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Aufstieg der Begabten

Max Barthel: Aufstieg der Begabten - Kapitel 7
Quellenangabe
pfad/barthel/aufstieg/aufstieg.xml
typefiction
authorMax Barthel
titleAufstieg der Begabten
publisherDER BÜCHERKREIS
year1929
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderAlexander Barthel
created20111110
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LOB DER ARMUT ODER MARIANNE HÖRT DEN RUF

Fertig! Aufnahme!« schrie Bencke. »Achtung: es wird gedreht!« gab der Hilfsregisseur den Befehl weiter. Der Oberbeleuchter verstärkte die Lampen, der Operateur drehte seine Kurbel, und Kreß sah durch ein blaues Glas in die Dekoration. Dolora King stand neben Kreß und wollte viel wissen, aber er antwortete nur durch ein Achselzucken. Die Probeaufnahme bei der »Lux« hatte begonnen. Im letzten Augenblick tauchte auch Bernhard Glaß auf. Dolora nahm ihn in Beschlag.

Marianne saß in einem tiefen Sessel und war wieder das kleine, müde Mädchen von damals, als sie Lyssander auf der Straße und dann noch näher im Hotel kennengelernt hatte. Das grelle Licht der Lampen blendete sie sehr, aber sie hielt die Augen offen und spielte ihr Spiel. Lyssander stand, wie damals, an einem Spiegelschrank und kam näher. Sie lächelte zuerst, aber als er sich, gerade wie damals, auf die Knie niederließ und ihr Kleid küßte, da starb ihr Lächeln. Und als dann das Spiel weiterging und nichts als Wiederholung jener späten Szene war, da empfand sie alles nur als Spiel, als Schauspiel, das groß und wichtig war, vollendet dargestellt zu werden. Marianne war ganz wachsam und entfaltete große Talente. Bencke lächelte leise, als er dieselbe Szene erkannte, die vor einigen Tagen mit Dolora gespielt wurde. »Ausgezeichnet,« flüsterte Kreß. »Elende Schmiere,« sagte Dolora leise zu Glaß.

Als die Lampen auf einen grellen Pfiff hin verlöschten und die letzten Bilder auf den Filmstreifen gebannt waren, wurden Lyssander und das Mädchen beglückwünscht.

»Ist gut gewesen, gnä' Fräulein,« versicherte Kreß.

Auch Dolora sagte freundliche Worte.

Lyssander strahlte, und Marianne nahm die Lobsprüche großartig entgegen. Ihr war, als hätte sie schon immer gefilmt. Kreß küßte ihre Hand und ging nach seinem Büro. Dort klingelte er Lemansky an.

»Lemansky, guten Tag, hier spricht Kreß. Wir haben uns die Sache mit Dolora überlegt. Sie können sie haben, die Dolora, ab nächste Woche schon,« (in der Aufregung sprach er Jargon). »Wir werden also machen einen richtigen Vertrag und löschen alles andere, was wir haben schriftlich. Sind Sie frei heute abend, kommen Sie zu mir in die Friedrichstraße.«

»Ist gut, Kreß,« antwortete Lemansky, »ich werde kommen.«

Lyssander machte die Damen untereinander bekannt.

»Ich gratuliere,« flötete Dolora, »Sie haben wundervoll gespielt. Es war einfach fabelhaft.«

»Meinen Sie?« kam die Antwort.

»Ja. Wie auf der Bühne. Wie im Theater. Kommen Sie aus der Provinz, Fräulein Hull?«

»Wir kommen alle aus einer Mutter Leib, Fräulein ' King,« sagte Marianne und war die Würde selbst.

»Wenn Sie meinen, das sei nur Provinz, dann komme ich aus der Provinz.«

Glaß lachte.

Er hatte sofort in Marianne jenes Mädchen aus dem Wartesaal entdeckt. Die Antwort gefiel ihm besser als ihr Spiel, er ahnte den richtigen Zusammenhang der Szene, und als er dann vorgestellt wurde, war er sehr liebenswürdig und sagte pathetisch:

»Gnädigste haben Philosophie im Kopf. Jeder Mensch kommt aus einer City des Lebens, auch wenn er in einem Dorfe geboren wird. Glaß, Bernhard Glaß, ich stehe zu Diensten.«

»Wo haben Sie das erstemal gespielt, Fräulein Hull?« wollte nun Dolora wissen. Ihre Stimme klang immer noch unschuldig, aber Marianne hörte den leisen Unterton Spott und Feindschaft gut heraus.

»In Berlin, Fräulein King.«

Dolora wandte sich Glaß zu.

»Was macht der neue Film, Meister? Ich habe immer und jeden Tag auf Anruf gewartet. Ist die Rolle für mich gut? Erzählen Sie!« Sie legte ihre gepflegte Hand auf seinen Arm.

»Der neue Film macht sich, Dolora. Und ich rufe in den nächsten Tagen ganz bestimmt an.«

»Ich warte darauf,« sagte sie und fragte dann Marianne: »Kann ich etwas für Sie tun, Fräulein? Soll ich einmal mit Herrn Kreß wegen einer kleinen Rolle sprechen?«

»Danke schön, das ist wohl nicht notwendig.«

»Wenn ich etwas höre, das Ihnen nützen kann, Fräulein Hull, werde ich an Sie denken!« sagte die King und verabschiedete sich. Als sie gehen wollte, kam ein Bote und bat sie zu Kreß. »Ich spreche mit Kreß und werde ein gutes Wort für Sie einlegen, oh bitte sehr, keinen Dank!« sagte sie zum Abschied und rauschte davon.

Marianne bebte vor Wut, aber sie tat gleichgültig und lachte ein wenig. Die arme Dolora, sie hatte ja nur aus Eifersucht das billige Theater gespielt. Glaß kam näher und sagte:

»Gnädigste, ich hatte schon einmal das große Vergnügen, Sie zu sehen.«

Lyssander lauschte auf.

»Auch ich hatte schon einmal das Vergnügen, Meister,« sagte sie und lachte, »und dann wartet immer noch ein kleines Mädchen, daß Sie ihr die Bilder mit einem guten Wort zurückgeben... Ich kenne Sie schon, Meister, und habe Sie an einem Sommermorgen im Tiergarten gesehen. Sie unterhielten sich mit Herrn Bencke über den Bürger, der im Faulbett die Zeit verschläft!«

Nun machte Bencke große Augen.

»Und am selben Morgen hörte ich ein Gespräch über Tränen, die wie Feuer sein sollen und Bitterwasser sind, das wie die Hölle brennt.«

Glaß lachte laut.

»Alfred, sie ist das kleine Mädchen, das damals im Wartesaal saß und schluchzte. Alfred, Sohn eines Bürgers, kannst du dich erinnern?« Er zügelte seinen Eifer und küßte ihre Hand.

»Gnädiges Fräulein,« sagte Bencke verlegen, »Pardon, daß ich Sie nicht erkannt habe. Es war auch eine sehr ungewöhnliche Begegnung morgens in der vierten Stunde. Ich habe die große und angenehme Hoffnung, daß wir uns recht bald, auch am Tag und in der Arbeit treffen werden.«

»Es war ein schöner Morgen, als sich zum erstenmal unsere Wege kreuzten,« bemerkte Glaß. »Gnädigste sind eine Nachtschwärmerin?«

»Manchmal,« antwortete sie, »aber gewöhnlich bin ich für das Faulbett des Bürgers.«

Lyssander war ihr dankbar, daß sie kein Wort von ihrem Erlebnis berichtete. Er lächelte ihr zu. Bald nach der Aufnahme fuhren die Männer mit Marianne in die Stadt zurück, Glaß erzählte zuerst von seinem Manuskript, wetterte gegen die neuen Tänze und schwärmte für die Walzer von Strauß. Er stimmte ein Loblied auf die alte Zeit an und sagte:

»Zu den Schiebern von heute passen die Schiebertänze. Rund ist unser Stern, und rund ist auch die Schönheit. Die Niggersongs sind auch schön, aber sie stammen aus der alten Zeit. Sie kommen von den alten Litaneien und Kirchenliedern her, die durch die deutschen Auswanderer um die ganze Welt getragen wurden. Vielleicht haben die Nigger die heiligen Lieder dunkler und dröhnender gemacht, aber ihre Schwermut hat sie bis in den Leichtsinn hinaufgesteigert. Und wenn wir heute zu den Songs tanzen, so ist das wie ein Tanz um das goldne Kalb, oder ein Tanz um das weiße Kalbfleisch der Girls.«

»Glaß kann gar nicht tanzen,« flüsterte Lyssander Marianne zu, »er macht nur mit seinen Gedanken tänzerische Sprünge.«

»Unsre Zeit ist nicht unsre Zeit,« begann Glaß von neuem, »die Technik ist uns um tausend Jahre voraus, und wenn wir sie einholen wollen, da hinken wir jämmerlich hinterher. Das Nachhinken nennen wir Kultur. Eine schöne Kultur, Herrschaften, unsre Enkelkinder werden sich über uns den Buckel voll lachen. Prost Mahlzeit! Warum ist das Wasser besser als der Wein?«

»Das ist noch die große Frage«, erwiderte Lyssander, »ich kenne eine Geschichte, da wurde aus Wasser Wein gemacht.«

»Ich kenne die Erzählung auch, aber sie wird in Wahrheit wohl anders gewesen sein, als es in den Büchern steht. Aus Wasser wird schon Wein, aber dazwischen ist die Mühe und Arbeit. Überflute eine Sandwüste mit Wasser, Lyssander, die Wüste wird fruchtbares Land. Dann können die Reben gepflanzt werden. Aus Wasser wird schon Wein, aus Wein wird niemals wieder Wasser. Wein und weinen, das muß doch irgendwie zusammenhängen. Was meinst du, Alfred?«

»Besser, es hängt irgendwie zusammen, als daß es zusammenfließt, Meister.«

»Fräulein Hull,« wandte sich Glaß an Marianne und wurde ganz ernst, »Sie entschuldigen das Gespräch. Nun kommen Sie in eine furchtbare Welt hinein, in eine Welt, die aus Kulissen besteht. Alles Theater dort, Fräulein Hull! Bleiben Sie Mensch und werden Sie niemals Kulisse.«

Marianne nickte ihm zu, ohne seine Worte ganz zu verstehen.

»Ausgekrächzt, alter Rabe?« fragte Lyssander.

»Ausgekrächzt, Lyssander,« kam die Antwort.

Der Wagen hatte nun die Stadt erreicht. Am Kurfürstendamm wurden Bencke und Glaß abgesetzt, nachdem eine Zusammenkunft für den Abend vereinbart war. Lyssander fuhr weiter und brachte Marianne in die Friedrichstadt. Das Negativ der Aufnahme war vor zwei Stunden in die Kopieranstalt gebracht worden und sollte dann sofort im Stadtbureau der »Lux« vorgeführt werden. Marianne nahm die Einladung zu der Vorführung gern an, und als sie mit dem Fahrstuhl die drei Etagen hinaufsauste, mußte sie an die kleinen Mädchen denken, an die Vierzehnjährigen, die gelenkig über die vielen Stufen hüpften, um das Glück zu suchen. Vor einigen Tagen noch wäre auch sie gern die Treppen emporgestiegen, noch vor einigen Tagen hätte sie gern im Vorzimmer einer Filmgesellschaft gewartet.

Jetzt saß sie im Arbeitszimmer von Daniel Kreß und betrachtete die Großaufnahmen der Stars, die an den Wänden hingen und immer lächelten. Lyssander ergänzte den Filmbericht von Glaß, und war nichts als ein höflicher Herr, der seine Dame unterhalten will. Mit den Filmstreifen aus der Kopieranstalt kam Daniel Kreß. Er hatte mit Dolora King eine große Auseinandersetzung gehabt, Dolora jammerte und weinte, sie war auf Marianne wütend und haßte die ganze Welt. Als Kreß mit ihr wegen der Lösung des alten Vertrages sprach und gleichzeitig andeutete, daß sie unter den gleichen Bedingungen bei Lemansky arbeiten könne, beruhigte sie sich endlich.

»Da wären wir also, Fräulein Hull,« sagte Kreß. »Die Kopie ist eben eingetroffen, und wir können uns die Bilder besehen. Darf ich bitten.«

Der Vorführungsraum war ein sogenanntes Berliner Zimmer und erstreckte sich schmal und lang. Der Vorführer legte den Streifen ein, das Licht erlosch, und auf der weißen Leinwand zeigte sich das Spiel vom heutigen Tag, die Szene zwischen Marianne und Lyssander. Sie sah sich zum erstenmal auf der weißen Wand rühren und bewegen und wußte sofort, daß diese und jene Geste noch ebenmäßiger wachsen müsse. In drei Minuten war das Spiel zu Ende, die Dunkelheit lag immer noch im Raum, die Männer sprachen kein Wort. Es war unheimlich. Als das elektrische Licht wieder brannte, begann Kreß zu sprechen.

»Wir werden Sie bei der »Lux« beschäftigen, Fräulein Hull. Unsern großen Film: »Marienklänge« stellen wir einen Monat zurück. Wir fangen mit einer kleineren Sache an. Ein Adler kommt auch klein aus seinem Ei und wird ein gewaltiger Vogel. Sagen wir: auf drei Wochen will sich die »Lux« vorerst verpflichten. Ein Film kostet viel Geld. Und einen Vorvertrag auf ein Jahr könnten wir bei Gelegenheit auch machen. Was meinen Sie, Lyssander?«

»Einverstanden,« sagte er, »nach den Bildern, die wir jetzt gesehen haben, bin ich optimistisch.«

»Ich auch,« entgegnete Kreß, »Sie entschuldigen, Fräulein Hull, ich will mich mit Lyssander besprechen. In einer Minute sind wir zurück.«

»Bitte schön, Herr Kreß.«

Lyssander nickte ihr zu, als er Kreß in das Arbeitszimmer folgte. Aus der einen Minute wurden zehn Minuten, sie wurde unruhig, der Vorführer kam aus seiner Kabine, ein eleganter junger Mensch, der berühmte Mister Fox, passierte den Raum, und als sie schon daran zweifelte, ob Kreß sich überhaupt für sie entschieden habe, erschien Lyssander. Er kam allein zurück. Kreß war schon für einen Vorvertrag auf ein ganzes Jahr, aber er war ein kluger Mensch und wollte seine Macht spüren lassen.

»Kreß läßt sich entschuldigen. Er hat mit Lemansky eine wichtige Konferenz,« erzählte Lyssander. »Kreß ist zuerst für einen Vertrag für den einen Film auf drei Wochen. Ich habe Vollmacht, mit Ihnen darüber abzuschließen. Der Vorvertrag auf ein Jahr wird während der Arbeit ausgefertigt... Das ist alles besprochen worden.«

»Wie hat Herrn Kreß die Probeaufnahme gefallen?«

»Sehr gut, Fräulein Marianne, und wenn ich Kreß wäre, hätte ich den Vertrag für das ganze Jahr schon heute abgeschlossen... Sie spielten ausgezeichnet. Sind Sie für heute frei, Marianne?«

»Ich bin für heute frei, und es soll schon so sein, wie Herr Kreß beschlossen hat. Ich freue mich, daß mein Spiel gefallen hat. Die drei Wochen sollen, wenn ich recht verstehe, eine Probezeit sein?«

»Die drei Wochen sind nur eine Formalität, Marianne. Es hängt noch Fräulein Meyer im Spiel, aber sie geht zu Lemansky. Drei Wochen nur, und dann steigt die Marianne Hull...«

»Wie eine Sonne über Deutschland auf!« vollendete sie lachend.

»Oder wie ein Frühlingsmond, in den die Verliebten starren,« sagte Lyssander.

Als sie auf der Straße waren und den Wagen bestiegen, kam die Gritt Eisenmann vorüber. Sie winkte mit der Hand, und Marianne gab die Grüße zurück. Lyssander wollte wissen, wer das kleine Mädchen war, und sie erzählte die Geschichte mit den Bildern, die Glaß abgenommen hatte.

»Darüber wollen wir dann mit unserm philosophischen Freund sprechen, er muß schon eine ganze Sammlung von Bildnissen junger Mädchen haben,« lachte der Mann.

Auf der Fahrt besprach dann Lyssander den Vertrag auf drei Wochen. Er schlug ihr vor, diese Arbeit für achthundert Mark zu übernehmen, und als sie schnell zusagte, drückte er ihr vierhundert Mark als Vorschuß in die Hand. Die schriftlichen Abmachungen sollten morgen getroffen werden. Dann erkundigte er sieh nach ihrer Wohnung. Sie erzählte von dem möblierten Zimmer bei Frau Bertholdt.

»Ein möbliertes Zimmer in Steglitz ist nichts für Sie, Kind,« sagte er, »wenn Sie erlauben, werde ich Ihnen eine Pension im Westen vermitteln.«

Sie erlaubte es.

Der Wagen hielt am Kurfürstendamm vor Kempinski. Der Portier riß die Flügeltüre auf, der Empfangsherr dienerte, die Pagen nahmen die Garderobe ab. In allen diesen Gesichtern und Gebärden war Hochachtung und Ergebenheit zu lesen. Als Lyssander durch die Reihen ging, tuschelte dieser und jener Tisch, aber er führte seine Dame in das obere Stockwerk und ließ sich an einen guten Platz geleiten. Sie setzten sich und hatten noch nicht unter den Speisen gewählt, als Glaß und Bencke erschienen.

»Darf man gratulieren zu der Probeaufnahme?« fragte Bencke und küßte die Hand des Mädchens.

»Es lebe die schwäbische Madonna!« begrüßte Glaß Marianne.

Sie nahmen Platz, und bald ging das Gespräch zwischen den erlesenen Speisen und Getränken hin und her, hoch und nieder, es wurde viel gelacht und gescherzt, die Zeit flog wie ein abgeschossener Pfeil davon. Die vier Menschen flogen mit und waren ohne Schwere. Gegen Mitternacht verabschiedete sich Marianne. Sie war fröhlich und leicht beschwipst. Lyssander wollte sie mit seinem Wagen nach Steglitz bringen, aber sie lehnte ab und sagte: Danke schön.

Immer, auch bei den Aufnahmen und dann in der Stadt bei Kreß hatte sie an Georg denken müssen. Die Gedanken waren schmerzliche und auch grausame Gedanken. Liebte sie Georg? War ihr Gefühl zu ihm Liebe oder war es nur die süße Erinnerung an die frühen Tage der Kindheit? Aber der Mond der Kindheit war in Berlin untergegangen, die Nachtigallen verstummt. Ja, Georg hatte sie an jenem Morgen getröstet und gerettet, aber wollte sie am Abend vorher nicht auch Lyssander trösten und retten? Was war das Leben mit Georg? Armut, aufgelockert durch Heiterkeit und Verständnis. Hatte er jemals um sie gekämpft und gerungen? Nein, er hatte sie gefunden und, als sei es selbstverständlich, in die Arme genommen und geküßt. Nun hatte noch der Wein ihr Hirn betäubt und war mit dem Weinen verschwistert. Als sie die stille Straße in Steglitz erreichte, stand Georg wartend vor dem Hause. Er eilte auf sie zu.

»Marianne! Marianne! Vier Stunden habe ich auf dich gewartet. Es ist bald ein Uhr!« rief er aus.

»Du hättest nicht warten brauchen,« antwortete sie und rettete sich durch Tränen. Sie schluchzte.

»Was ist denn passiert?« fragte er erschrocken und wollte sie umarmen.

»Laß mich, laß mich, rühre mich nicht mehr an – Warum spionierst du hinter mir her? Du weißt ja, daß ich heute Probeaufnahme gehabt habe.«

»Bis in die Nacht?« fragte er höhnisch.

»Ja,« sagte sie.

»Mit Lyssander?«

Sie antwortete nicht.

»Marianne,« sagte er und atmete schwer, »liebe, kleine Marianne, warum hast du früher kein Wort von dem Mann gesagt? Ich habe dich lieb, und weil ich dich liebe, habe ich auf dich gewartet. Du wolltest mir heute abend alles erzählen, ich warte immer noch darauf. Rede doch!«

Sie schwieg immer noch.

»Höre mich an, Marianne, laß mich reden. Reinacker hat mir erzählt, daß die King weggeht. Lyssander hat die King groß gemacht und wieder verstoßen. Er hat es mit der Kitty so gemacht, die sich das Leben genommen hat. Weißt du das alles, Marianne? Und jetzt ist die Marianne Hull an der Reihe. Das ist alles eine Sippschaft, der Lyssander und der Hondt. Hörst du mich, Marianne?«

»Ich höre dich, aber nun ist es zu spät!«

»Zu spät? Was ist zu spät?«

»Deine Geschichten, wir müssen uns trennen, Georg!«

»Bist du wahnsinnig?« fragte er entsetzt. »Wir müssen uns trennen, sagst du? Warum müssen wir uns trennen? Was ist passiert?«

»Ich will eine große Künstlerin werden.«

»Das wirst du ja, das wirst du ja. Und deshalb sollen wir uns trennen? Das ist lächerlich. Du hast eine Probeaufnahme gehabt. Erzähle, wie war das Spiel?« lenkte er ab. Sie ließ sich auch einen Augenblick ablenken und erzählte:

»Herr Kreß war ganz zufrieden, und ich soll in einem kleinen Film auftreten...« aber plötzlich war sie aller Fragen und Antworten müde. Sie riß sich zusammen, und nun sprach nicht das kleine Mädchen mehr aus ihr, das Georg gekannt und geliebt hatte, eine junge Frau zwischen den Mahlsteinen des Schicksals nahm das Wort und erzählte ihre Erlebnisse in Berlin. Da kam Herr Hondt vor, der auf der Reise schon sein Angebot machte, dann trat Lyssander auf und nahm sie mit ins Hotel, sie erzählte alles und vergaß auch nicht die halbwüchsigen Mädchen, die sich den Regisseuren anboten, sie erzählte von der »Schönen« und von Nastja und ihren Kampf mit Flora, sie beschrieb die Filmcafés mit so grauenvoller Klarheit, das man meinen konnte, eine sechzig jährige Frau berichte und nicht ein achtzehnjähriges Mädchen. Dann erklärte sie, sie habe genug von der Liebe gesehen und gehört, sie habe nur ein Ziel, und das sei: eine große Schauspielerin und Künstlerin zu werden. Sie wolle endlich heraus aus der Armut, der Weg zum Licht sei schwer und schmal und könne nur von einem einzelnen Menschen begangen werden. Und Lyssander sei gar nicht der Schuft, wie er in aller Leute Mund sei, Lyssander sei ein freundlicher und höflicher Herr. Die Kitty lebe noch, und die Dolora King sei bei Lemansky beschäftigt. Nur er, Georg, sei ein Mann ohne Einsicht. Jetzt habe sie ihr Herz erleichtert und frage, ob er alles verstehen und verzeihen könne, vorausgesetzt, daß überhaupt eine Verzeihung notwendig sei.

Georg verstand und verzieh nichts. Er raste, als er die Geschichte der ersten Begegnung mit Lyssander erfuhr, er knirschte mit den Zähnen und drohte mit Totschlag. Über Hondt war er nicht so aufgeregt, er sagte nur: »So ein Hund«. Dann verfluchte und pries er den Tag ihrer Begegnung in einem Atemzug. Er lachte und wollte sie küssen, aber sie ließ sich nicht küssen.

Sie hörte mit starrem Puppengesicht alle Bitten und Verschwörungen und auch alle Flüche an. Ihr Herz war versteinert.

»Es ist alles umsonst, Georg,« sagte sie »es ist alles aus und umsonst. Wir müssen uns trennen, wir müssen uns trennen.«

Nun wurde Georg ganz kühl.

Er verstummte und blickte Marianne groß an. Er sah in ein wächsernes und vollkommen fremdes Gesicht. Die Augen waren weit aufgerissen, der weiche Mund des Mädchens schien plötzlich lasterhaft zu sein. Und dieses Geschöpf hatte er einmal geliebt? Bis vor einer Minute geliebt? Da wäre er noch für sie gestorben, wenn sein Tod ihr Leben bedeutet hätte. Sein Zirkusblut rebellierte. War er denn immer nur ein Clown, im Film und in der Wirklichkeit? Und als er mit seinen Gedanken so weit war, verwandelte sich die Liebe in Haß, und er schlug mit der Hand in das fremde wächserne Gesicht.

Marianne schrie.

Er aber rannte davon, wie sie damals davongelaufen war, als sie Lyssander ins Gesicht geschlagen hatte.

Einen Augenblick stand sie wie betäubt. Der heftige Schlag brannte wie Feuer. Aber dann lief sie Georg nach und schrie und schrie. Aber er raste davon, als sei er auf der Flucht vor einer Aussätzigen. Er stöhnte. Und mit jedem Satz wuchs seine Liebe zu dem Mädchen. Und als die Liebe immer größer und unerträgliche Last wurde, die ihn beinahe zermalmte, da blieb er stehen. Und da war es schon zu spät. Marianne war verschwunden. Dann irrte er bis in die frühen Morgenstunden durch die schlafende Stadt und war todunglücklich.

Auch Marianne war todunglücklich, das Blut sprach zu ihr und nicht das Gehirn. Dann aber erinnerte sie sich des Schlages, und in dieser Erinnerung triumphierte das Hirn. Jetzt konnte sie ohne Bedenken ihren Weg gehen. All das dachte sie am frühen Morgen, und dann klingelte das Telephon. Lyssander meldete sich. Er sagte, daß er in der Uhlandstraße eine ruhige Pension für sie ausfindig gemacht habe und nun bitte er sehr, sie solle heute gegen elf Uhr mit ihren Sachen nach der Pension kommen. Ja, Uhlandstraße 69, und wenn Sie es wünsche, wolle er gern mit seinem Wagen vorbeikommen und sie abholen. Sie wünsche es nicht? Das sei bedauerlich, aber er würde sich die Freiheit nehmen, gegen Mittag in der Uhlandstraße vorzusprechen. Dann hängte er ab.

»Was ist passiert?« fragte Frau Bertholdt, die einen Teil des Gesprächs gehört hatte, »Guten Morgen, was ist passiert? Der Georg war gestern Abend hier und hat bis 11 Uhr auf Sie gewartet. Warum kamen Sie so spät? Wir hatten große Angst. Haben Sie den Georg noch gesehen?«

»Ich habe ihn noch gesehen, aber wir haben uns verzankt. Es ist aus zwischen uns. Er hat mich geschlagen. Gestern hatte ich Probeaufnahme und kam deshalb so spät, ich freute mich so, als ich heimkam, und da steht der Georg an der Türe und schlägt mich... Ich kann auch bei Ihnen nicht mehr bleiben, Frau Bertholdt, ich kann nicht, ich nehme mir ein Zimmer in der Stadt.«

»Aber Kind, aber Kindchen! Es wird schon alles wieder gut werden mit dem Georg. Er ist ein wilder Bursche und weiß manchmal nicht, was er tut. Bleiben Sie bei uns und versöhnen Sie sich mit dem Georg.«

»Nein, nein, er hat mich geschlagen,« antwortete sie und klammerte sich an den Schlag wie an einen Rettungsring, »nein, nein, er hat mich geschlagen, und ich kann auch bei Ihnen nicht mehr bleiben. Und ich danke auch schön für alles Gute, Frau Bertholdt.«

»Ich brauche keinen Dank. Ich habe alles nur wegen Georg getan. Und mit Ketten und Stricken kann und will ich Sie nicht anbinden, aber das weiß ich, daß Sie noch einmal gern an das kleine Stübchen in Steglitz und auch an mich zurückdenken werden.«

Marianne weinte.

»Weinen Sie nicht, Marianne,« tröstete die Frau, »weinen Sie nicht, Kind, das tut den Augen nicht gut. Georg wird noch heute um Verzeihung bitten, und dann wird alles wieder gut.«

»Es wird niemals wieder gut, er hat mich geschlagen, er hat mich geschlagen,« beharrte sie.

Nun wurde Frau Bertholdt wütend.

»Dummes Ding,« sagte sie, »Sie haben viel zu wenig Schläge bekommen. Weinen Sie nur, Sie schlechte Schauspielerin, mir können Sie nichts vormachen. Das sind doch nur Krokodilstränen. Ich habe schon gut gehört, mit wem Sie telephoniert haben. Der Georg ist Ihnen eben nicht mehr gut genug. Aber er wird froh sein, wenn er Sie nicht mehr sieht... Und jetzt bestehe ich darauf, Fräulein Hull, daß Sie mein Haus so schnell als nur möglich verlassen.«

Marianne ging und packte ihren Koffer.

Auf den Tisch legte sie einen Briefumschlag mit fünfzig Mark, der die Schuld für die Unterkunft abtragen sollte. Dann nahm sie den kleinen Koffer und ging grußlos davon. Als sie auf der Straße stand, hörte sie ihren Namen. Frau Bertholdt blickte aus dem Fenster.

»Fräulein, Sie haben was vergessen!« rief sie und warf den Briefumschlag mit dem Geld aus dem Fenster. Das Papier flatterte über den Vorgarten und blieb dann am Eisengitter hängen. Frau Bertholdt schlug das Fenster zu. Marianne ging weiter. Sie weinte nun richtige Tränen. Liebte sie Georg immer noch? Sie wußte es nicht. Haßte sie ihn? Nein, sie haßte ihn nicht. Er tat ihr nur leid. Schwermut kam über sie, aber mitten in der Schwermut war Licht. Sie sah sich selbst im Licht der Jupiterlampen und Quecksilbersäulen stehen, bleich und mit weißem maskenhaften Gesicht.

Das Kuvert mit den fünfzig Mark klebte einige Stunden an jenem Vorgitter, dann kam der Wind und trieb es auf die Straße. Dort blieb es bis zum Abend liegen. Wagen rollten darüber hin. In der Nacht regnete es. Am frühen Morgen aber klaubte es ein Straßenkehrer aus dem Dreck. Zu Mittag begoß er mit einigen Kollegen seinen Fund. Am Abend brachte er seiner Frau Stoff zu einem Sommerkleid und für seinen siebenjährigen Sohn ein Buch vom Doktor Doolittle mit, dem berühmten Weltreisenden und Tierfreund, der die Tiersprache versteht. Mit dem übriggebliebenen Geld machte die Familie am nächsten Sonntag eine kleine Reise nach dem Spreewald. Frösche quakten und schnappten nach den Mücken. Störche klapperten und stachen nach den Fröschen.

Von dem Weg dieser Banknote wußte Marianne nichts. Sie fuhr nach dem Westen und deponierte im Bahnhof Zoo ihren Koffer. Dann bummelte sie den Kurfürstendamm hinunter bis zur Uhlandstraße. Sie fand die Pension und quartierte sich ein. Es waren zwei Zimmer für sie belegt worden, ein schönes Schlafzimmer mit Bad und Morgensonne und ein hübsches Wohnzimmer, in dem blaue Tapeten mit silbernen Kranichen von den Wänden blickten. Gegen Mittag erschien Lyssander und war höflich und besorgt wie immer. Er brachte Blumen mit und erzählte, daß in den nächsten Tagen schon mit der Aufnahme des Films begonnen werden sollte.

»Wir drehen diesmal in der Stadt, Marianne,« sagte er, »und wir haben eine hübsche Rolle für Sie herausgesucht.«

»Danke schön, Herr Lyssander und ich freue mich sehr.«

Dann stand sie auf und küßte ihn.

Der Kuß kam ganz unvermittelt und wurde für mehr genommen, als er eigentlich sagen wollte. Lyssander, der Frauenheld und Mädcheneroberer, war beglückt, und sie erlaubte, daß er sie wieder küßte. Und mitten in seinem Kuß dachte sie daran, wie gut es sei, in der Stadt zu filmen, da ließe sich eine Zusammenkunft mit Georg leicht vermeiden.

Am gleichen Tag noch wurde sie durch verschiedene Warenhäuser und Modesalons geführt und kam als elegante, junge Dame in die Pension zurück. Der kleine Koffer am Bahnhof wurde durch drei große Lederkoffer ersetzt. Und am Abend saßen sie im Kabarett der Komiker, waren sehr lustig, und als dann Glaß kam und inmitten großer Garderoben seine philosophischen Randbemerkungen machte und das Lob der Armut sang, ohne selbst arm zu sein und Not zu leiden, da lachte Marianne Hull. Sie hatte genug von der Armut. Sie hörte einen Ruf.

Bald darauf begann die Arbeit.

Der neue Film, der gedreht wurde, war die Geschichte eines Schmierenschauspielers, der mit seiner Tochter arm und verlassen über die Straße wandert und ein Perlenkollier findet. Das Glück lächelt, und einige Meter weiter findet die Tochter eine Brieftasche mit einem Tausendmarkschein. Das Geld und den Schmuck hat der Graf Allasch verloren. Die Hungernden und Armen wandern weiter und kommen in ein Dorfgasthaus. Dort bestellen sie zu essen und zu trinken und fallen wie hungrige Wölfe über die Mahlzeiten her. Sie wollen mit dem Tausendmarkschein bezahlen, aber das ist verdächtig, der Wirt ruft die Polizei. Der Polizist kommt in der Phantasieuniform eines utopischen Staates, denn nur dort darf die Polizei saudumm sein, sie werden verhaftet und eingesperrt, brechen aber aus und kommen in ein Modebad. Dort steigen sie im vornehmsten Hotel ab. Der alte Schauspieler wird mit einem schon angemeldeten Gast, eben dem Grafen Allasch, verwechselt. Sie führen das Spiel elegant und herzklopfend durch, bis der richtige Graf kommt. Der findet Geschmack an dem jungen Mädchen und dem Theater, er ist selbst der Intendant eines Theaters, und der alte Schauspieler gesteht endlich die ganze Geschichte ein. Er gibt Geld und Schmuck zurück, aber der Graf hat sich in die junge Tochter verliebt, der Vater bekommt ein neues Engagement, die Tochter einen Mann, den Grafen Allasch, und mit diesem guten Ende wird die Gerechtigkeit und das Gleichgewicht auf Erden wieder hergestellt.

Dieser Film war nicht dümmer als sonst viele deutsche Filme, die aus billigen Situationsspäßen bestehen, voll rührender Einfalt und zum Weinen langweilig sind, wenn sie amerikanische Vorbilder nachahmen. Den Grafen spielte Lyssander. Er stellte ihn als menschliche Figur in das Spiel, die sich selbst über den Titel amüsiert und als strahlender, doch liebenswerter Trottel den Lebenslauf des kleinen Mädchens zum guten Ende führt.

Bernhard Glaß, der das Manuskript geschrieben hatte, war der pathetische, hungernde Vater, der seine Tochter gern hingibt, zumal das Standesamt eine junge Liebe legalisiert. Die Tochter, das süße, freche Geschöpf, war Marianne.

Einmal kamen Presseleute. Marianne wurde ihnen vorgestellt. Am nächsten Morgen las sie unter der bekannten Schlagzeile: Was wir im Glashaus sahen... eine hübsche Notiz, die sich mit Lyssander, Glaß und auch ein wenig mit ihr beschäftigte, Sie war als Partnerin des großen Lyssander erwähnt, und der junge Mensch, der die Notiz geschrieben hatte, fand sie »reizend«. Aber sie war mehr als nur reizend. Sie war ehrgeizig und begabt.

Zuerst gab sie sich als das unschuldige Gretchen, das mit dem alten Herrn Papa verlassen durch die weite Welt wandert. Sehr gut war das Bild, als sie den Vater durch ihren Fund, durch den Fund der Brieftasche mit dem Tausendmarkschein übertrumpfte. Sie legte dann auch den Schmuck an und spiegelte sich eitel im klaren Spiegel eines kleinen Gewässers. Sie war wie umgewandelt und die Triebkraft, die aus dem Gefängnis in das vornehme Hotel führte. Und als der richtige Graf kam, gab sie sich mit der Unschuld einer jungen Tigerkatze und zeigte ihre Schönheit und ihre Krallen. Zur rechten Zeit, als Graf Allasch um ihre Hand bat, wurde sie wieder scheu und schamhaft, kurzum: sie spielte ein glänzendes Spiel.

Mitten in den Aufnahmen hatte sie manchmal Angst, ob sie die Probe auch bestehen würde. Sie wurde dann unsicher, aber nur dann, wenn im Spiel Unsicherheit dargestellt werden mußte. Und wenn Daniel Kreß beim Spiel anwesend war, geizte sie durchaus nicht mit den ihr angeborenen Reizen und war so begehrenswert, daß auch der skeptische Jude Stielaugen machte.

»Eine schöne Madonna haben Sie ins Haus gebracht, Lyssander,« äußerte sich einmal Kreß, »die Kleine ist ja ein Luder, aber ein begabtes Luder. Ich bin bereit, mit ihr sofort den Vertrag auf ein Jahr zu machen. Sie ist Zucker.«

»Lassen wir erst den Film zu Ende sein, Kreß, hören wir, was die Verleiher sagen. Wir brauchen uns nicht überstürzen.«

»Wieso? Haben Sie schon wieder einen neuen Star entdeckt? Die Hull nehme ich auf meine Kappe und auf meine grauen Haare, wenn Sie nicht wollen, Lyssander. Sie ist Zucker, prima Zucker!«

»Nein, ich habe keinen neuen Star, Kreß, aber ich bitte, doch noch eine Woche zu warten. Wir wollen die Kleine nicht mitten im Spiel durch den Vertrag verwirren.«

»Na schön, eine Woche warte ich noch, denn unterschreibe ich. Wenigstens auf ein Jahr. Was die Verleiher sagen, weiß ich schon. Bringen Sie uns, Herr Kreß, werden sie sagen, noch mehr Filme mit der Hull, bringen Sie uns neue Bilder, sie sind ein gutes Geschäft. Und das unterschreibe ich blind.«

»Ich auch. Sie spielt fabelhaft. Aber mit dem Vertrag wollen wir doch noch etwas warten.«

Kreß verstand plötzlich.

»Viel Glück, Lyssander, Sie haben es gut,« sagte er und schob langsam ab.

Die Aufnahmen näherten sich dem Ende.

Über gelegentliche Küsse war Lyssander bei Marianne noch nicht hinausgekommen. Er wollte in jenen Tagen auch nicht mehr haben. Er war der gute Freund und besorgte Ratgeber. Er half ihr beim Spiel, wo er nur konnte. Nach den Aufnahmen führte er sie oft in seinem Wagen spazieren, in den Grunewald, nach dem Spreewald, nach der Märkischen Schweiz, und an einem Sonntag zeigte er ihr sogar die Ostsee. An einem spielfreien Tag reisten sie nach Dresden. Er gewöhnte sie systematisch an das gute, angenehme Leben, und sie paßte sich schnell und leicht an. Er zögerte auch nicht, ihr das Glanzbild eines großen Stars in den leuchtendsten Farben auszumalen, und gab ihr auch ohne Worte zu verstehen, daß es in seiner Macht läge, einen Star aus ihr zu machen. Marianne wußte das sehr gut ohne viele Worte.

Und dann kamen die letzten Aufnahmestunden: die allerletzte Szene wurde gedreht. Im hellen Lichte des Glücks lächelte Marianne über die Schultern des Grafen selig und verklärt in das Publikum. Dann pfiff Bencke ab und dieser letzte Pfiff löschte alle Lampen, ließ die Musik verstummen, die Lichtwagen und Dekorationen beiseiteschieben. Die Komparsen wurden entlassen, die Schauspieler schminkten sich ab; der Film: »Maria und das Glück« war fertig.

Nichts blieb als das leere Atelier und die Trümmerhaufen der Dekorationen, ein Chaos, in dem aber schon die Grundrisse neuer Pläne enthalten waren. Dann saßen Lyssander und Bencke eine Woche über den Bildstreifen und schnitten und montierten die Szenen. Bald darauf kamen die Herren Verleiher nach der Friedrichstraße und besahen sich die Bilder. Sie waren entzückt und machten ihre Abschlüsse. Es war schon so, wie Daniel Kreß prophezeit hatte: die Marianne Hüll würde den Leuten gefallen, sie würde ein guter Schlager sein.

Auch Kreß war sehr zufrieden. Er hatte sich in seinen Kalkulationen nicht verrechnet, am Tage nach der Berliner Uraufführung wollte er seinen Vertrag mit dem Mädchen abschließen. Ihr Vater, der Briefträger Eugen Hull, war nach Berlin eingeladen worden, Marianne brauchte ja noch seine Unterschrift, es würde alles gut gehen. Auch Lyssander wußte von dem angesagten Besuch. Er rüstete sich zum großen, entscheidenden Schlag. Glaß lächelte tragisch. An die Gritt Eisemann hatte er geschrieben und mitgeteilt, daß sie bei dem nächsten Film eine kleine Rolle haben solle.

Dann kam der Abend der Premiere.

Das Theater lag am Kurfürstendamm und war ein Prunkraum in Gold und Grün. Unter den eingeladenen Gästen waren viele Leute vom Film. Wenn ein bekannter Star seine Loge betrat, spielte die Musik einen Tusch, und die Scheinwerfer schleuderten Licht. Glaß hatte eine sehr geschickte Reklame aufgezogen, sie sang schon einige Tage ihre Hymnen auf Marianne. Und als Marianne mit Lyssander, Kreß, Bencke und Glaß ihre Loge betrat, verzehnfachte sich das Licht der Scheinwerfer, die Musik wurde brausender, viele Augen richteten sich auf die Loge. Leiser Beifall klatschte hier und da. Unter den Gästen befand sich auch Dolora mit Lemansky. Sie lächelte zärtlich nach der Loge, in der Marianne saß. Marianne lächelte zärtlich zurück. – Für den Film war eine eigene Musik geschrieben worden, und ein jüngerer Herr, der in musikalischer und lyrischer Konfektion machte, hatte einen Extraschlager verfertigt und in Musik gesetzt. Dieser Schlager, auf weißes Bütten gedruckt, wurde durch aufmerksame Boys verteilt. Kreß wußte schon, wie eine Sache aufzuziehen war. Der Schlager bestimmte auch das Leitmotiv der Musik und hieß:

Maria

Maria ging die Straße hin,
Das große Glück lag ihr im Sinn,
Maria unter Steinen
War arm und mußte weinen. Refrain: Und wenn Maria weinet sehr,
Da kommt das große Glück daher, Ein Gentleman, ein heißer Blick, Maria weiß das ist das Glück! Maria, Maria, Das große Glück, Maria!
Maria geht nicht mehr zu Fuß,
Die ganze Welt entbietet Gruß,
Maria lächelt wieder

Und singt das Lied der Lieder: Refrain:

Und wenn Maria weinet sehr,
Da kommt das große Glück daher,
Ein Gentleman, ein heißer Blick,
Maria weiß das ist das Glück!
Maria, Maria,
Das große Glück, Maria!

Diesen Schlager bekam auch Georg in die Hand gedrückt, der mit Reinacker die Premiere besuchte. Er saß ganz vorn in den ersten Parkettreihen, und als er Marianne in der Loge mit Kreß und Lyssander sah, bebte sein Herz in Haß und Liebe. Aber das Mädchen bemerkte ihn nicht, sie saß schön und starr wie eine Puppe da und lächelte und lächelte. Sie hatte Angst und Lampenfieber, sie sah in viele Gesichter, sie suchte das Gesicht ihres Vaters. Wie würde er das Abenteuer eines Lichtspieles bestehen? Aber der Vater war an diesem Abend noch nicht gekommen. Dann begann die Musik aufzubrausen, ein schönes Vorspiel begann, das mit melodischem Träumen die Menschen betrog und sie in die schwarzweiße Landschaft des Filmes einführte. Als sich die ersten Bilder zeigten: Marianne geht mit Glaß einsam und verlassen über eine versteinerte Straße, da begann der Schlager von Maria und ihrem großen Glück. Die alten Träume waren tot, ein neuer Traum kam mit weiten und feurigen Flügelschlägen, der Traum der kleinen Mädchen von heute: aufzusteigen und den kreiselnden Maschinen der Tiefe zu entgehen.

Schon hier setzte der erste Beifall ein. Die Claque begann zu arbeiten und riß einen Teil der Gäste mit. Nach der Loge mit Marianne richtete sich wieder das Blickfeuer der Neugierigen. Kreß saß wie ein alter, alleswissender Chinesengott da. In seinem Gesicht war ein Lächeln, das ebensogut Freude wie Haß oder Verachtung sein konnte. Bencke begrüßte von der Loge aus einige Regisseure, Bernhard Glaß machte seine Randbemerkungen, Lyssander strahlte. Marianne: das war sein Werk. Sie lächelte immer noch, aber die Starrheit hatte sieh gelöst, und sie hatte keine Angst mehr. In der großen Pause, die zugleich Empfang und Parade war, kamen unter vielen anderen Besuchern auch Dolora King und Lemansky.

»Fabelhaft, liebe Marianne,« sagte Dolora. »Fabelhaft. Ich gratuliere zu dem großen Erfolg.« Dann summte sie einige Takte des neuen Schlages: »Ist das Liedchen nicht entzückend? Ich rufe morgen an, Liebste, und werde mir erlauben, Sie recht bald zu besuchen.«

»Gnädigste haben großen Erfolg, darf ich gratulieren?« begann Lemansky und ahnte endlich die Zusammenhänge, warum Kreß die Dolora so schnell abgetreten hatte. »Ein großer Erfolg, Gnädigste!« Er beugte sich zu Kreß und sagte leise: »Wir müssen uns bald einmal sprechen, Kreß. Sie haben ja unerhörtes Glück gehabt. Ich bin morgen im Filmklub.

»Bitte sehr, Lemansky, also auf morgen Abend. Ja, es ist ein Erfolg,« antwortete er und hob die Stimme, »wem habe ich das zu verdanken? Fräulein Hull, Herrn Lyssander, Herrn Bencke und unsern Freund Glaß darf man auch nicht vergessen.«

»Die Verleiher reißen Ihnen den Film aus den Händen, Kreß,« begann Lemansky vom neuen.

»So schlimm ist es nicht, aber ich habe gute Abschlüsse erzielt,« gab Kreß zu.

Dann kamen andre Besucher und wollten vorgestellt sein und sagten Artigkeiten. Marianne empfing sie alle und lächelte und schüttelte viele Hände. Sie sah sehr schön aus und trug ein Kleid aus meergrüner Seide mit Brüsseler Spitzen, die wie die leichte Brandung eines kleinen Gewässers anzusehen war. Und dann verlöschten die Lampen. Die Besucher entfernten sich.

Die Musik begann wieder zu spielen, und die letzten Bilder rollten sich auf der Leinwand ab. Mitten im Spiel wurden Blumen vor die Bühne getragen, viele Blumen kamen auch in die Loge. Schwellende Gärten waren an dem Tag für die eine Stunde Licht der Marianne Hull geplündert worden, eine berauschende Orgie von Glanz, Duft und Farbe. Als das Spiel zu Ende war, als der Schlager von Maria und ihrem Glück aufdröhnte, sangen die Gäste mit. Dann mußte sich Marianne von der Loge, und als sich der Beifall nicht legen wollte, von der Bühne aus vielemal zeigen. Sie zeigte sich gern, und als sie an der Rampe stand, entdeckte sie auch Georg. Sie sah seine großen Augen, sie sah seinen schmerzhaften Mund und durfte doch nicht fliehen.

Das Theater leerte sich langsam. Die Herren von der Presse wollten Auskünfte, sie bekamen die Auskünfte, dann verließ auch Marianne mit ihren Begleitern das Theater. Vor dem Eingang aber stand immer noch eine Menschenmauer, die in Beifall zersplitterte, als sich die Schauspielerin zeigte. Die Männer bahnten einen Weg durch die laute Begeisterung und gingen zu ihrem Wagen. Plötzlich drängte sich ein junger Mensch vor und riß die Wagentür auf. Dann stürzte er sich auf Marianne zu, faßte ihren Arm und schrie:

»Marianne! Marianne!«

Es war Georg.

Sie schrak zusammen, aber schon kam Lyssander und drängte den jungen Menschen beiseite. Kreß half dem Mädchen galant in den Wagen, zwei drei Leute lachten. Dann fuhr das Auto leicht an und entschwand.

»Was war das für ein junger Kerl?« fragte Lyssander.

»Ich weiß es nicht, ich habe ihn nie gesehen. Vielleicht war es ein Wahnsinniger,« antwortete sie. Ihr Herz hämmerte.

Lyssander vergaß den Vorfall. Er war glücklich. Die Premiere war ein großer Erfolg. Da saß nun die kleine Marianne, und er dachte an seine erste Begegnung, an ihre Schönheit und an ihre Flucht. Er lächelte. Jetzt würde sie nicht mehr entfliehen.

Der Wagen hielt vor einem Weinrestaurant.

Kreß hatte sie zu einem kleinen Bankett eingeladen. Der Sieg sollte gefeiert werden. Marianne sollte gefeiert werden. An jenem späten Abend wurde viele Reden und viele Trinksprüche gewechselt, und fast alle Reden und Trinksprüche waren Lobgesänge auf Marianne und Lyssander.

»Herrschaften,« sagte Kreß, hob sein Glas und trank Marianne und Lyssander zu, die wie ein Brautpaar an der blumengeschmückten Tafel saßen, »Herrschaften, es lebe der Film, es lebe das Leben!«

Lyssander hob sein Glas. »Es lebe Marianne Hull!«

Die Gläser stießen zusammen und klirrten.

In der dritten Morgenstunde löste sich die Gesellschaft auf. Glaß war betrunken und hielt eine asketische Rede über die Einfachheit des Lebens, Kreß sah nichts als Marianne, die mit Lyssander im Auto davonfuhr. Nur Bencke war kühl und nüchtern.

Lyssander fuhr in die dämmernde Dunkelheit, in der Mädchen gab sich seinen Küssen willig hin. Jetzt war man schon das Licht der Frühe ahnen konnte. Das die Stunde da. Jetzt mußte sie ihren Kaufpreis bezahlen.

Sie hielten vor der Pension.

Leise und behutsam gingen sie in die Zimmer, aber als das Licht angedreht wurde, sahen sie, daß sie nicht allein waren. In einem tiefen Sessel saß ein Mann und schlief. Es war Mariannes Vater, der in der Nacht nach Berlin gekommen war und nun auf seine Tochter wartete. Er erwachte plötzlich, blinzelte in das weiße, gedämpfte Licht und sprang plötzlich auf:

»Marianne, Marianne, mein Kind!«

Lyssander zuckte zusammen. »Marianne, Marianne!« das hatte er heute abend schon einmal gehört. Aber dann hörte er neue Worte. Das Mädchen flog in die Arme des Mannes und schluchzte:

»Vater! Vater! Lieber, lieber Vater!«

Als die Begrüßung und die Zärtlichkeit nicht enden wollten, räusperte sich der Schauspieler, und als der Mann aufsah, nannte er seinen Namen. Hull löste sich langsam von seiner Tochter und kam näher. Er schüttelte Lyssanders Hand und sagte herzlich:

»Marianne hat mir schon viel von Ihnen geschrieben. Ich freue mich und danke Ihnen, daß Sie dem Kindle geholfen haben.«

»Aus Freundschaft, Herr Hull, aus Freundschaft!« antwortete Lyssander, verbeugte sich und ging wütend davon.

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