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Auf eigener Erde

Max Dreyer: Auf eigener Erde - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleAuf eigener Erde
authorMax Dreyer
year1911
firstpub1911
publisherUllstein & Co.
addressBerlin-Wien
titleAuf eigener Erde
pages460
created20170406
sendergerd.bouillon@t-online.de
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6.

Es dauert eine Weile, ehe Ursula den vielberufenen Onkel Bolko findet, und so gehört es sich auch für ihn. Denn er ist nun einmal immer wo anders, stets mit den Gedanken und meist auch mit dem dünnen, wieselartigen Leib, so alt er geworden. Der unruhigste Geist des Morveldtschen Hauses, ein Irrlicht, ein Kobold, aber immer in Fröhlichkeit. So schlecht kann es ihm nicht gehen, daß er je das Lachen verliert. Ueberall ist er gewesen, und alles hat er getrieben, es gibt keinen Beruf, in den er nicht wenigstens die Nase gesteckt hätte. Studiert hat er, ist Offizier und Rennreiter gewesen, hat dann die bekannte Reise nach Amerika gemacht und hier die berühmten Stiefel geputzt. Koch ist er geworden, Tanzlehrer, Hypnotiseur, Minendirektor, Prediger und Gründer einer Sekte, Bauchredner und Heiratsvermittler. So etwas hat ihm mancher vor- und nachgemacht. Dann aber verschlug es ihn nach dem Persischen Meerbusen, wo er als Schmuggler und 57 Perlenfischer herumwirkte, was schon erheblich weniger von sich sagen können.

Seit er einen grauen Kopf hat, ist er wieder im Lande. Immer ist er beschäftigt und ist doch nie bei der Arbeit, stets zwischen den Arbeiten, weil keine ihn hält. Aber immer und immer vergnügt.

»Traurig bist Du wohl nie?« hat ihn Ursula einmal gefragt.

»Traurig? Warum? So lange es jeden Tag 'was Neues gibt? Du sollst sehen, ich sterb' auch nicht. Erst wenn die Welt nichts mehr weiß und selbst vor Langerweile eingeht – eher nicht. Kannst Du mir glauben.«

So sehr ist er hinter das Neue her, daß er sich nur ungern dazu bringen läßt, von seinen früheren Erlebnissen zu erzählen. Er hat in Wahrheit mehr durchgemacht, als Hunderte von Weltfahrern zusammenlügen. Spricht aber nur davon, wenn Ursula, die es gerne hört, ihn heftig antreibt. Und auch nur mit ihr. Denn die beiden sind sich zugetan.

Die anderen wissen nicht viel mit ihm anzufangen. Der Majoratsherr, sein Vetter, findet ihn peinlich, für Frau von Morveldt ist er ein Hans Narr, und Anselms harte Gründlichkeit scheut zurück vor dem Flackerlicht. Jochem in seiner ganzen eigenen Unstetigkeit hat noch am meisten für ihn 58 übrig. Doch bleiben auch sie beide in scherzender Distanz. Kraft ihm verliehener Witzigkeit nennt Jochem ihn Bonkel Olko und behauptet, so als vorzüglicher Prüfstein für der Zunge Gehorsam und die noch unaufgeweichte Beschaffenheit des Gehirns sei er einem alten Geschlecht ganz unentbehrlich.

Ursula findet ihn endlich im Park mit dem Gärtner, dem er seine neu erfundene Marderfalle erklärt.

Sie tritt hinzu, er schüttelt ihr die Hand, noch ist er ganz bei der Sache. »Zum Patent angemeldet. Leider hab' ich das Ding verkauft. Für dreihundertfünfzig Mark. Ist natürlich das Zwanzigfache wert. Ja, mein Kind, das ist ein Ding, sag' ich Dir – das ist nicht so wie die berühmten amerikanischen Flohfangmaschinen. Kennst Du die?«

»Leider nicht,« sagt Ursula und lacht.

»Die flea catching machine ist nämlich so: Du nimmst Daumen und Zeigefinger, greifst das Biest, hältst es fest, steckst es in den Apparat, und dann hast Du's.«

»Nee, was für 'n Glück!«

»Meine Fallen aber, die sind selber Daumen und Zeigefinger und Hand und Faust.« Jetzt erst befassen sich seine Augen näher mit Ursula. »Kind, was bist Du einmal groß geworden!« Und herzlich 59 drückt er ihr noch einmal die Hand. Aber schon ist er wieder unterwegs. »Meld' mich man heute gleich bei Deinem Vater an. Morgen komm' ich zu ihm. 'ne große Sache. Erweiterung und Abzweigung des Tollense-Kanals. Der Gülzer und der Schollenthiner sind schon Feuer und Flamme dafür. Du erlaubst doch –«

Er steckt sich eine Zigarre in den breiten bartlosen Mund. Was Zähes und Packendes hat dieser Mund, etwas, was sich durchfrißt, für sich betrachtet kann er fast brutal aussehen. Der ganze kleine sehnige und trockene Mann hat etwas von einem altgewordenen Jockei oder einem Trainer, auch in der Tracht. Nur strafen die Augen gänzlich die raffende und zermalmende Kraft der Kinnladen Lügen, sie fordern nicht, sie greifen nicht, sie sind sorglos bewegt, gütig und günstig gegen alle, auf einer leichten, genußreichen Wanderfahrt durch das unerschöpfliche Leben. Und seine Augen haben die Macht und nicht der Mund.

»Wie lange bleibst Du denn noch hier?«

»Wenn ich das wüßte! Bin ich nicht der ewige Arier?« Und wieder sind seine Blicke bei ihr. »Größer als ich. Und häßlicher ist das Mädel auch nicht geworden. Du, wenn Du Dich verheiratest, sag' es mir nicht mit so roher Plötzlichkeit.« 60

»Wen soll ich wohl heiraten? Höchstens doch Dich. Aber Du läufst ja immer weg.« Sie hat seinen Arm genommen, so gehen sie durch den Park.

»Ja, weißt Du, heiraten und weglaufen ist für mich immer dasselbe gewesen. Aber lieben tu' ich Dich doll. Und Jochem gönn' ich Dich nicht.«

»Jochem – ja, Du, dem gönn' ich mich selber nicht,« sagt sie gelassen, mit erwachsener Ruhe.

»Na, weißt Du – so ist die Sache nun auch nicht. Er kann doch immer werden – sehr kann er werden. Als ich zuletzt mit ihm in Berlin zusammen war, hat er mir viel besser gefallen.«

»Ach!«

»Wir haben 'n paar Pullen Volney getrunken. Von meinen Marderfallen. Da wurd' er geradezu tief. So schöne Dinge sagte er von Zuhause. Und das Schönste von Dir. Du wärst so eine Art Sonntag für ihn. Alles Beste von ihm gehöre Dir, und das hebe er für Dich auf. Du wärest, sagte er, die Sparbüchse seiner heiligsten Gefühle.«

»Der Schafskopf!« Sie ist böse.

»Ist das nicht 'n ganz gutes Bild? Und Du sagst Schafskopf. Aber es nützt ja schließlich alles nichts. Es kommt doch so, wie es kommen muß. 61 Oder willst Du Dich etwa vom Eichhof wegheiraten lassen?«

»Wenn Du das noch nicht weißt –«

»Na, also. Und einen, der hier nicht hergehört, auf den Eichhof hinaufheiraten, das tust Du auch nicht. Wer kommt denn hier in Frage? Der Dammerower? Säuft. Der Sohn von dem Schollenthiner? Sieht so aus, daß Du vor Lachen nicht Ja sagen kannst. Bleibt nur unser Jochem.«

»Sag' mal, Onkel Bolko, Du hast ja wohl 'mal 'n Heiratsbureau gehabt?«

»Stimmt. In Milwaukee. Michigan Street. Twentn four.«

»Richtig. Und willst Du mir jetzt nicht lieber noch 'mal die Geschichte von der weiß mit Oelfarbe angestrichenen Negerin erzählen? Sie kriegte achtzigtausend Dollar mit, der Mestize aber, der sie gern haben wollte, hatte seiner Mutter auf dem Totenbett versprochen, daß er nur eine Weiße heiraten würde. Was tatest Du da?«

»Ach, liebes Kind, wenn ich all die Geschichten, die ich erlebt habe, nun schon zweimal erzählen soll, dazu reicht selbst meine Unsterblichkeit nicht aus. Aber sieh doch« – sie waren an den verwilderten Rand des Parkes gekommen – »sieh bloß, was hier 62 für Wolfsmilch wächst. Das muß ich meinem Apotheker Lüdeke erzählen. Weißt Du, daß wir ein neues Enthaarungsmittel entdeckt haben?«

Er nimmt die Mütze ab und zeigt schmunzelnd seinen kahlen Schädel.

Sie kommen jetzt auf die Felder, Onkel Bolko begleitet Ursula noch ein Stück. Dann nehmen sie Abschied voneinander.

»Ich fahr' nächstens in die Stadt,« sagt er ihr zum Schluß. »Wegen der Kanalsache will ich mit der Regierung sprechen. Dann besuch' ich Dich.«

»Das ist fein. Aber wer weiß, ob Du nicht plötzlich auf den Lofoten sitzst.«

Langsam setzt sie allein ihren Heimweg fort.

Gräßlicher Onkel Bolko! Wie der mit mir vom Heiraten spricht! Eigentlich hätt' ich ihm doch beizeiten den Mund stopfen müssen.

Gott, die Sache selbst liegt ja schließlich nicht auf dem Monde. Wie lange dauert's, da ist sie achtzehn. Genug Altersgenossinnen von ihr sind schon verlobt. Auch zwei in der Pension. Und daß da vom Heiraten geredet wird, ist geradezu gewöhnlich bis zur Langweiligkeit.

Aber Jochem –!? Sie hebt sich zu damenhafter Höhe. 63

Wenn Du auch tausendmal das bist, was sie einen glänzenden Kavalier nennen. Und möglicherweise bist Du auch noch mehr. Es wird ja genug Wesens gemacht von all Deinen schönen Gaben, Deinem Kunstsinn, Deinen Versen und Deinem Geigenspiel.

Aber bist Du ein Landmann? Das wirst Du doch selbst in Deinen stärksten Stunden nicht von Dir behaupten.

Was soll man aber zu einem sagen, dem einmal dieses wundervolle Rotenmoor gehören wird, und der es dabei fertig bringt, kein Landmann zu sein?

Sie summt und singt all das von sich fort, was Onkel Bolko mit seiner Unverfrorenheit in ihr aufgestöbert hat, reckt ihren sprießenden Leib und federt sich im Schreiten, frohlockend geht ihr Atem.

Als sie an den Kreuzweg kommt, von dem ein Richtsteig durch den Vorsprung des Königlichen Forstes sie am schnellsten nach Hause führt, macht sie Halt und sieht sich noch einmal um nach dem Schloß von Rotenmoor.

Sie hat es gewußt, und richtig, da steht er und blickt ihr nach, Anselm auf dem Dach seines Turmes.

Leblos ist die Gestalt, ein starres, dunkles Bild auf lichtem Grunde. Ein Kirchenbild. Sein Umriß 64 ein flirrender Purpursaum, zitternd wie Orgelklang. Fast wie ein Heiligenschein ist das. Hast Du das von Deinen frommen Studien, von Deiner Kirchengeschichte und all Deinen geistlichen Büchern? Oder ist Deine Blutbuche schuld daran?

Sei nicht so ein totes Heiligenbild! Sie nimmt ihr Taschentuch und winkt ihm grell und laut.

Da wirft er den Kopf in die Höhe und stürzt an den Zinnenrand und reckt seine Arme hoch, die sich nach ihr sehnen. Glück und Kraft ist der Purpurschein, ein seliger Junge ist das Kirchenbild.

Noch einmal winkt ihm Ursula. Und spricht leise dazu: »Leb' wohl, Du lieber Anselm!« 65

 

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