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Auf eigener Erde

Max Dreyer: Auf eigener Erde - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
booktitleAuf eigener Erde
authorMax Dreyer
year1911
firstpub1911
publisherUllstein & Co.
addressBerlin-Wien
titleAuf eigener Erde
pages460
created20170406
sendergerd.bouillon@t-online.de
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38.

Dies wurde ein harter Winter für Ursula von Eich, hart in Arbeit, hart durch schwere Bedrängnis, durch Einsamkeit und Seelennot.

Sie hatte dem Jahresabschluß mit vollem Vertrauen entgegengesehen. Jetzt aber trafen sie Fehlschläge über Fehlschläge und Unglück über Unglück.

Die Ernte war schlecht gewesen, aber bisher hatten die Kornpreise sich wenigstens in leidlicher Höhe gehalten. Ganz plötzlich – der Himmel und der Zwischenhandel wußten warum – fielen sie unheimlich und blieben in der Tiefe und wollten nicht wieder heraus.

Ursula tat zuerst, was alle taten, denen die Not nicht auf die Finger brannte, sie ließ lagern und wartete auf bessere Zeiten. Aber da diese nicht kommen wollten – was anfangen? Die Hypothekenzinsen mußten bezahlt werden, die Rechnungen trafen ein für neue Maschinen, für Ausbesserungen der Gebäude, für künstlichen Dünger, Steuern und 388 Versicherungsbeiträge waren fällig, die Beamten und Dienstleute wollten ihren Lohn.

Ursula mußte nun doch ihr Korn für den jammervollen Preis losschlagen. Ein schwacher Trost war es, daß der Wollmarkt ein freundliches Gesicht zeigte, daß die Kartoffeln lohnten und daß Eichhof in der Lage war, Stroh abzugeben. An dem ganzen Bilde ward dadurch nichts geändert.

Langsam erholte sie sich von diesem Schlag. An den jungen Kälbern hatte sie ihre Freude. Sie hatte die Eichhofer Zucht mit schottischem Blut aufgefrischt, der Versuch schien trefflich gelungen zu sein.

Dann atmete sie wieder freier, und höher trug sie den Kopf. Und in die dunklen Stunden nach der Arbeit, die so sehr unter der Verlassenheit litten, kam ein Lichtschimmer.

Trübe und schwer sind diese Winterabende. Und was von dem Erlebten und Vergangenen sich hier einfindet, hat etwas klagend Schattenhaftes. Da muß man schon stark sein, daß man nicht verzagt und der Zukunft treu bleibt.

Und in diesen Stunden, da die Sorge um Eichhof ermüdet ist und ihre Ruhe sucht, preßt sich um so schwerer die Not um Anselm, ihren Einzigen, an sie. Noch immer weiß sie nichts von ihm. Wieder bringt die Zeitung Nachrichten vom Kriegsschauplatz. Jeden 389 Tag sucht sie nach ihnen mit fiebernder Hand und stockendem Herzen.

Die Mahlzeiten nimmt sie allein. Niemand ist in ihrer Nähe, mit dem sie ein Freundschaftliches verbindet. Ihr Verkehr mit dem alten Inspektor ist Arbeit und bleibt in der Arbeit. Die Einsamkeit aber macht sie immer bitterer, spröder und ferner.

Früher hat sie mit den Leuten Fühlung gehabt, hat nach ihrem Leben sich umgetan, ist mit den Kindern freundlich gewesen, hat mit den alten Leuten sich in der guten alten Zeit ergangen. Für alles das fehlt ihr heute die Muße und jeglicher Trieb. Nicht zum Nutzen ihres Eichhofs, denn so wie es früher war, ließen die Leute sich lenken und halten. Heute aber zeigt sich genug der Unzufriedenheit und der Veränderungssucht. Doch sie kann sich nicht zwingen, nicht zu Empfindungen, nicht zu Worten.

Und das Ungemach greift weiter. Heute läuft ein eingeschriebener Brief vom Aufsichtsrat der Zuckerfabrik ein, an der auch sie beteiligt ist. Große Veruntreuungen seien aufgedeckt, der schuldige Direktor habe Hand an sich gelegt. Nun sei es Sache der Gesellschafter, die Verhältnisse zu sanieren. Eine außerordentliche Generalversammlung solle in acht Tagen stattfinden. 390

Das heißt also, statt der Dividende, auf die sie schon stark gerechnet und die sie bereits in Anschlag gebracht hat, muß sie jetzt selbst in den Säckel greifen. Und wie traurig sieht es darin aus!

Nun will die Verzagtheit wieder die Oberhand gewinnen, aber wacker hält sie ihr stand. Und wenn der eine Gedanke sie anfechten möchte: warum hast Du Dir selbst den Kampf so erschwert, warum mußtest Du die Hand zurückstoßen, die Dir helfen wollte, wie könntest Du jetzt hier thronen in Herrlichkeit – dann hob sie sich auf und wehrte sich: nein, so wie ich Eichhof habe, in Not und Schmerzen, durch mich und treu mir selbst, so will ich es haben und halten. Nicht in der Herrlichkeit, für die ich mich hätte zwingen und von mir hätte abfallen müssen.

So oft sie von Zwangsversteigerungen liest, von Besitzern, die sich vom Hofe hatten vertreiben lassen, dann fragt sie sich: wie ist das möglich? Von seinem Hofe sich vertreiben lassen – wie kann man das?

Wenn die dunkelsten Stunden ihr selbst eine solche Wendung nahe rücken, dann findet sie für sich die Gewißheit: lebendig bringen sie mich nicht von meinem Eichhof fort! Und sie denkt an ihren See 391 im Walde als den guten Freund, auf den man sich jederzeit verlassen kann.

Nun kommt auch endlich, mit so viel Schmerzen erkauft, die Nachricht von Anselm. Sie hält seinen Brief in der Hand und denkt nicht daran, ihn zu öffnen, und will gar nicht wissen, was darin steht. So glücklich ist sie, daß sie von ihm etwas bei sich hat.

Nach einer Weile erst liest sie. Er hat von ihr gehört, daß sie sich von Bernd getrennt hat und daß der Vater gestorben ist. Er schreibt nur vom Vater, und er darf alles schreiben, was er fühlt und denkt, er ist der einzige, mit dem sie über den Toten reden kann. Er hat den Vater lieb gehabt, er hat ihn verstanden, und der Verlust hat ihn schwer getroffen, mit einem zornigen Schmerz. »Man hat sich im Felde gewöhnt, vom Tode leichter zu denken, lichter möchte ich sagen und freundschaftlicher. Hier aber stehe ich vor etwas Dunklem, Bösem und unfaßbar Feindseligem. Und Du – immer muß ich an Dich denken und wie Dein Leben jetzt aussieht.«

Dann berichtet er auch von sich selbst, daß er ein paar Patrouillenritte hinter sich habe, daß es jetzt Pulver zu riechen gebe. Und aus jedem seiner Worte fühlt man, mit welch starker Freudigkeit er Feldsoldat ist. 392

Die Nachrichten sind gut, so gut wie Kriegsnachrichten nur sein können. Und Ursula liest sie mit gehobenem Vertrauen. Aber ein wehes Gefühl flicht sich hinein.

Anselm – nun bist Du noch aufrechter, noch eigener und sicherer geworden. Von dem Jungen hast Du jetzt nicht mehr viel. Und doch wollte ich, Du brauchtest mich und wärest auf mich angewiesen. So aber hast Du Dich immer mehr von mir losgelöst, wie sich alles von mir loslöst.

Schriebst Du nicht, daß Du das Land, um das Ihr kämpft, geradezu lieb gewinnst und Dir dort gern eine Farm kaufen möchtest? Nun, warum auch nicht! Und es soll mich nicht wundern, wenn ich auch Dich verliere. Und Dich nie wiedersehe.

Sie hüllt sich in einen trotzigen Schmerz. Aber das Weiche, das Zarte und Zärtliche kommt doch auch wieder über sie. Und zu solchen Zeiten sagt sie: mich friert, so um den Nacken friert es mich. Ich glaub', mir fehlen doch zwei Arme, die mich lieb haben.

Jetzt taucht auch Onkel Bolko wieder auf, und er bläst Viktoria. Zwei landwirtschaftliche Versuchsanstalten haben das Zersetzungsmittel erprobt, beide sind höchst befriedigt. 393

Ursula hört es kaum. Ihre Gedanken sind bei den Wintersaaten. Bisher hat mildes Wetter geherrscht, jetzt ist scharfer Frost eingetreten. Und dabei liegt kein Körnchen Schnee. Wenn das so weiter geht, kann man sich auf etwas gefaßt machen.

Und als ob sie noch nicht genug mit Kümmernis beladen sei – jetzt regt sich der eine Hypothekengläubiger, der Herr Kommerzienrat und Kohlenhändler aus Stettin, er verlangt fünf Prozent für seine Hypothek. Wenn ihm die nicht gewährt werden, müsse er kündigen.

Ursula fragt mit einem lachenden Grimm: Was kommt nun? Was wird jetzt das Nächste sein?

Ihr junger Nacken, um den es sie friert, bleibt ungebeugt. Doch sie braucht all ihren Mut und ihre Kraft, denn ihr Leidensweg ist noch nicht zu Ende.

Vor zwei Jahren hat sich einmal unter dem Schweinebestand von Eichhof, der in der ganzen Gegend berühmt ist – alte Berkshire-Zucht – die Schweineseuche gezeigt. Sie ist damals sorgsam bekämpft worden und schnell erloschen. Sind einzelne Tiere nun doch Träger des Ansteckungsstoffes geblieben – ganz plötzlich stürmt die Krankheit jetzt nach Jahren wieder los und gewinnt allen Mitteln 394 zum Trotze eine furchtbare Ausdehnung. Der Bestand ist so gut wie vernichtet.

Ursula gibt sich mit halben Maßregeln nicht ab. Die Desinfektion des Stalles genügt ihr nicht. Sie läßt ihn vollständig niederreißen, den Bauschutt und die alten Steine sorgfältig entfernen und ein neues Gebäude aufführen. Natürlich deckt die Versicherung nur den geringsten Teil dieses Schadens. Und Ursula weiß, daß ihre Mittel jetzt erschöpft sind. Aber was sie tut, tut sie ganz.

In den schlimmen Abendstunden fällt dann wieder die Unglücksfrage über sie her: Was hab' ich verbrochen? All ihren Ernst, all ihre Stärke und ihren Stolz muß sie zusammennehmen, um die freie Höhe zu halten: was ich getan habe, ich würde es wieder tun! Was ich gewählt habe, ich will es auch heute noch! Mein Dasein für mich!

Aber einen Menschen muß sie haben. Daß sie nicht ertrinkt in dieser entsetzlichen Einsamkeit. Und wie ein Ertrinkender klammert sie sich an Onkel Bolko, der sie eines Abends besucht.

»Ich will nicht, daß Du so meuchlings wieder verschwindest! Du sollst es wenigstens vorher sagen! Und zunächst einmal sollst Du hier bleiben! Ich habe viel und oft mit Dir zu reden! Ich will es nicht, daß Du so heimlich auskneifst.« 395

Das ist gewiß kein wehleidiges Bitten, ein schmerzliches Fordern ist es. Und sie schüttelt den alten kleinen Herrn, daß ihm die Zähne klappern und der Atem vergeht. Er aber erkennt ihre ganze Bedrängnis, und da er sie lieb hat, bändigt er sein vom Alter sowieso beschwertes Abenteurerblut und bleibt.

Nun haben die beiden hie und da auch ein Plauderstündchen zwischen den Schlachten. So bekommt Ursula auch wieder mehr von Rotenmoor zu hören, von Jochem und seinem verschäumenden Leben. »Er verblutet sich mit Genuß,« hat Anselm gesagt. Wieder hat Jochem Land verkauft, diesmal zu einem Spottpreis. Nun hat das alte herrliche Rotenmoor bald ein Drittel eingebüßt. Ursula faßt ein Jammer an.

Jochem spielt jetzt Theater. Im Schlosse haust eine Komödiantentruppe. Abwechselnd führen sie Jochems Stücke auf und feiern Orgien. Dabei kann sich Jochem in ein Flagellantentum stürzen – doch so, daß eine weibliche Hand die Geißel schwingt. Dann aber packt ihn auch wieder der richtige Weltekel, er vergräbt sich in seine Mönchsklause und bleibt tagelang allein mit seinen Meßgewändern und Saiteninstrumenten. »Ein gemischter Aufguß von Nero und Karl dem Fünften,« sagt der Onkel. 396

»Und ist es jetzt nicht wirklich Zeit, nach dem Kreisphysikus zu schicken?« fragt Ursula entschlossen. »Wollen wir jetzt nicht wirklich mal ernsthaft an Anselm denken? Und zu retten suchen, was noch zu retten ist?«

Onkel Bolkos Gesicht ist kummervoll. »Wie viel hab' ich daran gedacht! Was für Rechtskundige und Sachverständige hab' ich gefragt. Ehe er nicht mordet und sengt und brennt, läßt das Gesetz uns nicht an ihn 'ran. Und im übrigen – ich glaube, wir kämen heute auch zu spät. Anselm würde sich wohl hüten, jetzt noch Rotenmoor zu übernehmen. Es ist kaum mehr zu halten.«

»Anselm würde es halten. Und nie und nimmer läßt er es in andere Hände, darauf kannst Du Dich verlassen!«

Aber näher als dieser vorausgesetzte Kampf Anselms um Rotenmoor liegt ihr der eigene um ihr Eichhof, der wirklich ist, furchtbar wirklich, und dessen Ausgang anfängt ganz zweifelhaft zu werden. Darüber ist sie sich völlig klar. Aber die eine Gewißheit hat sie, daß dieser Kampf ein Kampf um ihr eigenes Leben ist. Diese Sicherheit, tödlich und groß, ist ihre Macht, ein Unerbittliches und gerade darum ein Trost und ein Halt. 397

Jetzt, nach Weihnachten, wo die strengste Kälte einsetzte, war auch Schnee gefallen. Die Saaten waren, wie Onkel Bolko scherzte, noch mit einem blauen Auge davongekommen.

Und dann ging es an die Frühjahrsbestellung. Gut mußte das Jahr werden, sonst war sie verloren – das wußte Ursula, und mit harten, klaren Augen blickte sie auf das, was wurde.

Der Schnee hatte seine Pflicht erfüllt. Die Saaten waren frisch und lebensfähig. Der Roggen am verheißungsvollsten, von ihm mußte auch das Heil kommen.

Und die Frühjahrsmonate waren günstig, sie brachten langsam steigende Wärme und die rechte Mischung von Regen und Sonnenschein.

Aber dann blieb die Sonne Alleinherrscherin. Sie wollte nachholen, was sie in den beiden letzten Jahren versäumt hatte, und das war vom Uebel.

Das Gras wollte nicht wachsen, mit der Sonne hatte sich ein trockner Wind verbündet, die Wiesen verkümmerten. Das Gespenst der Futternot ging um. Und das Korn, all das viele Korn, wurde saft- und kraftlos und trauerte so hin.

Dann wurde es dem Winde selbst der Glut zu viel. Der Atem ging ihm aus, man konnte hören, wie er verröchelte. 398

Und nun diese sengende, brütende Stille. Ueber der Erde kocht die Luft in zitternden Stößen. Am Himmel starrt die Sonne gelb und fahl in giftigem Haß. Der Himmel selbst ist wie geschmolzenes Blei, am Rande fallen Tropfen von glühendem Metall. weiße Flammen zucken und flackern.

Mittagsruhe – sie ist wie der Tod in der Wüste.

Ursula stiert mit dumpfen Augen über ihr verbrennendes Land. Nun ist es vorbei: dies ist das Ende. Ein Verschmachten ist das Ende.

Sie legt sich betäubt auf ihr Ruhebett. Auch ins Zimmer wälzt die weißglühende Luft ihren fressenden Staub. Er ätzt sich in die Augen, in die Lunge, das Leben tut weh.

Und Ursula sehnt sich nach Schmerzlosigkeit. Ihr ist es, als habe sie einen reichlichen Becher voll Ungemach und Qual zu leeren gehabt. Jetzt ist es ihr genug.

Sie schließt die gequälten Augen. Nichts von Arbeit will sie wissen, sie will nichts denken, nur Ruhe, Ruhe möchte sie.

So liegt sie und dämmert. Und sie fürchtet sich, wieder herauszukommen aus diesem Schattenland. Sie fürchtet das Licht und die unbarmherzige Sonne. Sie wühlt sich tiefer in Dumpfheit und ein mattes Hinsterben. 399

Dies also ist der Ausgang. So ist der Abschied. Aus der schleichenden Mattigkeit trägt es sie nun doch empor über die Dinge, daß sie ihren ganzen Lebensweg überschaut. Er war nur kurz, aber er war reich, denn er führte durch viel Glück und durch große Mühsal.

Keine Klage kommt ihr, kein Zorn, kein Unmut. Und doch – auf die Frage: möchtest du noch einmal wieder von vorne anfangen, hat sie jetzt ein abwehrendes Nein. Es ist schon gut so, daß ich in der Müdigkeit gelandet bin und nichts mehr will, als ohne Willen sein.

Aber noch einmal leuchten die Höhen ihres Lebens vor ihr auf: mit Anselm beginnt es, mit Anselm geht es aus. Ihre Kinderspiele, die Kämpfe ihrer Jugendzeit, all die lieben Qualen und süßen Wunden, und dann das stolze, spröde Sichverlieren und die Schauer eines geahnten und ersehnten Sichwiederfindens.

Dann die Liebe zu ihrem Land, von der sie glaubte, daß sie nicht mehr wachsen könne – und doch ist sie gewachsen, unter all der Not, wie große Gefühle vom Schmerz gesegnet werden.

Und jetzt ist dieses ihr Land verwünscht, die Sonne hat es verflucht. Alle Liebe muß sich 400 verhüllen und verstecken und muß die Augen schließen und darf nichts fühlen – nichts fühlen –

Da – durch die geschlossenen Wimpern hindurch – Ursula spürt, daß ein leiser Schatten durch das Zimmer sich tastet – ist etwas mit der Sonne – zieht eine Wolke herauf? Kündet die Erlösung sich an, der Segen? Gibt es noch ein Heil?

Sie geht ans Fenster, nicht stürmend, mit halben Sinnen und halber Hoffnung. Ja, da wandert etwas an der Sonne vorüber, eine kleine weiße Wolke, jetzt sieht man sie und hinter ihr der Sonne scharfen unerbittlichen Kreis.

Aber die Wolke ist nur ein Spiel. Denn sie ist die einzige am ganzen Himmel. Wie eine grausame Laune lächelt sie zu der Not, wie im Tanzschritt bewegt sie sich und dreht sich und rafft ihr Gewand. So höhnt sie hinunter zu der gequälten Erde.

Nein, nein, es ist nichts und soll auch nichts sein. Denn wäre es wirklich etwas, es käme ja doch zu spät und könnte keine Hilfe mehr bringen. Es ist schon gut, daß nichts mehr an der Entscheidung rüttelt. Und nun nicht mehr um die Sicherheit herumirren. Ihr weiter entgegengleiten, schmerzlos und träumend.

Zurückschweben, leise schwimmend durch die Zeit zu den stillen Höhen des Erlebten. Zu des Vaters 401 Füßen sich schmiegen, dessen Tod wie ein furchtbarer Irrtum des Schicksals war. Und sich heben in den Glanz seiner großen unsterblichen Augen.

Und all des Guten gedenken, das wie eine Brücke ist zu dem guten Jenseits. An Bernds zartgestimmte weiche Innigkeit. Viel hab' ich Dir zu Leide getan! Aber glaub' es mir, es wäre noch mehr geworden, noch viel schlimmer, wenn Du mich bei Dir behalten hättest. Dir soll es so gut gehen! Das Leben soll Dir noch so viel Freude bringen! Ich weiß, Du wirst um mich trauern, obwohl Du mich ja längst verloren hast.

Du aber, Anselm, mein Junge – was wirst Du sagen, wenn Du mich nicht wiederfindest? Wie oft hast Du von mir gedacht, wie glücklich ich sei, daß ich mein Eichhof habe. Daß es nun so mit mir kommt, mit meinem Eichhof und mit mir, daß ich es verliere, das hast Du nicht erwartet.

Nun fängt ihr Herz doch an, sich wieder zu regen und mehr nach dem Leben hinüberzuschwingen. Wie war das doch? Wolltest Du Dir nicht eine Farm dort in der Kolonie anschaffen? Und ich, die ich jetzt auch heimatlos werde, warum gehe ich nicht zu Dir? Gehören wir nicht zusammen? Jetzt viel mehr als jemals, weil ich jetzt auch kein Land mehr besitze. Und nichts habe als Dich! 402

Warum fahre ich nicht zu Dir? Nein, nein, ich bin zu müde und schwach. Ohne Eichhof bin ich nichts wert. Eichhof ist meine Kraft, und mit ihm geht meine Kraft von mir. Du würdest mich mit Kopfschütteln ansehen und mich gar nicht wiedererkennen.

Damals, als wir Abschied nahmen – ich zog Dich an mich und ich sehe immer noch Deine Augen, niemals war so viel in einem menschlichen Auge, so viel erschrockenes und wehes Glück – was war es, was ich zu Dir sagte? »Wenn Du wieder hier bist, kämpfen wir um Rotenmoor!« Ein schöner Kämpfer bin ich jetzt! Nichts bin ich mehr, nichts, nichts, da mir mein Eichhof verloren geht. Hättest Du das wohl geglaubt?

Fürwahr, es wär' mein Höchstes gewesen, Dir helfen zu können! Und ich habe mir gedacht – aber das denken, nein, nichts denken – nichts denken –

Abschied haben wir ja genommen – und einen schönen Abschied – und Du – ja, Du bist doch immer mein Bestes auf der Welt gewesen – Anselm, Du mein Junge! 403

 

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