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Aufstieg der Begabten

Max Barthel: Aufstieg der Begabten - Kapitel 3
Quellenangabe
pfad/barthel/aufstieg/aufstieg.xml
typefiction
authorMax Barthel
titleAufstieg der Begabten
publisherDER BÜCHERKREIS
year1929
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderAlexander Barthel
created20111110
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DIE BEGEGNUNG

Die Frühlingsnacht über dem Tiergarten ist eine verzauberte Nacht. Die große Stadt mit den steinernen Straßen, den Wohnquartieren, den Villen, den Hinterhöfen, den Bars, den Kellern, dem Schlaf, dem trunkenen Wachsein und verketteten Schicksalen liegt fern und weit. Wie ein schwarzes Tuch, in das die einsamen Lampen glühende Löcher brennen, lagert die Dunkelheit über dem Tiergarten, über den Wegen, Bäumen, Gebüschen, Wasserläufen und kleinen Seen. Autos hasten noch vom Brandenburger Tor oder Potsdamer Platz zum Großen Stern oder kreiseln um den Kemperplatz, auf dem das steinerne Rolandstandbild wie ein mittelalterlicher, finsterer Ritter steht. Der Lärm der Stadt, sie schläft niemals, und wenn sie doch schläft, ist sie voll Unruhe und schreit aus schweren Träumen auf, der Lärm der vier Millionen donnert leise und fern. Über dem Tiergarten stehen die Sterne und ihre magischen Bilder: Mars flammt, Sirius glitzert, der Polarstern ist wie der silberne Nabel, um den sich das Sternengewölbe dreht.

Manchmal singen Vögel mitten in der Nacht und Führen weit auf das weite Land, hin zu den unvermauerten Feldern und Straßen, hin zu dem ewigen Wachstum der Natur, zu den einfachen Dingen eines einfachen Lebens: zu den Tieren, zu dem wogenden Korn, dem blühenden Klee, zu den verschleierten Wiesen. Aber das einfache Leben ist auch im Tiergarten. Liebesleute und Obdachlose flüchten in seine einsamen Buchten. Die Armut schläft in dunklen Verstecken. Die Liebe seufzt und flüstert. Es ist wie ein ungeheures Gleichnis: die Armut und die Liebe, der verzehrende Kuß und die grausige Einsamkeit der Obdachlosen.

Marianne wollte nichts von der Liebe wissen.

Sie saß allein auf einer dunklen Bank und war selber dunkel. Sie dachte an ihre Flucht. Sie hatte plötzlich Heimweh nach dem Vater und der stillen Ruhe ihrer kleinen Stadt. Ja, die Menschen nannten sie närrisch, die alten Weiber verhöhnten sie, die jungen Frauen waren eifersüchtig. Aber es war doch die Heimat, wenn sie auch ein geschlossener Käfig war. Und Berlin? Berlin war ein offner Käfig, die Raubtiere schlichen auf samtweichen Sohlen durch die Straßen. Sie dachte an die Begegnungen mit Lyssander, an das Cafe, an Kempinski und dann schmerzhaft an das Hotel. Wieder kamen ihr die Tränen. Durch die Tränen sah sie auch die Sterne, aber sie brachten keinen Trost. Die Bäume rauschten. Die Wege lagen in Dunkelheit. Auch ihr Weg war dunkel.

Dann kam ein Liebespaar. Das Kleid des Mädchens schimmerte wie eine weiße Fahne. Das Liebespaar war so tief in sich versunken, daß es die Trauernde nicht bemerkte und sich auf derselben Bank ihrer Liebe hingab. Da floh Marianne. Sie ging weiter und kam noch an vielen Bänken vorüber, auf denen die Liebe die steinerne Stadt und die ganze Welt vergaß. An einem kleinen See, der silbern erglänzte, blieb sie lange stehen und wollte ins Wasser gehen. Aber sie ging nicht ins Wasser. Sie ging ihren dunklen Weg weiter, verfolgte den Landwehrkanal und fand eine versteckte Bank. Dort schlief sie endlich ein.

Sie schlief tief und traumlos einige Stunden.

In der dritten Morgenstunde wurde sie von einer Polizeipatrouille geweckt. Sie entging mit großem Glück einer Verhaftung und erzählte den Polizisten eine hübsche Geschichte von einem verspäteten Theaterbesuch und einem vergessenen Hausschlüssel. Sie erzählte das alles mit so rührender Unschuld und ließ dabei ihre schönen Augen sprechen, daß sich die Beamten viele Male entschuldigten und verlegen abzogen.

Der Morgen rötete sich langsam.

Die Vögel begannen zu singen.

Die Eisenbahnen donnerten eisern durch die Stille.

Im nahen Zoo erwachten die Tiere und brüllten heiser.

Das Mädchen hörte das wilde Geschrei und schlenderte langsam dem Brandenburger Tor zu. Die Wege waren still und schön. Manchmal schienen sie den ihr so gut bekannten Wegen des kleinen Waldes ihrer Heimat verschwistert zu sein. Durch das flammende Grün und Schatten volle Blau der Bäume und Gebüsche schimmerten weiße Statuen. Denkmäler leuchteten auf und waren wie kleine Gletscher anzusehen. Kein Mensch war zu sehen. Die Luft war vollkommen klar.

Kühler Wind wehte.

Sie atmete tief und wusch sich an einem stillen Gewässer den letzten Schlaf aus den Augen. Immer gingen ihre Gedanken hin zu Lyssander und von da heimwärts zum Vater. Wenn sie an den Vater dachte, wurde sie fröhlicher. Ja, sie war nach dem Vater geraten. An die Mutter erinnerte sie sich kaum. Die Mutter war gestorben, als sie zwei Jahre alt war. Vom Vater hatte sie das abenteuerliche Blut geerbt.

Vögel sangen immer lauter. Marianne war getröstet.

Dieser große Park war ja wie ein einziger Trost inmitten der vermauerten und erbarmungslosen Stadt. In diese Stille würde sie flüchten, immer flüchten, wenn sie einmal elend und verzweifelt sein sollte. Aus dem gelinden Sausen der nun aufglühenden Buchen rauschte der Frieden. Auch sie fand den Frieden und summte ein kleines, schwäbisches Lied vor sich hin.

Dann verstummte sie.

Zwei Menschen kamen ihr entgegen.

Sie trat in das Versteck blühender Rhododendren und beobachtete die morgendlichen Spaziergänger. Der eine war ein älterer Mann in den fünfziger Jahren und hatte ein dramatisches Gesicht. Die Augen lagen tief in den Höhlen, der Mund war wie ein schmaler und blutleerer Schnitt. Der blaue Anzug verriet lässige Eleganz. Der andre Mann war vielleicht dreißig Jahre alt und sah wie ein Bürger aus. Sein Gesicht war klug und skeptisch. Der Alte blieb stehen, zündete sich eine Zigarette an und stieß den blauen Rauch genießerisch in den jungen Tag.

»Das ist die Wollust der Welt, Alfred,« sagte er zu seinem Begleiter, »von der nackten Erde hin zum nackten Tag. Der Bürger in seinem Faulbett verschläft die Zeit.«

»Das Faulbett ist eine Wohltat und großartige Erfindung der Menschheit, Meister, ich habe genug von der einen Nacht. Ich bin müde und sehne mich nach dem Behagen des Schlafzimmers. Von der nackten Erde und dem nackten Tag habe ich vollkommen genug.«

»Blind, ewig blind!« rief der Alte pathetisch aus, »blind seid ihr alle und taub. In eure Ohren müssen die Gewitter neuer Umstürze krachen! Unser Ruhm sei leise und ewig wie das Rauschen der Bäume am frühen Morgen.«

Sein Begleiter knurrte noch ein wenig. Was er leise murrte, konnte Marianne nicht verstehen. Der Alte lächelte nachsichtig, nahm den Arm des Mürrischen und zog ihn mit sich fort. Der Mann mit dem dramatischen Gesicht war ein bekannter Schauspieler und gab sich manchmal als Prophet einer neuen Philosophie, die das Lob der Einfachheit und Armut verkündete. Sein Freund war Regisseur. Er hatte ihn zu unerhörten Sensationen und Mysterien im Tiergarten überredet. Und was waren die Sensationen und Mysterien? Der leise Schrei der Landschaft mitten in der Stadt, das Geflüster der Liebenden und die schweren Träume der Obdachlosen im Park. Mit diesen beiden Männern kam Marianne später zusammen, aber jetzt setzte auch sie ihren Weg fort und dachte über die Worte des Alten nach.

Am Kemperplatz, nahe der Siegesallee, stieß sie auf einige junge Leute, die auf den harten Bänken ihren Rausch verkühlten. Sie hatten die ganze Nacht in den Lokalen der Potsdamer Straße getanzt, gesungen und getrunken. Nun saßen sie erloschen und blöde auf einer Bank und waren betrunken. Einer von ihnen sprang auf die Füße, als er das Mädchen sah. Er taumelte ihr entgegen, riß sich mit dem tierischen Ernst der Betrunkenen zusammen und stellte sich vor:

»Gestatten, gnädiges Fräulein, Schmitz, Herbert Schmitz!«

Er starrte sie einige Sekunden an, verbeugte sich, sagte noch viele Male seinen Namen und ging dann unsicher zu seinen Kameraden zurück.

Autos liefen über den glatten Asphalt. Die heldenhafte Marmorbäckerei der Siegesallee leuchtete matt. Immer noch sangen die Vögel und in ihren Liedern und Schluchzern war der betörende Lockruf der freien Landschaften.

Nun rollte eine Kutsche die Siegesallee entlang, und das gepuderte Mädchen, das in dem Wagen saß, ließ vor den Betrunkenen anhalten. Sie lächelte und winkte den jungen Leuten zu. Herbert Schmitz erhob sich und ging zu dem Wagen. Dort sagte er feierlich seinen Namen, das Lächeln im Gesicht des Mädchens erfror und wurde Grimasse. Aber sie half doch den jungen Menschen in den Wagen, gab dem Kutscher ihre Adresse an und entrollte mit ihrem Kavalier. Herbert Schmitz schlief auf der Fahrt einem weichen Bett entgegen. Am vierten Tag aber mußte er einen Spezialarzt aufsuchen.

Es war in der fünften Stunde.

Berlin lag im letzten Traum.

In den grauen Massenquartieren des Ostens und des Nordens erwachte das Volk und rüstete sich zur Arbeit. Die große Völkerwanderung des Werktags begann. Über der Erde und unter der Erde klirrte schon der rasselnde Alarm der elektrischen Bahnen. Die Stadtbahnzüge donnerten. Die Autobusse schwankten überfüllt mit ihren schweigsamen Lasten. In den zehn Markthallen wurde das Futter für den Bauch der Weltstadt verhandelt. Das flache Land kam in die Stadt, die Ernten unendlicher Gebiete wurden an einem Tage aufgegessen. Auf dem Schlachthof wurde das Vieh hingemetzelt.

Die Straßenkehrer waren noch an der Arbeit.

Was geschieht in den Augenblicken, wenn die Vögel im Tiergarten singen?

Kinder sprechen im Traum oder weinen.

Eine Familie vergiftet sich mit Gas.

Ein Dichter schreibt an seinem neuen Roman.

Ein altes Mädchen wacht auf und denkt ihrer frühen Jahre.

Auf den Dachböden schlafen alte Bettler. Im Landwehrkanal landet eine Ertrunkene. Einbrecher rauben ein Juweliergeschäft aus. Das alles und noch viel viel mehr geschieht in der Sekunde, in der Marianne Hull durch den Tiergarten wandert und Herbert Schmitz mit dem geschminkten Fräulein in die Stadt fährt. Marianne wußte davon nichts. Der Park löste sich langsam auf und schlug die rauschende Brandung seiner alten Bäume wie eine Brandung des grünen Meeres an die glatten Mauern und Wände der Stadt, hinter denen sich tausendfaches Schicksal erfüllte. Dann ging die Sonne über Berlin auf.

Die Sonne ging auf. Sie vergoldete die goldenen Flügel des Engels auf der Siegessäule. Sie schüttete auch Gold auf die Kuppel des Reichstags. Sie zündete Feuer um das Brandenburger Tor und glühte auch in der stillen, dunklen Spree. Marianne hatte den Tiergarten verlassen und wanderte nun die Spree aufwärts zur Weidendammer Brücke. Im Bahnhof Friedrichstraße klirrte der Expreßzug Warschau–Paris. Das Mädchen liebte die Bahnhöfe sehr. Ein Bahnhof: das war für sie immer Tor zur Welt, Station einer herzklopfenden Reise und hier in Berlin Vorhalle zum Tempel des Ruhms. An einer Litfaßsäule studierte sie die knallenden Filmplakate und fand dabei das Bild und den Namen ihres Verehrers der ersten Nacht: Herr Eugen Lyssander gab sich die Ehre, seinen neuen Film anzuzeigen: Triumph der Liebe.

Triumph der Liebe? Marianne lachte böse auf. Jetzt am Morgen triumphierte das Mädchen. Sie hatte Lyssander mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Oh nein, er hatte bei ihr nicht triumphiert. Sie haßte den Mann, und als sie sein lächelndes Gesicht sah, ballte sie die Fäuste und schlug auf das tote Bildnis, wie sie in der Nacht in das trunkne Gesicht geschlagen hatte. Lyssander wollte ihr helfen, sie sollte wie eine Sonne über Deutschland aufgehen, hatte er gesagt, aber sie sollte ihren Aufstieg mit ihren Küssen und ihrem jungen Blute bezahlen. Ihr Gesicht wurde verächtlich. Dann lief sie zum Bahnhof, besah sich die Fahrpläne und stellte im Geist eine Reise nach Paris zusammen. Aber bis zur Wirklichkeit war noch ein langer Weg. Bis zum Wartesaal waren es nur einige Schritte, und bald saß sie im Wartesaal, nahm an einem kleinen Tische Platz und bestellte Kaffee. Sie trank und studierte das Publikum. Es waren wenig Reisende darunter. Hier im Wartesaal sammelten sich am frühen Morgen hauptsächlich Bummler, die von der Polizeistunde aus den Lokalen vertrieben waren. Aber auch Obdachlose waren zu sehen, unter ihnen bemerkte das Mädchen auch die beiden Männer aus dem Tiergarten. Zum dritten Male kreuzten sie ihren Weg. Es waren die beiden Männer, die in der Nacht an ihr vorbeigingen, als sie auf der Bank saß, dann kam die Begegnung am Morgen und jetzt hier auf dem Bahnhof. Sie führten ein lautes Gespräch und einige Fetzen davon hörte auch Marianne.

»Nein, Meister,« sagte der jüngere Mann, »das Lob der Armut ist ein Lob des Kerkers. Der Kerkermeister heißt Schande. Und in diesem Kerker wächst das Verbrechen groß.«

»Die größten Verbrecher sind die reichen Leute, Alfred Bencke,« antwortete der andre. »Ich will dir die Geschichte von Daniel Kreß und seinem Aufstieg erzählen...« Seine Stimme dämpfte sich und verlor sich in einem leisen Geflüster.

Marianne hätte diese Geschichte gern gehört, der Mann mit dem Schauspielergesicht interessierte sie sehr, aber sie hörte nichts als das leise Flüstern. Plötzlich fühlte sie einen brennenden Blick im Nacken. Sie drehte sich langsam um und sah in ein schönes Gesicht mit wilden Augen. Sie bekam Herzklopfen und mußte an den Abend im Zirkus denken. Sie dachte an den Siebzehnjährigen, der sie zum erstenmal geküßt hatte. Der junge Mensch erhob sich und kam näher. Marianne zitterte, und wußte es nicht, vor Seligkeit. Es war wie ein Traum: der junge Mensch war Henry Marteau!

»Pardon, viele Mal Pardon,« sagte er leise, »aber Fräulein kommen mir bekannt vor. Wir haben uns sicher schon einmal gesehen. Gestatten Sie: Henry Marteau.«

»Marianne Hull,« antwortete sie aufgeregt und wagte nicht, die Augen zu erheben. »Ja, wir kennen uns vom Zirkus. Ich war damals noch ein kleines Mädchen, und Sie haben mich...«

»Und ich habe Sie damals geküßt. Sind Sie noch auf mich, Fräulein Hull?« »O nein,« sagte sie schnell und schämte sich im gleichen Augenblick über das Geständnis und sagte: »O ja, ich bin noch böse. Aber ich weiß es nicht mehr genau. Es ist ja schon solange her.«

»Lassen Sie mich nachdenken,« antwortete er lächelnd. »Es sind genau vier Jahre und einige Tage her. Ich habe das kleine, wilde Mädchen niemals vergessen. Ich habe den Abend niemals vergessen.«

»Ich auch nicht,« hauchte sie.

Dann kam das große und tiefe Schweigen zwischen den zwei Menschen, das Schweigen, das wie ein Brunnen ist, in dem viele Wunder rauschen. Und sie lauschten den Wundern und Geheimnissen, bis eine Glocke schrillte und sich an den Lichttafeln ein neuer Zug in die Welt ankündigte.

»Sind Sie schon lange in Berlin?« fragte sie dann, um etwas zu sagen. Am liebsten hätte sie vor Freude gelacht und gesungen. Am liebsten hätte sie seine Hände genommen und gestreichelt.

»Nein, ich bin erst diese Nacht angekommen. Wir haben den Zirkus auflösen müssen. Es ging nicht anders. Wir hatten Unglück...« Er stützte den Kopf in die Hände und schwieg einige Sekunden. Dann aber fuhr er fort: »Ach was, hin ist hin. Der Vater ist ein alter Mann und blieb in Karlsruhe. Er wollte nicht mit nach Berlin. Ich bin jung, und in der Jugend ist jeder neue Tag ein Anfang. Berlin ist ja so groß, ich kann musizieren, ich kann den Mond erklären, und vielleicht habe ich Glück und komme zum Film. Und ich habe ja Glück: ich habe das Fräulein Hull getroffen, und sie ist mir nicht mehr böse... Was machen Sie in der großen Stadt?«

»Arbeiten,« sagte sie. »Ich habe es zu Hause nicht mehr ausgehalten... Ich habe eine Freundin, die kommt auch nach Berlin. Sie ist Schauspielerin. Wir wollen zum Theater, wir wollen zum Film, wir wollen berühmt werden wie die Pola Negri.« Henry staunte.

»Die Welt ist klein! Ich habe Sie in Erinnerung als kleines Mädchen, das sich nicht küssen lassen will, und nun wollen Sie Schauspielerin werden! Lächeln Sie, Marianne,« ereiferte er sich, und als sie lächelte, machte er ein strenges Gesicht, sah sie prüfend an. seufzte, als hätte er große Rollen zu vergeben und sagte: »Es wird schon gehen, liebes Kind. Sie werden wohl zuerst das unschuldige Mädchen spielen müssen, das rein und unberührt durch die lasterhafte Welt geht.

»Was für ein Mädchen?« fragte sie verwundert, können Sie denn Rollen vergeben? Das ist ja herrlich! An wen können Sie mich empfehlen?«

Allen Menschen, die etwas vom Film verstehen! Aber ich kenne leider keinen Menschen, der etwas zu sagen hat...« Dann lachte er. »Marianne, ich bin ein Kindskopf.«

»Und ich bin ein Mädchen. Es wird schon alles gut gehen. Berlin ist eine große und schreckliche Stadt.« Sie schauderte. »Berlin ist groß und voller Gefahren. Aber ich habe keine Angst.« »Ich auch nicht. An den Herrn Lyssander habe ich einen Brief abzugeben, eine Empfehlung zum Film. Sie kennen doch den berühmten Lyssander, den Liebling des deutschen Volkes? Das ist der Mann, der immer lacht. Und er kann auch lachen, er verdient jeden Tag seine fünfhundert Mark. Manchmal auch tausend. Zu dem will ich gehen und wenn ich ihn sprechen darf, nur von Ihnen erzählen... Vorerst müssen wir aber einige gute Bilder haben, und wenn der Mann nicht blind ist, wird er sofort Ja sagen. Haben Sie Lyssander schon einmal im Film gesehen?«

»Ich habe ihn in einem Film gesehen,« antwortete sie leise, »aber in diesem Spiel hat er mir gar nicht gefallen... Da war er einfach ein Verführer und hat sich gemein benommen.«

»Aber Kind, es war ja nur im Film! Dafür wird er ja bezahlt! Wir gehen erst zum Photographen und dann besuche ich Lyssander.«

»Bitte nicht... Ich hasse den Mann, der immer lacht. Auf der Reise habe ich einen Herrn kennengelernt, der Stellen vermittelt. Vielleicht gehe ich zu dem. Hier ist seine Karte.«

Der junge Mensch nahm die Karte.

»Den Herrn kenne ich persönlich,« sagte er heftig, dann wiederholte er schon einmal gehörte Worte: »Der Herr Hondt ist ein Hund! Alles Schwindel, was er erzählt. Nein, nein, Hondt kommt gar nicht in Frage. Warum soll ich nicht zu Lyssander gehen?«

»Weil ich ihn hasse!« schluchzte sie.

Henry war bestürzt. Er nahm ihre Hände und streichelte sie. Die Gäste im Wartesaal blickten neugierig nach dem Tisch, an dem das Mädchen saß und weinte. Der Mann aus dem nächtlichen Tiergarten kam mit seinem Begleiter näher. Marianne beruhigte sich und ließ sich von Henry fortbringen. Sie hörte noch, wie der Alte zu seinem Freund sagte:

»Tränen sind wie Feuer. Das bittre Wasser kann wie die leibhaftige Hölle brennen.«

»Und das Gelächter, Meister?«

»Über blühenden Rosen singen die Vögel,« dozierte der Mann mit dem dünnen Mund.

Das alles hörte Marianne noch, und als sie mit Henry auf der Friedrichstraße stand, weinte sie nicht mehr. Diese Straße, an der am Abend und in der Nacht Tumult der Millionen brauste, lag jetzt still und verlassen im Morgenlicht, war eine hohe Schlucht, durch die ein Unwetter getobt ist und die nun von aller Vergewaltigung ausruht.

»Nicht böse sein,« sagte das Mädchen auf der Straße, »aber ich bin so entsetzlich müde. Am liebsten würde ich jetzt schlafen. Und zu Herrn Hondt gehe ich auch nicht. Es wird schon alles gut gehen.«

»Ich bin nicht mehr böse, und ich war schuld an den Tränen... Wir müssen die kleine Marianne irgendwo unterbringen. Ich habe in Steglitz eine Verwandte, die wird ein Zimmer frei haben. Ich kenne einen Freund, bei dem kann ich wohnen.«

»Und morgen soll die Arbeit beginnen. Was die Pola Negri geschafft hat, schaffe ich auch.«

»Kleine Marianne, wir halten zusammen. Wir sind jung und haben viel Zeit. Wir brauchen uns nicht für ein Butterbrot verkaufen... Ich werde Sie jeden Tag besuchen.«

»Ja, jeden Tag. Werden Sie bei einem Franzosen wohnen?« Henry lachte sein Jungenslachen. »Ach so, wegen dem Namen? Das ist nur unser Kriegsname, wir stammen aus Baden, aus dem Schwarzwald, wir heißen eigentlich Hammer. Ich heiße Georg...Der Henry soll nun auch in Berlin tot sein, aber der Georg...«

»Aber der Georg soll leben!« »Und die Marianne soll leben!«

Dann wurden sie übermütig und nahmen ein Auto. Der Wagen brachte sie schnell nach Steglitz. Frau Berthold, Georgs Verwandte, war eine lustige Frau. Zuerst gab es eine rührende Szene, dann nahm sie Marianne an ihre breite Brust und schalt Georg aus, weil er seine Ankunft nicht angezeigt hatte. Sie schickte ihn bald fort, und als sie die Kleine ins Bett brachte, setzte sie sich einen Augenblick zu ihr und sagte:

»Liebes Fräulein Hull, der Georg ist ein wüster Bursch, aber man darf ihm nicht böse sein. Schlafen Sie gut, und wenn Sie erwachen, werden Sie die Welt mit neuen Augen sehen. Das Fräulein will zum Film? Ach, das ganze Leben ist wie ein Film und rollt sich viel zu schnell ab.«

»Ich bin noch bei den ersten Szenen, Frau Berthold,« antwortete sie und schlief bald ein.

Georg stürmte in die Stadt und holte Mariannes Koffer. Er brachte ihn nach Steglitz und durfte einen Augenblick die Schlafende sehen. Bald wurde er wieder fortgeschickt. Dann suchte er in Friedenau einen bekannten Artisten auf, einen Seiltänzer, der mit seinem Partner im »Wintergarten« auftrat. Er hatte hier im Vorort eine hübsche Wohnung und gab gern ein Zimmer ab. In den nächsten Tagen mußte er sowieso nach Hamburg.

»Der Reinacker ist auch in Berlin,« erzählte der Artist, »der Mann mit den Seelöwen, weißt du. Seine Viecher gingen ein und nun ist er irgendwo beim Film. Er wohnt in Wilmersdorf. Warte. Ich suche seine Adresse, du kannst ihn ruhig aufsuchen.«

»Der Reinacker ist auch in Berlin? Kannst du mir sagen, warum alle Menschen nach Berlin kommen?«

»Frage dich selbst, dann wirst du die Antwort haben. In Berlin wird noch einmal die Welt verteilt, mein Lieber. Ich kenne viele Städte, aber am liebsten bin ich in Berlin. Hier sind die großen Chancen.«

»Die Welt wird in Berlin noch einmal verteilt? Da will ich mich dazuhalten, damit ich ein recht großes Stück bekomme. Aber warum gehst du immer wieder fort, wenn es in Berlin so schön ist?«

»Und du willst vom Zirkus sein? Mal hier, mal dort, mal Hamburg, mal Paris, so ist unser Leben. Bist du allein in Berlin?«

»Nein, ich bin nicht allein. Ich habe da ein Mädchen getroffen, ein Mädchen, sage ich dir!«

»Ist sie hübsch?«

»Hübsch ist gar kein Wort für sie, sie ist schön, sie ist wunderschön!« antwortete er und schwärmte noch lange von Marianne Hull, der kleinen Marianne, die im weichen Bett alle Angst und Müdigkeit verschlief.

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