Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Max Dreyer >

Auf eigener Erde

Max Dreyer: Auf eigener Erde - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
booktitleAuf eigener Erde
authorMax Dreyer
year1911
firstpub1911
publisherUllstein & Co.
addressBerlin-Wien
titleAuf eigener Erde
pages460
created20170406
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

33.

Ursulas Gedanken sind bei dem Kinde, das sie erwartet. Aber gerade sie sind es, die mit Eichhof eine neue Verbindung schaffen.

Das Kind ist ihres Landes Erbe! Und mit ihm wächst ihr Verlangen nach ihrer Erde.

Nach Eichhof möchte ich! so denkt sie Tag und Nacht. Und meinen Waldsee will ich sehen. Was sagt er dazu, daß ich Mutter bin?

Bernd offenbart sie nichts von diesem Trieb, sie kann nicht anders, sie entfernt sich von ihm in Heimlichkeit.

Zuweilen hat sie sogar ein stilles Lachen und Hohn für seine Würde. Denn er ist sehr mit sich und seiner Vaterschaft zufrieden.

Wie glatt ist er und rund, so wohlgepflegt und gutgenährt! So ruhevoll und ganz ohne Qualen.

Und dann gerät sie wieder in den alten Zorn. Und an Anselm muß sie denken, der nun bald im Felde liegt, der hungern und frieren muß und auf den der Tod lauert. 318

An ihn denkt sie in zärtlicher Not. Ich glaube, ich kann nur eine Soldatenfrau sein. Und nur in Not kann ich wahrhaft lieben.

Du aber, Bernd – Du lieber, satter, glatter Bernd – was weißt Du von Not?

Was umgeben Dich für Gefahren? Ein Rüffel Deines Direktors kann im Hinterhalte liegen, oder aber eine Kritik fällt über Deine letzte Veröffentlichung her!

So nährt sie wieder einen Groll gegen ihn. Und als er sie einmal streichelt mit seiner weichen Hand, da sagt sie jäh und schroff: »Ich will nicht, daß das Kind hier geboren wird.«

»Aber Liebchen« – er schüttelt den Kopf.

»Es soll kein Berliner sein. Ich fahr' nach Eichhof.«

Er redet ihr zu mit sehr klaren und vernünftigen Worten. Gerade hier hätten sie doch die beste Hilfe bei der Hand – auf dem Lande aber – ja, wenn sie durchaus wolle, würde er einen eigenen Arzt mitgehen lassen –

Nun besinnt sie sich doch, vor seiner Ruhe, vor seiner Güte. An seiner sanften Hand findet sie den Weg zu immer größerer Beständigkeit und Hingabe. Und zu immer mehr stiller und stetiger Kraft. die dann geradezu etwas Robustes annimmt. 319

Mit gesundem Lebensmut ging sie ihrer Stunde entgegen.

Bernd hatte sich darauf gefreut, daß sie nun von Rechts wegen immer mehr Bedürftiges bekommen müßte. Statt dessen wuchs sie von Tag zu Tag freier empor, in eine bewußte Selbständigkeit hinein und zu höchst wehrhaftem Stolz. Und das alles trug noch lebendigere Farben, je zaghafter seine Frauenkunde sich darob verwunderte.

Der Abend eines Tages, an dem er wie gewöhnlich in den Dienst gegangen und ungewöhnlich lange festgehalten war, begrüßte ihn als Vater. Ein Junge sei es, und Mutter und Kind seien wohl. Da schlug die Freude über all seine Ratlosigkeiten zusammen.

Frisch und rosig fand er Ursula. »Und Du hast mich nicht holen lassen!« Er streichelte ihre Hände.

»Es war gar nicht schlimm. Und ist so schnell gegangen. Jetzt sieh ihn Dir einmal an. Ist er nicht schön?«

Voll Aengstlichkeit besah er sich das verrunzelte, braune, lebensüberdrüssige kleine Wesen.

»Schön?« fragte er zweifelnd.

Da gab sie ihrem Gatten einen Blick unsäglicher Geringschätzung und barg seinen Sohn vor seinen kümmerlichen Begriffen. 320

Gleich dieses erste Mal schien er es mit seinem Sprößling verdorben zu haben. Für seine Mutter hatte das Kind bald ein Lächeln, den Erzeuger betrachtete es mit ernstem Mißtrauen, und kam der ihm zu nahe, wand es den Leib wie eine gequälte Raupe und zerriß die Herzen mit seinem Gebrüll.

»Du hast zu viel Museumsluft an Dir,« sagte Ursula. »Die kann er nicht vertragen, er ist ein Eichhofsohn.«

Und war sie allein mit dem Kind, sang sie ihm vom Eichhof, daß er einmal Herr des Hofes sein würde – von seinen Quellen sang sie ihm, von seinem Korn, seinem Wald und dem See mit den wilden Schwänen.

Bernd durfte dem Glück aus gemessener Ferne zusehn. Er tat es oft genug in versunkenem Entzücken vor Ursulas Mütterlichkeit, oft mit stillem Lachen ob der erträumten Bundesgenossenschaft, dann aber auch in ehrlichem Unmut darüber, daß er ganz einfach vor die Tür gesetzt war. Ich hab' als Junge – so sprach er in seinem Gemüt – einmal meinen Kaninchenvater grimmig verprügelt, daß er die Jungen totgebissen hatte. Einen Teil der Prügel muß ich jedenfalls zurücknehmen.

Plötzlich aber führte sie beide jenseits von all diesem Lachen und Grollen die Sorge um die 321 Gesundheit des Kleinen zusammen. Ursula hatte das Kind selbst genährt. Aber sie war nach der Entbindung doch zarter geworden, als sie selbst zugeben wollte. Und bald hatte sie nicht genug Nahrung mehr. Das Kind aber mochte sich an keinen Ersatz gewöhnen. Es kümmerte hin, und eines Abends wollte es nicht mehr weiter leben.

Bernd wurde von dem Schreck eines harten Schmerzes gepackt, als das Licht erlosch. Ursula war in starrer Ruhe. Und sie blieb ohne Klagen.

Nach ein paar Tagen aber quoll es in ihr auf, dunkel und tief. »Ich glaube, der Waldsee ist versiegt.« Und jetzt ergriff sie ein Unwiderstehliches. »Ich hab' solche Sehnsucht. Ich möcht' nach Hause.«

»Nach Hause?«

»Nach Eichhof! Laß mich reisen.«

»Wenn Du willst. Dann sollst Du natürlich fahren.« 322

 

 << Kapitel 33  Kapitel 35 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.