Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Max Barthel >

Aufstieg der Begabten

Max Barthel: Aufstieg der Begabten - Kapitel 10
Quellenangabe
pfad/barthel/aufstieg/aufstieg.xml
typefiction
authorMax Barthel
titleAufstieg der Begabten
publisherDER BÜCHERKREIS
year1929
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderAlexander Barthel
created20111110
Schließen

Navigation:

BILDER UND KEIN BILDNIS

Von jener Nacht und ihren Bacchanalien hatte Marianne nur noch eine verworrene Vorstellung. Sie erinnerte sich wohl des verzückten Schwebegefühls, des vielen Lichts und der Lola Lopez, vom Doktor Wendel hatte sie nur noch ein schwarzes Bild, und wenn sie sich seiner erinnerte, haßte sie ihn. Der stumme Chinese, der das Opium brachte, stand ganz klar vor ihr und in ^ihren Ohren klangen immer noch die hysterischen Schreie der Lena Sperber. Bis zum frühen Morgen war sie mit Lyssander in der Loge geblieben. Dann war sie mit ihm nach der Pension gefahren und dann, den Rausch des Narkotikums noch im Herzen, hatte sie ihren Kaufpreis bezahlt. Sie fühlte sich aber frei und leicht, auch frei von Lyssander. Er hatte wenig Gewalt über sie. In die Loge wollte sie nicht mehr gehen. Kreß hatte sie beiseite genommen und gesagt:

»Kindchen, nehmen Sie sich vor dem Unsinn in acht, das ist nur etwas für Lebedamen und Männer, die keine Männer sind.« Dabei hatte er sie so hungrig angesehen, daß sie sich jetzt noch schüttelte, wenn sie daran dachte.

Sie stürzte sich in die Arbeit, und jeden Morgen ritt sie im Tiergarten mit Lyssander aus. Ihr Pferd war ein frommes Tier und machte keine großen Sprünge, aber das war ihr gerade recht. Mit Vorliebe suchte sie jene Gegend auf, wo sie einmal kummervoll und verzweifelt herumgeirrt war. Die Morgenritte erheiterten sie sehr, und nach einigen Wochen ließ sie sich das wildeste Pferd geben und jagte über den sandigen Reitweg der kleinen Gesellschaft voraus und lachte über ihren Freund, der vergeblich versuchte, sie einzuholen.

Die Aufnahmen für den neuen Film hatten begonnen.

Das Manuskript schrieb Glaß, aber ihm war ein junger Mensch beigegeben, dessen Drehbücher gerade große Mode waren, und nun war ein Manuskript entstanden, in dem sich alle Technik und Romantik der aufgeklärten Zeit zu einer dramatischen Handlung verschmolzen und einen schimmernden Gipfel edlen Kitsches aufbauten. Der Film spielte in Wien.

Der Film spielte in Wien und führte an die Donau. Auf der Donau lag die Luxusjacht des Milliardärs Mister Gould. Mister Gould war nach dem Drehbuch vom Schwarzen Meer gekommen und hatte vor Wien die Anker ausgeworfen. Mister Gould, ein neuer Nibelunge, kam nun nicht, um das versenkte Gold aus der Tiefe des Flusses zu holen, er kam, um die Schönheit aus der Tiefe des Volkes zu heben. Mister Gould war ein Gentleman und die Schönheit, wer war die Schönheit? Die Schönheit war, wie konnte es anders sein, das Kind aus dem Volke, Marianne Hull.

Die Autoren hatten ihr die Rolle auf den schönen Leib geschrieben, aber sie hatten ihr auch Leid zugemessen, denn sie mußte in dem Spiel den herzigen Erzherzog Franzi lieben. Sie mußte für Franzi schwärmen, die ganze Stadt wußte von der Geschichte und weinte selige Tränen. Und ein alter Herr, der berühmte Komponist Johann Strauß hatte für diese Liebschaft, für Mariandl, einen extraschönen Walzer geschrieben.

Aber wie kann ein Erzherzog ein Bürgermädchen heiraten?

Und darum und im kühnen Gegensatz zu Mariannes ersten Film, in dem am Schluß der Adel siegte, hatten die revolutionären Schriftsteller im neuen Spiel den Bürger siegen lassen, eben den Herrn Mister Gould, der eigentlich gar kein so grauslicher Amerikaner war, wie es anfangs schien, er war, das stellte sich zur rechten Zeit heraus, ein Weaner Bua, der vor dreißig Jahren nach New York im Zwischendeck reiste und sich seine erste Dollarmillion als Schuhputzer und Zeitungshändler verdiente.

Den Herrn Mister Gould – Johann Strauß, ihn spielte Glaß – Johann Strauß mußte laut Textbuch immer: »Herr Minister Gould« und einmal, um aktuell zu sein: »Herr Goldminister« sagen; diesen Goldminister * spielte Lyssander. Und auch diese erschütternde Tatsache entschleierte sich in dem Spiel, daß der Milliardär gar nicht Gould hieß, sondern Seppl Wutzelmoser. Und dann kämpften Seppl und Franzi auf der vor Wien liegenden Jacht um die Liebe der Mariandl auf Leben und auf Tod. Den Franzi spielte eine ausgeblichene männliche Filmschönheit von der »Lima«, die durch Lemansky diesen Streifen mitfinanzierte. Siebenhunderttausend Mark sollte der Film kosten. Die Regie führte Herr Gramp, der dem deutschen Volke schon viele Monumentalwerke geschenkt hatte.

Bencke war mit einem anderen dunklen Lichtspiel beschäftigt.

Das Atelier war in der großen Kuppelhalle der ehemaligen Luftschiffwerft ausgebaut. Im Atelier lag auch das gewölbige Gerippe der Lustjacht. Der Jacht gegenüber, auf einer kühnen Tribüne, stand mit seinen Operateuren und Hilfsmannschaften Herr Gramp und brüllte durch das Megaphon seine Befehle in das Spiel. Das Spiel war in voller Entfaltung. Zwei Männer kämpften an Bord des Schiffes auf Leben und Tod miteinander. Ihr Kampf ging um Marianne. Sie stand hilflos und jammernd auf der Kommandobrücke. Ihre Kleider waren zerrissen. Durch die flatternden Fetzen schimmerte die nackte Schönheit. Die Wölbung ihrer Brust war sichtbar.

Über der Jacht und der Tribüne hing an eisernen Gerüsten ein ganzes Sonnensystem gleißender Lampen. Die Komparsen an Bord des Schiffes hielten guten Abstand und zügelten ihre Leidenschaft und Wut, um die Bilder von den Kämpfern nicht zu gefährden. Auf den Planken des Schiffes lag ein Operateur mit seinem Apparat und suchte neue Einstellungen. Lyssander hielt den jungen Erzherzog mächtig umklammert. Auch die Toilette der beiden Schauspieler war in Unordnung. Aber sie kämpften, umschlangen sich und keuchten. Das Licht der Lampen spritzte.

Marianne spielte mit. Ihr Gesicht war Angst, Aufruhr, Liebe, Haß. Sie rang verzweifelt die Hände. Die halbnackte Brust hob und senkte sich. Der Regisseur brüllte seine Botschaften nach dem Schiff. Die Komparsen rückten vor. Die Operateure drehten wie verrückt. Es war Großkampftag.

Lola Lopez stand mit Glaß zusammen auf einer anderen Tribüne und beobachtete das Spiel. Glaß war schon als Walzerkönig geschminkt und machte seine Glossen. Lola lachte und erzählte leise von Hollywood. Die runden Wände der Halle waren mit Bildern von Wien bemalt. Man sah den Stefansdom, das gotische Rathaus, das quadratische Gebirge der vielen Häuser und hinter ihnen die schweifenden und schwärmerischen Berge des Wiener Waldes. Die Jacht ruhte breit auf fester Erde, auf grüngefärbten Sand. Über dem Sand lag noch ein bewegtes, blaues Tuch und gab die Illusion der strömenden Donau.

Die Männer an Bord kämpften immer noch.

Die Komparsen rückten immer näher.

Marianne ging unter im Gewoge der vielen Männer.

Dann pfiff Gramp ab.

Viele Pfeifen gellten.

Die Operateure blieben an ihren Apparaten.

Das Sonnensystem der gleißenden Lampen ging über der Jacht unter, nur über der Regisseurbühne leuchtete noch Licht, stürzte auf den Regisseur und überflutete seinen Standpunkt.

Die beiden Männer und auch die wild andrängende Komparserie verwandelten sich auf das wüste Pfeifen hin in friedliebende Bürger. Lyssander und sein Todfeind verließen lachend das Schiff. Marianne blieb noch auf der Kommandobrücke, die Komparsen drängten sich an die Bordwand, bald zischten die Lampen wieder auf. Das Spiel ging weiter und zauberte in die Gesichter der Komparsen das Entsetzen und machte auch das Mädchen wieder verzweifelt schön. Gramp nahm das Megaphon und verkündete neue Befehle.

An Bord der Jacht erschienen zwei Männer. Sie waren wie die beiden Kämpfer verkleidet und geschminkt. Sie umhalsten sich, sie rangen miteinander und versuchten, sich in den imaginären Fluß zu werfen.

Die Lichtsonnen gleisten, die Operateure drehten, die Komparsen erstarrten, und plötzlich stürzten die beiden neuen Spieler kopfüber in die Tiefe.

Sie stürzten in die Tiefe, aber sie waren Artisten und retteten sich auf die Füße. Der Sturz wurde gedreht. Ein Operateur belauerte das Gesicht Mariannes. Die Komparserie schrie gellend auf. Die Artisten versanken im blauen Tuch über dem grünen Sand und zitterten. Gramp blieb der strenge Gott und donnerte durch sein Megaphon:

»Licht aus. Szene wiederholen!«

Die beiden Männer kletterten noch einmal auf das Schiff, noch einmal tobte der Kampf, noch einmal stürzten sie in die Tiefe. Aber diesmal stand nur einer wieder auf. Der andere lag auf dem Tuch und stöhnte. Er hatte sich den Fuß verstaucht.

Diesen Fuß machte auch Gramp mit seinem Donnerrohr nicht wieder heil. Er ließ abblenden, verließ nicht seinen Platz, schickte einen Hilfsregisseur zu dem Verletzten und gab neue Befehle zum Umbau der Dekoration. Es sollte eine Szene in der Luxuskabine der Jacht gedreht werden.

Über den Unfall wurde nicht viel gesprochen. Bei Herrn Gramp gab es ab und zu Unfälle. Herr Gramp war von seiner Firma beauftragt, dem Publikum immer neue Sensationen zu liefern. Gut. Er lieferte sie. Den beiden Artisten, die für Lyssander und den anderen Schauspieler eingesprungen waren, hatte man hundert Mark Gage zugesagt. In diesen hundert Mark war die Risikoprämie mit einbegriffen. Den verrenkten Fuß mußte der eine Springer allein und auf seine Kosten ausheilen. Die Firma hatte damit nichts zu tun.

Gramp war ein berüchtigter Regisseur.

Bei seinem bekannten Weltuntergangsfilm mußte ein junger Artist den halsbrecherischen Sprung von einer Zuchthausgalerie zwanzig Mal wiederholen, bis Herr Gramp zufrieden war.

Für diesen Sprung gab es achtzig Mark, für den geglückten Sprung, alles im allen wurde jeder Sprung, der jedem anderen Menschen das Genick gebrochen hätte, mit vier Mark bewertet.

Zu Gramp gingen die Artisten nur, wenn sonst keine andere Arbeit aufzutreiben war und wenn sie nichts zu fressen hatten. In einem seiner anderen berühmten Filme, die in der Völkerwanderung spielten, mußten die Komparsen als hunnische Reiter stundenlang in grimmiger Kälte durch die Winterlandschaft rasen, bis der Regisseur die richtigen Bilder hatte. Er selbst war gut und warm angezogen. In seinem Biberpelz spürte er die peitschenden Stürme und hackenden Schauer nicht. Die peitschenden Stürme und hackenden Schauer trafen aber die halbnackten Leiber der armen Komparsen, die für zwanzig Mark am Tag hunnische Reiter spielten. Von diesen Reitern »gingen einige Mann ein,« wie später auf dem Arbeitsgericht bei einer Klage gegen Gramp festgestellt wurde.

»Das ist Barbarei!« erklärte die kleine Lopez wütend, als der Verunglückte weggeführt wurde. »Das ist Barbarei, Mister Glaß. Bei uns springen die richtigen Spieler vom Schiff und nicht die Ersatzleute, und wenn doch ein Ersatzmann springt, ich weiß das nicht ganz gut, da kommt der Regisseur, wenn einer verunglückt und sagt: »Hallo old boy, wie sein deine Adresse. Du bekommst einen Scheck. Warum kümmert sich Mister Lyssander nicht um den Mann, der sein für ihn gesprungen?«

»Das ist die Sache vom Regisseur, Gnädigste,« antwortete Glaß, und als Gramp an ihnen vorbeiging, um nach der neuen Dekoration zu sehen, rief ihn der geschminkte Johann Strauß an: »Hallo, Herr Gramp, alles in Ordnung? Wie gehts dem armen Artisten?«

»Habe einen Mann geschickt, soll nach ihm sehen. Warum, edler und verehrter Meister?«

»Miß Lopez interessiert sich für die Höhe des Schecks, den der Ersatzmann bekommt.«

»Null, komma, null Pfund!« lachte Gramp und ging breitbeinig vorüber.

»Ich will wissen, wo sein Direktor Kreß,« wandte sich Lola an Glaß und ihre Augen funkelten, »ich will wissen und fragen, was der Ersatzmann von der Firma bekommt.«

Da erschien Daniel Kreß. Er kannte die Argentinierin und begrüßte sie lächelnd. Überhaupt lächelten sich fast alle Leute in den Ateliers zu. In fast allen Gesichtern war jenes flache Lächeln, das in Amerika erfunden wurde und als flache Schutzmarke eines flachen Optimismus auch die deutschen Gesichter umprägte.

»Mister Kreß,« stürzte sich die Lopez auf den Direktor. »Mister Kreß, was bekommen ein Ersatzmann, wenn er verunglücken bei der Arbeit. Wie hoch sein die Höhe seines Schecks?«

»Für die Aufnahme ist Gramp verantwortlich. Warum? Ist wieder ein Mann verunglückt?«

»Ja, einer von den Artisten hat sich den Fuß verstaucht,« erklärte Glaß, er wurde zynisch und sagte: »Gramp hat alles getan, was er für ihn tun konnte, er hat sich nach seinem Befinden erkundigt, Daniel.«

»Na also,« antwortete Kreß. »Aber wir werden seine Gage verdoppeln, ausnahmsweise, Miß Lopez. Wir sind zwar kein Heim für gefallene Männer,« er lachte über den Witz, »aber wenn einer fällt, muß man ihm schon wieder auf die Beine helfen.«

Dann grüßte er jovial mit der Hand und ging weiter.

»Was bekommen ein Ersatzmann für einen Sprung?« wollte Lola wissen.

»Fünfzig Mark. Vielleicht auch hundert. Ich weiß es nicht genau.«

»Davon wird kein kranker Fuß wieder heil,« erklärte Lola heftig. »Ich bitten sehr, Mister, verschaffen Sie mir die Adresse von dem Mann. Ich selbst will schreiben einen Scheck für ihn.«

Glaß rief einen Hilfsregisseur heran und erfuhr von ihm den Namen und die Adresse des Verunglückten. Die Lopez bat, daß man sie zu ihm führe. Der Hilfsregisseur brachte sie in die Garderobe der Komparserie. Dort trafen sie einen Sanitäter, der sich mit dem kranken Fuß beschäftigte. Der Artist verbiß die wütenden Schmerzen.

Lola machte keine großen Worte.

Sie schrieb einen Scheck auf hundert Dollar für Mister Sowieso oder Überbringer aus und drückte ihn dem Mann mit dem schmerzlichen Gesicht in die Hand. Sie wartete keinen Dank ab und lief davon. Sie lief zur Jacht zurück und traf dort Marianne. Sie war abgeschminkt und umgekleidet. Lola nahm ihren Arm und entführte sie. In der neuen Dekoration wurde eine neue Szene gedreht. Mister Gould, alias Seppl Wutzelmoser alias Lyssander, besprach sich mit Johann Strauß alias Bernhard Glaß wegen dem herzigen Mariandl alias Marianne Hull. Und die richtige Marianne Hull nickte Lyssander freundschaftlich zu, und die beiden Mädchen verließen die Kuppelhalle und strichen durch die anderen Ateliers. Sie gingen durch die Kulissen vieler Dekorationen und besahen sich die Arbeit der anderen Gesellschaften.

Sie sahen viele Bilder aber kein Bildnis. Die Hallen waren schon Hallen des Aufstiegs geblieben, obwohl keine Zeppeline mehr die Werft verließen. Aus dem Schutt der Kulissen aber stiegen die vielen Filme auf und gingen in alle Länder. Die beiden Mädchen hörten auf ihrem Streifzug auch die babylonische Sprachenverwirrung. Die Direktoren, die Stars, die Regisseure und auch viele Operateure konnten sich in vielen Zungen verständigen. Man hörte englisch, deutsch, russisch, französisch, jiddisch und viel ungarisch. Das alles prasselte und quasselte durcheinander.

Bei der Wanderschaft durch die Kulissen stießen Lola und Marianne auf den Regisseur Bencke, der ebenfalls von Atelier zu Atelier stromerte und sich als Führer anbot. Sie nahmen seine Führung gern an, und er vertrat seinen Meister würdig und machte viele Randbemerkungen zur Geschichte des Films. Bencke war schon zehn Jahre im Geschäft.

»Das ist die Katja Guyllasehy,« erklärte er leise, als sie einer Szene zusahen. »Die Katja spielt auch erst im zweiten Film wie unsere Freundin Marianne. Sie ist begabt. Im ersten Film spielte sie die alten routinierten Damen glatt an die Wand. Die ganze Filmkritik ist auf ihrer Seite. Kunststück, ihr Freund hat Einfluß auf die Presse. Er gab die Parole aus: »Katja muß in Deutschland bleiben. Sie darf nicht, wie die andern, nach Hollywood. Das gab ihr einen Bombenerfolg. Sehen Sie, so wird es bei uns gemacht.«

»Sein die Filmkritik so mächtig in Deutschland?«

»Nicht immer, aber manchmal schon. Da war ein junger Schriftsteller, der in einer Zeitung glänzende Filmreferate schrieb. Die Industrie wurde aufmerksam auf ihn. Gut, sagte sie, der Mann hat es in sich. Soll er uns einen Film nach seinem Herzen schreiben. Und er schrieb einen Film nach seinem Herzen. Er lieferte das Manuskript ab. Die Gesellschaft äußerte sich sehr schmeichelhaft und drehte den Film. Als man aber die Bescherung sah, war es derselbe Streifen und derselbe Kitsch, den er bei anderen Leuten allwöchentlich verdammte.«

»O, ich sehr gut verstehen,« sagte Lola Lopez, »sie haben sein Manuskript nach altem Rezept verarbeitet. Das sein ein sehr alte Trick. Und was machen der junge Mensch jetzt?«

»Er schreibt keine Filmkritiken mehr, er schreibt jetzt Manuskripte für den Film!« antwortete Bencke mit Grabesstimme, als spräche er an der Leiche eines geliebten Freundes.

»Und wer sein der böse Herr dort?« fragte Lola und zeigte auf Katjas Partner, einen eleganten, dämonischen Herrn, der verführerisch lächelte.

»Das ist einer von den Filmschurken,« kicherte Bencke. »Das ist der Bellmann, ein guter Kerl, eine Seele von einem Menschen. Er ist Pazifist und Vegetarier und muß im Film immer der ruchlose Schurke sein. Er muß den Lebemann spielen, der die armen, unschuldigen Frauen und Mädchen verführt. Dabei ist er glücklich verheiratet und steht zu Hause unter dem Pantoffel.«

»Und was für einen Film machen Sie, Herr Bencke?« fragte Marianne und riß die Unterhaltung an sich. »Warum sind sie nicht mehr bei der »Lux«?

»Ich bin schon bei der »Lux«, aber Lemansky wollte durchaus Gramp für den neuen Film haben. Ich drehe ab morgen einen andern Film bei der »Luna«. Das wird eine Hetz, Gnädigste, wir wollen sehen, wer den blödesten Film und wer das größte Geschäft dabei macht.« »Und was behandelt Ihr neuer Film?« »Das ist eigentlich Produktionsgeheimnis, aber unter uns Pfarrerstöchtern kann man schon davon sprechen. Also,« er plusterte sich auf, daß die Mädchen leise lachten, »also, der neue Film heißt: Der Treffpunkt. Da kommt ein blutjunges Bauernmädel nach Wien und trifft ihren Jugendfreund aus dem Heimatdorf. Sie verlieben sich und wollen später heiraten. Sie nimmt als Dienstmädchen eine Stellung an und er muß zum Militär. Rührend, nicht? Wenn er vom Kommiß freikommt, und wenn sie ein wenig Geld gespart hat, um ein Pferd zu kaufen, wollen sie in das Dorf zurück.«

»Was wollen sie mit dem Pferd?« fragte Lola erstaunt.

»Wollen sie zum Dorfe zurückreiten?« fragte Marianne.

Bencke lachte.

»Haben Sie eine Ahnung von der Landwirtschaft! Sie brauchen das Pferd natürlich für ihren Hof, für ihren Acker. Das alles besprechen die beiden, und ehe der Bursch einrückt – sie hat schon Arbeit – kommen sie noch einmal zusammen. An einem Sonntag. Sie hat nur bis zehn Uhr Ausgang, aber ihr Don Juan behält sie die ganze Nacht bei sich. Ist das nicht furchtbar? Und als die Kleine am nächsten Morgen zu ihrer Herrschaft kommt, wird sie sofort entlassen. Was soll sie nun tun? Nun, sie geht in ein Freudenhaus!«

»Pfui!« sagte Lola.

»Ja, pfui! aber sie will ja sparen für das Hottehühpferdchen! Sie sagt ihrem Soldaten kein Wort von ihrem neuen Beruf, und er merkt nichts. Und das geht ein ganzes Jahr so weiter.«

»Wenn das nur gut ausgeht!« bemerkte Marianne.

»Ja, wenn das nur gut ausgeht,« wiederholte Bencke. Dann erzählte er gleichgültig und mit leisem Hohn weiter: »Das Mädchen hat das Geld für das Pferd beinahe zusammengespart, da merkt es ihr Soldat doch. Er wendet sich entsetzt und moralisch von dem leichtfertigen Fräulein ab. Seine Militärzeit ist um. Er geht in sein Dorf und verlobt sich mit einer andern. Das neue Mädchen hat viel Geld und bringt gleich drei Pferde mit in die Ehe.«

»Und was geschehen mit dem andern Mädchen?« wollte Lola wissen.

»Das andere Mädchen hat sich endlich das Geld für das eine Pferd zusammengespart. Sie verläßt ihren lasterhaften Beruf, kauft ein schwarzes, feuriges Pferd und reitet nach dem Dorfe zurück. Sie kommt gerade zur rechten Zeit. Ihr Freund, der sie verlassen hat und von dem sie immer noch glaubt, er liebe sie, ihr Freund feiert gerade Hochzeit.«

»So sind die Männer,« sagte Lola tragisch.

»Was soll nun das verlassene Mädchen machen?« fuhr Bencke in seiner Erzählung fort.

»Sie reitet in die Stadt zurück!« riet Marianne.

»Nein, sie geht ins Wasser! Es ist schrecklich, was so ein armes Mädchen vom Lande alles mitmachen muß,« schloß Bencke seufzend.

Die beiden Mädchen lachten.

»Und das soll Konkurrenz für meinen neuen Film sein?« fragte Marianne.

»Schwere Konkurrenz. Die Verleiher werden uns den Film aus den Händen reißen!«

»Und wer spielt das Bauernmädchen mit dem schwarzen Pferd?« wollte Marianne wissen und erwog dabei die Möglichkeiten dieser Rolle.

»Ein Girl von den Ziegfields ... Ein Star ...« »Bei Ziegfields sind die schönsten amerikanischen Mädchen,« erzählte die kleine Lopez, »die kleinen Ladenmädchen träumen alle davon, in die Truppe einmal aufzutreten.«

Sie kannte die Ziegfieldtruppe ganz genau und erzählte weiter von der harten Arbeit der Mädchen. Sie lebten wie in einem Mädchenpensionat, mußten früh schlafen gehen, auf Diät halten, jeden Tag tüchtig trainieren und Sport treiben und, wenn sie sich verloben wollten, bei dem strengen Mister Ziegfield erst um Erlaubnis fragen. Es war ähnlich wie bei den großen Gesellschaften in Hollywood, die ihren Stars auch strenge Kontrakte vorschrieben, zum Beispiel, wie schwer sie sein durften, was für Sport sie treiben mußten und so weiter. Sie schloß damit, und erklärte, sie liebe vor allen Dingen den Film, weil er vornehmlich eine grandiose Körperangelegenheit sei.

»Ja, das ist er heute, aber bei aller Bigotterie ist der Film heidnisch!« antwortete Bencke. »Er ist heidnisch mit vielen Feigenblättern.«

Sie gingen weiter und verweilten bei einer anderen Aufnahme. Bencke begrüßte den Regisseur und stellte die Damen vor. Sie besahen sich einige Minuten auch dieses Spiel. Die Szene rollte in der Dekoration eines nächtlichen Hotels ab. Der Star stellte jenen Frauentyp dar, der den rechten Weg verloren hat und durch viele Abenteuer gehen muß, bis am Ende die Moral gerettet und die Ordnung wieder hergestellt ist. Natürlich durch eine legale Heirat. Der Star spielte mit Hingabe und war heute eine leichtfertige Prinzessin, morgen vielleicht eine Nutte, dann eine große edle Dame, um dann ein andermal als dämonische Tänzerin das Herz eines Millionärs zu verwirren.

Im Nachbaratelier wurde Silvester gefeiert.

Der Herr Regisseur thronte wie Gramp mit seinem Stab und seinem Megaphon auf einer fahrbaren Holzbühne.

Der blonde und berühmte Star spielte auf einem Saxophon, sein weltbekannter Partner hatte sich einen vergoldeten Papierhelm aufgesetzt und schleuderte bunte Papierschlangen in den aufgeregten Jubel eines festlichen Balls. Die Komparsen waren in Gesellschaftskleidung (zwanzig Mark für den Aufnahmetag) und markierten große Freude und bacchanalische Ausschweifung.

Das Klavier klimperte:

»Ein Gentleman, ein heißer Blick...«

Der Regisseur stoppte das Spiel.

»Ihr habt kein Temperament,« brüllte er in das plötzliche Schweigen hinein, »Herrschaften, hopst und springt, es ist Silvester und kein Begräbnis, was wir heute spielen!«

Der blonde Star verzog das Gesicht. Die Komparsen rasten und lachten wie Irrsinnige. Das Licht flutete. Das Atelier dröhnte. Die getünchten Holzwände mit dem goldnen Stuck zitterten. Der Regisseur war zufrieden. Bencke führte seine Damen weiter.

Sie sahen noch viele Bilder und standen einige Minuten bei einer neuen Dekoration. Sie sahen ein Liebespaar in herzlicher Umarmung vor dem Kurbelkasten. Aber schon nahte das Unheil. Das Idyll wurde durch ein eifersüchtiges Mädchen gestört, das aus einem nahen Geflügelhof Hühner, Gänse und Enten in das Zimmer flattern ließ. Auch ein Ziegenbock und ein Schwein wurde zu den Verliebten geschickt. Sie fuhren auseinander und sahen das Gesicht der Eifersüchtigen am Fenster. Sie drohten mit pathetischen Fäusten.

Die Tiere benahmen sich vernünftiger als die Menschen. Die Enten und Gänse entfalteten ihre Flügel, der Ziegenbock knapperte an den frischen Blumen und ließ sich von dem blitzenden Licht nicht stören. Das Schwein war vollkommene Würde und tierischer Ernst und begann erst dann aufzuquieken, als es aus der Dekoration getrieben wurde.

Das blendende Licht, das quiekende Schwein, das eifersüchtige Mädchen und das aufgestöberte Liebespaar, all das erregte lautes Gelächter bei Marianne und Lola. Sie verließen mit Bencke den Fetzen deutsches Lustspiel und kamen am Schluß ihrer Besichtigung in eine andere Welt. Sie sahen die Illusion einer Stadt, sie sahen das alte, kaiserliche St. Petersburg.

Der Architekt hatte eine Villa hingestellt, eine Kaserne, drei Straßen und einen Teil der Peterpaulfestung, das alles war in diesem Atelier und vereinigte sich dann in der Aufnahme zu dem Panorama einer ganzen Stadt. Der Mittelteil der Dekoration war beweglich und ein technisches Meisterwerk. Große und kleine Bauten wechselten grotesk und traumhaft ab und erschienen dann doch im Bild als die Stadt St. Petersburg.

Die flüchtigen Besucher sahen den Vorbeizug eines zaristischen Husarenregiments. Auf schneeweißen Pferden ritt die Bataillonsmusik voran. Der Pauker war ein Hüne, die Reiter waren goldgepanzert. Unter den Komparsen befanden sich viele ehemalige Gardeoffiziere, die von der Revolution vertrieben waren. Sie trugen berühmte Namen und durften jetzt im Exil in der strahlenden Stunde der Aufnahme wieder einmal vom Sturz der Sowjetmacht träumen. Der Film wurde von den Amerikanern finanziert, aus politischen Gründen, um gegen die Sowjetfilme zu arbeiten, aber auch aus finanziellen Gründen, denn Rußland war große Mode und gutes Geschäft.

Bencke war ein charakterloser Mensch, aber das hing wohl mit seinem Beruf als Regisseur zusammen. Wenn man heute einen Hurrafilm und morgen einen Kriegdemkriegfilm drehen muß, da kann man sich unmöglich Charakter leisten. Und wenn man sich zehn Jahre mit idiotischen Drehbüchern beschäftigt, verbindet man mit der Zeit, es sei denn, der Regisseur reitet sich in die kühle Technik der Arbeit. Bencke war nicht verblödet, er hatte sich in die Technik gerettet, er hatte einen stachlichen Freund, den Glaß und war selbst ein skeptischer Herr. Von dem Regisseur des Russenfilms erzählte er eine boshafte Geschichte. Dieser Regisseur war, trotzdem er im Lichte arbeitete, kein Licht.

»Vor dem Russenfilm hat er seinen Biedermeierfilm machen sollen. Sie wissen ja, meine Damen, Krinolinen, lange Höschen, die Komik der Mode, wie sie uns Buster Keaton so ausgezeichnet vorgespielt hat,« erzählte Bencke, »unser Freund, der Regisseur, wie gesagt, kein Licht unter den Lichtern, bemerkte zu seinem Produktionsleiter, als davon die Rede war: »Biedermeyer, Biedermeyer, äh, ich kenne Biedermeyer doch gar nicht, muß ein neuer, unbekannter Mensch sein. Wir haben ja schon den Petrojitsch verpflichtet.« Der Produktionsleiter wurde beinahe ohnmächtig und übergab einen anderen Regisseur diesen Film. Und nun heißt der Unglückswurm unter uns Kollegen: Herr Biedermeyer!«

Marianne lachte laut und fröhlich.

Lola blieb stumm, bis ihr erklärt wurde, was in Deutschland unter dem Namen Biedermeier zu verstehen sei. Dann lachte sie auch und erzählte eine ähnliche Geschichte aus Hollywood, aus den Anfängen des Films, bis sich die großen Macher der Gesellschaften ausgezeichnete Fachleute in allen Fragen verschafften.

Aus allen Ateliers kam Gebrüll und Musik. Hämmer klangen. Die Arbeiter stürzten oder bauten an Dekorationen. Die ganze Welt wurde noch einmal aufgebaut, die Geschichte verfälscht, die Gefühle verwirrt, die Verlogenheit großgezüchtet. Neger und Chinesen, Gentlemen und Tramps, Dienstmädchen und große Damen, Nonnen und Huren, arme Teufel und Millionäre, Paläste und Spelunken, Zuchthäuser und Kirchen: das alles war zu sehen, das alles wurde gedreht, das alles verwandelte sich in blendenden Film und wurde ebenso gefressen wie das tägliche Brot. Die Industrie wußte schon, was sie bauen und aufnehmen ließ.

»Meine Damen, es war mir ein großes Vergnügen,« sagte Bencke und verabschiedete sich, »ich wäre sehr glücklich, zu wissen, ob die Damen heute Abend etwas besonderes vorhaben. Ich würde mich mit Wollust anschließen.«

»Wir gehen zum Sechstagerennen!«

»Dann auf Wiedersehen!«

Marianne und Lola spazierten nach der Lustyacht zurück.

Die Szene zwischen Mister Gould und Johann Strauß war zu Ende.

Die Lampen und Quecksilbersäulen verlöschten.

Lyssander küßte den Damen die Hände, und bald saß er mit ihnen und den Stars und Regisseuren in der Künstlerklause zusammen. Einige Schauspieler hatten sich schon abgeschminkt, die anderen kamen mitten aus der Arbeit und bevölkerten als Bauernburschen, Offiziere, Arbeiter oder Lebemänner den Raum. Zwischen ihnen saßen geschminkte Kokotten, kleine Ladenmädchen, heroische Damen. Am Nachbartisch hockte ein ungarischer Regisseur mit einem Produktionsleiter zusammen und Lola hörte, wie er beschwörend sagte:

»In Bayern da ist noch urwüchsige Kraft, Herr Direktor. Mit den Bergen und den Bauern, die da Hillen herumstehen, mache ich Ihnen einen Film, einen I Um, sage ich, einen Schlager, ein großes Geschäft!«

»Ich werde mir die Sache überlegen. Bringen Sie ein Exposé, dann werden wir weiter sprechen,« antwortete der Produktionsleiter.

Mir Stunde Pause ging schnell vorüber.

Dann begann die Arbeit.

Die Lampen und Quecksilbersäulen flammten, die Musik hämmerte, die Komparsen marschierten, tanzten, tafelten und waren Hintergrund, die Regisseure brüllten, die Architekten entwarfen indische Tempel, russische Blockhäuser, Berliner Spelunken, Geschäftigkeit und Geschäft erfüllte die Werft. Die Telephone klingelten, die Presse schickte ihre Berichterstatter, sie küßten den Stars die Hände und machten ihre Notizen, aus dem großen Maschinenhaus klang der hymnische Lärm der großen Umformerstation, die den elektrischen Wechselstrom in Gleichstrom verwandelte, die Portiers bewachten wie bissige und verdrossene Soldaten die enge Tür zum Glück, die Tür nach den Ateliers; aus verstaubten Fassaden und Giebeln wurde ein Lustschloß errichtet.

Lola war mit Mister Guerra, der plötzlich behutsam auftauchte, nach Berlin gefahren. Kreß verhandelte mit Lemansky und Marianne entfaltete in einer neuen Szene ihre großen Talente. Und am Abend traf sich die ganze Gesellschaft zum Sechstagerennen im Sportpalast.

Auf der Potsdamer Straße huschten die Autos und Taxis. Es war viel Betrieb, Unruhe, Stockung und langsames Fluten der unzähligen Wagen. In Berlin gab es zweihunderttausend Arbeitslose, die Selbstmorde häuften sich, aber von all dem Elend in der Viermillionenstadt war in der großen Arena nichts zu spüren. Oben auf den Rängen hing das Volk, die sportbegeisterte Jugend und hatte ihre Lieblinge auf der lichterhellten Bahn. Ein berühmter Boxer, der aus Amerika gekommen war und mit gewaltigen Schwingern anderen Faustkämpfern den Lorbeer von den buckligen Stirnen hieb, gab den Startschuß und schickte die Fahrer auf die große Reise. Sechs Tage und sechs Nächte ging die Fahrt.

In der dritten Stunde begannen die ersten Vorstöße.

Die Ränge explodierten.

Zehntausend Menschen rasten vor Begeisterung.

Aus der Meute schoß ein kleiner, flinker Fahrer mit feuerrotem Trikot, gewann plötzlich Boden, lag zehn Meter, zwanzig Meter, dreißig Meter und dann, angefeuert von seinen Anhängern, hundert Meter vor den anderen, die verzweifelt und krumm auf ihren Rädern säßen und nichts als zuckende Tretmaschinen waren. Der Ausreißer wurde gut abgelöst, sein Partner jagte weiter und hatte das gesprengte Feld beinahe erreicht, als ein großer, hagerer Fahrer gewaltig in die Pedale trat. Es war, als ob eine blaue Flamme über die Kurven rase um das rote Feuer da vorn einzuholen. Und der Mann in dem blauen Trikot holte den Mann mit dem roten Trikot rasend ein. Neuer Beifall erschütterte das Haus und in der Lawine des Beifalls holten die anderen Fahrer das Feld auf und umschlossen mit ihren bunten Trikots den roten Radler.

Wie in den Kulissen der Filmateliers hingen gleißende Lampen in der dampfenden, erhitzten und donnernden Halle. Sie strahlten gleichmütig über allen Jagden, über allen Stürzen, über allem Geschrei und allen Prämien. Raserei erfaßte alle Besucher. Es war, als sausten auch sie mit um die Bahn, als läge die Seligkeit der Erde darin, zu fahren, zu fahren, vorzustoßen, nicht zu ermatten und unter dem prasselnden Beifall vieler Tausender eine Runde zu gewinnen.

Lyssander und Marianne, Lola Lopez und Mister Guerra, Bernhard Glaß und sein Freund Bencke saßen in einer Loge und waren auch vom Fieber der Fahrt erfaßt. Über ihnen, in den Rängen, hing immer noch das Volk und schrie, höhnte, pfiff gellend oder klatschte Beifall. Und die Fahrer kreisten und flogen ihre Runden, bei den Spurts traten sie heftiger an und häuften Punkte. Manchmal lächelten sie verzerrt, manchmal winkten sie mit der Hand oder tranken mitten in der Fahrt und warfen die blechernen Flaschen den Helfern zu.

Von allen Fahrern tat sich in dieser Nacht ein baumlanger Italiener vor, der Mann mit dem blauen Trikot, der den roten Ausreißer eingeholt hatte. Der Italiano war der Liebling der Ränge und der Logen, und als er nach Mitternacht eine Runde gewann – sein Vorstoß war blitzschnell und nicht zu berechnen –, da brüllten auch die Filmleute in der Loge wie die Metallarbeiter, Buchhändler, Laufburschen und Sportler in den Rängen:

»Spaghetti! Spaghetti! Spaghetti!«

Der Italiener, der einen ganz anderen Namen hatte, winkte lachend mit der Hand und zeigte sein schimmerndes Gebiß. Er ließ sich dann von seinen Helfern vom Rade heben und nach der Kabine führen. Über der Kabine saß auf der Brüstung des Innenraums seine schöne Frau und warf ihm eine Rose zu. Er hob sie auf und küßte sie. Die Fahrer waren ermattet und traten ihre Runde.

Diese ruhige Fahrt benutzte ein Belgier zu einem Vorstoß. Er hatte schon hundert Meter gewonnen, da stieß ein junger Franzose vor, wieder raste der Beifall, der Italiener kam aus seiner Kabine und löste ab, aber schon hatte der Franzose den Belgier eingeholt und das Feld herangeführt. Die Fahrer saßen müde auf ihren Rädern. Die Runden rollten sich rhythmisch ab, die Fahrt wurde gemächlicher, bis die Zuschauer ein Schauspiel sehen wollten und die Fahrer mit Hohn und gellen Pfiffen aufhetzten und vorwärtstrieben.

Aber diesmal kam kein Vorstoß.

Diesmal kam ein Sturz.

Lola Lopez hatte eine Prämie von hundert Mark gestiftet, um die sich vor allem der Italiener bewarb, der »Spaghetti« gerufen wurde. Aber er hatte einen Nebenbuhler. Der kleine Belgier wagte mit ihm die Wettfahrt und in der Kurve stürzten die beiden Fahrer, daß das Rennen neutralisiert werden mußte. Spaghetti kam gut davon, aber der Belgier renkte sich das Schulterblatt aus und mußte ausscheiden.

Lola Lopez weinte über den Sturz und gab sich selbst die Schuld.

»Die verdammte Geld,« sagte sie seufzend und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht, »ich wollte stiften Glück und haben gestiftet Unglück!«

Sie blickte Bencke flehend an und ließ sich gern von ihm trösten und davon überzeugen, daß sie keine Schuld habe. Aber sie war unruhig und wollte aufbrechen. Auch die andern verließen den Sportpalast, und als sie auf der Straße waren und sich an ihren Autos verabschiedeten, hatte sich die kleine Lola Lopez wieder in der Gewalt.

»O, Berlin sein doch eine große Stadt,« sagte sie, Deutschland sein ein sehr interessant Land. Ich fahren morgen früh mit Mister Guerra nach Paris und werde bald schreiben meine Freunde von die Sterngemeinschaft. Ich bleiben in Paris ein ganzes Jahr und würde sein glücklich, wenn Sie kämen auf Besuch, Marianne, das würde sein sehr schön.«

Marianne blickte Lyssander an, und als er mit den Augen Ja sagte, antwortete sie:

»O, Lola, ich komme gern im Frühling. Darf Herr Lyssander mitkommen?«

»Es wird für mich sein eine Ehre,« zwitscherte sie, »und wir werden reisen nach Nizza oder Monte Carlo. Addios! Addios!«

Ihr Wagen fuhr an.

Bencke und Glaß verabschiedeten sich. Lyssander und Marianne fuhren heim. »Hast du mich lieb?« fragte er. »Ja, sehr!« sagte sie und küßte ihn. »Freust du dich auf Paris?«

»Wie ein Kind auf den Weihnachtsbaum,« antwortete sie und erzählte von jenem Morgen in Berlin, als sie aus dem Tiergarten kam und auf dem Bahnhof Friedrichstraße aus den Fahrplänen eine Reise nach Paris zusammenstellte. »Und ich habe dich gehaßt,« flüsterte sie und empfand plötzlich die ganze Geschichte nur als Film, aber da sie Schauspielerin war, spielte sie weiter und sagte: »ich habe damals auf der Litfaßsäule dein Bild gesehen und habe dir ins Gesicht geschlagen. Du zeigtest deinen Film: Triumph der Liebe an. Ich war ja damals so unglücklich!«

»Und jetzt?«

»Jetzt bin ich glücklich!«

 << Kapitel 9  Kapitel 11 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.