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Aufstieg der Begabten

Max Barthel: Aufstieg der Begabten - Kapitel 8
Quellenangabe
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typefiction
authorMax Barthel
titleAufstieg der Begabten
publisherDER BÜCHERKREIS
year1929
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderAlexander Barthel
created20111110
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NAPOLEON MACHT DEN TRAUM VOR

Im vorigen Jahrhundert zogen die kühnen Pioniere Amerikas aus dem Osten nach dem Westen. Sie kamen durch tödliche Sandwüsten, sie hungerten und kämpften, an ihren Wegen bleichten die Gebeine der Opfer. Aber hinter allen Wüsten, hinter allen Kämpfen und Opfern fanden sie fruchtbare Äcker und in Kalifornien das Gold. Auch in Berlin geht ein Zug nach dem Westen und sein großes Ausfalltor ist der Kurfürstendamm. Die Leute am Kurfürstendamm gleichen jenen Pionieren am Ziel: sie haben das Schwere hinter sich, sie sitzen auf reichen Äckern und kostbaren Goldminen, wenn auch ihre Äcker mit der Landwirtschaft, und ihre Goldminen mit der Metallurgie nichts zu tun haben – die Leute am Kurfürstendamm sind reiche Leute. Diese breite Avenue mit den vier Reihen junger und alter Bäume ist im letzten Jahrzehnt die Hauptstraße des deutschen Kapitalismus geworden.

Die Geistigkeit hat sich in den Schlagschatten der Bäume ebensogut angesiedelt wie in den grellen Blitzen der elektrischen Reklamen. Auf dem Kurfürstendamm werden die neuesten Moden und Schlagworte ausprobiert. Ein ganz neuer Menschentyp ist erstanden: der radikale Snob, der in prachtvollen Zehnzimmerwohnungen haust, der radikale Snob ist hier zu Hause, der Mensch, für den die soziale Frage gelöst ist und der nun den jungen Dramatikern zujubelt (auch sie wohnen meistens im Westen), die in ihren Werken seinen Untergang predigen. Der geistige Snob läuft in die russischen Filme, in denen die große Revolution gewittert, und klatscht begeistert Beifall zu dem Sterben seiner Klassengenossen. Der geistige Snob ist beiderlei Geschlechts: seine Kleidung stammt aus Paris oder London, seine Weltanschauung aus Moskau oder Rom, das soziale Verständnis hat er aus Ullsteinheften, die Schminke nimmt er von Leichner, das Parfum von Coty, der geistige Snob kennt die neuesten Songs von Brecht, Weill und Nelson, er ist auf dem Presseball ebensogut anzutreffen wie in einem Keller im Norden der Stadt. Dieser neue Typ trägt seine Geistigkeit wie die vorgeschriebene Mode, überhaupt ließen sich viele Parallelen zwischen Geistigkeit und Konfektion ziehen.

Der Mensch aus dem Norden oder Osten der Stadt findet auf dem Kurfürstendamm eine vollkommen andre Welt. Hier scheint auf den ersten Blick hin alles verzaubert und viel leichter und beschwingter zu sein. Die Schieber und Börsenhyänen haben gute Manieren, die Huren sehen wie feine Damen aus und die feinen Damen sehr oft wie Huren. Junge Mädchen laufen dahin und sind die lebendig gewordenen Wachs- und Metallpuppen aus den Warenhäusern. Neben ihnen gehen junge Männer, die einem Film entsprungen zu sein scheinen. Die Autos laufen gedämpfter als auf der Friedrichstraße. Die Polizisten sind viel höflicher, die Reklamen mondäner. Um die Gedächtniskirche herum, vor den Tigern, Affen, Schweinen, Füchsen und Kamelen, vor den Eseln und Hyänen des Zoologischen Gartens baut sich eine grandiose Kulisse des neuen Reichtums auf: Warenhäuser, Cafés, Tanzdielen, Bars, Weinrestaurants und die prunkende Unzahl der Kinopaläste, gleißende Sauglöcher und Strudel, in denen sich das leichte Leben der Leute am Kurfürstendamm verfängt. Aber es gibt auch Bettler auf der breiten Straße. Sie erinnern an Schiffbrüchige, die der Sturm an eine fremde Küste geschleudert hat, an der Barbaren wohnen, die nur durch Jammern und Wehklagen gerührt werden können. Von der Kirche aus bis an das Ende zu dem großen Vergnügungspark standen die Bettler, lebte das andre, leichtere Dasein, und man mußte schon ganz feine Ohren haben, um zu erkennen, wo hier gebetet und wo geflucht oder gelästert wurde.

Ein Zeitgenosse Napoleons erklärte dessen Triumph und berauschende Wirkung auf die Völker so »Er macht den Menschen den Traum vor«. Auch der Kurfürstendamm macht den Menschen den Traum vor. In den Schulbüchern findet man noch heute die rührenden Geschichten, die von den zerschossenen Grenadieren erzählen, die: »Es lebe der Kaiser« gebrüllt haben sollen, ehe sie verröchelten. Die Flüche und Verwünschungen der unbekannten Soldaten sind in den Lesebüchern nicht zu finden. Das Brandenburger Tor ist heute nichts als pompöse Kulisse, der Kurfürstendamm ist die Wirklichkeit, die Siegesallee des Geldes. Kaiser und Könige haben ihren Glanz verloren, im neuen Glanz, in viel prächtigerem Purpur glühen die Führer und Verführer unsrer Tage: die großen Helden vom Theater und vom Film.

In Berlin gibt es zweitausend arbeitslose Schauspieler. Sie wohnen nicht im Westen. Die armen Schauspieler können den Menschen keinen Traum mehr vormachen. Sie träumen für sich allein, und ihr größter Traum kreist um eine kleine Rolle auf der Bühne oder im Film. Wenn sie das große Glück haben, kommen sie auf die Bretter und verdienen dreihundert Mark im Monat, wenn sie das kleine Glück haben, kommen sie beim Film als Komparsen an und haben fünf Aufnahmen im Monat. Wenn sie aber kein Glück mehr haben, wenn sie auf dem Schlachtfeld des Lebens verrecken, da brüllen sie nicht: Es lebe die Bergner oder: Es lebe Pallenberg, da schlucken sie Gas, da schippen sie Schnee, da gehen sie ins Wasser, da stehen sie an der versteinerten Straße als Bettler oder nächtigen im Tiergarten.

Napoleon macht den Menschen den Traum vor!

In Deutschland haben im letzten Jahr rund 500 000 000 Menschen die Kinos besucht. Sie ließen sich von den neuen Napoleons den Traum vormachen. Über den Ozean kamen die verlogenen Spiele der Amerikaner, und alle Tränen, die um diese Filme geweint wurden, konnten doch nicht den Schmutz vom Gesicht unserer Zeit waschen. Das berühmte »gute Ende« zauberte wohl das Glück aus dem Himmel auf die Erde, aber das Glück blieb doch dasselbe, was viele Jahrtausende für die Menschheit das Schicksal war, etwas Unbegreifliches, das beglückt oder erdrückt.

In einem Cafe am Kurfürstendamm saßen Bernhard Glaß und Alfred Bencke und besprachen das Phänomen dieser Allee und kamen wie von selbst auf den Film und auf die Kassenerfolge der sentimentalen Schundstreifen zu sprechen. Glaß war auch für Schund, aber es mußte wenigstens Edelschund sein. Die Aufnahmen zu dem neuen Film sollten in den nächsten Tagen beginnen. Herr Hull war eine Woche in Berlin gewesen, hatte den Vertrag für seine Tochter unterschrieben, ließ sich von den bunten Kulissen blenden und fuhr heute beruhigt in seine kleine Stadt zurück.

»Die Corinne Griffith bekommt für einen Film zweihunderttausend Dollar, und drei Filme macht sie im Jahr, das sind sechshunderttausend Dollar, Alfred,« begann Glaß, als Amerika besprochen wurde. Dann rollte er den Knäuel des Gesprächs noch einmal auf: »Napoleon spielt den Menschen den Traum vor, aber wer spielt uns den Traum vor?«

»Mit sechshunderttausend Dollar läßt sich im Jahr recht angenehm träumen, Meister. Und sie spielen sich wohl selbst den Traum vor... Ich kenne die Geschichte der Appolonia Chalupez, die vor zehn Jahren ihre erste Filmrolle spielte und heute eine Prinzessin Mdivani ist...«

»Du meinst die Pola Negri? Nun schön, aber wer spielt mir den Traum vor?« Glaß war melancholisch. Dann fragte er unvermittelt: »Was denkst du von der Hull?«

»Sie wird ihren Weg gehen... Ich habe ein wenig nachgeforscht, und da bin ich auf einen jungen Artisten gestoßen. Das war ihr Freund. Erinnerst du dich, Meister, an den Jüngling bei der Premiere, der an den Wagen kam und: Marianne! schrie? Erinnerst du dich noch, sie sagte, es sei ein Wahnsinniger.«

»Ich entsinne mich, aber wenn wir lieben, sind wir auch wahnsinnig, Alfred. Ich finde die Hull großartig. Jetzt findet sie ihre Linie. Im Mariafilm war sie auch gut, aber sie kopierte manchmal die Amerikaner. Ich habe nichts gegen die Hull. Was sagt Lyssander?«

»Er wartet auf seinen Lohn.«

»Lassen wir ihn warten... Aber wer spielt mir den Traum vor?«

»Gehen wir in den Spielklub?«

»Das ist langweilig. Um mich aufzuregen, habe ich zu wenig Geld. Ein alter Mann muß vorsichtig spielen. Nur die Jugend setzt alles auf eine Karte.«

Bencke hatte eine gute Idee.

»Sehen wir uns doch einmal an, wie sich das Volk den Traum vorspielt,« sagte er. »Gehen wir einmal in die Destillen und Keller, ins Chinesenviertel oder in die Lokale um den Schlesischen Bahnhof!«

»Das klingt ja beinahe wie eine Verfluchung des Kurfürstendamms! Aber ich bin dabei. Gehen wir. Ist dort was los?«

»Ich habe allerlei gehört.«

»Also Aufbruch nach dem unbekannten Deutschland!«

Sie zahlten, nahmen ein Auto, fuhren nach ihren Quartieren und kleideten sich um. Glaß sah wie ein verlotterter Klavierspieler aus, und Bencke hatte sich als kleiner Mann aus der Provinz fertiggemacht, der sich einmal Berlin ansehen will. Glaß steckte seinen Browning ein. Die Reise konnte beginnen. Sie fuhren mit der Untergrundbahn zum Alexanderplatz.

»Hier beginnt schon das unbekannte Deutschland,« sagte Bencke und zeigte auf das Polizeipräsidium, »hier können wir Leute sehen, die keinen Traum mehr träumen.«

»Bist du mit der Polizei so gut bekannt, daß du weißt, ob sie keine Träume mehr hat?«

»Nein, ich bin nicht mit der Polizei bekannt, aber ich weiß, daß in einem Jahr in der Stadt viertausend Menschen vermißt werden... Ich weiß im Präsidium eine grauenvolle Bilderausstellung. Die unbekannten Toten hängen da, die Ertrunkenen, die Ermordeten. Wollen wir uns die Bilder ansehen?«

»Habe keine Lust. Ich kann sie doch nicht wieder lebendig machen. Weißt du noch mehr Geschichten?«

»Ja. Auf dem Präsidium liegt das Verbrecheralbum. Da sind rund 35 000 Bilder darin. Jedes Jahr kommen 2000 neue dazu. Nach den Bildern werden im Jahr über 400 Verbrecher erkannt.«

»Danke, mein Bedarf an Greuelgeschichten ist gedeckt. Warum erzählst du das?«

»Das ist das unsichtbare Berlin, das ist das nackte Leben auf der nackten Erde,« antwortete Bencke laut und rächte sich damit für jene Sommernacht, in der er von Glaß durch den Tiergarten geschleppt wurde. »Das ist Berlin und stößt an jenes Revier, das wir heute aufsuchen wollen. Die Leute bei uns im Westen sind wohl kaum im Verbrecheralbum anzutreffen.«

»Das ist wahr, aber ich kenne viele Visagen, die in das dicke Buch hineinmüßten.«

Sie durchquerten die Passage nach der Elisabethstraße und gingen die schwarze Schlucht aufwärts und bogen nach der Frankfurter Straße ab. Sie fragten sich nach der Markusstraße durch. Es war abends in der achten Stunde. Die Ausdunstungen der Stadt lagen wie eine dämmernde Wolke über den quadratischen Blöcken der Wohnquartiere. In den schmutzigen Straßen wehte Rauch und Gestank. Der Verkehr lärmte und klapperte. In einem kleinen Kino lief der Film: »Maria und ihr Glück«. Die beiden Männer verweilten einige Minuten vor den ausgehängten Bildern und Plakaten, sie besahen sich neugierig das Volk, das durch das schimmernde Portal strömte und hörten auch den Schlager der Premiere: Ein Gentleman, ein heißer Blick, Maria weiß, das ist das Glück...

»Das Lied ist saudumm,« knurrte plötzlich Glaß. »Sage mir, wer von den jungen Mädels da findet tausend Mark auf der Straße und heiratet dann einen Grafen? Kannst du mir ein einziges Mädel zeigen?«

»Nein, aber vielleicht die da!« antwortete Bencke und zeigte auf ein siebzehnjähriges Mädchen von so rassiger Schönheit, wie sie oft im Dunkel der nördlichen Stadt aufwächst. »Die da, Meister, aber wenn sie mal einen Grafen kennenlernt, wird sie vielleicht ausgehalten, aber nicht geheiratet.«

»Sowas sollte man mal im Film zeigen und nicht den Mist auf dem Gemeinplatz der Moral. Im Film muß so ein kleines Ding die Verführerin sein, damit am Ende Fräulein Braut mit dem weißen Schleier alles verschleiern kann ... Die Wirklichkeit, das würde einen Film geben, Alfred! Das Leben der armen Leute ist ein grandioses Schauspiel! Ich werde mit Kreß sprechen. Nach den vielen Süßigkeiten der letzten Jahre müßten wir mal eine bittere Sache aufziehen.«

»Kreß wird nicht mitmachen, und es wird ein schlechtes Geschäft werden... Die Leute hier wollen sich doch ihren Traum vorspielen lassen, und das sind nicht uneheliche Kinder, betrunkene Männer, kranke Frauen. Wir haben das Lied von Maria heute abend gehört und nicht die Internationale, die ihnen doch näher liegen müßte ...«

»Aber ich schreibe doch mal einen Film über die armen Leute,« murrte Glaß. »Ich schreibe den Film, und wenn auch Kreß Nein und Nein sagt. Vielleicht sagt er Ja, wenn wir die Sache russisch aufziehen oder in Zillemanier verarbeiten... Aber nun ist's genug mit der Quatscherei. Wo sind hier die Chinesen?«

»Die Chinesen kommen auch. Aber wir könnten uns erst einmal das Laster ansehen.« »Ich bin zu allem bereit.«

Das Laster zeigte sich durch blutrote Gardinen vor einer verschmutzten Scheibe an und lauerte kokett in einer kleinen Weinstube, in der man auch Bier trinken konnte. Die Freunde gingen in das Lokal, sie tranken einen Likör und nahmen dann die Einladung eines bemalten Fräuleins mit sehr kniefreiem Rock an, in dem Extrazimmer eine Flasche Wein zu trinken. Der Wein kam, war sauer und teuer, das Fräulein lächelte süß und brachte ein Album mit Photographien. Glaß besah sich sehr eingehend die Bilder, das Mädchen kicherte und hüpfte auf Benckes Schoß. Sie blieb auf dem Schoß, trotzdem der Mann protestierte.

»Wie iss es, mein Schatz, trinken wir zusammen noch eine Flasche guten Wein?« fragte sie.

»Nein, danke schön.«

»Warum nicht? Ich bin dann auch ganz lieb zu euch,« flüsterte sie und sagte ihm leise einige Worte ins Ohr. Als er noch immer mit dem Kopfe schüttelte, biß sie ihm leicht ins Ohrläppchen: »Oh du böser, böser Mann!«

Bencke lachte. »Mama erlaubt's nicht!«

»Aber wenn sie es doch nicht sieht, Liebling, und wer weiß, wer sie jetzt abknutscht!«

Glaß blickte von seinen Bildern auf.

»Was will das kleine wüste Fräulein?«

»Noch eine Flasche Wein verkaufen.«

»Sie soll ihn bringen, aber wenn er so sauer ist wie der erste, muß sie ihn selber trinken,« dekretierte Glaß und versenkte sich wieder in die Bilder.

Bencke grinste.

Das Mädchen lief davon, kam nach einer Minute wieder, brachte den Wein und schloß hinter sich die Tür. Sie knipste das Licht aus, einen Augenblick lag Dunkelheit im Zimmer, man hörte das Rascheln von Frauenkleidern, und als das Licht wieder brannte, stand das Fräulein nackt vor den Männern. Sie lächelte, wie vielleicht ein erniedrigtes Tier gelächelt hätte. Sie wiegte sich in den Hüften und tänzelte an den Tisch. Glaß ließ die toten Bilder, er griff nach dem warmen, lebenden Bild, das zu reden begann und fragte:

»Kennt ihr den neuen Schlager?«

Sie wartete keine Antwort ab, trat in die Mitte des Zimmers und begann:

»Maria geht nicht mehr zu Fuß, Die ganze Welt entbietet Gruß, Maria lächelt wieder Und singt das Lied der Lieder...«

Aber sie kam nicht weiter. Glaß stand auf und brüllte:

»Aufhören mit dem Mist! Ein Gentleman, das ist das Glück... Hier ist ein Gentleman!« Er warf zwanzig Mark auf den Tisch, ließ die Photographien und knallte die Tür hinter sich zu.

Das Mädchen fuhr erschrocken zusammen. Ihr Lächeln erstarrte. Sie ging nackt an den Tisch, nahm die Banknote und warf dann ein Hemd über. Bencke hatte sich erhoben und wollte gehen. Er stand schon an der Tür.

»Was war das für ein komischer Freier?« fragte das Mädchen. »Ein Gentleman war es sicherlich nicht... Du willst auch gehen? Wir haben ja unsern Wein noch gar nicht getrunken.«

»Der ist für dich. Mein Freund ist schon ein Gentleman, aber er ist zum erstenmal in Berlin.«

»Das sieht man sofort. Was ist er denn?

»Pastor in Löwenbrück!« antwortete Bencke und schloß die Tür. Hinter sich hörte er das verrückte Lachen des Mädchens. Er ging auf die Straße und traf Glaß, der auf ihn gewartet hatte.

»War ja alles ganz nett, die Bilder und so weiter, aber daß sie die olle Geschichte mit Marianne anfing, war zum Kotzen, Das war einfach Kitsch. Kitsch und Laster,« bemerkte er dann nachdenklich, »müssen irgendwie zusammenhängen, ich werde einmal darüber schreiben.«

»Aber keinen Film,« spottete Bencke. »Warum die Aufregung über das Lied? Habe ich den Film geschrieben?«

»Nein, aber du hast ihn gedreht, Schurke,« trumpfte Glaß auf. »Und wo soll es jetzt hingehen?« »Zu den Chinesen.«

»Werden wir dort auch Laster antreffen? Mensch, gibt es hier Opium?«

»Vielleicht, aber ich glaube, daß man Opium viel eher auf der Motzstraße kaufen kann als auf der Markusstraße. Die Chinesen sollen sparsame und nüchterne Leute sein.«

Nun hatten sie die Markusstraße hinter sich, kamen in die Krautstraße und in die Blumenstraße, auf der aber keine Blumen wuchsen wie auf der Krautstraße kein Kräutchen grünte, und dann bogen sie in eine entsetzlich arme Straße ein, die unter allen armen Straßen hier die allerärmste war. Bald standen sie vor einer Destille, die sich von den anderen Destillen Berlins nur durch einige chinesische Schriftzeichen unterschied. Glaß kramte seine philologischen Kenntnisse aus.

»Die Chinesen haben Humor. In ihrer Schriftsprache bedeutet ein gewisses Zeichen Frau, wenn das Zeichen aber verdoppelt ist, also zwei Frauen, das heißt Zank. Ich finde das unerhört gut. Kennst du ein anderes Volk, das so begabt ist wie die ollen Chinesen?«

Bencke drückte sich um die Antwort, aber er lachte über die Gleichung, doch als die beiden Freunde in der kleinen Kneipe standen, vergaßen sie das Lachen. An den kahlen Tischen saßen einige Chinesen beim Spiel. Sie nahmen kaum Notiz von den Fremden. Den ganzen Tag hatten sie die Straßen Berlins abgeklappert, um billiges Porzellan, falsche Perlen und schlechten Tee zu verkaufen: Sie sprachen kaum zehn Worte deutsch und waren von einer unausdenkbaren Bedürfnislosigkeit. Sie kampierten zu sechs und sieben Mann in irgendeiner Dachstube, und wenn sie zehn Jahre in der Fremde lebten, dann hatten sie vielleicht einige tausend Mark zusammen und fuhren dann in ihre Städte oder Dörfer zurück.

Über die ganze Welt waren sie verstreut wie die Juden. Sie waren in Mexiko ebenso anzutreffen wie in Sibirien oder Frankreich. Sie standen in den Straßen von Florenz und an den Türmen Prags, in den Gassen San Franciscos und verkauften ihre billigen Sachen. Manchmal überfluteten sie bestimmte Länder und rissen den Handel bestimmter Berufszweige an sich. In Sibirien hatten sie den Gemüsehandel, in Mexiko die Speisehallen, in Amerika viele Wäschereien, sie waren gute Köche, Diener, Lastträger, Minenarbeiter und Heizer. Die dreihundert Mann in Berlin gehörten zu der schweigsamen Arbeitsarmee, die aus dem übervölkerten China aufgebrochen ist und wie die Vorposten einer neuen Völkerwanderung sind.

Glaß verhandelte mit dem Wirt und bestellte für die Chinesen eine Runde Kognak. Der Wirt verstand kein Chinesisch, als er seinen exotischen Gästen das Feuerwasser brachte, zeigte er auf die Spender. Die gelben Leute unterbrachen ihr Spiel, lächelten Glaß und Bencke an, die lächelten zurück und gingen dann an den Chinesentisch. Ein kleiner Mann mit klugem Gesicht erhob und verbeugte sich und gurgelte in seiner bellenden Kehlsprache einige Worte. Bencke und Glaß setzten sich. Die gelben Menschen sahen sie aufmerksam an und warteten mit dem Trinken.

Jetzt erst konnte man die Verschiedenheit der Gesichter und Figuren sehen. Es gab hellgetönte Chinesen mit beinahe europäischen Augen, dann gab es einen Negertyp mit dunklen Bronzetönen, man sah schwermütige und heitere Männer, schmale und schwellende Münder, feine und verarbeitete Hände, hohe und niedere Stirnen: man konnte in dem chinesischen Gesicht die Gesichter vieler Völker und Rassen sehen, die in den Jahrtausenden alter Kultur sich mit dem asiatischen Blute vermischt hatten. Dreihundert von den 400 000 000 Chinesen wohnten als Proletarier in Berlin. Von den dreihundert Menschen saßen sieben in der kleinen Kneipe und lächelten den zwei weißen Männern zu.

Bencke stammelte einige Brocken chinesisch, er stammelte die Schlagworte, die der aufmerksame Leser auch in Deutschland kannte: Kuomingtang, Sunjatsen, Feng, Tschantscheischek, Laotse und so weiter und erinnerte sich plötzlich an einen Sonntag im Berliner Zoo, an dem zehn chinesische Arbeiter durch den schönen Garten schlenderten, die Käfige abwanderten und vor Freude schrill aufschrien, wenn sie ein Tier ihrer Heimat entdeckten. Und das schien sich auch jetzt zu wiederholen, die Männer nickten sich zu, als sie die Namen hörten, oder schrien kurz und schrill auf. Glaß gab noch eine Runde zum besten. Ein neuer Chinese kam, er war wohl der Führer seiner Rotte, er sprach ein wenig mehr deutsch und sagte, als sich die beiden Männer verabschiedeten:

»Daitsche Mann sein gutt zum Chinamann. Daitsche Mann und Chinamann sein wie ein Hand.«

Dann streckte er seine rechte Hand aus und spreizte die Finger. Dann schien er seine Worte auf chinesisch zu wiederholen, die sieben Chinesen streckten wie auf einen Befehl hin die rechte Hand hoch und spreizten die Finger. Sie schrien und lachten. Es war einer von den Augenblicken gekommen, an dem alle Unterschiede der Hautfarbe, der Rasse und der Bekenntnisse sich aufheben und nichts bleibt als der Mensch mit seinem Hunger nach Liebe und Verständigung. Glaß war ergriffen und schüttelte viele Hände, auch Bencke schüttelte viele Hände, und als er den letzten Händedruck ausgetauscht hatte, lag eine winzige Kugel Opium in seiner Handfläche. Dann brachen die Freunde auf und standen auf der verdunkelten Straße, in der zwei arme Mädchen strichen.

»Das war unerhört, Alfred,« begann Glaß. »Das war schon ein Abenteuer. Ich bin einmal dem chinesischen Gesandten vorgestellt worden, das war ein sehr höflicher Herr, er machte gute Konversation. Dann kenne ich einen Filmschurken, den Mister Wang, der bei der »Domino« seine Gastrollen gibt und teuflisch sein muß, wenn er weiße Mädchen verführt... Hast du gehört, wie sie geschrien haben? Mensch, wer macht den Chinesen in einer fremden Stadt den Traum vor?«

»Sie machen sich wohl selbst den Traum vor,« antwortete Bencke, und auf dem Weg durch die dunkle Straße sagte er: »Sie machen ihn sich wohl selbst vor... Ich habe da eine kleine Geschichte von einem Chinamann gelesen, die rührend und erschütternd ist. Sie ist besser als ein Film. Soll ich sie erzählen?«

»Ich warte darauf.«

»Der Chinese Tschang war zweiundzwanzig Jahre alt, als er mit zwanzig Kameraden nach Berlin kam. Er wurde wie sie Händler und verkaufte schlechte Perlen und billigen Tee. Er lernte zehn Worte deutsch und klapperte die Häuser ab. Dabei verliebte er sich in eine hübsche, blonde Berlinerin. Immer wieder, fast jeden Tag, besuchte er jenes Haus, in dem sie wohnte, aber die Frau kaufte nichts, niemals kaufte sie etwas, sie ist unfreundlich, wenn der kleine Chinamann kommt. Sie schlägt ihm die Türe vor der Nase zu. Tschang opferte in der Dachkammer seinen Göttern, aber die Götter nahmen das Opfer nicht an: die Frau blieb unfreundlich.

Einmal, er war schon zehnmal dagewesen und hatte nichts verkauft, sie hatte noch niemals gelächelt, einmal stellte er seinen Fuß in den Türspalt. Da schrie sie auf. Tschang stemmte sich gegen die Tür, er hatte große Dinge vor, er wollte ihr eine Perlenkette schenken, er wollte nur ihre weiße Hand berühren, weiter gingen seine Wünsche nicht. Aber die Frau schrie gellend um Hilfe, als der Chinese sich gegen die Türe stemmte. Die Nachbarn laufen zusammen, ein mutiger Mann schlägt dem Tschang die Faust ins Gesicht, dann wird die Polizei geholt. Die schleppt ihn fort. Bei der Verhaftung zerreißt die Kette, die Perlen fallen über die Treppe.

Tschang muß vier Wochen in Untersuchungshaft sitzen. Er träumt von der jungen Frau. Dann wird er wegen Sittlichkeitsvergehen angeklagt. Kein Mensch versteht seinen Dialekt, endlich findet man einen Dolmetscher, und die Verhandlung beginnt. Die Belastungszeugin tritt auf, sie erzählt, daß Tschang viele Mal in das Haus kam, daß sie niemals etwas gekauft habe und daß der Chinese ihr habe Gewalt antun wollen. Andre Zeugen sagen, sie haben ihn gesehen, wie er in die Wohnung habe eindringen wollen. Dann erzählt Tschang seine Geschichte, der Übersetzer gibt sie weiter, die Frau lächelt verächtlich, die Richter glauben ihm nicht. Der kleine Tschang muß vier Wochen absitzen, seine Ausweisung wird mit Mühe verhindert. Als er endlich freikam, war sein erstes, der Frau, die er liebte, eine neue Perlenkette zuzuschicken. Und die Moral: so machte sich Tschang aus China in der fremden Stadt seinen Traum vor...«

»Weißt du noch mehr chinesische Märchen, Alfred?« fragte Glaß. »Deine Geschichte ist ein rührender Bildstreifen: Die Perlenkette.«

»Ja. Als wir unsern Chinesen die Hände schüttelten, bekam ich ein Geschenk. Eine Kugel Opium.«

»Das ist unerhört! Wir wollen sehen, wie das Volk lebt, wir sind herablassend und gnädig, und nun kommt heraus, daß diese Menschen hier zu uns herablassend und gnädig sind. Daß sie uns einen Traum vormachen.«

»Das Volk macht uns unsern Traum vor, Meister,« begann Bencke und wurde philosophisch, »ich denke an die kleinen Mädchen, die ans der Tiefe wachsen und für uns da oben da sind, ich denke an die Hull, auch die Hull macht Lyssander einen Traum vor...« Sie gingen weiter.

Sie kamen noch an einigen andren Destillen vorbei, die durch ihre phantastischen Schriftzeichen von ihren gelben Gästen berichteten. Hinter der dunklen Straße lockte die Reklame eines kleinen Varietés, sie gingen in die Singspielhalle und sahen die Sterne zehnter Größe über der grellen Bühne aufgehen und verschwinden. Die großen pompösen Revuen im Zentrum und im Westen lagen im Sterben, die langweilige Reihe der halbnackten Mädchen interessierte nicht mehr, aber hier in der Vorstadt wurde die Mode von gestern noch aufgetragen. Sie sahen also eine Reihe armer Girls, sie sahen sieben Mädchen die Beine werfen und mit den Popos wackeln, in schimmernden Hanswurstkostümen tanzen und singen. Sie nannten sich »Texasgirls« und waren von Herrn Hondt vermittelt worden.

Unter den Sieben sang und tanzte auch Flora und warf die Beine. Hondt hatte sie zuerst Herrn Müller zugeführt, aber der Herr Müller war für jüngere Mädchen und hatte wenig Interesse für sie. Jetzt hatte sie sich auf siebzehnjährig geschminkt und sang und sprang. Sie war lautlos in der großen Stadt untergegangen. Als sie schon strauchelte, versuchte sie, Marianne zu sprechen, aber Marianne war nicht anzutreffen. Manchmal las sie noch die geliebten Dichter Toller, Schiller und Tolstoi, dann rettete sie sich zu den Songs von Brecht, aber sie mußte auch die blödsinnigsten Texte der Schlager auswendig lernen, und manchmal verwirrten sich die Strophen und Gedanken der Dichter mit der Gebrauchslyrik der dunklen Vorstadt.

Es war grauenvoll.

Bencke und Glaß verließen bald die »Texasgirls« und machten ihre Glossen. Auf der Straße, in der die leichten Sommerfähnchen der blassen Mädchen leuchteten, wurden sie abgeschätzt und angesprochen. In den Destillen war viel Betrieb, und mitten in dem Jammer hörten sie plötzlich die hymnischen Lieder der Heilsarmee, die mitten in dem Verfall von Gott und seinem strahlenden Paradies zu singen und zu predigen begannen. Dann kam neue Musik, die Roten Frontkämpfer marschierten durch die Straße und überdröhnten mit ihren Gesängen die Hymnen der Soldaten von der Heilsarmee. Die Schalmeien und die Posaunen kämpften miteinander, verwirrten sich und prallten chaotisch zusammen. Siegte in dieser Stunde Gott oder siegte Lenin? Das Leben siegte, und als die Musik verstummte, wurden die beiden Wanderer aus dem Westen von einer verblühten Frau in den vierziger Jahren angesprochen. Sie trat aus einem dunklen Flur, stand wie ein Nachtgespenst vor ihnen und flüsterte:

»Kommt mit, ihr Freunde.«

Aber sie gingen nicht mit, sie schritten weiter und kamen in die dunklen Straßen am Schlesischen Bahnhof, in denen neben der Armut und Arbeit das Verbrechen wohnt. Das eiserne Klirren der Fernzüge und der Stadtbahn war zu hören, die ratternde Musik aus den Kneipen, das dunkle, ferne Brausen Berlins, das wie eine feurig gerötete Donnerwolke über den Millionen stand. Die kleinen Lampen der Stundenhotels und Absteigequartiere leuchteten, sonst waren die Straßen finster, und sie mußten es wohl auch sein, denn sie lagen in einer finsteren Welt.

»Ich kenne schon die Armut,« begann Glaß, »ich bin auf einer kleinen Schmiere aufgewachsen, und wir haben in Galizien gastiert, aber hier ist jeder Pflasterstein arm. Was ist das für eine Welt! Wohin gehen wir jetzt?«

»Ich kenne hier ein Lokal, in dem die sogenannten Verbrechervereine ihre Sitzungen abhalten. Vielleicht haben wir Glück, und es ist was los. Einverstanden Meister?«

»Einverstanden, ich habe Geschichten davon in der Zeitung verfolgt. Dolle Burschen!« antwortete Glaß und fühlte nach seinem Browning. »Du hast recht, Alfred, auch hier ist das nackte Leben auf der nackten Erde.«

Sie gingen nach dem Bahnhof und sahen dort ein junges Mädchen, das damenhaft vor dem Portal promenierte. Sie war in den zwanziger Jahren, und als sie von Glaß angesprochen wurde, zierte sie sich nicht lange und nahm seine Einladung schnell an. Sie verließen zu dritt den Bahnhof und kamen in eine schwarze Straße, in der kein Leben war als das schwere Dasein einiger Strichmädchen und der linde Lärm in einigen Kneipen. Bald saßen sie in einem Lokal, das sich sehr bürgerlich gab, aber diese Bürgerlichkeit war nur Kulisse. Sie setzten sich und bestellten Getränke. Im Hintergrund lümmelten drei junge Burschen und hoben die Köpfe, als die Fremden kamen.

Das Mädchen war keine Berlinerin, sie stammte aus Frankfurt am Main und hatte ein abenteuerliches Leben hinter sich, ein Leben an den Grenzlinien unserer Ger Seilschaft. Vor einigen Tagen erst war sie aus dem Gefängnis entlassen worden, nun suchte sie auf der Straße, in der Nähe der Bahnhöfe, das Reisegeld nach Hamburg zusammen. Sie war zum erstenmal nach dem Osten gekommen, und als Glaß nach ihrem Schicksal fragte, erzählte sie mit so kühler Stimme, als berichte sie von einem fremden Menschen.

»Ja, Herr,« erzählte sie, »ich bin in Lausanne in einer Pension groß geworden, als ich achtzehn Jahre alt war, kam ich nach Frankfurt. Dort hat es mir nicht mehr gefallen und ich bin auf Reisen gegangen.«

»Auf Reisen und allein als junges Mädchen?«

»Natürlich, ich spreche französisch, englisch und auch spanisch, Sir, Frankfurt ist eine langweilige Stadt. In Wien und Konstantinopel ist es schon lebhafter. In Wien war ich Sekretärin, in Budapest Kindermädchen, in Bukarest Stenotypistin für französische Korrespondenz und in Konstantinopel Kinderfräulein.«

Bencke mischte sich ins Gespräch und prüfte ihre französischen und englischen Sprachkenntnisse, sie bestand die Probe gut und erzählte dann von ihren Erlebnissen als Arbeiterin in einem Salzbergwerk und behauptete, als Stewardeß in Ostafrika gewesen zu sein und auch einmal auf einer Berliner Redaktion gearbeitet zu haben. Sie verschwieg auch nicht, daß sie in einigen Städten und Ländern mit dem Gesetz in Konflikt gekommen und hier und da einige Monate im Gefängnis war. Glaß blieb skeptisch, er hörte sich die ganze Geschichte an, wie er zudringliche Manuskriptschreiber anhörte, die ihre Ideen entwickelten und von ihm unterstützt werden wollten.

»Was wollen Sie denn in Hamburg?« fragte er, als ihr Bericht zu Ende war. »Was wollen Sie in Hamburg?«

»Auf ein Schiff, das nach Amerika fährt,« sagte sie.

»Und wenn es in Amerika ist? Wenn Long Island Sie nicht durchläßt, was dann?«

»Ich komme schon durch,« antwortete sie lächelnd, »ich bin überall durchgekommen. Ich will nach Hollywood, ich kenne einen Macher von der Paramount, ich will meine Erlebnisse für den Film verkaufen.«

»Warum wollen Sie das nicht in Berlin?« wollte Glaß wissen.

»In Berlin?« Sie lachte. »In Berlin ist kein Markt dafür. In Berlin kauft man sogenannte Dichtung, aber kein Erlebnis. In Berlin wird bei den Gesellschaften zuviel gestohlen.«

Glaß knurrte.

»Sie gefallen mir, Fräulein,« sagte er dann, »wenn Sie gestatten, werde ich die Reise nach Hamburg finanzieren.« Er zückte die Brieftasche, sie warf einen blitzschnellen Blick auf die Geldscheine, war aber beinahe in gleicher Sekunde das kühle, abenteuerliche Fräulein und dankte für die Banknote. Dann seufzte sie leicht. Nun kam der unangenehme Teil des Geschäftes. Sie blickte Glaß fragend an:

»Wollen wir gehen, Herr? Ich bin bereit.«

»Warum?« fragte er zurück. »Leisten Sie uns noch ein wenig Gesellschaft. Sie sind zu nichts verpflichtet.«

Sie machte erstaunte Augen, und als sie endlich alles begriff, rückte sie näher, nahm das Glas und trank den Männern zu. Bald sprachen sie über Wien, und sie erzählte so entzückende Geschichten von einem Rechtsanwalt, dem sie als Sekretärin gedient hatte, daß die Freunde nicht aus dem Lachen kamen. Mitten in das Gelächter kamen neue Gäste. Ein Tischlermeister aus der Provinz tauchte auf und brachte ein älteres Fräulein mit, das schwer an seinem Arme hing. Der Mann hatte schon einige Glas zuviel getrunken. Er war auf einer Bierreise durch Berlin, hatte Rechnungen einkassiert und viel Geld bei sich.

»Hallo, Wirtschaft!« brüllte er durch das Lokal. »Hallo, Wirtschaft! Ist das eine Wirtschaft mit der Wirtschaft! Ich zahle eine Runde für die ganze Gesellschaft!«

Er lachte, als hätte er einen guten Witz gemacht.

Die drei Burschen im Hintergrund reckten die Hälse. Sie standen auf und kamen langsam näher. Der Tischlermeister saß mit seinem Fräulein schon am Tisch, die drei jungen Burschen grüßten und ließen sich auch nieder.

Die Wirtin kam und brachte die Getränke. Der Trunkene überblickte das Lokal, als er den Tisch mit Glaß sah, muckte er auf.

»Auch die Herren da und die Dame sollen mittrinken. Oder bin ich den Herrschaften nicht fein genug?«

»Aber wir kennen Sie ja gar nicht!« rief Glaß hinüber.

Der Tischlermeister erhob sich und sagte seinen Namen:

»Gruschwitz Paul, aus Luckenwalde.«

»Angenehm,« antwortete Glaß und erhob sein Glas: »Gestatten: Hans Albrecht von Strehlen!«

»Kommen Sie man rüber, Herr Graf. Ich bin nur ein Mann aus dem Volke, aber ich verstehe schon, mit feinen Leuten umzugehen. Der Gruschwitz Paul weiß Bescheid! Bringen Sie die ganze Rasselbande mit, Herr Graf, wir wollen uns einen vergnügten Abend machen.«

Bald saß die ganze Gesellschaft an dem einen Tisch, die Wirtin brachte neuen Stoff, auch Glaß schmiß eine Runde, dann erzählte Gruschwitz zotige Witze, das ältere Fräulein kreischte, das Mädchen Gerda aus Frankfurt am Main sang kleine französische Liedchen, die drei fremden Burschen tranken auch, aber sie blieben kühl und saßen wie drei erfahrene, lauernde Füchse da. Die Wirtin legte eine Grammophonplatte auf, die Neger sangen ihre dudelnden Lieder, Gruschwitz versuchte einen Tanz mit seinem Fräulein. Aber sie kamen bald an den Tisch und zu den Getränken zurück.

Die drei jungen Leute waren in ihren Kreisen gut bekannt. Sie gehörten auch einem Ringverein an. Ihr Führer war »Werner vom Busch«, ein blasser und kluger Mensch nahe den Dreißig. Er hatte den Krieg als Freiwilliger mitgemacht, es bis zum Oberleutnant gebracht und diente dann noch einige Jahre in den Freikorps. Dann verschob er Heeresgut, kam mit der Polizei in Konflikt, saß einige Monate in Tegel ab und nun hockte er unter den Lumpenproletariern, war offiziell Kellner und Klavierspieler, aber im Grunde weiter nichts als Straßenräuber und führte den Krieg gegen die Gesellschaft auf eigene Faust und mit seinen Kameraden weiter.

Gruschwitz war nun vollkommen betrunken. Sein patriotisches Herz regte sich und schlug laut für den armen, vertriebenen Kaiser in Holland. Er duzte die ganze Gesellschaft, ließ eine neue Lage auffahren, stotterte wütend gegen die großen Warenhäuser, die dem kleinen Mann das Brot wegnehmen, schlug seinen Arm um sein Fräulein und sagte zu Glaß:

»Trink man, Graf, wir sind alle Menschen und müssen alle einmal sterben. Gib mich einen Kuß, Herr Graf!«

Er ließ sein Fräulein, stand auf, um Glaß zu küssen aber da fiel er hin. Er rappelte sich schwerfällig wieder auf und torkelte nach seinem Stuhl. Er kippte das Bier hinunter, entwickelte dann eine zynische Theorie über die Frauen im allgemeinen und über seine Frau im besonderen, brach plötzlich mitten im Wort ab, zog die Brieftasche und brüllte:

»Heh, Wirtschaft, zahlen!«

Die Wirtin kam und brachte die Rechnung. Gruschwitz überprüfte sie und fand sich übervorteilt. Er schob das Fräulein, das die Sache aufklären wollte, brutal beiseite und gab Glaß den Zettel.

»Lese mal, Graf, ob allet stimmt.«

Glaß überprüfte und fand alles richtig.

»Das is man gut,« sagte der Trunkene und entfaltete die Brieftasche. Dabei fiel ihm ein Bündel Hundertmarkscheine auf den Boden. Die drei Burschen äugten, der Tischlermeister klaubte das Geld zusammen, schob seinem Fräulein zehn Mark hin, zahlte und erhob sich. Dann ging er taumelnd und mit sich selbst sprechend aus der Kneipe.

Die drei Burschen folgten ihm.

»Ulkiger Knabe, der Gruschwitz...« bemerkte Glaß, aber da kam von der Straße lautes Hilfegeschrei.

Glaß sprang auf, riß seinen Browning aus der Tasche und stürzte davon. Das Fräulein Gerda puderte sich, das andere Mädchen steckte den Geldschein in den Strumpf. Bencke hatte sich erhoben. Plötzlich krachte ein Schuß. Da stürmte auch Bencke auf die Straße.

Auf der gegenüberliegenden Seite sah er seinen Freund. Er hatte einen rauchenden Revolver in der Hand und schrie. Man hörte das Klappern fliehender Menschen. Im Flur eines Hauses kauerte der Tischlermeister Gruschwitz und jammerte leise. Die Straße war wie ausgestorben.

Und dann kam die Polizei.

»Hände hoch!« schrie der Führer der Patrouille, als er Glaß mit dem Revolver sah. »Hände hoch oder ich schieße!« Und als sich Bencke und Glaß einen Augenblick zulange besannen, krachte ein neuer Schuß und die Kugel klatschte an die Mauer.

Dieser zweite Schuß machte Gruschwitz ganz still und nüchtern. Er ließ das Wimmern, erhob sich vorsichtig und lief dann der Polizei jammernd entgegen. Und nun waren auch Zuschauer da, junge Burschen und einige Mädchen.

»Diese Hochstapler haben mich ausgeplündert und dann auf mich geschossen, Herr Wachtmeister,« keuchte Gruschwitz. »Sie haben mich allegemacht und müssen geköppt werden!«

»So ein verdammter Blödsinn,« brüllte Glaß mit immer noch erhobenen Händen zurück. »So ein Blödsinn! Ich hörte den Mann da schreien, kam ihm zu Hilfe und habe auf seine Räuber geschossen!«

»Das werden wir schon feststellen, sehr geehrter Herr,« sagte der Wachtmeister und nahm den Browning. »Haben Sie Zeugen? Wir werden alles feststellen. Wie heißen Sie?«

»Bernhard Glaß.«

»Das kann jeder sagen. Ihre Papiere?« »Hier sind meine Papiere.«

»Glaß heißt er?« heulte Gruschwitz. »Und zu mir hat er gesagt, er sei ein Graf... Und es ist alles Schwindel, was er gesagt hat, er hat auf mich geschossen und sein Freund hat mein Geld geklaut.«

Der Wachtmeister prüfte die Papiere.

»Die Papiere sind in Ordnung,« sagte er. »Aber sie können auch gefälscht sein. Wer ist dieser Herr?«

Bencke stellte sich vor und gab seinen Reisepaß. Er wollte die Geschichte von den drei jungen Burschen erzählen, die seiner Meinung nach als die Räuber in Frage kamen, aber der Wachtmeister winkte ab.

»Ist ja alles ganz gut und schön, aber das werden wir wohl von selbst feststellen müssen. Der große Unbekannte gleich mit zwei Brüdern? Wir kennen das, wir kennen das. Und Sie haben geschossen? Dazu sind Sie ja gar nicht berechtigt, Herr, auch wenn Sie einen Waffenschein haben. Zuerst gehen wir mal in das Lokal und wollen sehen, was die Wirtin sagt. Auch Sie, Herr Gruschwitz, müssen mit. Alles andere wird sich finden.«

»Und mein Geld?« knurrte Gruschwitz. »Man sollte die Herren da visitieren, Herr Wachtmeister!«

»Meine Herren,« sagte der Wachtmeister, »ich brauche Sie wohl nicht darauf aufmerksam zu machen, daß eine Flucht aussichtslos ist. Wir müßten dann von der Waffe Gebrauch machen.«

Die Zuschauer sagten: »Bravo« und eine heisere Stimme schrie: »Gebt ihnen Saures«, und ließ die Entscheidung frei, wer Saures kriegen sollte, die Polizei oder die drei Männer.

Sie gingen in das Lokal. Es war leer. Die Wirtin beteuerte, von nichts zu wissen. Sie sagte, es sei ja möglich, daß der Herr da erst später, als das Geschrei begann, auf die Straße gelaufen sei, aber sie könne es nicht beschwören. Ja, es seien drei junge Leute dagewesen, aber sie kenne ihre Namen nicht. Und der Herr da, sie zeigte auf Gruschwitz, sei schon betrunken ins Lokal gekommen.

»Es tut mir leid, meine Herren,« sagte der Wachtmeister, »aber Sie müssen mit aufs Präsidium. Es mag ja alles so sein, wie Sie sagen, aber wir müssen ein Protokoll aufsetzen. Auch Sie, Herr Gruschwitz, müssen mitkommen.«

Glaß ergab sich und schlug vor, zwei Autos zu nehmen, um die Geschichte schneller zu erledigen. Der Vorschlag fand Beifall, der Wachtmeister und seine Leute wurden viel freundlicher, die Autos fuhren durch die Dunkelheit, kamen in beleuchtete Straßen und erreichten das Präsidium in zehn Minuten. Die Männer stiegen aus, mußten durch viele schallende und jetzt in der Nacht vereinsamte Korridore und wurden vom Kommissar vom Dienst vernommen.

Dann mußten sie eine halbe Stunde warten. In der Zeit wurden ihre Angaben und Papiere überprüft und als das Protokoll aufgesetzt wurde, ergab sich, daß Gruschwitz nicht mehr von Glaß mit dem Revolver bedroht sein wollte. Er entsann sich der jungen Kerle und gab die Möglichkeit, und als das formuliert wurde, sogar als größte Wahrscheinlichkeit zu, daß sie und nicht der Regisseur Bencke ihn ausgeraubt hätten. Er war ganz klein geworden und entschuldigte sich viele Mal. Das Protokoll war bald unterschrieben. Es war Mitternacht, als die Männer auf dem Alexanderplatz standen.

Gruschwitz verdrückte sich kleinlaut. »Da wären wir doch auf dem Präsidium gewesen, Meister, und wer hätte daran gedacht, als wir am Abend hier vorbeigingen und über das andere Berlin sprachen? Wie hat dir die ganze Geschichte gefallen? Hast du die Galerie der unbekannten Toten in dem einen Flur gesehen?« fragte Bencke, als sie die Treppen der Untergrundbahn hinunterstiegen, um nach dem Westen zu fahren.

»Die Toten habe ich nicht gesehen...« antwortete Glaß, »ich hatte an den Lebenden genug! Der Abend war wild und aufregend, Alfred. Es war eine gute Idee, einmal zu sehen, wo und wie das Volk lebt, für das wir unsere Filme machen...«

»Das Volk?« fragte Bencke zurück. »Das Volk haben wir kaum gesehen. Wir sahen es nur in der Zerstreuung. Wir sahen das vereinsamte Volk, Meister, das zersplitterte. Wenn das das Volk sein soll, das wir heute beobachteten, da könnte Deutschland einpacken. Das Volk ist anders.«

»Wie ist das Volle, du großer Philosoph?«

»Das weiß ich nicht genau, ich weiß nur, daß es ganz anders sein muß!« sagte Bencke.

»Vorher sprachst du anders, mein Sohn,« bemerkte Glaß, »aber lassen wir schon den Osten. Ich habe keine Lust zum Schlafen. Ich bin nicht müde. Im Westen gibt es keine Nacht. Ich bin für eine neue Expedition... Hast du eine Ahnung, wo sich Lyssander herumtreibt?«

»Er wird in der Loge bei den Sternen sein. Da können wir ihn treffen. Übernimm du die Führung im Westen, Meister!«

»Also los, in die Loge der Sterne!«

Sie verließen die Untergrundbahn am Bahnhof Zoo und verwandelten sich bald darauf in elegante Kavaliere. Die alten Kleider waren abgelegt und mit ihnen auch die Erinnerungen an das dunkle Berlin im Osten. Der Kurfürstendamm prahlte und prunkte, die Lichter strahlten, die Cafés schimmerten, die Bettler wimmerten, und jenseits aller Strahlen und Qualen lockte in einer stillen Seitenstraße ein dunkles Haus, in dessen erster Etage das mystische Licht der Loge zu den sieben Sternen leuchtete.

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