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Auf Gottes Wegen

Bjørnstjerne Bjørnson: Auf Gottes Wegen - Kapitel 3
Quellenangabe
pfad/bjoernso/gottwege/gottwege.xml
typefiction
authorBjörnstjerne Björnson
booktitleAuf Gottes Wegen ? Kapitän Mansana
titleAuf Gottes Wegen
publisherMitteldeutsche Verlagsanstalt Lehmann & Fink
seriesBjörnson - Ausgewählte Werke
volumeErster Band
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070827
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2

In den höhern Schulen kann zuweilen ein Geist herrschen, der dem der Stadt, worin die Schule liegt, völlig widerspricht, und es ist auch die Regel, daß die Schule in gewissen Beziehungen unter selbständigen Einflüssen steht. Ein einziger Lehrer kann die Schüler auf seinen Weg führen, ebenso wie es auf einen oder mehrere Kameraden ankommt, ob unter den Jungen ein Geist ritterlicher und gehorsamer Gesinnung oder das Gegenteil herrscht. In der Regel übernimmt ein einzelner die Führung. Auch in sittlicher Hinsicht ist es so. Die Knaben arten ihrem Vorbilde nach, und meist hat einer oder auch mehrere die Kraft, es zu geben.

Zu dieser Zeit hatte der Primus Andreas Heppe teilweise die oberste Leitung. Kein kenntnisreicherer Knabe hatte die Schule seit ihrer Gründung besucht; er blieb noch ein Jahr länger als nötig, nur um der Schule den Glanz eines unzweifelhaften »prae ceteris zu verschaffen. Die Knaben waren auf ihn unglaublich stolz; sie erzählten bewundernd, wie er die Lehrer dazu gebracht, daß er die Stunden nach seinem Willen wählen und gehen und kommen konnte wie er gerade Lust hatte. Er arbeitete meistenteils für sich selbst. Er hatte eine Bibliothek deren Regale längst die Wände gefüllt hatten, so daß sie nun in die Stube hineinreichten. Ein langes Regal stand zu beiden Seiten des Sophas, Es wurde erzählt, die kleinsten Knaben dürften zu ihm kommen und sich die Bücher ansehn. Und dort gerade vor dem Fenster saß er da und rauchte: in einen bis auf die Füße reichenden Schlafrock gehüllt, das Geschenk einer verheirateten Schwester, auf dem Kopf eine Sammetmütze mit Goldquaste, das Geschenk einer Tante, an den Füßen gestickte Pantoffeln, das Geschenk eines Onkels. Er war ein Damenprodukt, wohnte bei seiner verwitweten Mutter, und fünf ältere Verwandte bezahlten seine Bücher, kleideten ihn und versorgten ihn mit Taschengeld.

Ein großer, wohlbeleibter Kerl mit regelmäßigen, fein geschnittnem Gesicht, das die Züge eines alten Geschlechts trug. Das Gesicht wäre schön gewesen, wenn die Augen nicht vorgestanden und zugleich etwas Gieriges, Spähendes gehabt hätten. Etwas ähnliches galt von seinem wohlgeformten Leibe; er würde einen stattlichen Eindruck gemacht haben, wenn er nicht oft krumm gegangen wäre, als wenn er eine Last auf dem Rücken trüge, und einen ungleichen Gang gehabt hätte. Seine Hände und Füße waren zierlich; er ließ sich nicht gern anrühren, war verfroren und zimperlich; und sein Geschmack war durchgehends weiblich.

An alles, was ihm einmal gesagt worden, erinnerte er sich, an Großes und Kleines ohne Unterschied; oder wenn ein Unterschied bestand, so war es der, daß ihm das kleine das wichtigste war. Wenig Dinge entgingen ihm. Heimlich stahl er sich in das Vertrauen eines Menschen ein; es geschah nicht ohne Kunst. Er kannte Familiengeschichten aus dem ganzen Lande, kannte auch die fremder Länder. Sie zu erzählen und am liebsten Skandale zu erzählen und dazusitzen und noch mehr einzufangen, war seines Lebens intimste Freude. Hätten die Lehrer erkannt, wie diese bewunderungswürdige Schubladeneinrichtung mit all ihrem Inhalt die Luft der Schule verdarb, so hätten sie ihn kaum noch ein Jahr behalten. Die Schule war lauter Kritik und Zweifel; Geschwätz und Neckerei waren Hoftugenden, die am leichtesten zu Gunst führten; ansteckende Geschichten, Festunterhaltung. Gierig nach neuem saß er zuhause in seinem Rauchgespinnst zwischen den Bücherregalen, wenn ihn jemand besuchte. Und als heute abend Eduard kam und ihm erzählte, nun wisse er, wohin Ole ginge, nun wisse er, was er vornehme, nun wolle er seine Prämie haben! – da stand Andreas auf und bat ihn, nur einen Augenblick zu warten, er wolle Bier holen, nun wollten sie sichs gemütlich machen.

Das erste Glas schmeckte vortrefflich, ein weiteres halbes Glas gleichfalls und dann erzählte Eduard zuerst, daß Ole die Kranken unten im Fischerdorfe pflege.

Andreas wurde ungefähr so verlegen wie Eduard damals, als er die Bibel sah. Eduard lachte herzlich. Aber es dauerte nicht lange, so äußerte Andreas einen kleinen Zweifel. Da hätte ihm Ole gewiß etwas vorgemacht, um nur leichter davon zu kommen; dahinter stecke etwas; die Bauerjungen wären so heimlich. Und als Beweis hierfür erzählte er ein paar ganz amüsante Geschichten aus der Schule. Eduard konnte sein ewiges Zweifeln nicht leiden, und um kurz abzuschneiden (im Grunde genommen war er so müde!) theilte er mit, daß sein Vater alles wisse, ihm gefiele es und er unterstütze Ole mit Geld. Da zweifelte natürlich Andreas auch nicht länger. Aber auch so konnte noch etwas dahinterstecken. Die Bauerjungen hätten so etwas heimliches an sich.

Das wurde aber Eduard zu viel; er sprang auf und fragte, ob er glaube, daß einer von ihnen lüge.

Andreas trank ruhig einen Schluck Bier, während die Augen vorsichtig rollten. »Lüge!« Das wäre ein so merkwürdiger Ausdruck. Könne er nicht erfahren, mit welchen Kranken Ole sich abgebe?

Darauf war Eduard nicht gefaßt. Er hatte sich vorgenommen, gerade so viel zu sagen, als nöthig war, um die Prämie zu bekommen, und kein Wort mehr.

Er stand wieder auf. Wenn Andreas nicht glauben wolle, so könne ers ja bleiben lassen: aber die Prämie wolle er haben.

Es war nicht Andreas Heppes Gewohnheit, mit jemand zu brechen, was auch Eduard wohl wußte. Natürlich sollte Eduard das Buch bekommen. Aber nun sollte er eine amüsante Geschichte hören, wie sich die Kranken draußen im Fischerdorfe aufführten. Der Armenarzt und seine Frau waren gestern bei seiner Mutter, und da fragte jemand nach der Martha aus der Werft, die man lange nicht gesehen hatte. Lag sie noch von dem Fall im Winter her? »Ja, das thäte sie, und sie litte keine Not, denn die Leute schickten ihr unbegreiflicherweise alles, was sie brauchte, und Wasch-Lars bringe ihr Abend für Abend Branntwein, so daß sie es sich oft gemütlich machen könnten. Sie stünde gewiß nicht so bald auf.

Eduard wurde feuerrot, und Andreas bemerkte das. Gehörte vielleicht Martha auf der Werft zu denen, denen Ole half?

– Ja freilich.

Die Augen erweiterten sich, um diese Beute aufzunehmen Eduard sah, daß sie verschlungen und verschluckt wurde, und es war ihm, als ob er selber mitgenommen, zerrissen und gegessen würde.

Aber wenn es etwas giebt, was Schuljungen nicht leiden können, so ist es: in ihrer Arglosigkeit gefangen zu werden. Er beeilte sich, den beleidigenden Verdacht von sich abzuwälzen, daß er das thörichte Benehmen Ole Tusts nicht durchschaue. »Denke dir, er las der Martha auch aus der Bibel vor!« – »Las er ihr auch aus der Bibel vor?« Die Augen erweiterten sich wieder, um wieder zu verschlingen, zogen sich aber schnell zusammen. Das Lachen faßte ihn; er mußte gerade herausplatzen – und Eduard mit.

Ja, er las der Werft-Martha aus der Bibel vor. Er las von dem verlornen Sohn, und Eduard erzählte, was Martha dazu sagte. Sie lachten beide im Chor und tranken den Rest des Biers. Alles, was an Andreas liebenswürdig und amüsant war, kam zum Vorschein, wenn er lachte. Das Lachen selbst hatte einen leichten Beiklang, wie wenn man jemand am Halse kitzelt. Es lud zu noch mehr Spaß ein, zu noch viel mehr Spaß. Nun mußte Eduard alles erzählen – und noch ein bischen dazu.

Als er später mit dem Prachtband unterm Arme nachhause sprang, hatte er ein unangenehmes Gefühl. Der Bierdunst war verflogen; das Lachen reizte nicht länger, und der verletzten Eitelkeit war Genüge geschehen. Aber Oles gute Augen begegneten ihm gleichsam sofort, als er an der frischen Luft war. Er stieß den Gedanken daran von sich; er war so entsetzlich müde, heute abend konnte er nicht mehr denken – aber morgen; ja morgen wollte er Andreas bitten darüber zu schweigen.

Aber am nächsten Morgen schlief er zu lange; er konnte gerade noch die Kleider anziehen – dann fort mit einem Butterbrot im Munde und einem flüchtigen Gedanken daran, daß jetzt Les trois mousquetaires sein Eigentum waren; nachmittags wollte er sie lesen. In der Schule schlug er sich Stunde für Stunde mit Angst und Bangen durch; denn er konnte keine einzige Aufgabe, und Sonnabends gab es so viele. Er war immer in Anspruch genommen bis auf zwei Stunden vor Schulschluß. Da hatten sie Französisch und Naturgeschichte, und in beiden Fächern war er frei – und die Treppe hinunter eher als jeder andere.

Wie er eben vor der Thür des Schulhauses stand, sah er Andreas von der andern Seite kommen. Dieser sollte nun eine Stunde in der ersten Klasse haben. Sofort erinnerte sich Eduard des vergangenen Tages, und es befiel ihn ein Schrecken, was Andreas nun wohl erzählen könne. Aber im selben Augenblick erkannte er zwischen zwei Brücken ein Ungeheuer von einem Dampfschiff, ein Wrack, das langsam in den Hafen schlich. Noch niemals sei ein so großes Schiff im Hafen gewesen, sagten die Leute, die vorüberrannten. Mastlos mit zerbrochener Schanzverkleidung, gestützten Essen, bis oben hinauf weiß vom Salzwasser, gerade noch fähig sich zu rühren – so kam es angezogen. Vielleicht wurde es von einem andern Dampfboot geschleppt. Eduard konnte der Brücken wegen nichts sehen; die Leute liefen hinunter, er mit! –

Unterdessen ging Andreas durch das Thor. Als er öffnete, entleerten sich gerade die Klassen; ihr Inhalt stürzte die Treppe herunter in den Hof wie durch lange Trichter; ein Unwetter in einem Riesenleibe – das Haus erdröhnte; zuerst erklang ein einzelner scharfer Schrei – der erste verkündete jubelnd sein Kommen – dann ein Gemisch von Diskant- und Altstimmen, dann gebrochene Übergangsstimmen, dann ein gemeinsames Aufleuchten wie von einem zum Himmel flammenden Feuermeer, bald ein halbes Verlöschen auf der einen Seite, eine lustig aufsteigende Feuersäule auf der andern; dann wieder einheitlicher, breiter Glanz über dem ganzen Hofe.

Andreas kam ruhig heran; er war nicht wie in einem Feuermeer; es war, als würde er durch gefährliche Brandungen hindurch von der einen Seite zur andern gehoben und geworfen. Doch hatte er sein bestimmtes Ziel; er wollte sich vorsichtig bis zu den Holzhaufen am Plankwerk des Nachbars durchschlagen; dort war es still und dort konnte er sich ein wenig anlehnen.

Als er diesen Rückenhalt gewonnen hatte und die Augen vorsichtig ringsumher spähten, ob es auch sicher war, da glitten sie vergnügt über die Menge; er fühlte die reizende Gewißheit, daß er diesen Aufruhr mit bloßen drei – vier Worten, die er seinem Nachbar ins Ohr flüsterte, dämpfen konnte. Wie Öl auf rasende See würden sie wirken, der Lärm würde sich legen, sobald sich die wenigen Worte verbreiteten. Wo war Ole? Ein großer Junge hielt ihn fest; sie hatten sich an den Rockkragen gepackt und wirbelten rundum; der große versuchte den kleinen zufalle zu bringen und half mit dem Fuße nach. Die schweren Stiefeln Oles schwangen durch die Luft, die eisenbeschlagnen Absätze blitzten; er lachte aus vollem Halse; denn der Kamerad wurde eifriger und erregter, ohne ihn zufalle bringen zu können.

Da beugte sich Andreas zu seinem nächsten Nachbar heran, und sagte: »Nun weiß ich, was Ole Tust abends anfängt!« – »Ach Unsinn!« – »Ja, nun weiß ichs.« – »Wer hat es denn herausgebracht?« – »Eduard Kallem.« – »Eduard Kallem? Und er hat das Buch bekommen?« fragte der andere schnell. – »Jawohl!« – »Nein, also Eduard Kallem – !«

»Eduard Kallem? Was giebts mit Eduard Kallem?« fragte ein dritter, herantretend, und der, der es eben erfahren hatte, erzählte. Ein vierter, fünfter, sechster eilte fort, um es zu verkünden: »Eduard Kallem hat die Prämie gewonnen, Jungen; Andreas Heppe weiß nun, was Ole Tust abends anfängt.« Überall wo das bekannt wurde, erstarb wirklich der Lärm; sie mußten es hören und stürzten auf Andreas Heppe zu.

Kaum war ein Viertel der Jungen gekommen; da hörten auch die andern drei Viertel in ihrem Treiben auf; was mochte nur dort am Holzhaufen los sein? Warum liefen alle dorthin? Sie scharten sich alle um Andreas, sie kletterten, so viele als Raum hatten, den Holzstoß hinan: »Was giebt's?« – »Eduard Kallem hat die Prämie gewonnen. – Eduard Kallem?« Wieder flammte es auf; alle fragten, alle antworteten – alle außer Ole Tust: er blieb stehen wo ihn der Kamerad losgelassen hatte.

Dann war es mäuschenstill, Andreas Heppe erzählte. Er hatte recht dazu; er hatte es ja sich etwas kosten lassen. Er erzählte gut, in klarem, trocknem Tone, so daß alles einen Schimmer von Zweideutigkeit bekam; erzählte erst, wo Ole wäre und was er anfinge – er bettete die Werft-Martha um, ging für sie Wege, kochte für sie Essen und sprang in die Apotheke nach Medizin; – dann, weshalb er das that; er wollte Missionar werden, er wollte sich unten bei der Werft-Martha üben, er las der Martha die Bibel vor, und Martha weinte, und wenn dann Ole gegangen, dann kam Wasch-Lars mit Branntwein, und der Wasch-Lars und Marthe hielten denn nach dem Bibellesen ein tüchtiges Trinkgelage. Zuerst standen die Jungen ganz still – so etwas hatten sie noch niemals gehört. Sie faßten es meistenteils als Spiel, und wie es erzählt wurde, konnte es auch nicht anders verstanden werden; aber niemals hatten sie gehört, daß einer Missionar und Bibelleser gespielt hätte; das war amüsant, zugleich aber etwas andres, was sie nicht sofort erfaßten. Als nicht gelacht wurde, ging Andreas weiter. Weshalb sei nun Ole darauf verfallen? Ja, er war ehrgeizig und wollte Apostel werden; und das war etwas höheres als König und Kaiser oder Papst zu werden, das hatte Ole selber zu Eduard Kallem gesagt. Aber um das zu werden, mußte er »Gottes Wege« finden, und diese Wege – begannen unten bei der Werft-Martha. Dort wollte er sich einlernen, Wunder zu thun, mit Heiden und wilden Tieren und giftigen Schlangen sich herumzuschlagen und Zyklone zum Stehen zu bringen. Nun ging ein Gebrüll los. Aber da läutete es auch; die Jungen konnten nur lachend an Ole vorbei eilen.

Schon einmal in seinem jungen Leben hatte Ole Tust in einen bodenlosen Abgrund hinuntergestarrt; an jenem Wintertage, als er vor dem Grabe seines Vaters stand und die ersten gefrorenen Erdschollen auf den Sarg rollen hörte; die Wolken trieben am Himmel, und das Meer war schwarz wie Pech. Alles, was er an Kummer kannte, sammelte sich um diese Stunde; jetzt stand er wieder dort; jetzt hörte er die Kirchenglocke von dort. Gerade als das hohle Dröhnen auf den Treppen und Gängen der Schule vorbei, der letzte Nachzügler drin war, die letzte Thür geschlossen – auf einmal alles still – da, in der schweigenden Leere, hörte er eine Glocke, ding – dang, und wurde an die Holzkirche am Strande versetzt; die langarmigen alten, laublosen Birken an der Mauer sausten und die ehrwürdige Tanne vor dem Portal; grell und dünn zogen die Glockenklänge durch die Luft, und die scharfen Erdschollen auf dem Sarge schlugen ihm Erinnerungswunden für das ganze Leben; das unaufhörliche Weinen der Mutter – sie hatte es bis jetzt zurückgehalten; vorher kein Laut, nicht am Bett, nicht als sie ihn hinaustrugen – aber jetzt mit einem male – ach so unaufhaltsam ... ach, Vater, Mutter, Mutter, Vater! – Und auch er brach in Thränen aus.

Schon aus dem Grunde konnte er nicht mit den Kameraden hinaufgehen; er wollte auch niemals wieder in die Schule. Nach dem, was geschehen, konnte er keinem wieder begegnen, nicht einmal in der Stadt bleiben; in zwei Stunden würde es bekannt sein, würden alle gaffen, fragen und grinsen. Nun war ja auch dem was er wollte die Weihe genommen; was sollte es nun nützen zu studieren; er wollte auch in keine andere Stadt, nein, nachhause, nachhause, nachhause.

Wenn er aber hier länger stehen blieb, so wurde einer aus der Klasse heruntergeschickt, um ihn zu holen; er mußte gleich forteilen – nicht erst nachhause zu der Tante; dort mußte er erzählen; nicht durch das Hauptthor und über die Hauptstraße; dort gingen viele Leute, und er, der so sehr weinte! Nein, er mußte das kleine Schlupfloch finden, das Josephine für ihn hergerichtet hatte und wodurch sie ihn immer nachmittags entschlüpfen ließ, ohne daß es die Jungen sahen.

Das Holz war an dem Plankwerk des Nachbars aufgestapelt; aber rechts bildete es mit der Planke einen Schuppen, und in diesen sprang Ole. Er löste zwei Bretter in der Wand, die dem Holzhaufen zugewendet war, kroch hindurch und schloß hinter sich. Dieses Kunststück hätte nicht ausgeführt werden können, wenn auf der andern Seite nicht freier Raum gewesen wäre, und dieser war dort infolge eines großen Naturhindernisses in Gestalt eines Steines, der höher als der Knabe war, aber ein Stück von der Wand entfernt stand. Wäre der Stein nicht dagewesen, so hätte die zweite Holzschicht sich an die erste gelehnt und ganz abgeschlossen; so aber blieb zu beiden Seiten des Steines und darüber freier Raum. Hier hatten sich die Kinder Stuben eingerichtet, auf jeder Seite eine und eine auf dem Steine; die entfernteste war die bequemste; dort gab es ein Brett zum Sitzen, und wenn es in den Holzhaufen zu beiden Seiten befestigt war, konnten die Kinder zur Not aneinander vorüberkommen. Oben drüber hatten sie Bretter gelegt und darauf wieder Holz, so daß niemand Verdacht schöpfen konnte; die Kinder hatten sich eine schwere Arbeit gemacht. Weiter hell war es ja nicht; aber das gehörte dazu, um es gemütlich zu machen. Hier erzählte sie ihm von Spanien und er ihr von den Erlebnissen der Missionare; sie von Stiergefechten, er von Kämpfen mit Tigern, Löwen, Schlangen, von fürchterlichen Zyklonen und Wasserhosen, von wilden Affen und Menschenfressern. Seine Erzählungen hatten allmählich den ihrigen den Rang abgelaufen; sie waren stärker und hatten ein bestimmtes Ziel; sie lebte von Erinnerungen, er von allem, was seine Phantasie zusammenraffen konnte, und er selber wollte mitten drin sein. Er schilderte so lange und so glühend, daß sie endlich auch mit wollte. Zuerst schickte sie einige vorsichtige Fragen voraus, ob es auch möglich sei, daß Frauen Missionare würden. Das wußte er doch nicht; das war sicherlich nur Männerarbeit; aber sie konnten ja Ehefrauen der Missionare sein. Dann fragte sie, ob die Missionare verheiratet wären: er faßte es zunächst als eine dogmatische Frage und antwortete, daß er einmal seinen Vater hätte darüber reden hören, in der Versammlung zweifelte einer daran; denn Paulus müsse ja der erste und größte Missionar genannt werden, und er sei nicht verheiratet gewesen, ja habe sich dessen sogar gerühmt; aber der Vater hatte geantwortet, Paulus hätte geglaubt, Jesus würde bald wiederkommen, und deshalb sei er so schnell als möglich umhergereist und habe das erzählt, damit sich die Leute fertig machten. Aber die heutigen Missionare sollten gerade auf ein und demselben Flecke wohnen, und dazu gehörten wohl auch Frauen. Er hatte selber von Missionarfrauen gelesen, die für kleine Mohrenkinder Schule hielten.

Weiter war keins von den beiden gegangen; aber daß sie einigermaßen daran dachte, ging deutlich aus einigen Fragen hervor – z.B. ob es wahr wäre, daß die Negerkinder Schnecken äßen? Das gefiel ihr nicht.

In diesem Halbdunkel, wo ihr braunes und sein lichtes Haar über spannenden Märchen zusammenstak, hatten sie unter Palmen gesessen, hatte es von schwarzen Kindern gewimmelt, und alle waren sie fein und artig und bekehrt, und da gab es zahme Tiger, die zu ihren Füßen sich im Sande wälzten; gutmütige Affen dienten ihnen. Elefanten trugen sie vorsichtig, die Bäume hingen voll von all der Nahrung, deren sie bedurften.

Nun kam Ole, um dieses Eden zum letztenmale zu sehen und ihm Lebewohl zu sagen.

Eben hatte er sich aufgerichtet, um über den Stein zu klettern, als er sich daran erinnerte, daß es Sonnabend war, und daß sie dann von 11 Uhr an frei hatte (sie erhielt Privatunterricht), und da pflegte sie sich oft in der großen Freiviertelstunde der Knaben hinter die Holzhaufen zu setzen.

Ob sie wohl dort saß? Ob sie alles gehört hatte! Eiligst auf den Stein, und dort saß sie, unten auf dem Brette, und sah ihn nun an.

Ihr bloßer Anblick, noch mehr die Art, wie sie seinem Blicke begegnete, ließ ihn von neuem in helles Weinen ausbrechen. »Ich – will – nachhause« schluchzte er, »niemals – niemals wieder hierher,« und er glitt zu ihr hinunter. Sofort nahm sie sich seiner an und gab ihm schleunigst ihr Taschentuch, das er sich vor den Mund halten sollte, damit man sein Weinen nicht hörte; sie wußte, daß jetzt einer auf dem Schulhofe sein würde, der nach ihm suchte. Er gehorchte wie immer ihrer überlegenen Führung in dem, was zur guten Erziehung gehörte; er glaubte, es handle sich nun wieder um das ewige Schnäuzen und begann sich zu schnäuzen und zu weinen, zu weinen und sich zu schnäuzen. Da faßte sie ihn schnell mit der einen ihrer groben Mädchenfäuste im Nacken, mit der andern umspannte sie mit festem Griff seine Hände und das Taschentuch und preßte es in seinen Mund hinein; gleichzeitig schüttelte sie warnend ihren schwarzhaarigen Kopf vor seinem Gesicht. Da begriff ers! Es war auch hohe Zeit; denn auf dem Schulhofe rief man seinen Namen – immer und immer wieder, in Zwischenräumen und aus verschiedenen Entfernungen. Es fiel ihm so schwer das Weinen zu unterdrücken, daß sein Leib bebte und zitterte; aber er setzte es durch. Solange, bis sie den Kameraden, der nach ihm geschickt war, wieder hinauf stürmen hörten. »Ich – will – nachhause!« begann er sofort und brach wieder in Thränen aus; er konnte nicht anders. Dann gab er ihr das Taschentuch, nickte, stand auf, zog die Holzscheite weg, die vor dem Loch im benachbarten Plankwerk lagen, immerdar heulend und immerdar über sich selber entsetzt. Kaum waren die Scheite weg, da war er schon in dem Loch; das auf der Schulbank blankgescheuerte Hinterteil und die glänzenden eisenbeschlagnen Absätze zogen sich weiter und weiter hinein, bis sie verschwunden waren; auf der andern Seite stand er auf, schob sich zwischen dem Plankwerk und einem Holzhaufen vorwärts, dann an einigem alten Holzwerk, das dort lag und verfaulte, vorbei, dann eilte er nach der Hinterthür, und erst als er draußen auf freiem Grund und Boden in einem engen Gäßchen stand, da erinnerte er sich, daß er es vergessen hatte, Josefine Lebewohl zu sagen, ja, ihr nicht einmal gedankt hatte. Daß auch das noch zu all seinem übrigen Unglück hinzukam, das trieb ihn im Galopp aus der Stadt hinaus und er machte nicht eher halt, als bis er auf Umwegen die Landstraße erreicht hatte. Der alte Strandweg gehörte gleichsam zu seinen Schuldnern.

Josefine stand ein Weilchen und sah dorthin, wo seine eisernen Absätze verschwunden waren; aber nicht lange. Sie sprang auf den Stein, glitt wieder an der Wand herunter, schob die Bretter weg, kroch hindurch und schob sie hinter sich behutsam wieder zu. Kurz drauf war sie ohne Hut in der Apotheke; sie fragte nach ihrem Bruder – zuerst in der Apotheke selber, wo er sich am liebsten aufhielt; aber dort war er nicht; er hatte nicht einmal seine Schulbücher eingestellt. Sie durchsuchte oben alle Zimmer, und dort war er ebenso wenig; aber von dem Fenster aus sah sie das große, fremde Schiff und 10 bis 12 Boote ringsum; natürlich, da war er. Sie eilte hinunter an die Brücke; sie löste ihr eignes kleines, weißgestrichnes Boot und fuhr hinaus.

Sie ruderte, daß ihr der Schweiß strömte, ruderte und sah sich um, bis sie das schwere Wrack erreichte, das grüne Ungeheuer, das dort lag und unter den Pumpen stöhnte. Weit draußen sah sie Eduard auf der Kommandobrücke stehn und, die Bücher unter dem Arm, sich mit seinem Freunde, dem Zollbeamten Mo unterhalten.

Sobald sie nahe genug war, rief sie seinen Namen; er und alle andern hörten ihn; sie sahen ein Mädchen mit braunem Haar ohne Hut, aufgerichtet, rot vom Rudern, dastehn, die Ruder festhalten und nach der Kommandobrücke starren; sie überlegten ein wenig, was da los sein könnte, und vergaßen es wieder. Aber Eduard fühlte einen Stich; da war etwas unheimliches geschehn, und schnell eilte er von der Kommandobrücke herunter auf das Deck, über dieses hinweg und am Dampfer hinunter, über die andern Boote weg in ihres hinein, das er gleichzeitig abstieß: »Was giebt es?« Die Bücher legte er auf seinen Schoß, nahm ihr die Ruder aus der Hand und setzte sich: »Was giebt es?«

Rot und außer Atem, mit fliegendem Haar stand sie da und sah ihm zu, während das Boot wendete; dann ging sie rückwärts, machte hier die andern beiden Ruder los und setzte sich ihm gegenüber auf die hinterste Ruderbank. Er hatte keine Lust, zum drittenmale zu fragen, aber ruderte – und da begann sie damit und hielt unterdessen die Ruder über Wasser.

»Was hast du mit Ole Tust gethan?«

Er erbleichte, wurde rot, hielt auch die Ruder empor. »Ja, jetzt ist es mit ihm auf der Schule vorbei, nun ist er nachhause gegangen und kommt niemals wieder.«

»Du lügst!« – aber die Stimme widersprach ihm; er ahnte, daß sie die Wahrheit sagte. Aus Leibeskräften griff er mit den Rudern aus und ruderte, als wollte er ihm nachkommen.

»Ja, es ist wohl das beste, wenn du drauf los ruderst« – sie selber begann innezuhalten; »es ist wohl das beste, wenn du ihm nacheilst, und wär' es bis nach Groß-Tuft; denn sonst geht es dir beim Vater und in der Schule schlimm. Du niederträchtiger Mensch!« – »Ach, halt deinen Schnabel!« – »Nun, warte nur! Wenn du ihm nicht sofort nachsetzt und ihn wieder mit nachhause bringst, so sage ich's dem Vater und dem Rektor; das thue ich!«

»Du bist niederträchtig, du Schwatztasche.« – »Du solltest blos gehört haben, wie Andreas Heppe und die ganze Schule sich freute, und alle den Ole auslachten, alle, alle – und wie er, der Arme, weinte, als wenn er gepeitscht werde, und dann schnurstracks nachhause lief. Pfui, schäm' dich! Wenn du ihn nicht wieder mit nachhause bringst, ist's aus mit dir.« – »Ach, du Schafkopf, siehst du denn nicht, daß ich mit aller Kraft rudre?« Seine Nägel wurden weiß, das Gesicht gespannt, er beugte sich jedes mal ganz herunter, um möglichst weit auszuholen. Ohne ein Wort zu sprechen, setzte sie sich auf die Ruderbank, die ihm zunächst lag und setzte gleichfalls ordentlich die Ruder ein.

Als er sich an der Brücke erhob, um anzulegen, sagte er: »Ich bekam heute kein Frühstück, und bekomme nun auch kein Mittagbrot; hast du Geld bei dir, daß ich mir ein paar Bretzel kaufen kann?« – »Ja, ich habe ein paar Pfennige« sagte sie, zog die Ruder ein und suchte das Geld. – »Nimm meine Bücher!« rief er und sprang über die Straße. Bald darauf war er auch draußen auf der Landstraße.

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