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Auf eigener Erde

Max Dreyer: Auf eigener Erde - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
booktitleAuf eigener Erde
authorMax Dreyer
year1911
firstpub1911
publisherUllstein & Co.
addressBerlin-Wien
titleAuf eigener Erde
pages460
created20170406
sendergerd.bouillon@t-online.de
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34.

So war Bernd allein. Ihr erster Schmerz – sie wollte ihn nicht an seiner Seite ausleben, nicht mit ihm, der Gemeinsames verloren hatte und mit ihr trauerte. Zu ihrem Schmerz gehörte nicht er, sondern ihre Heimat.

Was war er ihr?

Die Frage war, was bei ihm blieb.

Dann sagte er sich wieder, daß sie in einer Art Verstörtheit von ihm gegangen sein mochte. Des Kindes Dasein – es ist zu viel, Leben und Tod so nahe beieinander zu sehen, wie Hand in Hand. Das kann wohl die Sinne verwirren.

Ursula aber zog ganz unverwirrten Sinnes in Eichhof ein.

Nun bin ich wieder da, sprach es in ihr, und immer wieder: nun bin ich wieder da. Ganz dumm, ganz ohne Gedanken sprach es, ganz glücklich. Ganz wie ein Kinderlied. 323

Dann, als die Gedanken wieder kamen und an die Dinge selber griffen, fand sie doch vieles verändert und fühlte Enttäuschungen und Sorge.

Da war ihr Vater. Alt schien er ihr geworden. Auch wie abwesend dann und wann. Seines Herzens Innigkeit, die Schelmerei seiner lächelnden Güte – waren sie nicht ermüdet und verblaßt?

Und Dorias zupackende Kraft mit ihren umspannenden Sentenzen – hatte die sich nicht gleichfalls zur Ruhe gelegt in einer stillen, fast scheuen Gelehrsamkeit?

Und all die anderen Menschen, waren sie ihr nicht fremd geworden? Keiner war wie sonst, nicht Fehlandt, nicht Vater Kasboom, auch nicht ihr kleiner Verehrer, der krummbeinige Klaus, dessen Beine nun gar anfingen gerade zu werden.

Aber ihre Felder! Ihre Felder hatten sich nicht gewandelt. Sie waren jung geblieben, sie waren die alten. Sie blühten und sproßten und wogten, sie waren froh in Fruchtbarkeit und freuten sich, der Herrin ihre Kraft zu zeigen.

Es war im Juni, die hellste Zeit im Jahr. Alles hatte sich so voll von Sonne geschlürft, so voll Licht sich geatmet, aus allen Poren dessen, was lebte und 324 sich nährte und wuchs und sich reckte, knisterten die Funken.

Ursula ging durch den Wald, in dem die Lichter und Schatten jubelten und spielten und sich haschten, sie ging zu dem Erlenbruch. Sie sprang jung von Büschel zu Büschel, sie kletterte wie ein Junge auf den Baum und über die Hecke. Und war bei ihrem See.

Er war wie sonst und sah sie an wie sonst. Ihre Erlebnisse schienen ihm nicht mehr zu sein als ein paar Abenteuer, die man nicht schwer nimmt und einfach hinter sich läßt. Rein hielt er sein Auge, wie immer. Keine Blume, keine Ranke durfte über den Rand hinaus. Aber der Blumen waren mehr geworden, der Schwertlilien vor allen. Die waren auch höher und stolzer, und härter war ihr Blick.

Ich bin auch härter geworden, Leben und Tod haben dafür gesorgt. Und wenn ich an das denke, was von hier seinen Ausgang nahm – ich weiß nicht, ob ich dem Geschehenen danken soll. Fast ist es mir jetzt, als wüßte ich kaum davon.

Sie stützt sich an einen Baum und schließt die Augen und dann umklammert sie den Stamm mit harter Heftigkeit. 325

Hier bin ich und hier gehöre ich her, hier bleibe ich, und draußen ist die Fremde. Und wieder schließt sie die Augen, gehalten von ihrem Baum.

Und als sie dann um sich sieht und erst in die Höhe blickt und danach in das tiefe Schwarz – da ist ihr das Leben, als habe sie weit geträumt, als sei sie zurückgekehrt von einem Sternenflug.

Wie hat sich doch all das Vergangene von ihr entfernt!

Man sagt, daß wir schon ein anderes Dasein geführt haben, ehe wir als Menschen herumlaufen. So wie dies andere Dasein bleibt alles hinter ihr zurück.

Es dauert eine Weile, ehe ein williges Bewußtsein sie wieder ganz mit dem Entrückten verbindet. Und dann kommt auch der Schmerz wieder, die Trauer um ihr kleines Geschöpf, das ihr entrissen ist. Und auch die Freude meldet sich, die Sicherheit, die Bernds Liebe ihr gibt.

Aber sie fragt nicht, was werden soll. Noch nicht. Diese ersten Tage müssen ganz ihrem Eichhof gehören.

Sie wandert über die Flur. Sie kommt an die Fohlenkoppel. Sie hat vergessen, daß sie ihre alten Freunde hier nicht findet, und erschrickt vor der Wirklichkeit. 326

Ihrem Bob, der gleich nach ihrem Weggang sich die Fessel brach und erschossen werden mußte – schwer hatte sie damals die Nachricht getroffen – ihm will sie nicht weiter nachklagen. Aber auch Landsknecht ist eingegangen, Rottraut hat ein Ulanenrittmeister gekauft, Beelzebub ist der Remontekommission in die Hände gefallen. Mit dem, was sich heute hier herumtreibt, ist kein Staat zu machen.

Daß die Pferdezucht von Eichhof immer mehr zurückgeht, das hat weiter nichts Ueberraschendes, denn so ist es bestimmt. Aber sie findet jetzt, wo die Freude des ersten Wiedersehens nicht mehr alles vergoldet, dasselbe, was Anselm gleich gesehen hat, daß die Pflege der Arbeitspferde zu wünschen übrig läßt. Und das ist bedenklich, das erschreckt sie geradezu.

Sie spricht gleich mit dem Inspektor darüber, mit Vater Kasboom, dem alten Inventarstück.

»Leutenot!« sagt der Alte. Er ist kantig und kurz angebunden und schnaubt grimmig durch die braunblaue Lappennase. Sonst aber ist er eine Seele von Mensch, treu wie Gold und versteht seine Sache. Nächst der Leutenot aber sei die Professorenweisheit schuld, die hier jetzt regiere. 327

Ursula kann nichts dagegen geltend machen. Es ist nicht alles, wie es sein müßte, und nicht, wie es war – das sieht auch sie jetzt immer deutlicher.

Und so ist es gut, daß ich hier bin! Auch wenn ich nichts mitgebracht habe als meine zwei Arme. Ich habe damals regieren wollen, jung und dumm und heftig, wie ich war. Jetzt werde ich bescheiden von unten anfangen. Und so werde ich es zwingen, so komme ich nach oben.

Sie fängt mit einem an, sie ist nicht mehr der Hans-Dampf-Ueberall, wie ehemals. Erst sucht sie einmal in die Hauswirtschaft, welche die Dame Doria allmählich immer mehr hat beiseite liegen lassen, den nötigen Schwung zu bringen.

Gespart werden muß, im großen wie im kleinen. Dem Personal tut es not, daß ihm mehr auf die Finger gesehen wird. Ursula bindet sich die Küchenschürze vor und waltet als Hausfrau in den Wirtschaftsräumen. Sie bestimmt selbst die Beiträge für die Herrschafts- und für die Leuteküche. Hier sind neuerdings so gut wie gar keine Bücher geführt. Sie gibt sich einen starken Ruck und ordnet strenge Rechnungsablage an. Ueber jedes Ei wird Auskunft gefordert. Und der Kampf mit der Wirtschafterin und den Köchinnen zwingt ihren widerwilligen Zahlensinn herauf und macht ihn lebendig. 328

Da sie so aber in einer wenn auch kleinen Provinz des Reiches mit kräftiger Selbstüberwindung Ordnung und Segen stiftet, fühlt sie ein Recht, auch auf die Gesamtregierung ihre Blicke zu richten. So findet sie sich zu ernsten geschäftlichen Beratungen mit dem Vater zusammen. Und ist sie weniger hochtrabend als früher, hat sie dafür reiferen Sinn, mehr Besonnenheit und richtigere Schätzung. Herr von Eich sieht, daß sie gewachsen ist. Er hält vor ihr ganz und gar nicht hinter dem Berge.

Eichhof müsse eine neue Hypothek aufnehmen. Das mache weiter keine Schwierigkeiten, da es nur mäßig belastet sei. Die schlechten Ernten der letzten Jahre tragen schuld. Und die Schweineseuche, die aus Schollenthin eingeschleppt war.

Dann – er bekennt es rückhaltlos – haben seine chemischen Arbeiten noch immer nicht den richtigen Erfolg gehabt. Aber er kommt damit ans Ziel und gibt sie nicht auf. Sie versprechen in naher Zeit eine sichere Ausbeute. Die Tage sind ja auch vorüber, wo der Landmann aus Korn, Rüben und Milchwirtschaft Seide spinnen kann.

Die neue Hypothek ist ganz einwandfrei. Nur ist nicht viel Geld auf dem Markt. Und da gibt es 329 doch nichts Natürlicheres auf der Welt, als daß Bernd sich an dem Gut beteiligt.

Ursula fährt zusammen. »Nein, nein. Das möcht' ich nicht.«

»Ja, aber warum eigentlich nicht? Wenn wir bettelten, dann wollt' ich nichts sagen. Aber es ist doch ein glattes Geschäft. Er bekommt seine 4½ Prozent so gut wie jeder andere.«

»Wenn auch. Ich kann mir nicht helfen, mir ist und bleibt der Gedanke peinlich.«

»Das war er mir zuerst auch –«

»Nun, siehst Du!«

»Aber dann hab' ich die Sache nachgeprüft. Und jetzt muß ich denn doch sagen, daß wir hier wohl überspannt empfindlich sind.«

»Nein, nein. Nichts Ueberspanntes – ein ganz natürliches Gefühl ist es. Denn hier – dies, dies ist unser, unser Eichhof. Und Bernd – im Grunde ist er doch ein fremder Mann – und –«

»So, ein fremder Mann –? Und der Kohlenhändler Runge in Stettin, von dem wir die zweite Hypothek haben, ist das kein fremder Mann?«

»Wohl. Aber vielleicht – vielleicht ist man in gewissen Dingen gerade seinem Manne gegenüber besonders zartfühlend –« 330

Der Vater nimmt sie unter seine großen Augen. Er forscht ihrer Ehe nach. Aber sie weicht seinen Blicken nicht aus. Ihr Gewissen ist klar, sie hat Bernd lieb und hat ihr Eichhof lieb und ist redlich bemüht, den Ausgleich zu finden.

»Wir kommen noch auf die Sache zurück,« sagt ihr Vater. »So eilig ist es ja noch nicht. Bis zum Winter haben wir Zeit.«

Ursula ist allein geblieben. Diese entsetzlichen Hypotheken! Sie weiß noch genau, wie ihr zumute war, als sie zum ersten Male von ihrem Dasein und ihrer Bedeutung erfuhr. Wie schwer sie um den Gedanken zu kämpfen hatte, daß Eichhof, trotz dieser Schulden, doch wirklich und wahrhaftig ihr Eigentum sei. Daß jener düstere Kohlenhändler so wenig wie die Landbank über ihren Grund und Boden zu befehlen habe. Wie lange dauerte es, ehe sie unter ihres Vaters lebenskundige und schmunzelnde Gelassenheit, daß zum Irdischen nun mal die Schuld gehöre, sich friedlich ducken konnte!

Aber jetzt mischt diese gräßlichste aller Einrichtungen der Welt sich gar in ihre Ehe ein. Und möchte ihr Verhältnis zu Bernd trüben, das keine Trübung verträgt. 331

Sie hat, trotz ihres Schreibkrampfes, mehrfach an Bernd Nachrichten gegeben, wie gut es ihr gehe, daß sie sich hier ganz wiederfinde und daß er beim Wiedersehen seine Freude an ihr haben werde.

»Ich bin hier nützlich,« heißt es in einem Brief, »ich leiste hier etwas, wenn es auch wenig ist und sich fast auf Küche und Hühnerstall beschränkt. Ich fange ab ovo an – macht es Dich nicht stolz, daß ich dabei auch noch so gelehrt bin? – aber aus dem Anfang wird mehr. Das war ja mein kindlicher Fehler, daß ich damals hier zu viel wollte. Nun bin ich auf besserem Wege.«

So sprießt es in ihren Worten von Selbstgefühl und Selbständigkeit. Bernd kann die Sorge nicht abtun, mit der dieses Wachstum ihn erfüllt. In seinen Briefen sind wehe Klänge.

Die rühren nicht immer an Ursulas Sehnsucht, oft erregen sie gar ihren Zorn. Er soll nicht jammern und klagen, auch nicht im leisesten. Ich will keinen jammernden Mann. Daran muß er sich nun schon gewöhnen, daß ich nicht immer bei ihm bin. Und noch etwas anderes bin als bloß seine Frau.

Immer das Alte! Sie will dem nicht weiter nachhängen. Alles wird sich klären, Auge in Auge, wenn Bernd in den Ferien herüberkommt. Und dann wird er sich ausweisen, wird eingreifen mit 332 seiner reinen, ruhigen Hand, und Unwürdiges wird er niemals hinnehmen.

Wie kann ich gering von Dir denken, wie kann ich mir selbst Dich so verunglimpfen, Bernd, Du Lieber, Guter! Und jetzt wollte ich, Du wärest bei mir und nähmst mich in Deine Arme.

Aber all diese Gedanken blieben nicht vor der Arbeit und vor der großen Sorge, die endlose Regengüsse über die Landschaft brachten. Das Heu lag auf den Wiesen, sie konnten es nicht bergen. Die Nächte waren trocken, wie zum Hohn schien der Mond am sternklaren Himmel. Der Morgen brachte immer wieder Wolken, die Sonne zeigte sich nicht.

Die Heuernte war verloren. Einen Tag hatte es sich aufgeklärt. Da mußte alles, was Beine hatte, auf die Wiesen. Und Ursula war selbst wie eine Hofgängerin mit der Harke dabei gewesen, die Haufen zum Trocknen auszubreiten. Umsonst war die Arbeit. Der Regen kam wieder. Nun lag das Futter verfault.

Ursula hatte bitterlich mit sich zu kämpfen. Ihr Vater behielt seinen Gleichmut. »Dickes Fell, mein Kleiner. Nicht bei einem sich aufhalten. Der Roggen steht gut, und es wird ja nicht immer regnen.« 333

Doria aber redete nur von Rübenabwässern und zersetzenden Mikroorganismen. Da bekam Ursula eine Wut auf sie. Und mit grimmiger Freude nickte sie, als Vater Kasboom, der Doria nicht leiden konnte, einmal im Zorn über sie mit Bedeutung die Worte sprach:

»Die – die hat ja 'n Bazillus!«

An den Alten hielt sie sich immer mehr. Von ihm lernte sie. Und stolz war sie auf sein Wort, daß sie nun doch anfange, für Eichhof eine Hilfe zu werden. Das stärkte so ihren Mut, daß sie sich nun auch von den großen Rechnungsbüchern keinen Schrecken mehr einjagen ließ. Und der blasse, rotbärtige, lautlose Rechnungsführer, der keine Haare, dafür aber ein Tigerfell von Sommersprossen auf dem Schädel hatte, blieb für sie kein Gespenst mehr.

Die Nachbarschaft hatte nicht weniger unter der Nässe gelitten. Auch in Rotenmoor war das Heu verfault. Ein schlechter Trost.

Rotenmoor. Dort sah es viel schlimmer aus als in Eichhof. Schon weil die Leutenot da viel größer war. Hier in Eichhof hatten sie neuen Zuzug bekommen. In Rotenmoor war die richtige Landflucht ausgebrochen.

Von Jochem selbst wußte Ursula nicht viel. Zweimal hatte sie ihn flüchtig aus der Ferne gesehen. 334 Einmal vom Buchenberge aus, da fuhr er auf der Chaussee in die Stadt, faul lag er in seiner Halbchaise und sah nur seine Zigarette. Das andere Mal, an einem Abend, jagte er auf einem jungen, ungeberdigen Schwarzbraunen, den sie nicht kannte, durch all den Regen wie ein Wahnsinniger über die verlassenen Felder, über Gräben und Hecken.

Sie hatte keine Zeit, neugierig zu sein. Sonst hätte sie ihn wohl gerne wieder einmal gesprochen. Er war doch jedenfalls einer von denen, die zu denken geben. Und dann, gehörte ihm nicht Rotenmoor? Und gab dessen Schicksal ihr nicht zu denken? Schon wegen ihres Anselm!

Von dem hatte sie öfters kurze Nachricht. Mit Freude und mit Sorge hörte sie von ihm. Aber die große Zärtlichkeit war über allem und machte auch die Sorge ihr lieb. In seinem letzten Schreiben stand, daß er mit der Führung einer Proviantkolonne beauftragt sei. Inzwischen brachten die Zeitungen die Meldung, daß nach dem letzten großen Erfolg der Feldzug für beendet zu gelten habe.

Immer hatte er den natürlichen Wunsch gefühlt: wenn er doch an den Feind käme! Die ganze Zeit hatte er im Hauptquartier argentinische Pferde zureiten müssen. Keiner machte das besser als er, und darum mußte er dabei bleiben. Jetzt war er 335 endlich zu einem Zuge kommandiert, der ihn an die Front bringen sollte. Und jetzt war offenbar nichts mehr zu tun.

Das bedauerte sie um Anselms willen, obschon die große Freude, daß der Krieg zu Ende war, ganz selbstverständlich die Herrschaft behielt. Er gehörte nun einmal zu denen, die kein volles Glück haben. Stand das nicht von je in seinen großen schmerzlichen Augen? Wie oft sehnte sie sich nach diesen Augen.

Auch war die Angst um ihn hiermit gewiß nicht von ihr genommen. Als er den Zug antrat, hatten die Gefahren gewiß nicht aufgehört. Versprengte Horden durchstreiften noch immer das Land. Und gab es dort nicht Typhus und ein Heer anderer Krankheiten? Der Entbehrungen, der Qualen durch Hunger, Durst, durch Hitze und Frost ganz zu geschweigen? Und gerade weil ihr Anselm kein Glück hatte, konnte ihn nicht eine Krankheit treffen, die übler ist als eine Kugel, für einen Soldaten ganz gewiß!

Ihr Anselm, ihr Sorgenkind!

Es gibt immer mehr auf Eichhof zu tun, immer mehr Mühen, die von weiten Gedanken nichts wissen wollen. Ursula nimmt jetzt der Molkerei sich an. Der Milchertrag ist erheblich zurückgegangen. Auch 336 das Schlachtvieh steht nicht mehr auf der alten Höhe. Blutauffrischung tut not. Neue Kreuzungen werden erwogen. Bis in die Nacht studiert Ursula die einschlägige Literatur.

Dann kommt die Ernte. Der Roggen hat seit Jahren nicht so gut gestanden. Die Sonne gibt ihren Segen zu der Mahd, Freude und Glück ist in dem Sensenklang. Und die ersten Schläge werden abgeerntet, es ist eine Lust. Ursula glaubt wieder an ihr Dasein.

Aber jetzt ziehen Gewitter auf. Und wieder gibt es Regen, tagelang, wochenlang, es ist zum Verzweifeln. Warm und schwül ist die Luft dabei. Und diese dumpfe Feuchtigkeit brütet Unheil. Das Korn wächst aus, was noch auf den Feldern steht, ist verloren.

Ursula grämt sich schwer. »Es ist, als sei ich zu Eurem Unheil wiedergekommen,« sagt sie.

Und das Wetter, wenn es auch besser wird, nachdem es den Roggen glücklich zugrunde gerichtet hat, gut wird es nicht. Was soll aus unserm Hafer werden und aus dem Weizen? fragt Ursula in großer Not.

Wie im Feldzuge ist es hier! Und sie läßt die stillen Berliner Tage heraufziehen. Sie denkt an Bernds gleichmäßige Güte, an seine ruhige 337 Innigkeit, die so schützend sie an sich nahm, sie sieht ihn am Schreibtisch, wie das grüne Lampenlicht über sein reines Gesicht hinstreicht. Und jetzt hebt er den Kopf und legt die Feder hin und blickt ins Weite und sehnt sich nach ihr.

Wie gut hatte ich es da! Aber sind die Schmerzen hier nicht mehr und ist das Kämpfen nicht besser?

Bernd – Du hast mir lange nicht geschrieben. Bist Du so traurig über mich oder mir so böse? Glaub nicht, daß ich Dir nicht mehr gut bin, oft denk' ich an Dich in Zärtlichkeit. Aber ich kann nicht fort von hier – so nicht und jetzt nicht, und ob ich es jemals kann?

In vierzehn Tagen spätestens bist Du ja bei mir. Ich kann nicht schreiben, das weißt Du. Aber sagen – zu sagen hab ich Dir viel. Und wir beide werden die Wege finden, die gut für uns sind. 338

 

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