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Auf Gottes Wegen

Bjørnstjerne Bjørnson: Auf Gottes Wegen - Kapitel 14
Quellenangabe
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typefiction
authorBjörnstjerne Björnson
booktitleAuf Gottes Wegen ? Kapitän Mansana
titleAuf Gottes Wegen
publisherMitteldeutsche Verlagsanstalt Lehmann & Fink
seriesBjörnson - Ausgewählte Werke
volumeErster Band
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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7.

Die ganze Nacht und den folgenden Tag fiel eine unendliche Menge Schnee und gegen Abend stürmte es und der Wind trieb den frischgefallenen Schnee zu hohen Wehen zusammen. Der Sturm ging vorüber: aber der Schneefall dauerte in gleicher Stärke fort. Die Landbewohner, die auf den Ball gehen wollten, ließen den Schneepflug bis an die Stadt fahren; in der Stadt fuhr er heute zum zweitenmal. Auf den Ball, auf den Ball! Es war der erste große Ball in der Weihnachtszeit.

Auf den Ball! Auf den Ball! In den größern Städten, wo der Tanz ein Geschäft ist, das die Jugend abwechselnd in den verschiedenen Vereinen und Gesellschaften abmacht, kann man sich nicht vorstellen, welche Wirkung die Aussicht auf den ersten Ball in der Weihnachtszeit in einer kleinen Stadt und unter den jungen Leuten der Umgegend hervorruft, die, unter ihren Pelzen ballmäßig bekleidet, in die Stadt hineinfahren. Aber wie der Schneepflug den überflüssigen Schnee ohne weiteres zur Seite schiebt, so schneidet die bestehende Sitte und die natürliche Schamhaftigkeit mehr als die Hälfte von dem weg, was sie zusammenphantasiert haben. Da erscheint eine nette, schickliche Schar, die sich anfangs kaum untereinander zu kennen scheint.

Kallem lag auf dem Sofa und war in guter Laune. Die prächtige Sissel Aune erholte sich, der Mann war heute voll von Lebenslust und Branntwein, mit dem ihn die Nachbarn angefüllt hatten. Die Kinder waren mittags dagewesen, trotzdem es dem Mädchen nicht behagte; in der Hinsicht war sie wie Ragni: die beiden ähnelten überhaupt einander.

Die Kinder waren nicht entfernt so zurückhaltend gewesen, als die des Maurer Andersen, die auch dabei waren. Kallem hatte für sie schlecht Klavier gespielt; war aber sehr gut auf den Händen gelaufen, und der Sattler hatte viel über Maurer Andersens Tod zu sagen gehabt: Maurer Andersen wäre an der Wahrheit gestorben; es gäbe so viele, die von Lüge leben, baß es recht gut wäre, wenn einer au der Wahrheit stürbe – und ähnliches Geschwätz mehr, das Aase sehr bedeutsam fand.

Ein langer, ausgelassen fröhlicher Brief Ragnis lag in Kallems Schoß! er hatte ihn zum zweitenmal gelesen, Karl ließ einen Rapport über ihr Befinden seit des Doktors Abreise folgen, der auch ganz amüsant war: namentlich eine Beschreibung ihrer ersten und letzten Fahrt auf Schneeschuhen. Ihre innere Feigheit war gut beobachtet.

Nun wollte er einen Ball besuchen, den eine Pastorsfrau arrangiert hatte! Sie und ihre flotte Freundin Lilli Bing. Hatte Josefine es gegen den Willen Ihres Mannes gethan? Das war ein öffentliches Geheimnis, das ihm Lilli Bing verraten hatte. Die Pastorin war die erste Balldame der Stadt. Die Herren stritten sich darum, mit Ihr nur in einer Kotillontour einmal rund zu tanzen. Er sah sie vor sich: hoch, mit entblößtem Hals, schwarzäugig, glühend heiß vom Tanz. Ja, er wollte mit ihr tanzen. Er sehnte sich nach ihr und verheimlichte es nicht vor sich selber. Er legte Ragnis Brief beiseite, ebenso den Karls und das Buch, worin er gelesen hatte, erhob sich dann, schraubte die Lampe nieder, benachrichtigte das Mädchen – und dann eilte er hinauf und kleidete sich an.

Der Schneefall war ungewöhnlich stark: wäre es nicht windstill gewesen, hätte man unmöglich den Weg finden können. Die Laternen blickten trübselig drein, der Schein reichte kaum über den Lichtkreis hinaus, und ringsum kein Laut. Der Regen hat Leben und Landschaft: der Schnee verdeckt alles, niemals kann ein Mensch so einsam werden wie im Schneefall. Kallem wurde nicht einmal von einem Zaun geleitet, wurde nicht von einem Stein am Wege gegrüßt, kein Baum beugte sich vor ihm: er sah sie nicht mehr, sie waren eingehüllt und weit weg. Die Kirche stand noch da, aber zu einem Steinhaufen umgewandelt mit einem weißen Stab darauf. Er und die Kirche, die Kirche und er; sonst niemand weiter. Die Häuser in der Straße hatten sich zurückgezogen; sie hatten sich in Kobolde verwandelt, die ihre Pfoten vorstreckten; diese Pfoten waren einmal Treppen gewesen. Und unten vor dem Strandwege lagen ein paar Bote am Lande, die weißen ruhenden Elefanten glichen. Die See ein Schneemeer; aber merkwürdig: die Insel hatte sich losgerissen und war weggetrieben; sie war nicht mehr zu sehen. Nach dem Kalender war es Vollmond und auch nicht finster, wenn auch der Mond aus dieser verzauberten Welt weggeschneit war.

Er selber stapfte vorwärts wie ein umgestülpter Zuckerhut. Nichts rührte sich außer ihm und dem fallenden Schnee. Es sahen nicht einmal Feueraugen aus den Fenstern, trotzdem es kaum 10 Uhr war. Alles verloschen und verschneit! Nur die elenden Lichtkerne in den Laternen bezeugten, daß hier einmal eine bewohnte Stadt gelegen.

Nun hörte er eine Klarinette miauen und einen Baß rumpeln; – ein Fuchs und ein Eisbär mußten irgendwo zusammen springen. Es trippelte und humpelte, die Schneeflocken rieselten herab und die Häuser saßen da und staunten.

Er kam so weit, daß er einen rauchenden feurigen Nebel, der um ein großes Haus herumlagerte, sah; darin, miaute und rumpelte es. In dieser Richtung ging er.

Hatte er sich geirrt? Er kam in eine Restauration oder so etwas hinein – in Tabaksqualm, Punsch- und Speisedampf. Hier sah er einige dicke Herren wie Schweine in ihrem Fett sitzen. Sie waren nicht ballmäßig angezogen; aber die dort kamen, waren es. Und als er endlich die richtige Treppe erreichte, eilten mehrere Herren in Ballkleidung vorüber – dem Tabak und dem Punsche zu. Kallem haßte und verachtete Tabak, Punsch und Kneipenleben; und besonders die Herren, die nicht tanzen konnten, ohne sich zu »stärken«.

Auf einen Ball darf man nicht zu spät kommen. Er sah auf die Uhr; es war über elf, und nicht erst 10 Uhr, wie er geglaubt hatte; – entweder war er zu spät nach Hause gekommen oder hatte zu lange gelesen. Einige erhitzte, schwitzende junge Leute, die eben aus dem Qualm herauskamen – sobald die Thür aufging, strömte nämlich nebliger Qualm heraus – grüßten ihn und bestätigten damit, daß er gekommen war; so ging er denn mechanisch weiter und legte den Überzieher ab. In den Gängen mehrere erhitzte, schwitzende Menschen. Der eine schien fortzulaufen, weil der andere lief; ihre Worte waren inhaltslos, ihre Augen unstät, ihr Lachen plump dröhnend. Es kamen auch Damen, drei und vier zusammen, die wie aufgeblühte Rosen aussahen; sie lachten über nichts und sprachen über nichts, bereit, sich durch die Musik und das Geschwätz hindurch fortführen zu lassen. Die Musik gellend, die Gasflammen mit einem Flor von Dampf umgeben, der Kronleuchter in gelblich rotem Schein.

Ein überfüllter Ball; man hatte Mühe, sich durch alle die Kavaliere hindurchzuwinden, die müßig an der Thür standen; sie hatten sich in Gruppen zusammengedrängt. Eine Mischung von fein und grob – eine echt norwegische Mischung.

Es wurde Kotillon mit Walzer getanzt. Kallem konnte, hoch wie er war, jetzt, wo seine Brillengläser getrocknet waren, bald sehen, daß seine Schwester sich nicht unter den Tanzenden und auch kaum im Saale befand. Aber er vergaß sie, denn dieser Anblick war ihm in mancher Hinsicht neu; von Norwegen kannte er nur das Westland und Christiania. Ein Ball in einer kleinen norwegischen Binnenstadt ist eigentümlich. Damen und Herren, die einen seinen Pariser Ball mitmachen könnten, gleiten leicht dahin zwischen jungen Menschen, die schwerfällig auftreten und niemals tanzen gelernt haben, aber den Takt unverdrossen und pflichteifrig einhalten. Männer im Frack, Männer im Rock, Frauen in ausgeschnittener Balltracht, Frauen in einfachem schwarzen schließenden Kleide, einige älter, einige ganz jung, alle auf ihre Weise für sich vergnügt.

Von dem Augenblicke an, als er so unglücklich war, in die Restauration zu geraten und damit in den Punschgeruch und den Tabaksqualm, den er haßte, war Kallem mürrisch und sah schwarz. Aber hier im Ballsaal, angesichts so vieler frischer Selbständigkeit ging es vorüber. Hier walzten zwei vorüber, er im Rock, sie in schwarzem, anschließendem Wollenkleide; sie hielten sich fest umschlungen, machten keine Pause, sondern drehten sich unablässig mit bedächtigem Ernst. Dort streifte ein langer blonder Bursche in einfacher Jacke an ihnen vorbei, wahrscheinlich ein junger Seemann, der zur Weihnachtszeit zu Hause war: er tanzte mit einer über vierzig Jahre alten Frau, zweifellos seiner Mutter; sie konnte noch eine ordentliche Marssegelskühlte aushalten. Dort ein bekannter Eisenbahnbeamter mit aufwärts gerichtetem Gesicht, ein dünner Bursche in schwarzem Frack, der herumsprang und abwechselnd den Körper nach rechts und links neigte; trat er auf den rechten Fuß, so neigte er sich nach rechts, und trat er auf den linken Fuß, so neigte er sich nach links, immer aufs gewissenhafteste Takt haltend und so froh, so froh; seine Dame lachte die ganze Zeit, aber nicht, als wäre sie verschämt; weit entfernt, sie amüsierte sich. Und sie tanzten immerfort, und kaum hatten sie sich gesetzt, da waren sie schon wieder aufgestanden. Da schwebte ein Kaufmann vorüber, kurz darauf ein Offizier, beide tadellos mit frischen, jungen, ballmäßig gekleideten Damen; dann ein verrückter Mensch mit langem Haarbüschel und ein großes, schwarzes Frauenzimmer. Sie rasten mitten durch den langen Tanzsaal hindurch, auf und ab; die Leute fürchteten sich und wichen aus wie vor scheuen Pferden. Da drehte ein Turm vorüber, ein breiter, runder, hoher Turm mit einer kleinen schmächtigen Dame, die an ihm wie eine Leiter lehnte. Nach oben zu rührte sich der Turm nicht, er drehte sich bloß; hätten sie einen Teller Suppe oben darauf gesetzt, wäre kein Tropfen übergeflossen. Da kamen zwei große Menschen, die die Hände wie Segel ausstreckten und damit den Raum für drei gewöhnliche Paare einnahmen. Aber es schien alte Ballsitte zu sein, daß alle das Recht hatten, so viel Platz einzunehmen, als sie wollten, und auf die Art und Weise und in der Richtung zu tanzen, wie es ihnen behagte. Hier tanzte jeder auf eigene Rechnung, und keiner, um zu tanzen, alle, um sich zu amüsieren.

Aber dort kamen zwei, die tanzen konnten! Sie kamen aus einem Nebenzimmer, ein flotter, bartloser Kawallerieleutenant und eine hohe, ... Josefine! Sie trug ein rotes Seidenkleid mit schwarzem Besatz; ihr fester Hals, ihre runden Arme in ihrer warmen Farbe, ihr üppiges, wie gewöhnlich in einem Knoten zusammengebundenes Haar, ihre wilden Augen – das waren sie wirklich – und die Figur! Ja, sie war die Ballkönigin! Wie sie tanzte! Nun zeigte sich, welche Stärke und natürliche Geschmeidigkeit ihrem Körper innewohnte. Und nun blitzte das irische Blut auf; das war sie! Der Bruder drängte sich weiter vor, er atmete schwer. Und er glaubte, alle starrten diesen beiden nach, die sich bald rechts, bald links herumschwangen, dann sich auf einem Fleck drehten und dann rasch den Saal durcheilten; niemand kam hinter ihnen, alle sahen zu und nach und nach hielten viele von denen, die tanzten, inne; sie wollten sie sehen. Der Kavallerist hatte den Fehler, daß er nicht größer war als seine Dame; aber er war ein starker, kräftiger Mann, der vorzüglich führte. Der Tanz war diesen beiden kerngesunden Menschen Leidenschaft und Rausch; so sah es aus. Und es berauschte. Kallem konnte nicht widerstehen, sondern wollte auch tanzen, und zwar mit ihr und am liebsten gleich jetzt. Als sie das nächste Mal vorüberschwangen, sah er sie an; sah sie so an, daß er wußte, sie würde nun dorthin sehen, wo er stand. Und das that sie. Als wenn er sie um den Leib gefaßt und aufgehalten hätte, hielt sie an. »Besten Dank,« sagte sie zu ihrem Kavalier. Sofort war ihr Bruder an ihrer Seite, aber ebenso schnell ihre Freundin Lilli Bing. »Komm, setz dich neben mich!« sagte sie und, Kallem zugewandt: »Das ist hübsch, daß Sie sich hier sehen lassen!« – »Ich danke für die Einladung,« sagte er, sich an beide wendend. »Aber ich habe so große Lust bekommen, mit dir zu tanzen, Josefine;« er zog seine Handschuhe an; »gestatten Sie?« – er verbeugte sich vor dem Lieutenant, der höflich sich wieder verbeugte. »Hast du Lust?« sagte er zu Josefine. Sie war nach dem raschen Tanze außer Atem; aber ihre dunkeln Augen strahlten. »Ja,« antwortete sie leise. Der Saal hatte sich inzwischen wieder gefüllt; deshalb warteten sie ein Weilchen. Aber als das Gedränge niemals aufhörte, umfaßte er sie, um anzufangen. »Es geht nicht!« flüsterte sie. – »Doch, es geht!« sagte er und tanzte an den andern vorbei, ohne anzustoßen oder sich aufhalten zu lassen; wurde es gefährlich, so trug er sie mehr, als daß er führte. Aber bald erkannte er, wie unnötig das war; sie beugte sich und fügte sich in seinem Arm dem leisesten Druck. Sie waren nicht auffallend ähnlich, aber auch nicht abstoßend unähnlich: sie wurden einander interessant und genossen einen Augenblick der Versöhnung vor dem Streite. Sie sahen ab und zu einander an, immer gleichzeitig, er sehr rot, sie bleich.

Nun strahlten die Lampen hell, die Musik war lieblich, die Menschen froh und natürlich, der Ballsaal prächtig. Sie hatten seit der Zeit nicht wieder zusammen getanzt, wo er der Löwe der Bälle war und sie ein leidiger Backfisch, mit dem er aus Gnade ein paar Touren tanzte. Aber in Haltung, Takt und Art zu tanzen waren sie ineinander eingespielt; sie tanzten leicht und waren glücklich. Während sie sich umschlungen hielten, konnten ihre Gedanken nicht entwirrt werden; sie hatten sich ineinander verschlungen. Sie gehörten einander in starkem, natürlichem Zusammenhang – letzt, wo der Naturboden vorhanden war. Alles Trennende taumelte als fremd und zufällig beiseite. Und da das, was sie zusammen erlebt hatten, eigentlich in der Jugend und in einem andern Lande spielte, so zogen beide dorthin. In der brennend heißen Luft über Meer und Strand, auf ihren kleinen Ponies nebeneinander reitend, zwischen ihnen der wunderliche Vater; zu Pferde war er so schön.

Der Bruder – er war größer als die Schwester – sah auf ihre breite Kopfform herab; er erkannte die des Vaters wieder. Sie dachte auch an ihren Vater, als sie in sein scharfes Gesicht sah; aber trotzdem ähnelte er der Mutter mehr als sie; sie fand die klugen und guten Züge der Mutter bei ihm wieder, wenn sie auch von den Unwetterzügen des Vaters durchkreuzt wurden. Sie hätte sich an ihn wie an ihre Mutter schmiegen können, in jeder Beziehung auf ihn bauend – so, wie jenen letzten Abend in ihrer Fjordstadt. Und sie hatte auf Erden keine größere Sehnsucht.

So ging der Walzer zu Ende.

Arm in Arm, warm und dankbar gingen sie nach dem Platz, den Lilli angeboten hatte. Sie trafen Lilli zusammen mit dem Kavallerielieutenant, sie in ihrer Üppigkeit sich ganz hingebend, er, wie immer, korrekt und ehrerbietig.

Kurz darauf befand sich Kallem in Überzieher, Seehundsfellstiefeln, und die Hände tief in den großen Taschen vergraben, wieder draußen im Schneegestöber.

Entweder mußten die beiden Geschwister jetzt allein sein oder er mußte gehen. Das ergriff ihn zu sehr. Er liebte sie innig und sie vielleicht noch mehr ihn. In diesen Augenblicken, wo ihr Wesen in seines übergegangen war, gestaltete es sich, wie es wollte und konnte; für gewöhnlich hielt etwas sie gebunden; das Christentum war es kaum; aber was war es? Sie handelte rücksichtslos, ganz wie sie wollte; – und doch war sie schlimmer gebunden, als die meisten andern.

Es schneite und schneite; die Luft war trotzdem vom Monde erhellt, den man nicht sah. Seine Schwester stand barhäuptig und mit nackten Armen vor ihm mit Glutaugen; die Musik in der Ferne.

Als er aber in sein weißes Schlafzimmer kam, in dem das aufmerksame Mädchen eingeheizt hatte, da sah er sie oben in der Waldgegend tanzen. Ragni wurde von einem kräftigen Waldbesitzer getragen, sodaß ihre Fußzehen kaum den Boden berührten; – sie schwang sich mit den kleinen Kindern im Kreise, sie hüpfte mit dem Auerhahn davon oder mit einem leichten Burschen aus der Hauptstadt; – – er sah ihre Glückseligkeit nach jedem Tanze, hörte ihr: »Nein, wie ich mich freue, Eduard!« und schlief darüber ein.

Und am andern Tag – er hatte eben allein zu Mittag gegessen und war wie gewöhnlich in die große Stube gegangen, da ihm Ragni hier etwas vorzuspielen pflegte – da wurde die Thür geöffnet und Ragni – er traute seinen Augen kaum – ja, sie stak in all diesem Pelzwerk drin! Dann ließ er sie ablegen, sie erschien rund, milchweiß und zärtlich – und er umarmte sie.

»Nein,« sagte sie nach einem Weilchen, als sie ruhig bei einander saßen, »nun wiederholte sich bloß alles, und da bekam ich Sehnsucht.« – »Du hast eine schiefe Nase!« – »Und du bist auf dem Ball gewesen!« – »Du hast eine schiefe Nase!«

– »Das sieht man kaum. Aber weißt du, daß Karl nicht immer bloß gut ist? Nun will ich dir's sagen.« – »Karl?«

– »Gegen mich, ja, da ist er ja tadellos, du kannst dir nicht denken, wie er ist. Ganz anders gegen seine Geschwister; hitzig, sehr hitzig, launisch, ein eigensinniger Tyrann.« – »Ach, das kann ich mir schon denken.« – »Weißt du, ich bin auch aus einem andern Grunde jetzt gereist: wir wollen allein sein; nicht wahr? Wir haben ihn beständig um uns.« – »Nein, hast du ihn nun auch satt?« – »Das habe ich durchaus nicht gesagt. Aber ihn immer um uns zu haben, das wird –« – »Langweilig?« – – »Nun ja, meinetwegen langweilig; es ist wahr. Ja, ich bin schlecht. Hör, nun will ich dich noch um etwas bitten. Sei nun gut und zieh mich nicht mit der Ästhetik auf!« – »Nun?« – »Laß es Kristen Larsen nicht wissen, daß ich da bin! Nein, thu es nicht! Laß uns nun ordentlich in Ruhe leben.« – »Aber ich habe jetzt einige Kinder –« – »Nein, nein! Auch kein Kind! O nein!« – Und dann weinte sie. – »Meine liebe, süße Ragni – ?« – »Ja, – ja, das ist so egoistisch; aber ich kann geradezu nicht anders; es paßt mir nicht.« –

Kurze Zeit darauf ließ der Flügel in seinen reichsten Accorden Jubelhymnen über ihre Rückkehr ertönen; die Geister der Schönheit besetzten das Haus. Sie flogen aufs Dach, an die Fenster und Thüren, in die Schlafkammer, in die Küche, in das Studierzimmer, und sangen, sangen, sangen, sodaß die Tuberkelbazillen, die der Doktor untersuchte, gerade auf das lostanzten, was sie töten sollte; – sie sangen die Küchenthür auf, so daß der ganze Aufwasch tanzte und der Kaffeekessel überkochte und das neue Kleid, das Sigrid fix und fertig mit Samtbesatz und Überrock, mit Schnuren und Quasten geschmückt, von Ragni zu Weihnachten bekommen hatte, oben auf dem Boden, zu alleroberst im Hause in Ballgedanken verfiel.

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