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Auf Gottes Wegen

Bjørnstjerne Bjørnson: Auf Gottes Wegen - Kapitel 12
Quellenangabe
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typefiction
authorBjörnstjerne Björnson
booktitleAuf Gottes Wegen ? Kapitän Mansana
titleAuf Gottes Wegen
publisherMitteldeutsche Verlagsanstalt Lehmann & Fink
seriesBjörnson - Ausgewählte Werke
volumeErster Band
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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5.

Seitdem saß am Tische ein hochaufgeschossener Mensch mit langem Haar, der seine Beine um die der Stühle schlang, mit schmalen, roten Fingern, die an Frost litten und so feucht waren, daß Ragni sie nicht berühren konnte. Ebensowenig konnte sie nach dem, was ihr Kallem von ihm erzählt hatte, mit ihm sprechen; all das Schöne, das sie bei der ersten Begegnung an ihm gesehen hatte, hatten diese Worte ihm genommen. Er kam hastig herein, als hätte er sich das eingeübt, und dann blieb sein Rock oder sein Ärmel an der Thürklinke hängen, oder er konnte die Thür nicht auf das erste Mal schließen, oder seine Beine überstürzten sich, oder er riß einen Stuhl um oder stieß mit dem Mädchen zusammen, das etwas auf den Tisch gesetzt hatte und wieder hinausgehen wollte. Er sah die Leute nicht an; seine schönen Augen waren schläfrig und erloschen, die Farbe der Wangen aschgrau; er studierte die Zeichnung des Tellers und des chinesischen Brotkorbes, der vor ihm stand. Er sprach niemals; sprach ihn jemand an, schreckte er auf und antwortete »ja« oder »nein,« als hätte er glühende Kohle im Munde. Aber er fraß – nach Ragnis Meinung und Ausdruck – wie ein Pferd. Wenn er mit seinen feuchten Fingern über die Hosen strich oder durch das dichte fettige Haar fuhr, dann war er noch schlimmer als Kristen Larsen.

Tag für Tag dieser widerwärtige Mensch zu Mittag, und abends Kristen Larsen! dazu alle die alten Weiber, die Kallem mitbrachte und die sie mit wollenem Zeug versehen sollte; Kinder, die zuweilen vom Kopf bis auf die Füße frisch bekleidet werden sollten – seine tuberkulösen Freunde!

Es war nicht bloß das Unbehagen an diesen Personen; aber es standen ja alle Thüren offen; sie hatte keine Freistätte, war auch nicht Herrin ihrer Zeit. Mit ihm darüber reden konnte so lange nichts nützen, als das, was ihre ärgste Pein war, seine höchste Lust ausmachte. Etwas Eifersucht mischte sich auch hinein; er sah nicht sie und ihr Treiben. Die Geschichte mit der Schwester ließ er auch hingehen; der Pastor und seine Frau waren schon lange zurückgekehrt; Josefine hatte eines Morgens im Garten einen flüchtigen Besuch abgestattet und Blumen vom Grabe des alten Kallem gebracht. Die Schwäger trafen sich auf der Straße und an den Krankenbetten; da traf Kallem zuweilen auch seine Schwester, die für die Armen viel that; aber sie kam nicht zu ihm und er nicht zu ihr – auch wurde im Pfarrhause keine Gesellschaft für sie gegeben, wie alle erwartet hatten; dort gab es überhaupt keine Gesellschaft mehr. Ragni zweifelte keinen Augenblick an dem Grunde. Kallem merkte nicht, wie dieses Unentschiedene sie quälte; auch nicht, daß das gewissermaßen ihr die Stadt verschloß; und sie konnte ihn nicht damit plagen. Er hatte den Freibrief des beschäftigten Mannes, alles beiseite zu werfen, was ihm nicht paßte. Auf seiner täglichen Tuberkulose-Jagd waren ihm die alten Weiber und Kinder, die er geschleppt brachte, mehr wert als »alle religiösen Zänkereien;« – leider auch mehr wert, als die Anmut und Schönheit, die sie unmöglich entbehren konnte.

Ganz hinten in dem großen Hospitalhofe stand ein Vorratshaus mit Holzschuppen u.s.w. Dort richtete Kallem einen Turnsaal ein und nahm den aschgrauen Jungen Abend für Abend von 6 Uhr ab mit dorthin. So lange das dauerte, kam er pünktlich nach Hause, übte sich selbst und gab dem andern Anleitung. Anfangs ging es jämmerlich, aber mit gewohnter Energie brachte er Schwung und Ordnung hinein. Der verschüchterte Junge hatte seit seiner Ankunft das Klavier kaum angerührt; er wagte es vor Ragni nicht. Da kam Kallem abends eine halbe Stunde zu ihm mit einem Buche hinauf, und während dieser Zeit mußte Karl spielen. Als Arzt war er in sein Vertrauen eingedrungen; er paßte mit wachsamer Freundlichkeit auf und bald trat der Junge sicher in die Stube und schlich nicht gleich wieder fort. Und endlich – nach eindringlichen Ermahnungen Kallems – faßte sie auch Mut und sagte eines Sonntags morgens zu ihm: »Gehen Sie nicht hinauf; – wollen wir nicht versuchen, ein Stück vierhändig zu spielen! Wir wollen leichte Stücke vornehmen.« Er geriet in Verzweiflung; aber zum Glück riß er seinen Klaviersessel um, als er sich setzen wollte und als er ihn aufheben wollte, hätte er bald den ihren umgerissen – und darüber mußten beide lachen; das half über das Schlimmste hinweg.

Dann saß sie denn frisch und schlank in einem roten Seidenkleide da, mit Spitzen um Armgelenk und Hals, die langen weißen Spielfinger neben seinen schmalen roten; ihr geistvolles Gesicht war ihm oft zugewandt, ein Resedaparfüm strömte aus ihrem Kleid und Duft aus ihrem Haar ... er zitterte vor Verlegenheit. Und wie häßlich er sich selber vorkam! Und der Geruch seines Haares! Er strengte sich beim Spielen derartig an, daß er bald müde war und Dummheiten machte. »Sie sind heute gewiß nicht in Stimmung.« sagte sie und stand auf.

Er schlich davon wie ein begossener Pudel; er krümmte und wand sich; zum hundertsten Male wollte er fortziehen. Mittags kam er nicht und war im Hause nicht zu finden, so daß Kallem fragte; sie erzählte also, wie elend es gegangen wäre; schon nach einer halben Stunde wäre er müde geworden; ein junger Mensch, der nicht mehr aushielte, wäre ihr zuwider. »Ach du, mit deiner ewigen Ästhetik!« Er ging aus, um den Jungen zu suchen, opferte seinen herrlichen Sonntagnachmittag und brachte ihn abends nach Hause. Da flüsterte sie ihm im Studierzimmer zu, sie wolle gut sein. Kristen Larsen kam, und geduldiger als ein geprügelter Hund setzte sie sich, um mit ihm englisch zu lesen.

Von Anfang an hatte sie mit diesem merkwürdigen Manne Mitgefühl gehabt; aber sie fror in seiner Gesellschaft und unter dem Hauche seines Atems. Deshalb hielt sie es auch für entsetzlich feig, so daß sie ohne zu murren fortfuhr; aus Mitleid geschah es sicherlich nicht. Zäh und pünktlich kam er in seinem langen, braunen, engärmligen Rocke und mit dem unausstehlichen, jahrealten Schweißgeruch des Arbeiters, der von den Kleidern und dem Leibe aufstieg. Der Atem kam über den Tisch hinüber; sie spürte ihn auch, wenn er nicht zu ihr drang. Er zog den Stuhl unter dem Tisch hervor, setzte sich und öffnete sein Buch; und wenn er die Stelle gefunden hatte, wo sie aufgehört hatten, schaute er mit seinen kalten, fürchterlichen Augen in ihre warmen, furchtsamen, die im ganzen Zimmer herumirrten. Seine langen schmutzigen Finger, wie die ganze Hand mit schwarzem Haar bewachsen, krampften sich fest. Mit den Fingern der einen Hand hielt er das Buch, die der andern drückte er als Zeigestecken fest auf das Blatt. Dann räusperte er sich und begann endlich. In der Regel fragte er zunächst nach irgend etwas, das in der letzten Stunde vorgekommen; immer klug, einen Irrtum ihrerseits oder einen Mangel an Einsicht und Logik vermutend. Er machte sie selbst im Sichersten unsicher.

Wenn er langsam und wohlüberdacht Wort für Wort hervorbrachte und sie ihn zu unterbrechen wagte, weil er einen Fehler gemacht hatte – dann drückte er den Finger fester auf, um sich die Stelle zu merken, wo er angehalten worden war; danach sah er unwillig und mißtrauisch auf. Dann wiederholte sie unsicher ihre Verbesserung; aber niemals glückte es ihr, es klar genug zu machen; er mußte bitten, es deutlicher zu erklären. Sie sagte es also zum drittenmal und endlich war er so gnädig, es auf ihre Rechnung hingehen zu lassen. So oft sie ihn unterbrach, wußte sie, was nun kommen würde – und wußte, daß nun der ekle Atem, Woge für Woge, auf sie eindringen würde.

Welche Arbeit es diesem Manne kostete, um immer so sicher auftreten zu können; um niemals einen Fehler zu machen, der schon berichtigt war, und wie hoch er begabt sein mußte, um solche Fragen stellen zu können, die oftmals einem Philologen Ehre gemacht hätten – das übersah sie nicht. Aber er war ihr so grundzuwider. Er glich allzusehr einem alten Affen, den sie einmal hatte mit silbernem Löffel essen sehen. Dieses Bild schwebte höhnend wie zur Rache über ihm.

In ihrem täglichen Leben erfreute sie ein Verhältnis; das war das Zusammenarbeiten mit dem Mädchen; sie wurden die besten Freunde. Beide waren auch so geschickt – Ragni im Anordnen, das Mädchen im Ausführen. Ragni arbeitete gern und war eifrig, das Mädchen begabt und wißbegierig; sie hatten ihre Freude am Zusammensein.

Vierzehn Tage nach dem verunglückten Versuch mit dem vierhändigen Spielen, sagte sie zu Karl Meek: »Was meinen Sie? Wollen wir's nicht noch einmal versuchen?« – »Nein, danke, es ... es geht gewiß nicht!« antwortete er erschrocken. – »Ja, nun habe ich etwas vierhändig arrangiert, das Sie sicher spielen können.« Sie legte es ihm vor, er stand zwei Ellen entfernt und guckte – wurde rot und fuhr eifrig mit den Händen durchs Haar. »Kennen Sie das?« Er antwortete nicht; es war ja ein Stück von ihm, das er den »Bergbach« nannte und Kallem öfter vorgespielt hatte; nun war es für vier Hände gesetzt; sie wollte auf diese Weise das Frühere wieder gut machen.

»Kommen Sie nun!« Sie saß in demselben roten Seidenkleide da, mit denselben Spitzen an den Spielfingern; dieselbe Büste, dieselben merkwürdigen träumerischen Augen, die ihn zuweilen ansahen, so daß er erschauerte. Aber nun saß er selbst in neuen Kleidern, und sein Haar war verschnitten und ordentlich zurechtgemacht wie die ganze Person. Und der Bergbach rauschte springend unter ihren schnellen Fingern; konnte er nicht folgen, so wartete sie und nahm ihn mit. Schließlich ging es, wenn auch nicht gut, so doch wenigstens nicht schlimmer, sodaß sie gnädigst versprach, hiernach fortzufahren.

Er verbeugte sich und wollte gehen. »Es ist Sonntag,« sagte sie. »Sie haben wohl nichts zu thun?« – »Nein.« – »Wollen wir ein Stück spazieren gehen?« – »Ja, wenn die Frau Doktor ... ja!« Er kam pfeilgeschwind in Überzieher und Pelzmütze herunter, sie erschien reizend angezogen, mit dem flotten amerikanischen Federbarett.

»Wir wollen dem Doktor entgegengehen.« Sie gingen. Sie fühlte, daß sie immer sprechen mußte, und begann daher die Schneestürme auf den amerikanischen Prärien zu schildern und auseinanderzusetzen, welche Folgen sie für Menschen und Vieh haben könnten. Er sah, wie ihre Wangen allmählich sich röteten und wie ihre kleinen Füße ausschreiten konnten. Es war ein Oktobertag ohne Sonnenschein, aber nicht kalt; die Felder schwarz, der Laubwald halb entblättert. Aber Karl sah nichts davon, er war ganz betäubt, daß sie, die feinste, musikalischste Frau, die er kannte, mit ihm spazieren gehen wollte. Er hätte sich ihr zu Ehren in den Staub werfen, sich erschießen oder in den See springen können. Das war nicht bloß eine geträumte Frauengestalt, das war Frau Ragni Kallem in rotem Seidenkleide unter dem weichen Mantel, mit dem amerikanischen Federbarett – für die die Freunde schwärmten. Diese Augen sahen ihn an und er wagte nicht, auf ihren Grund zu schauen. Sie ging und sprach mit ihm vor allen Leuten. Auch er begann zu erzählen, als sie von dem Winter in Amerika auf den Winter in der Waldgegend zu sprechen kamen. Sein Vater, Otto Meek, der Sohn des Pastors, war Arzt; hatte aber die Tochter eines reichen Gutsbesitzers geheiratet und lebte in der Waldgegend als Bauer. Karl war mit ihm über das Eis der Flüsse in die unendliche Einsamkeit des Waldgebirges hinausgereist, war beim Holzfällen, Fallenstellen und Jagen dabei gewesen; er schilderte eine Landschaft und Eindrücke, von denen sie keine Ahnung hatte. Er schilderte das Aussehen eines Auerhahns, sein Werben, sein Spiel, seinen Flügelschlag und sein Geschrei so lebendig, daß sie ihn seitdem den Auerhahn nannte.

Sie trafen Kallem nicht und gingen daher denselben Weg zurück. Sie spielten das vierhändige Stück wieder und besser; sie mußten es gut einüben und es dann eines Abends spielen, wenn Kallem im Studierzimmer saß! Kallem war das Höchste, was er kannte. Nach und nach bekam sie den Auerhahn in ihre Gewalt, gewöhnte sich an sein ovales Gesicht, sein unebenes Wesen, das bald freudestrahlend war, bald mißmutig, ungeduldig auffahrend, demütig untergeben, mit kurzen Perioden des Fleißes, langen eines dolce far niente, auf der einen Seite geputzt und dann wieder nicht wenig liederlich; sie fing an, ihn wieder schön zu finden und brachte es über sich, seine Hand zu ergreifen. Sie half ihm bei seinen Arbeiten, besonders im Englischen. Er hatte ungleichmäßige Kenntnisse, so daß ihm Kallem vorschlug, aus der Schule zu gehen und privatim einzuholen, worin er zurück war, und sofort an seinen Vater schrieb. Seitdem saß Karl oft mit seinen Büchern und Arbeiten in dem großen Zimmer, spielte und arbeitete, arbeitete und spielte – allein und mit ihr zusammen.

Nachmittags sah man sie weite Spaziergänge machen. Sobald Schnee lag – und der kam anfangs November – gingen sie Kallem entgegen und standen auf dem Heimwege neben ihm, ein jedes auf einer Schlittenkufe. Sobald der Fjord zugefroren war, fuhren sie Schlittschuh und gehörten zu den allerfleißigsten. Einen Sport hatten Kallem und er für sich allein: Karl sollte auf den Händen laufen. Mit ungeheurem Ernst hob der Doktor seine langen Beine in die Höhe und hielt sie, während der andere zu gehen versuchte, bis er nicht mehr konnte. Anfangs geschah das nur im Turnsaale, aber bald auch im Zimmer, auf dem Vorsaal, ja auf der Treppe unmittelbar vor dem Mittag- und Abendessen. »Die Beine hoch!« Wie Ragni jedesmal lachte, wenn er wieder heruntersank! Allmählich aber wurde er eifrig, daß es ihm doch einmal glücken sollte; – es gelang ihm nämlich niemals; er war »zu weich«. So wurde es für ihn eine Ehrensache; im Grunde genommen auch für sie. Sie interessiert sich nämlich stark dafür, daß er ein »Mann« wurde; sein weiches Wesen, sein Hang zu träumen und die Zeit wegzutändeln, ärgerte sie; sie sagte es ihm. Aber er war ungeduldig und leicht unartig. Dann strafte sie ihn mit Kälte. Er half nichts, daß er zerknischt war, daß er auf hundertfache Art und Weise sie umzustimmen suchte, ja, daß er weinte; – sie ließ ihn in tötlicher Angst davor leben, daß sie bei Kallem klagen würde; sie half ihm ohne einen Blick oder ein Wort, das nicht notwendig war, sie schlug es ab, mit ihm spazieren zu gehen, sie sah ihn nicht – bis sie in Kallems Gegenwart wieder sprach, als wäre nichts geschehen. Von diesen Schatten über ihrem Zusammenleben erfuhr Kallem nichts.

Kallem hatte mit niemand Verkehr; er hatte keine Zeit dazu. Seine Praxis mußte er einschränken, weshalb er aus dem Gedanken, Doktor Arentz zur Hilfe herbeizuziehen, Ernst machte. Das wurde Ende November geordnet und seit dieser Zeit nahm er mehr an dem Unterricht und dem Zusammenleben teil, die dadurch festern Halt bekamen.

Karl Meeks Vater kam eigens zu dem Zwecke herabgereist, um ihnen zu danken und sie einzuladen, zur Weihnachtszeit mit dem Sohne zu ihm zu kommen. Otto Meek war größer und stärker als sein alter Vater; das Gesicht mehr im großen Stil, mehr wirklich »bourbonisch«; aber es war schwermütig, oder besser gesagt schwerfällig. Kallem nahm die Einladung sofort an und traf sofort mit seinen Kollegen die nötigen Verabredungen, sodaß er loskommen konnte. Als aber die Zeit herankam, wurde Doktor Kent krank und Ragni mußte daher, so ungern sie es that, mit Karl allein reisen; Kallem sollte nachkommen. Ein Reisepelz, Pelzstiefel und ein Fußsack wurden für sie gekauft; auch eine kostbare Pelzmütze, die ihr Karl verehrte. So ausgestattet, glich sie einer Grönländerin.

Kallem begleitete sie bis auf den Bahnhof; Ragni hatte ein wenig geweint – es war ja die erste Trennung in ihrer Ehe. Als sie im Wagen saß und Kallem draußen stand, wollte sie wieder hinaus; er mußte hineinsteigen und sie schelten. Sobald der Schmerz beschwichtigt war, stieg er wieder aus und sah Karl an, der gesund und fröhlich dasaß. »Höre, lieber Auerhahn, hiernach will ich du zu dir sagen und dich Karl nennen; denn du bist ein braver Junge!« Karl aber sprang heraus und umarmte ihn.

Dann reisten sie.

Kallem arbeitete und fand es nicht unbehaglich, in Ruhe zu leben; in der letzten Zelt hatten sie ihn tüchtig abgehalten. Aber schon am dritten Tage, dem Weihnachtsabend, wurde es ihm langweilig; er wollte sie überraschen; Doktor Kent ging es besser. –

Am Weihnachtsabend kam Kallem eben von Doktor Kent und wollte ins Krankenhaus, als er von fern eine Menschenmenge vor dem Thore stehen sah. Ein langer Schlitten fuhr eben heraus; im Schlitten lagen Betten und Stroh; man mußte einen Kranken hereingefahren haben. Er hörte Kinder weinen. Wer zu Schaden gekommen wäre? Maurer Andersen – der Mann, der Kallem und Ragni auf dem neuen Hause gegrüßt hatte, als sie den ersten Tag in der Stadt waren. Maurer Andersen trieb im Winter, während das Handwerk still lag, einen Hausierhandel, und auf dem Wege über eine bewaldete Anhöhe hatte er sich verirrt, war gestürzt und liegen geblieben; zufällig hatte man ihn gefunden. Bei den Krankenwärterinnen traf Kallem seine untröstliche Frau und hörte, daß ihr eifriger Mann bis zuletzt unterwegs gewesen sei und einen Richtweg einschlagen wollte, um zum Weihnachtsabend nach Hause zu kommen; Andersen liebte ja die Häuslichkeit so sehr. Aber er hatte schwache Augen, glitt aus, stürzte und brach das eine Bein; und da lag er, ohne sich rühren zu können. So feierte er Weihnachten. »Wir warten und warten;« sagte die Frau »und die Kinder!«

Kallem eilte zu dem Kranken, der in einem warmen Zimmer im Bette lag. Der kräftige Mann mit dem großen braunen Barte, der sich über dem Hemde ausbreitete, war nicht zu erkennen. Die Augen zusammengedrückt, die Augenlider geschwollen und steif. Die Schleimhaut des Auges war entzündet, die Hornhaut gefährdet, und da er beim geringsten Lichtschein Schmerzen verspürte, war vielleicht größere Gefahr vorhanden. Das Gesicht war geschwollen und mit bläulich-roten Flecken bedeckt, die Finger an beiden Händen weiß und gefühllos, die Handrücken noch einmal so groß und mit Blasen übersät. Der rechte Fuß war am obern Ende des Wadenbeines gebrochen, und der Bruch erstreckte sich bis an das Kniegelenk; die Wunde war so groß wie ein Markstück, der Knochensplitter ragte wie ein Finger hervor. Dem gegenüber war die ganze übrige Beschädigung des Fußes unbedeutend.

Andersen konnte kaum sprechen und lallte nur hin und wieder davon, daß ihm der Fuß nicht abgenommen werden möchte. Das solle am nächsten Morgen bei Tage entschieden werden, antwortete Kallem zu wiederholten Malen, während er ihm half. Das Zimmer wurde sofort Halbdunkel gemacht, Borwasserkompressen auf die Augen gelegt, für regelmäßig wechselnde Wachen gesorgt. Das Gesicht wurde mit Öl bestrichen und mit einer dünnen Wattenlage bedeckt, ebenso die Hände; die Beinwunde wurde mit Karbolwasser ausgespritzt, eine kleine, blutende Pulsader unterbunden, die Wunde mit Jodoform bestrichen, mit Watte umwunden und in eine Stahldrahtbandage gelegt. Wenn er erwachte und matt wäre, sollte er jede zweite Stunde Naphtha bekommen, und, wenn die Schmerzen zu groß würden, eine Morphiumeinspritzung.

Nach dieser schlief er ein; so oft er erwachte, klagte er über unleidliche Schmerzen – weniger an der Stelle des Bruches als über dem Schienbein nahe dem Rücken des Fußes: er lebte in beständiger Angst, daß ihm der Fuß abgenommen würde.

Am nächsten Tage um 9 Uhr, als Kallem kam, war sein Zustand in jeder Beziehung besser. Auch die Gedanken waren klarer, drehten sich aber immer um den Fuß: der sollte geschont werden. Er wünschte den Pastor, seinen guten Freund, zu sehen; die Frau war da und ging sofort, um den Pastor zu bitten, vor dem Gottesdienst herzukommen. Unterdessen wurden die Augen behandelt; sie waren weniger geschwollen, aber empfindlich gegen das Licht; Atropin wurde angewandt und die Umschläge mit einer leichten Binde vertauscht. Kallem paßte auf, als Andersens Frau mit dem Pastor kam; er ging Ihnen entgegen. Nach seiner Meinung mußte Andersens rechtes Bein zweifellos exartikuliert d.h. vom Kniegelenk an abgenommen werden; aber das sollte der Kranke vorläufig noch nicht erfahren. Die Frau, die die Fügung bis jetzt gefaßt hingenommen hatte, brach zusammen, so daß Kallem sie nicht mit hineingehen lassen konnte; der Pastor trat allein ein.

Auf diesen machte es einen tiefen Eindruck, in diesem halbfinstern Zimmer am Bette seines kranken Freundes zu stehen, den Riesen mit verbundenen Augen, unkenntlichem Gesicht und eingepackten Händen daliegen zu sehen und ihn klagen zu hören. Aber bald mußte er seine Stärke und seinen sichern Glauben bewundern. Andersen wünschte, man solle heute in der Kirche für ihn beten: »sie kennen mich alle,« sagte er. Der Pastor versprach ihm das, sprach aber dann gleich für ihn und alle seine Angehörigen ein inniges Gebet. Das Gebet belebte den Kranken; er flüsterte: »Ich habe mit Gott wegen des Fußes einen Vertrag geschlossen.« Er lag still, während der Pastor den paulinischen Segen sprach. Eine Stunde war noch nicht vergangen, als Doktor Arentz kam und Andersen nach dem Operationssaal geschafft wurde. Man sagte ihm, hier solle er chloroformiert werden, damit man den Schaden gründlich untersuchen könnte; und da die Schmerzen andauernd sehr stark waren, gab er sofort seine Einwilligung; »aber der Fuß darf nicht abgenommen werden«.

Die genauere Untersuchung ergab, daß das oberste Ende des Wadenbeines schräg hinauf bis an das Kniegelenk zersplittert war, leider auch, daß eine größere Blutader von den Bruchenden eingedrückt dalag, sodaß sie mit einer größern Blutpfropftrombe angefüllt war, die sich einige Zoll weit nach dem Schenkel zu erstreckte. Natürlich wurde das Bein abgenommen; in einer Viertelstunde war es geschehen.

Alle, die mit Andersen zu thun bekamen, wurden streng angewiesen, ihn bei dem Glauben zu lassen, daß das Bein wohlbehalten sei. Jede Aufregung mußte von ihm ferngehalten werden, damit er sich nicht aufrichtete oder den Fuß bewegte und seine Lage änderte; wenn sich der Blutpfropfen von der Trombe löste, könnte es mit ihm vorbei sein. Er wurde in eine Stahldrahtbandage gelegt, die vom Hüftgelenk bis an das Bettende reichte; der Stumpf wurde mit Karbolgaze und Jute verbunden und an der Außenseite an einen langen Klotz befestigt.

Nun wurde er in seinem Bette geweckt und aufgefordert, sich ganz ruhig zu verhalten. Er bekam Wein, aber eßlöffelweise, damit er sich nicht rührte, dazu Bouillon und Eidotter; er fiel bald in Schlaf.

Sobald sich Kallem umgekleidet hatte, ging er in das Zimmer der Diakonissinnen, wo die Frau wartete, und erzählte ihr den ganzen Hergang, teilte ihr auch die Gefahr mit, die nun drohte, wenn Andersen sich bewegte. Er bekam dieses breite, kluge Gesicht mit der Adlernase so lieb; eine reinere Seelenstärke hatte er nie gesehen. »Geht es schlimm,« sagte er, »so haben Sie viele Freunde.« Sie flüsterte: »Gott lebt.«

Zwischen 3 und 4 Uhr erwachte Andersen und bekam wieder löffelweise Wein, Bouillon, Eidotter und Milch; er versicherte, es ginge ihm gut, abgesehen davon, daß das Schienbein wehthäte; zuweilen fühlte er auch Schmerzen in der Ferse. Im Verlauf des Nachmittags stärkten sich seine Lebensgeister, und da wünschte er noch einmal den Pastor zu sehen. Als ihn die Frau gerade holen wollte, kam er von selber. Kallem hatte ihm geheißen, so zu thun, als ob der Fuß noch vorhanden sei.

Es zeigte sich sofort, daß Andersen gerade an den Fuß dachte. »Nun darf ich wohl sagen, daß Gott mich erhört hat,« sagte er; »deshalb soll Gott würdig gedankt werden.« Das rührte den Pastor und er gewann es über sich, einen warmen Dank dafür auszusprechen, daß dem Kranken der Fuß ein Pfand der Gnade Gottes geworden und ihn dem Erlöser inniger verbunden hatte. Andersen schien das zu überlegen; endlich sagte er: »Bitten Sie nun darum, daß er mir den Fuß auch später nicht nimmt.« – Wie er darauf verfiele? – »Er schmerzt mich so.« – Aber vorhin glaubte er ja eben, erhört zu sein? – »Ja; aber es nützt, ohne Unterlaß zu beten.« Der Pastor weigerte sich; sofort wurde der standhafte Mann unruhig, und da flüsterte die Frau leise, man möge Andersen nur nachgeben. Da that es der Pastor: aber mehr aus ihre Verantwortung als auf seine eigene; sie mochte es auf sich nehmen. Kallem war eben nach Hause gegangen, als der Pastor auch kam, mit sehr bleichem Gesicht, und erzählte, was vorgegangen war. »Das thue ich nicht noch einmal,« sagte er. – »Ich versichere dich, daß du ein gutes Werk gethan hast,« antwortete Kallem. Der Pfarrer stand in Überrock und Mütze da, die Hand auf der Thürklinke; Kallems Worte und sein Tun beleidigten ihn. »Allein in der Wahrheit können wir uns dem Gott der Wahrheit nähern. Lebewohl!« Der Doktor kam ihm nach: »Du glaubst also, daß Gott Andersen erretten kann, wenn du ihm sagst, daß das Bein abgenommen ist?« – »Ja,« antwortete der Pastor verletzt, ohne sich umzuwenden.

Nun wagte Kallem nicht zu verreisen. Er schrieb an Ragni einen ausführlichen Brief und versprach ihr zu kommen, sobald er könnte.

Am nächsten Morgen fand er alles in wünschenswertester Ordnung, befahl aber Andersen, still zu liegen und auch nicht so viel zu reden. Nachmittags verlangte Andersen das heilige Abendmahl: aber die Diakonissin erklärte, er ertrüge die Aufregung nicht. »Ich will meinen Vertrag mit Gott erneuern,« antwortete Andersen.

Das wagten sie nicht abzuschlagen; aber sie getrauten es sich auch nicht zu thun, ohne erst den Doktor zu fragen, und dieser war vormittags an ein Wochenbett gerufen worden. Die Diakonissin beriet also mit dem Portier, der von altersher allmächtig war. Ihm gegenüber wiederholte Andersen seinen Wunsch ebenso bestimmt, und den glaubte der Portier nicht abweisen zu können; er wollte die Verantwortung auf sich nehmen. Eine Weile später waren der Pastor und er in der Portiersstube, um den Wein lauwarm zu machen; die Witterung war umgeschlagen und der Abend bitterlich kalt. Dann gingen beide hinauf. Andersen freute sich, als er hörte, wer nun kam; »ich wußte es,« sagte er.

Der Pastor fragte, ob etwas Besonderes vorläge?

»Ja wohl.«

Die andern gingen hinaus. Da sagte Andersen, als Knabe habe er einem Jungen mit demselben Fuße ein Bein gestellt, der jetzt krank wäre. Er würde doch nicht etwa deswegen jetzt bestraft werden? – »Nein.« – Er wäre aber nun auf den Gedanken gekommen und hätte das Bedürfnis nach dem heiligen Abendmahl bekommen. – Sonst läge nichts weiter vor? – Nein. – Der Pastor hieß ihn seine Gedanken sammeln, nun wollten sie zusammen beten. Andersen schwieg, und es geschah. Nach dem Gebet erteilte ihm der Pastor die Vergebung der Sünden und sagte, nun käme er mit Brot und Wein. – »O, warten Sie ein wenig! Meine Sünden sind mir vergeben, nun ist die Tafel rein. Nun schreiben wir den Fuß darauf, so daß es im Himmel gelesen werden kann. Ich fühle mich so froh, ja, ich bin so herzensfröhlich!« –

»Der ganze Mensch steht im Vertrag, lieber Andersen.« – »Ja, aber diesmal verspricht unser Herrgott der Frau und den Kindern, daß mein Fuß wieder gesund wird. Kommen Sie nun!« – Er streckte die erfrorenen Hände aus.

Dem Pastor trat der Schweiß auf die Stirn. »Das kann ich nicht,« flüsterte er – völlig bewußtlos.

Andersens Mund erbebte; die verbundenen Hände tasteten umher; er wollte sie an die Augen führen, stieß aber auf den Verband. »Wir können nicht in Gottes Ratschluß eindringen,« sagte der Pastor; »nehmen Sie an, daß das, was wir wollen, unmöglich ist?«

War es ein Klang in der Stimme des Pastors oder war es der Widerstand selbst, der Andersen mißtrauisch machte?

Ohne zu antworten, riß er den Verband von den Augen, erhob sich schnell, warf die Decke beiseite und fiel auf das Kissen zurück, griff an die Brust, schrie, er ersticke; der Atem röchelte. Ein Blutspfropfen war in die Lunge gedrungen.

Der Pastor hatte, was er in den Händen hielt, weggestellt und eilte nach der Thür, vor der der Portier und die andern standen; sie liefen nach Doktor Arentz und Doktor Kent; aber bevor einer von diesen kam, war Kallem wieder da. Da war der Pastor gegangen; in der Nacht starb Andersen.

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