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Auf eigener Erde

Max Dreyer: Auf eigener Erde - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
booktitleAuf eigener Erde
authorMax Dreyer
year1911
firstpub1911
publisherUllstein & Co.
addressBerlin-Wien
titleAuf eigener Erde
pages460
created20170406
sendergerd.bouillon@t-online.de
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36.

Schlimm stand es um den Weizen. Er wollte nicht reifen in dem naßkalten Sommer. Nun legten ihn schwere Regenschauer nieder. Und als jetzt sonniges Wetter sich einfand, lagerte er und hielt die Aehren am Boden und im Dunkeln. Kein Wind kam, ihn wieder aufzurichten. So kränkelte das Korn, das kein Licht und keine Luft hatte, und der Rost fraß an ihm.

Traurig war die Weizenernte.

Das lag Ursula jetzt mehr auf der Seele als der Abschied von Bernd.

Mit dem Vater hatte sie über die Trennung nur weniges gesprochen, in ihrer kurzen bestimmten Weise. Er kannte sein Kind, wie sie alles auf des Messers Spitze stellen mußte, wie scharf ihre feine Empfindung, wie unerbittlich sie trennte. Mit Einwendungen, Erwägungen und Besänftigungen war hier nichts getan. Und mit Forschen, mit Bohren und Wühlen wurde alles noch verschlimmert. Nur 365 das Leben selbst und die Jahre konnten hier das Schneidende abstumpfen und mildern. Sein Alter aber glaubt an den Wandel und steht auch hier nicht vor Unversöhnlichem und Unabwendbarem. So blieb es ruhig zwischen Vater und Tochter.

Auch hatte der Tag so viel Arbeit für sie beide, wenn sie zusammensaßen, waren sie müde und freuten sich der Stille.

Wenn Ursulas Gedanken Eichhof verließen, gingen sie weit fort, über Länder und Meere.

Von Anselm war ein langer Brief gekommen. Er schrieb aus einer Gehobenheit. In seinen Worten war ein Glück, ein karges, hartes, aber ein Glück.

Er schrieb, wie das Im-Felde-liegen, die Drangsal, die Entbehrungen, das Einsetzen aller Kräfte ihn fröhlicher mache, leichtgestimmter und leichtsinniger als er es je gewesen. Wie viel Freude er gefunden habe an Menschen, wie viel Herrliches er gesehen habe von Mut und Hingebung, von Begeisterung, von Kameradschaft, von Hilfe und Treue. Er schrieb davon, wie man die Todesnähe als Gottesnähe fühle, was für reine und gute Gedanken einem kämen aus einsamer nächtiger Feldwacht. Und von dem Lande selbst schrieb er, dem spröden, dem harten, dürren und dornigen, daß es etwas Seltsames habe, was einen festhalte, wie es 366 häßliche Menschen gebe, die einen absonderlich fesseln. Etwas zum Liebgewinnen könne es haben. Und er habe schon daran gedacht, wenn der Friede geschlossen sei, ob er sich dann nicht hier als Farmer ansiedeln solle.

Das wirst Du nicht tun, meinte Ursula sehr bestimmt. Denn ich will nicht, daß immer Tausende von Meilen zwischen uns sind. Hier will ich Dich haben! Aber sonst ist es gut, daß Du die Schwingen brauchst zu leichterem und freierem Flug.

Die frohe Stärke seines Briefes, den sie wieder und wieder las, mehrte ihre Zuversicht, daß in den schwersten Gefahren das Glück bei ihm sein werde. Und so wurde Anselm, der im Felde lag, eigentlich das Licht in ihrem mühereichen und sorgenvollen Leben.

Es galt nun doch, möglichst bald die Hypothek zu beschaffen. Denn es war vorauszusehen, daß das Geld in nächster Zeit immer teurer werden würde. Und des Landmanns Kredit mußte noch mehr leiden, wenn erst die Folgen der schlechten Ernte noch greifbarer hervortraten.

Eine Zeitlang dauerte es, ehe Vater Eich, scheu wie er vor Empfindungen war, die Unbefangenheit gewonnen hatte, mit Ursula überhaupt wieder über diese Dinge zu sprechen. 367 Und auch so geschah es behutsam, hier blieb etwas zwischen ihnen, und Ursula hat es lange beklagt, daß solche Trübung gerade in dieser Zeit sich einstellte, die noch einmal von der herrlichsten und reinsten Zusammengehörigkeit hätte erfüllt sein müssen. Denn so, anstatt zu trösten über das Schwere, was nun hereinbrach, warf sie darauf noch einen schmerzlicheren Schatten.

Eines Abends – Ursula hatte die Kartoffelernte beaufsichtigt und reckte sich müde im Lehnstuhl, der Tisch war zum Abendessen gedeckt, der Vater und Doria, die wieder im Laboratorium wirkten, ließen noch auf sich warten – da hörte sie von dorther einen dumpfen Knall. Und danach den Aufschrei einer weiblichen Stimme.

Ursula lief hinauf und stürzte in den Saal. Qualm füllte den Raum, ein widerlicher Dunst. Sie forschte nach dem Vater, er saß auf einem Stuhl, Doria stand neben ihm. Und jetzt sah sie, daß ihm das Blut über die Stirn rann. Sie lief zu ihm, unter ihr knirschten Glassplitter.

»Vater, was ist bloß?«

»Nichts, nichts Schlimmes,« sagte er und seine Worte lächelten. Und dann hob er die linke Hand 368 und besah sie, die Finger waren zerrissen, das Blut spritzte hoch auf.

Doria schnürte sofort die Hand mit einem Tuche ab.

»Ich hole den Arzt!« rief Ursula.

»Erst hilf mal! Besorg Wasser!« befahl Doria. Sie nahm den Verbandkasten, der bereit stand.

An der Hand war eine Arterie zerschnitten, sie mußte zuerst besorgt werden.

Doria, die ein gelernter Heilgehilfe war, machte einen Verband, der das Blut zum Stehen brachte. Ursula hatte ihr Dienstreichung getan. »So,« meinte Doria, »wenn Du jetzt nach dem Arzt fahren willst –«

»Ach Kinder, was soll der Arzt,« rief Vater Eich mit tiefer, urgesunder Stimme, »wegen der kleinen Fleischrisse. Doria kann das ebenso gut.«

»Hoffentlich ist nichts mit dem Kopf!« Doria hatte hier schon das Blut abgewaschen. »Da geht es tief. Und ich traue mich doch nicht so recht mit der Pinzette hier hinein.«

Ursula war schon an der Tür. »Ich will bleiben. Ewald soll den Doktor holen.« Sie ging hinaus und ließ anspannen. 369

Als sie zurückkam, holte Doria mit der Pinzette einen Glassplitter aus der Wunde. Vater Eich lachte dazu, denn es tat weh.

Ursula sah mit großen, geängsteten Augen auf sein Gesicht, das sich doch ein wenig verfärbt hatte. Jetzt mußte er auch mit leichtem Schwindel und einer Uebelkeit kämpfen. Aber er zwang das alles unter sich.

»Schade, Doria,« sagte er, »hätte die Retorte den Druck ausgehalten, hätten wir's gehabt!«

Doria war ganz bei der Kopfwunde. »Ich möchte da doch nicht weiter suchen. Der Doktor muß das machen.«

»Nun gut, dann wollen wir also zum Abendbrot.«

Er ließ auch auf die Kopfwunde einen Notverband legen. Dann erhob er sich frisch. »Danke! Sie sind ein Allerweltskerl. Uebrigens –« Er deutete sehr besorgt auf Dorias Hals. »Sie haben da ja auch etwas –«

Gleichgültig griff sie mit der Hand dahin. »Ach, das ist ja nur eine Hautschramme.« Und dabei lief ein Sonnenschein über ihre Mienen vor Freude, daß sie auch hierin mit ihm etwas teile.

Sie gingen nach unten. Herr von Eich aß ohne Appetit, aber er nahm so viel wie sonst unter 370 Ursulas forschenden Blicken. »Sei doch froh, Kind! Daß alles so gut abgegangen ist.«

Aber ihr Herz war schwer.

Nach drei Stunden kam der Arzt, Sanitätsrat Drews, der wie eine alte Bürste aussah und ein Kindergemüt hatte. Er war der Sohn eines Hafenmeisters und spielte Handharmonika.

Er lobte Doria sehr. Sie hätte durchaus das Richtige getan. Dann besah er sich die Kopfwunde. Doria, die er »Kollege« nannte, mußte ihm beistehen. Er fand, daß ein kräftiger Glassplitter sich in den Schädelknochen eingekeilt hatte.

»Hm!« sagte der Sanitätsrat, und nochmals »hm!« Das ging noch an, erst wenn er es dreimal sagte, war die Sache bedenklich.

»Er ist leicht zu fassen,« fügte er beruhigend hinzu.

»Was er mit dem Geist der Medizin gemein hat!« gab Herr von Eich scherzend darein.

Es gelang dem Arzt denn doch nicht so leicht, den Fremdkörper zu entfernen. Und Herrn von Eich wurde das Scherzen einigermaßen schwer gemacht. Aber dann ging alles gut. Und sie atmeten auf.

»So, Herr von Eich. Nun muß ich Sie der strengen Obhut des Kollegen überlassen. Ruhe, beileibe 371 keine Erregungen, den Kopf gleichmäßig kühl halten. Sie wissen, so ein Schädel hat seine Mucken.«

»Und nun erst ein Eichscher, was, Ursel?«

»Am liebsten wäre es mir, Sie blieben ein paar Tage fest im Bett.«

»Aber Herr Sanitätsrat –«

»Sie müssen und sollen sich als krank betrachten. Sonst halten Sie sich doch Ihren Beruf nicht vom Leibe, und das müssen Sie unter allen Umständen.«

»Ich werde brav sein.«

Die Damen versprachen, dafür zu sorgen. Ursula nahm sich den Arzt noch unter vier Augen vor.

»Schädelverletzungen, meine gnädige Frau, sind und bleiben Schädelverletzungen. Ihr Herr Vater ist ja durch und durch gesund, und wenn wir aufpassen, geschieht sicher nichts. Aber lassen Sie ihn die Sache nicht leicht nehmen. Je schwerer, desto besser.«

Auf Ursula lag ein Dunkles. Und es wollte auch nicht weichen, als der Vater, nachdem er es einen Tag im Bett ausgehalten hatte, mit Genehmigung des Arztes, der nach vierundzwanzig Stunden wieder gekommen war, nun auf der Chaise und im Lehnstuhl sich ruhte.

Meist las Doria ihm vor, aus dem Nibelungenlied, von Thackeray oder ein Andersensches Märchen, 372 aber auch Ursula war viel bei ihm. Es zog sie von der Arbeit immer wieder zum Vater.

Sein Befinden war ausgezeichnet. Ihn quälte nur der Müßiggang, der ihm aufgezwungen war. Sorgloser wurden die Frauen, und er gab dann selbst seiner Unruhe nach, die ihn zu Beschäftigung drängte.

Vater Kasboom durfte zu kurzen Berichten sich einfinden. Der Herr gab wieder diese und jene Anordnung. Und da alles das ohne Aufregung abging, wich allmählich auch der Doktor von seiner Strenge.

Wurde es nun aber doch der Anspannung zu viel oder wirkten hier andere Schädigungen, in einer Nacht trat plötzlich eine Verschlimmerung ein. Um Ursula nicht zu ängstigen, verbarg der Vater seinen Zustand. Auch am Morgen, als sich unerträgliche Kopfschmerzen einstellten, offenbarte er sich immer noch nicht. Bis dann ein heftiges Fieber einsetzte und ihn verriet.

Ursula holte selbst den Sanitätsrat, die Pferde mußten dran glauben.

Der Arzt tat, was er tun konnte. Er setzte Blutegel, ließ Eisumschläge auflegen und kalte Sturzbäder machen. Der Zustand besserte sich nicht. 373

Dann und wann zog über das Gesicht des Kranken das alte schalkhafte Lächeln, die Augen weiteten sich zu einer großen, tiefen Güte, und ein Wort von sanfter, schelmischer Ueberlegenheit kam über seine Lippen.

Aber schnell wurde es schlimmer. Er verlor das Bewußtsein und lag regungslos. Nur daß er einmal wimmernd mit den Händen nach dem kranken Kopfe griff.

Ursula blieb Tag und Nacht an seinem Lager. Sie hatte so wenig Hoffnung, die aber hielt sie fest an sich und ließ sie nicht von ihrer Seite.

»Vater – lieber – Du mußt doch bei mir bleiben! Sieh mal, jetzt hab' ich mich auch von Bernd losgesagt – was sollte ich anfangen, wenn ich nun ganz allein gelassen würde!«

Immer und immer lagen ihre Blicke auf seinen Augen, flehend und werbend, daß sie sich einmal auftun möchten. Diese Augen, die die tiefsten waren von der Welt, für die es nichts Dunkles, nichts Unbegreifliches gab und die darum so unendlich gütig waren und voll von so reinem Lachen.

Wenn sie sich nur einmal öffnen wollten! Dann mußte ja alles gut werden. Dann mußte das Leben sie halten. Denn Besseres hatte das Leben nicht. Aber sie blieben geschlossen. 374

Und nun greift er wieder nach dem Kopf, leise klagend, mit der linken Hand, die selbst wund und krank ist. Auch seine Hände hat es nicht verschont, die so fein sind und so klug, die ihren besonderen Sinn haben für die Dinge über unseren Sinnen.

Und sie küßt seine geliebten Hände.

Und weiter sitzt sie bei ihm und verkrampft die Finger und preßt die bitter arme Hoffnung sich ans Herz.

Er aber tut die Augen nicht mehr auf. Ein Knirschen mit den Zähnen, und zwischen die Augen gräbt sich eine tiefe Falte. Er will nicht sterben.

Und dann geht ein Licht über seine Mienen und sie haben den Glanz ihrer großen schalkhaften Ueberlegenheit. Und dieser Glanz ruht still auf ihnen aus – – – 375

 

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