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Auf Gottes Wegen

Bjørnstjerne Bjørnson: Auf Gottes Wegen - Kapitel 16
Quellenangabe
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typefiction
authorBjörnstjerne Björnson
booktitleAuf Gottes Wegen ? Kapitän Mansana
titleAuf Gottes Wegen
publisherMitteldeutsche Verlagsanstalt Lehmann & Fink
seriesBjörnson - Ausgewählte Werke
volumeErster Band
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070827
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9.

Kristen Larsens Haus blieb verlassen stehen; kein Käufer oder Mieter fand sich. Und unter dem unheimlichen Eindruck, den das Haus machte, hatten auch Larsens Freunde zu leiden. Hätte Sören Pedersen nicht mehr Kundschaft auf dem Lande gehabt, als in der Stadt, so wäre es ihm schlecht gegangen. Ragni merkte nicht, daß sie in dieser Zeit mehr beobachtet und besprochen wurde als früher; sie war nicht im geringsten vorsichtig. Schon daß der Pastor und seine Frau nicht mit ihnen verkehren wollten, machte sie ja zur Zielscheibe des Klatsches; mehr durfte nicht hinzukommen.

Dem gegenüber, worauf man nun verfiel, stand sie wehrlos da, da sie nichts davon ahnte. Wenn sie und Karl Meek Hand in Hand zusammen Schlittschuh liefen, oder er sie zum Lachen brachte, während er ihr half, die Schlittschuhe anzuziehen, oder wenn sie ihn fortzuschieben versuchte, wenn sie ein jedes auf einer Kufe von Kallems Schlitten standen, oder wenn sie zusammen Schlitten fuhren, oder wenn Besuch da war, zusammen Klavier spielten – immer hatte jemand einen Blick gesehen, der nicht zu mißdeuten war, ein zweideutiges Wort gehört, oder Freiheiten gesehen, die nur zwischen solchen möglich wären, die an noch viel größere gewöhnt waren. Das erste Mal mit einem Abmieter, und nun wieder mit einem, was konnte Kallem Besseres erwarten? Es war seine gerechte Strafe.

Sören Kules Verwandten gingen im Verleumden voran; das Geschlecht war in der Umgegend weit verbreitet und hatte besonders in himmlischen Dingen eine lebhafte Phantasie.

Man mußte nur Lilli Bing erzählen hören, wie Ragni Kule seiner Zeit »Abend für Abend« in das Zimmer des Studenten Kallem gegangen wäre, das an demselben Korridor gelegen habe. »Was war den Schlimmes dabei, wenn sie sich liebten? Wer sollte mit dem widerwärtigen Sören zusammenleben können?« Der Hintergedanke war immer, daß die jetzige Frau Kallem nicht einmal über den Korridor zu gehen brauchte. Einmal sagte sie: »Wenn sie niemals Kinder bekommt, was schadet es denn dann weiter?«

Daß keiner von denen, die verleumdet wurden, etwas hörte? Daß nicht einer der gewöhnlichen anonymen Briefe eintraf? Das erste kann nur darin seine Erklärung finden, daß sie fast mit niemand verkehrten, und das zweite darin, daß sie vielleicht glaubten, Kallem würde sich nicht darum kümmern; Freidenker haben ja in sittlicher Beziehung gern lose Begriffe. Zu Frühlings Anfang sah man, wie Kallem seine Frau und Karl Meek bis an das Dampfschiff begleitete; sie wollten an das andere Ufer hinüber; Montag vormittags sah man, daß er sie wieder an der Brücke abholte. Man wußte, daß er selber den ganzen Tag auswärts war. und sie den ganzen Tag zusammen in Garten und Haus.

Karl bestand sein Examen recht gut. Nun nahte der Tag heran, da er sie verlassen mußte. Ragni hatte im großen und ganzen an dem Zusammenleben Freude gehabt, aber sein unstäter Fleiß hatte ihr Mühe gemacht, und sein leidenschaftliches Wesen wuchs mit seiner körperlichen Kraft. Seine tiefe Ergebenheit für sie dämpfte es; aber auch die Form dieser Ergebenheit plagte sie oft; sie liebte Ebenmaß und Frieden. Sie prophezeite ihm, daß es ihm einmal schlimm ergehen würde; er führe ein zu großes Segel.

Sie sehnte sich danach, allein leben zu können; sie sagte es Kallem, der neckend meinte, in drei Wochen würde sie Karl vermissen. Dieser sollte nun erst die Sommerferien zu Hause zubringen, von dort aus aber nach Deutschland reisen, um sich der Musik zu widmen. Wenn er sich auch daran gewöhnt hatte, unter Ragnis Augen zu leben und zu denken, mit ihr kämpfend, ihr gehorchend, immer sie anbetend – so wollte er doch gern auf eigne Hand weiter arbeiten. Die Trennung würde keine Schwierigkeiten machen.

Aber da war er einen der letzten Tage bei einem Freunde, dem einzigen, den er noch ab und zu sah, seitdem er bei Kallem wohnte, und als sie über die Abreise sprachen, sagte der Kamerad: »Wie steht es denn eigentlich mit dir und Frau Kallem?« Karl verstand nicht, was er meinte und überhäufte sie mit bewundernden Lobpreisungen. Der andere unterbrach ihn: »Ja, das weiß ich; aber gerade heraus – du stehst mit ihr in keinem Verhältnis? Die Leute behaupten es.« Karl fragte, was er sich unterstehe? Er solle seine Worte verantworten! Aber es war die ernste Absicht des Freundes, Karl zu warnen; er hätte selber das Gerücht, das noch nicht allgemein geworden sei, erst vor kurzem erfahren. Geduldig ertrug er Karls Raserei und sagte ihm, etwas Anderes, als daß die Leute sich alle möglichen Gedanken machten, könne er, da sie beide so unvorsichtig gewesen wären, nicht erwarten. – –

In Kallems Hause konnte man nicht verstehen, was auf einmal mit Karl vorgegangen war. Die letzten paar Tage war er selten zu Hause, und war ebenso schweigsam, scheu und finster wie bei seiner Ankunft. Der nächstliegende Gedanke war ja, daß er darüber verzweifelte, sich von ihnen, und besonders von Ragni trennen zu müssen; aber dann war es merkwürdig, daß die Verzweiflung gerade Mittwoch nachmittag zwischen drei und fünf Uhr kommen mußte. Um drei Uhr hatten sie in heiterster Stimmung zusammen gespielt; um fünf Uhr wollte sie mit ihm etwas in seinem letzten Prüfungsfache durchgehen, und da kam er so völlig geistesabwesend nach Hause, daß sie das Arbeiten aufgeben mußten. So war er seitdem immer. Kallem neckte Ragni damit, daß der Junge verliebt wäre; unmittelbar vor der Stunde des Abschieds wäre es über ihn gekommen. Kallem sang: »Zwei Drosseln saßen auf dem Buchenzweig,« prophezeite ihr, daß sie in allernächster Zeit eine Erklärung erhalten würde, wahrscheinlich eine gereimte – er hätte seiner Zeit selber mehrere gemacht. Vielleicht würde er sich auch erschießen wollen. Sie solle sich nur nicht einbilden, daß jemand in seinem Alter von ihrer schiefen Nase billiger davonkommen könne als mit einem gelinden Herzens-Schnupfen.

Wenn der Junge dasaß und in fürchterlichem Schweigen sie anstarrte, nicht aß, nicht sprach; wenn er den Schwermütigen spielte und von ihnen weg in die Einsamkeit eilte – dann sagte Kallem. Hu, das Leben ist finster! Er machte es dem Jungen nach, wie er mit ersterbenden Augen sie anblickte, seufzte, mit beiden Händen das Haar durchwühlte und heulte. Aber Karl selber gegenüber war er äußerst liebenswürdig.

In der Abschiedsstunde hatte aller Spaß ein Ende, da Karl vor Kummer so verzweifelt war, daß niemand mit ihm sprechen konnte: man mußte nur seine Abreise beschleunigen. Ragni wollte nicht mit auf den Bahnhof gehen: ihr war bange vor seinem übertriebenen Wesen. Als aber Karl sah, daß sie auf der Treppe stehen blieb, sprang er vom Wagen herunter und eilte zu ihr. Sie wich zurück, aber er kam hinterdrein, sah sie an und weinte, so daß das Mädchen, das im Hintergrunde stand, ihn bedauerte und auch zu weinen anfing. Ragni wurde kalt und schweigsam; sie konnte nicht ahnen, das er jetzt schöner handelte und tiefer fühlte als je zuvor.

Auf dem Bahnhofe bemerkten einige seine Verzweiflung – und andererseits Kallems Ernst. Besonders fiel aber auf, daß Ragni nicht mitgekommen war. Hatte Kallem es nun erfahren?


Dieser Abschluß ihres Zusammenlebens mit Karl Meek gab einen unangenehmen Nachgeschmack. Sie sprachen nicht gern von ihm; ja sie machten sich beide darüber Gedanken, ob sie sich auf einen solchen Versuch hätten einlassen sollen; sie hätten vielleicht voraussehen müssen, daß dies das Ende sein würde. Aber davon sagten sie einander nichts. Ihr eignes Zusammenleben wurde inniger; niemals war Kallem so viel zu Hause gewesen und hatte sich niemals so viel um alles, was sie anging, gekümmert.

Den Sommer über bildete der Fieberpavillon ihr Hauptinteresse; mit unermüdlichem Eifer beobachtete sie seinen Bau und seine Einrichtung. Jetzt, wo alle Sommerzelte dastanden, war die gute Einrichtung und Ordnung des Krankenhauses in aller Munde. So lange sie aber allein waren und ihre Zeit zwischen dem Krankenhause, ihren Studien, dem Garten und dem Klavier verteilten, setzte sich, gerade weil sie allein waren, trotz all der wechselnden Interessen ein Gedanke in ihnen fest, an den sie schon lange gedacht hatten, und der, gerade weil er niemals ausgesprochen wurde, immer mehr Macht gewann. Bald konnten sie sich nicht begegnen, ohne daß einer etwas davon in den Augen des andern zu lesen glaubte.

Weshalb bekamen sie kein Kind? Lag der Fehler an Ragni? Wollte sie nichts dafür thun?

Nach und nach hatte er sich davon überzeugt, daß sie zu scheu war, um etwas davon zu erwähnen, daß er den Anfang machen müsse. Wagte sie nicht, davon zu sprechen, nicht einmal den Wunsch zu verraten, daß sie davon sprechen wolle, damit er ihr dann weiter helfen konnte? Was war der Grund? Die Angst vor der Untersuchung – vor der Operation? Er sah sie selten, ohne zu fühlen, daß sie daran dachte. Und sie dachte ihrerseits: er vermißt das Kind. –

Ende August bekam Ragni einen großen Brief aus Berlin – von Karl Meek! Er war ihnen beiden willkommen, ja, mehr als sie sich zuerst eingestehen wollten.

Karl hatte die Festvorstellung in Baireuth besucht, er schilderte nun seine Eindrücke mit glühenden Farben und leidenschaftlichen Worten. Der ganze Brief handelte nur davon, dann vier bis fünf Zeilen Danksagungen. Grüße – und schließlich die Frage: »Darf ich Ihnen öfter schreiben?« Beide erkannten sofort, daß diese wenigen Zeilen den Brief ausmachten, alles andere nur ein geistvoller Umschlag war. Gerade das gefiel Kallem, und er wünschte, daß sie mit ihm einen Briefwechsel beginnen sollte. Das könnte ihm auf mehr als eine Weise während seiner Abwesenheit von Nutzen sein.

Ohne besondere Lust – – wie oft in der Zeit, als sie mit Karl arbeitete – mehr aus Gehorsam und aus Güte setzte sie sich hin, schrieb humoristisch, da sie so am besten damit fertig wurde, und erhielt eine Antwort – einen Brief nach dem andern, lange Antworten, ganze Tagebücher.

An einem der ersten Tage des Oktobers war Ragni im Garten, um Obst und Küchengewächse zu ernten. Sie ging nach dem Zaun am Kirchwege, als langsam ein Wagen vorüberfuhr. Darin saß ein vierschrötiger Kerl, der sich im Wagen wiegte wie Milch im Eimer. Ragnis Tauben sausten vom Kirchendache heimwärts gerade über den Wagen weg; infolge des eigentümlichen Klanges des Flügelschlages wandte er den Kopf in der Richtung, wo sie flogen. »Waren es Tauben?« fragte er, und der Kutscher antwortete.

Ragni wollte gerade auf eine Leiter steigen, um Äpfel abzunehmen; aber sie mußte sich festhalten; diese schwere Stimme, dieser langsame Takt, diese nordländische Einförmigkeit waren die Sören Kules! Seine blinden Augen waren nun halb nach den Tauben gerichtet, bald dahin, woher die Antwort kam, während er lautlos weiterfuhr.

Wohnte Sören Kule hier? Ein blinder, halbgelähmter Mann geht ja nicht auf Reisen. Hatte ihn die zwiefache Erbschaft, die ihm hier oben zugefallen war, hierher geführt?

Kurz darauf kam Kallem. Sie sah es sofort, daß auch er Kule begegnet war – und er sah sofort, daß sie in die große Stube geflüchtet war, um sich zu verbergen; da trafen sie sich; sie preßte ihren Kopf an seine Brust: sie spürte böse Geister in der Luft.

Kallem sagte sich selber: Wenn Sören Kule eines der Besitztümer übernimmt, die den beiden Geschwistern zugefallen sind, also hierher zieht, dann ist Josefinens Hand im Spiele; das ist eine Frucht ihrer Gerechtigkeit.

Der einzige auf Erden, gegen den er nicht richtig gehandelt zu haben glaubte, ohne es wieder gut zu machen, war dieser blinde Mann.

Ich will ihn aufsuchen, dachte er; ich will offen und ehrlich mit ihm sprechen. Dann kann ich ihm zugleich klar machen, daß er Ragnis wegen hier nicht wohnen darf.

Er erfuhr bald, wo Kule wohnte: in dem Hause gleich hinter ihnen; im Park neben dem Krankenhause.

Dieser Teil des Erbes war ihm also zugefallen; und hier sollten sie ihn täglich haben? Er ging lange umher, um über sich selber Macht zu bekommen; aber noch, als er von dem Hause stand, war er so erregt, daß er an sich halten mußte. Ein kleines, zweistöckiges Backsteinhaus, davor ein Garten; auf dem Vorsaal hörte er Geräusch in der Küche und sah zuerst dort hinein. Da stand das nordländische Riesenweib mit aufgestreiften Ärmeln, so unverändert, als hätten sie sich erst gestern noch gesehen. Als die Thür sich öffnete, sah sie sich um und erkannte sofort den großen Herrn mit der Brille und der krummen Nase und den starken Augenbrauen; lächelte und wandte sich völlig nach ihm um. »Ist das nicht Herr Kallem?« sagte sie singend. – »Ja. – Ich hörte es gestern, daß Sie hier wohnten,« – sie lächelte noch mehr. Ach, du Thranfisch, dachte er, du hast es lange gewußt! »Wann sind Sie gekommen?« – »Gestern.« – »Aus Christiania?« – »Aus Christiania. Herr Kule hat das Haus geerbt; und hier soll das Leben billiger sein.« Hinter Kallem öffnete sich eine Thür; er wandte sich um; ein vierschrötiger Kerl mit kleinen klugen Augen, die mißtrauisch dreinsahen, steckte vorsichtig seinen Kopf aus der Stube. Kallem schloß die Küchenthür, der andere kam völlig zum Vorschein und schloß die Stubenthür hinter sich; dann standen sie einander gegenüber. Aber die Küchenthür wurde wieder geöffnet und das nordländische Mädchen sah heraus und lächelte dem Vierschrötigen zu. Kallem ahnte ein süßes Geheimnis. »Ist das dein Mann?« – »Ja, seit diesem Sommer.« Der Mensch sah wie ein Seemann aus. »Ist Herr Kule zu sprechen?« Der Vierschrötige nahm eine feierliche Miene an; er wolle hineingehen und fragen; er blieb lange und Kallem hörte, daß unterhandelt wurde. Bald klangen Kules schleppende Laute, bald die knappen, trockenen, in Throndheimer Dialekt gesprochenen Worte des andern, beides gedämpft. Inzwischen erzählte Oline, daß ihr Mann ursprünglich Seminarist gewesen sei, das Steuermannsexamen bestanden habe, spanisch spräche und Kules Sekretär und Bevollmächtigter wäre. Dann erzählte sie, daß die Kinder im Westlande in Frau Rendalens Pensionat wären; – übrigens gehöre aber jetzt das Pensionat nicht mehr Frau Rendalen, sondern dem Sohne, »ihm, der bei uns wohnte«. Und auf einmal sagte sie: »Und wie geht es der gnädigen Frau? Sie wurde doch noch Ihre Frau – nicht wahr? Ach, wie hübsch wird das werden –.« Da wurde die Thür wieder geöffnet; der Vierschrötige stellte sich draußen auf und Kallem konnte an ihm vorbei zu Kule hineingehen.

Er saß in demselben plumpen Rollstuhle mit demselben Brett vor den Beinen; dieselben spanischen Bilder an der Wand, dieselben Möbel, nur daß sie einen andern verblichenen Überzug hatten. Der Flügel und das Kinderspielzeug fehlten.

Kule selber war grau und bedeutend dicker geworden. Die »Flossen« lagen wie gewöhnlich über den Stuhllehnen; eine schwere Tabakspfeife stand ungebraucht daneben.

Kallem nannte seinen Namen; Kule antwortete nicht; aber eine kleine Bewegung der gesunden Hand und einige schwere, stöhnende Laute deuteten an, daß er erregt war.

Kallem hatte auch Mühe, ruhig zu bleiben. Um die Qual kurz zu machen, sagte er sofort, Herr Kule wisse vielleicht nicht, daß sie Nachbarn wären. – Doch, das wußte er. – »Das glaubte ich nicht,« antwortete Kallem, und ließ den Ton der Worte erklären, was er meinte.

Kule schwieg.

»– Sie wollen wohnen bleiben?«

»Ja.« –

Kallem sah in das blinde Gesicht; es war kalt und verschlossen. Kallem fühlte, daß es unmöglich war, einen Zug des Mitleids mit Ragni in dieses Gesicht zu bringen; ein fürchterlicher Abscheu ergriff ihn. »Dann habe ich nichts mehr zu sagen,« sagte er und stand auf.

Die Küchenthür stand angelehnt. »Bitte, grüßen Sie die gnädige Frau.«

Erst draußen erinnerte sich Kallem an seine ursprüngliche Absicht; aber diese neue Roheit Kules befreite ihn davon. Also: von jetzt ab war er ihr Nachbar. Nun konnten sie es, wie andere auch, versuchen, ihre eigene Vergangenheit zu ertragen.

Er ging aus der Stadt hinaus; er wagte nicht, sofort nach Hause zu gehen. Sie ertrug nichts irgendwie Böses; er mußte darüber nachdenken, wie sie sich hierzu verhalten sollten.

Ragni war im Studierzimmer und hatte die Lampen angezündet, als er lange danach nach Hause kam. Sofort las sie ihr Urteil auf seinem Gesicht – ja, hatte es schon an seinem Schritt gehört. Sie sank in einen Stuhl und hatte das Gefühl, als existiere von jetzt ab keine Freude mehr.

Er versuchte ihr klar zu machen, daß sie, die Unschuldige, auch nichts zu fürchten brauchte; – sie schüttelte den Kopf; denn das war es nicht. Nein, die Schlechtigkeit konnte sie nicht aushalten, die Kälte. Sie erinnerte ihn an das, was er selber an Kristen Larsens Grab gesagt hatte.

Aber sie könnten sich doch nicht mit Kristen Larsen vergleichen. Sie hätten doch so viel von dem, was erwärme. Jawohl – aber einen guten Namen! »Wenn sie mir den nehmen, schließen sie alle Wärme aus. Und nach einer Pause sagte sie: »Das ist die Kälte.« Sie weinte nicht wie sonst immer.

»Dann ziehen wir fort!« rief Kallem aus.

Als wenn sie das schon lange überlegt hätte, antwortete sie: »Welcher Arzt ist reich genug, um alles das kaufen zu können, was du hier hineingesteckt hast? Und deine Arbeit? Für die du lebst, die dich glücklich macht? Nein. Eduard!« – »Aber ich kann nichts mehr thun, wenn du unglücklich wirst.« Er küßte sie. Sie antwortete nicht. – »Woran denkst du?«' – »Ich glaube doch, daß du es kannst. – »Was soll ich können?« – »Ohne mich arbeiten und glücklich werden,« antwortete sie und brach in Thränen aus. Er zog sie an sich und wartete: sie mußte fühlen, daß sie ihm wehgethan hatte. »Eigentlich passe ich nicht für dich.« – Aber Ragni!« – »Ja; dein guter Kamerad kann ich sein, der beste, den du auf Erden hast; wenn ich es doch lange sein könnte!« –

Sie schmiegte sich dicht an ihn, als wollte sie ihn zum Schweigen versiegeln.

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