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Auf eigener Erde

Max Dreyer: Auf eigener Erde - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleAuf eigener Erde
authorMax Dreyer
year1911
firstpub1911
publisherUllstein & Co.
addressBerlin-Wien
titleAuf eigener Erde
pages460
created20170406
sendergerd.bouillon@t-online.de
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5.

Anselm hatte seine Stube hoch oben in dem alten Turm. Dort saß er, und dahin ging sie. Seit Jahren war sie nicht mehr in diesen Raum gekommen, aber sie hatte ihn gut in Erinnerung.

Ein richtiges Jungenzimmer war es, mit harter Wichtigkeit war alles vermieden, was nach Sanftmut und Behagen aussehen konnte. Geradezu feindselig unbequem waren die Sitzgelegenheiten. Etwas zum Lehnen und Liegen gab es überhaupt nicht. Die hohen Wände waren nicht tapeziert, der weiße Kalkanstrich hatte die mächtigen Quadern nicht wärmer und zutraulicher gemacht. Viele alte Waffen zu Trutz und Wehr hingen rings herum, Beile, Morgensterne, Zweihänder, Hellebarden, dazu Sturmhauben und Stechhelme. Unter dem kleinsten der drei Fenster, das früher eine Schießscharte gewesen war, schlief eine leibhaftige Kartaune sich aus.

So sah dieses Turmgemach einer Rüstkammer gleich, die mächtigen Kugelgewichte und Hanteln, die 48 am Boden lagen, fügten sich recht in das Bild, und die Bücher, die, wenn auch reichlich, so doch in der Minderzahl waren und sich bescheiden versteckten, störten es nicht allzusehr.

Anselm saß an seinem Schreibtisch – das war ein schweres, plumpgeschnitztes eichenes Möbel, das in seinen guten Tagen nur Schüsseln und Kannen getragen hatte und zu Höherem sich ganz und gar nicht berufen fühlte – er hatte seine Kirchengeschichte vor sich und suchte den Gnostikern beizukommen. Das erste Klopfen an die dicke eisenbeschlagene Tür überhörte er ganz. Erst als statt der Finger die Faust anschlug, rief er Herein, etwas unwillig, denn er war gerade dabei, ein erklecklich schweres Gedankentau zu drehen.

Er meinte, daß der Diener käme, ihm etwas auszurichten. Als Ursula in der Tür erschien, blieb er hilflos sitzen, und seine Augen waren so verwirrt, es dauerte eine Zeit, bis sie ihre Freude fanden.

Ursula trat ohne Umstände auf ihn zu, gab ihm die Hand und blickte über seine Schulter in das Buch.

»Emanation – Demiurgos – Kenoma – Pleroma« las sie. Da schüttelte sie betrübt den Kopf, und dann schlug sie ihm herzhaft das Buch vor der Nase zu. 49

»Lieber Anselm, das kann doch keinem Menschen gut sein!« Danach drehte sie sich um sich selbst und besah sich rings die Wände. »Ganz so wie früher!« Bloß der eingerahmte Spruch, der einsam an der waffenlosen Seite hing, war ihr neu. »Liebet Eure Feinde, tut wohl denen, die Euch hassen –« Anselms Schwester Bernardine hatte es ihm zur Konfirmation auf Kanevas gestickt.

Nun mußte Ursula munter den Kopf schütteln zu so ungleichem Wandschmuck. »Ist es zu glauben, auf der einen Seite liebst Du Deine Feinde, und auf der anderen schlägst Du sie tot.«

Sie gab wieder einmal mit flüchtigem Einfall ihrem Freunde schwer zu denken auf, doch ließ sie ihn nicht in der Bedrängnis. Schnell nahm sie ihn an der Hand und zog ihn zur Tür. »Komm, wir wollen auf die Plattform!« Ohne Widerstand ging er mit ihr hinaus.

Als er draußen vor der engen Wendeltreppe, immer noch hart und unbeholfen, keine Miene machte, empor zu steigen, gab sie ihm einen kleinen Stoß: »Bitte, Du zuerst!« Und jetzt nahm er lebhaft die Stufen, öffnete die Luke und stützte Ursula kräftig hinauf. Wie leuchteten seine Augen, als sie neben ihm auf dem Dache seines Turmes stand! 50

Sie treten dicht an die Zinnen und schauen über das Land. Nur nach Westen ist der Blick nicht frei. Hier steht eine Baumgruppe, Birken sind es und Buchen, Platanen, Ulmen und Linden. Die meisten sind freilich dem Turme untertan, aber eine mächtige Blutbuche läßt sich nicht von ihm gebieten, und jetzt, wo die Nachmittagsonne hinter ihr steht, zeigt sie ihm bewußt den dunklen Purpur ihrer Herrlichkeit.

»Schön ist der Baum,« sagt Ursula. »Aber er ist ein Wichtigmacher.«

»Meinst Du? Wenn er nun aber doch 'mal was Besonderes ist! Und ich hab' ihn jedenfalls besonders gern.«

»Du denkst Dir Räubergeschichten bei dem Blut.«

»Weißt Du, daß er auf einer Kampfstätte gewachsen ist? Wo auch die Gefallenen begraben liegen?«

»Wenn schon.« Sie hat hier in dem Glanz der Weite keinen Sinn für Geheimnisse. »Du, sieh 'mal, da hinten in Eurer Gerste – die Leute mit den Mähmaschinen haben sehr viel Zeit, wie's scheint. Aha – jetzt ist der Inspektor in Sicht! Jetzt werden sie wieder munter.«

Seine Blicke sind ihr schwer und langsam nachgegangen. Schon aber hat sie ein anderes Ziel. »Du – da über dem Waldrand – da seh' ich was 51 von Eichhof. Die eine große Pappel – ja, das ist sie.« Sie war voll Freude. »Dazu war ich voriges Mal noch zu klein.«

»Ich sehe die Fahnenstange von Eurem Hause.«

»Ja Du, Du langer Laban.« Vergeblich stellt sie sich auf die Zehenspitzen.

»Soll ich Dich 'mal aufheben?«

»Ja,« sagt sie einfach.

Da nimmt er sie auf den Arm wie ein Kind.

»Richtig, ja – unsere Fahnenstange!« Sie freut sich so, sie muß einmal kräftig in die Hände schlagen. »Fein ist das – fein!«

Da fühlt sie, wie er zittert. »Ich bin Dir zu schwer,« sagt sie und strebt hinunter. Gleich gibt er sie frei und läßt sie auf den Boden.

»Und ich bild' mir 'was auf meine Schlankheit ein!« fügt sie munter hinzu. Als sie ihn aber ansieht, spricht sie gleich von anderen Dingen.

»Weißt Du noch, wie ich das letzte Mal hier oben war? Das werden nun drei Jahre sein. Im März war es, die Bäume waren kahl, und an den Grabenhängen lag noch Schnee. Die Luft war so klar, wir konnten den Kirchturm von Demmin sehen. Heute sehen wir ihn nicht.« 52

»Noch ein wenig mehr nach links« – er deutet genau die Richtung. »Grad' über der Strohmiete liegt er. Aber er kommt nicht durch.«

»Wenn ich denke, was ich damals für ein Mädel war! Prügel hätte ich verdient.«

»Prügel – wofür?«

»Weißt Du nicht? Als der Satan mich packte und ich Dir sagte, Du solltest Dich doch 'mal auf die Zinne stellen. Und Du Bengel, Du tatest es auch gleich, stiegst hinauf und standest da wie eine Bildsäule, und dann gingst Du von Zinne zu Zinne um den ganzen Turm herum. Herrgott, mir wird immer noch ganz anders, wenn ich bloß daran denke.«

»Ja, Ursula, die größte Schuld hatte ich doch, ich hätt' es einfach nicht tun dürfen. Nicht wegen der Gefahr, sondern weil es bloß leere Aufspielerei von mir war. Gefahr war nämlich so gut wie gar nicht dabei.«

»Na, ich danke!« Sie tritt an den Rand, blickt hinunter, und es überläuft sie aufs neue.

»Ich hatte es nämlich geübt, mehr als hundertmal hatt' ich es getan, und das hätt' ich Dir ehrlich sagen müssen.« 53

»Geübt?«

»Ja. Ich wollte mich schwindelfrei machen. Im Sommer vorher war ich mit Onkel Bolko in der Sächsischen Schweiz gewesen. Bei einer meiner Kletterpartien war ich ganz gemein schwindelig geworden. Das ärgerte mich, und nun kletterte ich hier zu Hause wie verrückt auf unseren Dächern herum. Den Rundgang um die Zinnen machte ich Abend für Abend. So hab' ich mich von meiner Schwachheit kuriert. Bloß war es eine neue Schwachheit, daß ich nun ein Heldenschauspiel vor Dir aufführte.«

»Ach was! Fein ist und bleibt das eine, wie Du alles so mit Deinem Willen zwingst –«

»Aber, Ursula, wenn Du so redest – dann darf ich Dir ja gar nichts mehr von mir erzählen –«

»Sei so gut! Und wenn mir 'was an Dir gefällt, kannst Du dreist 'n froheres Gesicht aufsetzen.«

Befangener macht ihn ihre Zutraulichkeit. Da wendet sie sich wieder zu 'was anderem. »Ihr habt Besuch, sagte mir Deine Mutter. Nicht wahr, Dein Onkel Bolko ist im Haus?«

»Ja. Willst Du zu ihm?«

»Willst Du mich los sein und zu Deinem Klenoma und Penoma?« 54

»Ach, Ursula – ich meine nur, weil Du ihn doch gern magst – und gern mit ihm redest –«

»Erst will ich Dir doch 'mal Adieu sagen. Uebermorgen fahr' ich. Und Du kommst doch vor Weihnachten nicht wieder her.«

»Schwerlich.«

»Nun, siehst Du! Mir ist das noch so oft durch den Kopf gegangen, was wir am Sonntag zusammen gesprochen haben. Du sollst nicht so traurig sein, Anselm. Wer so viel kann wie Du und so viel Willen hat! Und dann sollst Du wissen, daß ich es so gut mit Dir meine und Dir so viel Gutes wünsche. Nicht wahr, das weißt Du doch, daß ich Dein guter Freund bin?«

Er sieht sie bewegungslos an, nur seine Lider nicken auf ihre Frage, und wird rot und steht ratlos vor ihr wie in Seligkeit und Schmerz. Schweigen ist um sie beide und schwillt an wie eine sanfte, zärtliche Flut und zieht und wiegt sie näher zueinander.

Da zerteilt sie die Woge mit ihrer schnellen Hand, die hastig nach seiner greift. »Leb wohl!« sagt sie fest. »Es wird jetzt Zeit.«

Sie schlüpft durch die Luke und steigt die Treppe hinunter. Er folgt ihr schwer. Im Dämmer des Vorplatzes stehen sie nebeneinander. Sie weist auf 55 seine Tür. »Willst Du wieder in Deine Folterkammer? Oder bringst Du mich hinunter zu Onkel Bolko? Ich muß ihn doch begrüßen, eh' ich gehe.«

Er schwankt nicht lange. »Wenn Du erlaubst, möchte ich doch lieber hier bleiben. Und noch an Deine Worte denken.« Bei diesem letzten erschrickt er, als habe er zu viel gesagt. Sie sieht es, und schnell gibt sie ihm noch einmal die Hand. Ein fester Druck. »Adieu, Anselm!« »Adieu, Ursula!« Und sie geht hinunter. 56

 

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