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Auf eigener Erde

Max Dreyer: Auf eigener Erde - Kapitel 40
Quellenangabe
typefiction
booktitleAuf eigener Erde
authorMax Dreyer
year1911
firstpub1911
publisherUllstein & Co.
addressBerlin-Wien
titleAuf eigener Erde
pages460
created20170406
sendergerd.bouillon@t-online.de
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39.

Ursula bleibt auf ihrem Posten, sie flieht nicht vor dem letzten. Sie hat keine Angst mehr vor dem Verderben, auf das sie wartet mit solcher Anspannung aller Sinne und Gedanken, daß sie sich fast nach ihm sehnt. Und nichts will sie von ihm verlieren, alles will sie erleben, den ganzen Sturz will sie fühlen, aufrechten Geistes, bis zu dem jähen Schmerz der Erlösung. So kommt sie nicht unter das Unglück, so bleibt sie über ihm, so läßt sie sich von ihm tragen. Das Ende ist nicht Knechtschaft, Befreiung ist es und Licht.

Ruhig waltet sie nach der Mittagspause heute wie die Tage vorher ihres Amtes, berät mit dem Inspektor, gibt ihre Anordnungen, der Betrieb leidet nicht die geringste Störung. Sie hat etwas Gehobenes und Geläutertes, ein Festliches und fast Geweihtes. Die Leute, mit denen sie spricht, fühlen es, sie blicken sie an wie fragend und sehen ihr nach. 404

So arbeitet sie am Nachmittage weiter, als sei nichts geschehen und werde nichts geschehen. Nimmt die Sonnenglut geduldig hin und freut sich, wenn sie durstig ist, daß sie frisches Wasser hat. Setzt sich abends rechtschaffen müde an den Tisch, nimmt allein wie immer ihre Mahlzeit, ißt nicht mehr und nicht weniger als sonst und liest ihre Zeitung. Ganz nach der Gewohnheit sucht sie erst nach den Marktberichten und Preisen. Und ebenfalls wie es fester Brauch, bemüht sie sich, das ganze Blatt – in Anbetracht der hohen Bezugskosten – von A bis Z zu genießen, nickt aber in der Mitte der ersten Feuilletonspalte rettungslos ein.

Da erscheint das Mädchen und meldet noch einen späten Besuch: Onkel Bolko ist da. Ursula empfängt ihn lächelnden Auges, und er spürt nicht, daß dieses Lächeln aus weiter Ferne kommt. Denn sein eigenes Lachen hat zu viel Macht, und das ist so unbekümmert und selbstgewiß, ganz so wie ein Freund, der eine gute und hilfreiche Tat mit sich bringt.

Wieder ruft er Viktoria! und als Ursula ihn jetzt scheu betrachtet wie ein Geweckter, der seinen Traum umklammert hält und nichts anderes will, da sprudelt er jugendlich heraus: Das Patent! Das Patent! Eine Goldgrube sei es! Die letzten 405 Versuche wunderbar gelungen! Ein großartiges Kaufangebot haben die Leute gemacht!

»Aber so dumm sind wir nicht, was, Ursel? Andere damit beglücken, fällt uns nicht ein. Selber wollen wir Millionäre werden!«

Ursula hört die Worte und versteht sie kaum. Dann klingt es ihr in den Ohren, eine brausende Musik. Und sie fühlt einen Schwindel, und jetzt begreift sie etwas und greift danach und hält sich daran, und ihr ist die Erde wieder nah und bietet ihr einen Grund, auf dem sie stehen kann.

Und sie steht aufrecht und sieht vor sich. Und denkt, dann ist also der Weg nicht zu Ende. Es geht weiter. Ueber den Abgrund führt eine Brücke.

Aber sie ist noch so weit ab von den Dingen, sie weiß nicht, ob sie sich freuen soll, und hat vergessen, wie man das macht. Und schon kommen ihr Zweifel. Wird diese Brücke auch tragen? Nun ist die Unruhe wieder bei ihr, all das Ueberwundene, die Bangigkeit und die Sorge.

Sie versteckt sich vor dieser Qual, aber dann will ihr natürlicher Sinn Klarheit haben, und sie fragt nach den Einzelheiten. Onkel Bolko – kann von Onkel Bolko Sicheres kommen? Aber er hat wirklich ein richtiges Angebot in der Tasche. Und der Preis ist verblüffend. 406

»Die Gesellschaft will ja was zahlen. Aber das ist uns viel zu wenig, was, Herrin?«

Ursula steht immer noch nicht so fest auf den Füßen, daß sie die Sachlage beherrscht.

»Wollen wir nicht morgen eingehender darüber sprechen?« Sie faßt sich nach dem Kopf.

»Du bist müde. Ich bin natürlich jede Stunde zu haben.«

»So viel Mühe hast Du Dir um mich gegeben! Und von Dir behauptet man, daß Dir alles gleich langweilig wird und Du ungern etwas zu Ende führst.«

»Diesmal war es ja für Dich.«

»Du guter Onkel Bolko!«

»Dann also morgen mehr. Ich bin selbst 'n bißchen unter Hochdruck. Rotenmoor! Alles geht drunter und drüber. Ich glaube, es ist jetzt Matthäi am letzten. Daß der alte Dieckhoff fort ist, weißt Du. Und Jochem beduselt sich jetzt mit Chloroform – seine neueste Lebensfreude. Uebrigens der Settevitzer ist nun auch hinüber. ›Abgebrannt‹ – der Witz ist von ihm selbst. Na ja, die Sonne, wenn sie so bei bleibt, wird noch mehr an den Tag bringen.«

Damit geht er. Ursula blickt ihm nach, ihre Blicke strömen wie durch ein offenes Tor. Und in der Nacht schläft sie wie eine Tote. 407

 

Ursula hat das Patent verkauft. Auf die Ausnutzung warten kann sie nicht. Onkel Bolko hat so viel wie möglich herausgeschlagen, auch eine Gewinnbeteiligung für die ersten fünf Jahre. Eichhof ist gerettet. Wie segnet Ursula ihres Vaters Arbeit! Was hat sie alles dem Laboratorium abzubitten!

Natürlich, es gilt weiter zu kämpfen. Daß man gegen neue Notlagen besser verwahrt ist. Aber Ursula tut es mit noch rauherem Fleiß und noch härterer Hingabe. Mein Eichhof – wenn wir jetzt nicht zusammengehören, dann gibt es keine Gemeinschaft auf der Welt!

Die Hitze hat noch eine Zeitlang gewütet, dann sind schwere Gewitter mit Wolkenbrüchen niedergegangen, vieles von dem, was die Glut verschont hat, ist durch das stürzende Wasser verdorben. Was aber keinen Schaden gelitten hat, das gedeiht jetzt prachtvoll, denn das fruchtbarste Wetter hat nach all der Unbill die Herrschaft gewonnen.

Ursula kann wie ein Kind in die Hände schlagen. Aber ihr Gesicht hat den herben Zug behalten. Und über allen weichen Regungen bleibt ihr Stolz und die Härte ihres Lebens.

Eichhof blüht langsam und kräftig auf, Ursula leitet und gebietet mit hochfahrender Sicherheit. Sie 408 ist geneigt, ihr Glück und ihres Vaters Leistung als eigenes Verdienst unter die Füße zu nehmen.

Da kommt eines Abends Onkel Bolko auf den Hof gesprengt.

Hastig tritt er zu ihr ins Zimmer. Sie fühlt, daß etwas Schlimmes geschehen ist, und gleich denkt sie an Anselm.

»Ist mit Anselm etwas?«

»Ja, der Junge ist verwundet.« Er kennt Ursulas Straffheit, man braucht bei ihr keine umwundenen Vorbereitungen, die durch Mißtrauen alles nur schlimmer machen.

»Um des Himmels willen! Schwer?«

»Es ist keine Lebensgefahr. Das Regiment hat telegraphiert: »Brustschuß. Nicht tödlich.«

Sie starrt verloren. Dann springt sie auf: »Ich will zu ihm.« Wie ein geängstigtes Kind ist sie, ganz kopflos, und zittert und krampft die Finger.

Er hat schon ihre Hand genommen. »Kleine Ursula, nun erst mal hübsch ruhig sein. Wer helfen will, muß doch überlegen –«

»In die Brust geschossen –!«

»Das klingt sehr schlimm. Aber hier hast Du einen vor Dir, dem ist auch mal 'ne Portion Blei durch die Brust gegangen. Und das aus einer alten 409 Kentucky-Büchse – Vorderlader – ein Stück so groß wie 'n Daumen.«

Und als sie ihn mit Argwohn betrachtet und gequält den Kopf umherwirft, öffnet er kurz fertig Weste und Hemd und zeigt ihr die Narbe.

Nun wird sie doch gefaßter. »Was tun wir bloß? Lieber Onkel Bolko, was sollen wir bloß tun!«

»Ich habe an sein Kommando gekabelt, nach dem Hauptquartier und an die großen Lazarette. Auf eine oder die andere Weise werden wir ja bald näheres hören. Auch vom Regiment bekommen wir gleich jede einlaufende Nachricht.«

Ursula ringt mit einer schlaflosen Nacht. Nun hab' ich mich in Sicherheit gefühlt, und wieder bin ich hinausgestoßen in die schlimmste Not. Wie heimtückisch spürt das Leben es aus, wo ich am verwundbarsten bin.

In dieser Nacht gräbt sich ein so bitteres Lächeln in ihr Gesicht, viel Glück ist nötig, diesen Zug wieder auszulöschen.

Onkel Bolko kommt am anderen Tage mit einer Meldung, die Hoffnung gibt. »Er ist im Lazarett. Das war meine schlimmste Sorge, daß er nicht bald genug die richtige Pflege hätte. Und der Schuß ist gutartig.« 410

»Ist die Lunge getroffen?«

»Ja, aber das bedeutet gar nichts. Die Kugel ist glatt durchgegangen und hat nichts Wichtiges verletzt. Hast Du eine Ahnung von der menschlichen Lunge. Meine hat doch damals auch 'n Loch gekriegt. Und was für eins! Gepfiffen hab' ich auch aus dem Loch. Aber es war längst nicht das letzte.«

Sie möchte ihm gern alles glauben und trägt doch so schwer, daß es sie fast zerbricht.

Nun kommt das Warten, das alte, gefürchtete, zerreibende, dieses Starren und Brüten, dieses ratlose Sichherumwerfen zwischen Hoffnung und Verzagen.

Und wieder bringt der Freund eine Nachricht. »Keine Komplikationen. Heilung schreitet fort.« Damit ist ein Halt gewonnen. Aber zur Freude ist man zu dumpf und zu zerquält. Und das Vertrauen ist so schwerfällig und verdrossen geworden.

Aber dann wird es licht. »Ist in der Genesung, hat das Bett verlassen.« Nun darf sie aufatmen und wieder in freier Kraft sich regen. Und der Frohmut kehrt zurück. Der ist ernster und versunkener geworden, dafür hat er mehr Gewicht und stillere Tiefen. 411

Bald heißt es, daß Anselm mit anderen Verwundeten in die Heimat zurückkehrt. Heute hat Ursula wieder ein Glück in der Hand, das sie hegt und liebkost, einen eigenen Brief von ihrem Jungen.

»Nun bin ich bald bei Euch,« damit beginnt er. Und dann fragt er nach tausend Dingen, um die er sich sonst nie gekümmert hat. Das spricht sehr dafür, daß er doch kurz davor gewesen ist, den ganz großen Abschied zu nehmen. Von sich selbst schreibt er nur das Bekannte, daß er verwundet worden, und daß es ihm jetzt wieder gut geht. Nichts Näheres, nichts Bestimmtes. Und gerade das fängt an, Ursula zu beunruhigen.

An dem einen Satz: »Ich hoffe, daß es nicht zu lange dauert, bis ich wieder Dienst tun kann,« deutet sie mit den feinsten Messungen herum. »Ich hoffe, daß es nicht zu lange dauert« – »nicht zu lange«, darin schlummert etwas. Ist das nur seine Ungeduld? So viel ist offenbar gewiß, daß es noch lange dauert. Und hat man ihm nicht vielleicht mit dieser an sich schon langfristigen Aussicht einen trügerischen Trost dargereicht? Welches Bild soll man sich von seinem Zustand machen!

Immer der alte! Immer der, der sich selbst als das Unwesentliche betrachtet! In diesem Falle hätt' er doch wirklich eine Ausnahme machen können. 412

 

Es war Winter geworden. Anselm kam nicht. Ursula hatte an den Oberstabsarzt geschrieben und ihn um ein ehrliches Wort über Anselms Zustand gebeten. Der schrieb zurück: Wenn der Verwundete sich schone, werde er voraussichtlich ganz wieder hergestellt werden. In den deutschen Winter aber dürfe er nun doch nicht so schnell hinein. Erst solle er nach Madeira. Dann vielleicht noch an die Riviera. Langsam müsse er sich die Heimat wieder erobern.

Das war ein Wort. Und Ursula sorgte dafür, daß es befolgt wurde. »Dabei bleibt es denn also,« schrieb sie an Anselm. »Und wenn Du recht brav bist, mein Junge, hol' ich Dich selbst.«

Hier war ein Ziel, das Ursula mit allem Ernst ins Auge faßte, und auf das sie in diesen Wintermonaten mit Kraft und Umsicht hinarbeitete. In der zweiten Hälfte des Februar wollte sie fahren. Aber das Schicksal fügte es anders.

Jochem schloß die Augen in Rausch und Verzückung. So wie er gelebt hatte, war sein Tod, und so hatte er ihn gewollt. Man fand nichts Schriftliches, keine letzten Wünsche und Bestimmungen. Nur eine flüchtige Aufzeichnung wissenschaftlicher Art, eine Selbstbeobachtung, hingekritzelt mit welker Hand. »Haschisch ist orange, mit einem Stich ins 413 Kupferrote, Opium heliotrop, Chloroform ultramarin.« Er hatte immer in Farben gelebt, geträumt und gefiebert.

Bernardine und Anselm waren seine Erben. Und wieder sagte Onkel Bolko: sie werden sich bedanken. Aber Ursula wußte, daß Anselm sich nicht bedanken würde. Im Gegenteil, viele Künste und Anstrengungen würde es kosten, ihn zurückzuhalten, daß er sich nicht sofort auf Rotenmoor und in die Arbeit würfe.

Sie schrieb ihm eindringlich, sie forderte von ihm, daß er bliebe. Rotenmoor verlangte einen ganzen Mann, und er müßte erst wieder ganz hergestellt sein. Sie wäre ja da, um nach dem Rechten zu sehen. Vorläufig ginge bestimmt nichts verkehrt. Wenn er so wenig Vertrauen zu ihr hätte, daß er jetzt seine Gesundheit und sein Leben aufs Spiel setzen müßte, dann sollte er nur kommen. Aber dann wäre es auch vorbei mit ihnen beiden!

Das wirkte. Anselm blieb, Ursula und Onkel Bolko übernahmen im Auftrage der Erben die Geschäfte von Rotenmoor.

Es war eine bitterböse Arbeit. Und Onkel Bolko wollte mehr als einmal Reißaus nehmen. Aber Ursula hielt ihn fest am Kragen 414

An jedem Abend sagte der Gefangene: »Es wird nichts.« Und immer bekam er zur Antwort: »Das sagt bloß Deine flatterhafte Seele, weil sie nicht flattern darf. Es muß werden und es wird.«

Doch wenn sie allein war, überlief sie ein Schauder vor der Trostlosigkeit dieser Wirtschaft. Und das sah sie klar: wäre nicht das Schloß mit seinen Kunstschätzen als Reservefonds da, so hätte es nun und nimmer eine Rettung gegeben. Auch so aber war die Aussicht nichts weniger als hell.

Der Betrieb von Eichhof läuft einigermaßen von selbst, so kann Ursula das Beste ihrer Kraft und Arbeit auf Rotenmoor verwenden. Mit welcher Freude müht sie sich für das Land, an das sie immer ganz sonderliche Fäden knüpften und das jetzt ihrem Anselm gehört! Nun ist es doch sein eigen geworden – all die fast wilden Träume, die er sich selbst verbot, haben sich erfüllt. Freilich – aus einem Kriege kommt er, in einen neuen muß er hinein. Und wie wird dieser Kampf enden? Aber es geht um das Beste! Und solange man noch einen roten Blutstropfen im Leibe hat, weicht man nicht aus dem Felde!

Ihr Briefwechsel mit Anselm ist lebhaft geworden. Wie viel hat das Leben ihr beigebracht, nicht das Rechnen allein, auch das Briefeschreiben. 415

Das meiste in diesen Mitteilungen ist trocken und geschäftlich, Angaben und Zahlen herrschen vor, und wenn eine Blume am Rande sprießt, versteckt sie sich scheu. Je näher die Zeit kommt, daß die beiden sich wiedersehen sollen, um so herber und spröder wird die Sprache dieser jungen Menschen.

Endlich, zu Ende April, zieht Anselm, der Herr, in Rotenmoor ein.

Ursula hat ihn aus Berlin abholen wollen, aber dann ist sie doch zu Hause geblieben. Die Frühjahrsarbeit gibt ihr keine Stunde frei, und sie trägt doppelte Pflichten. 416

 

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