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Auf Gottes Wegen

Bjørnstjerne Bjørnson: Auf Gottes Wegen - Kapitel 19
Quellenangabe
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typefiction
authorBjörnstjerne Björnson
booktitleAuf Gottes Wegen ? Kapitän Mansana
titleAuf Gottes Wegen
publisherMitteldeutsche Verlagsanstalt Lehmann & Fink
seriesBjörnson - Ausgewählte Werke
volumeErster Band
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12.

An diesem Nachmittag bekam Ole seltenen Besuch. Es klopfte leise, und auf das erste »Herein!« zeigte sich niemand. Auf das zweite öffnete Sören Pedersen bedächtig die Thür, und hinter ihm in weitem Abstände und ganz schüchtern kam auch Aase.

Ihr Geschäft war kein geringeres als das, dem Pastor für die heutige Predigt zu danken. »Denn niemand, Herr Pastor, kann ohne Gott leben; wenigstens ungelehrte Leute nicht; das geht nicht; nein, das geht nicht. Und deshalb kommen wir wie der verlorene Sohn – ja, Aase muß dann wohl die verlorene Tochter sein ... (komm nur her – na, mach, was du willst!) und wir wünschen, Herr Pastor, Sie möchten für uns beide um Gottes Gnade bitten.« Und das that Tust mit all der Herzlichkeit, die er in ein Gebet hineinlegen konnte. Sören sagte, nun wollten sie direkt zu Doktor Kallem gehen. »Er ist gewiß der beste Mensch auf der Welt, wenigstens hier in der Stadt. Aber in dieser Beziehung irrt er, Herr Pastor. Es giebt wirklich einen Gott und Geister dazu, und das wollen wir ihm nun sagen.« –

Tust hatte sich selber vorgenommen, am selben Nachmittag zu Kallem zu gehen. Er war ihm dankbar und sehnte sich danach, zu bekennen, daß ohne das Unrecht, das sie an Ragni begangen, selbst die Erlebnisse dieser Tage ihn nicht zur Erkenntnis der Lebensworte gebracht hatten. Vor allem wollte er Josefine rechtfertigen, indem er ihre Schuld auf sich nahm. In dem eiligen Dogmen-Postwagen, den er wie ein mit Papiersäcken beladenes Postpferd gezogen hatte, hatte sie mitfahren müssen, ob sie nun selber wollte oder nicht; und infolge dieses Unrechts war sie mißtrauisch und hart geworden.

Als er sich eine Stunde später auf den Weg machte, stand ihre Jugend lebendig vor seinen Augen. Damals wollte er Missionar werden; nunmehr sollte er es vielleicht im Ernste werden! Die Evolutions- oder Entwickelungslehre auch auf religiösem Gebiete durchzuführen, war eine Mission wert und er wollte sie auf sich nehmen. Der kleine Dogmengott der frühern Zeiten und seine Priester mußten ebenso überwunden werden wie die heidnischen Götzen und Wunderthäter. Und hatte er im Gefühl theologischer Macht davon geträumt, Bischof zu werden, nun wohl, hier war ein gefahrvolles Bischofstum – aus leicht erklärlichen Gründen – in Norwegen ledig.

Auf der Treppe zum obern Eingange stand Sigrid und wartete, als Pastor Tust mit langen, schleppenden Schritten über den Hof kam. Sie war schwarz gekleidet und trug ein schwarzes Tuch über ihrem hellgelben Haar. »Der Herr Doktor ist nicht zu Hause,« sagte sie in ihrer bescheidenen Weise. Er wandte sich und ging mit demselben festen Gange nach dem Krankenhause. Da stand Mutter Andersen, auch schwarz gekleidet und schwarze Bänder an der Haube. »Trauern Sie noch um Ihren Mann?« – »Nein, nunmehr um Frau Kallem.« – »Ist Herr Kallem hier?« – »Nein, er ist vor kurzem nach Hause gegangen.«

Darin irrst du dich, dachte Tuft und ging auf die Landstraße hinaus; er konnte ja so lange einen Spaziergang machen.

Viele Spaziergänger waren unterwegs; sie grüßten ihn mit freudiger Teilnahme, wie deutlich zu sehen war. Mutter Andersens strenges Gesicht hatte einen Schatten geworfen; vor dieser Milde der andern wich er zurück. Wieder überkam ihn der stürmische Mut, den er vor kurzem gehabt hatte und der den meisten Neubekehrten eigentümlich ist. Dicht beim Krankenhause traf er Sören Pedersen und seine Frau, die eben von Kallem kamen; auch diese wollten an dem hellen frühlingverkündenden Sonntagabend ein Stück spazieren gehen. »War er zu Hause?« fragte Tuft. »Ja, Herr Pastor.« antwortete Pedersen in bester Laune. »Nun, was sagte der Doktor?« – »Es gefiel mir, was er sagte, Herr Pastor. Es giebt zweierlei Menschen, sagte er. Die eine Art glaubt nur, was sie weiß; die andere thut das auch; aber was sie weiß, kann nicht bewiesen werden – wenigstens nicht andern als ihnen selbst.« – »Er hat recht,« sagte Tuft lachend und ging eilig weiter. Aber kaum war er allein, da quälte ihn schon Markus 16,16 – die Stelle lag aus seiner rechtgläubigen Zeit lauernd im Hintergrunde. Die nicht glauben, sollen nämlich verdammt werden; Gott respektiert die »beiden Arten Mensch« nicht. Tuft setzte sich eifrig zur Wehr; vom neunten Vers ab ist das sechzehnte Kapitel ein späterer Zusatz, den die ältesten Handschriften nicht kennen. Ist diese Stelle unecht, dann hat keines der drei Evangelien irgend eine einzige so entsetzliche Stelle. Das vierte, das sie hat, hat damit sich selber verdammt. Nein, das Leben ist alles, und der Glaube der wunderbare Weg zur Erklärung des Lebens, d.h. zu Gott. Auf diesem Wege werden wir einmal wenn nicht hier, so doch im Jenseits, die höchste Gemeinschaft mit ihm erreichen. Der Glaube dient nicht zur Verurteilung, sondern zur Führung. Leute ihres Glaubens wegen zu verurteilen, konnte in verschwundenen Zeiten für Wahrheit gelten; in unserer Zeit stößt es ab. Gott offenbart sich in uns auf eine höhere Weise. Wieder schritt er eilig über den Hof.

Aber wieder trat Sigrid auf die Treppe heraus und sagte: »Der Herr Doktor ist nicht zu Hause.« Die verschleierten Augen wichen aus; aber sie blieb fest stehen, das Gesicht von dem Tuche eng umschlossen. Das Haus hinter ihr erschien wie ein Geheimnis, eine geschlossene Gesellschaft, ein enger treuer Verein, von dem er ausgeschlossen wurde.

Jetzt begriff er's.

Der Preis, um den er hier hineinkommen konnte, war wohl größer, als er sich gedacht hatte. Gedemütigt ging er nach Hause und verschwieg das Geschehene vor Josefine.

Die Zurückweisung spornte ihn noch mehr an, auf dem Wege weiterzugehen, der allein die beiden Geschwister zusammenführen könnte – und das war die Bedingung für alles andere. Er gestand sich völlig ein, daß er auf seinen Schwager eifersüchtig gewesen. Diese privaten Verhältnisse hatten einen großen Anteil an seiner Kurzsichtigkeit auf religiösem Gebiete gehabt.

Von außen bekam er Hilfe. Erst wunderliche Fragen, zurückhaltendes Wesen, die ihm zu schaffen machten, ihn zuweilen zweifeln ließen; aber bald offener Kampf mit seinen nächsten Anhängern, und das trieb ihn vorwärts. Sein alter Freund, der frühere Portier, schien sich nach einer Gelegenheit gesehnt zu haben, um sich von einem ihm peinlichen Dankbarkeitsverhältnisse lossagen zu können; er machte viel Aufhebens davon und holte sogar aus der Hauptstadt Hilfstruppen herbei. Seminarlehrer, Schulmeister, Wanderprediger und ein paar Pastoren traten mit allerhand theologischem Rüstzeug dem Pastor Tust im Bethause entgegen. Vor allem lernte er, deutlich zu sprechen; denn das meiste, worin sie ihn angriffen, waren Mißverständnisse: aber er konnte auch Kräfte und Kenntnisse gebrauchen, die er bislang noch nicht geübt hatte Im ersten Monate war Josefine nur müde und schlaff – sie war mehr heruntergekommen, als sie gemerkt hatte – ; aber später fing sie an, dem Bauerjungen zu folgen, der seiner Zeit ihr Herz mit seinem hellen Glauben gefangen hatte; – ob er wohl wieder kam?

Ein Ereignis, das sie ihrem Manne verheimlichte, hatte ihre Genesung verzögert, sodaß sie nur langsam zu Kräften kam. Sie war nämlich auch in aller Stille bei ihrem Bruder gewesen, als sie zum erstenmal ausgehen konnte; auch ihr war Sigrid auf der Treppe mit dem Bescheid entgegengetreten, er wäre nicht zu Hause; – sie hatte ihn aber, als sie kam, auf der Veranda stehen sehen. Mit Mühe und Not war sie nach Hause gekommen.

Sie hatte ja das herzlichste Mitgefühl mit ihm gehabt und war zu allen Zugeständnissen bereit; aber seine Unerbittlichkeit erweckte ihren Trotz. Von ihrer eignen Eifersucht auf Ragni hatte Josefine keine Ahnung, also auch davon nicht, welchen Einfluß sie auf ihr ganzes Wesen gehabt hatte. Sie erblickte ihre Schuld darin, daß sie gegen einen schuldbelasteten Menschen hart gewesen war. Wenn Sissel Aune bei dem Knaben wachte und ihr erzählte, wie liebenswürdig Ragni bis zum letzten Augenblick gewesen, dann fühlte sie das Unmenschliche, das darin lag, daß sie Ragnis Herzensgüte und Kallems Liebe übersehen hatte.

Aber von dieser Härte abgesehen, war sie sich keiner Schuld bewußt.

Die Enttäuschung war ungeheuer und würde Folgen gehabt haben, wenn nicht gerade jetzt der Kampf ihres Mannes auch sie ergriffen hätte. Ein unklarer Mensch, dessen Leben wesentlich auf Trotz gebaut gewesen, kann allein durch eine große Begebenheit erlöst werden. Eine solche war es, als Tust eines Tages zu ihr sagte: »Dafür, Josefine. müssen wir Amt und Vermögen einsetzen«

Drei Monate waren vergangen, als sie, vom Kampfe neubelebt, sich stark genug fühlte, es mit ihrem Bruder aufzunehmen. Sie schrieb ihm, was sie auch verbrochen hätten – sie müßten genauen Bescheid bekommen; sie müßten einer Anklage gewürdigt werden. Sie wären ihm sehr dankbar, sehnten sich aber auch sehr danach, jetzt zusammen zu arbeiten, wo sie ihre frühere Härte bereuten und dem Geist der Gerechtigkeit und Liebe, den sie verkannt, jedes nur mögliche Opfer zu bringen wünschten.

Es war ein tüchtiger Brief; das sagte auch ihr Mann.

Aber Tag für Tag verging und keine Antwort kam. Ein Glück, daß gerade diese Tage die schwersten Kampftage für Tust waren. Im Bethause und in der Kirche hatte er die Worte gebraucht, mit denen Josefinens Brief schloß, »Gerechtigkeit und Liebe« ohne irgend welchen Glaubensunterschied (wie in der Erzählung vom barmherzigen Samariter) wäre der Kern des Christentums. Deshalb müsse alles mit diesem Maße gemessen werden, vor allem die Lehre selbst, so daß jedes Stäubchen, das hinter dem Maße zurückbliebe, als Theologie seiner, roher Zeiten vor der Offenbarungsmacht der Gerechtigkeit in unserer eignen Zeit fallen müsse.

Dafür wurde er noch am selben Tage zur Verantwortung vorgeladen; im Verlauf einer Woche wurden drei starkbesuchte Versammlungen abgehalten. Sein Hauptgegner war ein Pastor und Redacteur einer theologischen Zeitschrift aus der Hauptstadt. Die Lehre von der Hölle war so ziemlich das einzige Thema, und Tust blieb dabei, daß Paulus' Lehre hierüber himmelweit von der Lehre z. B. der Offenbarung Johannis verschieden wäre. Nach Paulus wäre das Leben im Diesseits und Jenseits ein Fortschritt, der damit endete, daß Gott alles in allem würde. Diese Lehre genüge dem Maße der Gerechtigkeit und Liebe – und es machte großen Eindruck, als er mit seiner kräftigen Stimme, im lebhaften Tonfall der westländischen Mundart über die dichtgedrängte Versammlung rief, ob sie denn glaubten, daß Krieg und Unterdrückung durch die Stärkeren ein Ende nehmen würde, so lange die Lehre von der Hölle mit all ihrer grausamen Rachsucht und Roheit in allen Schulen und Kirchen als Gottes Gerechtigkeit und Liebe gelehrt werde?

Die Gegner blieben im Stil der Lehre von der Höllenstrafe, indem sie alles thaten, um ihn zu verketzern und zu verdammen. Unter den Zuhörern herrschte nur eine Meinung: daß in Klarheit und Macht der Überredung Tust den andern überlegen war.

Das letzte Mal war Doktor Kallem erschienen; er sah auch Josefine mit flammenden Augen dasitzen, und tags darauf kam gegen Abend seine Antwort.

Sie stand vor dem Hause und sah dem Spiele ihres Knaben mit der Gartenspritze zu, als sie den Brief bekam. Sie erkannte die Schrift sofort, erbebte und konnte nicht öffnen. Sie erschrak bei dem Gedanken, wie schwach sie doch noch im Grunde genommen war; würde sie die Gesundheit ihrer Jugend nicht wiedererlangen?

Dann ging sie auf ihr Zimmer und schloß hinter sich ab. Ein großer Brief; sie wandte ihn um und um, und bedachte sogar, ob sie ihn vielleicht erst Tust zu lesen geben sollte. Aber vielleicht stand etwas über ihn darin, das er nicht lesen sollte.

Sie öffnete.

Kein Wort von ihrem Bruder, kein Wort für sie! Das Erste, das ihr in die Hände kam, war von einer fremden Hand geschrieben, das Nächste auch, das Übernächste ebenso; alles von zwei verschiedenen fremden Händen. Einige zusammengeheftete Bogen, einige Briefe, ein paar lose Zettel ... kein Wort von Eduard.

Was bedeutete das? Von allen Papieren nahm Josefine unwillkürlich das kleinste, einen kleinen Zettel mit drei Linien:

»Sie töteten meinen guten Namen, und ich wußte es nicht. Denn ich wußte nicht eher, daß ich ihn hatte, als bis er getötet war.«

Auf einem andern Zettel standen nur folgende feingeschriebene Worte: »Vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was. sie thun.«

Diese zarte, leicht geschwungene Handschrift war natürlich die Ragnis. Josefine begann zu zittern und wußte nicht weshalb.

Hier lag ein Brief von einer andern Hand geschrieben, die ersten Worte mit roter Tinte. Keine Unterschrift. Aber als sie las, daß Kallem das nicht lesen solle, vermutete sie einen Liebesbrief von Karl Meek, den Kallem später gefunden hatte. Was sollte Josefine damit?

Eilig überflog sie die ersten Worte, hielt aber inne, als er »Sie« schrieb, und von einem Schmerz sprach, den er allein hätte tragen wollen, der nun aber auch sie betroffen habe, von einer Verleumdung ... ? War sie verleumdet worden?

Überall die ehrerbietigsten Ausdrücke; – wann war das geschrieben? Es war keine Zeit angegeben; aber der Briefschreiber war im Auslande; also nach ihrem hiesigen Zusammenleben. Der Brief war ein einziger lauter Schrei, ein Schmerz, so echt, daß sie niemals vorher von einem größern gelesen hatte.

Josefinens Hand zitterte, so daß sie den Brief auf den Tisch legen mußte.

Sie las, daß bei dieser grausamen Verleumdung Karl an niemand sonst und an nichts anderes denken könne; sie las, wie dadurch in ihm die Liebe zu Ragni erwachte; Josefine sah diese von Kummer, Dankbarkeit und Anbetung geborene Liebe in reine und rührende Ausdrücke ausatmen.

Ragni unschuldig? Herr des Himmels, sie war unschuldig? Dann waren die ergreifenden Auftritte zwischen Eduard und ihr, während der Tod sie ganz allmählich voneinander riß (Sissel Aune hatte es so oft geschildert), dann waren sie unerträglich gewesen! Ja, dann verstand sie, warum er mit ihrer Leiche fortreiste und Karl Meek an seiner Seite hatte; sie verstand nur nicht, daß er es überlebt hatte.

Es klopfte; sie sprang auf. Aber es war nur das Mädchen, das sie zum Abendessen rief. Sie konnte nicht antworten, es klopfte noch einmal, »nein, nein« brachte sie mühsam hervor, während sie sich vor Schmerz und Scham wand. Sie mußte zu ihrem Bruder, mußte zu ihm, und wenn sie auf ihren Knieen zu ihm gehen sollte.

Aber es waren noch mehr Papiere da, und ihr war, als ob ihr Bruder neben ihr stünde und ihr befähle zu lesen. Zitternd las sie: »Jetzt, wo ich abschreiben will, was ich nach vielem Versuchen und Ausstreichen über meine Kindheit und meine erste Ehe zu stande gebracht habe, fühle ich mich so müde und so matt. Ich hatte daran gedacht, einige Worte zur Einleitung zu schreiben und mich oft darauf gefreut. Nun ist es zu spät geworden. Nun kann ich dir bloß so viel sagen, du »weißer Pascha« meines Lebens, wie es mir ergangen ist. In großer Kürze habe ich's gesagt, da es eine Qual ist; ich habe es auch nur deswegen gesagt, daß du mich verteidigen kannst, wenn es weiterhin jemand für der Mühe wert hält, Böses über mich zu sprechen, wenn ich fort bin. Lieber Freund, ich klage nicht. Ich habe das schönste Leben gelebt; es war nur allzu kurz. Denke dir, ich hatte ja mich selber aus bloßem Schauder vor etwas noch Schlimmerem weggeworfen – und da wurde ich von dir aus der Tiefe des Meeres emporgeholt, zu Frieden und allem Guten in guter Menschen Schutz gebracht – bis du wiederkommen und mich weiter zu dir selber tragen konntest. Denke dir, hier in deinem Heim all das Deine und dich selbst dazu besitzen zu dürfen, ohne es zu verdienen; ich fühlte es so oft; aber ich war doch glücklich.

»Ich weiß, ich reichte hier nicht hin; aber jetzt, am Schlusse, ist es, als ob auch das nichts gethan hätte. Du hättest gegen mich Nachsicht geübt, so lange es dauern mochte; das weiß ich so sicher.

»Mein Freund, wenn ich dir nun alles, was ich an Dankbarkeit und Bewunderung für dich fühle, sagen wollte, so würdest du es nicht verstehen; so ganz natürlich war es dir, daß alle Freude in deinem Leben von mir kam. Das ist denn auch das Schönste in meinem gewesen.

»Aber du liest ja das erst, wenn ich nicht mehr hier im Stuhle sitze, und da bezeichnet die Erinnerung an mich, wie ich sie in dir lebend wünsche, nichts besser als ein Wort, ein großes unendliches:

Ich danke dir.« – –

Das war die Ehe, der sie den Namen »Ehe« hatten absprechen wollen. Was war, mit ihr verglichen, Josefinens eigne?!

Sie sank neben dem Stuhle aufs Knie. Sie jammerte und jammerte – und zwang sich still zu sein, damit niemand sie entdecken könne, wie sie in der Schmach ihres Verbrechens zusammengesunken war. Sie faltete ihre Hände über Ragnis Schrift, legte ihren Kopf darüber und flüsterte: »Vergieb mir, vergieb mir!« und wußte, daß niemand sie hörte und daß auch niemand, niemand ihr vergeben konnte.

Sie erkannte sofort, daß dann Ragni auch in ihrer ersten Ehe rein dastand; daß sie auch da ebenso verleumdet war. Den Bericht darüber, wie diese Ehe zu stande gekommen war – den brauchte sie nicht, konnte ihn auch nicht lesen. Mit feuchten Händen packte sie alles wieder zusammen – Ole sollte es lesen. Nun mußte er ihr helfen; das galt ja ihr Leben. Sie war mitschuldig an Mord, an Mord an einem ganz unschuldigen Wesen. Nicht durch Worte oder Anstiftung; sie hatte nichts gesagt. Aber gerade durch dieses Schweigen und dadurch, daß sie Ragni vom ersten Tage an von sich stieß – gerade dadurch wurde die Arme rettungslos ins Unglück gestürzt; das durchzuckte sie wie ein Blitz; sie lag taub und regungslos da. Das Urteil, das sie in ihres Bruders Augen gelesen, das Todesurteil – sie hatte sich nicht geirrt – das galt nicht ihrem Sohne, das galt ihr selber. Sie verdiente den Tod!

Entsetzen faßte sie; Schweiß brach hervor wie nach einem betäubenden Schlage ... nun war es gekommen!

Ja, nun war es gekommen, wovor ihr Jahr für Jahr geschaudert hatte – etwas maßlos Furchtbares, das sie zu Staub zermalmen sollte. Sie war nichts gewesen, hatte nichts gewollt, nichts abgeschlossen, aber trotzdem getrotzt, verurteilt und das höchste Spiel gespielt.

Nun war es gekommen! Sie hatte geglaubt, mit der Krankheit des Kindes wäre es vorüber; nein, erst jetzt, jetzt, wo sie Eintracht mit ihrem Manne und festen Grund unter den Füßen hatte ... erst jetzt kam es über sie und traf sie tötlich.

Sie eilte in das Studierzimmer hinunter, während Tuft noch aß und legte den Brief auf sein Pult; sie hatte ihren Hut auf und einen Shawl um und nun lief sie mehr nach ihres Bruders Haus, als daß sie ging; biegen oder brechen!

Auf einem Richtwege ging sie auf die Kirche zu, erinnerte sich an Oles letzte Predigt und begann zu weinen; wenn doch ihr Zusammenleben von Anfang an so freie Wahl und solche Ziele gehabt hätte! Weinend eilte sie nach dem entsetzlichen Hause. Sie erkannte auch links oben im Laub die weiße Mauer des andern, worin Kule wohnte, das Mordinstrument. Nein, nein, nein, sie hatte ihn nicht kommen heißen; sie hatte keinen, keinen Teil daran! Doch, sie hatte es vorschlagen hören und es gerecht gefunden! Einige hatten es für einen guten Spaß gehalten, andere ernst aufgefaßt, ja religiös; Josefine erinnerte sich an jedes Wort, zu dem sie geschwiegen, auch an jeden Gedanken, den sie selber gehabt hatte.

Mord, Mord! Da gab es keine Vergebung; sie wußte es; was wollte sie bei ihrem Bruder? Er hatte ihr Kind gerettet; – weiter wollte er mit ihr nichts zu thun haben. Trotzdem, an diesen Fleck war sie hiernach genagelt; dorthin, und wenn sie dort sterben sollte. Sie lief.

Ihr Leben war geschändet; hiernach durfte sie keinem ehrlichen Menschen mehr ins Auge sehen. Mit Kälte und Bosheit hatte sie einen ganz, ganz unschuldigen Menschen gemordet, das Heim ihres Bruders verödet! Wie würde sie nun leben? Was wollte sie nun? Ihre gerechte Strafe suchen! Ja, aber die sollte sie sich selber auferlegen! Erst mußte sie ihn gesehen; ihn gehört und selber gesprochen haben – denn sie hatte ihm etwas zu sagen, er wußte ja nicht einmal, wie sie ihn liebte und immer geliebt hatte, er kannte sie ja gar nicht. Sie weinte und lief.

Sie sah ihn im Hofe zwischen dem Hause und den Nebengebäuden stehen, über irgend einen Gegenstand gebeugt, mit dem er sich zu schaffen machte; sie sah ihn über die Johannis- und Stachelbeerhecke hinweg, so oft die größern Obstbäume hindurchsehen ließen. Ein Schauer durchfuhr sie; aber sie schritt weiter. Bald war sie unter den Bäumen des Parks und ging dann nach dem Hofe hinunter; nur die Wand des Nebengebäudes trennte sie; dann trat sie völlig vor.

In einem gelbseidenen Rocke, vielleicht demselben, in dem er vor zwei Jahren kam, stand er mit aufgestülpten Ärmeln da – die Manschetten hatte er abgelegt und wusch einen Reisekoffer unter der Pumpe; alle Papierzettel, die das Bahnamt einen über dem andern aufgeklebt hatte, sollten abgelöst werden; – wollte er fortreisen? Er war sonnverbrannt und mager, im Profil erschien sein Gesicht noch schärfer; nun hörte er ihre Schritte und blickte auf; blickte in ihr verweintes, bittendes Gesicht. Von der frühern bunten Toilette keine Spur; schwarzes Sommerkleid mit einem Gürtel um den Leib, ein breitkrämpiger Strohhut mit braunem Band, ein Tuch lose über dem Arm. Bittere, verzweifelte Thränen brachen hervor, »Eduard!« sie kam nicht weiter

... denn er hatte den Koffer fahren lassen und sich hoch emporgerichtet; eine Stimme, die etwa wie zwei Oktaven klang, sagte: »Ich vergebe dir nicht, Josefine.« – »Eduard laß mich dir erklären!« – Sie wandte sich dem Hause zu, vor Entsetzen und Verzweiflung über sein strenges Aussehen; aber er glaubte, daß sie wollte, sie sollten dort hineingehen.

»... Du kommst niemals hinein!« – rief er und stemmte die Hände in die Seiten, als wollte er Wacht stehen.

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