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Auf eigener Erde

Max Dreyer: Auf eigener Erde - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleAuf eigener Erde
authorMax Dreyer
year1911
firstpub1911
publisherUllstein & Co.
addressBerlin-Wien
titleAuf eigener Erde
pages460
created20170406
sendergerd.bouillon@t-online.de
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4.

Ursula ist nach Rotenmoor unterwegs, um Frau von Morveldt einen Abschiedsbesuch zu machen. Sie freut sich auf Anselm, sonst hat ihr Herz in dem alten Schloß nicht viel zu suchen.

Alt, abenteuerlich und ruhelos ist das Herrenhaus der Morveldts und ist darin ein Abbild des ganzen Geschlechts. Sein Stammvater niedersächsischen Blutes war mit Heinrich dem Löwen in dieses Wendenland gezogen, auf einem Hügel, dessen Fuß ein kleiner See bespült, hatte er seine Burg gebaut und zu ihrer Herrin die Tochter eines Wendenfürsten gemacht, gegen ihren und ihrer Sippe Willen, durch blutige Entführung und blutige Verteidigung seines Raubes. Das waren die Eltern des Geschlechts, das aus Wildheit geboren wurde, aus wildem Begehren und wildem Zorn.

Aus dieser Urzeit steht noch ein Turm, massig und wehrhaft behauptet er die eine Ecke der Seeseite. Sein Trotz aber wendet sich nicht allein nach außen, 40 auch gegen das, was bei und neben ihm ist, verharrt er in Feindschaft.

Denn gerade dieser Flügel, über den er von Rechts wegen gebieten müßte, schlägt seinem ganzen Wesen einfach ins Gesicht. Hier hat sich die letzte Restaurationswut der Morveldts in den Koketterien einer verlogenen Renaissance ausgetobt, weit ist sie nicht gekommen, denn das Geld tat schließlich nicht mehr mit, aber dem alten deutschen Turm hat sie doch sein ehrliches Leben gründlich verbittert. Solche Unverträglichkeiten und Gegensätze aber zeigt der Bau auch anderswo genug. Nach jeder Zerstörung eines Teiles hat jeder Herr mit seinem besonderen eigenwilligen Geschmack ihn wieder ergänzt.

Im Dreißigjährigen Kriege hatte der rechte Flügel dran glauben müssen. Ein halbes Jahrhundert behalf man sich wohl oder übel mit dem halben Haus. Dann kam der junge Erbe aus französischen Diensten heim, ausgerüstet mit leidlich vielem Geld und einem weidlichen Versailles-Tick. Er verschandelte den prachtvollen alten Park so, daß er sich in diesem Leben nicht mehr davon erholen wird, und den neuen Flügel des Hauses ließ er ohne Rücksicht auf das, was stehen geblieben war, im bombastischsten Barock sich bauschen. Hatte natürlich die Absicht, das Ganze in solchem Geiste umzubauen, aber der 41 Zwirn ging ihm darüber aus und dann der Lebensfaden. So blickte das Haus mit einer runzligen, harten und einer geschminkten schönheitspflasterigen Backe in die Welt.

Dann flickten und kleisterten mehrere Besitzer an ihm herum, natürlich ohne daß etwas Gescheites und Geschlossenes dadurch zustande kam. In der Silvesternacht des Jahres achtzehnhundertdreißig brach im Schloß eine Feuersbrunst aus, der Besitzer selbst, der tobsüchtig geworden war, hatte die Brandfackel geschwungen. Hierdurch war dem Mittelbau schwerer Schaden zugefügt; der neue Herr, dem es Walter Scott angetan hatte, wollte jetzt aus dem Ganzen ein schottisches Lustschloß machen, die Handwerker waren just an die Arbeit gegangen, da stürzte er auf der Hubertusjagd und starb daran. Sein Sohn aber verwarf diesen Bauplan als zu radikal und zu kostspielig, er ließ eine gefällige Renaissance ihre allein seligmachenden Arme ausbreiten und war es zufrieden, daß dem ganzen Wirrnis eine Frisur aus falschen Haaren aufgesetzt wurde. Das mochte flüchtigen Augen als kleidsamer Abschluß erscheinen, tieferen Blicken wurde es verleidet.

Ursula, die weniger als alle durch Kunstgeschichte beschwert ist, empfindet gleichwohl – oder auch erst recht darum – das Krause und Unbehagliche dieser 42 Burg des Eigensinns. Wie anders ist das Eichhofer Haus, von dem der Doktor gestern so viel Gutes sagen mußte. Hier hat in aller geistigen Freiheit eine treue Ueberlieferung gewaltet; bei den Morveldts, die so viel älter sind als die Eichhofs, ist von dem jähen und trotzigen Temperament eifersüchtigen Selbstgefühls der Zusammenhang immer aufs neue zerrissen.

Auch heute noch klingt im Herrenhaus von Rotenmoor nicht der Akkord des Familienhaften, eines gütigen Sichverstehens und kluger Fügsamkeit. Hier ist kein Ineinander zu finden, sie sind es zufrieden, wenn sie nebeneinander leben, denn oft genug leben sie gegen sich.

Der Herr des Hauses ist nur kurze Zeit im Jahre daheim. Den Winter über läßt er sich als Abgeordneter von Berlin festhalten. Im Sommer geht er auf Reisen. Auch jetzt ist er abwesend, in Baden-Baden hält er sich auf. Ursula vermißt ihn nicht. Sie hat zu ihm keine Beziehung.

Er ist ein hochfahrender Parteimann. Das Morveldtsche Ungestüm hat sich bei ihm ganz auf Politik geworfen. Daneben zieht es ihn nach dem Hofe, nach Glanz und zu Becherfreuden. Für Landwirtschaft hat er gar keinen Sinn. Die bleibt völlig Frau von Morveldt überlassen. 43

Die Dame des Hauses ist nicht im Schlosse, als Ursula sich melden läßt. Das hat die sich auch so gedacht, sie hat Frau von Morveldt fast immer, wenn nicht auf dem Felde, so in dem Gutshause angetroffen, wo die Inspektoren wohnen und wo sie selber sich eine Stube eingerichtet hat. Auch heute befindet sie sich hier.

In ihrem unwohnlich kahlen Zimmer sitzt sie über den Büchern. Ursula sieht durchs offene Fenster ihr hartes, knochiges Gesicht mit der kräftigen, sich vorwölbenden Stirn. Sie will sich zurückziehen, sie weiß, daß hier jede Störung von Uebel ist.

Da bemerken sie aber die großen, zugreifenden Augen der Gutsherrin, sie winkt dem Besuch, bleibt selber ruhig sitzen und führt die Arbeit weiter. Als Ursula eintritt, gibt sie ihr die linke Hand und zieht sie auf einen Stuhl, ihre Augen und der Zeigefinger der Rechten, der eine Kolumne hinabwandert, bleiben auf dem Buch.

Als sie dann fertig ist, dreht sie sich langsam um. »Tag. Willst mir Adieu sagen? Das ist recht.«

»Ich komme ungelegen –«

»Schnickschnack. Was ungelegen ist, ruf' ich mir nicht 'rein. Ist es wahr, daß Ihr noch Roggen draußen habt?« 44

»Ja, aber nur ganz wenig, ein paar Fuhren. Heute werden wir noch damit fertig.«

»Euer junger Klee da an der Scheide steht nicht gut.«

»Wir haben wohl nicht genug mit Gipsmehl nachgeholfen.«

»Ach was, Gips. Das Streuen allein tut's auch nicht. Der Boden da ist nicht das richtige, wenigstens nicht für Kopfklee. Schwedischen Klee hätt't Ihr nehmen sollen. Oder doch ein Gemenge. Und mehr Mergel hätt' der Boden gebraucht.«

»Er hat Kali und Kalk bekommen.«

»Wahrscheinlich zu viel Kali. Dein Vater hat nun 'mal 'nen Kalikoller. Aber er ist ja ein gelehrter Herr und muß es wissen.«

Wie unter dem Hackmesser kommen ihre Worte heraus. Ihr ganzes Wesen hat etwas Schroffes und Schwieliges. Groß und eckig ist ihre Gestalt, ihre Kleidung von geradezu rauher Schlichtheit. Auch ihr Kopf verschmäht jeden Aufputz, wie ihn sonst das Alter braucht, keine Schleife oder Haube deckt ihren Scheitel, das noch reichlich dichte graue Haar ist hinten einfach verknotet.

Ursula bewundert diese Frau, doch nur mit dem Kopf. Denn Wärme geht nicht von ihr aus. Sie ist die rücksichtslose Arbeit, die nur von sich weiß und 45 nichts liebt außer ihr. Niemand auf dem Gut, kein Verwalter, kein Knecht, keine Magd schafft so viel wie die Herrin. Sie ist die erste auf den Beinen und die letzte, die sich schlafen legt. Dabei ist sie oft von grausamen Schmerzen heimgesucht. Die Sünden ihrer Väter muß sie unschuldig mit schwerer Gicht büßen.

Sie gibt keine Liebe. Vielleicht wäre es anders, wenn sie selbst von Liebe umgeben wäre. Aber ihr Mann lebt am liebsten ohne sie. Und ihre Kinder haben sich auch immer mehr von ihr entfernt.

Am nächsten noch steht ihr Jochem, ihr Aeltester, der hübsche Dragonerleutnant, der stark und heftig Träume und Leben durcheinanderwirbelt, der sich durch die Welt musiziert und küßt und dichtet und jeut und mimt und trinkt. Im Grunde verachtet sie sein Leben wie das ihres Mannes. Aber darum ist sie ihnen nicht weniger wohlgesinnt. Und nie hätte sie daran gedacht, Jochems geldbedürftiger Natur den Wechsel zu kürzen oder seinen Verlegenheiten sich irgendwie zu entziehen. Für ihn die Wolken und das Spiel, die Erde und Arbeit für sie. Grade daß er sie braucht, mehr als die andern, gibt ihm seinen besonderen Platz.

Viel weniger weiß sie mit Anselms karger und verschlossener Art anzufangen. Zwischen ihnen ist 46 ein Schweigen. Und auch mit ihrer Tochter pflegt sie keine lebendige Zwiesprache. Bernardine von Morveldt hat früh ihren besonderen Weg eingeschlagen. Jetzt wirkt sie in Berlin als Krankenschwester.

In Einsamkeit steht die Herrin von Rotenmoor. Sie klagt nicht darüber. Kaum daß sie es anders will. Und wenn die schlimmen Schmerzen nicht an sie kommen und ihr die kurze Nachtruhe zerreißen, ist sie von hartem Gleichmaß ohne alle Bitternis. Nur wenn die Leiden über ihre Kraft sind, kann sie zornig werden, boshaft und grausam.

An Ursula gefällt ihr der rege Sinn für Landwirtschaft. Sie spricht gern mit dem Mädchen und erzählt sich auch heute mancherlei mit ihr. Doch lange sitzt sie nicht still. »Ich will jetzt in den Milchkeller. Willst Du mit und Dir mal unsere neue kontinuierliche Buttermaschine ansehen? Oder gehst Du lieber zu Anselm?«

»Lieber zu Anselm,« sagt Ursula ehrlich.

Das Ehrliche freut Frau von Morveldt und sie nickt dazu. »Dann geh man hinaus. Uebrigens findest Du noch jemanden da. Einen alten Freund.«

Sie konnte sich schon denken, wer das war. Aber Anselm war ihr wichtiger, und ihn suchte sie sich erst. 47

 

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