist da,
Venus ist da,
Venus flammt!«

antwortete Lena Sperber.

»Venus flammt!«wiederholten ekstatisch einige Frauenstimmen in der Dunkelheit.

Doktor Wendel verließ seinen Platz und näherte sich dem Mädchen auf dem Diwan. Marianne hatte die Augen geschlossen, doch es war ihr, als könne sie trotzdem sehen. Sie sah mit geschlossenen Augen den purpurnen Schattenriß des Doktors. Er beugte sich über sie, die kleine goldene Kette am linken Armgelenk klirrte. Marianne öffnete die Augen. Der Doktor Wendel war nun ganz nahe und hielt in seiner rechten Hand einen silbernen Spiegel.

Der Spiegel war schön und grausam, machte müde und wach, verwirrt und klar, schwermütig und heiter, Marianne wußte sich keinen Rat, der Doktor ließ auch keine Zeit zur Besinnung, er strich mit seinen magnetischen Händen ihre Schläfe und flüsterte dabei magische Beschwörungen über das Gesicht Mariannes. Im letzten Bruchteil einer Sekunde, wo sie noch ein wenig klares Bewußtsein hatte, wollte sie sich wehren, aber schon verließ sie die Erde und rollte irgendwo im Raum, ein Stern unter Sternen, erhaben über jeden Raum. Sie fühlte Musik in sich und die Raserei traumhafter Gelüste. Eine kleine Ewigkeit, so schien es ihr, schwebte sie im All, badete im Licht, schwelgte in Harmonie, aber als sie nach einigen Minuten erwachte, saß Dolora King neben ihr auf dem Diwan und flötete:

»Sie haben phantastisch gut getanzt, Marianne, die Sperber wurde eifersüchtig. Sie sind ein Teufelsmädchen.«

»Ich habe getanzt?« fragte sie und wußte von nichts, erhob sich langsam und wurde von Lyssander zu ihrem Stuhl geführt. »Ich habe getanzt, Lyssander?«

»Ausgezeichnet und noch besser als unsere Freundin Lola,« antwortete er. »Wie gefallen Ihnen die Sterne?«

»Sie sind, bei allem Licht, eine dunkle Angelegenheit, mein Freund,« gestand sie, »aber ich hoffe, ich werde sie einmal voll begreifen können... Sonderbar, ich soll getanzt haben und dachte, ich flöge durch das Paradies. Das war himmlisch.«

»Das Paradies ist auf der Erde, Liebste,« flüsterte Lyssander und verriet das Geheimnis des ihr unbekannten Zimmers. »Das Paradies ist auf der Erde. Wenn Sie wollen, können wir uns zurückziehen.«

»Wohin?«

»Ins Paradies, in das Zimmer Namenlos, nach Eldorado, in die Seligkeit, Marianne!«

»Gehen wir,« sagte sie nur und nahm seinen Arm.

Er führte sie. lächelnd aus dem Alabastersalon in das goldene Vorzimmer, der Doktor Wendel nickte, der Diener mit der schwarzen, silberbestickten Kleidung kam und führte die beiden vor einen hohen Spiegel. Dieser Spiegel drehte sich in seinen Gelenken: vor Marianne und Lyssander gähnte ein schwarzes Loch, aus dem aber nun goldene Lichtströme quollen. Auch leise Musik war zu hören, Marianne zögerte, aber Lyssander riß sie über die Schwelle.

»Vorwärts,« sagte er. »Vorwärts, hier ist das Paradies!«

Das Paradies war ein großer Raum mit vielen Teppichen, Ruhelagern, Nischen und Kissen, es gab verdunkelte Ecken aus kostbaren Fellen, aber es gab beinahe keine Möbel in dem Raum, keine Stühle, Tische oder Sessel. Lyssander führte seine Freundin nach einem weichen Ruhelager. Sie ließ sich willig führen. Das Fieber einer ihr bis jetzt unbekannten Aufregung raste durch ihre Adern. Immer noch schien sie zwischen den Welten zu schweben. Um nicht zu stürzen, klammerte sie sich an ihren Begleiter fest.

Sie waren nicht allein in jenem Zimmer. Die kleine Lola Lopez hatte sich mit ihrem Mister Guerra auf einem Bärenfell breitgemacht. Die Lena Sperber saß mit dem Delegierten der deutschen Großbank zusammen. Dolora und ein fetter Kerl aus der Schlagerbranche hatten sich gefunden und besprachen die bittere Notwendigkeit eines Dolorakingwalzers. Der Musiker erbot sich ihr diesen Walzer auf den Leib zu schreiben. Sie bot ihm jetzt schon ihre schöne, nackte Brust dar.

Doktor Wendel hatte allen Fanatismus beiseite geschoben. Er war ein aufmerksamer Gastgeber und klingelte für einige einsame Herren eine Pension in der Augsburger Straße an, die für besondere Zwecke besondere Damen zu jeder Stunde und für jeden Dienst zur Verfügung stellte. Über ein Dutzend Menschen waren nun versammelt und jedes Paar gründete seine besondere Sterngemeinschaft. Als die kleine Lola Lopez vor Wollust wild wie ein Tier aufschrie, bekümmerte sich kein Mensch darum. Jeder war mit sich oder seinem Partner beschäftigt. Der Doktor Wendel aber sah alles und lächelte.

Lyssander hatte Marianne nach dem Ruhelager geleitet.

Über dem Lager, es bot guten Platz für zwei Menschen, hing ein kleiner Gong. Lyssander schlug den Gong an. Ein Chinese kam auf leichten Sohlen und brachte zwei kupferne Lampen, zwei Pfeifen und alles, was notwendig ist zum Glück des Opiums. Marianne nahm zögernd die lange Pfeife mit dem winzigen Kopf und ließ sich von ihrem Freund in der Handhabung unterrichten. Der süße Geschmack des Rauches brachte erst Ekel, aber dann kam die Aufhebung allen Schwergewichts, die verzückte Süße der wildesten Träume. Es war wieder ein Schweben, eine trunkene Klarheit zwischen den Welten, eine Raserei traumhafter Gelüste.

Mit den jungen Mädchen, die von Wendel für die Herren Lebemänner und Wüstlinge herbeigerufen wurden, erschienen auch Bernhard Glaß und Alfred Bencke. um hier in der Loge ihre Abenteuer im Osten der Stadt in eine höhere und geistigere Sphäre zu rücken.

»Alfred, die Hull, die Hüll!« flüsterte Glaß, als er das Mädchen neben Lyssander auf dem breiten Lager entdeckte. »Die Marianne Hull. Was macht die Hull in diesem Lokal?«

»Sie macht sich den Traum vor.«

»Die Welt ist tief in Träume eingeflochten und unser bestes Glück kommt von den Lügen her,« zitierte Glaß und erklärte: »Das ist leider nicht von mir, obwohl es von mir sein könnte. Das ist von Verhaeren, du mußt mal seine Hymnen lesen, Alfred, da wirst du ein besserer Mensch, wenigstens für den Augenblick, wo du die Gedichte liest. Und mehr kann man auch nicht verlangen, als für einen Augenblick lang gut zu sein... Die Welt ist bestialisch böse.«

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