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Auf eigener Erde

Max Dreyer: Auf eigener Erde - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
booktitleAuf eigener Erde
authorMax Dreyer
year1911
firstpub1911
publisherUllstein & Co.
addressBerlin-Wien
titleAuf eigener Erde
pages460
created20170406
sendergerd.bouillon@t-online.de
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35.

Nach zwei Wochen kam Bernd. Es war an einem Sonntag, Ursula holte ihn im Jagdwagen von der Bahn. Sie führte selbst die Zügel. Ewald, der alte Kutscher, hielt hinter ihr nickend seine Feiertagsruhe.

Es war trocken, aber trübe und kalt. Und die Wetteraussichten blieben schlecht. Ursula dachte mit Sorge an ihren Weizen.

Sie fuhr schnell. Das Handpferd, das seine Mucken hatte, bekam mehr als einmal gehörig die Peitsche zu schmecken. Die Falte zwischen ihren Brauen grub sich tiefer.

Als sie die Station kurz vor sich hatte, brauste der Zug dort hinten um die Kurve heran. Sie kam gleichzeitig mit ihm, auf die Minute, so liebte sie es.

Sie gab Ewald die Zügel, sprang vom Wagen und ging auf den Bahnsteig.

Schon eilte Bernd ihr entgegen, warf die Handtasche hin und umarmte sie stürmisch. Und küßte sie 339 wieder und wieder vor den Leuten. Bernd, ein Umstürzler guter Sitten! Wie gut gefiel ihr das!

Aber dann sagte er: »Ich hatte solche Sehnsucht nach Dir!« Wie zur Entschuldigung. Und damit sank er wieder zurück. Doch sie blieb in der Freude des Wiedersehens.

Als sie auf dem Wagen saßen – Ursula hatte wieder die Zügel – musterte sie ihn von der Seite. »Nach Sehnsucht siehst Du nicht aus. Du bist rund und blühend wie nur je.«

»Ich bin ja auch jetzt in der Erfüllung!« Und als er sie prüfte, meinte er von ihr: »Aber Du bist nicht wie sonst. Du bist schmal und spitz geworden. Du bist doch wohl?«

»Ganz wohl.«

Sie achtete auf die Pferde, er sah ihr weiter ins Gesicht und wollte in ihr Wesen eindringen. Ein scharfer Zug gab ihm Fragen auf, ein Herrisches, das sehr gewachsen war, machte ihn behutsam. Kam es daher, daß er sie zum ersten Male auf dem Kutschbock sah, in Führung und Verantwortung? Jetzt machten es die Pferde ihr nicht zu Dank, und als sie die Peitsche gebrauchte, zeichnete sich ein Unmut um ihre Mundwinkel, so bitter, wie er es nicht an ihr kannte. Der Zorn in ihren Augen hatte fast grausame Lichter. 340

So ganz anders hatte er sich das Wiedersehen gedacht. Sie würden zusammen wandern, sie an ihn geschmiegt, ihren Waldweg würden sie gehen, fest umschlungen, unter Küssen.

Jetzt war alles so schnell und so hart. Die eilige Fahrt versagte ihnen jedes stille Wort. Und Ursula war mehr bei dem Gespann als bei ihm.

Im Hause ward es ihm wohler. Herzlich hatte der Vater ihn empfangen. Hier war auch Ursula sanfter und vertrauter. Die Räume, die ihm so lieb waren und ihm so wohl taten, machten ihn sicherer und frohgemut.

Er setzte sich ganz in sein angestammtes Behagen zurecht. Sah mit glücklichen Augen auf seine Ursula, träumte von neuen Flitterwochen und öffnete der süßen Ferienfaulheit breit die Arme.

Nach Tisch wäre er gern mit Ursula allein geblieben. Aber sie ließ sich nicht halten, sie hatte in der Wirtschaft zu tun. »Ich will in den Stall. Wir haben ein paar Kälber, die wollen nicht trinken. Ich muß da mal nach dem Rechten sehn.«

Bernd saß mit dem Vater bei einer Zigarre. Er hatte sein sachtes, geruhiges Selbstvertrauen, doch schien es ihm ratsam, erst einmal beim Vater anzufragen, was der von der Zukunft denke, wie lange er meine, daß Ursula noch hier bleiben solle. 341

»Ich halte es für selbstverständlich,« sagte der alte Herr, »daß sie, wenn Deine Ferien zu Ende sind, wieder mit Dir nach Berlin geht. Oder denkt Ihr Euch das etwa anders?«

»Nein, ganz gewiß nicht.«

»Sie hat hier ja allerdings genug zu tun gefunden. Es wird wieder einen Riß geben, aber schließlich ist sie doch verheiratet, und Du bist ihr Mann.«

Bernd nickte in kräftiger Zustimmung.

»Schwerer noch als früher werde ich sie hier entbehren – ganz abgesehen von Gefühlssachen. Denn sie leistet jetzt wirklich viel. Und da ich meine Laboratoriumsarbeiten nicht im Stich lassen darf, auch immer älter werde –«

Er vermied es, von der landwirtschaftlichen Notlage zu sprechen. Gerade weil er mit Bernd ein offenes geschäftliches Wort zu reden gedachte, verschmähte er alles, was als Andeutung hätte wirken können. Ohne Ursula aber sollte jenes Wort nicht fallen.

Sie kam nicht so bald zurück. Bernd mußte erzählen, von Berlin, von seiner Arbeit, von seinen Plänen. Der Vater, ein wenig abwesend, ein wenig müde, war nicht ganz bei der Sache. 342

Dann nötigte er Bernd an den Flügel. Und nun hielten seine Gedanken hier aus. Er hatte wieder seine Freude, die Art des Spielenden zu durchforschen.

Bernd versenkte sich in seinen Bach, und die alten Stunden zogen herauf. Vater Eich aber lauschte und sprach mit sich selbst. Nur ein guter Mensch kann so spielen. Nur einer, der reine Hände hat und reinen Sinn. Aber fest, sehr fest sind die Hände nicht. Und der Sinn hat nicht die führende Stärke, Ruhe ist ihm mehr als Herrschaft. Und Ursel – seine Ursel? Ist das für sie das Rechte? Für sie, die sich selbst immer härter schmiedet und deren junger Nacken sich immer mehr steift? Die Kampf und Feindschaft vom Leben will, und die ihre Feinde liebt, die Sorgen und Mühen?

Jetzt perlt dem Spielenden Mozart unter den Fingern, jung, schelmisch, erwartungsvoll und verliebt. Er denkt an sein junges Weib, es ist ein zierliches Werben, ein kicherndes Sichsträuben, und dann finden sich die Küsse und ruhen selig in sich aus.

Er hat nie so sehnsuchtsvoll gespielt. Und jetzt tritt Ursula ein. Ihr ist zu viel Girrendes in seinen Tönen. Aber auch über sie schwebt der Zauber der alten Stunden. Und sie stößt das Lockende nicht zurück. 343

»Gut, Bernd!« so lobt der Vater ihn, als er schließt. Bernd freut sich dieses Wortes und er sagt: »Nur hier kann ich Mozart spielen.« Und nimmt Ursulas Hand und fügt hinzu: »Und bei Dir.«

Vater Eich hat sich erhoben. Er will die beiden allein lassen. Er möchte auch noch einmal ins Laboratorium gehen. Oder sollte er jetzt die geschäftliche Frage anschneiden? Er liebt es nicht, solche Dinge lange mit sich herumzutragen, das ist ihm wie ein auf der Lauer liegen.

»Wenn es Dir recht ist, Ursula, sprechen wir jetzt mit Bernd.«

Ursula weiß, was er meint. Sie schüttelt gleich, ohne sich zu besinnen, den Kopf. »Erlaube, Vater, daß ich allein mit ihm darüber rede.«

»Wie Du willst. Dann also bis heute abend.« Er nickt ihnen herzlich zu und geht.

Bernd hat keine Eile, zu erfahren, was es besonderes für ihn gibt. Er will zunächst die Freude auskosten, daß sie beide allein sind, er zieht seine Frau an sich und küßt sie mit heißen, zitternden Lippen.

Ursula wehrt ihm leise. Sein starkes Gefühl freut sie, aber sie kann es ihm nicht zurückgeben. Es ist nicht alles klar zwischen uns – das ist, was über ihr 344 schwebt. Und klar muß es sein, und auf festem Grunde müssen wir stehen.

Es wäre ja alles gut, wenn ich ohne Frage jetzt in seinen Armen mich ausruhen könnte. Aber da ich frage, ist etwas da, was gelöst werden muß. Und da ich gerade jetzt fragen kann, wo wir uns wieder haben nach so langer Trennung und vieler Sehnsucht, ist dieses Etwas groß und schwer.

Sie hat seine Hand genommen und streichelt sie, sanft und liebevoll geht sie zu Werke. »Sei jetzt einmal verständig. Und eh wir uns mehr sagen, laß mich erst einmal den Kuhstall hinter mir haben.«

Er ist ungeduldig und betrübt: »So lange dauert das? Und so wenig Macht hab' ich darüber?«

»Es hat Aerger und Zorn gegeben. Und so etwas muß ich gründlich auslöffeln. Sonst behalt' ich den Nachgeschmack.«

Sie legt seine Hand auf den Tisch und hält ihre daneben und vergleicht die beiden. Weiß und Braun, sorgliche Pflege und unbekümmertes Zugreifen, stilles Gedankentum und harte Mühe, die an die Knochen geht, träumende Zimmerluft und sonnengebrannte Arbeit – so liegen sie nebeneinander.

Häßlich sind ihre Hände geworden. Er aber schämt sich seiner Schönheit und verbirgt seine Hand. 345 Und ihre Blicke, die sein Gesicht, seinen Anzug mustern, dünken ihm Vorwürfe.

Sie hat es nicht böse gemeint. Nun aber findet sie kein gutes Wort. Denn seine nachgiebige Scheu gefällt ihr nicht. Tun seine Hände nicht auch ihre Arbeit, so gut wie die ihren? Warum läßt er sich durch falsche Zartheit so in den Hintergrund drängen!

Mehr Stolz und Selbstgefühl, Bernd. Einen Schuß Roheit meinetwegen – damit wäre uns beiden wohl gedient.

Und dann schilt sie sich wieder, daß sie das Gute an ihm nicht hoch genug stellt, und während sie sich schilt, fragt sie ihn nach Berlin und nach Dingen, die ihr gleichgültig sind.

Dann aber, als sie die Politik streifen, erhebt sich für Ursula eine Frage von größter Bedeutung: »Wie steht es mit Südwestafrika?«

Da bringt ihr Bernd eine neue Nachricht: die Hottentotten haben sich erhoben. Der Krieg geht weiter.

Dann bleibt auch Anselm im Felde! Das ist Ursulas Gedanke, der jetzt alles beherrscht. Seit drei Wochen hat sie von ihrem Jungen nichts gehört. All ihre Sehnsucht ist bei ihm.

»Hat sonst noch etwas in Deinen Zeitungen gestanden? Anselm hat lange nicht geschrieben.« 346

Sie redet offen von Anselm, und er weiß wohl, daß es ihr um Anselm ist. Er hat nie Eifersucht gefühlt. Jetzt, da der Junge sich in diese Stunde drängt, geht ein Schatten über ihn hin.

Ursula aber verliert ein gut Teil ihrer Sanftmut, all ihre Sorgen sind jetzt bei ihr und machen sie herbe und wehrhaft.

So gestimmt spricht sie mit Bernd von ihrer beider Zukunft.

In der Luft ist nichts, nichts an Zärtlichkeit, was Bernd Hilfe bringen könnte. Ein grauer Abend dämmert näher, lustlos und kalt, nicht einmal zu Regen und Wind mag er es bringen. Sanglos haben die Vögel sich verkrochen. Von den Bäumen, die um die Sonne trauern, fallen müde Blätter.

»Wir wollen jetzt einmal überlegen, wie wir uns unser Leben einrichten,« sagt Ursula.

»Wie? Ja, müssen wir denn gleich heute am ersten Tag –«

»Ja, Bernd. Das Wichtigste muß auch das erste sein.«

Seine Verliebtheit büßt immer mehr von ihrer Zuversicht ein. Dafür müht er sich nun um einen ruhigen Ernst, und seine Worte finden ihre Sicherheit. »Wenn Du meinst – dann will ich Dir also sagen, wie ich es mir gedacht habe. Du wirst doch 347 mit mir, wenn meine Ferien zu Ende sind, wieder nach Berlin kommen –«

»Nein, Bernd.«

»Nicht? Nun, soll ich denn bloß Dein Feriengast sein?« Er lehnt sich kräftig auf, mit tiefaufatmendem Erstaunen, in das sogar ein Lachen kommt, und solchen Widerstand läßt sie mit Freude gelten.

»Sieh, Bernd, ich bin doch hier eigentlich erst wieder zu mir selbst gekommen. Daraus geht doch hervor, daß ich diese Tätigkeit brauche. Ich muß mich nun einmal nützlich machen können –«

»Nützlich – ja, und daß Du mir nützlich bist, rechnet das gar nicht? Daß ich Dich nicht entbehren kann! Meine Mitarbeiterin bist Du! Wenn Du wüßtest, was ich habe leisten können, die ganze Zeit, wo Du mir fehltest –«

Darin sind wieder Jammerlaute, die sie nicht mag. »Lieber Bernd, wenn ich Dir eine Hilfe bin, bloß dadurch, daß ich bei Dir sitze – ich weiß nicht, ob es sehr für Deine Arbeit spricht. Jedenfalls aber ist dieses Dabeisitzen für mich eine ausgesprochene Faulenzerei.«

»Und Du warst auf so gutem Wege, Dich immer mehr mit meinen Arbeiten zu befreunden. Du hast doch angefangen, selbsttätig mitzuschaffen –« 348

»Das war Spielkram. Oder es geschah aus Langeweile. Recht eigentlich mit dem Herzen war ich nie dabei, das muß ich Dir sagen, wenn ich Dich nicht belügen soll.«

In Bernds Augen zieht eine Trauer ein. »Dann waren wir also doch nicht so ganz beisammen. Und Du warst einfach nicht am rechten Platze – und im Grunde unglücklich.«

»Ich tauge nicht für Berlin, Du mußt es ja doch selber wissen, daß ich da nichts nutz bin. Und wenn man nichts nutz ist, dann ist man auch dem andern im Wege, nicht bloß sich selbst.«

»Mir warst Du nicht im Wege.«

»Es wär' dahin gekommen. Bernd, Du bist gütig und zart. Und bist anspruchslos. Vielleicht wäre es anders geworden, Du hättest gleich mehr von mir gefordert.«

»Ich kann von Dir nicht fordern, was Du mir nicht gibst.« Er hält inne, tief versunken. Dann schüttelt er den Kopf. »Daß wir jetzt in dieser Stunde uns dies alles zu sagen haben, das spricht wohl deutlich genug.«

Nun steckt er in der Verzagtheit, die sie nicht leiden kann. Aber der Schmerz, der sich um seine Augen gräbt, weckt ihr Mitgefühl. 349

»Sieh mal, Bernd, um die Sache herumreden, so etwas tun wir nicht. Du hast eben wie so viele andere eine Frau, die ihren besonderen Beruf ausübt. Das ist doch gewiß nicht so Unerhörtes.«

»Wohl nicht. Nur, daß dieser Beruf uns so weit und so lange trennt –«

»Ja, das tut er. Und dadurch wird es schwer. Aber der Gedanke ist Dir jetzt nicht mehr so fremd –«

»Und dann gäb' es also, wenn wir zusammen bleiben wollten, nur das eine. Daß ich mich hier auch häuslich niederließe. Als Privatgelehrter oder so was. Wozu Du dann allerdings Deine besonderen Augen machen würdest.« Er spricht jetzt mit überlegener Bitterkeit.

»Ja, Bernd, das würde mir allerdings nicht gefallen.« Sie unterstützt freudig sein Gefühl. Und damit hebt sich sein Stolz.

»Ja, und wenn mir nun diese ganze Halbheit nicht gefällt?!«

Ursula horcht auf. Halbheit – da ist das Wort. Und hier ist eine Regung, der sie erwartungsvoll sich neigt, fast mit einer wünschenden Gläubigkeit. Das sieht ja fast nach Kampf aus, nach einem Fordern, nach einem Führen und Bezwingen. Erwacht nun doch die Kraft in ihm? 350

Er empfindet ihre Blicke und gewinnt aus ihnen neue Stärke. »Wie würde es denn sein? Du bleibst dauernd hier. Und ich komme herüber, wenn die Sehnsucht uns zueinander treibt. Und nachher gehe ich wieder meiner Wege. Sehr würdig in der Tat.«

Sie sagt kein Wort. Sie behält ihn nur fest im Auge.

»Und wenn ich nun kein Talent dazu habe, Drohne zu sein?« fährt er fort, von Erregung getrieben. »Eine Drohne, die stirbt, mag noch angehen. Aber eine, die am Leben bleibt und gewissermaßen gütigst in Permanenz erklärt wird – dazu bin ich wirklich nicht berufen.«

Sein Unmut hat ihn bis an die Grenze seines Zartgefühls getrieben. Ursula aber meidet den Kampf nicht. Nur durch ihn können sie beide sich ausweisen und ihres Lebens Richtung gewinnen.

»So willst Du also, daß ich mit Dir gehe und immer bei Dir bleibe?« fragt sie mit bedachtsamer Ruhe.

Er richtet sich auf unter ihren Blicken, blickt ihr hell ins Gesicht und spricht dann ein klingendes »Ja! Natürlich will ich das!«

Mit gespannter, seherischer Kraft versenkt er sich in ihre Augen. 351

Eine Freude an dem Klang seines »Ja«, dazu Trotz und Kampfeslust und Herrschbegier – das alles findet er in ihnen. Und noch ein Mehr – etwas, das ihm unheimlich ist. Ein Schillern in der Tiefe. Sein Gewissen forscht nach dieser flimmernden Urkraft. Ahnt er ihr Wesen, erkennt er ihren Quell? Da ist sie, des Weibes Grausamkeit. Die gerechte Grausamkeit, die den Mann unterdrückt, um ihn zu verschmähen – den Mann, der sich unterdrücken läßt.

Er starrt in dieses drohende Leuchten – geängstigt fast. Dann reißt er sich los und drängt das Schwere von sich und hebt sich zu leichterem Atem.

Wohin geraten sie beide? Was bleiben sie nicht im Sonnenlicht? Was deutet er hier an Geheimnissen, die nur dadurch Macht gewinnen, daß man an ihnen deutet! Ja ja, er ruft Kräfte, die gar nicht leben. Die sich nach Schicksal und Verhängnis gebärden und nur Schrecken unserer Nerven sind! Fort mit dem Spuk!

Ist dies nicht Ursel, seine Ursel, sein Weib? Und ist das Dasein nicht milde und wandlungsfähig und reich an Versöhnlichem?

Ja, das ist es, und nur enge Toren treiben alles auf die Spitze. Wer weise ist, hat ein weites Herz 352 voll Güte. So streichelt und lobt er sich selbst und macht sich Mut zur Schwäche.

Und seine Ursel – ist sie nicht herrlicher als je? Ihre Herbheit, ihre spröde Festigkeit, ihr Stolz – wie sind sie gewachsen! Wenn sie in Hingebung sich neigen, wenn sie sich lösen in Zärtlichkeit, wie müssen sie beglücken!

Das aber, was sie will – ist das wirklich so viel? Ist das wirklich eine so große Zumutung an seine Manneswürde?

Ihr Eichhof ist nun einmal ein Teil ihres Lebens. Er hat es ja gewußt, er hat sich ja nie dagegen aufgelehnt. Er hat sich doch im Grunde von je dazu bereit gefunden, der andere Teil zu sein.

Daß dieser Teil der größere ist und bleibt, dafür hat er selbst zu sorgen, am meisten durch Güte, am meisten dadurch, daß er sie nicht einengt, daß er ihr Leben nicht unterdrückt. Je mehr Freiheit er ihr läßt, um so öfter, um so liebreicher findet sie den Weg zu ihm.

Ihre Liebe will er haben und halten – ist das nicht mehr als all der kleine Ehrgeiz seiner Männlichkeit?

Er nimmt ihre Hand. »Meinen Wunsch kennst Du. Und nun fragt es sich, wie er sich mit Deinen Wünschen in Einklang bringen läßt.« Sie fühlt die 353 Wandlung, er aber ist ganz in ihre Berührung versunken.

Leise streicht er ihre Haut. Wie rieselt es von ihrem Blut in seine Adern! Wie hat er sie lieb! Was ist all das, was er will, um was er streitet und sich müht, gegen diesen Blutstrom des Glücks. Dies ist sein Wollen, dies ist sein Schicksal. Dieses, dieses ist sein. Ist sie nicht sein Weib? Blüht sie nicht für ihn? Warten ihre Lippen nicht auf seinen Mund?

Sie sagt noch immer nichts. Sie denkt nur: Wie leicht gibst Du Dich auf! Nun ja, Kampf und Not ist nichts für Dich – aber ohne das ist auch kein Sieg, Bernd Godenrath!

Nun legst Du Dich wieder in Deine bequeme Ruhe und läßt alles gehen, wie es will. Oder wie ich will. Und das ist nicht gut. Nein, wahrlich, das ist nicht gut!

Jetzt brauch' ich bloß den kleinen Finger auszustrecken, und Du kniest vor mich hin. Du solltest doch wissen, so bin ich nicht zu gewinnen. Du solltest doch wissen, daß Du mich so nur von Dir treibst.

Und wieder steigt in ihr die Feindschaft auf, der Groll gegen den Mann, der sie in ein anderes Leben zog, und der sie nicht tragen konnte, nicht halten, nicht führen, nicht fortreißen und überwältigen. 354

Und ihr Groll wird immer ungerechter und wird unbillig bis zur Geringschätzung.

Nein, Du bist nicht der Mann für mich, Du bist nicht mein Mann! Ein Irrtum bist Du – warum es verschleiern und umlügen! Gewiß, Du bist weniger schuld daran als ich. Aber deshalb muß ich es ja auch schwerer büßen. Ich hab' mehr hingegeben und mehr verloren.

Du – Du wirst Dein Gleichgewicht bald wieder haben. Du wirst den Schmerz von Dir tun, mit Schmerzen kannst Du Dich ja sowieso nicht befreunden. Und wirst Leib und Seele in Wohlleben weiter pflegen. Und wirst in Sanftmut gedeihen.

Und dennoch schreckt sie vor dem Letzten zurück. Sie schickt ihre Blicke über ihn aus, daß sie sich alles suchen, was den Sinnen wohlgefällt.

Ist er nicht gut anzusehn? Wie klar ist seine Stirn. Und die feinen Linien seiner Nase, waren sie nicht immer ihre Freude? Weiß sie nichts mehr von seinen weichen Lippen, die so festzuhalten wissen in heißem Kuß? Und die Güte seiner reinen Augen –

Ja, er ist gütig. Und hat mich lieb aus vollem Herzen. Und darum – ist es nicht eine Art Frevel, daß ich mich so gegen ihn verhärte, daß ich ihn so herabziehe und ihn mir verleide? 355

Warum nehme ich ihn nicht, wie er ist? Das Leben hat uns nun doch zusammengeführt, und haben wir nicht genug des Gemeinsamen? Fordere ich nicht zu viel, bin ich nicht wirklich maßlos in meinem Verlangen? – unbescheiden oder gar überspannt, wie der Vater es andeutet?

Würde eine andere Frau sich auch so verschanzen gegen einen Mann, der aus Liebe und Zartheit für sie seinem Stolz ein Opfer abringt?

Haben sie nicht in Liebe zusammengelebt? Hat sie ihm nicht ein Kind geboren? Und wenn das Kind lebte, wäre es dann nicht selbstverständlich, daß sie in dem Kinde und durch das Kind sich einigten und ihr Leben zusammenfügten! In dem Kinde, das der Erbe von Eichhof wäre, und mit dem Eichhof auch für den Vater selbst eine größere Bedeutung gewönne, eine solche, daß er an Eichhof teilhaben dürfte und mitschaffen müßte auf seine Art.

Bernd an Eichhof teilhaben –! Das ist es. Das ist der Prüfstein. Und langsam gilt es zu prüfen mit schwerstem Bedacht.

Wenn das Kind lebte –! Aber es lebt nicht. Und daß es starb, war das ein Zufall bloß? Nicht eine Notwendigkeit? Da die Mutter ein Dasein führte, das kein volles Leben war und kein volles Leben geben konnte! 356

Und welche Frage erhebt sich jetzt? Ehrlich will ich sie stellen und ehrlich beantworten: Kann ich ihm ein neues Kind schenken? Mit dem »Ja« oder »Nein« ist alles gelöst.

Und nun packt sie ein Schreck, und wieder kommt die Angst vor der Entscheidung. Daran, wie alle braven Frauen denken, will sie sich klammern. Zu dem Gewöhnlichen will sie sich retten.

Ein guter Mann, ansehnlich, höchst ehrenhaft, reichen Geistes und voll innigen Gefühls und dazu – nun geht es nach unten – in sehr glücklichen Vermögensverhältnissen. Hier überläuft es sie heiß und kalt und sie fühlt eine quälende Scheu.

Aber es gilt zu prüfen! Und nicht überspannt zu werden! Und auf der Erde und in der Wirklichkeit zu bleiben.

Haben Mann und Frau nicht Gütergemeinschaft? Und wenn die Frau für ihren besonderen Beruf Anlagekapital braucht, wohlverstanden solches, das sich gut und sicher verzinst, ist da überhaupt ein Wort darüber zu verlieren, daß der Mann dieses Geld beisteuert?

O, sie weiß jetzt mit geschäftlichen Dingen schon einigermaßen Bescheid. Sie ist imstande, sich für sie den nüchternen Blick zu bewahren. 357

Und nüchtern weiter: Ist ihr Vater nicht immer sorgenvoller geworden in der letzten Zeit? Ist die Ernte bisher nicht mehr als mittelmäßig? Und sind die Aussichten für den Herbst nicht geradezu traurig? Hat nicht der Dammerower einpacken müssen? Und schwebt nicht jetzt auch über Settewitz der Hammer?

Und es gibt kein Geld auf dem Markt.

Das Selbstverständliche aber hat sie hier zu ihrer Seite. Und wenn sie Bernd lieb hat –

Sie fährt zusammen wie ins Herz getroffen. Das ist es ja! Wenn sie ihn lieb hat! Aber da ihr alle, alle diese Fragen kommen und sich häufen und türmen wie drohende Wolken, stellen sie sich nicht alle ein als Zeugen dafür, daß sie ihn nicht liebt!

Sie sieht ihn an, voll Bangigkeit, und schaudert unter dieser unbarmherzigen Erkenntnis.

Ihr Beben, ihre starrenden Augen stimmen ihn weicher noch. Und wieder streichelt er ihre Hand: »Willst Du mir nicht Deine Wünsche sagen?«

»Ich will hier bleiben.« Durch ihre Worte, so fest sie sind, zieht eine Trauer.

»Doch nicht für immer?«

»Ja, Bernd.«

Er blickt sie an, erst flackernd und klagend und in ratloser Angst, dann zuversichtlicher und beruhigt und mit selbstgewisser Innigkeit. »Für immer – 358 was ist das für ein dummes Wort. Was wissen wir von immer? Nichts, als daß wir uns immer lieb haben, nicht wahr? Und alles andere wird sich finden. Warum beschweren wir uns so diese erste Stunde! Sei lieb, und so wird es gut für uns beide!«

Er lehnt den Kopf zu ihr hin, ganz der zärtliche, erwartungsfrohe Gatte. Aber dann stößt er auf einen Blick ihrer Augen, vor dem er zurückweicht. So tief ist ihr Grund, das Schicksal ist so.

»Bernd, wenn Du ruhig anhören willst, was ich Dir jetzt sage, dann wird Dir ein Licht aufgehen über uns beide.« Sie spricht es milde, fast demütig.

»Was meinst Du?« fragt er, beruhigt durch ihren Ton.

»Also kurz und gut, wir brauchen hier eine neue Hypothek –«

»Das – nun ja« – schnell und glücklich leuchtet er auf – »das ist doch selbstverständlich, daß ich sie gebe! Warum weiß ich denn nicht längst von Euren Sorgen? Sind das nicht auch meine?« Er will sie an sich ziehn, sie hält ihn zurück. »Soll ich denn nicht endlich Deinen Mund haben!«

Sie blickt ihn an, groß und sehr traurig. »Sieh mal, Bernd, wenn ich jetzt zärtlich werden könnte, wär' alles gut.« 359

»Das kannst Du nicht?«

»Nein, jetzt am allerwenigsten.«

»Wie?«

»Ich würde ein Gefühl der Scham dabei haben.«

Er begreift sie noch nicht gleich. Aber als sie sich aufrichtet in ihrer starken Wahrhaftigkeit, kommt das Licht auch über ihn.

Er neigt den Kopf: »Oh – oh –« und vergräbt sich ganz in den großen Schmerz der Erkenntnis.

Sie will ihm die Hand reichen, aber dann bleibt sie bewegungslos. Hier muß jeder sein Geschick auskämpfen. Hilfe verwirrt.

»So ist es?« spricht er heiser. »Ja, dann – dann gibt es ja einfach keine Zusammengehörigkeit zwischen uns, wenn Du – –«

Er sagt es nicht zu Ende, aber er denkt es bitterlich aus: wenn Du je das Gefühl haben kannst, Du verkaufst Deine Küsse – an mich, der ich Dein Mann bin! Du kaufst die Hypothek für Deine Zärtlichkeit – von mir – Herrgott! von mir –! –

Ein Wahnsinn! Der Wahnsinn überfeinerter und verstiegener Empfindung! Aber – ob nun überfeinert oder nicht, die Empfindung ist da! Die Empfindung ist da! Und was braucht es mehr. 360 Ist damit nicht alles klar? Alles. Und alles ist damit aus.

Er sieht sie noch einmal lange an, verstört, verzehrend, und kommt in einen Taumel: Ja; ist denn das alles wahr? Ist das nicht ein irres Spiel verwilderter Träume? Oder sitzt eine Krankheit mir im Hirn – oder ihr oder uns beiden?

Und eine ganze Weile ist er ganz dumpf und versinkt tiefer und tiefer in leere Räume. Und hat alles vergessen, sich und sie, die Welt und das ganze Leben.

Dann aber, als er langsam wieder nach oben kommt und Ursula vor sich sieht, traurig, selbst in Schmerzen, aber klar und fest, da weiß er alles. Er nimmt es an sich und nimmt sich selbst zusammen, mit weher Kraft.

»Ursula, Du Wahrhaftige!« so spricht er leise und gebeugt, aber geraden Sinnes, »nun wollen wir keine Worte mehr machen. Keinen zweiten Aufguß, der so fad ist und so flau – nichts von Freundschaft und Dank und Mitgefühl und solchen Dingen. Wir wollen uns freuen, daß wir aus einer Täuschung herauskommen. Deine Hand hat uns geführt.« 361

Er nimmt ihre Hand und zieht sie an die Lippen.

Sie steht vor ihm, blaß und still. Ihr Atem geht schnell. Und immer noch spricht sie kein Wort. Sie weiß, wenn sie etwas sagt, wird es darin zittern. Denn sie ist ihm ja gut, und ihr ganzes Mitleid regt sich, den Schmerz von ihm, dem Guten, abzutun. Und darf sie nicht seines Wesens sich freuen, wie sein stiller, feiner Stolz sich jetzt erhebt? Davon flutet es über sie hin, warm und zärtlich wie in den ersten Tagen ihres Beieinander, und fast lockend kommt es, ein Vergessenwollen, ein Augenschließen, ein Ausruhen in Wonne.

Aber gerade das Locken macht sie stark. Dies ist nicht die Wahrheit! Dies ist nicht meines Lebens Inhalt, meines Lebens Stärke. Eine Täuschung der Sinne, ein Weichmut des Herzens. Und hast Du mir nicht eben gedankt, daß ich uns aus der Täuschung herausgeführt habe?

Und nun darf sie auch nicht sprechen, denn die Worte würden jetzt hart ausfallen, grausam gar, und sie meint es doch gut mit Bernd. Nur daß die Wahrheit über ihnen bleiben soll!

Sie hält sich schweigend. Aber in dem Händedruck, den sie ihm gibt, ist ein herzlicher Spruch zum Abschied. 362

So sagten sich zwei gute, innige Menschen, die ob ihrer Innerlichkeit nicht zusammenbleiben konnten, Lebewohl.

Bernd nahm all das Aeußerliche, das nun kam, ganz auf sich. Er suchte den Vater, erklärte ihm, daß er gleich wieder nach Berlin müsse, und offenbarte ihm die Gründe, soweit er wollte und konnte. Es habe eine Auseinandersetzung zwischen Ursula und ihm gegeben, sie hätten sich über ihr Leben nicht einigen können und sich zur Trennung entschlossen.

Das kam alles in fliegender Hast heraus, und nur in solcher Hast konnte Bernd diese Aussprache ertragen.

Vater Eich, noch von seinen chemischen Träumen umfangen, war so benommen, daß er nach den Ereignissen wie hilflos herumtastete.

Wenn Bernd heute noch den Zug erreichen wollte, mußte er schleunigst fahren. Herr von Eich ließ anspannen. Er fand sich noch immer nicht in dem Geschehenen zurecht.

Der Wagen, der Bernd vor ein paar Stunden geholt hatte, fuhr ihn zurück. Vor ein paar Stunden!

Ursula war in dem Zimmer geblieben. Sie hatte sich festgehalten mit Gewalt, daß sie nicht hinausging und durch Weichheit bittere Schmerzen schuf. 363

Der Abend hatte Regenwolken heraufgezogen. Ein mattes, leises, trauriges Nebeln gab Bernd das Geleite. Und Ursula dachte an Bernd und wie ihr Leben gewesen und dachte plötzlich an die Ernte und dachte an einen, der im Felde lag. Und wieder folgten ihre Gedanken dem Scheidenden. Und aus dem trüben Geriesel des Abendregens lag es ihr immer im Ohr, wie der klagende Endreim eines französischen Volksliedes, das Jochem einmal sang: et l'amour meurt - et l'amour meurt. Aber das wußte sie: sie war sich treu geblieben. 364

 

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