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Aufsätze

Hans Paasche: Aufsätze - Kapitel 28
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authorHans Paasche
booktitleÄndert Euren Sinn!
titleAufsätze
publisherDonat Verlag
editorHelmut Donat und Helga Paasche
year192
isbn3-924444-49-8
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Das verlorene Afrika

 

 

Coelum, non animum, mutant qui trans mare currunt.

(An neuer Küste landen sie mit der alten Gesinnung.)

Horaz, Epist. I, 11.

 

 

Ich trete hin und spreche mit Dir, Issigati von Karagwe. Du sitzest wieder am Wegerand unterm Tulpenbaum und fragst. Die Stirn unter deinem Kraushaar ist die eines Menschen. Deine feinen Hände greifen naiv nach den blonden Zöpfen meiner Gefährtin. Du glaubst, ich sei weise, weil ich Bücher habe, sei glücklich, weil mein Weib mit mir ist und mit mir täglich Formen zerbricht und Vorurteile zerstäubt. Du beneidest mich; denn Du vermutest vielfaches Leben der Seele hinter Zeltwänden, zwischen Schriftzeilen, und wenn spät der Mond über der Steppe steht und meine Saiten tönen. Der Rauch eurer Feuer zieht herüber, wenn der Wind unvermutet zurückkehrt und diese zarten Schultern küßt, der Träumenden. Ein Löwe brüllt hinter dem Hügel. Schließet das Dornverhau. Es schützt uns, eine Welt, ein Glück. Aber weshalb fließen Tränen, zittert zarte Berührung und Todesangst? Die Wildnis, Issigati, feiert seit Jahrtausenden schmerzende Brautnacht. Ihr kamt einst zurück von den Pyramiden. Saht Ihr Apollonius von Tyana am oberen Nil, wie er mit Euch Gymnosophisten sprach? War es ein Seufzer reinen Glückes, als der Stern von Nazareth in Numidien leuchtete, während Europa schon dunkel wurde vor allem unchristlichen Christentum? Die Palmen rauschen, die Welle des Nyanza wälzt bleichendes Gebein an den Strand. Brände kriechen Schluchten hinauf. Homerische Verse rollen über die sperrenden Sümpfe. Ach, diese Einheit! Weshalb Schwermut, wenn wir doch alle Menschen sind, und diese Sonne morgen wieder lacht? Weil, Issigati, Gifte Europas in mir sind!

 

Ich aber bin kein Hunne. Und deshalb spreche ich zu Euch etwa, Romain Rolland und Woodrow Wilson, zu Dir, Iwan, ich kenne Dich nicht; Du lebst in der Heimat Dostojewskis, und zu Dir, Du mir innig verwandter gelbhäutiger Bruder irgendwo am Jangtse, heißt Du Ku Hung-Ming oder sonstwie. Jedenfalls liest du den Tschuangtse mit demselben Nervenzittern wie ich. Wir alle, und Issigati, knien vor dem Schicksal, das uns zugleich Leben ist, Wonne und Schmerz. Ein süßer Widerhall, tief, neu, ewig. Ich gelte unter Euch als der letzte, weil ich ein Deutscher bin, und bin der Erste, weil ich mehr bin als unkompromittiert. Euch allen ist es versagt geblieben, durch das Gestrüpp deutscher Erziehung hindurchzugehen, und dennoch Mensch zu werden. Ihr hattet gar keine Gelegenheit, Euch zu kompromittieren. Das habe ich vor Euch voraus. Ich habe, wie alle freien Deutschen – dies Wort ist nicht contradictio – keine Jugend gehabt. Knechtsgeist umwehte meine Kindheit; nicht leben sollte ich, nicht lieben, weil die Unfreien und Feigen, diese vorige Generation, den ganzen Haß der Unerlösten als Erziehung auf mein aufblühendes Leben warfen, bis sie in ihrer Teufelei mich gerade für gut hielten, für ihre Narrheiten in den Tod zu gehen. Ich verkörpere deutsches Schicksal. Aber ich lebe, trotz alledem. Über einer Gruft, in Pestgeruch, während das Scheusal, das an meinem Lebensglück fraß, noch atmet, grinst, verdaut.

 

»Man könnte erzogene Kinder gebären. Wenn die Eltern erzogen wären!« Für Menschen und Völker wird Schicksal das Maß von Freiheit, in das sie hineingeboren wurden. Deshalb auch: nur was die vor uns Gewesenen für die Freiheit taten, können wir ihnen lohnen. Für die Wildnis wird, solange kolonisiert wird, der Zufall Schicksal, wieviel revolutionäre Tat die Völker hinter sich haben, die mit Schießpulver und Druckerschwärze zu ihr kommen. Deshalb ist es nicht gleich, welche Völker Platz an der Sonne haben.

 

Es wird nicht immer kolonisiert werden, oder vielmehr, alle werden überall und gegenseitig kolonisieren. Fahnen werden zerrissen werden oder nur über Heimat wehen, also nicht da, wo sie Symbol der Ausbeutung sind. Nur der Gedanke und das Herz werden Platz an der Sonne haben, nur sie kolonisierende Kraft. Versteht man, wenn ich sage: der einzige Weg, Afrika zu gewinnen, führt in die eigene Brust und der wird Äthiopien beherrschen, der das meiste für die Freiheit tat? Die Wildnis und alle Unberührtheit der Völker ist wie ein echtes Weib. Sie wird den nicht lieben, der sich ihr naht, sie zu belehren und zu knechten, sondern den, der ihr zu lauschen weiß! Wie arm und elend sind wir geworden, weil wir den Schwarzen unsern schädlichen Begriff von Leben und Arbeit brachten, und Weltmarktware aus ihnen erpreßten; und wieviel verdankt unsere Kunst der Unkultur, seit wir vor Holzgötzen andächtig stehen, und aus schwarzen Händen nehmen, was sie gerne geben. Es gibt nur eine Möglichkeit, Volk unter Völkern zu sein; glückliches Volk: sich restlos in die andern zu verlieben.

 

»Wir sollen also wieder der Michel sein, indes andere, der Franzose, der Brite, der Amerikaner die Welt im alten kapitalistisch-imperialistischen Stile ausbeuten!« Welch törichter, vom eingepaukten Vorurteil diktierter Einwand! Sobald wir aufhören zu knechten und zu rauben, werden die freien Menschen anderer Völker den Gewaltanbetern in ihren Völkern nicht mehr erlauben, Kolonialpolitik zu treiben. Das Gespenst Nation hindert auch in andern Völkern die Edlen, sich gegen die schlechten Instinkte und Traditionen frei zu entfalten. Wer weiß bei uns, daß die britischen Männer, die bei uns als Kriegsgewaltige verschrien sind, Gegner des Burenkriegs waren? Unsere Meinungsmacher, die pastoralen und anderen Giftdrüsen, wissen es so hinzustellen, als ob der Engländer als solcher ein Wesen sei, das aus Grundsatz perfide gegen den unschuldigen Deutschen handle.

Ich hatte von Afrika erzählt, von der Freiheit, Schönheit, Fruchtbarkeit ferner Welt. Die beiden jungen Menschen glühten. Er sah durch das zerbrochene Wagenfenster in die deutsche Landschaft. Da lagen eng abgegrenzte Felder. Menschen arbeiteten darin. Waldstreifen, eine Fabrik, der Schornstein ohne Rauch. Der Vorplatz leer. Kein Rohstoff. Der Zug hielt. Unzählige Menschen irrten hin und her. In dürftigen Kleidern. Die Gesichter stumpf, ohne Glück. Einer brachte Zeitungen mit und legte sie auf die skalpierten Wagenpolster. Nichts mehr von Kriegsanleihe; andere unverstandene, unverständliche Dinge. Die Abbildungen sinnlos, ekelerregend. Nichtssagende Gesichter derer, die als betriebsam gelten konnten. Schließlich wandte sich der junge Mann wieder zu mir: »Das wird mir keine Ruhe mehr lassen. Alle die Herrlichkeiten sind da, während wir hier leben, sind zu gleicher Zeit mit uns da, und wir leben daran vorbei. Das können wir uns nicht leisten. Was hindert uns denn hinauszugehen? Ich bin zufrieden, wenn ich eine Hütte habe, neben Bananen und Kokospalmen. Sagen Sie mir, was ich nötig habe, um nach Afrika zu gehen.«

Nach Afrika! Ich dachte an eine Quelle am Fuße eines Berges. Unendlich dehnte sich dort das herrenlose Land. Der Boden gab ungedüngt Ertrag. Antilopen weideten in der Steppe. Schlanke schwarze Menschen kamen und boten ihre Hilfe an. Ich dachte an eine Insel im Binnenmeer, wo einst meine Hütte stand und wo zwei Menschen glücklich waren. Der Gesang der Ruderer klang über das Wasser. Hochgetürmt in den Booten Säcke mit Reis. Fruchtbarkeit, die nach fernen Ufern drängte. »Was Sie nötig haben«, sagte ich, »um dort leben zu können? Daß Sie keine Ketten tragen, freie Menschen sind, nicht Herr, nicht Knecht sein wollen.« Er sah mich beinahe ängstlich an und seufzte. Das war noch das alte Gesicht des Deutschen, der glaubt, mit Geld, Tüchtigkeit und Wissen allein bereit zu sein für die Welt.

Eine Änderung des Denkens tut not. Mit einer neuen Gesinnung in die Welt, in die Zukunft gehen. Weshalb wollen sie auswandern? Um irgend einer Unerträglichkeit zu entgehen, einer Unreinlichkeit, einer geheimen Macht. Wir fühlen es: da ist etwas, was uns gefangen hielt im Untermenschlichen. Ein Mittelalter, das hineinragt in die Gegenwart. Rückständigkeit, mit der gerade das Wort deutsch verbunden ist, auch wenn sie sonst überall zu finden ist. Die Welt ist uns verschlossen, wenn wir sie mit den alten Idealen betreten: wirtschaftlich, kapitalistisch, imperialistisch. Ob wir das mit sonst etwas stützen, mit Wissenschaft oder Gott. Was bei uns Kolonialpolitik genannt wurde, das war alldeutscher Spuk geworden. Menschliche, allgemeine Regungen, verbunden mit dem Machtwahn, dem Herren- und Knechtsgeist. Der Begriff »Nation« war totgeritten worden. Nation: ein »stolzes Wort für eine schlechte Sache.« Schrill und eintönig klang es: Wir sind wir! Unser Recht; Platz an der Sonne; Wir über Alles; deutsch; in der Welt voran; Wach auf zur Macht! Und immer der Wahn, es sei ein Deutschland durchzusetzen mit Gewalt gegen andere Länder, Völker, Mächte; es gebe ein Sonderinteresse: »Deutschland braucht, wir brauchen, der Arbeiter braucht.« Was Worte andeuten: Nationalökonomie, nationalliberal. Im allgemeinen eine zu simple Auffassung; Warenhäufung, Erzeugung, Verschiebung; Steigerung der Fingerfertigkeit, Sparsamkeit, Organisation, Vereinfachung, Nützlichkeit, Zweckmäßigkeit im Dienste dieses einen: der lieblosen, öden, toten Macht, die sich nennt vaterländisch oder national. Fehlt nur ein Götze obendrauf, der züchtigt oder Lohn verheißt. »Große Zeit«, in der alle untermenschlichen Instinkte in ein »feste druff« münden, bringt dem Volke solche Figur.

Könnte das ein Auswandern sein, könnte ein neues Dasein kommen, wenn die alten Götzen mit hinausgingen? Und noch ist das so; die Menschen wandern aus und nehmen ihre Vorurteile mit. Deshalb steht am Anfang der großen Reise die Forderung nach einer neuen Gesinnung. Mächtig ertönt der Ruf: Hinaus! In die Ferne, in die Welt. Es heißt nichts anderes als: Brecht Ketten und seid frei. Und mancher, der dem Rufe folgt, wird das ferne Land nicht sehen und doch in neuer Heimat sterben, frei und glücklich; wenn er nur den ersten Schritt vor dem zweiten tut. Wer aber nicht auswandert aus seinem alten Menschen, der wird in keiner Steppe frei. Und mehr: er wird nie an ferner Küste landen. Denn das ist das ungeheure Ergebnis des Weltkrieges: die Völker der Erde haben sich verschworen, Waffengewalt, die früher im Dienste der Selbstsucht und Unterdrückung stand, in den Dienst der Freiheit zu stellen und die brutale Macht mit ihren eigenen Mitteln zu hindern, je wieder das Gebiet dieser Erde zu verpesten. Von hier aus hat sich alle Kolonialpolitik neu einzustellen.

Die wenigsten Deutschen wissen, welche Kluft sie von der übrigen Menschheit trennt, und daß ihnen nie irgendein Mittel zur Verfügung stehen wird, der Welt ihre alten Begriffe von Sittlichkeit zu predigen. Der deutsche Gedanke ist tot – in der Welt.

Nicht mehr gibt es den Wahn, ein Volk könne, im Besitz der reichsten Sprache, begabt mit allem, was Menschen auszeichnet, die Freiheit und das Recht verleugnen und der Welt ein Ideal der Knechtschaft aufzwingen. Mancher wird sich auf das berufen, was Deutsche im Zeichen der früheren Macht geleistet haben, wie sie Waren häuften, Wege bauten, schnell fuhren und transportierten, wie sie die Zahl der Analphabeten verminderten. Er hört die Antwort: das alles ist schädlich, wenn es im Dienste der Unterdrückung steht; deshalb kein Fußbreit Landes dem, der tüchtig ist im Dienste der Gewalt. »Wir Deutsche sind aber nicht nur tüchtig in Technik und Organisation, wir leisten etwas in der Wissenschaft.« Schweigt! Soweit es möglich war, haben die deutschen Professoren sich zu Dienern des Militarismus gemacht. Und wo sie nichts anderes zu geben hatten, da haben sie das Gewicht ihres Namens in die Waagschale geworfen, um das zu bekräftigen, was die Gewalthaber wollten. Alles, worauf Deutsche sich was einbildeten, ist in Mißkredit gekommen und wird es bleiben. Der Polizist, der Unteroffizier, der Oberlehrer und Professor. Nur einer kann gelten, der einfache Mensch, wenn er gründlich verachtet, was ihm von Katheder, Kanzel oder Gaul herab an Weltanschauung beigebracht wurde. Er wird dann auch die rechte Ehrfurcht haben an rechter Stelle. Vom Menschen zum Menschen führt ein gerader Weg. Der war bis heute versperrt, durch allen Irrtum, mit dem Gewalt und Lüge arbeiten muß, um zu herrschen.

Mache dir das ganz klar, Deutscher: Du bis ausgestoßen aus der Gemeinschaft der Völker, wenn du nicht endlich Erbitterung zeigst gegen das System, das dich zum Henker deiner Nachbarn machte und dich schließlich selbst zerschunden hat. Du hast dich anstiften lassen, friedliche, glückliche Länder zu überfallen und in eine hoffnungslose Wüste zu verwandeln. Dein feldgrauer, animalischer Gehorsam hat das Elend, die Trauer und Kraftlosigkeit dieser Zeit herbeigebracht. Und du sprichst nur von deutschen Interessen, bevor du einmal die Tränen der Verzweiflung mitgeweint hast, die die ganze Menschheit weinen muß beim Anblick der Landstriche, in denen wir Siegfried- oder Hindenburgstellung spielten. Die Welt steht dir nicht offen, bevor du Mensch wirst. Es war deine historische Bestimmung, die Begriffe Vaterland, Nation bis zur Verrücktheit zu übertreiben; jetzt erkenne deine Verführer, die Schuldigen des Weltkrieges, die Oberlehrer und Kriegspastoren, dies Gemisch von Biederkeit, Heuchelei, Opportunität, dies kriechende Untermenschentum mit Phrasenschwall. Es gibt keine Brücke zu dir, wenn du dir diese Sippe nicht unterordnest und deine Ehrfurcht an die richtige Stelle sendest: zu dem Menschen in dir selbst oder im andern, im gesteigerten Menschen, dem freien und schaffenden.

Du sollst auswandern aus deinen Vorurteilen und künstlichen Ehrgefühlen, damit du selbst glücklich wirst. Ein doppelter Riß geht durch unser Volk. Die Freien stehen den Reaktionären gegenüber, unversöhnlich; und zwischen der Jugend und ihren Vätern gähnt eine Kluft so groß, wie kaum je zwischen zwei Generationen. Wenn Eltern wüßten, wie revolutionär die jetzt tätige Jugend fühlt und gerade Sprößlinge adliger, militaristischer, kapitalistischer Familien, sie würden schaudern. Weiter unten kommt dann noch einmal eine andere Jugend, das hoffnungslose Kriegserzeugnis bornierter Oberlehrer. In dieser Schicht werden die Begriffe Gewalt, Erbfeind, Vaterland vollendet lächerlich werden. Schatten muß sein, damit das Wertvolle, Schaffende desto deutlicher sei.

Die alte Kolonialpolitik stand mit den Wundern der Tropen und den Bildern nackter Neger im Zeichen alldeutschen Fühlens. Höher stehende Rasse, Herrenmenschen, Kulturpioniere brachten den minderwertigen Farbigen die Segnungen der Zivilisation. Der Wilde bekam das Vorrecht, geprügelt zu werden. Im Stile Alt-Heidelberg nahte sich der Deutsche dem Palmenstrand. Als Korpsstudent, Reserveoffizier. Schlagend, voll Ehrgefühl, bierselig und ohne Kenntnis der Liebe. Aber voll von Wissenskram. Bewundernswert war deshalb auch, was für die Wissenschaft erbeutet, gemessen, gesammelt wurde. Wer aber zählt die Tränen, die das kostete. Den Eingeborenen, den schwarzen, den weißen Frauen; aller Seele, aller Natur. Und alle deutsche Wissenschaft ist zur Schande geworden im Kriege, als die Professoren sich verleiten ließen, die Wahrheit zu verschweigen oder lügenhafte Gutachten abzugeben für das Durchhalten des Militarismus. So ist, was wir in Kolonien leisteten, entwertet worden: unsere Tüchtigkeit, unsere Erziehung, die Technik, die Forschung. Wir müssen erkennen, daß keine Leistung Wert hat, wenn sie der Gewalt dient und nicht der Freiheit. Frei sein, das ist die einzige Bedingung für den, der glücklich sein und Glück verbreiten will. Als wir zu kolonisieren begannen, waren wir unfrei und unglücklich und sind das heute noch. Wer je im Ausland war, weiß, wodurch die Deutschen auffielen. Durch Wissen, Tüchtigkeit, Betriebsamkeit. Als Untertanen oder Unterdrückte hatten wir sie – und konnten nicht begreifen, weshalb jedermann uns scheu und mißtrauisch ansah. Der Ausländer wußte: Alles was der Deutsche kann und hat, steht im Dienste brutaler Gewalt, und eines Tages braucht der eine, dem göttliche Weisheit zugeschrieben wird, nur auf den Knopf zu drücken, und alles Deutsche wälzt sich vernichtend über die Erde: Kanonen, Panzerplatten, chemische Industrie, Grenadierknochen, Philosophie, Menschenfleisch, Druckerschwärze, Zement. Ein wüster feldgrauer Brei. Nichts ist in diesem Volke, was nicht noch größer wäre in Verbindung mit dem Worte Krieg. Kriegsgeschichte, Kriegslyrik, Kriegsgötterei. Keine Erfindung und Entdeckung, die nicht ihre größte Hoffnung auf den Generalstab setzte, war's Flugzeug oder Salvarsan. Die Frau hatte nur Wert als Rekrutengebärerin; Nüchternheit und Volksgesundheit arbeiteten für die Wehrkraft. Die ganze deutsche Art und Bildung, die heute noch dieselbe ist, ist sinnlos, wenn es keinen Erbfeind mehr gibt. Sinn kommt erst in das Leben, wenn recht viele Feinde aufstehen. Deshalb ging es wie eine Erlösung durch das Volk, als endlich Weltkrieg wurde. Keine Niederlage, nicht Hunger, Tod, Krankheit, Verarmung konnten den Glauben erschüttern, daß etwas Herrliches daraus entstehen werde, wenn man alles opferte: Menschen, Kleider, Gold, die Grundlagen irdischer Existenz und gar das Recht auf eigene Meinung. Der geniale Götze, auf dessen Weisheit sie vertrauten, wenn er den Sieg prophezeite, ist jetzt abgetreten. Ihm huldigten Gelehrte und Priester. Wär's nicht Zeit zu zweifeln, ob das, was die unergründlich tiefen Denker zu geben hatten, wirklich ganz echt ist und den Glauben des Volkes verdient? Ob es nicht ein ganzes Gebäude von Wissen, Bildung, Weltanschauung ist, aus dem der Deutsche auswandern muß?

Es ist so. Jetzt gilt es, allem zu mißtrauen, was sich der Macht verkauft hat. Ehrfurcht an andere Stelle zu schicken, an die richtige. Zu dem, was vorzuschlagen ist, gehören nicht Wissen, Bildung, Tüchtigkeit, Verdienst; nur reiner Sinn, unbefleckte Hand. Es ist keine Anmaßung, wenn wir uns berufen fühlen, die Axt an die Wurzel zu legen; denn wo wir ein Oben wähnten, da ist kein Berufener mehr. Leer sind endlich die Fürstenthrone; Gewissenlosigkeit kommandierte im Generalsrock, Lüge und Borniertheit saßen auf den sichtbarsten Lehrstühlen, feil waren Dichter und Meinungsmacher. Wer frei und wahr ist, der allein kann zum Volke sprechen. Und wer die Bildung überwunden hat. Je klarer der Deutsche die Vergangenheit sieht, je entschiedener er sich von allem abkehrt, was gewesen ist und ins Unglück geführt hat, desto geeigneter wird er sein, wieder in die Welt zu gehen. Als Mensch wird er gehen: als Deutscher erst wieder, wenn deutsch bedeutet, auch für die Freiheit etwas getan zu haben.

 

Wisse, Deutscher, daß du zum Knechtsgeist erzogen bist und deshalb nicht in die Welt darfst. Du weißt noch nicht, wie ein Volk fühlt, das frei ist. Deine Schinder haben dir ein Ideal der Unterwürfigkeit und des Gehorsams hingestellt, und kein Volkslehrer kann in Deutschland zu anderem erziehen als zu diesem. Gehorchen sollst du, irgendwem, der sich Obrigkeit über dich anmaßt: Vater, Mutter, Lehrer, Polizist, Schaffner, sollst alle diese ehren, auch wenn es die unfreisten, drum verbrecherischsten Menschen sind, die dich von Freundschaft, Liebe, Glück absperren, dir dies Leben zur Qual machen. Blinder Gehorsam dem irgendwie Älteren, an Lebens-, an Dienstalter. Das Verbrechen beginnt bei den Eltern. Typische deutsche Eltern sind das untertänigste, was die Erde je hervorgebracht hat. Der Wille muß gebrochen werden. Wo Unfreiheit das oberste Gesetz ist, da werden Gebote zugleich stupide gehalten und radikal übertreten. Mit dem »Du sollst nicht töten« ziehen Hofprediger voran in die Etappe; aus »Ehre Vater und Mutter« macht Knechtsgeist: Benutze die erste Gelegenheit, völlig unfrei zu sein und sieh göttliche Obrigkeit in denen, die so gütig waren, dich ins Leben passieren zu lassen, gleichgültig ob du dein Leben einer Liebe verdankst oder ob es niedrig stehende Geschöpfe sind, die an deiner Existenz schuld sind. Der bewußte Paulus wird eingeschmuggelt mit seinem »Seid Untertan der Obrigkeit; denn es ist keine ohne von Gott«, und dann vertritt eben jeder den lieben Gott, der sich Gewalt über einen Menschen anmaßt, der Schuldiener, Fuchsmajor, Exerziergefreite, der joviale Schlachtenonkel, der die Gemütsruhe hat, die Menschen, wenn er Lust hat, zu Tausenden sterben zu lassen. Wollust der Unfreiheit bis in den Tod. Als Hoffnung und Trost die Aussicht, selbst einmal Karriere zu machen, Werkzeug der Unterdrückung zu sein, sich für das verpfuschte Dasein zu rächen, nicht nach oben, nach unten. Gibt es einen viehischeren Akt der Unterwürfigkeit als jenen, der symbolisch ist für preußisch-deutsche Gesinnung: das Biertrinken auf Befehl? Dies ausdrückliche Auf-den-Verstand-verzichten, weil ein dummer Junge ruft: »Steig in die Kanne!« Das aber gerade umjubelt Deutschlands akademische Jugend als Burschenfreiheit und ist ja auch danach; immer bereit, wenn das »Vaterland« ruft, Freiheit zu zertreten. Die Jugend der Hochschulen verdient nichts Besseres als ihre Professoren und Vizefeldwebel der Reserve. Aber ehret, ihr artigen Kinder, Eltern, die euch in herzlicher Liebe für alles das, für Schulbank, Kasernenhof und Massengrab zurichten. Niemand kann zween Herren dienen; man kann nicht zugleich die Macht vergöttern und nach Freiheit streben. Deshalb ist die Lage des Deutschen hoffnungslos, solange er, inmitten freier Völker, die alten Fibeln und Traktate benutzt, die alten Lieder singt, zum alten Gott-Vater betet. So tut das deutsche Volk; die Menschheit aber fühlt: Lieber Analphabeten als Kreaturen, die jede Lüge glauben, wenn sie gedruckt ist! Die Eltern, die Erzieher, der Polizist, der Landesfürst: alle meinen es gut mit dem Kinde, dem Untertan, Sklaven, Rekruten, Stimmvieh. Höret Vereinsreden, schlucket Druckerschwärze, dann kommt unten das raus, was göttliche Obrigkeit braucht. Die Freiheit besteht darin, daß ihr petitionieren dürft – für den Papierkorb. Den Höhepunkt erreicht der Knechtsgeist im Kadavergehorsam, wie ihn der Militärdienst forderte. Da hieß es: Du sollst dem, der befiehlt, gehorchen, nicht nur gegen deine Neigung, sondern sogar wenn das, was du tun sollst, deinem sittlichen Empfinden widerstrebt oder dich entwürdigt. Das ist nicht das System und die Anmaßung einer Kaste; Väter und Mütter billigen das, wollen es so. Sonst würden sie die politische Macht an sich reißen und es abstellen. Wieder ist es der faule Begriff Nation, der helfen muß, Freiheit zu erdrosseln. Der Staat züchtet und hegt den Begriff des Feindes, um sein System der Macht und des Gehorsams zu rechtfertigen, das in Wirklichkeit nur dazu da ist, das Volk in Unfreiheit zu halten. Er will nicht Völkerversöhnung, weil das Wehrpflicht und Drill überflüssig macht. Er will überhaupt keinen einfachen Weg zum Glück, sondern will, daß das Volk ein ganzes Heer von Schmarotzern für nötig hält, um dies sehr Unentbehrliche zu sichern, was in einem Atem genannt wird Nation, Vaterland, heimatlicher Herd und nichts ist als ein Vorwand, Menschen zu knechten, eine Niederung von Mensch und Seele.

Wenn irgend ein Zweifel ist, wo die Schuldigen zu suchen sind, die das deutsche Volk von der Freiheit abgesperrt haben – bei der Betrachtung dessen, was Eltern, Professoren und Oberlehrer aus dem Begriff der Pflicht gemacht haben, wird er behoben. Mit Ekel und Verachtung muß der Arbeiter auf die Studierten sehen, die aus ihren Hörsälen und Büchern jahrzehntelang nur Dunst und Verwesung geholt haben, nie Leben, Freiheit, Revolution. Kant selbst ist als preußischer Professor verdächtig; Kants Pflichtbegriff, der kategorische Imperativ. Die preußischen Oberlehrer haben es dahin gebracht, daß das schließlich bedeutete: tue, was die Oberste Heeresleitung will. Und wenn das auch nicht in Erscheinung trat, Pflicht, das war, » verdammte Pflicht und Schuldigkeit«, im Ausdruck schon eine treffende Kennzeichnung. Wir alle haben in der Jugend empfunden, wenn uns von Pflicht gesprochen wurde, dann meinte man etwas Unsympathisches, etwas, das man ungern tat, gegen Neigung und Anlage. Dem Erzieher merkten wir an, daß er selbst verbittert war und zu feige, seinem Haß gegen das System anders Luft zu machen, als indem er half, daß auch anderen Menschen Lebensglück durch die preußische Scheußlichkeit zerstört wurde. Seine Pflicht tun, das war: »die Nas' in Kot und nicht verzweifeln«. Denn aus diesem gefälschten Pflichtbegriff kommt auch das Wesen unserer Arbeit. Arbeiten, sinnlos, hoffnungslos. Aufhäufen, verschieben, betriebsam sein, nicht rasten, »sich nützlich machen«, in aller Natur herumkratzen. Von früh bis spät, ohne Besinnung. Am Leben vorbei. Tot, tot. So wollte die bürgerliche Nationalökonomie die Arbeit. Als einen Fluch. Der Mensch unter dem Druck des Wahnes, daß er zugrunde gehe, wenn er nicht irgendwo etwas tue, was ihm im Grunde widerlich ist. Sich unterordnen, sich fügen, seine Pflicht tun, arbeiten. Und wieder, damit nicht einer aufhöre zu zappeln, sobald er Nahrung, Kleidung, Wohnung hat, das Höhere, für das Geld herbei muß: die Nation, der Staat, die Rüstung gegen die Rüstung des Erbfeindes, die Bezahlung des Apparates, der Drohnendasein einzelner ermöglicht. Polizei, Gefängnisse, Steuerkontrolle, Militär, Regierung, auswärtiger Geheimkram, Staatskirche und das Lügenkorps, das um diese Dinge täglich Schall und Rauch machen muß. Die bürgerliche Lehre von der Volkswirtschaft rechnet nur mit dieser Sklavenarbeit. Sie sieht Fortschritt in dem Anwachsen der Ziffern Import, Export, Hin- und Herfahren, Verschieben. Ihr Maß ist nicht das Menschenglück, sondern die Größe der Nation, der nationale Wohlstand, der einer Klasse zugute kommt, die unbedingt solidarisch ist in dem Willen, daß der Arbeiter Arbeiter in ihrem Sinne bleibe. Beweis dafür ist die zynische Roheit, mit der die Statistik der Berufe gelesen wird: von der Sterblichkeit der Quecksilberarbeiter, der Kellner. Wirtschaftsstatistiker, das sind dieselben Gemütsmenschen, die auch wirkliche Todesurteile unterschreiben können. Das ganze Renten- und Krankenkassenwesen steht im Zeichen der Todesstrafe.

Wenn die Deutschen selbst so schwer unter ihren Begriffen von Pflicht und Arbeit zu leiden hatten, wie mußten sie erst farbige Menschen damit quälen, die sie als minderwertig anzusehen gelehrt wurden! Sie übersahen ganz, wie fleißig die Neger Innerafrikas zu allen Zeiten waren, muteten ihnen aber in ihrer Überhebung zu, Arbeit zu verrichten, deren Ertrag ihnen nicht zugute kam. Etwa aus Begeisterung für die Tatsache, daß ein Weißer, ein Vertreter der höheren Rasse zu ihnen gekommen war. Den Neger zu Arbeit erziehen, das hieß Kulturaufgabe. Gut. Dann so, wie in Nigerien, wo das Geschick der britischen Verwalter dem Neger die Freude an der Entwicklung des Landes läßt. Aber nicht ihn zwingen, ihn ausbeuten und zu Ehren des Arbeitsideals körperlich und seelisch ruinieren, wie das geschehen ist mit den Wanjamwesi, die von Anwerbern zur Küste gelockt wurden. Merkwürdige Theorien wurden aufgestellt: »Der Neger muß arbeiten, damit er nicht auf dumme Gedanken kommt.« (Man täte gut, wenn der Satz richtig wäre, die Drohnen mal arbeiten zu lassen, die den Weltkrieg gemacht haben.) Aber hat der Neger seine Zeit ohne uns schlecht angewandt? Hat er nicht das Land gerodet, Hütten gebaut, Hausgerät, Kleidung, Schmuck hergestellt, Tiere gezüchtet, Tänze und Lieder erfunden?

Irgendwo geht es bei jedem Kampfe um Beseitigung einer Unfreiheit, und nur wo für neue Freiheit gekämpft wird, leben Völker. Es wird immer deutlicher werden, daß das deutsche Volk einen Befreiungskampf der Jugend zu kämpfen hat. Die ältere Generation hat das vierte Gebot benutzt, die jüngere zu knechten. Sie wird das immer wieder versuchen. Wo aus ehret wird gehorchet und wo Gehorsam solch Begriff ist wie im alttestamentlichen, protestantischen Preußen-Deutschland, da muß die Freiheit getötet werden. Wie sollte eine deutsche Jugend erkennen, daß die Eltern ihr schlimmster Feind waren! Diese Generationen, die nichts von der Liebe wußten, unglücklich waren und es deshalb nicht mit ansehen konnten, daß die Jugend glücklich wurde. Der Gegensatz der Alten zur Jugend geht so weit, daß sie, die nicht mehr in den Krieg zu ziehen brauchten, das gegenseitige Schlachten der jüngeren Generation herbeiführten. Wenn die Wehrpflicht erst mit dem Alter begonnen hätte, mit dem Männer ins Parlament gewählt werden durften, nie wäre der Weltkrieg entstanden; wie es nach dem Urteil von Psychologen auch nicht zu absichtlichen Seeschlachten kommt, weil der Admiral mitfahren und mitertrinken muß; während die weißhaarigen Helden, wenn sie zu Land Nachtangriffe befehlen, in voller Sicherheit für Leben und Gesundheit in irgend einem Schlosse weilen. So alt ist die Menschheit und soviel Bücher werden gedruckt, und so wenig kennen wir unser eigenes Herz! Wie sollen wir's auch kennen lernen, wenn wir die Zeit hinbringen zu ehren, zu gehorchen, zu bewundern, anzubeten und uns in der Tugend üben, Knecht zu sein. Eine Generation, die nicht lebt und nicht zu lieben weiß, kann nichts schaffen, was Beachtung verdiene. Ihre Leistung trägt den Keim der Zerstörung in sich. Ihren Werken sehen wir an, daß unerlöste, unglückliche Menschen sie schufen. Wenn wir ihre Bücher und das, was sie statt Kunst hinstellen, weiter mitschleppen, wird unsere Stirn wieder das Zeichen derer tragen, die nicht lieben. Verachtung, Spott, Haß werden uns treffen, von Menschen, die darunter zu leiden haben, daß sie mit Unfreien zugleich leben und um den Genuß betrogen werden, ein reichbegabtes Volk frei zu sehen.

 

Auch die deutsche Wissenschaft ist verdächtig. Sie verdankt ihr Entstehen zum großen Teil der Feigheit und ist ja auch zur käuflichen Dirne der Gewalt geworden. Stiere Betriebsamkeit, unergründliche Forschertiefe, das ist nur böses Gewissen von Männern, die fühlten, daß das Denken zuerst in den Dienst der Freiheit gestellt werden müßte. Sie tun so, als ob es darauf ankomme, eine Wahrheit zu finden, Wissen und Können zu steigern, und werden, weil sie unfrei sind, durch ihre Entdeckungen nur Zuhälter der Gewalt. Diese Tatsache braucht man nur noch gewissen Lesern bürgerlicher Zeitungen klarzumachen, das Volk hat sich längst voll Abscheu von den Gelehrten gewandt, die sich zurzeit noch öffentlich blamieren dürfen, mit ihrer hohlen Berufung auf die Wissenschaft. Wenn die Weimarer Schwatzerei nicht von Anfang an schon in ihrer Abgeschmacktheit erkannt worden wäre, die Erscheinung des deutschen Professors mit teutonischem Pathos, Kulturwidrigkeit und Lebensfeindschaft hätte es getan. Wissenschaft, die Kunst der Professoren, ist abgetan, für immer; Wissen, das zur Weisheit und zum Leben führt, wird leben; die Kunst freier Denker ohne Titel, Diplome, Orden, Futterkrippe, Pension. Deutsche Wissenschaft, das hieß bisher, ein Recht haben, nichts für die Freiheit zu tun, gründlich, unergründlich, unkontrollierbar zu sein. Es war nur ein Schritt dahin, das Wissen in den Dienst des Vaterlandes zu stellen, sich selbst einer obersten Gewaltleitung unterzuordnen. Und nun kommt das Schlimmste: dies ganze Wissen selbst war unfrei, durfte, wenn es bestehen wollte, gar nicht wollen, daß es ein freies Wissen gebe. Die Verknüpfung von Machtmerkmalen und -bedingtheiten mit Wissenschaft, Glauben, Gehorsam gegen Lehrer, Unterordnung ließ nicht Zeit, dem Wissen selbst auf den Grund zu gehen und zu erkennen, was es war. Im deutschen Volke wurde die Vorstellung kultiviert, man könne irgendwo gelehrte Männer anstellen, die die Rezepte für Volksglück, ja für Lebensmöglichkeit finden, behüten, verwahren. So wurden Feiglinge, lebensfremde Menschen zu einer neuen unkontrollierten, deshalb gefährlichen Macht, der nicht anzusehen war, daß sie sich brutalerer Macht, der nationalistischen Gewalt, unterordnete, die schließlich ihre Brotherrin war. Die Unkontrollierten selbst merkten nicht, daß ihr Wissen ein anmaßendes Oberflächenbewußtsein war, eine hoffnungslose Sackgasse, die nirgends in Leben mündete. Tot ist eine Wissenschaft, die heute oder morgen die absolute Wahrheit zu finden meint; lebendig die Weisheit, die auf das rollende Leben blickt und in dem ewig sich Wandelnden den Sinn sieht. Mit ihr lebt Hoffnung.

Irgendwo runzelt hier auch der Griesgrämige die Stirn, dieser deutsche Idealismus. Mit saurem Lächeln sagen wir: muß dies denn sein? Dies Monstrum. Nur Fürstendiener, Wehrpflichtige, Leibeigene, im Leben Schlechtweggekommene konnten ihn erfinden. Dieser Idealismus ist, sich mit dem begnügen, was Menschengnade gestattet, am Leben vorbeileben, mit den Gedanken in einem erträumten Glück, anstatt jetzt, heute zu leben. Dieser Idealismus trifft sich mit einem gewissen Christentum, das auch nichts weiter tut, als die Menschen um ihr schönes, saftiges Leben betrügen, einem zur Kirche erhobenen Fehlen von Religion.

Die Welt ist so schön und so reich. Sie bietet sich mit Sehnsucht und Liebe dem an, der mit Liebe hinaustritt, als Mensch unter Menschen. Wie glücklich könnten die sein, die aus der Knechtschaft auswandern, nähmen sie nicht, ohne es zu wissen, das Gift der Unfreiheit mit hinaus an ferne Küsten. Wer einen Knecht zum Lehrer und Herren hatte und nie unter freier Verfassung lebte, wird überall und immer wieder Knecht und Herr, es sei denn, er wandere aus sich aus, werde Apostat im eigenen Volke. Der Deutsche muß an allem, was ihm gegeben wurde, zweifeln, muß sich sogar gegen die Mutterbrust empören, voll Mißtrauen, ob nicht der Nationalismus, der Gewaltwahnsinn, der Knechtsgeist schon mit der Milch in ihn geleitet wurde. Sicher wurde er es mit dem ersten Wort, das er buchstabieren lernte, denn die Fibel hat einer geschrieben, der in kahlen Kirchen gebetet, auf Kasernenhöfen stramm gestanden hat und nie den Wunsch hatte, die Gitter eines Gefängnisses zu zerbrechen. Einer, der Wollust empfindet, wenn ihm beim Anblick eines Tyrannen zum Bewußtsein kommt, daß Unzählige hoffnungslos leben müssen, damit der frevelhafte Übermut sich in Hauptquartieren mäste.

Es ist für den Deutschen bitter, erkennen zu müssen, daß er trotz aller guten Anlage, von Natur anständig, gut und tüchtig, nicht auf die Welt losgelassen werden darf. Aber es ist für ihn tröstend, zu erfahren, daß es in seiner Macht liegt, diesen Zustand zu ändern. Nur darf er nicht glauben, es gäbe einen anderen Weg dazu als den einen der Selbstbefreiung und völligen geistigen Umkehr. Dazu ist nötig, rücksichtslos aufzudecken, was an Gewalt, Lüge, Betrug im deutschen Volke System geworden war und sich schuldig zu bekennen, diese Dinge trotz aller Mahnungen freier Völker, zum Schaden aller Völker geduldet zu haben. In jeder Menschheitsangelegenheit versagt das deutsche Volk noch immer, und es gibt kaum etwas, was nicht als Symptom genommen wird, so aufmerksam blickt die Welt auf dies Volk, das mit seiner Treue und Herzensgüte, seinem feldgrauen Gehorsam und seiner Tüchtigkeit zum Henker des Friedens wurde. Heute sperren Pseudopazifisten das deutsche Volk weiter vom Auslande ab. Sie beweisen, daß Schlechtes, daß Kriegstreiberei und Gewalt auch in anderen Völkern zu finden seien und lenken die Aufmerksamkeit, die ungeteilt der eigenen Besserung gehören müßte, auf den Splitter im Auge des anderen. Sie umgehen die Tatsache, daß die anderen Völker die Früchte ihrer erkämpften Freiheit nicht in Ruhe genießen konnten und die rohen Mittel der Gewalt beibehalten mußten, solange ein mächtiges Volk unbelehrbar in Knechtschaft beharrte.

Sie alle fürchteten mit Recht ein Volk, das die Gewalt anbetete und dazu von einem deutschen Gedanken, einer Weltmission sprach. Diese gefährliche Vorstellung, Gottes Werkzeug zu sein, muß einmal in ihrem Ursprung erkannt werden, um recht lächerlich zu werden. Sie ist, wie Hugo Ball klar dargestellt hat, nichts als eine Erinnerung an die Tatsache, daß die deutschen Kaiser Vollstrecker des päpstlichen Willens waren, als übermütige Barbarenkraft Mehrer des Kirchengebiets, von Gott bevorzugt, von der Vorsehung auserwählt. Das wissen natürlich die Bankrotteure nicht, die, statt neuer sittlicher Gedanken, dem betrogenen Volke schwiemelige Phrasen aus ihrem alldeutschen Sprachschatz nachwerfen. Die Weltmission des deutschen Volkes bestand darin, die Revolutionen aller Völker zu sichern durch den eigenen Freiheitskampf, der in Deutschland eine ganz besonders schwere, ja hoffnungslose Aufgabe war. Es gibt nur dies eine, was der Mensch dem Menschen, das Volk dem Volke bringen kann: das Beispiel der Freiheit. Alles andere fällt den Völkern von selbst zu. Die gefeierten Werte der Nationalökonomie, Geld, Ware, Verkehr sind hohl in den Händen eines unfreien Volkes und werden zur Gefahr für andere. Es ist keine Ordnung, keine Pünktlichkeit ohne Freiheit. Hinter aller durch Gewalt gesicherten Ordnung lauert das Chaos. Die deutschen Intellektuellen, die fast alle kompromittiert sind durch ihre Untaten im Kriege, sind sehr betriebsam in der Betrachtung des Rechtes, das die Entente ihren Friedensbedingungen zugrunde legte. Sie entrüsten sich, daß die Sieger strafen wollen, wo kein Gesetz vorhanden war, das verbot. Scheinheilige! War nicht der Hohn auf das Rechtsgefühl und die schäbige Kunst, den Schein des Rechts obendrein für sich zu bekommen, der Anfang des Krieges? Wie können die Doctores und Juristen eines Volkes wagen, über Recht mitzusprechen, dessen Vertreter das Zustandekommen eines Völkerrechtes verhindert haben und obendrein das Recht zunichte machten, indem sie die Themis einem Mars unterordneten, der in deutscher Schicksalsstunde mit der Lehre zur Verfügung stand, Macht geht vor Recht! » Nulla poena sine lege«, das mag römisches Gesetz gewesen sein und riecht stark so, als ob es in praxi teutonica mehr dazu gedient habe, das Gewissen von Richtern zu beruhigen, die Wehrlose straften, weil ein Gesetz da war. In den Höllenschlund mit aller Rechtsgelehrsamkeit, wenn die Männer, denen es gelang, ein Völkerverbrechen zu meistern, nicht aus ihrem Rechtsgefühl und im Bewußtsein ihrer Verantwortung das tun sollen, was ihnen die Stunde befiehlt. Den deutschen Juristen, seien sie Professoren, Vorstände der Vaterlandspartei (die zum Staatsstreich rüstete!) oder Pazifisten, seit die Gefahr des Schützengrabens vorbei ist, sei gesagt, daß ihre Buchstabengläubigkeit, die typisch protestantisch ist, Rechthaberei ist und nicht Recht. Die Menschheit, die auf einem Massengrab steht, will ihr Recht ausüben aus ihrem Rechtsgefühl und nicht aus dem toten Buchstaben und wird auch hier die Gesinnung über die Gelehrsamkeit stellen. Wie stumpf müssen die Menschen sein, wie fern jedem Menschentum, die nicht fühlen, daß Tränen, Blut und Qual und die Sorge um den Rest von Liebe, der noch auf der Kruste dieses Erdballs zuckt, bessere Gesetze hinstellen als die Buchstaben. Aus diesem neuen Rechtsgefühl muß verstanden werden, weshalb wir Deutsche Kolonien haben werden oder nicht.

Das Leid und Massenopfer der Menschen verlangt außerordentliche Maßnahmen, hat geradezu Gesetze vorweggenommen. Wer das nicht anerkennt, hat auch den großen Entschluß unserer Brüder in Amerika, in den Krieg einzugreifen, nicht erlebt. Wilson sagte: The settlement must be final. There can be no compromise: Es muß endgültig sein; keinen Kompromiß! Ein Gesetz, das eine Handhabe zum Strafen gäbe, darf erst gar nicht geschrieben werden, weil das Verbrechen überhaupt nicht mehr vorkommen darf. Der Rechtsgelehrte, einer, der dem Menschenherzen vorerzählen soll, was mal Gesetz wurde, ist völlig ausgeschaltet; das Menschenherz selbst handelt nach dem Gesetz von heute. The past and the present are in deadly grapple. Vergangenheit und Gegenwart ringen tödlich miteinander. Juristengesetz ist Vergangenheit. Ein höheres Recht gilt. Ihr unergründlichen Rechthaber, glaubt Ihr, Amerika, dies ausgewanderte Deutschland, sei zu Euch herüber gekommen, um sich mit Euch über Recht und Schuld zu unterhalten? Da kennt Ihr die Größe und Reinheit seines Entschlusses nicht!

Am 9. November 1918 konnte das deutsche Volk zeigen, ob es für Recht und Sittlichkeit ein Gefühl habe und ob es würdig sei, Kolonien zu haben. Die Völker erwarteten nichts weiter, als daß das deutsche Volk das System erkannte, in dem es verstrickt war, und daß es die Männer, die dies System mit ihrem Namen gedeckt hatten, preisgab, von ihnen abrückte, sie für immer aus dem öffentlichen Leben entfernte und zur Verantwortung zog. Es hat sich von neuem belügen lassen und zugesehen, wie jeder, der im Lande die Wahrheit sagte, ermordet wurde. Jetzt ist das Ausland für lange Zeit gesperrt. Unerhörte Taten der Freiheit müßten kommen, ein Thomas Münzer müßte trotz einem Luther siegen, wenn das deutsche Volk das wieder gut machen wollte, was es bei der Matrosenrevolte versäumte. Dazu ist keine Hoffnung, denn noch immer neigt das Volk dazu, den zu vergöttern, der es mit Füßen tritt und den, der es zur Freiheit führen könnte, kraft konterrevolutionären Rechtes »auf der Flucht« zu erschießen. Ehe das Volk nicht durchsetzt, daß alle Hindenburgstraßen in Eisnerstraßen umgetauft werden, und zeigt, daß es zwischen Gewalt und Geist unterscheiden kann, ist keine Hoffnung, daß Deutsche in die Welt hinausgehen dürfen. Dem freien Deutschland steht die Welt offen; den Knechten mag ihr Land zu einem Zuchthaus werden, in dem sie ihr Leben beschließen mögen, zur Strafe für die Untat, die tausende Schmachtender, die zu Ehren der Kriegsgötzen hungerten und froren, nicht früher befreit zu haben. Niemand erwartet, daß an Menschen Rache genommen, daß Blut vergossen werde, obwohl eine freiheitliche oder revolutionäre Notwendigkeit so etwas viel eher rechtfertigen könnte als die berüchtigte militärische, die so Furchtbares über die Menschen gebracht hat; aber daß Schriften und Bücher nicht verbrannt werden, die am Tage der Freiheit nur noch Dokumente der Schande und Dummheit sein dürften, daß der Knechtsgeist durch Fibeln, Liederbücher, Gebete und Traktate noch weiter die Jugend vergiften darf, das ist unverzeihlich. Glaubt der Deutsche, mitsprechen zu dürfen, ehe er mit seinen Kriegstheologen und ähnlichen Volksverführern abgerechnet hat? Ehe er den Doktortitel allen den Akademikern genommen hat, die nicht die Pflicht empfunden haben, die Tatsachen über die Entstehung des Weltkrieges selbständig nachzuprüfen? Die akademische Freiheit erlaubte den deutschen Professoren, ihr unverantwortliches »Es ist nicht wahr« in die Welt zu posaunen, woraufhin das feldgraue Schlachtvieh durchhielt; welche Akademie hat, um historische Studien nicht erst zu beginnen, wenn sie unfruchtbar sind, die Kenntnis der Dokumente über den Weltkrieg gefordert? Keine. Ein Hauptmann des Generalstabes hat diese Ehren-Doktorarbeit gemacht. Und das Volk erlaubt eine Nationalversammlung, in der neben Annexionisten, Mitteleuropäern, tüchtigen Frauen auch Professoren die Freiheit verhöhnen. Deshalb ist dem Deutschen der Weg über den Ozean verschlossen.

Wie schwer fällt es dem Deutschen doch einzusehen, daß schon seine Weltanschauung oder Lebensauffassung oder das Fehlen von beidem ihn unter den Ausgewanderten unmöglich macht. Sein trauriger Begriff von Arbeit und Pflicht, seine Bereitschaft zu untertänigem Gehorsam, seine irre Betriebsamkeit, die aus Mangel an Liebe kommt. Wenn er sich schon auf Pflicht beruft: Alle, die sich dafür bezahlen ließen, daß sie dem System der Lüge und Gewalt dienten, taten nur ihre Pflicht. Das ist ja wohl nicht schwer, wo man bequemes, sorgloses Leben und alle Ehren hat als Lohn dafür, daß man zu jedem Verbrechen schweigt, und es als Tugend gilt, nicht nachzudenken. Wer offenen Auges selbst in die Beamten- oder Offizierslaufbahn hineingegangen ist, weiß, daß die Befähigung für höhere Stellen wesentlich davon abhing, ob es einem leicht wurde, die fortgesetzte Erziehung zur Härte und Skrupellosigkeit hinzunehmen. Die Pflicht gebot, jedes Verbrechen, jede Lüge, Gemeinheit, Treulosigkeit mit kalter Ruhe zu vertreten, wenn die militärische, staatliche, nationale Notwendigkeit das forderte. Je höher die Stellung bei Militär, Polizei, Staatsanwaltschaft und Gefängnisdirektion, desto größer die Ansprüche an die Fähigkeit, sich menschlichen Regungen zu verschließen, Klirren der Ketten nicht zu hören, Tränen der Frauen nicht zu sehen und gut zu schlafen, während Menschen zerquetscht, zerfleischt, geschändet, zertreten werden. Härte, Schneid, Empfänglichkeit für Scharfmacherei, das sind die Vorzüge, die dem Richter, Offizier und Verwaltungsbeamten die Laufbahn öffnen. »Ich ersuche, auf die Offiziere erzieherisch dahin zu wirken, daß unter ihnen bei Ausübung der richterlichen Befugnisse keine weichlichen und unsoldatischen Ansichten Platz greifen.« Wörtlich! Wer weiß noch nicht, wo die Schuldigen zu suchen sind und weshalb denen, die es erlebten, wozu höhere Offiziere fähig waren, in Nordfrankreich und an Bord vor Entsetzen das Herz stille stand? Das deutsche Volk hat es so leicht, sich in den Augen der Mitwelt zu rehabilitieren, es braucht nicht lange nach den Schuldigen zu suchen, nur oben anzufangen. Die, welche das System mit ihrem Namen gedeckt, sich dabei wohl befunden haben, die vier Jahre Lüge mit ihrer Brust voll Orden deckten und den Wunsch nach Wahrheit und Frieden mit dem Heldentod bestraften, müssen zur Verantwortung gezogen werden. Das System war mit seinen Siegeshoffnungen an bestimmte Namen gebunden; jetzt ist es entlarvt, und die Millionen Leidender fordern, daß sich nun auch die Schande an das dicke Fell der Träger dieser Namen hefte. »Sie taten nur ihre Pflicht als Soldaten«, beschwichtigt man. Dokumente beweisen, daß sie es für ihre Pflicht hielten, in die Politik einzugreifen, sobald sie den Krieg, ihre »Große Zeit« gefährdet sahen. Aber gerade, wenn es wahr wäre, daß sie nur ihre Pflicht taten, müßte das Volk jetzt zeigen, daß solches Seine-Pflicht-Tun, ihm nicht erwünscht ist, und mit der Verurteilung einer ganzen Kategorie von Menschen sich zu einem besseren Pflichtbegriff bekennen. Das ist heute der Schlüssel zum Weltmeere. So erobert man sich den Platz an der Sonne.

Was meinte die frühere, die alldeutsche Kolonialpolitik mit dem »Platz an der Sonne«, mit dem »nationalen Gedanken«? Die Entfaltung roher Macht. Die Alldeutschen sahen sich überall im Gegensatz zu Engländern, sie sprachen auch offen vom kommenden Krieg, der über das Schicksal der Kolonien »und aller etwa noch zu erwerbenden Kabel-, Kohlen- und Flottenstützpunkte entscheiden werde« (1902. Alldeutsche Blätter Nr. 22) und haben, wie immer, damit ja auch recht behalten. Sie erklären, wo der deutsche Bauer Fuß gefaßt habe, da bleibe der Boden deutsch. Sie drohen, die Kolonialpolitik sei »ein notwendiges Glied in der Entwicklung des deutschen Volkes und Staates hinauf auf die Höhen der Menschheit, da, wo dem deutschen Volke seine Stellung von Gottes (!) und Rechts wegen gebührt« (ebenda). Die Alldeutschen Blätter berichten zugleich, der Deutsche sei »in der Behandlung der Eingeborenen roh, brutal, erschreckend grausam«.

Die Alldeutschen betrieben die Vermehrung der Flotte, der Armee. Förderten jede Art der Überhebung. Da das deutsche Volk nichts tat, um diesen Hetzern entgegenzutreten, konnte es sich nicht wundern, daß das Ausland das ganze deutsche Volk aufs Korn nahm. Die Selbsterhaltungspflicht, die sich gegen die alldeutschen Pläne richtete, hieß dann bald Handelsneid; und sehr geschickt wurde der Völkerhaß geschürt, indem man behauptete, Briten und Franzosen gönnten dem Deutschen nicht, was sie in der Tat den Alldeutschen nicht gönnen durften. Die Alldeutschen verstanden es aber durchaus, sich so aufzuführen, als seien sie das deutsche Volk, und mit dem, was sie taten, das Ausland gegen das deutsche Volk aufzureizen. Sie empfingen den Ohm Krüger 1900 »getragen von der Zustimmung des in seinem tiefsten Empfinden verletzten und erregten deutschen Volkes«, beschimpften England, verurteilten den räuberischen Einfall des Dr. Jameson und »atmen auf nach der raschen Niederkämpfung des völkerrechtswidrigen Einbruchs, gegen zehnfache Übermacht«. (Vorbereitung der Weltkriegsstimmung und Urteil über den deutschen Überfall in Belgien.) Wenn die anderen Nationen wußten, daß alldeutsch eines Tages deutsch sein werde und aller deutscher Arbeitsertrag eine Weltgefahr, so ist ihr Bestreben, Deutschland nicht zu mächtig werden zu lassen, nur Verständnis für Völkerpsychologie. Jede deutsche Zeitung, jede Vereinsrede, manches Kaiserwort enthielt dieselbe, etwas nebelhafte Drohung mit dem deutschen Gedanken. Und dem einzelnen Deutschen sah man an, daß er politisch leer war, haltlos, unbefriedigt, bereit zu gehorchen. Nichts von Stolz auf irgendwelche freiheitliche Taten; nur Siegesfeste der Hohenzollern über äußere Feinde. Die deutsche Literatur war im Auslande nicht unbekannt, die wilden Schlachtgesänge des Professors Dahn, die Staatsverrücktheit eines Treitschke, die primitive Verehrung Bismarcks. Der Weltkrieg hat gezeigt, daß die Deutschen das sind, was sie unter solchem Einfluß werden mußten. Kein Fleiß, keine Tüchtigkeit kann ihnen den ersten Schritt ersparen, der getan werden muß: Ausrottung des alldeutschen Geistes als Vorbedingung zum Eintritt in die Menschheit.

Dieser Eintritt ist in einer Hinsicht leichter, als es scheint, weil auch die alldeutsche Behauptung, der Deutsche sei roh gegen die Eingeborenen, irrig ist. Wo der Deutsche nicht von oben kontrolliert wird, wo er sich unbeobachtet glaubt, ist er herzensgut gegen Mensch und Tier. Es ist, als ob er sich mal erholen will vom hochgewichsten Schnurrbart, der bösen Stirnfalte und der Anschnauzerei, wie sie zum Vorwärtskommen nötig sind. So kommt es, daß die Eingeborenen in allen Ländern dem einzelnen Deutschen aufrichtig zugetan sind und zugleich den Deutschen, der als Vertreter des Systems auftritt, erbittert hassen. Wieviele Offiziere sogar haben heimlich in Afrika nicht geprügelt, Verurteilte entfliehen lassen und eine geliebte Schwarze ritterlich und zart behandelt! Trotz aller Mahnung der edlen Teutonen, die niedere Rasse zu verachten. Aber die Scharfmacher waren ihnen immer im Nacken. »Der Neger muß Prügel haben.« »Er erwartet das.« Die alldeutsch geleiteten Zeitungen der Kolonien wurden nicht müde, die Beamten zu härterer Bestrafung des »schwarzen und gelben Gesindels« anzufeuern und jeden »Fall von Negrophilie oder Humanitätsduselei« festzunageln.

Es ist ein merkwürdiger Zeitpunkt, in dem wir an Afrika denken. Deutschland hat keine Kolonie mehr. Aber wir können unsere afrikanische Zeit nicht mehr vergessen. Dort haben wir uns am deutlichsten gezeigt mit unseren Vorzügen und Fehlern, und viele von uns haben ihr Herz verloren an die afrikanische Natur mit ihren Menschen und Tieren und ihrer Freiheit. Der Ausländer weiß, wir waren überall besser, als es das System von uns verlangte; aber die Bücher und Reden zeugen gegen uns. Da wird jede Härte, die bei anderen Völkern vorkam, als vorbildlich hingestellt. Aus dem Wortschatz: »Farbiges Gesindel; die ›lieben‹ Farbigen; blutgierige Bestien; schuldige Achtung vor der weißen Haut; Abrechnung mit den Völkern; das Ziel, das größere Deutschland.« (Aus dem Reisebuch eines deutschen Professors, 1898) Solche Anschauung war die treibende Kraft auch der Weltpolitik. Dieselben wenigen Polterer haben Deutschland in die Kolonialpolitik und in den Weltkrieg getrieben. 1885 wurde eine private Gesellschaft gegründet, die mit Negerhäuptlingen sehr merkwürdige Verträge abschloß. (Dazu galt die schwarze Haut als gleichberechtigt.) Dann verschaffte man sich einen Schutzbrief. Jetzt mußte das Deutsche Reich – damals war es noch nicht Republik – einspringen, als es Aufstand gab. Deutsche Kolonien waren da, die Betätigung für die herrschende Klasse in Kolonialdienst, Flotte, Heer war gesteigert. Das Volk mußte mit. Aus diesem glänzenden Streich schöpften die »patriotisch gesinnten« Männer 1890 den Mut, den Alldeutschen Verband zu gründen, um ihre wahnwitzigen Pläne der auswärtigen Politik anzusuggerieren. Die Hofprediger brauchte man nicht erst auf die Kirche loszulassen, die waren bereits streitbar; auf die Erziehung drückte der Jungdeutschlandbund, dazu Kriegervereine, Wehrverein, Flottenverein. Und alles Hand in Hand. Die einzige Hoffnung war die freideutsche Jugend. Auch sie war zum größten Teil erst seelisch im Gleichgewicht, als sie mit Zupfgeigenpopeia Reserveoffizier wurde und die Juden beschimpfte. Einem Volk mit solcherart Intelligenz sollte Wilson Kolonien verschaffen, bevor es sich änderte? Und ist vielleicht jetzt zu erwarten, daß die deutsche Jugend einstimmt, wenn Wilson sagt: »Was wir bezwecken, ist Herrschaft des Gesetzes, das auf der Zustimmung der Regierten beruht«?

Dort unten liegt Afrika. – Wenn der Deutsche seine Erziehung vergißt, wenn er dem ganzen Spuk von Schwarz-Weiß-Rot den Rücken kehrt und seinen Kindern nichts mehr von dem Mittelalter überliefert, wenn er in jedem Menschen den Bruder achtet, dann kann er sich wieder seiner Gaben freuen und darf sich messen an den Widerständen der Welt. Aus Süd und West kommt die Kunde, daß die Völker uns neue Zuneigung entgegenbringen. Sie sehen uns als das Volk der Liebknecht, Luxemburg, Eisner. Die wenigen, die den Heldenmut hatten, in »Großer Zeit« zur Wahrheit zu stehen, haben den Zugang zur Welt neu geöffnet, den uns die Militärs versperrt hatten. Nie wird ein andrer Weg in die Menschheit offen sein als der durch die Freiheit.

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