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Aufstieg der Begabten

Max Barthel: Aufstieg der Begabten - Kapitel 4
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pfad/barthel/aufstieg/aufstieg.xml
typefiction
authorMax Barthel
titleAufstieg der Begabten
publisherDER BÜCHERKREIS
year1929
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderAlexander Barthel
created20111110
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DER KAMPF IM LICHT

Der Mann mit dem maskenhaften Gesicht, den Marianne im Tiergarten und dann später im Bahnhof gesehen hatte, hieß Bernhard Glaß und war am hellen Tag gar nicht so geheimnisvoll. Er kannte die ganze Welt, die ganze Welt kannte ihn, mit den Filmmenschen war er sehr befreundet und schrieb ausgezeichnete Manuskripte. Seine pathetische Sprache wurde am Tage ganz glatt, nur manchmal überschlug sie sich und machte Purzelbäume. Glaß war ein Mann voller Ideen. Auch mit Lyssander war er gut bekannt und mit Kreß sogar befreundet. Sie waren im gleichen Alter und duzten sich.

Mit diesem Glaß und dem Generaldirektor Kreß von der »Lux-Film A.-G.« fuhr an einem strahlenden Morgen Lyssander zur Aufnahme in das Atelier. Das Auto huschte durch die Stadt, rollte die Heerstraße hinunter, aus den gelichteten Wäldern schimmerten weiße Villen, die Welt war schön, und die drei Männer im Auto führten Männergespräche.

»Sie haben sich mit Dolora verzankt?« fragte Kreß. Lyssander nickte.

»Es ist nicht gut, es ist auch nicht klug, mitten in der Aufnahme mit Familiengeschichten zu kommen,« sagte Kreß weiter.

»Weiß ich,« knurrte Lyssander, »aber es ist auch nicht gut, einen schlechten Film herauszubringen. Und unsre Dolora läßt sehr nach. Dafür ist sie wieder größenwahnsinnig geworden. Bei ihr ist alles Routine. Nicht so viel Gefühl!« Dabei schnipste er mit den Fingern. »Sie wird zu bequem, die gnädige Frau Dolora.«

»Das haben Sie bei der Kitty im vorigen Jahr auch gesagt, Lyssander, als Dolora auftauchte,« spottete Glaß. »Ist die Liebe schon wieder zur Pflicht geworden? Es gehört unerhört viel Gefühl dazu, routiniert zu sein. Dolora ist erotisch sehr begabt, sie ist von jener glatten Schönheit und blassen Kühle, die immer reizt, weil sie oft mit Unschuld verwechselt wird.«

Kreß lächelte nachlässig.

Lyssander lächelte nicht.

»Wem sagen Sie das, Meister?« fragte er nur. »Bei unserm letzten Film ist sie schon abgefallen. Aber fragen Sie Kreß, die Dolorafilme gehen immer noch gut. Natürlich fällt Glanz der Kritik auch auf mein schuldiges Haupt. »Triumph der Liebe« ist der Schlager der Saison.«

»Saison und Unzucht sind die Geschwister einer Technik,« bemerkte Glaß, und nach einer kleinen Kunstpause sagte er: »Das ist wie tätowierte Nacktheit, lieber Freund!«

Kreß notierte sich: Tätowierte Nacktheit. Er lächelte wohlwollend. Glaß war ein glänzender Komödiant, aus seinen bizarren Einfällen ließ sich Geld machen. Und Kreß machte Geld. Er hieß eigentlich gar nicht Kreß. Als er vor zwanzig Jahren nach Berlin kam, trug er einen furchtbaren Namen, der noch viele Kilometer unter Samuel Treppengeländer lag. Den Glaß hatte er vor dreißig Jahren auf einer kleinen Schmiere in Galizien kennengelernt. Als Kreß vor acht Jahren in den Film stieg – liquidierte er vorher mit gutem Erfolg Heeresbestände und machte sich dabei so verdient, daß er über einen neuen Namen und ein beträchtliches Bankkonto verfügen konnte. In seinen ganz jungen Jahren war er auch politisch interessiert gewesen, hatte im »Bund« für ein sozialistisches Palästina geschwärmt, der kleine verzückte Jude kämpfte auch 1905 in Odessa mit den Arbeitern auf den Barrikaden, aber das war nun alles schon lange vorbei. Manchmal las er Marx, Lassalle oder Trotzki, ebenso leidenschaftlich verfolgte er die Familiengeschichte der Rothschilds und den Aufstieg Disraelis, er verehrte die großen Führer seines Volkes, ob sie nun den Umsturz predigten oder die Gegenwart verteidigten. Und nun war der kleine Jude ein großer Jude geworden, hatte seinen Namen gewechselt, bewohnte eine Villa am Tiergarten, war an der chemischen Industrie und in den letzten Jahren hauptsächlich am Film interessiert.

»Lassen wir Dolora auf ihre Art glücklich werden,« sagte er endlich, »solange ihre Filme mit Lyssander gut gehen, ist sie uns wert und teuer. Aber sie darf uns nicht zu teuer werden... Liebschaften gehören nicht in den Film, Lyssander,« sagte er tadelnd und die beiden Männer lächelten dabei, denn Kreß war gerade bei einem neuen Star sehr engagiert, »Liebe zum Privatgebrauch gehört nicht zum Film. Und da wir gerade schon von der Liebe sprechen: die richtige Liebe kann man nur bei der Kurtisane bekommen. Die ist darauf gelernt... Wie lange läuft der Vertrag noch mit der Dolora?« fragte er dann und beantwortete die Frage selbst: »Ich weiß schon, vier Monate. Sollen wir den Vertrag verlängern, Lyssander?«

»Vielleicht, vielleicht auch nicht,« sagte Lyssander. Er schwieg eine Sekunde und sagte: »Vielleicht verlängern wir doch nicht, Herr Direktor...«

»Warum nicht? Haben Sie schon neuen Ersatz?«

»Vielleicht, vielleicht auch nicht,« meinte Lyssander. »Aber wenn es gut geht, bringe ich eine Madonna ins Geschäft.«

Kreß horchte auf. Von künstlerischen Dingen verstand er wenig. Da ließ er Lyssander freie Hand. Die Hand war bis jetzt immer glücklich gewesen. Eine Madonna, warum nicht?

»Madonna ist gut,« sagte er dann, »die Wiener Serie läuft noch und ist ein gutes Geschäft. Haben Sie sich schon den nächsten Film überlegt, Lyssander? Hat der Glaß schon Vorschläge gemacht?«

»Nein,« sagte Lyssander.

Glaß hatte gut zugehört. Madonna, dachte auch er, Madonna wäre nicht übel. Lyssander hat Geschmack. Die Wiener Serie läuft noch. Plötzlich zuckte er zusammen. Die neue Filmidee war geboren.

»Ich hab's,« sagte er triumphierend, »wir machen einen Film: Marienklänge von Strauß, nach dem Walzer von Strauß. Ich werde mit Lyssander das Drehbuch schreiben. Den Strauß spiele ich. Abgemacht, Kreß?«

»Wir wollen erst sehen, wie die Madonna ist,« antwortete er diplomatisch und fragte: »Wie heißt sie denn?«

»Marianne,« sagte Lyssander. Und als die beiden Männer noch mehr wissen wollten, hüllte er sich in Schweigen.

Der Wagen hatte das freie Land erreicht. Im Sommerdunst verdämmerte Spandau. Auf den Feldern wogte das Korn. Die Wiesen blühten. Ferne Wälder blauten. Schon stieg aus dem Dunst und Licht die große Luftschiffhalle der früheren Zeppelinwerft empor. Die kleine Halle, in der hauptsächlich die Filme gedreht wurden, war nicht zu sehen. In der kleinen Halle hatte die »Lux-Film A.-G.« ihr großes Atelier.

Der Wagen fuhr und fuhr. Kreß und Glaß besprachen die letzte Skandalgeschichte der Edna Robertson, einer blonden Amerikanerin von jenem bekannten Goldgräbertyp, der sich jetzt auch in Deutschland breit macht und aus erotischen Abenteuern gute Geschäfte zu machen weiß. Kreß knurrte und sagte: »Sie haben kein Herz mehr, die modernen Mädchen.« Glaß verkündete poetische Weisheit und sagte: »Grausamkeit, dein Name ist Weib!« Lyssander sagte kein Wort. Er dachte an sein Erlebnis mit Marianne. Er hatte in den letzten Tagen die ganze Friedrichstraße nach ihr abgesucht, er war in einem Filmcafé, aber alles war vergeblich. Marianne war und blieb verschwunden. Sie war und blieb verschwunden, doch in Lyssander war die Gewißheit, daß ihr Weg den seinen noch einmal kreuzen müsse. Und dann wollte er der Sieger sein. Ihre Flucht hatte nur noch größeres Verlangen nach ihr in ihm entzündet. Ihretwegen hatte er sich gestern abend mit Dolora verkracht.

Nun war die Werft erreicht. Der Wagen stellte sich in die blanke Reihe der vielen Autos, die aus Berlin berühmte Schauspieler, Stars, Regisseure und Operateure gebracht hatten. Der Portier grüßte ergeben. Die große Halle war leer, nur in der runden Kuppelhalle rechts wurde gearbeitet. Man hörte das Gebrüll der Komparserie. Kreß schritt leichtfüßig durch die Halle. Kreß durfte schon lächeln, denn es war sein Verdienst, daß diese Halle nicht abgerissen wurde. Die Militärkommission der Entente hatte sie auf die Abbruchliste gestellt, es kostete eine Reise nach Paris, die Halle dem deutschen Vaterlande, das in diesem Falle von Herrn Daniel Kreß vertreten wurde, zu erhalten. Und das deutsche Vaterland, ebenfalls wieder vertreten durch Herrn Kreß, drehte hier in den vielen Ateliers seine schmachtenden Filme. Die große Halle lag leer da. Durch ihr hohes Glasdach sprang das Licht und strahlte um die vielen Kulissen und Dekorationen, die chaotisch herumlagen. Man sah gotische Spitzbogen aus Stuck und Holz, romanische Säulen, die einmal den Pappegiebel heidnischer Filmtempel getragen hatten, die Fassaden französischer Häuser waren zu sehen, die Theke einer Spelunke, die Überreste einer Dorfkirche und noch vieles mehr.

Für diese alten Dekorationen hatten die drei Männer wenig Interesse. Sie traten für einige Minuten in das große Atelier, aus dem das Gebrüll der Komparsen (höhnte, begrüßten einige Leute und sahen dem Spiel zu. Ein Zirkus war aufgebaut, über ihm strahlten und flammten die weißen Lampen und verspritzten nichts als Licht. Der Regisseur stand auf einer erhöhten Bühne und brüllte durch das Megaphon seine Befehle in die Komparserie, die auf einer Galerie leidenschaftlich das Spiel der Artisten im Zirkus verfolgen mußte. Die Artisten in den weißen Trikots nahmen den Filmhelden die schwerste Arbeit ab, die gefährlichen Schwünge und Sprünge durch den leeren Raum. Die Komparsen brüllten und rasten, die Operateure ließen ihre Apparate laufen, die Kulissen des Zuschauerraums waren an den Rundwänden gemalte Menschen, die durch eine gewisse Einstellung der Apparate und durch ihre besondere Farbtönung im Bild dann wie lebendig aussahen. Die Artisten in den weißen Trikots hatten ihre Arbeit getan, die Komparsen waren gefilmt, die Hauptrolle übernahmen die Stars, sie standen in der Arena, hüllten sich in schwarze Mäntel und verbeugten sich lächelnd vor den lebenden und den nur gemalten Zuschauern. Die Lampen verzischten. Ein neues Bild wurde gestellt. Von jenem Zirkus gingen sie, nachdem der Regisseur begrüßt war, an ihre eigene Arbeit.

Dolora King, der Star der »Lux« war schon geschminkt und wartete auf Lyssander. Sie unterhielt sich mit dem Regisseur Alfred Bencke. Die Dekorationen von gestern abend standen noch da, eine Liebesszene sollte noch einmal gedreht werden. Das Atelier nahm nur einen winzigen Platz in der anderen Halle ein. Überall standen die Kulissen vieler Spiele, geisterhaftes Dunkel war in der Halle, von den weißen und blauen Lichtströmen durchbrochen. Lichtmaschinen, Kabel, getünchte Wände, üppige Hotelzimmer, kahle Spelunken: vier Gesellschaften waren an der Arbeit, und durch die Kulissen liefen die geschminkten Schauspieler und die aufgeputzten Komparsen. Musik brauste auf, in der Halle erklangen die Hämmer der Arbeiter und Bühnenmacher. Eine sonderbare Welt sammelte sich auf kleinem Raum und war doch groß genug, ein ganzes Volk zu rühren oder zu erschüttern.

Dolora King unterhielt sich mit Bencke. Die Operateure hatten ihre Apparate schon eingestellt. Das ganze technische und künstlerische Personal stand wartend da. Nun kamen Lyssander, Glaß und Kreß. Dem Star wurde die Hand geküßt, dem Regisseur die Hand geschüttelt, den anderen Leuten zugenickt. Die Arbeit konnte beginnen. Der Star trug über einem billigen Kleidchen einen schimmernden Seidenmantel. Die Lampen flammten auf. Die Quecksilbersäulen, die wie hohe, schräggestellte Dampfheizungen aussahen, leuchteten.

Bencke begrüßte Glaß besonders herzlich. Bencke war der Mann aus dem Tiergarten, ein kluger, skeptischer Kopf, der von dem oft mystischen und pathetischen Glaß lebhaft angezogen wurde. Er kannte sein Handwerk und alle technischen Möglichkeiten, aber er suchte, wie viele Menschen unsrer Zeit, das Unmögliche und war bei aller Aufgeklärtheit aus der Blutgruppe der Schwärmer.

»Die Dekoration steht,« sagte er zu Lyssander. »Ich habe neue Lampen eingesetzt.« Zu Glaß bemerkte er: »Der Kampf im Licht beginnt, Meister.« Daniel Kreß schüttelte er ergeben die Hand.

Dolora kam langsam näher. Sie sah gut aus, und Glaß machte ihr seine Extrakomplimente. Sie lächelte geschmeichelt. Lyssander war nicht besonders begeistert. Er hatte gestern Abend mit Bencke im Aufnahmeraum die Liebesszene gesehen und war nicht entzückt. Das liebe Fräulein Dolora hatte sich viel zu schnell und viel zu kühl verführen lassen. Auch Bencke war dafür, das Bild noch einmal zu drehen. Das war am dritten Abend nach jener Begegnung mit Marianne Hull gewesen. Das Spiel mit Marianne, und er sah es nun vollkommen bildmäßig, war ein herrlicher Streifen. Immer mußte er an das aschblonde Mädchen mit den schönen Augen denken.

Die Bilder mit Dolora machten ihn wütend. Sie hatte in jener Szene schamlos die Wirklichkeit gespielt. Sie spielte ihren Sieg und Kaufpreis von damals, als sie Lyssander von der Bühne eines großen Varietés holte.

Damals war sie eine kleine Tänzerin und von jener Wildheit, die als Leidenschaft angesehen wird und doch nur Berechnung ist. Damals hatte er ihr seine Karte geschickt. Sie war sofort gekommen. Sie blieb bei ihm bis zum frühen Morgen. Nach dem ersten Film, der ein Schlager wurde, verpflichtete sie Kreß auf ein ganzes Jahr. Und nun spielte sie, als sei sie auf ewig verpflichtet.

Dolora King, den Namen hatte er ausgesucht, stammte aus dem Osten Berlins. Zwei Jahre war sie in einem westlichen Haushalt, dann ging sie auf den Rummel und trat in einer sogenannten »Schönheitsgruppe« auf, die mehr nackt als schön war und wurde als Zwanzigjährige durch die Vermittlung Hondts auf die Varietébühne gebracht. Sie hatte mit dem Agenten einen Vertrag, und durch den Vertrag lernte Lyssander Herrn Hondt kennen.

Dolora spielte, als sei sie ewig verpflichtet, und als er mit Bencke gestern Abend das Bild sah, stand immer nur die Szene mit Marianne vor seinen Augen. Ja, er hatte verloren, aber jetzt wußte er: diese Niederlage war dennoch ein Sieg! So und nicht anders mußte die Szene in dem neuen Film gespielt werden. Alle kleinen Ladenmädchen und Kontoristinnen würden der Heldin zujubeln, die mit Faustschlägen ihr ganzes Geschlecht rächte. Dolora war auch mit bei der Vorführung, und dann gab es eine Auseinandersetzung, in die auch der diplomatische Bencke eingriff. Der Star war wütend.

»Gnädigste,« sagte Bencke, »ich bin als Regisseur vollkommen von der Idee Lyssanders überzeugt. Dieses Bild kann das Hauptbild des ganzen Filmes werden.«

»Aber das Drehbuch ist doch ganz anders!« antwortete sie, »ich kenne doch das Volk und weiß, was es will. Es will Liebe sehen! Und wenn ich mich bei der Szene wehre, wie Lyssander es meint, werden die Berliner Mädels laut lachen.«

»Ich glaube kaum,« sagte Bencke sehr kühl, »das Volk ist im Grunde moralisch und edel.«

Daraufhin hatte sie wutbebend den Vorführungsraum verlassen und die beiden Männer allein gelassen. Heute aber war sie nicht mehr wütend. Sie wollte die Szene so spielen, wie es Bencke und Lyssander vorschrieben. Heute machte sie Bencke schöne Augen, lächelte Lyssander an und lachte mit Glaß. Kreß war nach seinem Bureau verschwunden. Auch Lyssander machte sich unsichtbar und schminkte sich in seiner Garderobe.

»Was ist das für ein Bild, Alfred?« fragte Glaß.

»Ein unerhörtes Bild, Meister,« sagte Bencke und las leise aus dem Manuskript vor: »Graf Rehberg (das ist Lyssander) ist mit Gerda (das ist Dolora) allein im Zimmer. Das Mädchen ist arm und sehr müde. Der Herr Graf ist nicht müde und sehr reich. Er macht dem Mädchen galante Anträge. Aber sie wehrt sich und verteidigt ihre Unschuld. Mitten im Kampf abblenden. Ist das nicht ein fabelhaftes Bild, Meister?«

»Fabelhaft, Alfred,« sagte Glaß, »wer hat denn den Mist geschrieben? Und wie neuartig! So eine Szene wurde überhaupt noch nicht gespielt. Da können die Amerikaner noch etwas von uns lernen!«

Bencke lächelte.

»Der Film ist schon verkauft, Meister,« sagte er und freute sich über das verdutzte Gesicht des alten Schauspielers.

Lyssander kam zurück, besprach sich noch einmal leise mit Bencke und führte Dolora in die Dekoration. Die Komparsen, zwei kleine Mädchen und ein Mann, der einen Diener vorstellte, kamen näher und beobachteten die beiden Stars. Dolora setzte sich kokett auf den Rand des weißen Bettes. Lyssander ging langsam durch das Zimmer und lächelte sich selbst im großen Spiegelschrank zu. Bencke übernahm nun das Kommando. Die Lampen waren gelöscht.

»Licht einschalten!«

Der Oberbeleuchter pfiff und gab den Befehl weiter. Von allen Seiten und von den Rändern des offenen Zimmers spritzte wie aus großen Geschützen das weiße, strahlende Licht auf die Schauspieler. Die Quecksilberlampen dampften auf. Alle Gesichter sahen in dem blauen Licht wie verwest aus. Die zwei Operateure hatten ihre Apparate schon lange eingestellt. Bencke prüfte die Einstellungen und verlangte etwas mehr gedämpftes Licht. Vor die strahlenden Lampen schoben sich weiße Seidenschleier.

»Musik!«

Ein Klavierspieler bearbeitete einen Flügel. Der neue Schlager der Woche begann das Lied vom weißen Flieder zu klimpern.

Im Nachbaratelier wurden neue Dekorationen aufgestellt. Die Rufe und Hämmer der Arbeiter schallten laut. Die gelinde Aufregung vor jeder Aufnahme, jenes kurze Fieber kam und brachte Unruhe. Bencke allein blieb gelassen. Die Beleuchter an ihren Lichtgeschützen hockten oder standen wie aus Eisen da. Die Komparsen reckten sich und spielten im Geist die Rolle Doloras und Lyssanders mit.

»Aufhören, hier wird gedreht!« brüllte Bencke. Der Hilfsregisseur gab den Ruf weiter: »Aufhören, hier wird gedreht!« und die Hämmer und Rufe der Arbeiter nebenan verstummten. Das Spiel begann. Die Apparate schnurrten. Glaß betrachtete kritisch die Szene.

Dolora saß immer noch auf dem Bettrand und zeigte ihre schönen Beine. Lyssander löste sich vom Spiegelschrank und kam langsam näher. Dolora lächelte. Lyssander blieb gemessen. Nur seine Augen spielten in der ebenmäßigen Landschaft des Gesichtes. Die Apparate schnurrten. Der Mann näherte sich Dolora und blieb bei ihr stehen. Er streckte beschwörend die rechte Hand aus und verbeugte sich dann. Sie lächelte huldvoll, und als sein Mund sich dem ihren näherte, legte sie die linke Hand vor ihr Gesicht und sah ihn durch die offnen Finger neugierig an. Lyssander legte dann seinen Arm um ihre Hüfte und versprach Glück und Reichtum, aber sie entwand sich seinem Griff und lief durch das Zimmer. Ihre Flucht war keine Flucht, war nichts als neue Verlockung. An der Türe blieb sie stehen und keuchte wie ein gehetztes Wild. Lyssander war mit einem Satz bei ihr. Da fiel sie ihm um den Hals und ergab sich.

Das Spiel war aus.

Die Lichtgeschütze verzischten.

Die Musik brach mitten in der Schilderung des Duftes vom weißen Flieder ab. Lyssander war wütend.

»So ein Blödsinn,« sagte er leise.

»Die Szene ist so unmöglich, Gnädigste!« sagte Bencke und kam näher. »Wir müssen wiederholen. Wir spielen so, wie es besprochen war.«

»Habe ich nicht richtig gespielt?« fragte Dolora.

»Doch, aber wir haben falsch angefangen,« sagte Bencke.

Er besprach sich mit Lyssander und ließ dann einen tiefen Sessel in das Zimmer tragen. Diesen Sessel rückte Lyssander selbst zurecht. Er wollte das Leben darstellen, seine Begegnung mit Marianne, und Bencke erklärte Dolora noch einmal die Situation. Sie fand sich rasch hinein, und als die neue Aufnahme begann, war sie auch das kleine Mädchen, das ihre Unschuld verteidigte, aber sie tat es mit so kaltem Gesicht, das Lyssander selbst schlecht spielte und das Bild verdarb. Zum drittenmal erbrauste das strahlende Licht, zum drittenmal klapperte das Lied vom weißen Flieder, aber nun spielte Dolora falsch, sie stellte eine kleine Nutte hin, die sich als dummes Gänselieschen gibt. Jetzt verlor Lyssander die Nerven.

»So geht es nicht weiter, Dolora,« sagte er leise zu seiner Mitspielerin. »Wir lassen heute dieses Bild. Die Leute laufen uns ja aus dem Theater davon, wenn sie dieses Theater sehen. Mehr Leidenschaft und Abwehr, liebes Kind. Mit der Seele spielen!«

»Ich spiele ja mit der Seele!« sagte sie geziert. »Vielleicht bin ich von gestern Abend noch etwas verwirrt... Ich habe die ganze Nacht nicht schlafen können, Lyssander. Noch einmal, bitte, noch einmal dieses Bild. Ich fühle, es wird jetzt gut werden!«

Lyssander besprach sich mit Bencke, und zum viertenmal blendete das strahlende Licht auf, zum viertenmal klimperte die Musik. Das Spiel begann, und Dolora war besser. Als er sich ihr im Sessel näherte, war sie wie eine wilde Katze und schlug auch wirklich zu. Ihre Augen funkelten. In ihren Augen war Haß. Aber das Bild erreichte doch nicht das Vorbild mit Marianne. Lyssander war immer noch unzufrieden, aber Bencke fand diese Fassung ausgezeichnet. Diese Szene konnte gut geschnitten werden. Dolora durfte bei dem nächsten Bild pausieren. Lyssander war der elegante Lebemann in seinem Heim und schäkerte mit einer jungen Dame. Der Lakai, der ihn dabei überraschte, behielt sein würdevolles Gesicht, trotzdem die junge Dame seine Schwester war.

Glaß schlenderte durch die anderen Ateliers und begrüßte viele Bekannte. Überall wurde gearbeitet. Überall flammten die Lampen. Überall klimperte Musik. Hier in den Kulissen wurde mit einem großen, technischen Apparat die Welt noch einmal gebaut. Zehn und zwölf ernsthafte Männer waren damit beschäftigt, die verlogenen Tränen eines Stars zu filmen. Der Star war die große Lichtsonne, um die sich die kleineren Lichter der anderen Schauspieler drehten und bewegten. Um den Star bauten sich ganze Gesellschaften auf, um den berühmten Schauspieler, aber noch mehr um die berühmte Schauspielerin. Manche Stars hatten besondere Aktiengesellschaften zur Ausbeutung ihrer Talente gegründet und waren viel beschäftigt, filmten am Tag und dröhnten am Abend im Theater. Im Schatten der Stars verkümmerten die kleinen Schauspieler und noch mehr die Komparsen, die glücklich waren, wenn sie vier oder fünf Aufnahmen im Monat bekamen. Es war viel Betrieb in den dünnen Kulissen und Dekorationen: der Kampf im Licht war ein großer, erbitterter Kampf. Laster und Tugend, Himmel und Hölle, Armut und Reichtum, alles wurde bei einem Rundgang durch die Ateliers sichtbar.

Gegen Mittag strömten die bekannten Schauspieler, unter ihnen Lyssander, der Held der Mädchenträume, mit ihren Damen in die Künstlerklause. Die Komparserie und das technische Personal sammelten sich in der großen Kantine. In der Kantine konnte man oft einen mittelalterlichen Landsknecht mit einem Lebemann und einem amerikanischen Polizisten Karten spielen sehen. Zwischen den Komparsen hockten die Beleuchter in ihren weißen Kitteln. Die Theke war umlagert. Neben halbnackten Tanzgirls standen zerlumpte Bettler und elegante Gents. In der Kantine war viel Leben und Betrieb, denn hier war das Volk, hier waren alle gleich und eine große Familie.

Die Künstlerklause war ein geschmacklos ausgestatteter Raum mit prunkvoll getafelten Wänden, mit geschnitzten Terrassen, gotischen Stühlen und Tischen und erinnerte immer an den fatalen Trompeter von Säckingen. Die runden und langen Tische waren von den verschiedenen Gesellschaften für die Stars, die Regisseure und Operateure belegt. In dem allgemeinen Klatsch plätscherten die leichten Wellenschläge neuer Pläne und Geschäfte.

Am Tisch bei Lyssander kreiste das Gespräch um einen russischen Star, der einen weltberühmten Namen trug, in Berlin zum erstenmal filmte und als schönste Frau Sowjetrußlands in allen Journalen gepriesen wurde. Sie wurde von ihren Kollegen nicht geliebt, sie war hochmütig und herzlos und nur mittelmäßig begabt. Über diese Frau führte Dolora das Hauptwort und ereiferte sich vor allen Dingen über den pompösen Schmuck, den der russische Star gern zur Schau stellte.

Daniel Kreß nahm Partei für die Russin.

»Wir sind für Zusammenarbeit mit da drüben!« sagte er. »Und was Dolora erzählt, sind Weibergeschichten. Diese Frau ist kein Stern wie die Baranskaja in der »Mutter«, aber sie hat ein schönes Gesicht und Witz. Als ihr bei einer Gesellschaft einmal ein junger Mensch zu nahe kam und zu zudringlich wurde, blitzte sie ihn an und sagte: »Hände weg von Sowjetrußland!« So was machen Sie erst mal nach, Dolora! Vielleicht drehen wir auch mal einen russischen Film. Also keine Aufregung, Herrschaften!«

»Daniel, dann ist »Lux« ex!« spottete Glaß.

Lyssander und Bencke lachten.

»Marienklänge« soll doch der nächste Film sein, hat mir Lyssander erzählt,« sagte Bencke. »Und was ist das große Geheimnis der Russen? Von ihrer unerhörten Begabung abgesehen, Herr Generaldirektor, die Sache ist doch so, wir wollen uns nichts vormachen: die Russen haben als Kulisse und Dekoration ein großes, gewaltiges Land. Ein Sechstel des Erdballs. Das Eismeer haben sie und, wenn sie wollen, die Steppen der Mongolei. Wenn sie Panzerkreuzer oder Paläste brauchen, bitte sehr, sagt die Regierung, hier sind die Panzerkreuzer, hier sind die Paläste. Wir werden die Russen niemals nachmachen können. Sie haben eine große Idee. Wenn bei uns ein Wolgafilm gemacht wird, ist's doch in der ersten Linie wegen dem Geschäft. Und ein deutscher Wolgafilm, was ist das schon?«

»Der Rhein oder die Donau mit schlechtem Theater,« beantwortete Glaß die letzte Frage. »Und das ist wahr und klar: wir haben viele Ideen, aber uns fehlt die Hauptidee.«

»Darum bin ich für die wirkliche Donau und für den richtigen Rhein,« sagte Lyssander. »Was können wir schon machen gegen die Russen oder die Amerikaner? Ich bin für den Schlager für das breite deutsche Volk.«

»Warum heißt es das breite Volk?« fragte Graß und gab selbst die Antwort: »Heißt es darum das breite Volk, weil auf seinem geduldigem Buckel alles abgeladen werden kann?«

»Wahrscheinlich,« sagte Daniel Kreß gleichmütig, »wahrscheinlich ist das so, Bernhard. Mit den Russen hat es noch Zeit. Den Marienfilm mit der blonden Madonna machen wir schon. Unser Meister spielt den Strauß.«

»Ohne den Kopf dabei in den Sand zu stecken, sehr verehrter Herr Daniel,« antwortete Glaß und tat beleidigt.

Dolora hob den Kopf und witterte Gefahr. Die Männer sprachen von einer blonden Madonna. Sie selbst war schwarz und durchaus kein Madonnentyp. Sie räusperte sich und fragte Lyssander:

»Was ist das für ein neuer Film? Ich höre zum erstenmal davon. Und wer ist die neue Madonna?«

»Das ist alles noch Traum und Wunschbild,« sagte Lyssander. »Das schwebt uns allen nur so vor.«

»Wer schreibt das Drehbuch?« fragte sie weiter.

»Das schreibe ich, Dolora,« sagte Glaß. »Wir wollen damit ans nackte Herz des deutschen Volkes rühren.« Er wurde pathetisch und fuhr fort: »Gelächter zwitschert wie der frühe Morgen über der Welt, wenn unsere Madonna durch das Leben geht.«

»Das wäre eine gute Rolle für mich,« sagte sie. »Ich werde mit dem Meister über den Stoff reden.«

Die Männer schwiegen.

Dolora neigte sich Glaß zu und riskierte ihren gut bekannten Augenaufschlag. Der alte Schauspieler spielte das Theater mit, klapperte auch mit den Augen und sagte feierlich:

»Ich verstehe die Ehre zu schätzen. Wir werden uns gut verständigen, gnädiges Fräulein.«

»Wir werden uns gut verstehen,« antwortete sie einen Ton zu laut und blickte dabei auf Lyssander. »Wir werden uns gut verständigen, Meister. Ich stehe zu Ihrer Verfügung.«

Von dem neuen Film schweifte das Gespräch auf alte Filme ab, die von der »Lux-Film A.-G.« schon gedreht waren. Die Männer besprachen das berühmte Gesetz der Serie, das auf einen guten Schlagerfilm ein Dutzend schlechte Nachahmungen brachte, die immer noch ein geschäftlicher Erfolg waren. Wenn man dem Gespräch folgte, konnte man mehr über geschäftliche Dinge erfahren als über künstlerische. Dann kam der Direktor Lemansky von der »Siriusgesellschaft«, die mit der »Lux« Verträge über den Austausch ihrer Künstler hatte. Lemansky wußte schon von dem Zusammenstoß mit Dolora und wollte sondieren, ob er sie für seinen nächsten Film haben könnte. Er sprach leise mit Kreß darüber.

»Wir sprechen uns dann im Bureau, Lemansky,« sagte Kreß leise und endete diplomatisch: »Ich weiß nicht, ob wir Dolora in den nächsten Monaten entbehren können.« Lemansky verschwand.

Dann begann wieder die Arbeit.

Auch die Leute von der »Lux« gingen an die Arbeit. Lyssander lächelte in den folgenden Bildern sein berühmtestes Lächeln, Dolora riß sich zusammen und spielte ausgezeichnet. Die kleinen Mädchen der Komparserie haschten nach einem freundlichen Blick von Bencke oder Lyssander. Sie drängten sich in der Spielpause auch an Glaß, verstanden seine lyrischen Antworten nicht und verzogen sich gelangweilt. Nur ein junges Ding von siebzehn Jahren ließ nicht locker.

»Ach, Herr Meister,« seufzte sie, »wenn ich noch einmal eine kleine Rolle spielen dürfte. Ich habe ja so große Sehnsucht danach. Bei der »Domino« habe ich mal eine kleine Rolle gehabt, aber dort hat man mich wieder verdrängt. Darf ich Ihnen die Bilder zeigen?«

»Du sollst dir kein Bildnis machen!« sagte Glaß feierlich. Als er das erschreckte Gesicht der Kleinen sah, lachte er und sagte gutmütig: »Na zeig schon her, Kleine, wir wollen mal sehen.«

Das Mädchen brachte die Bilder.

»Nicht übel,« sagte Glaß und verglich die Aufnahmen mit dem geschminkten Gesicht, »gar nicht übel. Ich will mal mit Bencke sprechen. Wie heißt du denn?«

»Gritt Eisemann!«

»Das ist ein unmöglicher Name. Dabei kann der Mensch ja erfrieren, Gretchen! Schreib mir deine Adresse auf, und wir wollen sehen, was zu machen ist. Du bekommst Nachricht.«

Das Mädchen schrieb auf die Rückseite eines Bildes ihren Namen. Sie war aufgeregt und ihre Hand zitterte.

»Aber ich bekomme doch ganz bestimmt Nachricht?« fragte sie.

»Ganz bestimmt.«

Das Spiel ging weiter und viele Szenen wurden noch gedreht. Dolora hatte ihren guten Tag. Abends in der fünften Stunde kam die große Ruhe über die Hallen.

Die Komparsen strömten nach der Vorortbahn, die Stars lehnten sich in ihren Autos zurück. Nur die Leute von der »Domino« filmten noch und taten sehr geheimnisvoll.

Lyssander, Glaß und Bencke verließen das Atelier und fuhren in die Stadt.

Dolora saß in dem Wagen, der Kreß und Lemansky nach Berlin brachte. Lyssander hatte sich ziemlich kühl von ihr verabschiedet. Sie war klug genug, ihm sehr zärtlich zuzunicken. Als der Wagen die Stadt erreichte, räusperte sich Lemansky und lud sie zum Abend ein. Sie nahm diese Einladung sofort an.

»Was machen Sie heute abend, Lyssander?« fragte Bencke.

»Ich suche meine Madonna,« antwortete er. »Und Sie, Meister?«

»Ich schreibe den Entwurf für unsern neuen Film, Alfred,« sagte Glaß. »Ich denke jetzt an das kleine Mädchen, das wir damals im Wartesaal des Bahnhofs gesehen haben. Wissen Sie noch, Alfred, die Kleine, die mit dem jungen Kerl am Tisch saß und weinte?«

»Nein, ich entsinne mich nicht mehr, Meister,« sagte Bencke. »Mein Bedarf an kleinen, weinenden Mädchen ist für lange Zeit gedeckt.«

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