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Auf Gottes Wegen

Bjørnstjerne Bjørnson: Auf Gottes Wegen - Kapitel 13
Quellenangabe
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typefiction
authorBjörnstjerne Björnson
booktitleAuf Gottes Wegen ? Kapitän Mansana
titleAuf Gottes Wegen
publisherMitteldeutsche Verlagsanstalt Lehmann & Fink
seriesBjörnson - Ausgewählte Werke
volumeErster Band
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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6.

Der Portier mußte zuerst büßen. Er mußte noch am selben Tage ausziehen.

Dann ging Kallem zu der Witwe Andersens. »Sie sind eine tüchtige Frau. Wenn Sie wollen, können Sie den Portier- und Ökonomen-Posten am Krankenhause bekommen. Nehmen Sie ihn an und beginnen Sie gleich morgen einzupacken und mit den Kindern umzuziehen; dann denken Sie weniger an Ihren Schmerz. – »Haben Sie ein gutes Dienstmädchen?« – »Ja.« – »Nehmen Sie sie mit! Mehr ist nicht nötig. Alles andere steht bereit und die Diakonissen werden Ihnen helfen.«

Die Oberdiakonissin erhielt eine scharfe Zurechtweisung; aber damit war alles abgethan. Sie sollte ihr Vergehen damit wieder gut machen, daß sie Mutter Andersen nach bestem Vermögen unterstützte.

Den Pastor suchte er nicht auf; ebensowenig der Pastor ihn. Von andern hörte er, daß er krank geworden wäre und das fand er ganz natürlich. Kallem traf Josefine ein paar Tage später auf der Straße; sie that, als sähe sie ihn nicht.

Wie dieses Ereignis wirkte, ist nicht leicht zu beschreiben. Die ganze Stadt geriet in Aufregung. War es mit dem Glauben nicht einigermaßen merkwürdig bestellt, wenn selbst der Glaube an eine Lüge einen Mann vom sichern Tode retten konnte?

Der Portier fiel mit seiner Familie natürlich dem Pfarrer und seiner Frau zur Last. Josefine mußte Geld zu einer Buchhandlung hergeben – und zwar viel mehr, als ihr lieb war.

An diesem Manne hatte Kallem seitdem einen treuen und aufrichtigen Feind. –

Unmittelbar darauf fuhr Kallem in das Walddorf hinauf. Er meldete sich nicht an; er kam eines Abends vom Bahnhof aus im Mondschein nach dem Gehöft hinaufgefahren, als gerade der Hof und die Straße draußen mit angespannten Schlitten dicht besetzt war; einige hatten Insassen, andere waren leer. Alte und Junge wollten eine Schlittenfahrt unternehmen; von hier zogen sie aus, und hierher sollten sie zurückkehren und tanzen.

Man gab auf den Ankömmling nicht acht; man glaubte, er gehöre zur Gesellschaft. Erst als er im Vorsaal stand, wo die Wirtsleute und die Gäste sich eben ankleideten, bemerkten mehrere, daß er fremd war; aber sie dachten nicht weiter darüber nach; in Pelz gehüllte Gestalten stampften aus und ein. Ragni hatte gerade ihren Pelz angezogen, als sie von hinten umschlungen wurde; sie stieß einen Schrei aus und sah auf. Nein, war das eine Freude! Und Karl, der in einer Ecke sich mit den großen Stiefeln abmühte – ohne ein Wort zu sagen, zog er sie wieder aus, die Pelzsachen auch, warf dann die Beine in die Höhe und lief zum Gruß Kallem auf den Händen entgegen; – nun war die Kunst gelernt. Der Vater stand mit seinem langen Haar und ernsten Gesicht dabei; er stellte Kallem seiner Frau vor, einem bleichen, bescheidenen Wesen; sie sprach den Dialekt der Gegend und hatte eine schwache Stimme; – das war ungefähr alles, was Kallem beachtete. Nun hatte er zu nichts anderem Zeit, als das Vergnügen mitzumachen.

Pferdenwiehern, Rufe, Aufschreie und Gelächter; endlich war man auf der ganzen Linie fertig und der erste Schlitten mit einer Dame und einem pelzbekleideten Herrn hinten auf dem Bock, sauste davon; – dann Schlitten um Schlitten, breite und schmale, mit einem und mit zwei Pferden bespannte. Eine lange, sich schlängelnde Schnur mit grauschwarzen Knoten erstreckte sich im Mondschein über das Schneefeld nach dem Walde zu, wo es zwischen den Bäumen bald von Schellen, Hunden, Lachen und Worten widerhallte. Einige begannen zu singen, andere stimmten ein; aber es war unmöglich, Takt zu halten, sodaß man bald aufhörte. Kallem saß mit seiner Frau in einem breiten Schlitten; in all dem Pelzzeug sah sie so reizend aus, daß er sich mehrmals bückte, um sie zu küssen – eine sehr schwierige Aufgabe. Was hatte sie nicht alles erlebt! Während er ihr zuhörte, wurde es ihm klar, daß sie jetzt erst ihr Jugendleben lebte. Er hatte kein froheres Wesen gesehen, hatte niemals gewußt, daß sie all diesen Drang nach Freude in sich trug. Dasselbe zeigte sich ihm später am Abend, als sie tanzten, spielten, schwatzten und aßen; – sie amüsierte sich dies eine Mal für viele Jahre. Mochte ein schwerer Waldbesitzer ihren schmächtigen Leib umfaßt haben und sie so dahintragen, daß sie den Boden kaum mit den äußerste Enden der Fußspitzen berührte; oder mochte sie eines der Kinder erfaßt haben und mit ihnen herumtanzen, oder mochte Karl oder irgend ein anderer junger Mann von der Schule oder der Universität sie links herumdrehen wie einen Kreisel – immer dasselbe fröhliche Gesicht, derselbe heilige Eifer. Tanz und Spiel ging in einer Eckstube von der ganzen Breite des Hauses vor sich: aber von hier aus verstreuten sie sich oft über die andern Stuben, bis in die Küche an der andern Seite hinein; die Küchenthür stand offen. Einige ältere Herren versuchten in einer Ecke eine Partie Karten zu spielen: aber sie mußten abbrechen; auch sie wurden unaufhörlich zum Tanzen geholt. Alte und Junge waren gleich fröhlich.

Am nächsten Tage schlief Ragni noch um elf Uhr, und als sie gegen Mittag herunterkam, noch etwas müde und betäubt und sehr erstaunt, daß Kallem aufgestanden war, ohne daß sie es gehört hatte – da erfuhr sie, daß er sogar abgereist wäre! Ein Telegramm von Doktor Kent, der wieder kränklich war, hatte es ihm unmöglich gemacht, länger zu bleiben. Ein kurzer Brief, den er beim Frühstück eiligst gekritzelt hatte, tröstete sie ein wenig; denn darin schrieb er, so wie sie sich vorige Nacht angestrengt hätte, könnte er sie nicht wecken und noch weniger sie mitnehmen, aber er hätte keine größere Freude gehabt, als sie so froh zu sehen.

Das erste, was Kallem bei seiner Rückkehr vorfand, war eine Einladung zum Ball des »Vereins«. Und diese wollte er annehmen. Die Einladung war von der Hand der Schwester, die im Vorstand saß, geschrieben und eingeladen war »Doktor Kallem und Frau«. Sieh! sieh!

Sollte er an Ragni telegraphieren? Er ließ sie bleiben, wo sie war; besser konnte sie es nicht haben.

Unterdessen trat für ihn ein sehr ernstes Ereignis ein. Sein erster Krankenbesuch am selben Abend galt einer Waschfrau, Sissel Aune, einem armen Weibe unten in der Stadt mit vielen Kindern; sie lag an einer Lungenentzündung danieder. Besonders ihretwegen hatte Doktor Kent telegraphirt. Der siebente Tag war ohne Krisis vergangen, und wenn diese Nacht zur Hälfte vorüber war, war auch der neunte Tag vorbei. Würde sie's überleben? Der obere und der untere Lungenflügel waren angegriffen, das Herz begann auszusetzen, der Puls war sehr schwach, und andere schlimme Zeichen kamen hinzu; – – sollte er das Herz zum letzten Kampfe mit Atropin stärken? Das Mittel war in einem solchen Falle noch nicht probiert; aber es war rationell. Wo er ging und stand, was er auch that – immer verfolgte ihn diese Frage. Ihre fünf Kinder waren bei Sören Pedersen und Aase; diese beiden waren in solchen Fällen unvergleichlich.

Er ging zum zweitenmal dorthin und blieb dann gleich dort; es war ein Kampf mit dem Tode.

Ein kleines, recht sauberes Zimmer mit drei Betten. Ein kümmerliches Geranium im Fenster, an der Wand ein Porträt König Karls des XV. zu Pferd in Glas und Rahmen, ein paar mit Stecknadeln befestigte Photographien und daneben eine Violine mit drei Saiten; die vierte hing lose herab. Die Kranke war einmal eine schöne Frau gewesen; stark und kräftig war sie gewiß auch jetzt wieder, wenn sie gesund wurde. Nun lag sie bis auf die Knochen abgemagert, die zerschundenen Arbeitshände auf einer zerfetzten Decke. Der aber, der neben ihr saß, war nicht stark wie sie, vielmehr geradezu ein Schwächling. Ein gutes Gesicht, insoweit mit der Violine an der Wand verwandt, daß vielleicht in ihm selber eine Saite gesprungen war, bevor die dort herabhängende ungebessert blieb. Müde und vom Nachtwachen abgezehrt, saß er allem da, nicht weil die Nachbarn nicht halfen, vielmehr weil die, die zuletzt dort gesessen hatte, ruhte, bis das Schwerste eintreten würde. Es hatte Kallem gerührt, daß er die Nachbarn zu beiden Seiten Wache halten sah; sie wollten es muntern Weihnachtsgästen verbieten, hier vorbeizuziehen: Wahrend der Nacht wurde abwechselnd gewacht. Er hörte es von der Frau, die gegen 11 Uhr wiederkam, um zu helfen. Für andere als den Doktor war nicht viel zu thun; und dieser wußte nicht, ob er etwas thun durfte.

Nach der ersten Einspritzung von 1/3 Milligramm wurde der Pulsschlag stärker. Kallem faßte Hoffnung, wagte sie aber nicht den bittenden Augen des Mannes mitzuteilen; denn es konnte trügen. Ein paar Stunden hielt sich der Pulsschlag auf gleicher Höhe; dann sank er; wieder eine Dosis – und er wurde wieder stärker. In größter Spannung saß er da und beobachtete. Er hatte ein Buch mitgebracht, versuchte zu lesen, verstand auch zuweilen einen Satz, aber vergaß alles wieder. Es wurde nicht gesprochen, nur gestöhnt und geseufzt. Die letzten Rufe in der Ferne, das letzte Schellengeläute war längst verklungen, die letzte Thür längst geschlossen, die Nacht war leer und grau. Fünf Kinder, das älteste 10 Jahre alt, konnten jetzt ihre Versorgerin verlieren, und er, der dort saß und bald nickte, bald sich über die Kniee strich, bald die Ellbogen darauf stützte und die Hände faltete, und von ihr zu dem Arzte hinübersah ... ja, er verlor auch seine Versorgerin.

So oft der Puls nachließ, sofort eine neue Dosis; dann wurde er stärker, so daß er wirklich richtig zu verfahren schien. Aber die Krisis ging nicht vorüber; es war nach Mitternacht und nach den Angaben der Leute war der neunte Tag verlaufen, und immer noch derselbe aufreibende Kampf. Er stand auf, schwankend zwischen Hoffnung und Furcht, und setzte sich wieder, ergriff sein Buch, hielt es hoch, legte es wieder hin – und wieder fort und untersucht. Ja, nun war es mit den Kräften bald vorbei; der Mann sah es und kämpfte mit sich, um nicht in Thränen auszubrechen; der Doktor drohte ihm mit der Hand. Wieder ein Versuch, und kurz darauf fiel sie in Schlaf. War es auch wirklich Schlaf? Er horchte. Die andern sahen ihn an und er sie. Dann ging er ein Weilchen vom Bette weg, um mit frischen Sinnen zurückzukommen: es war ruhiger, echter Schlaf! Er wandte sich dem Manne zu, der es in seinem Gesicht las und ein Widerschein der Freude verpflanzte sich von dem Gesicht des Arztes auf das des Mannes. Der Mann stand auf, wieder kämpfte es in ihm – nun mußte es losbrechen. »Gehen Sie zu Bett!« flüsterte der Doktor. Der Mann warf sich auf eines der Betten und drückte sein Gesicht in das Kissen – da brachen die Thränen hervor.

Der Arzt gab der Frau, die am Kochofen saß und aufstand, flüsternd einige Befehle. Er versprach, den nächsten Vormittag wiederzukommen; man half ihm beim Anziehen des Überziehers; dann öffnete er selber die Thür leise und schloß sie wieder leise. Das trübe Wetter hatte starkem Schneefall Platz gemacht. In keinem einzigen Fenster ein Licht, nur in dem, das über einem neuentzündeten Lebensfunken wachte. Kallem konnte es sich nicht versagen, als er an dem Sattlerladen vorüberging, anzuklopfen; aber die Leute im Hause schliefen fest. Er klopfte wieder, denn er war versichert, daß sie ihr Bett und ihr kleines warmes Zimmer den Kindern überlassen hatten und selber im Laden lagen. Ganz richtig. »Wer ist da?« fragte die Stimme Sören Pedersens. »Sagen Sie den Kindern, wenn sie munter werden, daß es ihrer Mutter wieder besser geht.« – »Das ist herrlich,« antwortete Sören, und hinter ihm fragte Aase: »Was sagt er?« – Kallem sagte: »Kommen Sie zum Mittagessen mit den Kindern zu mir.«

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