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Auf eigener Erde

Max Dreyer: Auf eigener Erde - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
booktitleAuf eigener Erde
authorMax Dreyer
year1911
firstpub1911
publisherUllstein & Co.
addressBerlin-Wien
titleAuf eigener Erde
pages460
created20170406
sendergerd.bouillon@t-online.de
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32.

Anselm, mit verbundenem Kopf, den Arm in Gips und eingeschient, war auf der Fahrt nach Rotenmoor. Er wollte sehen, was mit dem Lande der Morveldts geschah.

Onkel Bolko war auf ein paar flüchtige Stunden in Berlin gewesen. Er hatte Anselm bestätigt, daß es mit Rotenmoor und Jochem bösartig abwärts gehe. Ein trüber Herbstmorgen geleitete Anselm auf seiner Reise. Er war der einzige in seinem Abteil, und war auch der einzige, der auf der kleinen Station den Zug verließ.

Langsam machte er sich zu Fuß auf den Weg. So hatte er gute zwei Stunden zu wandern, und die brauchte er, um alles noch einmal zu überdenken, alle Möglichkeiten zu erwägen und alle Empfindungen zusammenzuzwingen zu der einen großen Ruhe, die ihm nötig war.

So angefüllt war er mit einem zornigen Schmerz, der gewalttätig sich reckte, daß er sich 296 sagen mußte: es ist gut, daß ich jetzt ein Krüppel bin. Immer mußte er an seinen Eichenwald denken, der zu einem Drittel – Onkel Bolko hatte es erzählt – verwüstet lag. Der nicht nur seit Jahrhunderten der Stolz des ganzen Geschlechtes gewesen war, der ihm, ihm besonders und allein zu eigen gehörte, die heilige Habe all seiner kühnen, herrlichen Knabengedanken.

Und Jochem durfte ihn zerstören!

Anselm kam ins Laufen, als ob es noch etwas zu retten gäbe. Und dann nahm er sich zurück und blieb stehen und blickte wie verloren über die grade Ebene und sah verlassen zu dem Kranichzuge auf, der die Richtung einschlug, aus der er gekommen war.

Was willst Du hier? Dir die Trümmer Deiner Welt betrachten? Was gewinnst Du damit? Oder willst Du Rache nehmen an dem Zerstörer?

Gab es noch etwas zu retten? War es möglich, Jochem in den unseligen Arm zu fallen?

Ihn zur Vernunft bringen? War es für ihn nicht das Vernünftige, daß er sein Leben ausschlürfte wie einen berauschenden Trank? Was kümmerte ihn Rotenmoor? Land war ihm Staub und Wald war ihm Holz und Asche! Für ihn gab es nur die weiche Musik seiner schwingenden Sinne. 297

Anselm suchte ihm gerecht zu werden, wie sehr er ihn mißachtete. Ja, wie verhaßt war ihm des Bruders Dasein, verhaßt in tiefster Seele! Und wäre es auch gewesen, wenn es ihm das nicht zerstörte, woran seine Seele hing.

Herrgott, und so ganz hilflos sein gegen dieses ruchlose Treiben!

Jochem unter Kuratel stellen lassen, Ursula hatte davon gesprochen. Aber wie hatte Onkel Bolko gesagt? Er ist nicht verrückter als alle Morveldts und weniger verrückt als die meisten Sparkassengeister. Kann man einem das Recht nehmen, seinen Besitz zu versilbern und das Geld in Genüsse aufzulösen? Einem, der nicht Weib, nicht Kind hat und nur Pflichten gegen sich selber auf sich nimmt?

Und er, Anselm, was kann er ausrichten gegen den älteren Bruder, der ihm von Kindheit an so fremd gewesen ist, daß es kaum Worte zwischen ihnen gegeben hat. Was soll er ihm heute sagen? Wie soll jetzt etwas anderes zwischen ihnen wirken als Hohn, Bitterkeit und neue Feindschaft?

Und doch setzt Anselm seinen Weg fort. Kann er nichts ändern und nichts retten, er will sehen! Er will die Dinge vor sich haben. Nur nicht abseits stehen. Das ist das Schlimmste. Sobald man auf ein Ziel losmarschiert, sobald man einer Sache auf 298 den Grund geht, so gibt es eine Tat, und mit der Tat gibt es Hoffnungen, mit der Tat kann man Wunder glauben.

Bei aller grimmen Not, es ist Anselm, als ob von der nahen heimatlichen Scholle eine Stärke und Zuversicht auf ihn herüberströme.

Er weiß, sobald dieser Landweg die Anhöhe mit dem Birkengehölz erreicht hat, fällt der freie Blick auf die Gemarkung von Rotenmoor.

Den Eichenwald gewahrt man nicht von dieser Seite. Ihn verdecken die Ausläufer des königlichen Forstes. Das ist nicht gut, er möchte gleich dem vollen Schmerz ins Auge sehen. Aber als er das Land von Rotenmoor vor sich hat, da ist ihm gehoben zu Sinn, hinaus über Gram und Freude. Und er steht eine Weile in Andacht. Dann geht er fest und hart hinunter. Und trotzig setzt er den Fuß auf das Land seiner Väter.

Auf den Feldern wird gearbeitet. Es wird gepflügt und Kartoffeln werden geerntet.

Natürlich hat Anselm nicht daran gedacht, eine Wildnis vorzufinden. Und doch berührt dieses Bild der Arbeit ihn fast wie eine Ueberraschung.

Er mustert die Rübenfelder, an denen er vorüberkommt. Sie sind nicht schlecht gehalten – nicht 299 so gut wie unter Mutters Herrschaft. Aber verwahrlost sind sie nicht.

Doch als er weitergeht, wird er stutzig. Brache – hier Brache! Und welch eine mächtige Fläche. Und da hinten auch! Was hat all dieses Brachland zu bedeuten! Ja, das ist der Verfall. Nun werden sie wohl nächstens bei der Feldgraswirtschaft anlangen.

Er beobachtet die Feldarbeit. Es scheinen ihm viel weniger Menschen zu sein als früher. Natürlich haben sie auch Leutenot. Und es ist nicht Lust und Liebe am Werk.

Vergebens sieht er sich nach einer Aufsicht um. Jetzt – da hinten taucht ein Inspektor oder so etwas auf. Der Mann ist ihm unbekannt nach Gang und Haltung.

Ob der alte Diekhoff hier noch waltet? Eine gute Haut, aber eine träge Masse. Solange Mutters Fuchtel ihn im Gange hielt, war er sehr nützlich. Denn er verstand seinen Kram, und auf seine Ehrlichkeit konnte man bauen. Wenn er aber jetzt die Zügel der Wirtschaft führt, da Jochem doch nur Schloßherr ist – dann, ja dann –

Da – ist er das nicht auf seinem alten Rotschimmel? Der, wenn er laufen soll, drei Galoppsprünge macht, nicht mehr, nicht weniger, und darauf 300 in Schritt fällt – seine einzige Art, sich eilig fortzubewegen. Natürlich ist er das. Nun, der soll mir erklären.

Anselm winkt ihm von weitem seinen Gruß. Da kommt er näher gejuckelt. Erst ist er noch unsicher, dann erkennt er den jungen Herrn.

»Herr Leutnant!« In dem Gruß ist freudige Verwunderung. Gleich will er vom Pferde herunter, Anselm möchte es nicht erlauben, er weiß, wie schwer es dem Alten fällt. Aber der läßt es sich nicht nehmen, und so ist Anselm ihm behilflich.

Ein Hofjunge wird von den Kartoffeln herbeigepfiffen, dem übergibt der Oberinspektor seinen Gaul. Dann begleitet er Anselm ein Stück auf dem Wege zum Schloß.

Diekhoff sieht verfallen aus, nicht von Liederlichkeit, von Sorgen und Trauer.

Er und Anselm sind immer gut Freund miteinander gewesen. Jetzt spricht er frei von der Leber. »Ja – so sieht es nun bei uns aus. Ich weiß wohl, daß ich der Sache nicht mehr gewachsen bin. Ich bin sehr alt geworden. Oft genug hab' ich den gnädigen Herrn gebeten, sich eine jüngere Kraft zu nehmen. Er will nicht, er sagt, er ist selbst die jüngere Kraft. Na ja – und ich – gut mein' ich es wenigstens, das kann ich wohl von mir sagen.« 301

Und nun redet er mit Anselm wie mit einem, der Hilfe bringen kann. Neue Hypotheken seien aufgenommen, der Eichenwald wäre verkauft, allerdings zu einem glänzenden Preise, jetzt stehe der Herr mit dem Sellentiner in Unterhandlung, der das ganze waldumhegte Gebiet an seiner Grenze erwerben möchte.

Anselm hört zu, ohne mit der Wimper zu zucken. Und ungefragt berichtet Diekhoff weiter von Jochems ganzer Lebensführung.

Tagelang komme er überhaupt nicht zum Vorschein. Dann stürze er sich mit einem Male geradezu wütend auf die Arbeit, stoße alles um und verwirre den Betrieb. Ein anderer Inspektor würde schwerlich bei ihm aushalten. Und schon darum dürfe er, Diekhoff, der ja doch auch ein gut Teil mit Rotenmoor verwachsen sei, seinen Posten nicht so schnell verlassen.

»Das dank' ich Ihnen, Herr Diekhoff. Und nun sagen Sie, bitte, ist mein Bruder im Schloß?«

»Ja, Herr Leutnant.«

»Dann will ich gleich zu ihm gehen.«

Sie verabschiedeten sich. Anselm setzte allein seinen Weg fort. Unbewegt, mit harten Augen blickte er auf das, was zerstört war und verfiel. Es war wie im Kriege, es ging in einen Kampf, das hob ihn 302 und stählte seinen Willen, das machte ihn schnell, grausam und bewußt.

Er ging die Freitreppe hinauf und trat ins Vestibül. Die neue Pracht gab ihm neuen Grimm. Niemand kam. Er setzte eine Klingel in Tätigkeit, die tönte gedämpft, wie vornehme, müde Nerven es verlangen. Und als noch immer keiner erschien, klingelte er noch einmal.

Da schlürfte ein entsetzter Diener ins Treppenhaus, aus seiner Verschlafenheit brach ein ratloser Unmut.

»Melden Sie mich beim Herrn.«

»Bedaure, der gnädige Herr empfangen jetzt nicht.«

»Mich empfängt er, ich bin sein Bruder.«

Anselm öffnete sich das erste Zimmer und wartete hier. Schillernde Vorhänge und tändelnde Amoretten, an den Wänden Schäferspiele und galante Feste Watteauschen Geistes – wie gut paßte sein Gemüt in diese Welt!

Er saß nicht lange. Der Diener kam zurück: »Der gnädige Herr lassen bitten.« Anselm wurde durch den östlichen Flügel geführt, den ältesten des Schlosses, zu einem Raum, der unter dem Turme lag – unter seinem Turme. 303

Als er eintrat, sah er Wachskerzen brennen auf tiefhängender eiserner Krone, das Tageslicht war abgeschlossen. Das Zimmer, ein mittelalterliches Klostergemach, prunkend, zum mindesten eines gefürsteten Abtes Hausung.

Jochem war nicht gleich sichtbar, er stand in einer Nische, die von einer Ampel bestrahlt war. Für sie gab es alle möglichen farbigen Gläser, er war gerade dabei, ein paar byzantinische Meßgewänder unter mattviolettes Licht zu bringen.

Jetzt trat er hervor, er trug eine Mönchskutte, ganz im Sinne der Umgebung, und war von dem Besuch kaum mehr als ästhetisch befremdet, weil dessen Erscheinung nicht in diesen Raum gehörte. Er fand sich schnell zurecht, ließ sich von dem Unwillkommenen nicht verstören, gewann eine müde Gleichgültigkeit und gab in gänzlich unbefangener Ruhe dem Besucher die Hand.

Anselm empfand gleich, daß er einem schwer Anfechtbaren gegenüberstand.

»Bist Du gefallen?« fragte Jochem.

»Ja, in Karlshorst.«

»Gebrochen?«

»Ja.«

Jochem forschte nicht danach, was den Bruder trotz dieses Zustandes zu ihm geführt hatte. Er 304 klingelte dem Diener und befahl, daß im Zimmer nebenan für sie beide ein Frühstück aufgetragen werde.

So lange bat er den Bruder, hier in einem der geschnitzten Chorstühle Platz zu nehmen. Zu irgendeiner Erklärung seines Gewandes und Gehabes ließ er sich nicht herbei.

Anselm sprach jetzt selbst von dem, was ihn hergetrieben habe. »Ich hatte ein Verlangen nach Rotenmoor. Ich wollte mich mal nach ihm umsehen.«

Jochems Augen blieben gleichgültig. »Das ist ganz natürlich. Da Du sehr an ihm hängst.«

»Ja. Und weil ich so an ihm hänge, ist das, was ich hier finde, sehr bitter für mich.«

Bei diesem entschiedenen Angriff flog ein leiser Schatten über Jochems Gesicht – und verflog. Seine Worte waren kühl, aber nicht eisig und nicht spitz. Auch nicht hochmütig und geringschätzend, und gerade darum vornehm. »Wir haben uns ja bisher nicht recht umeinander gekümmert. Wenn Du jetzt einen Grund hast, Dich mit mir auszusprechen – meinetwegen.«

Anselm hatte auf einen Gegenhieb gerechnet. Diese Art der Abwehr verwunderte ihn. Doch gab er die Waffe nicht aus der Hand. »Ich weiß wohl, 305 daß ich kein Recht habe, Dir in Deine Wirtschaft hineinzureden. Aber ich bin an dem Schicksal von Rotenmoor innerlich beteiligt. Und sein Verfall trifft auch mich.«

Jochem verschmähte nach wie vor den Kampf. Er blieb in der müden Ueberlegenheit, aus der er die schweren Worte sprach: »Ja, Rotenmoor verfällt. Ich werde wohl sein letzter Herr aus unserem Hause sein.«

Anselms Augen wurden weit von zornigem Schreck. Er musterte Jochem lange und tief.

Weich, müde und gedunsen sah er aus, ganz so wie der letzte eines Geschlechtes. Doch seine Blicke verloren nichts von ihrem Gleichmut. »Du bist entsetzt, aber sieh mal – ehrlich reden wir nun schon miteinander – das macht auf mich weiter keinen Eindruck. Du so – ich so. Und für mich hab' ich recht. Jedenfalls lebe ich mein Leben zu Ende.«

»Und weitere Empfindungen gibt es nicht für Dich?«

»Kaum. Zuweilen regt sich etwas von Ehrgeiz. Von Arbeitslust. Von Freude am Besitz, von der Freude um ihn zu kämpfen. Auch wohl Familiensinn. Aber das sind Störungen.«

»Das ist nicht wahr! So ist kein Mensch!« 306

»Ich bin so. Und ich nenn' mich, wie ich bin. Spiegelfechtereien hab' ich genug in meinem Leben getrieben. Und wenn ich, wie Du meinst, kein Mensch bin, bin ich es deshalb, weil ich mich nicht mehr belüge.«

Anselm war wie betäubt und schwieg.

»Schließlich« – Jochem sprach immer in demselben gleichgültigen unanfechtbaren Ton – »die Weltgeschichte ist nun einmal so. Mit den Geschlechtern ist es nicht anders. Der erste ist selbstherrlich und denkt nur an sich. Dann kommt der Familiensinn und erhält den Stamm. Und der letzte denkt auch wieder nur an sich. So ist der Kreislauf der Dinge. Und so reiche ich unserem alten Ortwin die Hand.«

»In Selbstherrlichkeit!«

»Sehr wohl. Und wie Du über meine Selbstherrlichkeit denken magst – Selbstherrlichkeiten werden von fremdem Urteil nicht berührt.«

Nun war doch etwas wie Kampf und Wehr in Jochems Worte gekommen. Aber dieser Klang konnte nicht nachwirken.

Es klopfte. »Herein!« Kreimann kam, auch er war als Mönch gekleidet. Und Anselm fand Hilfe an einem, was ihm lächerlich erschien. 307

»Die Kiste aus Mailand ist gekommen,« meldete der Kammerdiener.

»Oh – die will ich aber selber öffnen.«

Kreimann ging, sie hereinzuholen.

»Es ist eine alte Laute,« erklärte Jochem. »Aus einem lombardischen Kloster. Eins der ältesten Instrumente mit der Baßchorde, dem Archiliuto.«

Die Kiste wurde gebracht. Sorgfältig öffnete Jochem sie, zärtlich nahm er das Instrument heraus, hielt es vor sich, betrachtete es genau von allen Enden und säuberte es mit einem Tuch. Dann stimmte er die Saiten und prüfte den Ton.

Lange prüfte er, und war nicht ganz befriedigt. »Ich komme noch nicht an die Seele,« meinte er. »Aber das gelingt nicht immer gleich.«

Er hängte die Laute an die Wand neben der Orgel, wo schon eine ganze Reihe alter Saiteninstrumente ihren Platz hatten. »Im übrigen bitte ich um Entschuldigung.«

Anselm war um ein Teil seiner Sicherheit gekommen. Hier hatte er etwas von einem lebendigen Gefühl bei Jochem entdeckt, etwas von Wärme und Innigkeit. Steht er nicht an einem falschen Platz? so fragte sich Anselm. Sollte er dem Bruder nicht lieber zu helfen suchen, statt sich in harter Feindschaft gegen ihn zu kehren? 308

Anselm hatte schon daran gedacht, die Einladung zum Frühstück abzulehnen, seines Weges zu gehen und Jochem und Rotenmoor dem Schicksal zu überlassen, das unabwendbar schien. Jetzt dünkte es ihm gut, doch nicht alle Brücken abzubrechen. Und er nahm mit Jochem an der Tafel Platz.

Sie trug die erlesensten Genüsse, und Jochem kitzelte lustvoll seinen Gaumen. Das stimmte Anselm wieder sehr herab. War hier nicht doch alles in »Selbstherrlichkeit« verschanzt, so sehr, daß nicht die stärkste, nicht die liebevollste Kraft Einlaß finden konnte?

Jochem war ein aufmerksamer Wirt. Er selbst zerlegte dem hilfsbedürftigen Anselm die Speisen. Das Gespräch hielt sich erst ganz in neutraler Zone.

Von der Nachbarschaft sprachen sie. Auf Eichhof kam die Rede. Dann redeten sie von Ursula. Und mit Ursula waren sie wieder bei der Lebensfrage angelangt.

Jochem bekannte es offen: »Ursula hat einst so viel für mich bedeutet, ich dachte, ich könnte sie nicht entbehren. Und nun kann ich es doch. Und es ist gut so, wie es ist.«

Anselm bebte vor Qual. Er wollte nicht, daß Jochem mit solchen Gedanken Ursula herbeizöge. Als Herrin von Eichhof durfte sie kommen, nicht als Frau. 309

Und da hinein zuckte die Frage: was wäre geworden, wenn sie hier als Herrin waltete – was aus Jochem, was aus ihr, was aus ihm?

Dies alles riß ihn so umher, daß er sich wieder dem einen großen Schmerz in die Arme warf: Was wird aus Rotenmoor? Und er war am Rande seiner Fassung und stieß hart und heiser heraus: »Ich denk' nur das eine und kann es nicht dulden, daß Rotenmoor so zugrunde geht!«

Jochem schlürfte langsam seinen Sherry. Dann antwortete er langsam, und nun kam doch eine Schärfe hinein: »Ich dachte, dieser Gegenstand wäre erledigt.«

Allerhand Pläne schossen Anselm durch den Kopf, ungeklärte, unbedachte, schmerzgepeitschte. Wenn ich mich an der Wirtschaft beteiligte – mit meinem Geld – es ist ja nicht viel – aber meine Kraft ist desto mehr! Ja, ich kann helfen und ich will helfen.

Helfen – er will sich ja nicht helfen lassen! Dieses Hinsterben, dieses Sichverbluten, er will es ja – will es, wie einen Genuß –

Ihm ist nicht zu helfen. Und Rotenmoor ist so nicht zu helfen. Und wäre es anders – könnte ich sein Knecht sein? Jochems Knecht –? 310

Nein – aber – er will einen Teil des Gutes verkaufen – an den Sellentiner. Wenn ich dieses Land kaufe? Ja, ja – das ist der einzige Weg. Das ist die Erlösung. Bernardine muß sich auch beteiligen. Noch anderes Geld mache ich flüssig. Mit diesem Stück fang' ich an – und von ihm und mit ihm erobere ich mir das Ganze! Mein Rotenmoor!

Das ist der Weg – der einzige. Anselm strahlt von einer Erleuchtung. Kaum, daß er sein Zittern bezwingen kann.

»Du willst was verkaufen –«

»Ja.«

»An den Sellentiner.«

»Ja.«

»Ich möchte das erwerben.

»So.« Jochem wirft einen forschenden Blick auf ihn.

»Dir kann es ja schließlich gleich sein. Wie hoch ist der Preis?«

»An Dich verkaufe ich nicht.« Jochems Stimme hat die alte blasse Gleichgültigkeit wieder, die mehr als alle Schärfe peinigt.

Anselm stockt das Blut. »Und warum nicht?«

»Das ist doch ziemlich einfach. Weil Du mir nicht bequem bist. Es soll mir lieb sein, wenn Du 311 mich dann und wann besuchst. Zum Nachbar kann ich Dich nicht haben.«

Anselm starrt vor sich hin.

»Es hat seine Berechtigung,« fügt Jochem mit ganz sachlicher Trockenheit hinzu, »und ganz besonders aus dem Morveldtschen Charakter heraus, daß die Geschwister an dem Gute nicht beteiligt sind. So ist das immer gewesen. Darum habt auch Ihr Eure Staatspapiere. Und die unerläßlichen Hypotheken sind fremdes Geld. Es wäre schlimm, wenn es anders wär'. Und ebenso schlimm wär' es, wenn Ihr Euch jetzt auf Rotenmoorer Gebiet ansiedeln wolltet.«

»Das heißt also Scheidung.«

»In geschäftlichen Sachen unbedingt.«

»Und Du verkaufst mir nichts?«

»Nichts. Ich sagte es schon.«

Anselm erhebt sich. Er spricht kein Wort mehr. Jochem ist auch aufgestanden. Sie geben sich die Hand. Beide wissen sie, daß es für immer ist.

Anselm verläßt das Zimmer. Jochem geleitet ihn förmlich zur Tür. Dann sind sie geschieden.

Und doch ist etwas Stolzes in ihm, denkt Anselms gerechter Sinn. Und doch ist er ein Morveldt geblieben. 312

Und der Gedanke ist nahe daran, dieser Stunde, die zwischen zwei Brüdern eine Todesfeindschaft besiegelt hat, ein Versöhnendes zu geben. Aber auch solchen Gewinn soll Anselm nicht mit sich forttragen.

Denn ein Anblick ist ihm noch beschieden, der ihn in ein trübes Unbehagen wirft. Und dieses Unbehagen wird zum Ekel. Auf dem Gange begegnet er einem jungen weiblichen Wesen, das als Nonne gekleidet ist. In dem hübschen Gesicht flattern große neugierige Augen.

Anselm hat nur ein unbestimmtes Gefühl für die Lockmittel, die müde Sinne sich ausdenken. Aber er wird gejagt von einem Graus. Und ist bald mitten auf den Feldern.

Er sieht nicht recht, was um ihn her ist. Er will es auch nicht sehen. Tot, tot ist ja dies alles für ihn. Und wie auf dunklen Fittichen trägt es ihn selbst über die Dinge hin.

So hat er sich halb unbewußt nach Eichhof gewandt. Und erst als die hohen Pappeln ihn grüßen, weiß er wieder von seinem Weg.

Eichhof blickt aus anderen Augen als Rotenmoor. Und doch scheint es Anselm, als ob auch hier nicht alles in Ordnung sei. Freilich, an den Feldern ist nichts auszusetzen, sie haben ihre Pflege. Aber hier im Graben liegt eine alte, unbrauchbar 313 gewordene Egge – so etwas hätte früher das Auge des Herrn nicht geduldet. Und dann, das Gespann, das ihm entgegenkommt, gefällt Anselm nicht, die Pferde waren hier sonst besser gehalten.

Er findet auch Herrn von Eich nicht auf den Feldern. Im Laboratorium sitzt er bei seinen Retorten.

Und als Ursulas Vater den Gast begrüßt, da zeigt sich, daß er, der immer schon zu einer Versunkenheit neigte, etwas Vergrübeltes bekommen hat, viel mehr als einem Landwirt gut sein kann.

Es ist auch, als ob er sich erst auf seine Herzlichkeit zu Anselm besinnen müsse. Dann freilich quillt sie echt und tief.

Auch Doria kommt zum Vorschein. Auch sie hat etwas Vergrabenes, wie es Gelehrten eigen ist.

Nachdem Anselm ihnen über seinen Sturz und sein Befinden hat berichten müssen, sprechen sie von Ursula, und nun ist nach ihr, die so gar nicht schreibt, des Fragens kein Ende.

»Ich verstehe es gut,« sagt Vater Eich, »daß sie vorläufig vermeidet, herzukommen. Sie will erst ihre Sicherheit haben. Ihre Jugend macht es ihr nicht leicht. Um so erfreulicher ist ihre Klarheit. Und im übrigen – Bernd ist ein vortrefflicher Lebenshelfer.« 314

Dann ist wieder an Anselm die Reihe, und er erzählt, soweit er es vermag, wie er Rotenmoor gefunden hat.

Herr von Eich schüttelt den Kopf. »So, so. Als Mönch hast Du ihn getroffen. Als ich ihn das letzte Mal aufsuchte, war er ein Schäfer Damon, der die Flöte blies. Ja, mein Junge – Du kennst ihn ja auch, kennst seine Art und seinen Kopf. Von wem läßt er sich umbiegen oder sich Vorschriften machen? Er wird weiter leben, wie es ihm und seiner Romantik und seinem Taumel gefällt.«

»Ich weiß, daß es keine Rettung gibt.«

»Gern will ich ein Auge über die Grenze werfen und Dich auf dem laufenden halten. Das heißt, das letztere wird Doria freundlichst besorgen. Denn wie Dir bekannt ist, kann ich nun einmal keine Briefe schreiben.«

»Ich danke Dir vielmals! Wenn Du erlaubst, frage ich einmal bei Dir an. Obwohl – da sich doch kaum etwas ändern läßt – und außerdem – ich weiß ja auch nicht, was aus mir selber wird. Mir ist es, als müßte ich weit fort. Ich brauche auch etwas, wofür ich mich einsetzen kann – darum hab' ich mich für Südwestafrika gemeldet. Käme ich hin, wäre das ja bei meiner Jugend eine Auszeichnung. Aber mein Kommandeur will mir wohl.« 315

»Armer Kerl! Daß es Dich so forttreibt. Aber wer weiß, wozu es gut ist! Und wie Du wiederkommst! Und wie Du dann alles vorfindest.«

Dann erzählt er, gleichsam zum Troste, daß der Reetzower besitzlos geworden sei. Auch der Dammerower könne sich nicht mehr halten. Und er berichtet traurige Dinge vom landwirtschaftlichen Mißstand der letzten Zeit.

Auch er selbst habe bitter schwer zu kämpfen. Leider seien auch seine chemischen Versuche nicht ganz so eingeschlagen, wie er gehofft habe. Wie zu einem Freunde spricht er zu Anselm, ganz offen und mit schwerem Ernst. »Mir wird wohl nichts anderes übrig bleiben, als daß ich nächstens mit meinem Schwiegersohn ein Wort von Geschäften rede. Du kannst Dir denken, was das für mich bedeutet.«

Und dabei sieht er ganz verloren aus, alt und vergrämt.

Anselm will nicht bleiben. Er will nach Berlin zurück. Fort, nur fort. Auch hier ist ein Schmerzliches, und Mitgefühl ist kein Trost. Es häuft sich nur die Pein für beide Teile.

Herr von Eich bietet ihm einen Wagen an. Anselm benutzt ihn dankbar. Die Dämmerung kommt, wie einen Freund begrüßt er den Abend. Er möchte nichts mehr sehen von Rotenmoor. Von hier aus 316 kann man zum Eichenwald hinüberblicken. In seinen Umrissen zeigt er sich noch – soweit er noch lebt. Aber Anselm drängt den Kopf zu dem anderen Fenster. Und in bitterer Dumpfheit fährt er seine Straße.

Am anderen Morgen besucht er Ursula. Nichts von allem, was er in Rotenmoor erlebt hat, verheimlicht er ihr. Seine Worte klingen hell wie Frost.

Sie hat seine Hand gefaßt, in ihr glüht eine leidenschaftliche Hoffnung. »Es wird etwas geschehen. Es muß etwas geschehen. Ein Wunder wird kommen.«

Sie glaubt es, denn sie hat ihn lieb.

Als er nach einem Monat wieder bei ihr ist, da kann er ihr erzählen, daß sein Wunsch sich erfüllt habe, daß er nach Südwestafrika kommandiert sei. Uebermorgen müsse er fahren.

Als sie Abschied nehmen, zieht sie ihn an sich. »Leb' wohl! Leb' wohl! Wenn Du wieder hier bist, kämpfen wir um Rotenmoor!« 317

 

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