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Auf eigener Erde

Max Dreyer: Auf eigener Erde - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
booktitleAuf eigener Erde
authorMax Dreyer
year1911
firstpub1911
publisherUllstein & Co.
addressBerlin-Wien
titleAuf eigener Erde
pages460
created20170406
sendergerd.bouillon@t-online.de
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40.

Durch Ursulas Freude, als sie Anselm wiedersah, zuckte ein leiser Schreck. Sie erwartete ihn an der Bahn. Mit demselben Fuhrwerk, das Bernd abgeholt hatte. Dieselbe Stunde war es. Aber heute war ein strahlender Frühlingstag.

Anselm sah nicht krank aus, aber er hatte etwas Durchsichtiges und Schwebendes. Verjüngt und verschönt hatte er sich, aber zu viel Geist war er und zu wenig Muskel. Zart war er geworden, und wie viel robuste Kraft wurde gerade jetzt für Rotenmoor gebraucht!

Sie reichen sich still die Hand und sehen sich lange an. Er spürt die Sorge in ihrem Blick und gibt darauf die Antwort: »Du faßt mich so behutsam ins Auge. Du kannst dreist fester zupacken, ich bin wieder ganz wohl.«

Nun hat er ein frisches Lachen, das seine Worte bestätigt. 417

Sie nickt ihm zu, noch leise und tastend, und dann vertrauensvoller.

Wie glücklich sie sind! Und doch auch wieder ganz ängstlich miteinander, als würden sie von etwas getragen, was sehr zerbrechlich ist. Und haben sich so viel zu sagen, daß sie nichts zu reden wissen.

Anselm blickt auf Ursulas gesunde Hände, die die Bekleidung verschmähen, und freut sich, wie sie die Zügel führen. Dann hebt er die Augen zu ihrem Gesicht. Sie fühlt es und spürt eine Scheu und Pein und wird blutrot. Sie muß an sich halten, daß sie ihm nicht eine Ungezogenheit zuwirft wie ein verlegener Backfisch. So jung sind sie und doch auch wieder so vom Leben gehärtet und gezeichnet.

Bald geht Ursulas Blut wieder seine ruhige Bahn, und nun werden sie beide ganz altbacken und alltäglich, mustern die Felder und urteilen kühl. Dies alles geht sie noch nichts an.

Kirschbäume in weißer Pracht begleiten die Chaussee, lose sitzen schon die Blätter. Ein leichter Wind und die schnelle Fahrt wirbelt sie herunter, daß der blühende Schnee sich über die beiden streut. Nun sind sie wie die Kinder und lachen sich zu durch den duftigen Flockentanz.

Von der Chaussee biegt ein Landweg ab. Den schlagen sie ein. Jetzt sehen sie gleich die Felder von 418 Rotenmoor, da – da ist das Land. Das Dunkle dahinten der Park. Ein Hellschimmerndes hebt sich darüber, das alte Schloß. Weiß wie Marmor leuchtet das graue Gemäuer in der grellen strengen Frühjahrssonne.

Anselm sieht es an, gedankenlos beinahe. Er schauert zusammen, aber es ist nicht von dem Wiedersehn. Ihn friert nur so jämmerlich auf dieser Fahrt durch den heimischen Frühling. Kaum hat es ihn je so geschüttelt, und er hat doch an Frost was erlebt, da in den eisigen südwestafrikanischen Nächten, verhungert, blutlos und welk von den übergroßen Mühen.

Von dem Frost ist es wohl, daß dieser Anblick ihn nicht ergreift. Daß er zu dem Nahen, zu dem, was ihm gehört, zu dem erreichten Glück seines Lebens wie aus der Ferne hinüberblickt.

Es bleibt etwas Müdes und Empfindungsschwaches bei ihm, wie eine natürliche Notwehr gegen starke Rührungen und Erschütterungen.

So kamen sie an die Grenze seines Landes. Ursula hatte eine empfindsame Anwandlung: jetzt läßt er mich halten und springt vom Wagen! Hier zum ersten, hier will er sein Land betreten, leibhaftig, die Füße will er darauf setzen. Und wenn er es jetzt packt mit den Händen, das könnte echt 419 und schön und ohne alle Uebertriebenheit sein. Freilich, so etwas tut man nur, wenn keiner dabei ist.

Aber vor mir, so wie wir beide miteinander sind – –

Ungehalten wird sie, daß sie es mit Sentimentalitäten treibt, und gibt den Pferden die Peitsche. Nach kurzer Zeit halten sie vor dem Schloß, das nichts Aeußerliches an Zierat trägt und damit sich in alter und ernster Zugehörigkeit für den neuen Herrn bekennt.

Ganz still, ohne Feier, ohne Getragenheit, ganz wie es zu Anselm paßt und wie Ursulas und Onkel Bolkos Geschmack es vorgesehen hat, ist der Empfang. Der neue Besitzer begibt sich sofort nach dem Wirtschaftshof, wo die Beamten mit den Leuten ihn erwarten. Die er nicht kennt, werden ihm vorgestellt. Er hat für alle einen Händedruck, für manche ein Wort, das wirklich etwas sagt. Dann geht alles wieder an die Arbeit. Die Zeit der Feste ist für Rotenmoor vorüber.

Ursula ist immer dabei wie ein Stück von ihm. Das ist allen selbstverständlich, den Leuten, weil sie so lange die Geschäfte geführt hat. Und ihm und ihr, weil sie die Arbeitsgemeinschaft haben. 420

Sie hat im Schloß ein paar Zimmer für ihn wohnlich herrichten lassen. Jetzt führt sie ihn dorthin, fragt ihn, ob er so sein Behagen hat, und ist für ihn ganz mütterlich bedacht.

Er dankt ihr mit Innigkeit, aber die Scheu in seinem Auge ist doch regsamer geworden, und Ursula fühlt das fein und wohl. Ueb' ich ihm zu viel der Fürsorge, wittert er eine Bevormundung heraus? Die Morveldts sind so zart gesponnen. Und Anselm nun gar!

Aber sie ist doch für ihn da. Und will ihn doch nur erst auf seinen Platz geleiten. Ganz gewiß wird sie nie versuchen, ihn am Gängelband zu führen.

Doch bleibt es wie ein Hauch über diesem ersten Beieinander, und leise, wie sie sich gefunden haben, sagen sie sich für heute Lebewohl. – –

Anselm hatte sich gleich am folgenden Tage umquartiert. Auf dem Wirtschaftshof im Arbeitszimmer seiner Mutter hatte er Wohnung genommen. Ein kleiner Raum nebenan war sein Schlafgelaß.

An den Herrlichkeiten des Schlosses hatte er keinen Anteil, einen inneren gewiß nicht, und sie gehörten ihm nicht einmal ganz. Was aber von ihnen nicht verpfändet war, mußte jetzt erst in die 421 Bresche springen. Und die Bresche war bedrohlich, das erkannte er wohl.

Arbeit, die ernsteste, unermüdlichste, konnte allein Rettung bringen. Alles mußte aufs Schaffen gestellt sein, jede Minute, jeder Gedanke mußte ihm dienen. Auch die Umgebung mußte helfen, die Erinnerung, der Geist, der früher hier waltete, der Mutter starkes und stärkendes Beispiel.

Wenn nur erst die Müdigkeit und das Kältegefühl ihn ganz verlassen hätten! Es wurde ja besser mit jedem Tage, aber immer noch kam mitten in der Arbeit ein so besonderes Gefühl kühler, ferner Gleichgültigkeit über ihn, als ginge ihn dies alles nichts an, als hätte er überhaupt mit dem ganzen Dasein gar nichts zu schaffen. Es war wie ein stilles, halb waches, halb lächelndes Traumwandeln, ein mitleidiges Hinschweben, losgelöst von den Dingen und über sie hin.

Aber dieses Verlorensein ließ nach mit der Zeit, selbstverständlich, es waren ja nur die letzten Klänge aus jener Ferne, da man zum andern Ufer hinüberblickt.

Auch mußte er sich erst mit dem Klimawechsel abfinden, ehe er wieder ganz seinen Mann stand. Das fühlte er ja deutlich, wie er immer fester, mit 422 immer froherer Gründigkeit wieder ins Leben hineinwuchs.

Deshalb wurde er auch nicht ungeduldig. All solche kleinlichen Stimmungen, alle Launen und Verdrießlichkeiten blieben jetzt weiter als je von ihm. Er wußte in dieser ersten Zeit nur von geraden, klaren und sicheren Empfindungen. Freilich, wie er selbst gewissermaßen neu geboren war, so hatten auch seine Gefühle eine große Jugend. Seine Freuden und Schmerzen waren Kinder. Aber sie wuchsen heran, seine Freuden und auch seine Schmerzen.

Es waren mehr als acht Tage ins Land gegangen, ehe er seinem alten Turmzimmer einen Besuch abstattete. Dafür hatte ihm abwechselnd Zeit und Gedanke gefehlt. Jetzt aber mußte er doch den Kopf über sich schütteln, daß er so spät erst das Königreich seiner Kindheit aufsuchte, den Thronsaal seiner Träume. Und schüttelte ihn nochmals, weil er nicht viel mehr als die alten Sachen sah und mit Erinnerungen so wenig anzufangen wußte.

Nur der eine Nachmittag, da Ursula ihn hier besuchte, sie beide auf das Turmdach stiegen und er sie auf den Arm nahm, daß sie bis nach ihrem Eichhof sehen sollte, von diesen Stunden wurde etwas lebendig. 423

Ursula – ja, Du warst die Königin dieses Königreichs. Wie viel holdselige Kraft gab mir jedes Beisammen mit Dir, und wenn mich auch nur meine Sehnsucht Dir gesellte.

Mein Märchen warst Du, Ursula. Von Dir kamen meine Träume.

Und dann – von Dir kam es, daß ich nicht mehr träumen konnte. Denn meine Träume sahen ja keine Erfüllung mehr, da Du ihnen genommen wurdest – da ein Fremder Dich gewann.

Darum sind auch die meisten Fäden zerrissen, an denen Heimat, Kindheit und das Märchen vereint gesponnen haben. Ich finde die alten Pfade nicht mehr und muß neue Wege mir bahnen. Aber das ist ja schließlich des Mannes Losung.

Oder habe ich doch zu viel verloren, daß ich nichts Ganzes mehr sein oder werden kann? Auch zu einem halben Tode habe ich es ja bloß gebracht. Und jetzt – werd' ich jemals wieder heil und ganz werden?

Aber solche Turmgedanken sind die große Seltenheit. Rauh und wie mit heftiger Eifersucht fordert Anselms Gut seine Hingabe bis aufs letzte. Von dem Klang, dem leise suchenden, der sich zum Märchenland hinübertasten möchte, bleibt kaum ein 424 Hauch. Und es herrscht die harte, schmerzhafte Arbeit.

Mühe aber und Not haben gerade für Anselm gewiß ihr Vertrautes. In ihnen kann er wurzeln wie keiner, gerade in ihnen gedeiht seine Kraft. Immer tiefer und freudiger fühlt er, um was er kämpft. Und so erst gewinnt er durch all die Dämmer hindurch das starke Bewußtsein, was ihm gehört und was es zu wahren gilt.

Der alte Dieckhoff hat schon vor Jahresfrist aus Krankheit und Ueberdruß Rotenmoor verlassen. Ein neuer Oberinspektor steht Anselm zur Seite, ein harter, trockner Mann, kein Führer, aber ein Arbeitstier, und fast lächerlich sprachlos. Er verständigt sich kaum anders als durch kurze, kantige Bewegungen. Ehe er das Wort »Ja« findet, ist schon wieder ein »Nein« an der Reihe. Darum schweigt er. Aber ein tüchtiger Ackersmann ist Herr Rasenack auf alle Fälle.

Nächst dieser bodenständigen Kraft ist Onkel Bolko jetzt dauernd um Rotenmoor bemüht. Er indessen sucht nach Geheimnissen und Ueberraschungen. Tieferen und ungewöhnlichen Bodenschätzen spürt er nach, er bohrt nach Erdgas, nach Kali, nach Salzstein. Er baut kleine Maschinen, die Wind und Sonne vor den Pflug spannen sollen. 425 Das Gefühl, daß nur ein Ungewöhnliches hier retten kann, beherrscht ihn ganz. Jetzt, wo es auf Tod und Leben geht, trennt er sich auf keine Minute mehr von seinem Stammhaus und von Anselm.

Und der beste Helfer von allen, Ursula. Nur daß sie behutsam sein muß. Denn gerade von den Besten und Treuesten lassen sich gewisse Menschen am wenigsten helfen. Anselm ist einer von denen, und Ursula weiß, daß in ihr dieselbe Saite schwingt. Das aber sagt sie sich: die Scheu, die sich hier einnisten will, dulde ich nicht! Die ist wie ein Spuk, den man nur einmal laut und richtig bei Namen nennen muß. Ich nenne sie und seh' ihr ins Gesicht und sie soll weichen!

Heute ist Ursula gekommen, sich für ihre Führung der Geschäfte von Rotenmoor die Entlastung erteilen zu lassen. Es geht alles seinen geordneten Gang. Anselm hat sich Einzelheiten angemerkt, über die er sich nicht klar ist. Wie er jetzt nach ihrer Anweisung die Bücher zu Rate zieht, gebückt, blaß und hager, vor den Augen, die im Feldzug gelitten haben, die Brille, ist er einem versunkenen Gelehrten ähnlicher als einem Landmann.

Ursula sieht ihn an mit schwer zu verbergender Zärtlichkeit. Und sieht, daß an seinen Schläfen sich 426 graue Haare zeigen. Da denkt sie nicht an das Geschäft, nicht an die Zahlen und die Verantwortung, da denkt sie nur, daß sie diese Schläfen streicheln möchte.

Aber eine sorgsame Frage Anselms gibt ihr wieder Haltung. So arbeiten sie zusammen – »wie zwei alte Bureauknochen« sagt Onkel Bolko, der als mitbeteiligter Geschäftsführer hinzugezogen ist, aber bald genug sich ins Freie rettet.

Sie bleiben allein. Hart und ehrlich, ohne Nebengedanken führen sie die Arbeit zu Ende.

Dann nimmt Anselm die Brille ab und greift nach ihrer Hand. »Wie musterhaft hast Du das geführt! Wie viel habe ich eben von Dir gelernt! Und was habe ich alles noch von Dir zu lernen!«

Sein heißer Dank beflügelt seine Gedanken, seine Sinne, seine Wünsche. Und wieder ist er im Turm, und über dem Turm in sonnenbesäumten Wolken.

Ursula ist zu bedachtsam, um mitzufliegen. Und schon kehrt er um, beschwert von der Arbeit, getrübt von dem, was er um sie gelitten hat.

Nein, nein! Als ob ich ins Jugend- und Märchenland gehörte! Und wollte ich hinein, sie folgte mir gewiß nicht. Und wenn sie mir folgte, sind wir die Alten? Zu viel hab' ich verloren, an 427 mir und von ihr – von ihr das Beste. Nun muß ich ein neues Leben bauen, ein Leben ohne sie. Eine Art Arbeitsgenossenschaft wird uns verbinden. Das ist viel und schön. Nur muß man die alten Träume vergessen und nicht mehr träumen.

Wie zur Bekräftigung dessen greift und drückt er nochmal ihre Hand.

Fest blickt sie ihn an, klar und treu. Das Tiefe ihres Fühlens bleibt wohlgewahrt in der Tiefe.

Und er gelobt sich: all das Unausdenkliche, was geschehen ist, soll sich nicht mehr an mich heften und mich beirren. Jetzt sind wir auf ruhsamer Bahn, in stillem, lindem Schatten, wie in durchsonntem Buchengrün, jetzt sind wir in der Freundschaft.

Diese Stunde meint es gut mit ihm. Es kommt ein weicher Glanz in seine weiten Augen: »Was sollt' ich bloß anfangen, Ursula, wenn ich Dich nicht hätte!«

Aber da er es spricht, klingen doch schon wieder dunklere und tiefere Stimmen. 428

 

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