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Auf eigener Erde

Max Dreyer: Auf eigener Erde - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleAuf eigener Erde
authorMax Dreyer
year1911
firstpub1911
publisherUllstein & Co.
addressBerlin-Wien
titleAuf eigener Erde
pages460
created20170406
sendergerd.bouillon@t-online.de
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3.

»Das ist meine Ursel,« sagt Herr von Eich, »meine kleine Instanz. Versteht von Landwirtschaft mehr als ich und ängstigt einen nicht schlecht.«

Der fremde Herr, Dr. Bernd Godenrath, sieht sie mit großen klugen Augen an, aber seine Verbeugung ist zum Aergern förmlich und tadellos. Sein Glück, daß er nicht liebenswürdig dazu lächelt! Dafür hat seine Kleidung wieder was Verletzendes, so gewählt ist sie. Mit Geschmack, wohl – aber gewählt. Wie zärtlich ist sie um den schlanken Wuchs besorgt! Nimmt sich der Vater nicht geradezu kümmerlich in der alten schlotternden graugrünen Joppe und dem lässigen Sporthemd neben ihm aus! Dabei ist der Vater ganz gewiß nicht schlechter gewachsen als der andere. Und das soll ihm erst mal einer nachmachen, mit sechzig Jahren noch so biegsam knabenhafte Glieder zu haben! Wenn Vater sich bloß den Vollbart wieder abschneiden ließe oder ihn doch besser pflegen wollte! Möchte sich über den nicht 30 das modisch gestutzte Schnurrbärtchen des Gastes lustig machen? Dann gnade ihm Gott!

Aber der Mund hat so gar nichts Mokantes. Sehr viel Junges und Offenes und Treuherziges. Und die Nase ist fein und das ganze Gesicht ist klar und offen. Etwas mehr Kraft könnte ihm wohl nicht schaden. Aber zimperlich und weich ist es doch auch nicht, dafür sorgen schon die mächtigen Narben auf Stirn und linker Backe. Und die Augen sind weit und gescheit, daran läßt sich nicht rühren. Nicht so tief und ungewöhnlich wie Vaters. Aber klug sind sie ganz gewiß.

Alles in allem hast Du nicht Unrecht, Pummel, wenn ich mir auch etwas ganz anderes vorgestellt habe. Außerdem ist er mir zu dunkelblond, so ganz auf der Grenze, wo der blonde Glanz erlischt. Dein Haar, Anselm, ist mir lieber.

Die Männer sprachen von Rom. Bernd hatte dort seine kunstwissenschaftlichen Studien abgeschlossen. Zum Herbst ging es nach Berlin, wo er als Assistent in die Museumsverwaltung eintreten sollte und alle Aussicht hatte, sich als Privatdozent zu habilitieren.

»Rom hat mich kläglich platt an die Wand gedrückt,« sagte Herr von Eich. »Was hatt' ich mir alles eingepaukt aus Gregorovius, Reumont und 31 Gsell-Fels – nun war ich da und sah den Wald vor lauter Bäumen nicht. Nach Rom soll man als barbarischer Eroberer kommen, wüst und ahnungslos und mit offenem Maul. Und die Stadt soll einem selber sagen, was sie einem zu sagen hat.«

Bernd nickte freudig dazu. »So ungefähr hab' ich es gemacht!« Und dann wandte er sich an Ursula. »Haben Ihre Gedanken für Rom etwas übrig?«

»Nicht viel. Kunst, die sich so breit macht, die ist nichts für mich. Und gegen große Städte hab' ich was.«

»Kennen Sie meine Ursel! Ihr wäre ein Büffel in der Campagna, und wenn er aus seinem Sumpfbad bloß die Nasenspitze raussteckte, tausendmal interessanter wär' ihr der als sämtliche Stanzen Raffaels und die ganze Villa Borghese.«

»Ich glaube auch!« rief sie tapfer.

Ueber die Campagna hatten die Herren sich noch manches zu sagen. Sie kamen auf die Tenutenwirtschaft und die Wasserverhältnisse zu sprechen. Und das Wasser trug sie zurück in die nächste Nachbarschaft, wo Herr von Eich, der für die Wünschelrute begabt war, als Quellfinder sich verdient machte.

»Mein Bruder Oberförster«, so erzählte Bernd, »ist heillos glücklich, daß Ihre Wünschelrute ihm den Quell auf der Heide nachgewiesen hat. Aber 32 theoretisch – sonst wäre er ja nicht er – schimpft er fürchterlich auf diese Unglaublichkeit.«

»Ja, darin ist er unerbittlich. Aber einer von den fidelen Fanatikern.«

»Ich habe heute noch darüber einen Disput mit ihm gehabt. Daß Menschen für atmosphärische Vorgänge ein besonderes Gefühl haben, daran zweifelt er nicht. Er sagt selbst, daß seine Hühneraugen die besten Wetterpropheten sind. Warum soll nun bei andern Menschen nicht ebensogut eine Empfindlichkeit für das Leben des Wassers in der Erdoberfläche vorhanden sein?«

»Nun sehen Sie! Und dabei versteigt sich diese Empfindlichkeit gar nicht mal so hoch wie die Hühneraugen, sie prophezeit gar nicht, sie regt sich für etwas, was jetzt, zu gleicher Zeit, wirklich da ist. Das Wasser rinnt ja wirklich wenige Meter unter mir. Und wer sich an der Rute als der Vermittlerin stößt –«

»Ich denke mir« – Bernd sprach jetzt wie ein lerneifriger Junge – »ich denke mir, die Rute als beschwerende und zugleich verfeinernde Verlängerung der Hand zieht gewissermaßen die Summe aller Eindrücke des Quellsuchers von der Gegend, der Bodenbeschaffenheit usw. in sich hinein. In der Rute vereinigt sich sein Gefühl für das Wasser.« 33

»Gewiß, die Bewegungen der Rute sind Reflexbewegungen. Daran zweifle ich gar nicht. Obwohl« – und hier leuchteten seine Augen so in die Tiefe, daß Bernd den Blick nicht von ihnen ließ – »es gibt auch hier ganz gewiß so mancherlei, was über unserer Weisheit ist. Ich bilde es mir nicht bloß ein, daß eine Rute, die auf demselben Boden gewachsen ist, die beste Vermittlerin abgibt, fast möchte ich sagen, eine lebendige. Warum nicht auch? Ihre Wurzeln haben von dem Wasser getrunken. Ist es so lächerlich, hier an besonderen Einklang zu glauben? Ich könnte Ihrem Bruder noch ganz andere Dinge vom Wasser und seinen Beziehungen zum Menschen berichten. Sehen Sie, wir haben in unserem Waldrevier einen Teich –«

»Vater!« unterbrach ihn hier Ursula grell, es klang angstvoll und zornig.

»Ja so. Davon darf ich wohl ohne Ursels Genehmigung nicht reden.«

»Und die werden Sie nicht erteilen?« fragte sie Bernd.

»Nein.«

Sie sagte es klar und fest, doch ohne verletzende Schärfe. Und so schluckte Bernd die Weigerung ohne nachhaltigen Schmerz hinunter. 34

Es gab eine Unterbrechung. Der Gutsinspektor, Vater Kasboom, stellte sich ein. Der Herr hatte mit ihm über Kornabschlüsse zu sprechen, der Knecht sollte dann mit den Briefen zur Post.

»Ich sehe Sie noch, Herr Doktor – eine Viertelstunde müssen Sie mich entschuldigen.«

So blieb Bernd mit Ursula allein.

»Ich hab' so große Freude an Ihrem Hause,« sagte er. Und es war ehrliche Wärme darin und keine Spur von Schönrednerei.

Darum fragte sie freundlich: »Gefällt es Ihnen so?«

Er nickte lebhaft und setzte ihr auseinander, warum es ihm so gefiel.

Das Haus war um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts gebaut, Barock und Rokoko, die die Paläste der großen Welt schufen und schmückten, hatten nur stille Grüße herübergesandt. Ganz in der Art, wie das Laute, Glänzende und Gebauschte nach ländlicher Einfalt sich hinaussehnt. In ungestörtem Traum lebte hier die alte Zeit. Am wenigsten durch das Mißbehagen erzwungener Stilreinheit gestört. Was an baulicher Ausstattung, an Einrichtung und Möbeln hinzugekommen war, schminkte sich nicht gewaltsam alt. Und so weilten hier Ahnen und Enkel natürlich und wohnlich im selben Raum. 35

So dachte er über das Haus, und davon sagte er ihr. Sie aber hörte es gerne.

Er sprach dann von der Geschichte ihres Hauses, doch hier verhielt sich Ursula kurz und spröde. Ihr Eigenes behielt sie für sich. Als er dann gleich in allgemeine Betrachtungen einlenkte, regte sich ihr Groll gegen die Schule und den Geschichtsunterricht.

»Was sollen wir da alles lernen von Semiramis und Themistokles und den punischen Kriegen. Du lieber Gott, was geht denn mich das an!«

»Das ist ganz mein Fall,« sagte er munter, »darum bin ich auch einfach klassisch ungebildet geblieben. Und wenn mich auf der Schule die Mathematik nicht 'rausgerissen hätte –«

»Sie können Mathematik?« In ihrem Gesicht war ein Gemisch von Abscheu und Bewunderung. »Nun ja, Sie sind ja auch aus einem Kaufmannsgeschlecht.«

Das klang nicht hochachtungsvoll, und er entgegnete mit komischer Zerknirschung: »Ich kann es nicht leugnen.«

»Und aus Hamburg sind Sie auch?«

»Auch das noch,« fügte er noch düsterer hinzu.

Sein Ton machte ihr Spaß, und sie sagte ihm mit kindlicher Offenheit: dafür, daß er aus Hamburg sei und so gut rechnen könne, gefalle er ihr ganz gut. 36

Auch habe bei jener Abneigung wohl der Neid die Hand im Spiele. Denn ihr selbst sei Adam Riese ein Buch mit sieben Siegeln. Was im übrigen gar nicht zum Lachen sei, vielmehr für sie und ihren landmännischen Beruf seine schweren Bedenken habe.

Dabei zog sie die Stirne kraus. Sie sprach nicht gern von der Rechnerei. Und schnell wandte sie sich zu andern Dingen.

»Sie sind aus einer Hansestadt. Ich möchte natürlich nicht um die Welt eine Städterin sein. Aber wenn ich eine sein müßte, dann am liebsten eine Hanseatin. Nicht gerade aus Hamburg. Lieber aus einer der kleinen Hansestädte, aus Lübeck, Wismar oder Stralsund.«

»Dann sind wir doch nicht so ganz ohne seelisches Band.«

»Und das kommt, glaub' ich, alles von meinem alten Giebel.«

»Wer ist denn das, wenn ich fragen darf?«

»Das ist mein bester Freund in der kleinen Stadt, wo ich in Pension bin. Die Stadt ist alt und hatte auch mit der Hanse zu tun. Und da hab' ich nun gerade vor meinem Fenster ein altes Kaufmannshaus mit einem wunderschönen gotischen Giebel. Morgens ist er das erste, was ich sehe, und jeden Abend sag' ich ihm gute Nacht.« 37

Er hörte ihr zu mit freudigen Augen.

»Und so kommt es denn, wenn ich das Wort ›Geschichte‹ höre, dann denk' ich nicht an Romulus und Remus. Dann seh' ich immer den alten Giebel. Der ist – ja wie soll ich sagen –«

»Der ist Ihnen einfach das Titelbild für Geschichte.«

»Ja ja, ganz recht. Und nun wissen Sie, warum ich für die Hansa und die Hansastädte etwas übrig habe. Obwohl mir Städte etwas Gräßliches sind.«

Sie war gern mit ihm zusammen. Seine Art, ihr zuzuhören und auf ihre Worte einzugehen, tat ihr wohl. Und gut anzusehen war er auch. Sein ganzes Wesen war jung und treu, und er fühlte sich nicht mehr als sich gehört. Dann hatte er sich dazu bekannt, daß er musikalisch sei, ganz gewiß spielte er gut. Und für Musik war sie zu haben. Ihr eigenes Spiel genügte ihr nicht, und der Vater setzte sich nur noch selten an den Flügel.

Es war ausgemacht, daß er wiederkommen mußte. Sie fragte ihn, wann er nach Berlin ginge und ob er dann immer da bliebe.

»Ja, aber es gibt ja oft genug Ferien. Und meine Ferien verlebe ich hier.« 38

Herr von Eich trat wieder ein. Für Bernd war es höchste Zeit, daß er sich empfahl. Als gute Freunde nahmen sie Abschied voneinander.

Und freundliche Nachrede war es, was dem Gehenden das Geleite gab.

»Der Mann gefällt mir,« sagte Herr von Eich. »Er hat was Helles und Reinliches.«

»Ja, gut zu leiden ist er wohl. Und es ist gut, daß er wiederkommen will. Bloß –«

»Was?«

»'n bißchen reichlich fein ist er. Mit seinem ganzen Wesen immer so in der guten Stube. Wenn er ruppiger wär' und mehr im Freien, dann wär' er mir lieber.« 39

 

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