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Auf eigener Erde

Max Dreyer: Auf eigener Erde - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleAuf eigener Erde
authorMax Dreyer
year1911
firstpub1911
publisherUllstein & Co.
addressBerlin-Wien
titleAuf eigener Erde
pages460
created20170406
sendergerd.bouillon@t-online.de
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7.

Zu Ende September kehrte Ursula, der Schule ledig, auf ihren Eichhof zurück und legte sich nun als Herrin ins Zeug, mit allem Uebermut der Freiheit und sehr wichtig kraft ihrer achtzehn Jahre.

Ihr Vater, auf der Höhe seiner klugen Güte, lächelte oft genug zu ihrer Betriebsamkeit. Vielfach tat sie nur das schnell noch mal, was er und sein Inspektor in aller Ruhe erledigten. Aber mochte es sein, doppelt reißt nicht, und jeder Mensch muß sich austoben.

Die meisten Leute ließen sich auch von Ursula das scharfe Funkensprühen ihrer Jugend ruhig gefallen, einige mit Knurren, andere auch wohl mit Schimpfen, alle aber versöhnlichen Sinnes. Denn sie hatte doch für alle ein warmes Herz, bloß der Arbeit galt ihre Hitzigkeit, nie kehrte sie einen Hochmut gegen die Person heraus. Nur ein Wesen litt in diesem Ueberbrausen der Jugend Schiffbruch, das war die Hausdame Fräulein von Schmatt. 66

Ursula hatte sich seit Jahren gegen sie aufgelehnt, gegen ihre naßkalte Art, die von jeher dem Kinde geradezu weh getan. Wäre es noch klares, schroffes Eis gewesen, die Kleine hätte sich eher damit abgefunden. Aber es war so etwas Lasches, Wässeriges und Weichliches in dieser Kälte – neuerdings sagte Ursula zu ihrem Vater: »Ich kann mir nicht helfen, wenn ich mit ihr rede, ist es mir immer, als wenn ich in Schneewasser herumlaufe und hab' keine heilen Stiefel an.«

Herr von Eich verteidigte aus Bequemlichkeitsgründen die Stellung der Hausdame. Sie war ihm als Sekretärin unentbehrlich geworden. Kein Mensch hatte gegen schriftliche Arbeiten, insonderheit gegen alles Briefeschreiben eine größere Abneigung als er. Selbst Ursula, sein Töchterchen, mit dem ausgesprochenen Schreibkrampf ihrer Seele kam ihm darin nicht gleich. Aber Ursulas ehrliche Feindschaft war schonungslos.

Sie war wie der Frühling, sie konnte das Dumpfe nicht leiden und trieb es aus im Sturm.

»Du sollst sehen, Vater, einen herrlichen Ersatz schaff' ich Dir! Weißt Du überhaupt, wer Doria ist?«

»Fiesko – Genua – Donner und Doria –«

»Nicht Donner und Doria, aber Dora Donner, die Schwester von meiner Pensionstante. Und 67 abgekürzt natürlich Doria. Die ist ein großartiger Mensch, wenn sie auch ein bißchen viel in Orakelsprüchen macht. Die kommt gern zu uns und kann Schreibmaschine schreiben, und ich hab' sie lieb.«

So kam denn Dame Doria ins Haus. Ein abgebrochener Riese, dachte Herr von Eich, als er die grotesk-plumpe Gestalt mit dem groben, fast männlichen Kopf zum ersten Male sah. Aber in den Augen war die ganze Pracht eines warmen, starken und klugen Frauenherzens. Da sagte er sich gleich, die halten wir fest.

Doria fügte sich leicht und glücklich in ihre neue Tätigkeit. Sie war selbst eines Landmannes Tochter und dem Landleben innig zugetan. Mit Ursula verband sie eine wachsende Freundschaft. Alle neckischen Stöße des jugendlichen Uebermuts nahm sie schmunzelnd hin. Seit ihrem Einzug war es auf dem Eichhof fröhlicher geworden.

Und Herr von Eich hatte für seine Arbeiten von dieser neuen Hausdame reicheren Gewinn. Von seiner Jugendzeit her waren chemische Studien seine Lieblingsbeschäftigung. Er hatte sich ein eigenes kleines Laboratorium gebaut, in dem nicht bloß Agrikulturchemie getrieben wurde. Er war Landmann mit einem leidenschaftlichen Fleiß des Alltags, aber seine Blicke hafteten nicht am Boden. 68

Und das neue Fräulein steht chemischen Untersuchungen nicht fremd gegenüber. Jahrelang hat sie mit einem Bruder zusammengelebt, der vom Provisor zum Universitätsprofessor emporgediehen ist. An seinen Arbeiten und Erfolgen hat sie mit Zärtlichkeit teilgenommen, noch heute unterrichtet er sie von seinen Funden und Entdeckungen. Ihm verdankt sie ein Kleinod, dem ihre ganze Andacht gehört und das sie ihren neuen Hausgenossen erst verrät, nachdem sie Freunde geworden sind.

An einem Oktoberabend kommt sie damit heraus, und Herr von Eich gerät darüber in Ekstase. Sie hat Radium in ihrem Besitz, ein Körnchen nur, aber gleichviel, der Urstoff ist leibhaftig im Hause, und der Herr hat nichts davon gewußt!

Jetzt muß sie ihr Heiligtum herbeiholen, und die drei sitzen versunken vor dem wunderbaren Kristall, winzig wie ein Sandkorn ist es, eine Messingkapsel schließt es ein. Erst schweigen sie vor der Größe seines Geheimnisses. Dann singen die beiden chemischen Geister in eifriger Wechselrede das Lob seiner Kraft, wie zwei Lerchen, die jubelnd im Fluge sich übersteigen, so überbieten sich ihre preisenden Worte.

Ein materielles Stück Ewigkeit sei dieses Korn. Das unerschöpfliche Leben. Eine Lichtquelle aus sich 69 selbst, die nicht versiegt. Eine elektrische Kraft aus sich selbst, die nicht schwächer wird. Eine Wärmequelle, ein Ofen, der sich selber speist, ohne irgendeinen fremden Brennkörper, und seine Umgebung heizt. Denn auch die große Güte sei in diesem Stoff, der allem, was um ihn ist, aus seiner Unerschöpflichkeit mitteilt, von seiner Elektrizität, seiner Wärme und seinem Licht.

So preisen die beiden vor Ursula die Allmacht dieses Metalles. Und Herr von Eich fragt sie: »Nun, Ursel, was sagst Du dazu? Ist das nicht einfach das Auge des Weltgeistes?«

Ursula reckt sich und lehnt sich auf gegen diese Uebermacht. »Ach, ich weiß nicht –,« sagt sie frostig.

»Aber höre mal! Du hast hier ein Körnchen vor Dir, das das Körnchen Wahrheit ist!«

Sie macht ein ganz kindliches Gesicht, jetzt schneidet sie eine höchst unehrerbietige Grimasse. Und fast in Zorn geraten ihre Worte. »Ich mag Euren Stoff nicht. Ich mag überhaupt solche Extrakte nicht. So 'was künstlich Konzentriertes und Kondensiertes oder wie Ihr das nennt. Und wenn man mir nun von so einem Stoff erzählt, daß er alles hat und alles kann, dann ärgere ich mich ganz einfach über ihn. Wie über einen, der sich unangenehm wichtig macht.« 70

Ihr Vater lacht sie leise aus, die Dame Doria erschrickt ein wenig wie über eine Gotteslästerung. Ursula aber fährt unbekümmert fort: »Man soll lieber in die Sonne gehen. Und in den Wald. Da ist der Urstoff auch, aber lebendig und in Freiheit. Und nicht bloß Staub und in der Kapsel.«

Der Vater bewahrt seine lächelnde Güte. »Daß meine Ursel wissenschaftlich gesonnen ist, wage ich hiernach nicht zu behaupten,« wendet er sich an Doria. Und nun reden die beiden weiter von den Eigenschaften des Radiums. Als es an den Tag kommt, daß größere Massen des Stoffes auf den Menschen unfehlbar zerstörend einwirken, daß, ebenso wie Mäusen die Nähe einiger Milligramm den sicheren Tod bringt, der Mensch bei entsprechend vermehrter Quantität an diesem Elemente sterben muß, da schlägt Ursula funkelnden Auges auf den Tisch und ruft in feindlicher Fröhlichkeit: »Das ist recht!«

Als sie mit dem Vater allein ist, tut sie doch diesen etwas leichtfertigen Trotz von sich ab, sie wird nachdenklich und grüblerisch, ihrem Herzen freilich kommt der »Urstoff« damit nicht näher. »Sieh 'mal, Vater,« spricht sie, »ich bin in all diesen Dingen ja so dumm und kann das nicht so sagen, wie ich möchte – aber wenn das Radium nun wirklich das alles kann und tut, was Ihr sagt, wenn Ihr damit 71 wirklich den Urstoff habt, damit ist doch noch lange nicht alles zu Ende.«

»Wie meinst Du das?«

»Da hinter dem Stoff ist doch noch etwas. Er leuchtet mit sichtbarem und unsichtbarem Licht, er wärmt und ist elektrisch. Was ist nun aber dieses Licht, dieses sichtbare und unsichtbare, und diese Wärme und diese Elektrizität? Das haben wir doch damit noch nicht. Oder ist das dumm, was ich sage?«

»Das ist gar nicht dumm. Aber beruhige Dich doch einmal zunächst damit, daß wir bis zu diesem Stoff selbst gelangt sind. Nachdem wir ihn haben – ist jetzt nicht anzunehmen, daß er uns nun auch das Wesen seiner Eigenschaften enthüllt?«

»Und glaubst Du, er wird auch in all das hineinleuchten, was so unser Leben und unser Gefühl an Geheimnissen hat? In all das, was wir lieb haben und was wir nicht mögen – und warum das so ist? Und warum wir dies können und das nicht? Wie es kommt, daß Deine Hände das Quellwasser wittern und so etwas?«

»Ich glaube bestimmt, wir sind auf dem Wege auch zu diesen Toren.«

»Und dann gibt es gar keine Geheimnisse mehr? Und jeder weiß alles von den anderen? Oder verstecken sich die Geheimnisse dann immer tiefer, und 72 es werden immer mehr, je mehr Wege die anderen zu ihnen finden?«

»Ich glaube, Kind, daß die große Klarheit auf uns und auf alles wartet,« sagt Herr von Eich in gläubiger Einfachheit.

Ursula zieht sich zusammen. »Das ist alles so kalt und so hoch, so wie Winterhimmel.«

»Nun ja. Der Menschheit Erfüllung – die menschliche Götterdämmerung. Nenn' es Tod.«

Ursula sinnt, und dann freut sie sich des Lebens.

»Nun ja, der Tod, der löst ja wohl alle Rätsel. Und wenn es also keine Rätsel mehr gibt, dann kann die Menschheit nicht mehr leben. Zum Leben gehören die Rätsel und die Geheimnisse.« Sie ist ganz lebendig und froh. »Und meine Geheimnisse gehören mir, und keiner soll mir da hineinsehen. Kein Fremder soll wissen, was ich von unserem Eichhof am meisten liebe und womit ich am liebsten verkehre. Von meinem alten Weidenbaum mit dem Herzen, das in der Nacht leuchtet. Und von meinem See im Walde.« 73

 

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