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Auf Gottes Wegen

Bjørnstjerne Bjørnson: Auf Gottes Wegen - Kapitel 11
Quellenangabe
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typefiction
authorBjörnstjerne Björnson
booktitleAuf Gottes Wegen ? Kapitän Mansana
titleAuf Gottes Wegen
publisherMitteldeutsche Verlagsanstalt Lehmann & Fink
seriesBjörnson - Ausgewählte Werke
volumeErster Band
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070827
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4.

Josefine verließ die Stadt; sie nahm ihren Sohn mit nach Westen in ein Seebad; bald sollte auch der Pastor nachkommen; er hatte, seit er sein Amt angetreten, keine Ferien gehabt. Unmittelbar nach seinem Examen war er als Hilfsgeistlicher hierher gekommen und hatte das Zutrauen der Gemeinde in so hohem Maße erworben, daß, als vor zwei Jahren die Stadt aus dem Landsprengel ausgepfarrt wurde, die ganze Gemeinde für ihn stimmte und er das Amt bekam. Sechs Jahre lang hatte er eifrig gearbeitet; nun bedurfte er einiger Ferien. Josefine suchte ihren Bruder eines Tages auf, als er nicht zu Hause war, erzählte, daß sie reisen würde, verabschiedete sich und ließ den Bruder grüßen.

Ragni erkannte sofort, daß diese Reise angetreten würde, damit sie sie nicht in der Gesellschaft vorzustellen brauchten; sie wollten nicht für sie eintreten. Dem weniger mißtrauischen Kallem sagte sie nichts. Er vergaß das ganze Verhältnis bald, da er so entsetzlich viel zu thun hatte. Doktor Kent wollte außer Landes und Kallem mußte seine Praxis mit übernehmen, da er vor Kallems Ankunft des Krankenhaus beaufsichtigt hatte. Der dritte Arzt am Orte war ein junger Militärarzt und jetzt bei den Übungen. Er hieß Arentz und zeichnete sich durch außerordentlich fein geplättete Oberhemden aus. Kallem erkannte in seinem korrekten Wissen die Worte des Lehrbuchs wieder; anfangs fiel es ihm schwer, ihn nicht Niemeyer zu nennen, aber eine unbedingte Rechtschaffenheit gefiel ihm. Als Kallem dieses Leben auf der Landstraße und den Gassen unerträglich wurde, dachte er daran, Arenz zu seinem Gehilfen zu nehmen; wollte er selber ein freier Mann werden, so mußte er sich anders einrichten als jetzt.

Ragni sah ihn mittags das Essen hinunterschlürfen und abends nach Hause kommen. Vielleicht saß er dann ein Weilchen bei ihr auf der Veranda, oder ging im Garten umher und half ihr, wenn sie mit irgend etwas beschäftigt war; aber nur selten – er mußte zu seinen Büchern. Anders wurde es, als sein Kollege wieder nach Hause kam; er glaubte die versäumte Zeit wieder nachholen zu müssen, und sah daher immer im Laboratorium oder im Studierzimmer. Dort hinein setzte sich endlich auch Ragni; sie bekam ihren eigenen Stuhl und ihr eigenes Bücherregal; das Studierzimmer wurde zur Wohnstube.

Sie lasen stundenlang in ihren Büchern und wechselten kaum zwei Worte. Er war in ein langes einsames Studieren geraten und ahnte nicht, wie es aussah, wenn er in einer Pause, so lang er war, auf dem Sofa lag und sie wortlos ansah; oder (und so war es meistens) aufstand und zum Fenster hinaussah. Er behauptete, so am besten denken zu können; das hätte er von seinem Vater geerbt.

Über sein Heim freute er sich herzlich; er kam selten nach Hause, ohne es zu preisen und dann ging er, sicher und munter wie eine Schwalbe, umher. Nach dem Mittagessen hörte er gern Musik, gab aber nicht immer darauf acht, was sie spielte.

Und sie? Von Tag zu Tag kam sie zu allem, was im Hause lebte und war, in ein innigeres Verhältnis. Ihn nannte sie ihren »weißen Pascha,« den Flügel »das Märchen«. »Nun ein Märchen!« sagte sie, wenn sie spielen wollte und gewöhnte ihn auch daran. Die Schlafkammer nannten sie »zwischen den Sternen,« die Tauben, die sie zu Pfingsten bekam »meine Pfingstlilien,« Sigrid »die siebenarmige«. Wenn sie mit Kallem im Studierzimmer saß und las, hatte sie ein Gefühl, als segelten sie, jedes in seinem Bote und jedes nach seinem Lande. »Wollen wir nun hineingehen und fahren?« sagte sie.

Er kannte ihr Bedürfnis nach Bildern aus den amerikanischen Briefen. Da schrieb sie: »Wir arbeiten jedes an unserem Ende eines Weltentunnels uns langsam zu einander vorwärts« und auf dieses Tunnel-Bild kam sie immer wieder zurück: schließlich »waren sie einander so nahe, daß sie ihn sprechen hören konnte!« – Von den Dampfschiffen, die mit ihren Briefen oben drüber schwammen, schrieb sie, daß »die Sehnsucht des einen zöge und die des andern nachgebe.«

Als es eines Abends regnete und sie selbst unter dem schützenden Dache der Veranda im Trockenen saßen, sagte sie: »Solche Häuser sollten einen Kopf haben.« – »Einen Kopf?«

– »Ja, zwischen den Flügeln wie andre gute Hühner auch.«

– »Ach so?« – »Mir ist immer, als befände ich mich unter Flügeln und würde gebrütet.« – »Sag mir, wie kam es doch eigentlich, daß du in deiner Jugend dich nicht in die Bilder der Bibel einwohntest?« – »Weil ich einen Vater hatte, der mir vom Ursprung der Arten erzählte, als ich 10 Jahre alt war: Pflanzen, Tiere und Menschen wurden eine Familie – das war etwas für mich. Als ich einen Stiefvater bekam, der Geistlicher war und behauptete, die Erde und die Menschen wären ursprünglich vollkommen gewesen und alles wäre der Menschen wegen da, glaubte ich das nicht. Außerdem war mein Vater ein stiller, kränklicher Mann, den ich liebte: mein Stiefvater ein starker, jähzorniger Mann, den ich fürchtete.«

Kallem fragte, ob sie nicht ihre Jugend und ihre Entwicklung schildern wollte. Sie antwortete bestimmt: »nein.«

Kristen Larsen hatte beim Doktor gelegentlich der Einrichtung des Laboratoriums, des Ventilationsapparates u. s. w. Arbeit bekommen. Mit einem schweigsameren und mißtraulicheren Menschen hatte Kallem noch nicht zu thun gehabt, aber auch nicht mit einem klügeren. Eines Sonntags zu Anfang August kam er in seinem besten Staat, in einem langschößigen braunen Rocke mit zu engen Ärmeln, einer gewürfelten, zu kurzen Weste, und einem Paar grauen Hosen von sogenanntem englischen Leder. Wochentags pflegte er barhaupt zu gehen; wenn er Staat machen wollte, hielt er den Hut in der Hand; er duldete nichts auf dem Kopfe, wenn das Wetter nicht sehr kalt war. Lang, mager, kurzgeschoren. reingewaschen, schwarz an den Bartwurzeln. so stand er im Studierzimmer. Ein weißer Hemdenbund leuchtete hinter einem rotgewürfelten Tuche hervor. Kallem hieß ihn sich setzen und fragte dann, was ihm fehle. Als Antwort bekam er – erst einen forschenden Blick, dann die Aufklärung, daß er nicht darüber geklagt habe, daß ihm etwas fehle.

Kallem sah, daß es Kristen Larsen nach dieser Antwort nicht leicht fiel, mit seinem Wunsche herauszurücken, dachte aber: nun hilf dir selber.

Endlich sagte er, er wisse, daß die Doktorsfrau fünf bis sechs Jahre in Amerika gewesen wäre: vielleicht könne sie ihm englische Bücher leihen; vielleicht könne sie ihm auch einen Rat geben; er hätte ein wenig auf eigene Hand gelernt.

Wollte er auswandern? – »Ja, vielleicht: aber hinüberzukommen, um auch dort Sklave der Norweger zu werden – dazu habe ich keine Lust.« – »Wie alt sind Sie?« – »O, gut vierzig Jahre.« – Er sah aus, als wäre er gut fünfzig. »Es fällt mir ein, daß meine Frau Sie sicherlich gern englisch lehren würde, Larsen, z. B. abends.« Darauf wollte er durchaus nicht eingehen. Aber Kallem machte ihm begreiflich, daß er die Aussprache im mündlichen Unterricht lernen müßte. Zu gleicher Zeit kam Ragni herein, und der Doktor erklärte ihr, daß für Kristen Larsen Englisch dieselbe Bedeutung haben würde, wie ein paar Flügel. Erst wurde sie etwas rot; das war nämlich nicht die erste unbehagliche Arbeit, die ihr Kallem verschaffte; er mußte sicherlich davon ausgehen, daß sie mehr zu thun bekommen sollte. Sie selber wollte am liebsten in Ruhe gelassen sein. Aber indem sie dastand und Larsen ansah und sich an Kallems Worte erinnerte, daß ihm kein klügerer Mann begegnet sei, wurde sie von Mitgefühl ergriffen. Er vertiefte sich gerade jetzt in ein englisches Buch; er begriff ungefähr, worüber es handelte. Sie erbot sich nicht nur, ihm zu helfen; sie nötigte ihn dazu, die Hilfe anzunehmen. Er kam noch am selben Nachmittag gegen fünf Uhr, und sie saßen nun da und buchstabierten sich in einem leichten Texte vorwärts. Kallem kam nach Hause und sah diese beiden Köpfe über demselben Buche, einen länglichen schwarzen und kantigen und einen kleinen eingeformten und rötlichen: ein eiskaltes, schmutziges, durchfurchtes und zusammengekniffenes Gesicht; ein warmes Frühlings-Auge, eine blendende Farbe, ein frischer Humor. Sie hielt das Taschentuch vor den Mund und mußte sich offenbar zwingen, um neben ihm zu sitzen. Da erinnerte sich Kallem, daß er auch den stinkenden Atem Kristen Larsens bemerkt hatte: er sorgte daher sofort dafür, daß sie zwei Bücher bekamen und jeder an einer andern Tischkante saß. Sobald als möglich ging Ragni aus dem Zimmer. Um das, wieder gut zu machen, lud Kallem Larsen ein, zu Abend zu bleiben, und versuchte, ihn aufzutauen; aber als er ging, war er ebenso kalt und vorsichtig wie beim Kommen. Nun interessierte ihn dieser Mann. Wer er nur sein mochte und wie war er so geworden?

Bei Gelegenheit machte er sich einen Vorwand, um in sein Haus zu kommen. Hier traf er ein mageres, dürres Weib, seine Frau, den Kopf von einem großen Tuche verhüllt; hatte der Mann zu wenig auf dem Kopfe, so hatte sie zu viel. Kein Kind. Kein Feuer auf dem Herde; sie koche für mehrere Tage auf einmal, sagte sie. Behutsam und vorsichtig ging sie umher und strickte. Kullem geriet auf den Gedanken, daß sie deshalb übereingekommen wären, so dürftig zu leben, um für die Reise zu sparen. Nur um einen Vorwand zu haben, hatte er einen Revolver mitgenommen, der nicht losgehen wollte; er lag in einem Kasten, und er hatte den ganzen Kasten mitgenommen: dachte aber erst jetzt daran, daß auch die Munition darin lag. Er zeigte ihr alles. »O, hier liegt vieles derart,« antwortete sie ohne Spur von Furcht und nahm den Revolver. »Der ist hübsch,« sagte sie und legte ihn in den Kasten, schloß diesen ab und stellte ihn auf ein Regal über der Arbeitsbank des Mannes. Auf dem Regal und der Bank lagen viele Sachen zum Reparieren; »er hat jetzt zu viele Arbeiten außer dem Hause,« sagte sie, »solche Kleinigkeiten müssen warten.« Dieses eine Zimmer war Werkstatt, Küche und Schlafzimmer zugleich. Eine Uhr an der Wand, ein Tisch, ein Bett, eine Schlafbank, drei Holzstühle; sonst alles nackt und kahl – und scharfer, übler Geruch.

Heimwärts ging Kallem an Sören Pedersens Sattlerladen vorüber: Kallem hatte ihn unterstützt, sodaß er ein Geschäft eröffnen konnte, und es ging gut. Da stand Kristen Larsen, in der einen Hand hielt er ein Glas, in der andern, eine Flasche, und Sören Pedersen und Frau schrien oder sangen vor Glas und Flasche – es klang wie langgezogenes, klägliches Hundegeheul. Kristen Larsen lachte herzlich. In diesem offnen Munde lag eine derbe Seligkeit, die herzliche Freude eines boshaften Herzens, das jubelnde Halleluja eines Entdeckers. Vielleicht auch Interesse für diese beiden; wer weiß es? That er das Tag für Tag?

Das Talent Kallems, andere mit Arbeit zu versehen, sollte Ragni in noch höherem Grade erfahren.

In einer kleinern Gesellschaft bei Doktor Kent sollten sie mit dem alten Pastor Meek und seiner Enkelin, Tilla Kraby. bekannt werden; sie waren von einer Reise ins Ausland zurückgekehrt, um wieder fortzureisen. Während ihres kurzen und wahrscheinlich letzten Aufenthalts in dieser Gegend wurden sie sehr gefeiert; diese Gesellschaft wurde auch für sie gegeben, und Kallem und seine Frau, die sonst sich zurückhielten, gingen nur deshalb dorthin, um sie einmal gesehen zu haben. Die Ehrengäste ließen auf sich warten, und unterdessen wurde Ragni eine äußerst korpulente Dame, kaum 30 Jahre alt, lebhaft und hübsch, vorgestellt: diese erschreckte Ragni mit den Worten: »Ich weiß nicht, ob es Ihnen unangenehm ist; aber ich bin eine Schwester von Sören Kule.« Als sie Ragnis peinliche Verlegenheit bemerkte, zog sie sie schnell beiseite und flüsterte: »Denken Sie nur nicht, daß ich anders als Sie gehandelt hätte. Und besonders wenn man einen solchen Mann trifft wie den Ihren.« – Sie drückte Ragnis Arm. Sie war gewandt und flott, und ahnte nicht, daß sie das feine Wesen, das sie am Arm hielt, peinigte. Schon daß ihr Gesicht und ihre Gestalt von der Walfischart waren, war ja genug; Ragni erkannte alles wieder bis auf die eigentümliche Bewegung der »Flossen«; sie dachte an Speck. Da sah man den alten Meek und seine Enkelin kommen; der Wirt und seine Schwester – Doktor Kent war nicht verheiratet – gingen ihnen entgegen und hinter ihnen fast die ganze Gesellschaft. Während die vordersten: »Guten Tag« und »Willkommen« sagten, hörte man bei den weiter hinten stehenden: »Nein, sieht er wohl aus!« und »Kommt Tilla weit umher!« – Unterdessen standen Kallem und Ragni da und fragten sich verwundert, wem die beiden ähnlich sahen; sie entsannen sich der Gesichter.

Pastor Meek war über mittelgroß, breitschulterig und ziemlich wohlbeleibt. Er trug den breiten, strahlenden Kopf, der von langem, weißem Haar eingefaßt wurde, sehr hoch. Ragni flüsterte: »Nun weiß ich's! Sie sind mit dem jungen Menschen verwandt, den wir am ersten Tage trafen. – Entsinnst du dich, er war so schön?« – »Ja, so ist es! Dasselbe gebogene Antlitz. Man könnte meinen, er gehöre zu den Bourbonen.« – Der Alte dankte für alle Willkommengrüße mit tiefer, wohlklingender, langsamer Stimme. Die Augen waren nicht keck, eher spähend und resigniert. Er machte nicht den Eindruck von Sicherheit, aber von vielem Wohlwollen und Klugheit. So oft ein paar von den höhern Beamten mit ihm sprachen, wurde er ceremoniell zurückhaltend im alten Stil. »Der neue Doktor«: damit wurden sie vorgestellt und Frau Lilli Bing sagte wie aus einer innern Eingebung zu Ragni: »Sie müssen ja beide zu einander passen! Darf ich vorstellen: Frau Kallem, Fräulein Kraby.« Sie grüßten sich ein wenig verlegen und kamen dann auf den jungen Mann zu sprechen, dem die junge Dame ähnelte; er war ihr Vetter und außerdem musikalisch. Damit gerieten sie auf Musik und waren den ganzen Abend zusammen. Selten – ja, Kallem ausgenommen, vielleicht niemals – hatte Ragni jemand gefunden, zu dem sie sich von vornherein so hingezogen fühlte. Dieses zugleich stille und lebhafte blonde Wesen hatte eine so liebenswürdige Art, und was sie sagte, war von ihr selber gedacht. Und da sollte sie in wenigen Tagen die Stadt für immer verlassen! Es lag eine eigentümliche wehmütige Anziehungskraft darin, daß sie sich vielleicht jetzt das erste und letzte Mal sahen. Daher wollte auch Ragni später spielen, als der Wirt in seiner schelmischen Art darum bat; sie wollte ihrer neuen Freundin so viel als möglich von sich geben.

Sie flüsterte ihr zu: »Stellen Sie sich so, daß ich ein bekanntes Gesicht vor mir habe« und begann Solveigs Gesang aus Per Gynt zu spielen. Man hatte wohl ein Bravourstück erwartet und keinen einfachen Gesang; aber als er auf dem Flügel zu Ende gesungen war, da waren alle so hingerissen, daß der Bürgermeister, der bei solchen Gelegenheiten gern der Redner war, um Wiederholung bat; sie ging darauf ein. Dann kam der so unvergleichlich humpelnde Gnomentanz aus derselben Suite; unmittelbar darauf Selmers »Kinderspiel,« der feinste, lieblichste Gegensatz; sie spielte mit gleich tiefer Durchdringung jeder Kleinigkeit. Dann folgte ein stilvoller, altmodischer Gesang von Sinding; jeder Ton darin wie ein Wort für sich; dann eine muntere, kernfrische Weise von Svendsen – und zum Schluß Selmers Festmarsch. Heute war sie nicht furchtsam; ihre Augen trugen reiche Botschaft zu Tilla und von ihr zu mehreren reine Märchenbotschaft. Die Gesellschaft war entzückt. Der Bürgermeister ging wie eine schmetternde Trompete durch das Zimmer. Der alte Meek dankte in altväterischer Ehrerbietung; Tilla flüsterte: »Großvater ist so musikalisch.«

Eine Stunde später ging der alte Meek; er blieb nie länger in Gesellschaft; seine Enkelin begleitete ihn und Ragni und Kallem schlossen sich ihnen an. Der Abend war mild, wenn man bedachte, daß es Ende August war mit den scharfen Temperaturschwankungen nach Sonnenuntergang; doch mußten sie Sommermäntel und Sommerüberzieher tragen. Überall Spaziergänger. Als sie an der Wohnung des Arztes vorüberkamen, fragte Ragni, die sonst sehr zurückhaltend war, ob sie nicht mit hineinkommen wollten; und der Alte antwortete galant, wenn sie darauf hoffen dürften, mehr Musik zu hören, wäre die Einladung mehr als willkommen. Dann wurden die Lampen in der Stube angezündet, der Flügel geöffnet, und eine italienische Barcarole ruderte durch die offnen Fenster hinaus. Der alte Meek freute sich und wagte sich mit der Frage heraus, ob nicht sein Enkel, der hier auf der Schule wäre, kommen und die Frau Doktor spielen hören dürfe – natürlich wenn es nicht ungelegen wäre. Leider wäre er so für Musik eingenommen, daß er neunzehn Jahre alt geworden wäre, ohne sein Studentenexamen bestanden zu haben; aber da einmal das Unglück da wäre, sollte er am liebsten gute Musik hören. Ragni antwortete, es würde ihr ein Vergnügen sein. Kallem fragte, ob er zu ihm gehen und es ihm sagen könnte. Der Alte war ihm sehr dankbar, und noch mehr würde er es sein, wenn der Doktor zugleich untersuchen wollte, was ihm fehle; irgend etwas müsse es sein. Kallem sagte, das hätte er schon bemerkt; er glaubte schon zu erraten, was es wäre.

Der Alte setzte sich an den Flügel und sagte: »Nun sollen Sie einen seiner Gesänge hören.« Und mit weniger steifen Fingern, als man hätte erwarten sollen, und mit ganz leiser Stimme, wie wenn man mit den Fingern an eine Kirchenglocke rührt – besonders mit einer eigentümlichen Anwendung der Fistelstimme, summte er:

Wann wird es wirklich Morgen?
Wenn Sonnenstrahlen die Luft durchdringen
Und Glanz in Klüfte, auf Berge bringen
Und Licht auf erwachende Blumen ergießen,
Daß sie sich freudig der Welt erschließen.
Dann ist es Morgen, Wirklich, wirklich, Morgen.

Doch wenn's wettert und schneit
In Seelenleid Strahlt kein Morgen herein. Nein.
Wohl ist es wirklich Morgen,
Wenn Blumen die bunten Kelche erschlossen
Und Vögel jubeln auf Zweigen und Sprossen
Und grünende Kronen versprechen den Bäumen,
Den Bächen, daß bald sie zum Meere schäumen.
Dann ist es Morgen, Wirklich, wirklich Morgen.

Doch wenn's wettert und schneit
In Seelenleid Strahlt kein Morgen herein. Nein.
Wann wird es wirklich Morgen?
Wenn die Kraft, die Wetter und Sorgen durchglüht,
Das Verlangen entfacht in deinem Gemüt
In Liebe die ganze Welt zu umarmen,
Und allen zu helfen, den Reichen und Armen.
Dann ist es Morgen, Wirklich, wirklich Morgen.

Und du wünschst dir die Kraft,
Die das Höchste erschafft – keine größ're ist da – ? Ja.

Melodie und Begleitung waren eigentümlich. Ragni rief: »Nein, wie das ineinander übergeht!«

Kallem fragte, was das für ein Frauenzimmertext wäre. Tilla antwortete, er hätte in einer Zeitung gestanden und wäre gewiß eine Übersetzung. Aber als die Fremden gegangen waren, vertraute Ragni Kallem an, daß der »Frauenzimmertext« eine von ihren Übersetzungen wäre! Sein Vetter hätte sie an ein norwegisch-amerikanisches Blatt geschickt; von dort aus wäre sie wohl weiter gewandert. Dieser Zufall bewirkte, daß Kallem schon am nächsten Tage bei Karl Meek war – und daß dieser drei Tage später mit Piano, Büchern und Sachen in einem großen Dachzimmer in Kallems Hause war, das nach dem Park zu gelegen war. Kallem halte Ragnis härtesten Widerstand überwunden.

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