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Auf eigener Erde

Max Dreyer: Auf eigener Erde - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleAuf eigener Erde
authorMax Dreyer
year1911
firstpub1911
publisherUllstein & Co.
addressBerlin-Wien
titleAuf eigener Erde
pages460
created20170406
sendergerd.bouillon@t-online.de
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8.

Am anderen Morgen in aller Frühe ritt Ursula aufs Feld, sich nach der Kartoffelernte umzutun. Es nebelte stark, in dicken Schwaden wie Rauchwolken zogen die Dunststreifen vor dem Sonnendämmer her. »Bob«, der Hunter, sog rohrend den Qualm und stieß ihn schnaubend wieder aus, seine Ohren spitzte er den verflogenen Lauten entgegen, die mit gespenstischem Hall vom Kartoffelacker durch den Dunst zu ihnen herüberwallten. Sehen konnte man noch nichts von den arbeitenden Leuten.

Als man sich dann zu Gesicht bekam, trat der alte Statthalter, der hier die Aufsicht führte, zu dem Herrenkind. Sie ließ sich von ihm mitteilen, daß die blaue Kartoffel doch besser lohnte, als es ursprünglich den Anschein gehabt; dieser Bericht gab ihr eine muntere Stimmung, die sich nicht schöner als in einem herzhaften Morgenritt auskosten ließ.

Sie nimmt ihren Bob an die Zügel und galoppiert über den Sturzacker, dem Wiesengelände 74 zu. Das Koppelrick – hinüber! Dann über den Wiesenbach. Schon lichten sich die Nebelballen, schimmernde Spiele winden sich hindurch und huschen und lächeln. Als sie die Wiese hinter sich hat, als sie an dieser Seite das Koppelrick nimmt und nun auf Weizenstoppel kommt, als sie hier den Hunter in Trab fallen und dann Schritt gehen läßt, reitet sie in hellem Schein. Nur ein Schleier ist noch um sie und in ihrem Haar, sonnenbesäumt, ein Regenbogenschimmer.

Als sie so weiter zieht, fragt eine Stimme vom Waldrand her: »Wohin des Weges, Sonnenreiterin?«

Sie hält und wendet den Kopf. Ein stichelhaariger Griffon kommt liebenswürdig herangesprungen, aber Bob ist kein Hundefreund, er schnaubt grimmig zu der Annäherung und tritt nach dem Zutraulichen. Da pfeift ihn sein Herr zurück, der jetzt selbst mit langen Schritten sich nähert.

Er reicht Ursula die Hand. »Ich wußte, daß ich Dich hier sehen würde.«

Die Worte leuchten, und es leuchten seine Augen. Aber in dem Leuchten ist ein Bewußtes, das geheimnisvoll tun möchte. Dagegen sträubt sich Ursula erheblich. Kurz und kühl fragt sie den zur Jagd Gerüsteten: »Hasen, Fasan oder Hühner?« 75

Er ist klug genug, ganz sachlich zu werden: »Hühner. Ich weiß, es ist nichts Rechtes mehr da. Onkel Bolko hat hier wieder mal doll gehaust. Aber ich will vor allem den Hund erproben, ich glaub', er ist nicht ganz hasenrein.«

Auf solche Weise findet er eher Gnade vor Ursulas Augen, und sie kann sich unbefangen nach ihm erkundigen. »Seit wann bist Du hier, Jochem?«

»Seit gestern abend. Hätt' ich Dich hier heut' morgen nicht gesehen, wär' ich mittags zu Euch gekommen.«

Erst möchte sie ihm entgegnen: Aha! Ich denk', Du wußtest es genau, daß Du mich hier treffen würdest! Aber sie will nicht wieder in solches Spiel hinein, und als er so vor ihr steht, auf der hohen, schlanken Gestalt der feine Kopf, die Züge beinahe zart und just auf der Grenze der Männlichkeit, die Augen jetzt unbefangen und klar, ohne alle Blendmittel, da freut sie sich fast, wie hübsch er aussieht, und seine Gesellschaft ist ihr nicht unlieb.

»Wie lange bleibst Du?« fragt sie ihn.

»Einen Monat hab' ich Urlaub. So bald werdet Ihr mich nicht los. Dann wollt' ich eigentlich 'mal wieder nach Paris. Und von da – was die Hauptsache ist – nach der Provence.« 76

»In der Provence? Was gibt's da groß – außer Provenceröl?«

»In den Tälern der Provence
Ist der Minnesang entsprossen –«

»Ach ja! Und Du bist ja auch so eine Art Troubadour.«

»Die Sache ist nämlich die. Alle Menschen, die die Provence besucht haben, sind enttäuscht. Grau und blaß soll das Land sein, plump und nüchtern sollen seine Linien sein, hell, hart und hungrig die Farben. Nichts von Weichheit, von Sattheit und von Tiefe. Es gibt keine Träume in diesem Lande, so sagen sie. Und hier ist der Minnesang entsprossen. Da kann etwas nicht stimmen, und danach möcht' ich gerne suchen.«

»Ihr Morveldts! Was Ausgefallenes müßt Ihr doch alle anstellen!« Sie schüttelt den Kopf, aber es ist Anerkennung in den Worten, und er fühlt sich gehoben.

»Erst muß ich allerdings mit der alten Dame noch ein paar Rechenexempel lösen,« sagt er mit munterer Offenheit. »Das Manöver war diesmal 'n bißchen blutdürstig.«

»Die Ernte ist nicht berühmt dieses Jahr. Raps war gut bei Euch – das andere –« 77

»Ja, leider. Und Mutter ist recht harthörig geworden.«

»Du weißt sie ja zu nehmen wie kein anderer. Uebrigens« – sie beißt sich auf die Zunge.

»Sag's doch, Ursula!« Seine Augen werden groß und bitten weich. Er ahnt eine Vertraulichkeit, sie will ihm seine Verschwendung vorhalten und möchte ihn zur Besserung ermahnen. Wie sehnt er sich danach, daß sie in sein Leben greift, sie aber fühlt diese Sehnsucht, eben darum hält sie sich schweigend. Und jetzt ist sie schon wo anders.

»Ich will noch nach unserem Forst. Wir legen eine neue Schonung an.« Sie reicht ihm die Hand zum Abschied

»Willst Du geradeaus?«

»Ja.«

Er übersieht das Gelände. »Was könnte man hier für eine großartige Jagd reiten.«

»Ja. Könnte man. Aber man tut's ja nicht. Mein Vater hat keinen Sinn mehr dafür. Und die anderen –? Na, denn also!« Sie will fort.

»Nimm mich doch noch ein Stück mit. Ich suche dann zuerst da das Lupinenfeld ab.«

»Das Lupinenfeld?« Ursula richtet sich steil im Sattel auf. »Untersteh' Dich!« Er blickt sie unsicher an. »Jochem, ist das menschenmöglich? Du 78 weißt nicht, daß das schon Eichhof ist? Du glaubst, das gehört noch zu Rotenmoor?«

»Ja,« sagt er ehrlich. Seine treuherzige Ergebenheit will sie günstig stimmen. Aber nichts hält stand gegen die traurige Tatsache an sich. So weit ist es mit ihm, daß er seinen eigenen Grund und Boden nicht kennt! Kann man etwas anderes als Verachtung dafür haben?

Es zuckt ihr in den Muskeln, davonzusprengen und ihn stehen zu lassen. Aber dann sträubt sie sich gegen so viel Bitterkeit und Schärfe, und sie meint, sein Wesen gehe sie im Grunde ja nicht das geringste an. So findet sie einen gleichgültigen Abschied.

»Ja, ja, Ihr Morveldts, Ihr seid schon die richtigen Grenzjäger. Onkel Bolko hat auch bei uns gewildert. Auf unser Rübenfeld ist er übergetreten, unser Fehlandt hat's gesehen. Wenn Du ihn 'mal triffst, kannst Du ihm sagen, daß hier nicht die Prärien des Mississippi sind. Adieu!«

Sie galoppiert über das Stoppelfeld. Jochem schlingt all seine Blicke um sie mit einer wild flackernden Zärtlichkeit. So jung und so herbe, so hell, so federnd und so gerade! Und wie sie reitet! Mit allzu langen Zügeln auf der ebenen Bahn, so will es ihn bedünken, aber für den Hunter mag es das Richtige sein. 79

Jetzt verschwindet sie hinter der Waldecke. Als er sie nicht mehr sieht, löst sich die Spannkraft, mit der ihre Nähe und der Trieb, sie zu umwerben, sein Gesicht gestrafft und belebt haben. Seine Augen werden matt, in den Schläfen zittern unruhige Falten. Eine verdrossene Nachdenklichkeit hängt sich welk an seine Mundwinkel.

Er fühlt sehr deutlich, daß er keine Lorbeeren gepflückt hat. In dem Lupinenfeld hat er sogar eine grimmige Niederlage erlitten. Gut ist nur das eine, daß seine Unbefangenheit ihn nicht verlassen hat. Er weiß, was die im Kampfe mit der Frau bedeutet.

Ach, Ursula – und seine Züge befeuern sich wieder – so etwas Holdseliges wie Du, was tut man nicht alles für Dich! Heut' noch will ich mit Fleiß und Andacht die Gemarkung abschreiten und brav auswendig lernen.

Und dann – jetzt hat er sein Leuchten zurück – eine Jagd will ich Dir bereiten, so etwas sollen unsere Wiesengräben noch nicht bespiegelt haben. Die Ulanen sollen her mit ihrer Meute, und alle Gentlemänner der Runde, auch ihre Damen, soweit sie noch die rechte Puste haben, sollen in den Sattel. Ein Staatsfeld soll es sein, voll Schneid und bunt und reich an Bildern, auch an lustigen, etwas zum Jauchzen soll es werden und em Erlebnis. 80

 

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