Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Bjørnstjerne Bjørnson >

Auf Gottes Wegen

Bjørnstjerne Bjørnson: Auf Gottes Wegen - Kapitel 7
Quellenangabe
pfad/bjoernso/gottwege/gottwege.xml
typefiction
authorBjörnstjerne Björnson
booktitleAuf Gottes Wegen ? Kapitän Mansana
titleAuf Gottes Wegen
publisherMitteldeutsche Verlagsanstalt Lehmann & Fink
seriesBjörnson - Ausgewählte Werke
volumeErster Band
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070827
projectid391868d1
Schließen

Navigation:

Zweites Paar vor!

Im März des nächsten Jahres, als Eduard Kallem sich eben daran machte, das zweite medizinische Examen abzulegen, trat etwas ganz anderes in den Kreis seiner Gedanken. Das müssen wir jetzt erzählen.

Als sich seine zerstreuten naturgeschichtlichen Studien mehr und mehr um die Physiologie sammelten – damals war ein junger Realist, Thomas Rendalen, etwas älter als Eduard Kallem, der tüchtigste Physiolog. Es war an und für sich merkwürdig, daß ein Nicht-Mediziner in diesem Fache Hervorragendes leistete, daher fiel es allen und somit auch Eduard Kallem auf, aber ohne daß er sich deshalb Rendalen enger angeschlossen hätte, der auch nicht zu denen gehörte, die sich dem ersten besten aufschließen.

Erst später, ja, eigentlich erst jetzt nach Neujahr näherten sie sich einander, als sie zufälligerweise auf demselben Dampfschiff aus den Weihnachtsferien nach Christiania zurückkehrten. Als Kallem das erste Mal Rendalen abends auf seiner Wohnung besuchte, blieb er die Nacht über dort. Und als ein paar Abende später Rendalen bei ihm war, gingen sie bis morgens drei, vier Uhr zwischen den beiden Wohnungen hin und wieder, die übrigens nahe bei einander lagen. Eduard Kallem hatte noch keinen gleich genialen Menschen kennen gelernt, und eines Morgens, ehe Kallem in das Hospital gegangen war, stürzte Rendalen zu ihm hinauf, bloß um ihm zu sagen, daß von allen, mit denen er umgegangen wäre, Kallem ihm am besten gefiele.

Rendalen war eine ursprünglichere, stärkere Natur als Kallem, eine Mischung aus gezähmtem und wildem Wesen, aus Leidenschaft, Schwermut, Musik, mit großer Fähigkeit, sich mitzuteilen, aber mit verschlossenen Räumen, die sich selten oder niemals öffneten. Begabt mit grenzenloser Energie – aber zuweilen so kraftverlassen, daß er nichts vermochte; die ganze Maschinerie stand dann still, als wenn ein Rad gesprungen wäre. In der ganzen Charakterlandschaft kein geradliniger Fleck, lauter Unebenheiten; aber helles, geistiges Licht darüber. Wie unberechenbar auch die Schwankungen, wie unbehaglich die Enttäuschungen waren – die Persönlichkeit war in ihrer Unmittelbarkeit und ihrem Geradsinn so gewinnend, daß man ihn lieben mußte.

All sein Denken war Schulwesen und Erziehung, und der Kern darin wieder: jedes einzelne Kind heil über das »gefährliche Alter« hinauszubringen, das auf so verschiedene Weise einträte. Darin setze ein Teil zu, viele bekämen Wunden, die erst spät heilten; die, die ein gutes Erbe hätten, unter bessern Verhältnissen lebten, könnten schadlos ausgehen; aber das wäre kaum die Mehrzahl. Alle Erziehung, aller Unterricht sollte darauf hinauslaufen, einen sittlichen Menschen zu schaffen; das war sein erstes und letztes Wort.

Er war darin unerschöpflich, den Unterrichtsplan und die Behandlungsweise auseinanderzusetzen; die Einrichtung der Schule und das Zusammenarbeiten mit der Familie zu besprechen. Seine Mutter besaß in einer Küstenstadt eine weithin bekannte Mädchenschule, und diese wollte er übernehmen, um seine Pläne ins Werk zu setzen. Das große Ziel war die Gemeinschule; aber erst mußte der Unterricht in allen Hauptfächern einer Veränderung unterzogen worden, so daß sie leichter würden, und nicht bloß für die am besten Begabten existierten. Und das wollte er an der Mädchenschule einüben.

Er besaß eine nicht unbedeutende Sammlung von Schulmaterial aus Amerika und mehrern europäischen Ländern, und vermehrte sie unablässig. Auch besaß er eine ganze Bibliothek von Schullitteratur. Er wohnte mit einem Kandidaten der Theologie, Vangen, zusammen, der zu Weihnachten fertig geworden war, und sich nun auf das praktische Examen vorbereitete; aber trotzdem sie zusammen drei Zimmer innehatten, waren alle mit Rendalens Bibliothek und Sammlungen angefüllt.

Sein Aussehen war auffallend. Das rote, ins Blonde hinüberspielende Haar, hoch aus der Stirn gestrichen; sommersprossig; blinzelnde, graue Augen unter weißen, kurzen Augenbrauen, die kaum zu sehen waren; die Nase breit und etwas aufwärts gebogen, der Mund zusammengekniffen; kurze, sommersprossige Hände, Energie in jedem Finger; nicht hoch, aber vorzüglich gebaut; sein Gang auf auswärts gewandten Füßen war leicht wie auf Tasten. Überall war er der erste Turner, es war ihm eine Lust, an den Turnseilen zu hängen. Auch Eduard, der immer gern geturnt hatte, wurde durch ihn zu dreifachem Eifer angespornt; denn Rendalen besaß wie keiner sonst die Fähigkeit, andere für das, was er selber liebte, zu gewinnen. Seine Hauptleidenschaft in dieser Zeit war, auf den Händen zu gehen, und gerade das that Kallem zu seinem Entzücken: vielleicht brachte das die Achtung, die er für Kallem hegte, auf den Höhepunkt.

Sie hatten viele Berührungspunkte; beide Spezialisten, beide bedeutend in dem, was sie sich vorgenommen hatten; modern in ihrem Denken mit reformatorischem Mut, beide bis aufs äußerste auf ihre Person acht gebend; beide kleideten sich geschmackvoll, Rendalen legte vielleicht sogar übergroßes Gewicht darauf. Beide mit dem lebhaften Gedankenwechsel, der die andere Hälfte errät, wenn nur die eine ausgesprochen wird; beide ihr Wissen gegenseitig ergänzend. Rendalen war musikalisch, spielte meisterhaft Klavier und sang recht gut. Kallem sang besser und nun feuerte ihn Rendalen an.

So herzlich sich Rendalen im einzelnen und dem einzelnen hingab, hielt er doch gleichzeitig einen Abstand fest, über den niemand hinüberkam. Er liebte seinen Pflegebruder Bangen; aber gerade an ihm konnte man am besten sehen, daß doch eine bestimmte Scheidewand bestand. Auch darin begegnete Kallem Rendalens Bedürfnis; er bewies selber die gleiche Unnahbarkeit bei aller Hingabe.

Aber dann gab es auch genug Ungleichheiten, die das Verhältnis sowohl frisch erhielten als schwierig machten. Die Schwierigkeiten kamen fast alle auf Rendalens Konto; denn Kallem war geschmeidiger und fügsamer. Wenn Rendalen in der Laune war, spielte er, als wenn niemand im Zimmer wäre, spielte stundenlang; man konnte seinetwegen gleich gehen. Überhaupt gab er den Ton in jeder Stunde des Zusammenseins an. Er war launisch und hatte lange schwermütige Perioden; in solchen konnten nur wenige ein Wörtchen aus ihm herausbringen. Eine ungeheure Arbeitskraft, wenn er mit etwas beschäftigt war, das seine Seele gefangen nahm – und dann wieder von allen abgeschlossen. War er in mitteilsamer Laune, so recht in Stimmung, dann war um ihn herum die Luft wie mit Elektrizität angefüllt.

Das medizinische Studium war für Kallem eine ununterbrochene Reihe von Entdeckungen, und kraft ihrer gemeinsamen physiologischen Studien trugen sie getreulich einander ein jeder das Seine zu. Im Januar und Februar waren sie fast jeden Abend zusammen; wenn nicht sonst, so doch von sechs bis sieben in der Turnhalle. Hinterher aßen sie gern zusammen, am liebsten bei Rendalen, der ein Klavier besaß.

Anfangs März kam Rendalens Mutter in die Stadt auf Besuch; sie wohnte bei den Wirtsleuten des Sohnes. Diese waren vor kurzem in die Stadt gezogen: ein blinder Mann aus dem Nordlande, der zugleich auf der einen Seite gelähmt war und eine außerordentlich musikalische Frau, ganz jung, fast ein Kind noch – das merkwürdigste Paar, das man je gesehen hatte. Rendalen sprach oft von ihnen. So lange die Mutter des Kameraden in der Stadt war, hielt sich Kallem fern. Jedesmal, wenn sie vom Turnen kamen, merkte Kallem, daß Rendalen seine Begleitung nicht wünschte. Aber als sie nach Verlauf von acht Tagen abgereist war, blieb es ebenso: entweder übte Rendalen länger als Kallem, oder er ging sofort weg, wenn man nur eben angefangen hatte; er wünschte offenbar nicht, daß Kallem ihn begleiten sollte. Dieser dachte, er hätte wohl eine seiner Schwermutsperioden.

Aber als Kallem eines Vormittags etwas früher als gewöhnlich (er blieb in der Regel den ganzen Vormittag aus) nach Hause gekommen war, hörte er, wie es draußen klingelte, das Mädchen öffnete und Rendalen über den Vorsaal ging. Er kam schnell herein, finster und wortkarg; sein Anliegen war – ob sie ihre Wohnung tauschen wollten?

Kallem kannte ihn so gut und war so gutmütig, daß er seine Verwunderung nicht merken ließ und gar nicht nach dem Grunde fragte; er sagte nur, seine zwei kleinen Zimmer würden wohl für Rendalens Sammlungen und Klavier und für Vangen nicht ausreichen. Oder wollte er vielleicht nicht länger mit Vangen zusammenwohnen? Doch, freilich! Aber an Kallems zwei Zimmer grenze ja ein großer Saal, und an den hätte Rendalen schon lange gedacht; die Wirtin würde ihn gern vermieten. Der genüge ihm vollkommen. Und in dem Saale spielen zu können! – Hast du jetzt mit der Wirtin darüber gesprochen?« – »Nein, aber ich will es thun« – und hinaus war er. Sie kamen beide wieder herein, die Wirtin und er; – und wenige Minuten später war es abgemacht. Am Nachmittag war auch der Umzug vollzogen! Als der sittsame Vangen nach dem Mittagessen eilig nach Hause kam, saß Kallem im elften Zimmer rechts vom Eingang in Schlafrock und Pantoffeln und erzählte ihm, daß Rendalen jetzt in der Sehestedsstraße wohnte, wo Kallem früher gewohnt hatte; sie hätten die Wohnungen getauscht! Beide lachten.

»Und hier gefiel's ihm doch so gut!« sagte Bangen; aber das war auch das einzige, was er sagte.

Kallem dachte wohl über den Grund zu dem schnellen Umzug nach, und natürlich hatte er auch die Absicht, das Mädchen auszufragen, jedesmal wenn sie hereinkam, um nach dem Ofen zu sehen, oder Frühstück und Abendessen hereinzubringen, was er alles im Hause bezog; sie sah danach aus, als wüßte sie etwas. Marie hatte ein eigenartiges Lächeln, als wenn sie sagen wollte: »Ach, ich verstehe euch alle – dich auch, du Schlaumeier!« Er sah es, als sie ihm zum erstenmale öffnete. Die Augen wurden mehr als zur Hälfte von den Lidern verdeckt welche in einer hängenden Falte darüber lagen. Sie hatte eine niedrige Stülpnase und zog beim Lachen den Mund zusammen, so daß die Oberlippe vorstand und eine Reihe Vorderzähne zeigte, die sich um Platz stritten; sie glänzten immer beim Lächeln mit. Hinter allen ihren Worten schien Spaß und Spott zu lauern; das blitzte unter den Lidern hervor und zuckte um die Mundwinkel. Die Stimme war zart. Übrigens ein tüchtiges Mädchen, wohlgebaut, teufelsklug und bei all ihrer lächelnden Kritik zurückhaltend und vorsichtig in Reden und Benehmen. Aber immer lag das Lächeln auf der Lauer. Als er sagte: »Ich bin Eduard Kallem, und soll in Herrn Rendalens Zimmer wohnen,« antwortete sie lächelnd: »Ah!« – als wüßte sie alle seine Geheimnisse von Kindesbeinen an. Erwähnte er Rendalen irgendwie, so sah sie aus, als wüßte sie ein ganzes Schock lustiger Geschichten von ihm; aber trotzdem – bekam er nichts zu hören.

Das Haus, worin er nun wohnte, war ein Eckhaus, schräg gegenüber der Universität. Die Haustür ging auf die Straße hinaus, wohin auch Kallems Zimmer gelegen waren. Sie lagen im zweiten Stockwerk und hatten denselben Eingang von der Treppe aus wie die der Wirtsleute; d. h. das eine Zimmer – das andere, die Schlafkammer, lag draußen mit freiem Eingang. Rendalen hatte noch ein Zimmer mehr gehabt, das weiter drin liegende Eckzimmer. An der Vorsaalthür brachte Kallem seine Visitenkarte unter einer großen Platte an, auf der Sören Kule stand; das war der Name des Wirts. Tags darauf, an einem Sonntag, machte er seine Aufwartung.

Der blinde lahme Mann saß in einem großen Rollstuhle. Der Unglückliche war noch jung, kaum über dreißig, in allen Formen übermäßig dick, mit schwerfälligen Gesichtszügen und schwerfälliger Zunge. Schon sein: »Herein!« als Kallem anklopfte, klang schwerfällig. Kallem nannte seinen Namen, der andere blieb sitzen, ohne sich zu rühren, und antwortete langsam: »Ach so. – – Ja, ich bin blind. – – Und kann mich auch wenig bewegen.« Er sagte es mit nordländischem Tonfall, die Silben in einem plumpen Gang wie Londoner Brauerpferde. Die Züge des Gesichts waren trotz ihrer Fülle scharf geschnitten: der Mann mußte ursprünglich eine gute Natur gehabt haben. Kallem war Mediziner genug, um sofort zu erkennen, weshalb er blind und lahm dasaß. Einige Photographien, Stahl- und Kupferstiche aus Spanien, die an den Wänden hingen, ließen ihn erraten, daß er vielleicht dort zum Geschenk erhalten, was jenes galante Volk mit so großer Gastfreiheit austeilt.

»Bitte, setzen Sie sich!« klang es endlich. Die bewegliche Seite seines Körpers bekam einiges Leben, während er nach einer Thür links hinsah. »Ragni!« sagte er. Niemand antwortete und niemand kam. Die Stille bekam eine graue Farbe von seiner Stimme, seinem gleichgültigen Wesen und seiner schweren Ruhe. Kallem saß da und sah sich um. Da war wahrhaftig Kinderspielzeug! War's ihm nicht, als hätte er Kinderstimmen gehört? Hier waren also Kinder?

»Ragni!« dröhnte es nochmals langsam. Leiser sagte er: »Sie sind wohl in der Küche und haben mit dem Essen zu thun.«

Wieder dieselbe graue Stille; etwas Schellengeläute von der Straße her unterbrach sie einen Augenblick; aber um so schwerer kam sie wieder. Die Möbel waren für eine kleine norwegische Stube im Winter zu schwer und zu dunkel; auch waren sie verblichen und verschlissen. Die Kupferstiche und Photographien hingen in großen Rahmen, die nicht ordentlich schlossen, so daß Staub und teilweise Feuchtigkeit das Papier verdorben hatten. Das Kinderspielzeug und ein Flügel hoben sich von dem übrigen ab; der Flügel schien ganz neu zu sein und von der besten Pariser Firma zu stammen, gewiß ein Konzertflügel. »Die gnädige Frau spielt ja so schön?« – »Ja.« – Kallem wußte, daß sie sich von Kind auf zur Musik ausgebildet hatte, und um etwas zu sagen, ging er davon aus. »Sie hat ja auf dem Konservatorium in Berlin studiert?« – »Ja.« – Im Zimmer rechts, das an das Eckzimmer stieß, wurden Stühle gerückt. Nun nahm Kallem das zum Thema. »Ich höre, daß ich im Eckzimmer einen Nachbar bekommen soll?« – »Ja.« – »Wie ich höre, ein Verwandter von Ihnen?« – »Ja – eine Tante.« Wieder blickte Sören Kule nach links und rief gleichgiltig: »Ragni!« Niemand antwortete und niemand kam. »Mir war's, als ginge eine Thür draußen,« sagte er, um sich zu entschuldigen, daß er gerufen hatte. Kallem stand auf und verabschiedete sich.

Einige Tage später gab er Rendalen eine lustige Schilderung des Besuchs. Rendalen lachte; er selber war selten dort gewesen, hatte aber viel von Sören Kule gehört. Er versicherte, daß er den Burschen zum Teufel wünsche und am liebsten nicht von ihm sprechen wolle; – er setzte sich ans Klavier und spielte.

Wenige Tage später begegnete Kallem draußen im Vorsaal niemand anderm als seinem zukünftigen Schwager, Herrn Ole Tust, jetzt Kandidat der Theologie, der sich in der Stadt aufhielt, um das praktische Examen zu machen. Großes Wiedersehen! Der eine hatte keine Ahnung von dem Umzug, der andere keine davon, daß Ole Tust hier aus und ein ging. Kallem lud ihn ein, auf sein Zimmer zu kommen und hörte nun, daß Tust auch heute das erste Mal hierher kam; die Tante der Wirtsleute war gestern eingezogen und bei ihr ging Ole Tust aus und ein. Da verstand Eduard Kallem, zu welcher Gemeinde sie gehörte, und ließ das Thema sofort fallen. Er fragte weiter, ob er Sören Kule kenne. Nein, nur durch die Tante; das ganze Geschlecht stamme aus dem Norden. Wer denn Sören Kule wäre? Ja, ein wohlhabender Fischhändler, der blind und lahm geworden wäre; er hätte sein Geschäft aufgeben müssen und dann dieses Haus in Christiania gekauft, um davon und von einigem mehr zu leben. Sie hätten verschiedene Verwandte in der Stadt und wären erst im Oktober hierher gekommen. – Ob Ole Tust wüßte, was die Ursache seiner Blindheit und Lähmung gewesen? Nein. Kallem erzählte, daß das kaum zweifelhaft sein könne. Ole Tust entsetzte sich sehr. »Wie kann er es dann wagen, sich zu verheiraten? Und noch dazu zweimal?« – »Er ist zum zweitenmale verheiratet?« – »Ja, seit etwa einem halben Jahre – oder vielleicht seit einem Jahre – mit der Schwester seiner verstorbenen Frau.« – »Also stammen die Kinder aus der ersten Ehe?« – »Ja. Aber sie ist selber nur ein Kind; denk dir, achtzehn Jahr, und bald ein Jahr verheiratet!« – »War er so, als er sich zum zweitenmale verheiratete?« – »Nein, das glaube ich doch nicht. Ja, gebrechlich, aber nicht so. Es werden's wohl nicht viele verstehen.« – »Hast du sie gesehen?« – »Nein, aber sie soll ein feines, kleines Wesen sein, sagt die Tante, und musikalisch. Sie hat öffentlich gespielt.« – »Ja, im Nordlande?« – »Dort oben sollen sie ja ungeheuer kritisch sein.« Er ging wieder auf die Ehe über. »Vielleicht haben die Eltern der Kinder wegen die Heirat zu stande gebracht.« – »Dann sind sie wohl Pfarrersleute?« hätte Kallem beinahe gesagt; aber er besann sich beizeiten. Er sagte: »Ja, wählerisch ist sie dann wahrhaftig nicht.« Sie sprachen ein wenig über gleichgiltige Dinge. Die Schwester wurde nicht erwähnt. Ein Weilchen später ging Ole zu der, die er hatte besuchen wollen. Kallem war diesen Vormittag zufällig zu Hause, und bekam so das Spiel der Frau zu hören. Zuerst Tonleitern über Tonleitern; aber dann ein Stück, so ausgezeichnet vorgetragen, daß er seine Thür ein wenig öffnete, um besser zu hören. Sie spielte vor allem so gesangvoll. Wie in aller Welt konnte ein Weib, so jung und mit solchem Kunstsinn und solcher Lyrik einen faulen Fleischklumpen heiraten? Hier war ein Rätsel; er fragte Rendalen, und Rendalen wußte nichts. Aber er war den Tag in frischer Laune und bemerkte über ihr Spiel, darin wäre wenig Frische, aber ein Gesang, eine erotische Farbenschönheit, die zuweilen ihresgleichen suche. Er konnte ihr ein russisches Stück »so einigermaßen,« wie er hinzufügte, nachspielen; er spielte es vortrefflich. Kallem wollte wissen, wie sie aussähe. »Dumm sieht sie aus!« schrie er. »Gott verzeih mir's, dumm! Die Stirn könnte sie retten; aber sie läßt ihr Haar darüber fallen. Ich sagte es zu ihr; hinauf mit dem Haar, sagte ich. Die Augen könnten sie auch retten. Aber niemals hab' ich ein Wesen sich so schämen sehen, daß es Augen hat.« – »Hat sie denn welche?« – »Großer Gott, tonreiche! Die meisten Augen singen unisono, höchstens zweistimmig; aber einige singen funkelnde Accorde. Sieht sie vom Spiele auf, dann kannst du es fühlen! Aber gewöhnlich wickeln sie sich um die Tischbeine oder bohren Löcher in die Ecken oder zünden Feuer im Ofen. Zuweilen hüpfen sie so hoch an den Wänden empor wie eine Ratte, die nicht hinauskommen kann.« Er wurde von seinen eignen Bildern belustigt, setzte sich ans Klavier und spielte einen lustigen Tanz. »Ist es nicht zum Teufelholen, daß solch eine musikalische Natur –, ach, werden wir nur nicht sentimental, mein Lieber!« Er wollte ins Theater und nahm Kallem mit.

Etwa acht Tage waren vergangen, und noch hatte sie Kallem nicht gesehen, wie sehr er sich auch darum bemüht hatte. Dann aber machte er einen Familienball mit – der Sohn des Hauses war ein Studienfreund – und bei einer Kotillontour kam dieser mit zwei Damen zu ihm und fragte, was er wünsche, einen »Nußkern« oder eine »wilde Rose?« Sehr geistreich war das nicht, aber Kallem wählte die wilde Rose. Diese wilde Rose hatte eine Musikstirn und reizende, gewölbte Augenbrauen; sonst war sie unbedeutend und stumm. Recht groß, etwas hängende Schultern, hübsche, nicht starke, aber wohlgebaute Arme; eigentlich mußte man wohl von dem ganzen Geschöpf dasselbe sagen. Sie tanzte gut, schien aber so schnell als möglich von ihm loskommen zu wollen; als er ging, hatte sie ihn kaum angesehen. Wie erstaunte er, als sie ihn bei der nächsten Tour holte! Vielleicht kannte sie nicht viele und vielleicht waren ihre Bekannten gerade engagiert. Sie sah sich scheu um und kam dann mit kleinen, verzagten Schritten und verbeugte sich; aber ohne aufzusehen. Sie schien geradezu furchtsam und deshalb fiel es ihm ein, freundlich zu sein und sich zu ihr zu setzen. Aber als sie auf alles, was er auch sagen mochte, immer nur mit »ja,« »nein,« »ja so,« »vielleicht« antwortete, so wurde es für einen armen, geplagten Kavalier zu viel; er verließ sie. Kurz darauf hatte er wieder die Wahl zwischen »Nußkern,« den er vorhin verschmäht hatte, und einem »Bonbon,« und jetzt nahm er den Nußkern. Sie gefiel ihm besser: ein rundliches, lebhaftes Wesen, das eine Mischung von nordländischem und bergensischem Dialekt sprach. Er erfuhr, daß ihr Vater Bergenser, aber jetzt Pastor im Nordland war. Sie wohnte hier in der Stadt bei ihrer Schwester und war häufig zu Ball; denn sie hatten viele Verwandte – das Wort klang echt nordländisch singend; aber leider mußte sie jetzt bald wieder nach Hause; im Nordland waren sie so besorgt um sie; die Alten wollten auch nicht allein sein. Kallem war natürlich der galante Mann, der that, als ob ihn das sehr interessiere; sie wurden so gute Freunde –. Sie erzählte in einem fort, daß sie in die Stadt gekommen, um ihrer Schwester bei der Einrichtung zu helfen; die Schwester wäre wenig praktisch; aber sie wäre es; die Schwester könnte nur spielen; sie hätte auch von Kind auf gespielt und wäre zwei Jahr in Berlin gewesen. – Da bekam Kallem Ohren – und da zeigte es sich, daß die, mit der er vorhin getanzt und die ihm so langweilig vorgekommen, ihre Schwester war; es war seine Wirthin, Ragni Kule! Der »Nußkern« war übrigens doch nicht ihre Schwester; sie waren Stiefschwestern. Und der »Nußkern« war nicht, wie er glaubte, die Älteste, im Gegenteil war die Schwester bald 19 Jahre alt, und sie knapp 17.

Sofort engagierte er Frau Kule und sagte ihr erstaunt, daß sie ja seine Wirtin sei. Wußte sie es? hatte sie ihn deshalb das letzte Mal engagiert? Sie that, als würde sie bei einer Sünde ertappt; sie konnte nichts zur Entschuldigung anführen. »Aber warum sagten Sie mir's denn nicht?« fragte er recht eindringlich. Über diese neue Sünde, das verschwiegen zu haben, wurde sie noch mehr zerknirscht; sie wußte kein Wort zu antworten. Da sagte er übermütig, und ungeduldig: »Der gnädigen Frau fällt es vielleicht schwer, zu sprechen?« Sie wurde sehr bleich; zu dem erschrockenen kam ein unglücklicher, dem Weinen naher Ausdruck. Die Unart war natürlich daraus entsprungen, daß er von vornherein wegwerfend von einem Wesen dachte, das sich dazu hergab, einen faulen Fleischklumpen zu heiraten. Aber ihre bleiche Hilflosigkeit erweckte sein Mitgefühl so unmittelbar, daß er eilig hinzufügte: »Ich weiß ja. Sie besitzen eine Sprache, die Ihnen leichter fällt als den meisten andern« – und nun hatte er einen natürlichen Übergang auf ihre Musik, bestimmte sie dazu, sich zu sehen, erzählte, daß er sie spielen gehört habe und nannte Rendalens kompetentes Urteil; er leitete das Gespräch auf die weltberühmten Virtuosen über, die er selbst gehört hatte, und verstand, sie zu fesseln; denn sie hatte selbst eine Reihe von ihnen gehört. Nach und nach faßte sie sogar so viel Zutrauen, daß sie nach Rendalen zu fragen wagte; sie hatte ihn nicht gesehen, seitdem er umgezogen. Ja, ihm ginge es ganz gut, und nun schilderte er Rendalens Eigenheiten, so daß sie lachen mußte. Wenn sie lachte, sah sie nicht dumm aus, ganz und gar nicht. Einen Augenblick kam auch der strahlende Ausdruck in ihre Augen. »Weshalb ist Herr Rendalen ausgezogen?« fragte sie, ebenfalls in dem ein wenig singenden nordländischen Tonfall, aber weniger singend als die Schwester. Die Stimme klang mitten in dem Lärm etwas schwach, aber zugleich angenehm. Er antwortete mit einer Gegenfrage. Nein, sie wüßte nichts: und nun sah sie ihn an; ja, das waren Augen! »Ob es vielleicht die Geschichte mit dem Zimmer war?« – »Mit dem Zimmer?« fragte er. – »Ja, daß er hörte, daß die Tante es gern haben wollte, – die Tante meines Mannes.« berichtigte sie, und war wieder scheu. Hatten sie ihm denn gekündigt? – »Keine Spur!« – »Aber dann konnte er doch auch keinen Anstoß nehmen!« – Nein, das meinte sie auch. Aber Rendalen kam nicht einmal, um sich zu verabschieden. Die Verlegenheit verließ sie nicht völlig wieder; sie stand ihr, wie es zuweilen ein Schleier thun kann. »Waren Sie oft mit seiner Mutter zusammen?« – »Ja« sagte sie, und lächelte. »Weshalb lächeln Sie?« – »Ja. das ist vielleicht nicht recht; aber sie war wie ein Mann.« Als sie das gesagt hatte, wurde sie verlegen und wollte es zurücknehmen; sie hätte nur gemeint, sie sei so tüchtig. Kallem hielt es fest und spaßte damit; sie mußte wieder lachen und wie gesagt, sie war süß, wenn sie lachte. »Aber sie können ja sprechen?« Sie sah ihn verstohlen an; narrte er sie? Da erinnerte er sich, daß Rendalen ihr gesagt hatte, sie solle die Stirn frei tragen; und heute abend trug sie die Stirn frei! Sieh, sieh!

Wie schön sie doch wirklich war! daß er es nicht gleich gesehen hatte! daß es andere nicht sahen und davon sprachen! Das Gesicht war kindlich unentwickelt, das war wahr, und die schlanke Figur etwas schwächlich. Ihre Stirn war prächtig; die Brauen waren fein gebogen, aber licht und nicht stark. Die Augen bekam man auch fernerhin schwer zu sehen; aber nun wußte er, daß sie in ihrer Scheu treuherzig und reich waren. Zart und unbestimmt waren Wange, Kinn und Mund; diesen hielt sie offen; er war klein und wurde dadurch so »süß«. Die Nase war nicht besonders, war auch ein wenig schief. Das Haar war nicht stark, hatte aber einen rötlichen Schein im Blond. Aber ihre Hautfarbe! Glänzend weiß – so daß man die Augen nicht davon wegwenden konnte, wenn man es einmal entdeckt hatte; aber man sah es nicht sofort, wenn die Farbe des Kleides nicht dabei unterstützte, und die Beleuchtung war schlecht; sie trug keinen Schmuck, nicht einmal ein Armband. Die Handgelenke ließen eine lange, schmale Hand ahnen, die er wohl gern gesehen hätte. »Sie lieben also die Musik über alles?« – »Ja,« antwortete sie, »es ist ja das einzige, was ich kann;« sie blickte nieder. Er wußte nicht, wonach er sie fragen sollte, ohne daß sie es wie Scham fühlte. Aber er konnte sich nur selber in acht nehmen; saß er nicht da und verliebte sich? Leider mußte er sie verlassen, um mit andern zu tanzen und sich zu unterhalten. Sobald er von ihr weg war, war's, als ob er sie nicht wieder fände; in der Entfernung wurde sie gleichsam unsichtbar. Sobald es nur der Anstand erlaubte, war er wieder bei ihr. Sie hatte augenscheinlich nichts dagegen; sie war etwas zutraulicher, ja, sie sah ihn einige Male an und lächelte ihm gerade in die Augen. Ei, ei – mehr als Rendalen erreicht hatte! Seine Verliebtheit begann mit ihrer Verlegenheit, und wuchs mit ihrem Zutrauen. Er fragte, ob er die Damen nach Hause begleiten dürfte. Er mußte doch mehr Recht dazu haben als andere, da sie seine Wirtin war. Das wurde sofort angenommen; sie bedachte sich nicht. Freilich sagte sie, daß ihr Neffe, der vorhin Kallem die Wahl zwischen einem »Nußkern« und einer »wilden Rose« gelassen hatte, sie begleiten sollte; aber sie könnten ja beide mitkommen? – »Freilich,« sagte er munter – und dachte heimlich, daß der Neffe den »Nußkern« bekommen sollte.

Eine feuchte Nacht mit dünnem Schneefall. Die Schneesterne sanken einzeln und bedächtig, als wählte jeder seinen Platz und hätte jeder sein Geschäft; kein Windstoß mengte sich darein. Die beiden Damen kamen wohl eingepackt, mit finnischen Schuhen an den Füßen. Musik und Tanz waren in vollem Gange, als sie gingen; im Vorsaal und auf der Treppe helles, jugendfrisches Lachen; draußen Schellengeläute der abholenden Schlitten. Der Neffe konnte so früh nicht fort, er war Wirt; aber er hatte einen Stellvertreter geschafft, und dieser nahm seine Dame unter den Arm und eilte springend über die Hügel hinweg; als aber Kallem mit der seinen dasselbe thun wollte, wurde seine junge Wirtin ängstlich, klammerte sich fest an ihn und bat, während sie weiter springen mußte, bat und sprang, das sollte er bleiben lassen; sie benahm sich, als ob sie nicht gut sehen könnte. Er hielt an und fragte, ob es so wäre. Nein, aber sie hätte so tötliche Angst vor dem Fallen. »Sie sind wohl überhaupt etwas furchtsam?« – »Ja, das bin ich,« sagte sie treuherzig. Sie war zwar süß, aber im Grunde ein bißchen zimperlich. Dann gingen sie ein Stück, ohne zu sprechen; die beiden andern waren nicht zu sehen. Bah, dachte er, darüber braucht man sich auch nicht weiter zu grämen, sie kann wohl nicht anders. »Es ist noch nicht einmal ein Uhr,« sagte er. – »Ja, aber das jüngste Kind ist nicht wohl; das Mädchen sitzt bei ihm; und sie muß morgen früh aufstehen.« Der nordländische Klang ihrer Stimme versetzte ihn hinaus ans Meer. »Ich vermisse jetzt im Winter das offene Meer« sagte er, »hier liegt das Eis fest. Das geht wohl allen Leuten aus dem Westland ebenso?« Sie antwortete, in Berlin hätte sie, besonders wenn sie gespielt hätte, das Meer gleichsam hören können. »Aber ist es nicht merkwürdig, daß das Meer uns immer erfrischt, wenn wir in seiner Nähe sind, und schwermütig macht, wenn wir daran denken?« – – Es kamen einige rasch heruntergefahren; sie mußten ausweichen; sie zog ihn mit sich bis an den äußersten Wegrand, während drei Schlitten nacheinander in rasendem Galopp vorübersausten.

Sie gingen weiter und lauschten dem Schellengeläute, bis es sich verlor; wieder trat für die Schneeflocken die Stille ein, deren sie bedurften, um bemerkt zu werden.

»Man sollte eigentlich nicht sprechen, wenn der Schnee fällt,« sagte sie.

Nun warteten die beiden andern auf sie, und das Gespräch wurde eine Zeitlang zwischen dem Nußkern und den Herren geführt, bis ein Hügel kam, den das erste Paar im Sturm nahm. Dann sahen sie sich durch den Schneeschleier, ohne mehr von einander zu hören. Aber sobald die Straße dichter bebaut war und der Verkehr lebhafter wurde, schlossen sich die Paare enger zusammen, und damit war auch das Interessante an der Tour vorbei.

Hinterher verwuchs sich der Eindruck fest mit dem Naturbild; sie geriet unter die Schneesterne; sie wurde das Weißeste, das ihm begegnet, das Feinste. Was sie vom Meer und dem Schneefall gesagt, atmete die musikalische Phantasie; zuletzt schwebte die ganze Person in weicher Unbestimmtheit. Allmählich, als alle diese Eindrucksperlen vom Grunde seiner Seele aufstiegen, gerieten seine Sinne in wirre Verliebtheit. Er hatte sie in seinen Zimmern; so oft sich die Vorsaalthür öffnete, gab es in ihm einen Widerklang; ging ein leichter Schritt über den Gang, so war sie es; ihm war, als ginge er über ihn selbst hinweg. Im Grunde fürchtete er sich, ihr wieder zu begegnen; da verging er wohl wieder; jetzt war das Bild so schön. Und so geschah es auch wirklich ... Als er fünf, sechs Tage später von der Universität kam, begegnete er ihr und ihrer Schwester mit den kleinen Kindern; auf dem Fußsteig waren viele Leute zwischen ihnen, so daß er sie erst erkannte, als sie einander gegenüberstanden. Er grüßte; der »Nußkern« lächelte und grüßte, aber die andere wurde rot und vergaß zu grüßen; jetzt sah sie wie alles andere, nur nicht begabt aus. Er hielt sie an und dankte ihnen für das letzte Mal, und begann mit der Schwester zu sprechen; die andere beugte sich über die Kinder – zwei liebliche Mädchen, wie Puppen gekleidet, die eine drei, die andere wohl vier Jahr alt. Er lud die Gesellschaft ein, eine Erfrischung einzunehmen; nach einiger Unsicherheit wurde es angenommen; aber Frau Kule sah nicht mehr auf und im Café brachte er sie kaum dazu, sich zu setzen. In ihrer Verlegenheit begann sie vor lauter Unruhe sich mit den Kindern abzugeben, so daß diese ungeduldig wurden. Er bot ihnen Wein und Kuchen an; aber sie wußte nicht, was sie nehmen sollte, schließlich ließ sie die Schwester wählen. Ihr Gesicht war von einer Mütze mit Ohrenklappen umgeben; diese nahm die Stirn völlig weg, und das Gesicht wurde rund und nichtssagend; ihre Figur war von Kleidern umschlossen, die alle zu groß waren (später hörte er, daß sie sie von ihrer verstorbenen Schwester geerbt hatte). Erst als er sich selber mit den Kindern abgab, wozu er ein seltenes Geschick besaß, da er Kinderfreund war, begegneten sie einander; noch dazu unten auf dem Fußboden, da das Kleinste sich mit dem Kuchen mit Schlagsahne beschmiert hatte, welchen die Frau in ihrer Ungeschicklichkeit für das Kind gewählt hatte. Als sie die Kleine jedes mit seinem Taschentuche abwischten, zerfloß die Frau im demütigen Gefühl ihres Fehlers und hörte nicht auf zu danken. Die Kleine, die sich so prächtig bemalt hatte, wollte noch mehr von derselben Sorte und von keiner andern, und damit war natürlich Kallem vollkommen einverstanden, trotzdem er wohl wußte, daß dem Kinde mit allzuviel nicht gedient war; aber er nahm das Kind auf seinen Schoß, ließ sich eine Serviette geben und paßte auf, bis der letzte Bissen verzehrt war. Da wollte die Kleine noch einen solchen Kuchen haben, und auch damit war Kallem völlig einverstanden. Die Älteste, die bisher geduldig zugesehen hatte, wie ihre Schwester aß, wagte nun auch zu bitten; da setzte er sie auf sein anderes Knie und fütterte beide. Während dieser wichtigen Handlung amüsierten sich alle Teile; nun wagte auch die Frau zu lachen. Und wie schon gesagt, war sie »süß,« wenn sie lachte. Die Erwachsenen tranken noch ein Glas Wein; beim Nachhausegehen trug Kallem das kleinste Mädchen auf dem Arm. Sie wurden fürchterlich gute Freunde, er und die Kleinste; ihre Stiefmutter war nach dem Wein mutiger und sagte: »Ist sie nicht süß, die kleine Juanita?« Sie reichte ihre Hand hinauf, worein das Kind sein Händchen legte; die Frau hielt es im Gehen eine Weile fest.

Er trug die Kleine die Treppe hinauf und versäumte nicht, ihr sein Zimmer zu zeigen und beide einzuladen, ihn am nächsten Vormittag, einem Sonntag, zu besuchen. Gleich nach Mittag ging er aus und kaufte Apfelsinen, Äpfel, Feigen und andere getrocknete Früchte, um etwas zu haben, wenn sie kamen.

»Ist sie nicht süß. die kleine Juanita?« – mit etwas von ihrem nordländischen Tonfall setzte er es in Musik und summte es, so oft sie ihm ins Gedächtnis kam. Die Stimme, die zum Kinde emporgerichteten Augen, die ausgestreckte Hand sah er dann zugleich. »Ist sie nicht süß, die kleine Juanita?« wurde ein Lieblingsvers, den er auch Rendalen lehrte; sie begrüßten sich damit abends beim Turnen. – Aber bei sich selbst behielt Eduard Kallem, daß sie beim Wiedersehen verlegen geworden – vielleicht weil es heller Tag war. Er erzählte, wie putzig sie in den zu großen Kleidern gewesen war, die aussahen, als wären sie für ein heranwachsendes junges Mädchen genäht; aber er sagte kein Wort davon, daß sie in der Konditorei unruhig geworden, als er sie ansah.

Die Kinder waren oft bei ihm, er gab ihnen Apfelsinen und Zuckerfrüchte, lief vor ihnen auf den Händen, sprang über Stühle und sie freuten sich unsinnig. Aber das Mädchen verdarb das Ganze; er las in ihrem Lächeln deutlich: »Du bist ein Schelm! Das thust du der Mutter wegen!«

Dann wurde er feig genug, ihr zu sagen, nun dürften die Kinder eine Zeitlang nicht kommen. Es schnitt ihm durchs Herz, als er am nächsten Abend hörte, daß die Älteste eine Thür geöffnet hatte und auf dem Korridor war, um zu ihm hereinzulaufen, aber weinend zurückgeholt wurde. Er klingelte dem Mädchen und bat sie, den Kindern den Rest von dem, was er ihnen gekauft hatte, zu geben. Sie nahm es; »das ist zu viel« sagte sie und sah ihn schelmisch lächelnd an; er hätte sie prügeln können. Bald aber dachte er: »Mißtraut sie mir bei allem, was ich thue, so mögen die Kinder nur kommen!« Und am nächsten Abend holte er sie selber aus der Küche herein.

Eines Tags begegnet er der Schwester, wie sie eben ausgehen will. Sie grüßt fröhlich und sagt: Dank fürs letzte Mal. »Denken Sie sich,« fügt sie hinzu, »in wenigen Tagen muß ich abreisen.« Da fand er es passend, daß sie den Abschied ein wenig feierten, z. B. in der Konditorei. Das fand sie auch, und sie verabredeten, sich am nächsten Tag wie das letzte Mal zu treffen, mit den Kindern, und alles sollte wiederholt werden. So geschah es. Die Frau war nicht ganz so scheu wie beim letzten Mal, er noch munterer, die Kinder ausgelassen. Alle verrücken Gedanken der Verliebtheit kamen über ihn, als sie lustig weggingen – er tanzend, mit Juanita auf dem Kopf, und die Schwestern »Ist sie nicht süß, die kleine Juanita?« singen lehrend. –

Als die Schwester reisen sollte, kam er auf den Bahnhof. Viele Verwandte und andere waren da, um Abschied zu nehmen. Beide Schwestern tief unglücklich, am tiefsten vielleicht die zurückbleibende; sie weinte unaufhörlich auch nachdem der Zug abgegangen war. Er dachte einen Augenblick daran, sich zurückzuziehen und sie mit den Verwandten allein zu lassen; aber sie sagte: »Ach nein, gehen Sie nicht!« Doch wollte sie nichts von ihm; sie ging neben ihm nach Hause wie neben den andern und weinte den ganzen Weg; und als die andern ihrer Wege gingen und er und sie vor der Hausthür standen, wußte sie nichts zu sagen, sondern ging sofort hinauf. Auf der Treppe fragte er, ob sie und die Kinder einmal spazieren fahren wollten; das könnte sie zerstreuen. Sie schüttelte nur den Kopf. Also morgen? fragte er ehrerbietig, indem er ihr die Thür öffnete. Sie ging hinein, kam aber zurück und sagte: »Danke, morgen!«, gab ihm die Hand und sah ihn mit ihren guten, thränenvollen Augen an.

Aus diesem tiefen Schmerz glaubte er schließen zu können, daß sie sich verlassen fühlte. Vielleicht nicht Tag für Tag, da sie die Zeit mit ihrer Phantasie ausfüllte; aber geschah etwas, das sie aus dieser herausriß, dann wachte sie auf, sah sich um und fand sich allein.

Den nächsten Tag saß sie mit den Kindern in einem breiten Schlitten, den er selber lenkte. Nach der Fahrt ging er mit zu Kule hinein, der ihm auf seine schwerfällige Art dankte, daß er mit den Kindern so gut war! Kallem ließ sich alle ihre Spiele vorzeigen, und Kule bat seine Frau, ein Stück zu spielen, während die Kinder hinausgeführt würden; er selbst saß da und dampfte aus einer langen Pfeife, die die Frau stopfen sollte, wovon sie aber Kallem befreite. Zum erstenmal erblickte Kallem ein derbes Küchenmädchen, ein ältliches Mannweib, das nordländischen Dialekt sang wie Vogelgeschrei über der Meeresbrandung. Sie war Küchenmädchen und Kules Bedienung. Die Frau beschäftigte sich offenbar nur mit ihren Angelegenheiten, d. h. mit den Kindern und ihrer Musik. Sie spielte in diesem Augenblick dasselbe russische Stück, das er auf seinem Zimmer gehört hatte, vielleicht noch besser. Nicht daß er groß darauf hörte; er sah nur sie selber an. Der obere Teil des Gesichts, der jetzt über dem Notenblatt und den Tasten leuchtete, war ein anderer, als er ihn kannte; den hatte wohl Rendalen gesehen. Welche Entwicklung sie erst durchmachen mußte, um den untern Teil des Gesichts mit zu bekommen! In den letzten Tagen hatte ihm ein Vetter aus Madison in Wiskonsin geschrieben, der an der dortigen Universität Professor geworden war, und dessen Frau, eine Norwegerin, unter ihm studierte. So etwas gehörte dazu, um diese matte Wange und dieses schlaffe Kinn zu wecken und zu formen, diesen willenlosen Mund mit der schlaffen Haut auf den Lippen. Aber wie rührend war alle diese kindliche Demut! Gleich daneben sah er die ungeheure Faust des Mannes auf der Stuhllehne – der ganze Kerl lag wie ein behoster, toter Flußgott im Stuhle. Während des Spiels öffnete sich die Thür rechts, und herein trat das dritte übernatürliche Nordlandswesen, eine alte Dame mit weißem Haar, großem, vollem Gesicht und Hornbrille; das war seine Tante, größer als Kallem und dick im Verhältnis zur Höhe. Die junge Frau kreuzte zwischen den beiden wie eine Lustjacht zwischen schwerfälligen atlantischen Dampfern. Nun sah sie auf Kallem wie auf ihren Vertrauten; freilich hatte sie ihm nichts anvertraut, aber ihre gemeinsame Jugend fand sich zusammen gegen das unbegreifbar Schwerfällige, das sich entgegenstellte. Seine Liebe verlangte ungeduldig danach, sie frei zu machen; – ihm wurde schwül in der Stube, da er es nicht konnte. Dieses unfaßbare Verhältnis quälte ihn.

Der Eindruck des ganzen Besuches störte ihn bei den Vorarbeiten zum Examen, die, er bis zu diesem Tage regelmäßig betrieben hatte. Er entwarf die wildesten Pläne, ja, er schrieb sogar an seinen Vetter in Amerika und fragte an, ob sie eine junge Dame ins Haus nehmen könnten. Er vertraute sich Rendalen an, der zuerst ärgerlich dagegen protestierte, aber später von Kallem gewonnen wurde. Das Gefühl ihrer Verantwortung gegen sich selbst mußte ja geweckt werden, sie mußte die Gefahren eines fortgesetzten Zusammenlebens kennen lernen, vor allen Dingen fortkommen, weit fortkommen, daß sie geistige Freiheit zur Ausbildung bekam. Kallem wurde infolge dieser selbstübernommenen Sorge immer sicherer und seine Liebe immer mächtiger. Jede Begegnung mit ihr, wie kurz sie auch war, ja, schon jeder Gruß auf der Straße oder im Vorsaal bestärkte ihn darin, daß sie ihm und keinem andern gehörte und daß sie befreit werden müßte.

Das alles, bevor er ein einziges Wort zu ihr selber gesagt hatte.

Er war schon oft verliebt gewesen, hatte sich oft hingegeben, ohne es zu sein; aber es drängte ihn, dieses reine und unvollkommene, dieses begabte und verlassene Wesen zu retten und zu formen, das lag in seiner Natur, und deshalb gab er sich mit ganzer Seele hin. Sie ihrerseits verlor mit jeder Bewegung einen Teil ihrer Scheu; es schien, als tröste er sie über die Abreise der Schwester, ja, irrte er sich nicht, so bot er mehr als Ersatz. Jedenfalls gab es ein untrügliches Zeichen: er hatte ihr gesagt, er bliebe hauptsächlich deswegen abends zu Hause, um sie spielen zu hören und öffnete deshalb die Thür ein wenig; – und Abend für Abend spielte sie, oft lange.

Wenn er ihr mit den Kindern begegnete und sie mit in die Konditorei nahm, hatte er die größte Lust, sich auszusprechen; aber ihr Wesen war nicht danach. Besonders war ihre Treuherzigkeit im Wege; er durfte nicht abschrecken. Die Energie seines Wesens trieb zur Lösung; aber seine Liebe beugte sich vor ihrem Drang zu poetischem Spiel, wo die Liebe nicht genannt wurde, aber alles ihre Bilderschrift ward. Das Verhältnis bekam eine Anmut, der nichts glich, was er bisher kennen gelernt hatte.

Einen Abend in der Woche nahm sie an einem Privatkonzert, oder wie man's nun nennen will, teil bei einem Verwandten ihres Mannes, demselben, bei dem sie seiner Zeit getanzt hatten. Zu diesem verschaffte sich Kallem durch seinen Studienfreund, ihren Vetter, Zugang. Natürlich wollte er bloß deswegen mitkommen, um sie nach Hause begleiten zu können. Es war um die Zeit, als der Schnee wich und die Gassen voll Eis lagen. Als er ihr sagte, daß er auch käme und sich die Erlaubnis ausbat, sie begleiten zu dürfen (worüber sie erfreut war), war es ihr selbstverständlich, daß er mit Schlitten oder Wagen kam.

Nach einem langen Abend mit allzuviel Musik in engen Räumen sollten sie endlich nach Hause; sie beeilte sich beim Ankleiden und kam mit ihm heraus; hier nahm er ihren Arm; – »Das trifft sich doch gut, daß gerade jetzt der Mond erschienen ist,« sagte er. Sie glaubte, sie würden einen von den Schlitten nehmen, die dort standen, oder den Wagen, der gerade kam; sie stieß einen kleinen Schrei aus, da gerade vor der Hausthür Glatteis war, ging aber mutig vorwärts. Inzwischen fuhr ein Schlitten nach dem andern vorbei und auch der Wagen. Keiner davon schien der ihrige zu sein. »Wollen wir nicht fahren?« fragte sie. Der Spaßvogel lachte; er hatte es sich gerade ausgedacht, daß sie gehen sollten. Sie versuchte ihre Enttäuschung zu verbergen, aber nach einigen verzweifelten Versuchen bat sie rührend, fahren zu dürfen. Er erinnerte sich, wie furchtsam sie das erste Mal gewesen war, bekam Gewissensbisse und beteuerte, sie wollten nur bis zu dem nächsten Halteplatze gehen, der nicht weit entfernt war. Der Weg war nicht sehr glatt, aber abschüssig; sie schmiegte sich an seinen Arm, starrte vor sich hin und stieß leise Schreie aus; weiterhin wurde es etwas schlimmer, da zuweilen die ganze Breite des Weges Eis war, wenn auch hier mit festen Stellen. Er wurde einigermaßen mutlos: besonders da er sie nicht dazu bringen konnte, auszuschreiten. Etwas so Furchtsames hatte er noch nicht gesehen, selbstverständlich ging es Schritt für Schritt mit vielen, langen Pausen.

Gärten und Felder ringsum waren teils kahl, teils mit Schnee und Eis bedeckt – und dorthin wollte sie; aber er zeigte ihr, daß bald ein Haus, bald ein verschlossener Garten den Weg versperrte; es war nicht wie auf dem Lande. Die Felder sahen zerrissen aus, auch der Himmel; denn dort oben zogen langgestreckte Wölkchen über die schwarze Bläue hin, ebenso wie hier unten inmitten der Eisfläche freie Stellen lagen. Der Mond schien den Wölkchen in rasendem Laufe nachzueilen, um sie einzuholen, durch sie hindurch und dann weiter fort zu fahren; dort oben mußte ein Orkan, herrschen; hier unten war es still. Sein Fehlgriff machte Kallem unglücklich und unsicher. Das unstäte Licht über der Landschaft mit den zerrissenen Farben vermehrte diese Stimmung; nun sollte gewiß etwas Dummes passieren. Und niemals kam dies Gefühl über ihn, ohne daß die Schreckensnacht in seiner Jugendzeit mit allen ihren Folgen an seiner Seele vorüberzog. Sollte ihm dieses ängstliche Vorgefühl eigener Fehltritte durchs Leben folgen? Er ging in der größten Spannung; denn sie durfte nicht fallen. Ohne ihre Furchtsamkeit wären die Hügel ein lustiger Tanzboden gewesen; nun machte sie auch ihn furchtsam. Jede glatte Stelle wurde zu einer wirklichen Gefahr, und er wurde von dieser nur allein befreit, um in eine neue zu geraten; furchtsam, ungeduldig, sprachen sie nicht, sahen sie sich nicht an. Minuten vergingen bei dem, wozu sie Sekunden gebraucht hätten; das eine beschuldigte im stillen das andere, während sie wie ums Leben kämpften. Nur ein kurzatmiges: »ach Gott« oder »sehen Sie sich vor« oder ein hoffnungsloses »Nein, nein, das geht nicht!« – und ein »Versuchen Sie es noch einmal! Kommen Sie!« – Zuletzt nicht einmal das mehr. Sie konnte jammern, verzweifeln, fast weinen, er antwortete nicht mehr. So war er von seiner Angst erfaßt, daß sie den Übergang nicht merkte.

Da sahen sie weit entfernt die Rettung, nämlich hohe Häuser auf beiden Seiten, welche gegen die Sonne geschützt hatten, so daß der Schnee nicht geschmolzen war. Dorthin galt es zu kommen: der Halteplatz war ganz in der Nähe. Endlich glückte es auch. Sie blieb stehen, holte tief Atem und versuchte zu lachen, vermochte es aber nicht. »Bleiben wir ein wenig stehen,« bat sie und atmete tief auf. Sie wandten sich nach verschiedenen Seiten; weiter unten hörte man Schellen klingen: beide lauschten. »Wenn nur nicht der letzte Wagen wegfährt,« sagte sie, »es ist spät.« Sie gab ihm den Arm und sie gingen weiter. Ganz leicht war es auch hier nicht; der Schnee war festgetreten; aber auf dem Fußsteig war gestreut; sie gingen nun schneller und allmählich sicher. »Gott sei Dank,« sagte sie erleichtert, als käme sie vom Eismeer. Kaum hatte sie es gesagt, als sie dalag. Sie war an eine schlimme Stelle gelangt, wo ausgegossenes Wasser gefroren war, und später hatte es darüber gereift. Sie glitt aus und zwar gerade über einen seiner Füße, so daß auch er ausglitt und fiel – das eine über das andere. Er machte seinem übervollen Herzen in einem Fluche Luft; dann wieder auf. um ihr zu helfen; – aber sie lag mit geschlossenen Augen leblos da.

Es überlief ihn kalt. Eine Gehirnerschütterung? Er hob sie auf und legte sie auf sein Knie, biß in seinen rechten Handschuh und zog ihn aus, machte dann ihr Kinn frei. Ihr Arm hing herunter, sie sah leichenblaß aus, er öffnete den Mantel, wollte ihr Luft schaffen, Aber da rührte sie sich. »Ragni!« flüsterte er. »Ragni!« – beugte sich weiter auf sie nieder: »Süße, süße Ragni! Vergieb mir!« Sie öffnete die Augen: »Vergieb mir, hörst du?« In ihren Wangen stieg die Röte auf, die Hand griff nach dem Mantel, der geöffnet war; sie hatte es also gefühlt, nur in der Betäubung des Schreckens gelegen. Er konnte seine Freude nicht mehr zügeln, er zog ihren Kopf zu sich empor, küßte sie ein, zwei, drei Mal: »Ach, wie ich dich liebe!« flüsterte er und küßte sie wieder. Sie wollte empor, er merkte es und sofort erhob er sich und sie. Aber sie konnte nicht allein stehen, geriet ins Taumeln, so daß er sie an den Gartenzaun gerade vor dem Hause lehnte; sie erfaßte diesen und lehnte sich darüber, als könnte sie sich nicht allein tragen. Er ließ sie los, um zu sehen, ob sie sich halten könnte; ja, sie konnte es. »Ich laufe nach einem Wagen!« sagte er – und fort war er. Im Laufen erinnerte er sich, daß er das gleich anfangs hätte thun können, dann wäre alles vermieden worden! Aber war auch noch ein Wagen zu bekommen? Wenn nicht, so lief er weiter. Wenn sie nur stehen konnte, wenn nur niemand kam ... Er lief, er glitt, und als er ein Pferd mit einem Schlitten stehen sah, sprang er gleich in den Schlitten und wollte, der Kutscher solle darauf losfahren, was das Pferd nur laufen könne, ohne zu wissen, wohin. Erst als dies abgemacht war und der Schlitten davonsauste – merkte er, was er gesagt und gethan hatte, während er sie in seinen Armen hielt! Es war wohl angeklungen, nun erst tönte es in voller Melodie hervor.

»Fahren Sie zu! dort steht sie, dort rechts! Wir fielen, sie litt Schaden. Dort, ja!« Er sprang heraus und eilte zu ihr, während der Kutscher umwendete und dicht heranfuhr. Sie lehnte noch am Zaun, aber halb mit dem Rücken, halb mit der Seite. Sie hatte ihren Mantel wieder zugeknöpft und den Schleier heruntergezogen. Sie streckte die Hand aus, um sich zu stützen, als er kam; er nahm sie, legte aber die andere um ihren Leib, um sie vor sich herzuführen; er wollte es nicht noch einmal riskieren, daß sie ihm ein Bein stellte. Es ging gut, er brachte sie in den Schlitten, packte sie ein, bezahlte den Kutscher und nannte die Adresse. Sie bat ihn nicht, mitzufahren; sie sagte nicht gute Nacht; sie blickte nicht auf. Sie fuhren.

Er fühlte sofort – daß sie nun von ihm wegzog. – Nichts macht einem braven Jungen so viel zu schaffen als seine eigne Dummheit und Zügellosigkeit. Stundenlang strich er diese Nacht durch die Straßen und schlich sich nach Hause wie ein geprügelter Hund. Am nächsten Morgen wagte er nicht, das Mädchen zu fragen; aber am Abend erzählte sie ungefragt, daß es der Frau nicht wohl gewesen sei; sie habe sich erbrochen und liege noch; indessen gehe es ihr besser. Mariens mitwissendes Lächeln versetzte ihn in ohnmächtigen Zorn. Sie hatte noch obendrein die Unverschämtheit, ihm forschend ins Gesicht zu sehen. Am nächsten Tage mußte er sich doch dazu bequemen, zu fragen; ja, die Frau wäre auf und ganz munter. Aber weder diesen noch den nächsten Tag bekam er von ihr einen Schimmer zu sehen noch hörte er einen Laut von den Kindern. Sie spielte auch nicht abends er saß bloß deswegen zu Hause, um es zu hören. Weder sie selbst noch die Kinder gingen den alten Weg, wenn sie ausgingen; sie gingen die Küchentreppe. Niemals traf er sie. Sie wählte neue Wege.

Bisher war seine Liebe ein heimliches Glück mit vielen Plänen gewesen. Nun war er gewaltsam ins Heiligtum eingebrochen und ein endloses Träumen und unnützes Grübeln löste seine klaren Tage und gesunden Nächte ab. Er ging alles durch, was geschehen war, und jedesmal mit stechender Seelenqual, verachtete sich selbst, ließ sich zu Ausschweifungen verleiten und mißachtete sich noch mehr. Von dem Augenblick an, wo er ihre Lippen berührt, ihr Ohr beleidigt hatte, war vor ihr Bild gleichsam ein Schleier gezogen; er sah nicht das reine Taubenweiße, in seiner Anmut und Hilflosigkeit von der Musik getragen; – er sah eine, die er begehrte. Aber er hatte Sinn für das Komische und eine gesunde Natur; er wollte sich nicht in Selbstquälerei und dummen Begehren verzehren; er wolle sofort ausziehen und eine Reise zum Vorwand nehmen. Damit glaubte er über alle Schwierigkeiten hinwegzukommen wie über einen Zaun. Er hielt es nicht aus daß ihm das Haus verschlossen war; er hielt nicht einmal das unverschämte Lächeln des Mädchens aus.

Nun frappierte ihn die Ähnlichkeit, die sein Umzug mit dem Rendalens bekam! Rendalen gab auch keinen Tag Frist! Es sollte doch nicht etwa aus demselben Grunde gewesen sein – ? Er schlug ein Lachen auf: natürlich war auch ihm genau dasselbe widerfahren!

Rendalens Mutter war in der Stadt gewesen und hatte dort gewohnt: in dieser Zeit war Ragni oft mit beiden zusammen: Rendalen und sie spielten vierhändig. Das wurde wohl auch nach der Abreise der Mutter fortgesetzt – und immer auf seinem Flügel, wie er wußte ... Dieses Zusammentreffen fühlte er als eine Demütigung.

Eine feinere, edlere Natur als die Rendalens kannte Kallem nicht: er hatte sich nicht das geringste erlaubt. Aber daß sie auch ihn so unruhig machen konnte, daß er auszog – ? Sie mußte also etwas Derartiges an sich haben? Dieses brauchte er zu seiner Entschuldigung. Noch mehr, er fühlte es als eine gesteigerte Versuchung. Denselben Abend sagte er zu Marie, daß er ausziehen wollte, entweder den nächsten oder den übernächsten Tag; das wüßte er noch nicht; aber sie sollte nach der Rechnung fragen; natürlich bezahlte er das volle Vierteljahr. Das Mädchen sah ihn an; sie erriet sofort den tiefern Zusammenhang. Freute sie sich oder hatte sie ihm etwas zu erzählen? – Sie fragte in ihrer bescheidenen Art, ob er die Rechnung sofort wünsche. Nein.

Den nächsten Tag wurde aus dem Umzug nichts; aber den folgenden sollte er vor sich gehen. Er wollte auf ein paar Tage verreisen, aber erst ein Logis mieten und sein Eigentum dorthin schaffen. Nachmittags ging er aus und da mietete er, aber in einem ganz andern Stadtteil. Dann grübelte er eine Weile, was er als Grund anführen sollte – namentlich Rendalen gegenüber; er beschloß bei sich, ihm die reine Wahrheit zu sagen. Andern gegenüber konnte es heißen, daß er mehrfach gestört worden wäre, und das war ja wahr. Gegen fünf Uhr kam er wieder nach Hause, ging ins Schlafzimmer, zog Schlafrock und Pantoffeln an, ging in das andere Zimmer und legte sich aufs Sofa, wo er in tiefen Schlaf verfiel. Gegen sieben Uhr kam das Mädchen herein und heizte ein, ohne daß er's merkte. Etwas später erwachte er und hörte es prasseln und sah den Feuerschein – daraus schloß er, daß es über sieben war. Seine Gedanken waren sofort bei ihr. Er hoffte heimlich, daß er, wenn sie wußte, daß er fortzöge, noch einmal ihr Spiel zu hören bekommen würde. Darin hatte er sich bisher getäuscht, konnte aber trotzdem den Glauben nicht aufgeben, daß seine Abreise ihr nahe gehen würde. Er lag auf dem Bett und lauschte. Ob er ohne weiteres zu ihr hereingehen konnte, um Abschied zu nehmen? Sollte er Licht anzünden? Sollte er wieder ausgehen? Er stand auf und starrte in das Ofenfeuer. Da hörte er im Vorsaal das Öffnen einer Thür und mehrere Stimmen; ein paar Frauenstimmen mit nordländischem Klang; daraus schloß er, daß neu gekommene Verwandte zu Besuch gewesen waren. Die Frauen wurden bis zur Thür begleitet; er hörte die langsame Redeweise der Tante; er hörte auch eine Männerstimme; war es die Ole Tufts? Aber nicht die ihre, nach der er lauschte. Allgemeines Abschiednehmen; die Thür geschlossen: dann die Stimme der Tante, dann die Ole Tufts, sie war es wirklich; er kam also, als die andern gingen; – sie gingen in das Zimmer der Tante, hinter ihnen wurde die Thür verschlossen; gleichzeitig wurde eine weiter hinten geschlossen. Es klingelt wieder; wieder geht eine Thür auf, und heraus kommen – beide Kinder, jubelnd; sie haben die Gelegenheit benutzt und wollen zu Kallem hinein, aber sie sollen nicht; deshalb unter Gelächter Jagd auf sie im Korridor, sie werden eingefangen und eine Thür hinter ihnen zugeschlagen; aber gleichzeitig wird die Korridorthür geöffnet; eine Dame hatte ihre Gummischuhe vergessen, und jetzt hörte er die Stimme Ragnis, die Licht holen wollte, da es hier ganz finster wäre; aber das wurde abgeschlagen. Da, gerade an der Thür standen die Gummischuhe; aber sie seien nicht leicht anzuziehen, sie wären »neu«! – So! Nun saßen sie. Wieder zärtliche: »adieu, adieu!« und als Antwort: »auf Wiedersehen am Freitag!« Das letzte sprach Ragni. Täuschte er sich – oder klang es nicht wie die Stimme eines, der sich einer Gefahr nahe glaubt – ? Sprach sie von ihm, ohne es zu wollen? Er sprang auf und war an der Thür, bevor sie draußen geschlossen hatte; – wenn er öffnete, ständen sie sich gegenüber. Sollte er – ? Er lauschte wie auf ein Zeichen. Er hörte sie nicht gehen, vielleicht war sie draußen? Sein Herz schlug Sturm, aber er legte die Hand ganz leise an die Thürklinke, schloß lautlos auf. Vor seinen Augen, die in das Ofenfeuer gestarrt hatten, war es im Vorsaal stockdunkel. Er fühlte sich nach der Thür hinüber, spürte die Klinke der Vorsaalthür, fühlte sich weiter vorwärts; aber es war niemand da. Sollte sie mit hinausgegangen sein? Nein, sie sagte ja adieu und sprach von Freitag wiederkommen. Weshalb hatte er sie nicht gehen, nicht eine Thür öffnen hören? Sie mußte hier auf dem Vorsaal sein.

Sein Herz schlug hörbar; aber vorwärts mußte er. Da faßte er Kleider, ein Schauer durchzog ihn; sofort gewann er die Besinnung wieder, denn die Kleider waren kalt und leer. Nun hörte er ein Räuspern, es war Kule; dann hörte er die Kinder in der Küche oder dem Speisezimmer sich unterhalten. Er stand still wie ein Verbrecher bei den friedlichen Lauten gesetzmäßigen Lebens. Er hätte sich nicht darauf einlassen sollen. Da hörte er die langgezogenen Fragen der Tante und die klaren Antworten Oles, d. d. die Töne, nicht die Worte. Ob Ragni im Vorsaal war? Sie konnte ja etwas gesucht haben und erschrocken über seinen Anblick stehen geblieben sein. Ging er weiter, konnte er sie erschrecken, so daß sie auf die nächste Thür zuflog und sie öffnete. Dann stand er in dem hellen Lichte da! – –

Nein, dazu war sie zu furchtsam. Wieder ein Schritt vorwärts. Er hatte Pantoffeln an; man hörte ihn kaum; aber er wünschte, daß sie nicht da wäre. Die Kinder plauderten gerade am Ende des Ganges; je näher er ihnen kam, um so deutlicher hörte er sie; er glaubte sie zu sehen, wie sie beide mit ihren Knien auf ihrem Stuhle hockten und auf dem Tische Häuser bauten. Er schämte sich: was wollte er? Unterdessen ging er trotzdem weiter; er griff von der einen Seite nach der andern, von einem Rock zu einem Shawl, vom Getäfel an einer Thür bis zu einem der gestreiften Vorsaalfenster, die er erkannte. Ein Wagen rumpelte vorbei, bald darauf erklang gedämpft vorüberziehendes Schellengeläute; während der Schneeschmelze brauchte man Wagen und Schlitten. In der Küche fiel etwas; Kule räusperte sich wieder; ihm mußte die Zeit lang werden; er brauchte wohl kein Licht? Zwischen dem Kinderzimmer und der Küche stand die Thür gewiß offen; denn jetzt waren sie draußen, um zu fragen und nachzusehen, was draußen gefallen; das Nordlandsmädchen antwortete in langgezogener, süßlicher Freundlichkeit; eine Un – ter – tasse wäre gefallen, vom Gesims herunter. – Wieder weiter vorwärts. War Ragni dort, so stand sie in der äußersten Ecke. Wie sie sich jetzt fürchten müßte! Was sie wohl von ihm glaubte! Kehrte er um, so machte er den Eindruck eines ertappten Diebes. Nun vermochte er am Fenster ein klein wenig zu sehen; aber nicht weiter; kein Licht unter und über den Thüren, auch nicht in den Schlüssellöchern, nicht einmal vor dem Kinderzimmer, Sie stand doch nicht etwa dort? Er bildete sich ein, daß er sie dann sehen müsse.

War sie vielleicht zur Tante hineingegangen? Dicht neben seiner Thür? Oder hatte sie einfach die Thür zu dem Zimmer der Kinder oder zu dem Kules hinter sich offen stehen lassen, als sie herausging und sie geschlossen, eben als er die seine öffnete? Und nun saß sie drinnen und träumte? Davon wurde er überzeugt; dann das wünschte er jetzt. Aber er ging weiter. Endlich ganz hinten an der Thür hörte er drinnen die Kinder und links das Küchenmädchen wirtschaften und in der Küche hin und wieder gehen. Jetzt kehrte er um und fühlte sich sofort freier. Die Hände vorgestreckt, ging er schneller zurück; da erfaßte er einen warmen, festen Arm. Er erbebte, erschauerte, die Augen sprühten; er blieb stehen. Aber der Arm rührte sich kaum, und dadurch bekam er wieder Mut. Dann ließ er die Hand langsam vom Arm aus um den Leib gleiten und umschlang ihn behutsam. Er hatte das Gefühl von etwas Weichem, Warmem; sie stand still, aber sie zitterte. Er zog sie leise an sich. Mit der andern Hand fand er die ihre und drückte sie; auch diese erzitterte – und nun glitten sie wieder langsam Schritt für Schritt vorwärts – ohne Widerstand, aber auch nicht gutwillig. Er hörte seine eigenen Schritte; aber nicht die ihren; die Kinder schwatzten leise. Von Kules und der Tante Zimmer kam jetzt kein Laut; vor ihnen ein schwacher Schein an seiner Thür. Sie kamen dorthin; er stieß sie langsam auf und wollte sie hineinführen; aber hier blieb sie stehen, wollte die Hand wegziehen. Er hörte ihr Atmen, fühlte ihren Hauch, sah das bleiche Gesicht – während er sie vorsichtig bis an die Schwelle schob – und dann darüber, und lehnte die Thür hinter ihnen an. Hier ließ er sie los, um die Thür so leise als möglich zu schließen. Sie blieb stehen, wie er sie verlassen hatte, ihm den Rücken zugekehrt, aber beide Hände vor die Augen geschlagen; als er kam, begann sie zu weinen. Er umschlang sie, um sie an sich zu pressen; da ging das Weinen in Schluchzen über. Sie schluchzte so heftig, so unglücklich, daß sein Blut nüchtern wurde und neue Gedanken zuströmten. Willenlos führte er sie nach dem Sofa; sie weinte so verzweifelt, daß er das Bedürfnis nach Licht fühlte, wie wenn einer krank wird. Deshalb beeilte er sich, die Lampe in stand zu setzen, dachte daran, daß er erst die Gardinen herablassen müsse, that es und zündete Licht an.

Nur jemand, der sein Leid Tage und Nächte lang in seinem Innern verschlossen hat, kann so weinen. Der Tisch, an den sie sich lehnte, schwankte.

Hundertmal hatte er über Liebhaber gespottet, die in Romanen und Schauspielen aufs Knie sinken; – jetzt schob er die eine Tischkante ein wenig zur Seite und fiel vor ihr aufs Knie wie der demütigste Sünder. Er suchte ihr Gesicht; sie hielt ihr Taschentuch mit beiden Händen davor. Ihr Kopf, Busen und Schultern bewegten sich unter ihrem leidenschaftlichen Weinen stoßweise, er fühlte jeden Ruck, und bat inständigst, sie möge ihm vergeben! Er wäre nicht Herr gewesen über das, was er ihr auf dem Eise gesagt habe. Er liebe sie, sie gehörten zusammen. »Ach, weine nicht so!« bat er, »das halte ich nicht aus!« Er ergriff ihre Hände und setzte sich neben sie, lehnte ihren Kopf an seine Brust und schlang die Arme um sie; er küßte ihr Haar, schmiegte ihre feuchte Wange an seine; sie weinte in der einen wie in der andern Stellung. Er wollte ihr Wein zu trinken geben. Nein, nein! – Aber dieses Weinen war entsetzlich. Weinte sie, weil er sie zu sich hereingeführt hatte? Er hatte seiner Sehnsucht nicht widerstehen können, als er sie im Gange hörte. Sie wünschte doch wohl nicht, daß er ohne Abschied ausziehen sollte? Und sie niemals aufsuchen sollte? Sie schüttelte den Kopf, löste sich von ihm los, legte sich über den Tisch und weinte in ihr Taschentuch, stärker als jemals. »Willst du, daß ich ausziehen soll?« fragte er; aber sie hörte es nicht. Da ließ er sie weinen; erst nach einer langen Pause beugte er sich zu ihr nieder und sagte: »Ich thue alles nach deinem Willen.« Da erhob sie ihr verweintes Gesicht vom Tische und vergrub es an seiner Brust. Er umschlang sie mit beiden Armen und fühlte, während er sie hielt, daß sie es schöner und tiefer als er auffaßte.

Da hörten sie jemand an der Thür, sie wurde geöffnet; das Mädchen brachte das Abendessen. Erschrocken ließ er los und stand auf; aber Ragni legte sich nur wieder über den Tisch und schluchzte. Das Mädchen schob das Brett behutsam auf die freigebliebene Ecke des Tisches, setzte ebenso behutsam die Lampe weg und schob das Brett nach. Sie war rot und sah niemand an; aber das Lächeln war da und sagte deutlich: »das habe ich schon lange erwartet!« So wunderbar verschieden kann dieselbe Sache aufgefaßt werden, daß Kallem jetzt meinte, es läge stille, schelmische Freude darin. Still war sie gekommen und still ging sie hinaus, und schloß die Thür hinter sich so leise, als er es selbst gethan hatte.

»Aber Gott, Ragni?« rief er aus. Sie antwortete nicht, dazu schien es ihr allzu gering; das Leid, das sie bedrückte, überwog alles. Er kam wieder und drückte sie wieder an sich; da sagte sie: »Ach, wie bin ich unglücklich geworden!« – und das war eigentlich das einzige Wort, das sie sagte, so lange sie dort saß. Er konnte nichts entgegnen, was ihm nicht dumm vorkam, versuchte es wohl und half mit Liebkosungen nach. Aber sie kümmerte sich weder um das eine noch das andere; sie stand auf und wollte gehen. Er fühlte sich nicht im stande, sie zurückzuhalten, geleitete sie aber bis an die Thür. Bevor er zurückging, wandte sie sich ihm mit schmerzvoll hingebendem Ausdruck zu wie in der Todesstunde. Er löschte die Lampe aus und sie glitt hinaus.

Aber als sie eben die Thür hinter sich schloß, fiel ein schwacher Lichtschein auf sie; er kam aus der Vertiefung, die zu dem Zimmer der Tante führte; denn in demselben Augenblick wurde die Thür der Tante geöffnet, und sie selbst stand davor – in Ragnis erregter Phantasie groß wie ein aufgerichteter Walfisch. Natürlich – die Tante hatte Ragni im Zimmer des Mieters weinen hören und sofort erfaßt, was das wunderliche Wesen Ragnis die ganze Zeit her bedeutete. Nun stand sie vor ihrer Thür Wacht, und eben als Ragni aus Kallems Zimmer kam, stieß die Tante ihre Thür auf, so daß das Licht auf die Kommende fiel. Die Tante streckte ihre Hand aus; das bedeutete so viel als: »Diesen Weg, mein Kind!« Und Ragni kam, und die Tante ließ sie an ihr vorüber hineinschleichen. Sie war nicht allein. Vor der Wand zu dem Zimmer, das sie eben verlassen hatte, stand ein Sofa; aus seiner Ecke erhob sich ein hoher, blonder Mann von mildem Aussehen; es war Ole Tuft. Er war zuerst auf ihr Weinen aufmerksam geworden und war auch an ihrer Thür gewesen. Ragni ließ sich auf einen Stuhl zwischen Sofa und Thür niedersinken.


Tags darauf lag sie zu Bett. Aber bevor Kallem ausging, bekam er von ihr einen Zettel, worauf sie schrieb, die Tante hätte ihr Weinen in seinem Zimmer gehört, und ebenso Herr Kandidat Tuft; er wäre auch an der Thür gewesen. Mehr stand nicht da; doch am untersten Rande standen fast unsichtbar die Worte: niemals wieder.

Mitten in der Angst, die ihn überkam, fand Kallem diese ärmlichen Worte »niemals wieder« so beredt, daß sie seine Augen mit Thränen füllten, aber auch sein Herz mit Mut. Nun mußte etwas geschehen! Die Tante und Ole Tuft hatten sie in Verhör genommen! Er hatte nichts gehört, es mußte also still zugegangen oder nicht im nächsten Zimmer gewesen sein. Arme, arme Ragni! Er wurde von dem tiefsten Mitgefühl ergriffen, von dem heftigsten Ingrimm, von Furcht, Rachegefühl, grenzenloser Liebe, Enttäuschung und Raserei!

Er kleidete sich an und eilte auf die Straße. Wohin? Ja, zu Ole Tuft; dem verdammten Duckmäuser, der sich in seine Sachen eingemischt hatte! War er Spion und Angeber? Was zum Teufel wollte er? Was war die Absicht? War das auch »auf Gottes Wegen«? Durchs Schlüsselloch zu gucken und an den Thüren zu horchen? Dieser Bursche hatte ihm »auf Gottes Wegen« seine prächtige Schwester genommen, sollte er ihm nun auch seine Liebe nehmen? Weshalb kam er nicht zu ihm selber? Warum sagte er's der Tante?

Er fühlte die größte Lust in sich, ihn aufzusuchen und durchzuprügeln, ihn halbtot zu schlagen. Weiß Gott, er hätte es verdient! Er ging wirklich in dieser Richtung; aber da kamen diese großen Augen seiner Schwester und sahen ihn fest an. Er konnte sich wenden, wie er wollte, sie begegneten ihm, die tiefen Augen. Und da fühlte er ihre Wange an der seinen, wie jenen letzten Abend. Das Ende vom Liede war, daß er vorbeiging. – Aber damit war er in die Nähe seiner frühern Wohnung gekommen, und er dachte an Rendalen. Ihn wollte er besuchen! Kein Stäubchen wollte er ihm verheimlichen; es war bloß das größte Glück, sich aussprechen zu dürfen. Nicht weit von der Hausthür entfernt, sah er jemand herauskommen. War das – ? Ole Tuft! Er selbst, der Schurke! ... Es kochte in Kallem; aber Tust ging nach einer andern Richtung und sah den Schwager nicht.

Kallem kannte die jetzige Gesinnung Tufts nicht. Sonst hätte er verstanden, daß es ihm galt, zwei Seelen vom Untergange zu retten. Dieser beiden teuern Seelen wegen lebte er in schlaflosem Fieber und suchte Hilfe; in der Zwischenzeit gönnte er sich weder Rast noch Ruh. Zu Kallem selbst zu gehen – ja, das war gefährlich, wäre auch sicherlich unnütz gewesen. Hier mußten andere einschreiten. Hätte Kallem das geahnt, so wäre er – anstatt zu Rendalen zu gehen – Tuft nachgegangen und hätte ihn geschlagen, bis er sich nicht mehr rühren konnte. Aber glücklicherweise ahnte er nichts und klingelte bei Rendalen, erfüllt von dem, was er mitteilen wollte. Rendalen öffnete selber, und zwar sofort; er stand nämlich zum Ausgehen fertig da; er hatte den Hut auf und den Überzieher in der Hand, aufs sorgfältigste gekleidet und geputzt. Kaum hatte er Kallem erblickt, als er den Kopf wie ein Pferd zurückwarf, das seinen Feind sieht. »Bist du hier?« rief er. Kallem war äußerst erstaunt und kam schnell herein. Rendalen machte die Thür zu, ja verschloß sie, und warf Hut und Überzieher weg. »Ich wollte eben zu dir gehen!« schnaubte er; er war weiß zwischen den Sommersprossen, die schmalen Lippen preßten sich aufeinander, die Augen sprühten. Und nun ballte er seine breiten, kurzen Hände, Riesenhände, so daß sie weiß aussahen. Sein abstehendes rotes Haar schien mit den Augen um die Wette Feuer zu geben, die ungeheure persönliche Macht, die der Mann besaß, machte Kallem unruhig und bange. »Was zum Teufel ist denn los?« Der andere antwortete in größter Raserei, aber doch gedämpft: »Tuft war bei mir und erzählte alles. – Ja, ich sehe, du wirst bleich.« Er kam noch näher: »Sie war das unschuldigste Geschöpf von der Welt – du Schurke!« Seine Stimme zitterte.

»Höre nun!« sagte Kallem, ihm wurde eiskalt. Der andere ist sinnlos und unterbricht ihn: »Du meinst, das geht mich nichts an? Alle Menschen geht so etwas an! Und weißt du, warum ich auszog? Glaubst du, ich hätte weniger Macht über einen Menschen als du? Du feiger, verfluchter Schurke!« Diese Worte entrangen sich seinem erregten Sinn wie wilde Schreie, obwohl sie noch leiser als die vorhergehenden gesprochen wurden. Solche Raserei und solcher Hohn stecken an.

»Nein, werde nur nicht eifersüchtig, mein Junge!« rief Kallem. Rendalen hätte nicht röter werden können, wenn eine Bütte mit Blut über ihn ausgegossen worden wäre, und obendrein wurde er weiß. Vergebens versuchte er zu reden, und da er es nicht konnte, ging er auf Kallem gerade los, die Augen auf ihn gerichtet, daß sie gleichsam brannten. Er konnte nur sagen: »Ich hätte die ... die größte Lust, dich zu schlagen!« »Komm her!« sagte Kallem und nahm Stellung. Kaum hatte er dieses höhnend ausgerufen, als Rendalens rechte Hand niedersauste. Kallem beugte sich und stand unverletzt höhnend da. Rendalen stürmte wieder an. Kallem wich abermals behend aus. »Hast du den Verstand verloren?« rief er sehr laut.

Als wenn ihn einer von hinten gepackt hätte und festhielte, stand Rendalen da und allmählich befiel ihn eine Ohnmacht. Bleich, steif, starrte er, bis er mit dem Aufgebot seiner ganzen Willenskraft sich umwenden und langsam, langsam nach dem Fenster gehen, sich vor dieses stellen und mit leerem Blick hinaussehen konnte. Der Atem ging so stark, daß Kallem glaubte, der Schlag werde ihn rühren. Kallem selbst stand, ohne sich zu rühren; denn er war so zornig, daß er nicht zu ihm gehen konnte. Rendalen war ihm ein Rätsel, eben erst in heftigster Leidenschaft aufwallend, und nun gelähmt. Hörbar war nur das tiefe Atemholen; sonst alles still; das Gesicht so unglücklich – so ganz unglaublich unglücklich. Was in aller Welt bedeutete das? Er sah den Kameraden an, bis die alte Freundschaft wieder erwachte, und ohne jedweden Übergang ging er dann ans Fenster und stellte sich auch davor. »Du brauchst es dir nicht so nahe gehen zu lassen,« sagte er; »so schlimm, wie du vielleicht glaubst, ist es nicht.« Der andere antwortete nicht; vielleicht hörte er ihn nicht; er sah wie früher zum Fenster hinaus. Oder er glaubte ihm nicht, meinte, es wäre Spott. Da lächelte Kallem ihm zu – und dies Lächeln war nicht zu mißdeuten; es war gut und aufrichtig. Rendalens Gesicht bekam Rührung und Farbe; er wandte den Kopf. Kallem sagte hastig und froh: »Ich habe ihr wahrhaftig nicht das Geringste gethan, Lieber.« Rendalen faßte seine Worte nicht sofort; er konnte nicht gleich das Ganze durchdenken; aber als Kallem sich ihm näherte und sagte: »Bei meiner Ehre, ich habe es nicht gethan!« Da jubelte es in Rendalen auf und er umarmte ihn.

Ergriffen, wie sie beide waren, wurde auch das Vertrauen danach, nämlich unbedingt. Rendalen erfuhr genau, wie es zugegangen war, wie die beiden dazu gekommen waren, sich zu lieben. Das machte auf Rendalen einen starken Eindruck; weder wollte noch konnte er es verbergen. Da fragte Kallem offen, ob auch er sie liebe. Rendalen wurde bleich und zornig darüber und Kallem unglücklich über seine Unbedachtsamkeit; aber sie war nicht wieder gut zu machen. Das Gespräch stockte. Rendalens Augen wichen aus. Als er endlich für das, was er antworten wollte, die rechte Form gefunden hatte, sagte er: »Ich darf niemand lieben. Deswegen bin ich ausgezogen.«

Das ging Kallem durch Mark und Bein. Rendalen stützte die Arme auf den Tisch, zwischen den Händen hielt er ein Buch, das er unaufhörlich drehte und wendete, von außen und innen besah. »In unserm Geschlecht ist der Wahnsinn überall verbreitet. Mein Vater war geisteskrank. In mir – du kennst ja das Unbändige an mir ... es ist hart an der Grenze. Ebenso war mein Vater. Als du daher das sagtest ... das vom Verstand, da trafst du meiner Mutter Worte. Ich darf mich nicht hingeben. Also auch nicht in Liebe. – Trotzdem hab' ich's nicht immer vermocht. Ja, ich mag nicht beichten. Ich brauche die Musik, um mich zu betäuben; aber hier ließ auch sie mich im Stich. Sie hat es auch früher gethan.« – Er legte das Buch weg, nahm ein anderes, legte es auf das erste und drehte sie auf dem Tische herum. – Da hörte er Kallem halb lachend sagen: »Und da wähltest du mich zum Stellvertreter?« – »Was zum Teufel sollte ich thun? Ich hielt dich für einen ehrlichen Kerl.«


Am Nachmittag mühte Kallem sich mit einem Briefe an den Apotheker ab, der ihm helfen sollte. Je mehr er schrieb, um so unmöglicher wurde es ihm, dem alten Junggesellen und sonderlichen Naturforscher verständlich zu machen, was Liebe sei und welche Not er litte, für die er nun um Hilfe bat; er riß den Brief entzwei. Rasch entschloß er sich, seinem Vater zu schreiben. Dieser brauchte ja jetzt Ole Tuft nicht mehr zu unterstützen; vielleicht würde er einem andern helfen? Sein Vater war ein Sonderling, aber ein warmherziger Mensch, der ungerechtes Wesen haßte. Etwas Ungerechteres als das von Ragni selbst übernommene Kreuz kannte ja Eduard Kallem nicht; er war fast überzeugt, daß sein Vater dasselbe fühlen würde. So erzählte er ihm nun ihre Liebe – ganz ohne Vorbehalt; er gelobte ihm, wenn er ihr helfen wolle, diesen Bund heilig zu halten. Hiernach wollte er mehr als je seine Studien ernsthaft betreiben; er wollte versuchen, das höchste Erreichbare zu erreichen. Und wenn es auch seiner und ihrer Entwickelung zuliebe lange dauern sollte, bis sie sich heirateten – er wolle ebenso treu auf sie warten als sie auf ihn; dies war sein feierliches Gelöbnis. Und er hoffte, sein Vater würde keinen Grund zu dem Glauben haben, daß er es brechen würde; vielmehr solle er ihn beim Worte nehmen und ihr helfen.

Darin betrog er sich nicht. Nach drei Tagen hatte er die telegraphische Antwort, daß das Ganze nach seinem Wunsche geordnet wäre; mit der ersten Post komme das Nötige. Mit diesem Siegestelegramm in der Hand begann er seinen und Rendalens gemeinschaftlichen Plan ins Werk zu setzen: sie zu Kallems Vetter hinüberzuschaffen. Sofort schrieb er ihm und bat ihn, telegraphisch mit ja oder nein zu antworten.

Das Mädchen, das sich Ragni vollkommen treu erwies, vermittelte ihm das erste Stelldichein; es fand auf der Straße statt und außerhalb der Stadt, und es war kurz; das Mädchen begleitete sie. Er erzählte ihr sofort, was es galt, wie alles geordnet werden könne und wer dabei betheiligt wäre. Sie erschrak so heftig, daß er es für unmöglich hielt, weiter zu gehen; die Kinder wollte sie auf keinen Fall verlassen. Nach dieser Begegnung war er verzweifelt und ging zu Rendalen, um ihm sein Herz auszuschütten. Dieser schlug sofort vor, die Kinder zu seiner Mutter zu schicken; er wollte deswegen schreiben. Als Kallem ihr das bei dem nächsten Stelldichein mittheilte, war es, als ob sich Ragni bedächte; sie räumte demütig ein, so gut könne sie selber sie nicht erziehen. Aber worauf sie den einen Tag halbwegs eingegangen war, das nahm sie am andern wieder zurück; jedesmal wenn sie mit den Kindern zusammengewesen war, war es ihr wieder unmöglich geworden. Und da sie auch jedesmal derartig erregt wurde, daß alle Vorübergehenden sie anstarrten, konnten sie sich nicht länger auf der Straße treffen. Da kam kein anderer Ort in Frage als Rendalens oder sein Zimmer; aber Ragni war wieder so scheu geworden, daß er an ihrer Einwilligung zweifelte. Er bereitete sie in Briefen darauf vor und brachte Marie dahin, sie noch weiter zu überreden und selbst mitzukommen. Endlich ging auch das. Dennoch waren sie einigemal auf seinem Zimmer, ein einziges Mal auch bei Rendalen; aber immer zeigte sie ein unbestimmtes Schwanken, was sie thun wollte, und immer war sie verzweifelt. Sie fürchtete sich auch vor der Reise selber; allein nach Amerika zu ziehen! Und allein von New York nach Madison; das war das allerschlimmste! Unmöglich, ganz unmöglich! Marie wollte gern mitreisen; Kallem versprach ihr auch ein Billet; aber sie durfte keinesfalls die Kinder verlassen; nein, es war unrichtig, an so etwas nur zu denken. So sollte Marie bleiben, bis die Kinder versorgt wären.

Wenn sie selbst reisen sollte, mußte sie an Bord gehen, ohne daß es jemand wußte; also mußte das Nötigste für die Reise gekauft werden; aber daß mußte selbstverständlich umsichtig vorbereitet werden. Hier erwartete er abermals Widerstand; aber sie war noch so kindlich, daß er sie, noch bevor etwas Bestimmtes über die Reise selber ausgemacht war, dazu bewegen konnte, die Reisegarderobe einzukaufen; das machte ihr nämlich Vergnügen. Wenn er nur lange oder jeden Tag eine Weile mit ihr hätte sprechen können; – aber sie war aufs äußerste vorsichtig. So schrieb er denn ellenlange Briefe, sie wagte nicht zu antworten, da sie sich von der Tante und dem Küchenmädchen überwacht glaubte; aber da die Briefe zu ihr mit aller Macht der Liebe sprachen – und da sie auch die List der Liebe anwandten, indem sie ihre Phantasie ausnützten, so richteten sie mehr aus als die Zusammenkünfte. Daß diese Briefe ans Ziel gelangten, schuldeten sie der schlauen Marie; sie war der Tante wie dem Küchenmädchen überlegen. So lange diese Unterhandlungen andauerten und seine Kraft anspannten, lebte Kallem für nichts anderes. Beharrlichkeit vermehrt unsern Mut; und als endlich das Kabeltelegramm die Antwort »ja« brachte, da wagte er einen dreisten Plan zu entwerfen. Dieser bestand darin, alles bis zur nächsten Abfahrt des großen englischen Dampfers fertig zu machen und Ragni selbst kein Wort zu sagen, sich nur zu versichern, daß sie diesen Tag einen Vorwand hatte, zeitig auszugehen und länger fortzubleiben, und endlich, es so einzurichten, daß auch Marie frei hatte. Auf zwei Stunden vor der Abfahrt des Dampfers war Ragni auf sein eignes Zimmer bestellt; dort war längst Zeug und Billet.

Marie und sie kamen am bestimmten Tage und zur bestimmten Stunde. Ragnis Zeug war frühmorgens an Bord gebracht und der Wagen bestellt und bezahlt worden. Im Zimmer war nichts zu sehen, das an eine Abreise erinnerte, aber die Art, wie er sie empfing, erweckte in ihr die Furcht, daß etwas im Werke sei. Früher war er sehr zurückhaltend gewesen, – auch weil Marie dabei war, jetzt umarmte er Ragni mit all der Herzlichkeit, die er besaß und schien sich nicht von ihr trennen zu können; er suchte auch keine Umwege, sondern Hand in Hand und Aug' in Auge erzählte er hastig, nun wäre das Zeug an Bord gebracht; in zwei Stunden ginge das Dampfschiff; – und hier liege das Billet.

Sie verstand sofort, daß dies die Wahl zwischen ihm und allem andern bedeute – und keine Bedenkzeit. Und daraufhin gewann er. Erst stand sie in stummer Hilflosigkeit da – dann schmiegte sie sich still an ihn und verharrte so. Er küßte sie: »willkommen,« sie hielten sich dicht umschlungen und weinten. Das Mädchen sah draußen vor den Fenstern jemand kommen und ließ die Gardinen herunter; es wurde Halbdunkel; auch im Nebenzimmer hörten sie Ragni weinen. Ihre Umarmung ging endlich in Flüstern über; zuerst abgebrochen, dann von gedämpftem Schluchzen begleitet, das innehielt und wiederkehrte wie Sordinspiel. Da flüsterten sie von dem Tage, wo er hinüberreisen würde, um sich nie wieder von ihr zu trennen; da flüsterten sie davon, daß er ihr ein treuer Freund sein sollte; daß ihre Zukunft der gegenwärtigen Opfer wert werden solle; daß seine und ihre Briefe Tagebücher sein sollten; – kurze, hastige Worte von grenzenloser Liebe von seiner Seite, von ihrer Seite das Sordinschluchzen.

Trotzdem die Stunde, die sie jetzt zusammen waren, die Abschiedsstunde war, war es doch die erste, in der sie sich völlig ungestört hingaben. Das Neue, das hierin lag, schien in den Schmerz hinein, so daß dieser zum Sonnennebel rings um sie herum wurde: Ihr leises Schluchzen ging bald in Flüstern über; bei den ersten Worten, die sie sprach, wollte er sie ansehen; aber das durfte er nicht. Wenn er still sitzen und sie nicht ansehen wollte, so würde sie ihm etwas sagen. Er wäre der weiße Pascha! Sie wollte nicht erklären, was sie damit meinte; das wäre zu weitläufig; aber von Kind auf hätte sie den weißen Pascha erwartet, d. h. seit dem Tode ihres Vaters; da war sie zwölf Jahre alt. Sie hatte es schlimm, am schlimmsten, als sie von Berlin zurückkehrte und nicht den Mut hatte, öffentlich zu spielen; aber auch davon wollte sie nichts erzählen; das wäre zu lang. Die ganze Zeit hätte sie von dem weißen Pascha geträumt; – ach, wenn er nur kommen wollte! Sie war vollständig überzeugt, daß er kommen würde. Selbst als sie zu den »Walfischen« kam, wußte sie, daß er nachkommen würde; er fand sich schon durch. Einmal glaubte sie, Rendalen wäre der Weiße Pascha: aber da er's nicht war, mußte er auch ausziehen, damit der richtige kommen konnte. – Den ersten Abend waren sie inmitten des stillen Schneefalls zusammen. Weshalb sollten sie da zusammen sein? Da hatte sie ihn angesehen und gedacht: ob er wohl der weiße Pascha ist? Als sie sich das nächste Mal trafen, trug er die kleine Juanita, und da wurde sie fast darin sicher, daß es kein anderer sein könnte. Aber dann war alles so reißend schnell gekommen und so ganz anders, als sie sich gedacht hatte. – Er fragte – auch flüsternd – ob sie erzählen wollte, was es vor Jahresfrist veranlaßte, daß sie zu den »Walfischen« heruntergekommen wäre; sie schauderte, als er fragte. – Und auch nach ihrer Verheiratung, hätte sie auch da noch den weißen Pascha erwarten können? – Mehr als jemals, – hätte sie denn nicht gewußt, was Ehe ist? – Sie schmiegte sich dichter an ihn und schwieg. Wenn er nun auch bei dem angelangt war, was er am liebsten wissen wollte, brach er ab.

Er erzählte ihr, daß es so geordnet wäre, daß Rendalen sie an Bord erwarte; dieser wolle gleichzeitig auf einige Tage nach Hause reisen und würde für sie sorgen. Sie standen beide auf.

Ob Kallem sie nicht bis ans Schiff begleiten wollte? Er umarmte sie, barg seinen Kopf an ihrer Brust und sagte, er wage es nicht. Dies wurde das Schwerste. Sie war einen Augenblick ganz außer sich; wieder setzen sie sich und nahmen nun einen langen, schmerzlichen Abschied. Marie stand wie auf Kohlen. Bis an den Wagen wollte er sie jedenfalls begleiten; aber das wollte Marie durchaus nicht haben; niemand dürfe sie zusammen sehen.

Er hörte den Wagen fahren, ohne ihn zu sehen, und alle die folgenden Jahre hielt er diesen Augenblick für das Grausamste, das er hatte ausstehen müssen.

Er ging nicht aus, um das Schiff von weitem zu sehen; nachmittags ging er an den Anlegeplatz.

Von da aus machte er einen weiten Spaziergang – auch so, daß ihn die Tante sehen konnte. Damit hatte er seine bestimmte Absicht.

Dies lenkte eine Zeitlang den Verdacht von ihm ab. Man konnte sich nicht denken, daß der, der die Flucht Ragnis ins Werk setzte und um dessentwillen sie vor sich ging, daß der bleiben sollte. Jeder, der sich des Ereignisses erinnert, wird sich auch entsinnen, daß sie streng verurteilt wurde. Fremd, ohne Verkehr und scheu, wie sie gewesen war, erinnerte man sich nur an ihr erotisches, sangvolles Spiel; und das konnte sie hier nicht verteidigen. Vor Jahresfrist hatte sie es übernommen, für die Kinder ihrer verstorbenen Schwester zu leben; nun zog sie von ihnen fort. Der blinde Mann, den sie geheiratet, war ihre eigene Wahl; sie hatte mit ihm keine Beschwerde gehabt.

Wenn sie es bereute, warum sagte sie nichts? Weshalb betrug sie sich so hinterlistig? Kallem war es schmerzlich, dies zu hören; hatte er ihre guten Ruf zu Grunde gerichtet? Schon jetzt nahmen es alle als sicher an, daß sie mit einem andern ein Verhältnis gehabt habe; und die Stunde war nicht fern, wo alle wissen würden, daß er der Schuldige war.

Eines Tages traf er die Kinder mit Marie vor der Universität, und sie liefen gerade auf einander zu, – was hätte er nicht dafür gegeben, wenn jetzt Ragni lächelnd hinter ihnen her gekommen wäre? Er nahm die Kinder natürlich mit in die Konditorei, hörte sie erzählen, daß »Mama« auf einem großen Boote fortgereist sei, daß »Mama« zu Weihnachten mit neuen Kleidern und Puppen wiederkommen würde.

Auf dem Tische lag ein illustriertes Blatt; Juanita verfiel darauf, daß alle Damen auf den Bildern »Mama« wären; Wenn die ältere Schwester es verneinte, rückte sie bloß ihren kleinen Finger auf eine andere: »das ist Mama!«

Kallem hatte am selben Tage eine mißglückte Operation gesehen; ein Unglück war geschehen und der Kranke dem Verbluten nahe. So nervös, wie er in dieser Zeit war, hatte das großen Eindruck auf ihn gemacht. Aber als er die Kinder verlassen hatte und zum Mittagessen ging, kam es ihm vor, als wäre er selber der unglückliche Operateur. Er hatte Ragni befreien wollen, aber es verkehrt angefangen; nun verblutete ihr guter Name. Auch das Gesellschaftsleben war ein Gewebe von Muskeln, Sehnen und Adern ...

Einige Tage später saß er in der Universitätsbibliothek und studierte, ein Kartenwerk vor sich, als Ole Tuft lächelnd und frisch vor ihm erschien. Er wußte nicht, wo Kallem jetzt wohnte und suchte ihn deshalb hier auf. Kallem stand auf und folgte ihm hinaus.

Nichts von Kallems heftigem Sinn drohte mehr dem Schwager; er hatte nicht mehr Lust, ihn halbtot zu schlagen, nicht einmal ihn vorwurfsvoll anzusehen; er war mehr als zufrieden, wenn Ole ihn nicht vorwurfsvoll ansah. Ole wußte wahrscheinlich wie alle, die dem Ereignis näher standen, daß Eduard Kallem der Sünder war; wußte es von Josefine, die es vom Vater gehört hatte. – Oder irrte er sich? War in Oles Freundlichkeit kein Zweifel gemischt, kein Verdacht an seiner vollen Ehrbarkeit, keine Voraussicht, daß ein solches Beginnen nicht zum Siege führte? Oder war diese Herzlichkeit echte, ungemischte »Brüderlichkeit« – erzeugt von dem Gehorsam eines jungen Theologen gegen das Gebot: »liebet alle?«

Ole kam, um anzuzeigen, daß er fertig wäre und nach Hause reisen wolle; seine Freude darüber war aufrichtig. Er fragte, ob er grüßen solle; er erzählte, daß er Hoffnung habe, bald »ans Werk« zu kommen; er gab zu verstehen, was dann geschehen würde; – der Weg lag frei und das Ziel war gewiß nicht gering. Der ansehnliche Kerl erregte die Aufmerksamkeit derer, die in der Bibliothek ein- und ausgingen.

Eduard stand wieder barhäuptig oben auf der Treppe zur Bibliothek, als Ole Tuft auf seine schwerfällige Art über den Platz wegging. Es war wahr: da ging einer weg, der fest auf sich selber beruhte; sein Anfang war ganz wie seine Natur.


 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.